Schlagwort-Archive: Marissa Nadler

Unsere Lieblingsplatten 2016

Was für den Rückblick auf das Jahr 2015 gegolten hat, ist leider auch 2016 aktuell. Daher nochmals letztjährige – nur hinsichtlich der Jahreszahlen aktualisierte – Betrachtungen…

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur, adipisci velit… Moment, der Platzhaltertext ist natürlich ein Scherz. Sogar zwischen den Feiertagen fällt mir ein Gedanke zum Musikjahr 2016 ein. Ich meine nämlich, dass Musik zwar nach wie vor eine große Rolle spielt, sie zugleich weniger wahrgenommen wird. Wir hören Musik, aber wie viele Lieder könnten wir zumindest im Refrain tatsächlich mitsingen? Wären wir tatsächlich noch in der Lage, die Intention unseres liebsten Albums des Jahres in wenigen Sätzen zusammenzufassen? Ist es nicht fast erschütternd, dass die Texte, die sich den meisten Menschen einprägen, ausgerechnet aus schlimmen Genres stammen oder problematische Weltanschauungen verfechten? Zeilen aus Schlagern gehören zum Allgemeingut, auch die Protagonisten des Deutschrap haben genug Hörer, die an ihren Lippen hängen, selbst die Texte der völlig unsäglichen Frei.Wild finden willige Abnehmer. Wie aber sieht es mit den Heroen des Indie-Genres und den Kritikerdarlingen aus? Wer könnte Thees Uhlmann, Sufjan Stevens oder Julia Holter aus dem Effeff zitieren? Wir erleben eine Wahrnehmungskrise jener Musik, die für sich in Anspruch nimmt, wertvoll zu sein. Woran liegt das? Ich will es kurz machen, die Schuld teilen sich Künstler, Musikkritik und Hörer zu gleichen Teilen. Wenn Bands und Musiker soziale Netzwerke mit jeder Menge Fotos bespaßen oder mit allerlei Veranstaltungshinweise vollpropfen, dabei aber komplett vergessen, ihre Lyrics und/oder Gitarrentabulaturen zu verbreiten, dann dürfen sie sich eigentlich nicht wundern, wenn Hörer vielleicht lustige Schnappschüsse eher in Erinnerung behalten als die Inhalte der letzten Platte. Die Musikkritik wiederum wird sich mit Klickstrecken und der Ausrichtung auf Tablet und Smartphone zu Tode layouten. Dazu kommt noch die Facebook-Hörigkeit, die eine Platte mit wenigen knackigen Worten teasert. Rezensionen geraten oberflächlich, weil der Transport der eigenen Meinung über dem Verständnis einer Platte steht. Und dann wäre da noch der Hörer, dem Musik oftmals so wichtig ist, dass er sie gar nicht mehr käuflich erwerben muss. Nichts spricht gegen Streaming als Ergänzung zur CD-Sammlung. Ein Stream kann jedoch nie den Besitz einer Platte ersetzen, ihm fehlt jedwedes haptische Erlebnis, ihm fehlt der zeitliche Aufwand – ja generell der zielgerichtet Akt des Kaufs. Wir sehen also, die Krise ist umfassend! Und wird bestenfalls dort überwunden, wo die Musik Botschaften und Lebensgefühl mittransportiert. Das tut der Schlager, das tut leider auch Bushido. Wo also bleibt das Indie-Lebensgefühl? 2016 hat es trotz vieler toller Alben gefehlt. Doch genug geredet, hier nun unsere liebsten Platten!

1. Tricky – Skilled Mechanics

Neukölln erwächst zum Sehnsuchtsort für die, die Konformität im großen, hippen Chaos anstreben. In solch Getümmel scheint Tricky tatsächlich nur die Rolle des Betrachters zu bleiben. Auf gewisse Weise ist ihm diese Position nicht fremd. Denn auch sein musikalisches Schaffen blickt von außen auf Business und Szene, freilich mit der Gelassenheit und Weisheit eines Typen, der sich und anderen nicht mehr viel beweisen muss oder sogar möchte. (Review) VÖ: 22.01.2016 (False Idols)

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Die ebenbürtige Zwillingsschwester – Marissa Nadler

Kummer, insbesondere Liebeskummer, führt sehr häufig dazu, dass wir uns vom Leben zurückziehen, in einer Art Blase gefangen sind, durch die die Umgebung außerhalb meist nur fahl und trüb wahrnehmbar scheint. Makellos wirken dagegen die wie mit Photoshop geschönten Erinnerungen, die in der Blase blubbern, bis sie platzen! Und der Schmerz spaltet sich in viele scharfe Rasierklingen, die die Seele filetieren. Das Unangenehmste am Verweilen in der Blase ist jedoch, dass man trotz Abgeschiedenheit nicht unbeobachtet bleibt, das Umfeld die selbstgewählte Gefangenschaft in der Blase durchaus mitleidig registriert. Auch kreative Menschen sind vor diesem Schicksal nicht gefeit – und doch haben viele von ihnen in dieser Situation einen entscheidenden Vorteil. Denn auch der kreative Prozess findet gern in strenger Zurückgezogenheit statt. Möglicherweise hat das neue Album der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler wirklich in einer Blase des Kummers seinen Ursprung genommen und alles Leiden schließlich in allerschönste Musik verwandelt. Strangers ist von eremitischer Katharsis geprägt, von melancholischer Traurigkeit und bitterer Erkenntnis. Nadler orientiert sich dabei unüberhörbar an einer gewissen Lana Del Rey. Letzterer ist nämlich zu verdanken, dass lange als chic geltende mauerblümchenhafte Erkenntnisklänge in den vergangenen Jahren vermehrt von divareskem Schwelgen abgelöst wurden.

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Schlaglicht 53: Marissa Nadler

Meine Wertschätzung gegenüber der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler hat schon über 10 Jahre auf dem Buckel und wurde in der Vergangenheit immer wieder auf diesem Blog deutlich. Bereits mit ihrem feinen Debüt Ballads of Living and Dying (2004) hat sie sich als Vertreterin des New Weird America zu erkennen gegeben. Nicht zufällig, denn Nadler ist im an eigentümlicher Folklore reichen New England aufgewachsen, das vom nördlichen Teil des Appalachen-Gebirges durchzogen wird. Schon zu Beginn ihres Wirkens tönte ihr Folk völlig aus der Zeit gefallen, geradezu archaisch und geheimnisumrankt. Mit dem zweiten Album The Saga of Mayflower May aus dem Jahr 2005 wurde der eigene Stil dann weiter verfestigt. Ihre Lieder wirkten wie obskure Schwarz-Weiß-Bilder aus dem 19. Jahrhundert, deren abgebildeten Personen längst vergessen und begraben und sämtliche Häuser, Orte und Landschaften nicht mehr wiederzuerkennen sind. Eine Verwunschenheit durchzog ihre von akustischer Gitarre und weltfremdem, entrücktem Gesang dominierten Platten. Genau diese Aura und diesen Sound hat sie über die Jahre weiter kultiviert, in Nuancen erweitert. Spätestens mit Little Hells von 2009 wurden auch Schlagzeug und Synthies fester Bestandteil der Instrumentierung. Stilistisch öffnete sie sich zugleich immer stärker hin zu Dream-Folk mit ab und an countryhaften Anklängen. Ihre wirklich großartige EP The Sister hatte ich 2012 so charakterisiert: „Emotionale Pein verliert an Bedrückung, wenn sie in den Mantel der Unwirklichkeit gehüllt wird. Wenn Seelenqualen mit Spinnweben behangen durch den Äther schallen, vorgetragen mit dem Zauber einer Circe, dann lässt sich allerlei Abgründiges bestens ertragen. Der Dream-Folk der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler scheint einem Albtraum entsprungen und dennoch fühlt der Hörer keinen Kloß im Halse. Nadlers Lieder sind ein faszinierender Spuk, geistern durch pittoreske wie spartanische Kulissen.“

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Release Gestöber 52 (Papercuts, Yesterday Shop, Marissa Nadler)

Papercuts

Der in San Francisco beheimatete Musiker Jason Quever ist mit seinem feinen Projekt Papercuts schon lange Stammgast auf unserem Blog. Deshalb freut es uns sehr, dass nach dem wunderbaren Fading Parade (2011) nun mit Life Among The Savages endlich, endlich ein neues Album ansteht. Die ersten Vorboten der Platte, die Single Still Knocking At The Door sowie der Titeltrack Life Among The Savages, lassen auf einen melancholischen, wohlig warmen Sound schließen, der von der seligen Indie-Pop-Luftigkeit des Vorgängerwerks in ein bisschen erdigere Gefilde driftet. An Quevers Händchen für sanfte, versonnene Melodien scheint sich jedoch nach wie vor nichts geändert zu haben. Welch Grund zur Vorfreude!

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Release Gestöber 35 – Teil 1 (Das Beste des Jahres mit Wintersleep, Marissa Nadler, Toddla T)

Wie jeder verdammte Blogger erachte ich den Zwang, eine selbstredend möglichst meilensteinige Jahresbestenliste zusammenzustellen, als unbedingte Pflicht. Solch Listen gehören einfach zur Job-Beschreibung eines jeden Musikenthusiasten. Während ich gerade das Jahr 2012 musikalisch Revue passieren lasse, bin ich auf ein paar Alben gestoßen, Platten, die ich bislang auf diesem Blog noch nicht gewürdigt habe, obwohl sie mit das Beste sind, was dieses Jahr zu bieten hatte. Es sind solche, die man nicht so auf der Rechnung hat, weil sie bei kleineren Labels erschienen sind oder einfach nicht dem Zeitgeist entsprechen. Der werte Leser sollte auch ein zusätzliches Detail bedenken. Musik präsentiert sich nämlich auch als Fetisch. Sie hält jung, weshalb auch der gestandene Mittvierziger noch an den Lippen von Halbstarken hängt. Musik formt Erinnerungen, darum vergöttert der graumelierte Fünfziger die Idole glorreicherer Zeiten, auch wenn solch Bands heutzutage oft nur ein Schatten früherer Tage sind. Bestenlisten sagen also im Grunde wenig über die musikalische Gegenwart aus, machen jedoch den Ersteller zum offenen Buch. Noch sind es freilich ein paar Tage, bis ich meine Listen preisgebe. Diese noch schnell erwähnten Alben – oder zumindest manche Tracks – werden sicher auch darauf vertreten sein.

Wintersleep

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Photo Credit: Scott Munn

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Release Gestöber 7

Es gibt Freizeitbeschäftigungen, die demnächst olympisch werden könnten. Zum Beispiel das spannende Berliner Hobby, bei dem ein Kleinstgrüppchen den Bürgersteig möglichst so okkupiert, dass Passanten zu einem halsbrecherischen Slalom genötigt werden. Diesem Steckenpferd frönen alle sozialen Schichten, der jugendlich-maskuline Checker ebenso wie die modisch gänzlich verpeilte Studentin. Aber auch meine Wenigkeit bastelt an einer olympischen Disziplin Herakles’scher Dimension: Aus dem Wust an musikalischen Veröffentlichungen Woche für Woche splendide und unterschätzte oder gar obskure Alben hervorzubuddeln.

Marissa Nadler

Marissa Nadler – „Baby, I Will Leave You In The Morning“ from Alec K. Redfearn on Vimeo.

Wer hat sie nicht bereits geschmeckt, jene penetrante Süße, die weder an Zuckerwonnen heranreicht, auch nicht gleich Honig die Kehle entlangschlürft, sich vielmehr als schaler Süßstoff entpuppt. Und eben diesen streut die amerikanische Singer-Songwriterin Marissa Nadler auf ihrem neuen Album zu großzügig über ihre Lieder. Wundervoll verwunschen, als Echos entrückter Tage tönten vorangegangene Veröffentlichungen, Ballads of Living and Dying von 2004 beispielsweise oder Little Hells (2009). Das jüngste, selbstbetitelte Werk lässt die Schleier fallen, rückt dem Hörer auf die Pelle, glitscht ein wenig Schmalz auf die Haut. Neben Dream-Folk und New Weird America führt hier nun auch eine Country-Schmalzigkeit die triefende Feder.

Wenn Nadler Verlust distanziert besingt, fragilen Schmerz ausdrückt („Daisy where did you go/ With my phantom limbs and eerie hymns„), wird alles gut, fühlt man bei Daisy, Where Did You Go? alle altbekannten Qualitäten aufkeimen. Sobald Nadler jedoch ihre Stimme mit liebeskümmerlicher Schwere füllt (Baby, I Will Leave You In The Morning), winkt der Herzschmerz mit dem Zaunpfahl. Die liebliche Flehentlichkeit von Wedding stößt ebenso sauer auf, solch ein Song würde lediglich mit dem fatalistischen Wispern einer Hope Sandoval aufblühen. Nur selten schallt die neue Country-Seligkeit wonnig hervor, bildet The Sun Always Reminds Me Of You eine gelungene Ausnahme. Nichtsdestotrotz sind es speziell die verqueren Momente (Little King), die der Platte gut zu Gesicht stehen, Nadlers Aura Kontur verleihen. Auf diesem Album muss man leider erst manch falsche Süße ertragen, ehe man auf duftigen Balsam trifft.

Marissa Nadler ist am 24.06.11 auf Box of Cedar erschienen.

Le Corbeau

Nein, die Bilder stammen nicht aus Aktenzeichen XY.

Alben sind ja kleine Invasoren, die in meinen kargen Alltag eindringen. Manch Überfällen fiebere ich entgegen, empfange die CDs als Heilande. Andere wiederum schummeln sich durch den Briefschlitz und schauen mich treuherzig an. Gleich einem räudigen Köter, der keinesfalls ins Tierheim zurück möchte. Und oft genügt bereits eine entfernte klangliche Ähnlichkeit mit einer von mir verehrten Band, um einer Platte einen netten Flecken in meinem CD-Regal zuzuweisen. Im Falle der norwegischen Formation Le Corbeau erinnerten mich die ersten Tracks an die raueren, dynamischeren Lieder von Morphine, freilich ohne die charismatische Stimme des seligen Mark Sandman. Le Corbeau können lediglich sehr verwaschenen Gesang aufbieten, der sich gerne im Instrumentenlärm versteckt. Dennoch rockt Moth On The Headlight als kurzweiliges, intensives Album ansprechend genug, um nie und nimmer mit Schimpf und Schande aus meiner Kemenate gejagt zu werden.

Le Corbeau – Black Belvedere by TigerFysiskFormat

Le Corbeau verführen in zwielichtige Gefilde. Bleiben dabei zu geschmeidig, um düster zu wirken, aber ebenso viel zu kratzig, um schicke Verruchtheit zu verbreiten. Wer zwischen all den Stühlen Platz nimmt, klingt mitunter in etwa so aufregend wie zehn Tage Regenwetter. Oder freilich unkonventionell. Le Corbeau stoffeln ihre Instrumente zu einem raffinierten Netz zusammen, man erkennt die Masche, verheddert sich dennoch darin. 1962 ist der funkelnste Track des Albums, musikalisch schnurstracks vorwärts preschend, gesanglich hoffnungslos verschnarcht. Eine Gegensätzlichkeit, welche Moth On The Headlight trägt. Das in epischer Länge schwelgende Mizogumo (Head In The Trees) scharwenzelt um das Genre Post-Rock herum, eiertanzt auf dem Vulkan, lässt irgendwann Post dann auch Post sein. Instrumentaler Rock tut es letztlich auch. Black Belvedere bietet dem Hörer im Verlauf ein markiges Saxofon an, verdeutlicht mir, warum mich der Sound an herbere Töne von Morphine erinnert. Ebenfalls ansprechend fällt Drumming Of Heavy Rain aus. So komme ich auch nicht um ein gefälliges Resümee herum. Wer grobkörnigen, mit guten Kniffen ausgestatteten Rock samt dezent knautschigem Gesang schätzt, sollte das Album mit offenen Armen in seine Plattensammlung einladen.

Moth On The Headlight ist am 03.06. auf Fysisk Format erschienen.

Fresco

Als Österreicher im Berliner Exil bin ich vielleicht schon lange genug auf Entzug, um Musik aus der Heimat gut zu finden und den österreichischen Charme mit Wehmut zu vermissen. Wo meine Landsleute Hintergründigkeit zur Tugend erwählen, ist Berlin in seiner Schnoddrigkeit platt. Vermutlich vermag ich aus diesem Mangel heraus das Album Es geht sich immer irgendwie aus der Wiener Formation Fresco besonders zu goutieren. Ich werde es demnächst noch ausgiebiger erwähnen. Für heute freilich will ich auf den kostenlosen Download des Liedes Junge Mutter sucht verweisen, dessen Wühlen in Kleinanzeigen sich köstlich gen Irrsinn streckt. Ein ganz feiner Track!

Demnächst mehr!

SomeVapourTrails

Die großen Nullen – Singer-Songwriter deluxe

Die vergangene Dekade ist noch lange kein gestriger Schnee. Viele Musiker werden uns auch in den folgenden Jahren begleiten, manche als lästige Anhängsel – doch will ich nicht immer von den Fleet Foxes sprechen – und einige als Konstanten, die unseren Gefühls- und Gedankenkosmos in schönste Schwingungen versetzen. Doch wer waren die kleinen und großen musikalischen Helden der letzten zehn Jahre? Wir wagen eine rein subjektive Aufzählung – und widmen uns den Singer-Songwritern.

Foto: Nasrul Ekram

Ane Brun: Unter den zahllosen skandinavischen Vertretern niveauvoller Liedschmiederei ragt die Eindringlichkeit Bruns hervor. Nie zu sperrig, immer fokussiert und mit einem untadelig ergreifenden Vortrag gesegnet, vermochte noch jedes ihrer Alben zu zünden.

Anspieltipps: Rubber & Soul, The Fight Song

(Eine wundervolle Cover-Version von True Colors erschien dieses Jahr auf Daytrotter. Mehr dazu an dieser Stelle.)

Mark Kozelek: Ob als Solo-Performer oder als Mastermind von Sun Kil Moon, der entrückt wirkende Gesang paart sich mit überragender Erzählkunst. Die menschliche Seite eines Mörders in Worte zu fassen, wie es beim gänsehäuternen Lied Glenn Tipton der Fall ist, zeugt von Finesse. Einer der absolut besten Vertreter seiner Zunft.

Anspieltipps: Lost Verses, Walk All Over You

Tom Waits: Auch in den 2000ern war der Poet der Gosse über jegliches Klischee erhaben. Tief verwurzelt in den amerikanischen Mythen erschafft er mit jedem Album ein bedeutungsschweres, musikalisch anspruchsvolles und präzises Abbild gesellschaftlicher Wirklichkeiten.

Anspieltipps: Road To Peace (Download von Label-Seite), Hoist That Rag, Day After Tomorrow

(Hier haben wir weitere legale und kostenlose Downloads von der aktuellen Platte parat.)

Jason Molina: Ob unter dem Namen Magnolia Electric Co. oder Songs: Ohia, dieser Musiker hat ein Händchen für tolle Melodien und rustikalen Vortrag. Nach wie vor völlig unterschätzt.

Anspieltipps: The Dark Don’t Hide, Josephine (beide auf der offiziellen Homepage als kostenlose Downloads erhältlich)

(Über eine famose Daytrotter-Session haben wir bereits berichtet.)

John Frusciante: Er war nicht nur einfach der Gitarrist der Red Hot Chili Peppers, von welchen er sich kürzlich verabschiedete. Sein Solowerk ist imposanter und facettenreicher, vielschichtig aber nie aufgebläht.

Anspieltipps: The Days Have Turned, With No One

Richard Ashcroft: Wenn es um elegante Popsongs geht, kommt auf der britischen Insel nahezu niemand an Herrn Ashcroft heran. Und dies unterstreicht er sowohl im Alleingang als auch als Frontmann von The Verve. Dazu kommt diese unsagbar warme Stimme, die die Ohren umschmeichelt und keine Sekunde lang süßlich wirkt.

Anspieltipps: Science Of Silence, Words Just Get In The Way

Marissa Nadler: Ihre Stücke kann nur als Dream-Folk mit einer herrlich gespenstischen, zeitlosen Aura bezeichnet werden. Famos und in den Bann ziehend.

Anspieltipps: River Of Dirt, Diamond Heart, Days Of Rum

David Thomas Broughton: Wer die britische Folk-Tradition für sich entdecken möchte, sollte den in extremem Lo-Fi gehaltenen Lieder dieses Herren ein Ohr leihen. Reinste Beseeltheit, die mehr Fans erhalten müsste.

Anspieltipps: Weight Of My Love, Unmarked Grave

Weitere Nennungen im illustren Kreis der Genies verdienen sich:

Pete Doherty: Keine Widerrede, was er macht, hat Hand und Fuß. Seine Skandale sind nichts im Vergleich zu seinen herausragenden Fertigkeiten.

PJ Harvey: Einem schwächeren Album stehen drei wundervolle, sehr unterschiedliche gegenüber. Vor allem Stories From The City, Stories From The Sea war eine Offenbarung.

Stuart A. Staples: Im Alleingang atemberaubend, mit den Tindersticks über jeden Verdacht erhaben.

Bruce Springsteen: Nach einigen schwachen Alben hat er mit Magic und Working On A Dream wieder an Glanzzeiten angeknüpft.

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Musikalischer Quartalsbericht 2009 (I)

Januar, Februar und März liegen nun hinter uns. Eine kurze Zusammenfassung der Highlights, Neuentdeckungen und natürlich auch der kakophonischen Katastrophen bietet sich folglich an.

Beginnen wir mit dem in jeder Hinsicht durchschnittlichsten Album des noch jungen Jahres. Man hört die einzelnen Songs an, nur um sie mit dem nächsten Wimpernschlag dem Vergessen preiszugeben. Sie tun nicht mal weh, sonst würde sich zumindest diese Erinnerung ins Hirn prägen. Die Rede ist natürlich von U2s neuer Platte No Line On The Horizon. Aber natürlich hat sich auch diese CD von Bono und Kumpanen verkauft. Die Herrschaften könnten wohl auch die Platte „Live aus dem Trappistenkloster“ aufnehmen und damit Kohle verdienen. Ein weitaus größeres Ärgernis ist da schon der Hype um Glasvegas. Aber das Hochloben langweiliger Bands von der Insel hat ja mittlerweile Tradition, in vorangegangenen Jahren wurde man mit den Arctic Monkeys oder Franz Ferdinand beglückt. Apropos Franz Ferdinand, selbige sind auch 2009 noch keinen Deut interessanter geworden. Es gibt eben doch Konstanten im Musikbusiness. Eine dieser bedeutete immer auch, dass Johnny Cash als unantastbares Gütesiegel galt. Die Scheibe Johnny Cash Remixed jedoch darf getrost als schlechtestes Album der letzten drei Monate gewertet werden. Wenn sich Snoop Dogg über den Altmeister hermacht, ist dies Grabschändung der übelsten Sorte. Wann kommt endlich die Gefängnisstrafe für zweitklassige Remixer, die sich an formidablen Liedern vergehen?

Wenden wir besser den schönen Dingen zu. Pete Doherty bewies mit Grace/Wastelands, dass er zu mehr als nur Skandalgeschichtchen taugt. The View fragten Which Bitch? und lieferten frische, verrotzte Mucke ab. Die Tradition allerfeinsten Songwritings hielt Little Hells von Marissa Nadler hoch, dessen entrückte Stimmung gefiel und gefiel und gefiel. Dass Antony and the Johnsons mit The Crying Light einen weiteren Meilenstein setzen würden, war abzusehen – und sollte dennoch nochmals erwähnt werden. Das Comeback von Selig rief jede Menge Kritiker auf den Plan und dies völlig zu Unrecht. Wer allerfeinsten deutschen Rock nicht mag, der sollte bei Peter Maffay bleiben. Und Endlich Unendlich ist famos.

Das Jahr ist jung, die Zahl der Newcomer hingegen groß. Abgefeiert wurde Soap & Skin und es erscheint zwecklos das Potential zu leugnen. Noch wenig bekannt in Deutschland ist der Songwriter Mike Bones, welcher mit seinem zweiten Album A Fool For Everyone ein Meisterwerk geschaffen hat. Hier harrt ein Ausnahmetalent einer breiten Wahrnehmung. Auch deutschsprachiger Pop kann abseits jedweden nervtötenden Gebarens stattfinden, wie Lalah mit dem Debüt Ich wär so weit unterstrich. Und The Glam versprachen mit Escapism, dass man auch von Deutschland aus die Musikwelt erobern kann.

So vielfältig sich dies erste Quartal auch musikalisch präsentiert, einige brilliante Alben tummeln sich bereits in der Veröffentlichungswarteschleifen und garantieren keinerlei Abflauen an allerschönstem Nachschub.

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Distinktiver Sound verwunschener Gespinste

Es werden weniger Kinder mit dem Bade als Lobeshymnen über Marissa Nadler ausgeschüttet. Die Unverwechselbarkeit ihrer Kompositionen und der hohe Wiedererkennungswert ihres Vortrags haben sie zu einem veritablen Insider-Tipp werden lassen. Noch mag sie nicht den Kultstatus einer Joanna Newsom besitzen, doch ist Nadler die weitaus talentiertere Songwriterin. Zeitloser Folk mit traurigen Texten und unwirklichem Flair charakterisieren ihre Musik. Ihre Stimme berührt, berührt ungemein, hält fragilen Zauber bereit.

Little Hells

Bereits das Erstlingswerk Ballads of Living and Dying bot mit Days of Rum und Fifty Five Falls formidable Lieder einer traumhaften Entrücktheit. Dies bestechende Konzept wurde auf dem Nachfolgealbum The Saga of Mayflower May erfolgreich fortgesetzt. In wenigen Wochen nun erfreut uns Marissa Nadler mit ihrem vierten Paukenschlag Little Hells. Der vorab als freier Download verfügbare Track River of Dirt erlaubt die Prognose, dass auch jenes Machwerk zu Begeisterung Anlass geben wird. Abermals besticht Nadler mit atmosphärischer Dichte, behält ihr Konzept bei. Ein selten wundervolles, einprägsames Lied mit Ohrwurm-Potential, der perfekte Vorbote für ein – Daumen drücken! – perfektes Album.

Links:

Label-Seite mit Gratis-Download

Offizielle Webseite Nadlers

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