Was wusste Goethe schon über die Liebe?

Ach, wie oft mokieren wir uns doch über bildungsresistente Amis? Dass eine Songwriterin als Pseudonym ausgerechnet die Protagonistin eines Goethe-Werks wählt, zeugt von literarischem Horizont und programmatischer Finesse. Lotte Kestner, den Shoegaze-Connaisseuren unter dem echten Namen Anna-Lynne Williams, Frontfrau der fantastischen Band Trespassers William, bekannt, hat 2008 ihr Debüt China Mountain vorgelegt.

Anna-Lynne Williams (mit Kollegen von Trespassers William)

Anna-Lynne Williams (mit Kollegen von Trespassers William)

Auf diesem Blog wurde das Album bereits in der Jahresrückschau erwähnt, doch allmählich ist es hoch an der Zeit eine ausführlichere Würdigung vom Stapel zu lassen. Zumal die Ohren meiner werten Mitbloggerin DifferentStars ein Liedchen von Lotte Kestner unlängst als Untermalung zum Dschungelcamp erlauschten. Warum sich solch eine Perle dorthin verirrte, findet man hier begründet. Womit auch bewiesen wäre, dass nicht alle bei RTL dem Irrsinn Musik = Bohlen anheimfallen.

Genug der Einführung, stürzen wir uns volle Pulle in medias res. Akkustischer Folk, eine becircend ätherische Frauenstimme und sehr viel Traurigkeit – da schlitzen sich beim Zuhören die Pulsadern quasi von selbst auf. Lotte Kestner vermeidet überflüssiges Geklimper, verhätschelt uns mit scheppernd-schleppenden Gitarrenakkorden, die ihrem ausdrucksstarken gesanglichen Vortrag Raum zum Atmen lassen. Die reduzierte Aura des Werks wummert derart authentisch aus den Boxen, so als säße Frau Williams auf dem Sofa gegenüber und sinniere bei Kräutertee und Dinkelplätzchen über das Scheitern von Beziehungen, Bitterkeit und Sehnsucht. Das kann sie gut, ja geradezu mit poetischer Perfektion, welche genug Interpretationsflächen erlaubt. Zeilen wie „if my love was a sailor/ he’d use his boat for ill/ to sail beyond the reach/ of the one who loves him still“ gefallen, Sätze wie „what i want sometimes is a roof somewhere/ the same one each time, like a real woman“ sagen mehr über Wünsche aus, als oftmals in ganzen Romanen zu finden. Frau Williams zeigt dem werten Goethe, wie der Hase läuft. Das Gefühl „love sleeps where it’s not wanted/ in your bed, in your bed“ atmet mehr dramatischen Pathos als jedweder dilettantische Selbstmord.

Die Zeitgenossen, denen selbst Mark Medlock (ha, schön den Faden wieder aufgenommen, nicht wahr?) zu depressive Liedchen anstimmt, diese Leute werden mit Lotte Kestner keine Freude haben. Wer sich jedoch ab und an auch eine Portion Nachdenklichkeit als Sahnehäubchen eines verregneten Wochenendes gönnt, den vermag China Mountain zu betören. Wer sich – so wie ich – in Lotte Kestners Kreation entgültig verliert, dem seien die B-sides von China Mountain mit dem formidablen Falling Out Of Love empfohlen, welche man bei der Künstlerin direkt bestellen kann (siehe dazu ihre MySpace-Seite).

Links:

Interview mit Anna-Lynne Williams

MySpace-Auftritt (inklusive Hörproben) von Anna-Lynne Williams

SomeVapourTrails

Die 10 Lieblingsalben des Jahres 2008 (ausgewählt von SomeVapourTrails)

Das Jahr neigt sich mit Riesenschritten dem Ende zu und wir beginnen nun mit den überfälligen Rückblicken auf schöne und schlimme musikalische Momente des Jahres. 2008 zählt eher zu den Jahren, in welchen sich eben nicht Highlight an Highlight kuschelt. An gruseligen Momenten mangelte es hingegen nicht. Doch werden wir diese in den nächsten Tagen auch noch abhandeln…

1. Silver Mt. Zion – 13 Blues for Thirteen Moons

2. Sun Kil Moon – April

3. Lotte Kestner – China Mountain

4. Portishead – Third

5. Gisbert zu Knyphausen – Gisbert zu Knyphausen

6. Nine Inch Nails – Ghosts I-IV

7. Sigur Rós – Með suð í eyrum við spilum endalaust

8. Travis – Ode To J. Smith

9. xxx

10. Joan As Police Woman – To Survive

Wer sich am Ende des Jahres noch etwas Gutes tun will, soll in die Alben hineinschnuppern. Ich behaupte mal, dass es sicher lohnen wird. Mit Joan As Police Woman ist zum Beispiel mein ganz persönlicher Lieblingstrack des Jahres vertreten: To Be Lonely. Travis wiederum haben ihre Stagnation auf höchstmöglichem Niveau fortgesetzt und mit Before You Were Young ein weiteres Sahnehäubchen draufgesetzt. Gisbert zu Knyphausen hat der maroden deutschen Liedermacherzunft neues Leben eingehaucht und bewiesen, dass Melancholie kitschfrei beschrieben werden kann. Sigur Rós erschufen einen bemerkenswerten leichtfüßigen, sommerlichen Soundtrack, Nine Inch Nails hingegen eine mehr als gespenstische Atmosphäre. Mit einem opulenten Comeback haben Portishead die definitive Wiedergeburt des Trip-Hop eingehämmert und sich selbst übertroffen. Lotte Kestners sperriger, kammermusikalische Abgesang an die Liebe ist der Geheimtipp des Jahres. Sun Kil Moon bedarf keiner weiterer Erklärung, Mastermind Mark Kozelek ist der beste Songwriter der Gegenwart. Bleiben noch Silver Mt. Zion, die mit ihrem bis dato schwächsten Album dennoch ein fulminantes Lebenszeichen von sich gaben und erneut bewiesen, dass sie den Post-Rock letztlich definieren.

SomeVapourTrails