Mad Decent – A Very Decent Christmas 5

Mad Decent, das Label des Produzentenguru Diplo, hat es zur Tradition werden lassen, rund um die Weihnachtszeit mit EDM-Klängen einen ironischen bis vibrierenden Kontrapunkt zur kollektiven Besinnlichkeit zu setzen. Auch in der mittlerweile fünften Auflage wird der Tanzboden ordentlich bearbeitet. A Very Decent Christmas 5 ist für ein Partyvolk gedacht, dem bei White Christmas der Bär viel zu wenig steppt. Diesem Anspruch wird die Compilation zu jeder Zeit gerecht. Gerne auch mit Verballhornungen bekannter Weihnachtslieder, etwa TEKK The Halls Up von SpydaT.E.K oder Smash The Halls von rrotik. Manche der Persiflagen fallen ein wenig überkandidelt aus, doch was zum Beispiel Aquadrop mit dem Track Feliz Nadivad (feat. Francikario) macht, ist Eurodisco voll Charme und ohne Peinlichkeit. Party Favors Track WAWA (Xmas Edition) zerstückelt die Melodie von Jingle Bells dermaßen genüsslich , dass man sich das Grinsen kaum verkneifen kann. Es sind jene launigen Momente, die Mad Decents jährlichem Sampler seine Berechtigung geben. Dann sieht man auch über durchschnittliche Beiträge wie Tropical Holiday von LIZ & Hoodboi hinweg. Ein weiteres Highlight dieser Zusammenstellung ist die Nummer What’s In The Present Box? des japanischen Duos KiWi. Der Track klingt so, als würden Weihnachtskobolde ausbaldowern, was sich in den diversen Schachteln an Geschenken verbirgt. Daumen hoch!  Weiterlesen

SomeVapourTrails und seine 15 Lieblingslieder 2009

Nun da der Dezember sich demnächst den Feiertagen ergibt, die Welt in quietschbunter Seligkeit in ein neues Jahr schunkelt, ist es höchste Eisenbahn, zuvor noch mittels einer Retrospektive das Jahr in die richtige Perspektive zu setzen. Und so komme ich nicht umhin, die meiner Meinung nach besten mir bekannten Lieder der vergangenen 12 Monate zu benennen. Mein Herz schlägt meist für handwerkende Außenseiter, die nicht auf irgendwelchen Wellen künstlerischer Abgehobenheit schwimmen. Und so begründet sich diese Selektion keinesfalls im mantrahaften Wiederholen der Namen aller Kritikerliebkinder. Grizzly Bear, Animal Collective oder Phoenix werden in Bestenlisten gerne genannt – und sind doch in etwa so fesselnd wie ein zerschlissenes Schuhband. 2009 gab es viel zu entdecken.

1. Too Much Time von John Vanderslice

Begründung: Diese schlichte Ballade alles, was ein großer Song benötigt: Einen markanten Refrain und eine eingängige Melodie. Mehr braucht es nicht. Too Much Time ist als kostenloser Download auf der Homepage des Künstlers verfügbar.

2. Darby Crash And Burn Guitars von Eamon McGrath

Begründung: So sieht eine zeitlos-moderne Mischung aus Folk und Rock aus, keine Warmduscherklänge, vielmehr kräftig und deftig.

3. The Longing von Eels

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Begründung: Das Liebeslied des Jahres. Ohne albernes Gesülze oder Verkitschung wird das Wesen von Sehnsucht seziert, in schlichte Worte gepresst und zu einer schmerzhaft-schönen Wahrheit kondensiert.

4. München von The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble

Begründung: Irrlichtern-wabbernde Reise in einen tosend Strom feinster Electronica mit starken akkustischen Elementen.

5. Zumbi von Major Lazer feat. Andy Milonakis

Begründung: So dreckig kann, darf und soll Dancehall gerne öfter klingen. Hier als kostenloser Download erhältlich.

6. Engel von Mariahilff

Begründung: Während sich deutsche Texte meist in permanenter Mittelmäßgkeit wälzen oder gar bemüht intellektuell daherstelzen, haben Mariahilff eine wundersame Poesie erschaffen.

7. Goodbye Rock von Testsieger

Begründung: Wenn es eines Abgesangs auf den Rock bedurfte, der gut 10 Jahre nach Tocotronics Let There Be Rock den Kreis schloss und einer Dekade den Spiegel vorhielt, dann haben ihn Testsieger mit diesem Song ersonnen.

8. You Will Miss Me When I Burn von Soulsavers

Begründung: Natürlich hätte man ebenso den Titel Sunrise in diese Liste aufnehmen können. Doch während Sunrise durch Erhabenheit besticht, ragt bei You Will Miss Me When I Burn schiere Traurigkeit in ewiger Eleganz hervor.

9. Velvet von The Big Pink

Begründung: Die Briten haben nicht nur Flausen im Hirn, neben Unbands wie Franz Ferdinand tummelt sich mit The Big Pink auch eine Band, die es locker mit den legendären Hymnen von Oasis aufnehmen kann.

10. Tricks Of The Trade von Paolo Nutini

Begründung: Mir ist es schleierhaft, warum Nutini mit Quacksalbern wie James Morrison in einem Atemzug genannt wird. Dies folkige Lied ist ein Glanzstück feinsten Songwritings.

11. Change of Heart von El Perro Del Mar

El Perro Del Mar „Change Of Heart“ from The Control Group on Vimeo.

Begründung: Niveauvoller Pop, es gibt ihn noch! Hier gratis erhältlich.

12. Ain’t Gonna Lose You von Brett Dennen

Begründung: Vielleicht der wichtigste Songwriter der nächsten Dekade, in der Tradition eines Paul Simon oder Bob Dylan. Dieses Lied unterstreicht das Potential.

13. You Turn Me Cold von The Slew

Begründung: Turntablism ist kein Schnee von gestern, wie Kid Koala bezeugt.

14. We Do What We Want To von O+S

Begründung: Eine ätherische Stimme, untermalt von einer bezaubernden Melodie.

15. Still von Great Lake Swimmers

Begründung: Selten klang Folk derart erbaulich. Von hymnischer Qualität.

SomeVapourTrails

Musikalischer Quartalsbericht 2009 (III)

Alben09III

Löchriger als Schweizer Käse präsentierte sich zunächst das diesjährige musikalische Sommerloch. Der Überfluss des ersten Halbjahres verebbte schlagartig und wich einer kahlen Leere. Nur eine Handvoll Alben vermochten diesen tiefen Fall aus wohlklingender Fülle ein wenig abzufedern. Und genau diesen Rettungsankern, die uns vor den Sturz ins Nichts bewahrten, wollen wir in der Rückschau eine Lobhudelei angedeihen lassen. An prominenter Stelle seien die Soulsavers auf ein funkelndes Podest gestellt. Broken vermochte mit genialer Düsterkeit zu becircen und mit dem Lied You Will Miss Me When I Burn eine balladeske Heldentat zu vollbringen. Und der Balladen nicht genug, zauberte die Göttin des Dream Pop, Hope Sandoval, eine schon beinahe nicht mehr möglich gehaltene Verzückung in Form von Through The Devil Softly in die gut sortierten Plattensammlungen des Landes. Die werte Co-Bloggerin DifferentStars wird, sobald sie aus der Ehrfurchtsstarre erwacht ist, zu diesem Monument noch einige Worte andächtig verlieren. Ein ebenso perfektes sinnebeträufelndes Mirakel kredenzten The Low Anthem mit der Scheibe Oh My God, Charlie Darwin. Doch waren es nicht nur schönen melodischen Mätzchen vom Schlage eines The First Days Of Spring von den so talentreichen Noah and the Whale, die in den vergangenen Monaten zu Schwelgereien einluden.

Auch flockigeres Geträller mengte sich ins Flirren der Großstadthitze. Major Lazer sorgten mit ihrem Klebstoff-Raggamuffin für Ekstase. Guns Don’t Kill People… Lazers Do schob ein Sommerflair der Extraklasse vor sich her. Fast unbeachtet stiefelten Fat Freddy’s Drop im August durch die Lande und bestachen mit Dr Boondigga and the Big BW. Ein Geheimtipp des letzten Quartals. Abgerundet wird die Rhythmus-Sektion von Felix Da Housecat, dessen He Was King sein bisher größter Wurf ist. Dazu demnächst mehr…

Wie sah es in letzter Zeit mit deutschen Musikern und Bands aus? Trist möchte man bemerken. Denn Element Of Crime sind endgültig auf einem Schunkel-Niveau angelangt, das eine Musikantenstadl-Stimmung vor dem geistigen Auge als Schreckensszenario erstehen lässt. Und was an Jochen Distelmeyer heilsbringerisch sein soll, das verstehen wohl nur einen gestriegelten Schnurrbart tragende Hipster. Enttäuschungen, wohin das Ohr auch hört. Da lobe ich mir meine Lieblingsentdeckung des Jahres, die Berliner Band Mein Mio, welche Irgendwo in dieser großen Stadt Inspiration für unverschlumpften und gefühlsechten Deutschpop fanden. Natürlich darf auch Max Herre bei den Lichtblicken nicht fehlen, seine authentisch transportierten Stimmungen machten Ein geschenkter Tag zur idealen Entschädigung für die Geschädigten eines Sven Regener. Und sogar die englische Texte wurden hierzulande mal samten vorgebracht, wie es Timo Breker auf der EP Learn & Wait offerierte, oder tiefsinnig, was I Might Be Wrong auf Circle The Yes extraordinär meisterten.

Kommen wir zu Könnern aus Großbritannien. The Big Pink sind der Beluga unter dem Kaviar, der derzeit von Insel zu uns rüberschwappt. A Brief History of Love ist kein Hype, sondern Fakt. Ebenso durfte man Florence & the Machine dank Lungs als Schattenspender an hitzeverseuchten Tagen empfinden. Doch wurde auch ein Verbrechen in Form von Muse und dem neuen Alben The Resistance in unsere Breiten gebeamt.

Kurz noch will ich die geballte Faust höher wuchten und das Entsetzen ausdrücken, welches mich quält. Marit Larsen als Newcomerin der warmen Jahreszeit wäre nur dann zu verstehen, wenn die Schweinegrippe die glorreiche Gilde skandinavischer Songwriter gleich im Dutzend dahingerafft hätte. Beliebige Langeweile als Erfolgskonzept – unverständlich. Noch übler freilich scheint das Loben über jedweden grünen Klee, welches man diesen Sommer dem armseligen Achtziger-Jahre-Bockmist von Zoot Woman angedeihen ließ. Eine Unplatte.

All die Prunkstücke der letzten 3 Monate freilich werden noch in den Herbst hineinstrahlen und manch düstrem Tag die richtige Bleiche verleihen. Und einige frohe Songs werden die wenigen verbleibenden Sonnenstrahlen in Gold tauchen. Amen.

SomeVapourTrails

Klebstoff-Raggamuffin

Guns Don’t Kill People… Lazers Do nennt sich das Album zum kollektiv genießerischen Daumennuckeln. Hype der Stunde oder verdammte Pflicht geschmackssicherer Hörer? Letzteres, wage ich zu behaupten. Das überkandidelte Projekt der beiden Produzenten Diplo und Switch firmiert unter dem Namen Major Lazer und haucht verspinnwebten Klischees jamaikanischer Musik neues Leben ein, serviert Dancehall mit Fluffigkeit und einer enormen Portion Verspieltheit. Hier wird Klebstoff ausgegeben, welcher wahlweise die Gehörgänge mit tollem Rhythmus verpropft oder aber einen schnüffelnden Trip erlaubt.

Major Lazer

Kaum ein Land bietet derart viele musikalische Stereotypen auf, wie es Jamaika tut. Doch irgendwo zwischen dem sozialkritischen Roots-Reggae eines Bob Marley, den Kiffer-Songs, dem Sexprotz-Getue eines Coolio und einem Raggamuffin-Sound, den wir mittlerweile als Dancehall kennen, ist tatsächlich noch Platz für fern jeder Abgedroschenheit vibrierender Musik. Dass es dazu eines britisch-amerikanischen Produzenten-Duos bedarf, mag als dringend nötiger Impetus verstanden werden. Zusammen mit vielen honorigen Gästen entstand so eine Scheibe, die dazu angetan scheint, die sommerliche Schwüle auf den Tanzflächen rund um den Globus zu versüßen.

Guns Don't Kill People... Lazers Do

Unter den 13 Titeln stechen eine Handvoll hervor, so schlittert bereits der Opener Hold The Line unter Spaghetti-Western-Anklängen in ein vom Hocker hauendes, schweißtreibendes Rhythmusmonster, dessen Lyrics von einer hysterischen Santigold und einem coolen Mr. Lex gesungen respektive sprechgesängelt werden. Die minimalistisch fiebernde Basslinie forciert den Song in ungeahnte Höhen. Can’t Stop Now schunkelt sich derart unbekümmert daher, dass Strand, Sonne, schöne Frauen und Männer vor dem geistigen Auge wuchern und die Hand wie von selbst nach einem Cocktail tastet. Inbrünstig trällern Jovi Rockwell und der nicht eben unbekannte Mr. Vegas ihren Stiefel runter, kleistern eine klebrig-feines Liebeslied auf den Plattenteller. Das Lazer Theme wiederum wabbert im Sperrfeuer, skizziert die absolute Stärke der CD: Feinster Elektro stützt tanzbare Stücke, traditionelle Jamaika-Tunes werden mit unkonventionellen Ideen verwoben. Anything Goes treibt die Verquickung verschiedenster Einflüsse durch pathetischen Streichereinsatz, schießwütige Samples undder langesüblichen Rap-Form (vorgetragen von Turbulence) auf die Spitze. Dass Stilmischkulanzen auch kräftig in die Hose gehen könnte, beweist das stark an Euro-Dance gemahnende, üble Keep It Goin‘ Louder. Das von harten Beats und marschmusikalisch gehämmerten Drums getragene Pon De Floor wäscht jedwedes Karibik-Idyll fort und setzt ein weiteres Highlight. Ebenfalls begeistert der saukomische, von Prince Zimboo vorgetragene Skit Baby, welcher einmal mehr aufzeigt, dass Major Lazer ihr Album mit viel Augenzwinkern garnieren und rein gar nichts mit den oft bierernsten, genretypischen Prahlereien gemein haben.

Man darf Guns Don’t Kill People… Lazers Do getrost als hypnotisch gelungenes, abgefahrenes Dancehall-Werk feiern, dass neben guter Laune auch jede Menge Innovation versprüht. Das Comic-Feeling, mit dem das Album marketingtechnisch angeheizt wird, mag ein wenig aufgesetzt wirken. Der Sound hingegen scheint hochgradig ansteckend und süffig schräg. Wenn es einen Klebstoff braucht, der die hitzigen Stundes dieses Sommers in unser Hirn pappt, dann ist er in Form von Major Lazer gefunden.

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Gaumen, macht euch bereit! – Leckerbissen der nächsten Wochen

Auch die nächsten Wochen haben musikalische Leckerbissen zu bieten. Wie überhaupt 2009 sich mit vielen interessanten Veröffentlichungen und Debüts unvergesslich ins Hirn zu hämmern versteht. Natürlich wird unser kleiner, feiner Blog diesbezüglich weiter am Ball bleiben, selbigen nicht immer flach halten, wenn es darum geht, Lob denjenigen zu erteilen, welchen es gebührt. Das Verrissvokabular befindet sich in unserem Repertoire im hintersten Winkel und wird eigentlich nur dann aufpoliert, wenn allerorten schöngefaselt wird, was nicht mal in einer Kellerkaschemme aus den Boxen strömen dürfte. Doch genug über Grizzly Bear und St. Vincent geseitenhiebt. Heute wollen wir drei Videos dreier Bands und Musiker servieren, denen an dieser Stelle in den kommenden Wochen ausführliche Berichterstattung zuteil werden wird.

Wenden wir das Augenmerk zunächst auf eine Band, die sich unverbraucht durch das musikalische Vermächtnis ihrer Helden zititert. Revolver nennen sich die drei Franzosen, Music For A While wurde das am 19.06. erscheinende Album betitelt.

Am 03.07. wiederum wird Major Lazer durch deutsche Gefilde fetzen und monsterhaft-mächtige Töne spucken. Schon das erste Appetithäppchen deutet eine famose Scheibe an, die übrigens den zum Wegwerfen aberwitzigen Titel Guns Don’t Kill People… Lazers Do trägt. Hier ein Vorgeschmack:

Im September wird der einzige ernstzunehmende britische Rapper Dizzee Rascal uns mit einer Scheibe beehren, die ebenfalls nicht unter den Tisch fallen sollte. Vorab sei auf die Auskoppelung Bonkers hingewiesen:

Wir erwarten Großes und werden die werten Leser auf dem Laufenden halten.

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