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Mehr als nur Gutmenschenmusik – Tinariwen

Das Genre der World Music ist mit Irrtümern behaftet. Nicht jedes turkmenische Rohrpfeifenensemble ist eine Bereicherung für Gehörgänge, ebensowenig wie jedweder Afrikaner mit Trommeln gleich einen Rhythmus-Houdini darstellt. Bloß weil die Musik aus exotischen Breiten und malträtierten Ländern stammt, wohnt den Melodien und dem Spiel nicht zwangsläufig mehr Essenz inne als den tumben Märschen einer betrunkenen bayrischen Blaskapelle. Wenn ich also heute einige Worte über das neue Album von Tinariwen verliere, dann keinesfalls aus irgendeiner Rührseligkeit heraus. Freilich vermag die turbulente Bandgeschichte durchaus die Tränendrüsen zum Überquillen bringen, etwaige Meriten lassen sich davon allerdings nicht zwangsläufig ableiten.

Tinariwen sind ein Kollektiv aus Mali stammender Tuareg-Musiker, welche als Kinder in algerischen Flüchtlingslagern aufwuchsen, da das Volk der Tuareg seit den sechziger Jahren in Mali verfolgt wurde. Ende der 70er entstand eine lose Formation Gleichgesinnter, die die traditionelle Kultur ihres Volkes mit modernen westlichen Einflüssen verband. Die Inhalte der Musik fokussierten sich auf revolutionäre Themen und bereiteten damit auch den Nährboden für die 1990 beginnende Rebellion der Tuareg, welche in einem Friedensvertrag mit der malischen Regierung mündete. Die Gründungsväter von Tinariwen entstammen eben dieser im Exil zu Kriegern ausgebildeten Generation, allen voran Ibrahim Ag Alhabib. In den letzten zehn Jahren geriet die Band durch zahlreiche Auftritte in Europa zu gern bejubelten Vertretern afrikanischer Musik. Und so präsentieren sie dieser Tage die vierte CD mit dem Titel Imidiwan : Companions.

Companions

So sehr ich auch gewillt bin, dieses Album wohlwollend aufzunehmen, muss ich jedoch sofort feststellen, dass es keinen Takt lang an die genialen Werke eines ebenfalls die Gitarre in den Fokus des Schaffens rückenden und gleichsam aus Mali stammenden Ali Farka Touré heranreicht. Wo Touré mit simpler Magie aufwartet, punkten Tinariwen mit authentischer Handwerklichkeit. Dass die Aufnahmen in der Wüste unter freiem Himmel stattfanden, mag den sehr bodenständig dargereichten Sound erklären, der nie in Verkitschung abgleitet und in den besten Momenten tatsächlich begeistert. Besonders der Track Tamudjeras Assis funkelt, verbindet eingängigen Rhythmus mit sprechgesanglicher Fragilität und elektrisierenden Gitarren-Passagen. Das fast einlullende, schwermütig klingende Chegret kreiert ebenfalls erfolgreich eine erhabene Stimmung. Die schön unaufgeregt-meditativen Stücke sind in der Mehrzahl keine Meilensteine, aber in der ehrlichen Art der Darbietung durchaus erfrischend.

Tinariwen

World Music birgt auch im Falle von Tinariwen einen hervorstechenden Vorteil und einen gewaltigen Nachteil – je nach Sichtweise. Die lyrische Kraft, welche der Gruppe innewohnen soll, muss mangels Sprachunkenntnis ausgeklammert werden. Dies Unwissen kann einerseits vor der Erkenntnis schützen, dass doch nur Banalitäten geträllert werden, oder freilich die poetische Größe und Macht des Wortes auf Percussion, Gitarre und Art des Gesangs zusammenstauchen. Über weite Strecken scheinen die Intentionen – auch dank des Wissens um den Werdegang – dennoch gut transportiert, atmet das ungestüme Tenhert die Wildheit, welche in den Anfängen das Ensemble wohl in radikaler Sehnsucht einte.

Imidiwan : Companions wird den Mainstream-Apostel wohl nicht in die Fänge fremder Klänge flutschen lassen. Den Anhänger eines Crossovers aus afrikanischer Moderne und Tradition jedoch überzeugt die Platte allemal. Tinariwen fabrizieren keine Musik, der man als Gutmensch mit gerüttelt Maß an Political Correctness artig lauschen darf. Dazu ist die Band zu gut.

Tour-Termine:

02.11.2009 A-Wien // Arena
03.11.2009 D-München // Ampere
04.11.2009 CH-Zürich // Kaufleuten
05.11.2009 D-Karlsruhe // Tollhaus
06.11.2009 D-Berlin // Kesselhaus
17.11.2009 D-Hamburg // Fabrik
18.11.2009 D-Köln // Gloria

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