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Musikblogger haben die AfD verbrochen!

Liebe Kollegen, die ihr euch Musikblogger schimpft, ihr seid richtige Schweinehunde, zumindest aber Dilettanten, die lange schon großen Schaden angerichtet haben! Und bitte schaut jetzt nicht so unschuldig aus der Wäsche! Ihr habt erst den Nährboden für AfD bereitet! Ja, so schaut es aus. Diese auf den ersten Blick völlig hirnrissige Verknüpfung ist keineswegs ein Griff ins Absurditätenfach der satirischen Mottenkiste, sie stammt von Till Krause, seines Zeichens Journalist. Tätig für Süddeutsche Zeitung Magazin, manchmal auch für ARTE oder Bayern 2 aktiv. Im jüngsten Heft der Neuen Rundschau hat er den Aufsatz „Ihr könnt nichts, weil ihr etwas könnt. (Und außerdem seid ihr an allem schuld.) Dilettantismus als Form gesellschaftlicher Distanzierung in social media und ihren Vorläufern“ verfasst. Nun gehöre ich zu der fraglos geringen Zahl an Banausen, die den im S. Fischer Verlag erschienen Heften der Neuen Rundschau noch nie Beachtung geschenkt hat. Und so wäre auch jetzt kein Blitz der Erkenntnis in mich gefahren, wenn nicht Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel unter dem Titel „Grillt den Profi!“ die großen Spannungen zwischen Dilettantismus und Expertentum aufgegriffen und Krauses Text rezipiert hätte. Auf eben diesen Text beziehe ich mich nun. Dem Vernehmen nach sind es „Punks aus den 1980er Jahren, Musikblogger der Gegenwart, Biologen in Underground-Forschungslaboren, rechte Verschwörungstheoretiker aus dem Umfeld von Pegida als auch Politiker so diverser Parteien wie der mittlerweile in Deutschland abgewählten Piraten oder eben Donald Trump“, die allesamt die Abneigung gegen einen von Korruption verdorbenen Mainstream antreibe. Denn dessen Expertise erscheine prinzipiell verdächtig, Nachweise zur Begründung der Zweifel würden in diesen Milieus selten erbracht beziehungsweise gefordert werden. Krauses Spurensuche führt ihn laut Dotzauer zu den „Fanzines der 80er und 90er Jahre, die sowohl an der Vormachtstellung des etablierten Musikjournalismus rütteln wollten, als auch dessen professionelles Selbstverständnis infrage stellten“ . So weit ein Abriss der These!

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Dem Laien erklärt: Die Psyche des Bloggers

Ich habe auf diesem Blog in der Vergangenheit oftmals die Metaebene des Bloggens beleuchtet. Mich über das Was, Wie und Warum ausgelassen. Ich wage somit zu behaupten, dass diese Selbstreflexionen und generellen Beobachtungen speziell einem frischgebackenen Blogger den einen oder anderen Erkenntniswert liefern könnten. Aber vermutlich gilt auch für das Bloggen der umunstößliche Grundsatz, dass man nur aus den eigenen Fehlern lernt. Nichtsdestotrotz sei einmal mehr über das Wohl und Wehe des Bloggens nachgedacht. Und die Psyche des Bloggers seziert, dem Laien erklärt.

Das Betreiben eines Blogs, ja das Schreiben im Allgemeinen, wird aus 2 Motiven gespeist. Zunächst kann ein Blog ein Tagebuchersatz sein. Durch die Verschriftlichung von Gedanken will der Schreiber Klarheit gewinnen, Überlegungen durch ein Drehen und Wenden komprimieren. In dem Fall ist die Veröffentlichung solcher Zeilen zunächst weniger auf Kommunikation als auf die Introspektion gerichtet. In der überwiegenden Zahl freilich möchte ein Blog Ideen, Ansichten, Leidenschaften transportieren. Das kann in gewerblichem Rahmen oder als Hobby erfolgen, manchmal verschwimmen dabei auch die Grenzen. In den unendlichen Weiten des Internets vergessen wir oft, dass jede Webseite, jeder Blog, jedes Forum einen Zweck verfolgt. Ob nun aus dem offensichtlichsten Grund, nämlich damit Geld zu lukrieren, oder aber aus dem Bedürfnis der Selbstdarstellung heraus, ob zur Kontaktanbahnung oder dem Teilen von Interessen, nichts geschieht ohne Vorsatz. Der Blogger buhlt somit – mehr oder weniger offensiv – um Aufmerksamkeit. Das ist zweifellos ein legitimes Ansinnen.

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Flop of the Blogs 2010?

Nun gut, wenn ich 5 und 5 richtig zusammenzähle, wird die diesjährige Ausgabe von Top of the Blogs ein regelrechtes Spektakel. Martin von Vinyl Galore scheint mit seinem Appell zur Teilnahme auf sperrangelweit geöffnete Ohren gestoßen zu sein. Und so darf bis 18.12. jeder Blogger, der das Wort Musik schon einmal ohne h in der Mitte geschrieben hat, seine  10 Lieblingsalben des Jahres bekanntgeben. Ich will meine Verwunderung nicht verhehlen, denn dieser Tage stolpere ich laufend über Musikblogs, die ich zuvor nie wahrgenommen habe. Das mag einerseits darin begründet sein, dass sie erst den Kinderschuhen entwachsen müssen oder aber zumindest nicht mit den schreibenden Musikenthusiasten, die mir tagtäglich so vor die Flinte laufen, netzwerken. Auch die auf byte.fm laufende Reihe Blog&Roll, welche Blogger vorstellt und obendrein noch deren ertüftelte Mixtapes Mittwoch abends präsentiert, birgt so manchen Underdog, der es bislang noch nicht auf meine Beobachtungsliste geschafft hat.

Foto: Kevin Rawlings (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)

Soll mich diese Horde an Männlein und Weiblein, allesamt mit Mitteilungsbedürfnis, einem mehr oder minder gerüttelt Maß an Geltungsdrang, ausgesprochener Hingabe zur Musik sowie verschiedentlich ausgeprägtem Geschmack bewaffnet, vermag also solch bloggendes Pack ein Lächeln in mein Gesicht zu hexen? Nicht die Bohne, beteure ich, dabei mit der linken Hand nach meinem mit feinem Kaffee gefüllten Pott tastend, während die andere bekräftigend die Faust gen Decke ballt. Ist nicht der Musikblogger ein Heilsbringer, welcher die müffelnden alteingesessenen,  zum Gähnen verleitenden oder aber von einem aus Absurdistan stammenden Anspruchsdenken geprägten Platzhirschen zum Abschuss freigibt? Schlichtweg, weil nur der eigene Horizont die Grenze vorgibt, nicht etwa die Spezialisierung auf Genres. Und auch weil sich die Schreibe abhebt, nicht mit verkniffen-protziger Fachsimpelei langweilt. Blanke Theorie freilich, wie ein ausschweifend umschweifender Blick durch die deutsche Musikblogszene zeigt.

Ich will Tacheles reden, den Glauben an die Heilsbringerschaft begrabend. Der ganze Blogging-Scheiß beruht doch überwiegend auf recht primitiver Bedürfnisbefriedigung. Entweder man postet kleine Häppchen leserfreundlichen Contents, zum Beispiele süße Bilder von Kätzchen, ein vemeintlich witziges Foto oder sexy Video oder aber irgendeinen Inhalt, über den sich Besucher gut empören können, die neuesten Schlagzeilen der Bild oder Gesetzesvorhaben der Regierung. Warum nicht auch etwas zum Thema Wikileaks? Ebenso hoch im Kurs: Technik-Gadgets, Apps auf Teufel komm raus. Letztlich will das Gros der Leser leichtverdauliche, unterhaltsame Inhalte oder Themen, bei denen sich schimpfend losschwadronieren und empören lässt. Im Bereich der Musik punktet man immer mit Promi-News. Wenn die Mutter der Putzfrau des ehemaligen Hausmeisters von Lady Gaga tot umfällt, werden aufgebauschte Nachrufe hingekritzelt. Wenn Coldplay ein belangloses Video zu einem ebenso belanglosen Lied veröffentlichen, wird gleich die Revolution des Musikvideos ausgerufen. Sobald ein Online-Magazin auf Käseblattniveau eine angesagte Band mit Superlativen überhäuft, wird diese augenscheinlich vom Stapel gelassene Promotion in voreiligem Gehorsam eingedeutscht. Derart regiert der Content die Szene, eine seriöse Aufbereitung oder kritische Würdigung bleibt hingegen Mangelware. Blogs sind verdammt oberflächlich, orientieren sich dabei an der überwiegend sinnbefreiten Verwurstung von Nachrichten durch die Online-Ausgaben deutscher Magazine und Zeitungen.

Ambition nennt sich das Schlüsselwort. Von einem Hobby-Schreiberling aus Bautzen erwarte ich keinesfalls ein journalistisches Rüstzeug, um etwaige Einträge vernünftig zu gestalten, er darf so schreiben, wie ihm der Schnabel verwachsen ist. Wer hingegen Neuigkeiten weiterverbreitet, regelmäßig Beiträge veröffentlicht, sollte dann doch auf eine Filterung achten, an sich selbst gewisse Ansprüche hinsichtlich Themenwahl, Sprachlichkeit und dergleichen stellen. Die Narrenfreiheit des Bloggers inkludiert nicht das Privileg, sich um Qualität einen feuchten Kehricht zu scheren. Vielfach investieren Blogger ihr limitiertes Hirnschmalz in Suchmaschinenoptimierung, längst nur sporadisch in Inhalte. Verblöden somit die Leser, verpesten das Internet. Wenn etablierte Medien über die Bloglandschaft die Nase rümpfen, tun sie  es meist zurecht, riechen dabei aber die Kacke in den eigenen Redaktionsbüros nicht. Und vice versa. Der Fisch beginnt bekanntlich am Kopf zu stinken, das trifft auf die Alphamännchen der deutschen Blogger zweifelsohne zu.

Doch ich schweife ab, wenn auch mit Absicht. Zurück zu den so zahlreichen alten und neuen Musikblogs. Natürlich soll jeder Hinz und Kunz über Musik bloggen, sich als Linkschleuder verdingen oder in aufgeregt munterem Plauderstil vorgeblich tolle Musik betexten. Ich muss ja nicht jeden Erguss meinen Augen zuführen. Wenn man jedoch Dilettanten das Ruder übergibt, sollte man sich nicht wundern, falls man sich bald am falschen Dampfer wähnt. Was hierzulande fehlt, ist ein Schulterschluss der arrivierten Vertreter der Zunft, die den tatsächlich an Tiefgründigkeit interessierten Internet-Nutzern ein vernünftiges, unabhängiges, ohne Scheuklappen agierendes Angebot macht. Ein diesbezüglicher Versuch nicorolas blieb im Spätsommer ohne besondere Resonanz, jeder animierte den anderen die ersten Schritte zu unternehmen. Das Wissen und die Leidenschaften zu bündeln, wäre eine dringend notwendige Maßnahme, um der grassierenden Niveaulosigkeit entgegenzuwirken. Sonst scheint in Kürze tatsächlich die Horrorvision Wirklichkeit, dass sich SEO-Schlampen mit Webseiten wie paperblog oder germanblogs das Rampenlicht teilen. Ob der Musik tatsächlich förderlich wäre?

Top of the Blogs 2010 wird also Herrn Müller und Frau Meier ebenso am Start sehen wie Krethi und Plethi. Das mag also tatsächlich eine repräsentative Liste ermöglichen. Ob gar eine geschmackssichere Aufzählung entsteht, daran hege ich aus oben geschilderten Gründen doch enorme Zweifel.

SomeVapourTrails

Stippvisite – 08/10/10

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten will ich mich diesmal kurz fassen. Noch leicht von der Erkältung gebeutelt, bin ich kurzatmig.

Downloadtipp:

Zur Einstimmung sei heute gleich eine besonders feine Mp3 als kostenloser Download angepriesen. Die Band nennt sich La Sera, wird ihr Debütalbum 2011 veröffentlichen. Frontfrau ist Katy Goodman, die man von den Vivian Girls kennen könnte. Bereits jetzt gibt es den Track Never Come Around gratis. Der verträumte Retro-Pop-Sound schmilzt in den Ohren, sorgt für Wohlbefinden. Die Single wird am 16.11. auf Hardly Art veröffentlicht. (Update: Kaum veröffentlicht, sehe ich auch schon, dass das klienicum den Song heute ebenfalls empfiehlt.)

Gourmettipp:

Lotte Kestners bereits 2008 im Eigenvertrieb erschienene CD China Mountain feiert nun auf Silber Records ein Re-Release.

Peter von den Schallgrenzen hat Anna-Lynne Williams auf seinem Blog einige Fragen gestellt. Die Co-Bloggerin und ich sind ganz große Fans ihrer unter dem Namen Lotte Kestner firmierenden Solo-Pfade – und natürlich mehr noch von ihrer Band Trespassers William. Wir können die Qualitäten nicht hoch genug loben und raten natürlich auch dazu, den Track Temperature als kostenlosen Download zu goutieren. Stammgäste unseres Blogs werden über ihr Wirken bereits ohnehin im Bilde sein.

Lesetipp:

das klienicum macht sich so Gedanken über den Blog und die Welt. Und weil ich den werten Kollegen für einen der besten deutschen Blogger erachte, zumindest was die Güte der präsentierten Musik und den hochwertigen schriftlichen Ausdruck angeht, vom Design her gibt es Abzüge in der B-Note, habe ich seine Ausführungen zum Thema Blogger und Promotion in mein Augenlicht gerückt. Nicht zuletzt deshalb, weil ich ja auch schon dem Wesen des Musikbloggers nachgespürt habe.  Empfehle daher auch die Beobachtungen des Kollegen.

Entdeckertipp:

Days Of Music ist ein Blog, der sich noch die Mühe macht, gute Musik aufzuspüren und nicht etwa auf den Eingang diverser Promo-Mails zu warten. Und nur so findet man auch die No-Name-Formation The Julian Tulk Band. Deceleration ist ein wirklich erstklassiger Song.

Downloadtipp:

Foto Credit: Susanne Schiebler

Au Backe, was habe ich in den letzten Wochen an deutschsprachigen Liedern gehört. Und bis auf wenige Ausnahmen, die es dann auch auf den Blog geschafft haben, war viel herzzerweichender Schrott dabei. Diese Woche veröffentlicht die Hamburger Band Leilanautik ihr neues Album Unser schöner Realismus. Hab in eine Handvoll Lieder der Platte reingehört und muss konstatieren, dass mir schon weitaus Durchschnittlicheres zu Ohren gekommen ist. Eigentlich hätte sich die Band eine umfangreichere Erwähnung auf unserem Blog verdient, allein es fehlt die Zeit. Wer in seinem Regal noch ein Plätzchen für entspannten deutschen Gitarren-Pop übrig hat, der sollte Leilanautik ausgiebig begutachten. Das geht zum Beispiel mit einer kostenlosen Mp3, die ich unlängst in einem Newsletter fand. Das Lied Am Ziel ist hier erhältlich.

Konzerttermine:

08.10.10 Tübingen – Club Voltaire
09.10.10 Ulm – Panda Bar
12.10.10 Freiburg – White Rabbit
13.10.10 Basel (CH) – Hirscheneck
14.10.10 Luzern (CH) – Gewerbehalle
15.10.10 Zürich (CH) – Kafi
16.10.10 Witten – Treff
23.10.10 Hamburg – Uebel & Gefährlich
11.11.10 Kiel – Prinz Willy

Viel Vergnügen!

SomeVapourTrails

10 Kennzeichen des erfolgreichen Musikbloggers

10. Du schreibst über jede Eskapade einer Katy Perry, wahlweise auch über jeglichen verunglückten wie geglückten Perückenwechsel einer Lady Gaga. Wenn es gar nichts zu berichten gibt, kippst du kalten Kaffee aus und widmest dich den Skandälchen und Wehwehchen einer Britney Spears. Im Prinzip ist jede Sängerin mit Dekolleté und der gehörigen Portion Zeigefreudigkeit ein viel zu weltbewegendesThema, um es leichtfertig zu ignorieren.

9. Dir ist kein Hype zu primitiv und kein Kalkül zu durchschaubar, um nicht ausgiebig marktschreierisch darüber zu berichten. Selbst der unlustigsten Parodie schenkst du einen Eintrag, in dubio pro Pageview. Deine Strategie wird oft belohnt.  (Stichwort: Uwu Lena)

8. Wenn Trent Reznor sich mal wieder selbst ad absurdum führt oder die Populismuskeule auspackt, feierst du dies als Neubewertung des Copyrights und Abgesang auf die Musikindustrie.

7. Um auch Indie-Hipness zu bieten, übersetzt du blitzschnell die neuesten Beiträge auf Stereogum und rufst laut „Erster!„.

6. Du berichtest erst dann über Bands oder Musiker, wenn selbige mindestens 150000 MySpace-Aufrufe oder 80000 Scrobbles auf Last.fm vorzuweisen haben. Vorher strafst du sie mit Verachtung – außer sie haben Sex oder Crime oder im besten Fall beides im Gepäck.

Musikblogger arbeiten professionell, 24 Stunden am Tag und manchmal auch mehr. (Quelle: Deutsches Bundesarchiv auf Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz)

5. Du schleuderst tagtäglich mehr Links ins weite Rund des Internets als derzeit Tonnen Öl in den Golf von Mexiko strömen. Du hoffst, dass deine Trackbacks vermeintlich wichtige Blogs wie Spreeblick erreichen.

4. Selbst haarsträubend spekulative, pseudowissenschaftliche Studien zu Gott und Musik übernimmst du euphorisch, solange sie dein Bauchgefühl bestätigen. (zum Beispiel: Filesharing beschert Musikern mehr Kohle, UFOs manipulieren die Charts, etc.) Allerdings vermagst du an guten Tagen Humbug als Humbug zu enttarnen. Solch lichte Momente unterlaufen deinen Lesern eher nie.

3. Du lässt dich von Promo-Firmen mit LKW-Ladungen an CDs versorgen und unterstreichst deine Unabhängigkeit dadurch, dass du gnadenlos durch den Kakao ziehst, was nicht bereits hochoffiziell und notariell beglaubigt  zum nächsten großen Hype ausgerufen wurde.

2. Du schreibst zwar nach wie vor holprig, hast aber schon das Ego eines Musikjournalisten des Rolling Stone. Darum suchst du dir Gleichgesinnte und gründest ein schickes Online-Magazin, um jedweden Zweifel an deiner Befähigung im Keim zu ersticken.

1. Du verfasst sogar Nachrufe auf den Schwippschwager der Lebensgefährtin des Bassisten der gerade aus deinen persönlichen Top 50 gefallenen Band, da auch die Generation Online das morbide Interesse an Todesanzeigen vererbt bekommen hat.

SomeVapourTrails

Wenn ich du wäre, wärst du ganz schön ich – Ein Exorzismus

Kaugummipapier, bitte! Die Zeit gelangweilten Trainings der Kaumuskulatur wird von einem Schreiten zur Tat abgelöst. Ich kremple mir das Hemd hoch – mit grazil zur Schau getragener Entschlossenheit. Noch reibst du nervös deine Oberarme, schwant dir Unangenehmes, dass sich in keine Worte kleiden lässt. Du überlegst dir ein Aufplustern, um die nahende Gefahr abzuwehren, schreckst aber zurück, denn Coolness verbietet es dir. Meine Hipness freilich brauche ich nicht erst eilig im Hirn zurechtzuschustern, ich nenn sie Stoizismus, hab sie im Blut – ja, ich bin Bluter. Kleiner Mann, was tust du nun, da ich dir ans Zeug flicke? Bist mir schon ein verdammt offenes Buch, aus welchem ich nun ein paar Seiten fleddern werde.

Junge, du hast schon ein beschissenes Timing an den Tag gelegt, um dich so zu präsentieren, wie es das Diktat der Zeit vorschreibt. Ein bärtiger Flaum – wahlweise auch zum Schnurrbart verkommen – unter den bebrillten Augen, dazu noch ein Hütchen zwecks Beschattung der Denkerstirn. Und deine schlecht angepassten Klamotten, das angeranzte Sakko, dass bereits die am Horizont heraufdämmernde Spießbürgerexistenz aufzeigt und zugleich als Markenzeichen einer von der eigenen Lässigkeit überzeugten studentischen Subkultur fungiert. Mit Anfang zwanzig bist du bereits ordentlich bedient, machst was mit Design, dein Computer steht dir näher als deine Manschettenknöpfe oder Familie. Selbstredend führst du einen Blog, weil das Internet ohne dich und dein Savoir-vivre so verflucht alt und uncool aussehen würde.

All dies würde ich dir nicht krumm nehmen, die heute existierende Generation gut situierter Bionade-Spießer braucht doch Nachfolger, welche den vorgeturnten Spagat zwischen barbusig ausgestellter Affinität zu den Grünen mit biedermeierner Kleingeistigkeit nachahmen, sich dabei in einem richtig smarten und verantwortungsvollen Wohlfühltakt wiegen. Ich stoße mich an den im Grunde völlig beliebigen Ecken und Kanten nicht. Ich lebe in Kreuzberg, kenne die Plattitüden derer, die irgendwann in ihrem Leben mal so richtig die alternative Sau rausgelassen haben, sich immer noch Unangepasstheit vorgaukeln, dabei aber durch das Malheur der Realitäten nun selbst vom Primat der Sachzwänge als allesfressende Sau durch den Kiez getrieben werden. Alternative Arschlöcher sind die Meister der Selbsttäuschung, Berlin ist voll davon. Wo man geht und steht, allerorten trifft man diese Typen, sie sind der Kaugummi auf den Schuhsohlen des Bezirks. Sie sind ebenso sozialer Asbest wie die Assis aus Marzahn.

Junge, ich könnte dir viel verzeihen, deine gesamte Attitüde, die so unnötig wie ein Emoticon oder überflüssig wie Axolotl Roadkill daherspaziert. Ich würd mich auf die nichtssagende Parole Alles schick versteifen, dich souverän ignorieren. Dennoch, eine deiner Narreteien, die werde ich dir heute per Exorzismus austreiben. Und darum spucke ich mal kräftig in die Hände, mache mich ans Werk. Es wird weh tun, klar. Aber ohne Widerstand gerät die Prozedur kurz. Ich schlüpfe einfach für eine Minute in dich. Muss sein.

In dir herrscht eine vernunftbefreite Zone. Nichts, was ich nicht zu füllen vermag. Schnell noch deinen Wurmfortsatz der Selbstüberschätzung abgezwickt. Die Enge deiner Haut macht mir keinen Spass, das darf ich dir verraten. In deinem Gehirn scheppert es gewaltig, also spiele ich Maschinist, öl dir die Ganglien. Ein kostenloser Service vom Fachmann. Ich bugsier deine Denke in die Abstellkammer. Besser so, Bürschchen! Nun räum ich in deinem Herzen auf. Mensch, es scheint sich ja ein Meer von Herzblut angesammelt zu haben. Eimer und Wischmob, bitte.

Kommen wir nun zum unappetitlichen Teil der Instandsetzung. Eine harsche Ohrspülung. Dein mieser Musikgeschmack zwingt mich zu dieser Maßnahme, ist Grund der Rage. Club-Mate entpuppt sich als probates Mittel zur Säuberung. Mit unverschmalzten Ohren lässt sich besser hören. Dann wird jedweder Furz von einer Band auch als solcher enttarnt, ein Verarschungs-Hype zielsicher klassifiziert. Junge, Animal Collective sind Schmafu, Vampire Weekend so geschmacksbefreit wie vegane Haute Cuisine. Kleiner Mann, schau nicht so traurig aus der Wäsche, weil mich der Brechreiz überkommt und ich auf deine Delphic kotze. Ist nur böse gemeint. Und Mucke wie Grizzly Bear oder Joanna Newsom steck ich dir kurzerhand dorthin, wo die Sonne sie nie erreicht.

Wenn ich du wäre, wärst du ganz schön ich. Würdest dich für den verzapften Geschmacksterror bei mir entschuldigen. Nicht die denkfaulen Kiddies, deren größter Kraftakt darin besteht, auf der Fernbedienungen die richtige Ziffer zu dechiffrieren, um auf RTL DSDS zu gucken, sind das Problem. Es sind die trendy People wie du, die wie das Echo des Schreckens ein Postulat des heute als Indie firmierenden Wahnsinns verbreiten. Merke: Wenn du denkst, du wärst anders, dann denkst du nur, du wärst Indie. Kleiner Blogger, der du alles so knorke findest, was sich doch nur als verquirlte Scheiße mit Cocktailkirsche obendrauf entpuppt, spürst du nun, da ich in dir bin, wie es einem ergeht, der hinterfragend zur Sache schreitet, nicht jeder Ente aufsitzt? Tut weh? Soll es auch. Sehr sogar.

Jetzt, da ich dir deinen Körper wieder überlasse, darfst du mir zu Dankbarkeit verpflichtet sein. Lerne aus der Episode. Ändere Outfit und Einstellung. Stell alles und jedes auf den Prüfstand. Dies ist mein Gebot: Liebe dich und deinen Nächsten, gehe hin und lebe redlich, sei friedlich. Tu was dir beliebt, aber wirf sofort diese doofe CD von Joanna Newsom auf den Sondermüll der Geschichte!

SomeVapourTrails

Die Kanaille heißt Journaille – Nachgedanken zum Musikblogging

Die Ernennung des Musikbloggers zum unverstandenen Wesen stieß auf einige Reaktionen, die mit meiner Einschätzung nicht immer d’accord gingen. Selbstverständlich mangelt es einigen Einwänden nicht an Schlagkraft, aber manches würde ich eben auch als waidwundes Protestgeheul einstufen. Legitim freilich gerät jede Meinung, die keine drei Ausrufezeichen braucht, um auf den Punkt zu kommen. Darum will ich dieses Mal kurz und bündig noch ein paar Überlegungen nachreichen, manch Aussage präzisieren.

Warum unterhält man einen Blog? Kugelschreiber aus der Hand oder Finger von der Tastatur und nun feste grübeln, bitte! Ich bin ganz tief in mich gegangen, komme zu folgendem Resultat: Man schreibt, weil man glaubt, dass man mit seinen Auffassungen, Urteilen und Interessen einen mehr oder minder unverwechselbaren sowie erhellenden Mehrwert schafft, der bei Lesern auf Widerhall stößt. Ich hege die Überzeugung, dass jede Verwendung von Sprache auf Kommunikation abzielt. Warum sollte ein Blog nur ein völlig unerstes Hobby sein, dem man völlig unangepasst ohne Ziel und Zweck frönt? Sobald ich Gedankengänge und Hirnschmalz preis gebe, erwarte ich auf meine Aktion eine Reaktion. Das gilt für den Alltag ebenso wie für den virtuellen Raum. Unter dem Aspekt vermag ich manch geäußerte Kritik nicht nachzuvollziehen. Denn in eben dem Moment, wo ich Worten meine individuelle Färbung verleihe, darüber klamüsere, wie ich sie in Sätze gieße, genau dann richte ich sie mir auch so zurecht, dass sie Feedback hervorrufen. Ein Blogger tippt nicht einfach so für sich einige Zeilen auf dem Keyboard, er präsentiert sich mit Inhalt, Stil und Zweck. Es dreht sich alles um Wie, Was und Warum.

Das Warum verzeichnet den größten Unterschied zwischen dem Blogger und einem Journalisten. Der vermeintliche Amateur tut dies in der Eigendarstellung aus Lust, Laune und Leidenschaft, der Profi vorrangig zum Zwecke des Broterwerbs – und unterwirft sich damit dem Sinnspruch Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Der Blogger wirkt und werkt als Bereicherung, gerade weil sich seine Motive weniger vordergründig definieren. Man kann sich eine in der Theorie vollständige Unabhängigkeit bewahren, die keine Sachzwänge kennt. Ein kommerzielles Musikmagazin ist der Leserschaft und dem Werbekunden verpflichtet. Eine Rock-Postille kann nicht einfach so den Schwerpunkt gen Electronica oder gar World Music verlagern, das zerstört Erwartungshaltungen. Und wenn die großen Labels Anzeigen zu den Veröffentlichungen ihrer Zugpferde schalten, dann müssen diese verdammt nochmal Erwähnung finden. Das ist so klar wie Kloßbrühe und nicht verdammenswert. Vom Druck kommerziellen Erfolges befreit kann sich der Musikblogger weitaus ungehemmter betätigen. Genau das macht ihn attraktiv. Er braucht zunächst nur den Anspruch des eigenen Egos erfüllen, darf sich so definieren, wie es selbst gefällt. Aber das Geben kennt auch ein Nehmen.

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-2005-0731-504,_Westzonen,_Diktierger%C3%A4t_%22Dimafon%22.jpg
Musikblogger bei der Arbeit (Quelle: Deutsches Bundesarchiv auf Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz)

Ich will nicht gleich den Vorschlaghammer auspacken und davon faseln, dass sich jeder korrumpieren lässt. Aber wer den Output ein klitzeklein wenig modifiziert, SEO-mäßig ausrichtet oder bei populären Themen nachhakt, der bekommt eben mehr Traffic, damit verbunden Anerkennung. Und diese Verlockung in die richtige Balance zu der Message zu setzen, das ist der Trapezakt. Die journalistische Linie eines Fachmagazins oder des Feuilletons deckt den oftmals mit viel Eigenwerbung ausgestalteten Bedarf. Der Konsument wählt es mit oben erwähnten Erwartungen gezielt aus. Ein herkömmlicher Musikblogger, der dies nicht zum Behufe der bewussten Verstärkung seines Werkens als Musiker oder Journalist tut, dieser wirkliche Laie, welcher mit dem Betreiben eines Blogs keine augenscheinlichen Nebeneffekte erzwingen will, solch ein Blogger kann sich zuallererst nur auf Google verlassen, um eine Reputation zu generieren. Es wäre eine höchst vermessene Annahme zu glauben, dass man aufgrund der kompetenten Beratung nach der Drogeriefachverkäuferin Müller die Suchmaschinen durchforstet, um ihren Blog mit Wellness-Tipps zu eruieren. Was hingegen der Musiker XY so an mehr oder weniger privaten Gedanken auf seinem Blog zum Besten gibt, danach wird durchaus gezielt gesucht.

Somit ist jeder herkömmliche Blogger – auch der Musikblogger – zunächst ein Niemand, der anfangs den Algorithmen der Suchmaschinen hoffnungslos ausgeliefert ist, sich selbst als Marke etablieren muss, um nicht gänzlich dem Zufall überlassen zu sein. Wer also nun das Bloggen mit einem Funken an Ernsthaftigkeit betreibt, wird Klickzahlen Bedeutung zugestehen. Wird eine Vernetzung mit Gesinnungsgenossen mit ähnlichem thematischen Schwerpunkten suchen. Blogroll, ich hör dir trapsen! Im speziellen Fall mutet es nicht unlogisch an, dass der Musik behandelnde Freizeitschreiberling mehr früher als später mit Bands, Labels und Promotionfirmen konfrontiert wird. Ich verwette mein mit noch reichlich Haupthaar gesegnetes Köpfchen, dass es jedem in der Linkliste von Lie In The Sound beheimaten Kollegen bereits so ergangen ist. Man soll mir also nicht attestieren, dass die These der Vereinnahmung gar so weit hergeholt sei. Mit jenen Kontaktaufnahmen beginnt dann die Malaise erst richtig, man wird zum Multiplikator für Nachrichten und Namensnennung. Je unbekannter die Band oder der Künstler, desto schwerwiegender jede einzelne Erwähnung. Wieso sollen just hier nicht die Mechanismen der realen Welt greifen und das Spiel Eine Hand wäscht die andere beginnen? Man bekommt CDs, Konzertkarten und widmet seine Finger im Gegenzug auch Alben, die man sonst nie und nimmer angehört geschweige denn gekauft hätte. Sobald der Blogger-Heini eine gewisse tägliche Resonanz einheimst, lauert das Fettnäpfchen.

Machen wir uns nichts vor, das Internet lebt davon, dass jeder, der wenn auch nur mit Ach und Krach dem Analphetismus abgeschworen hat, seinen Beitrag dazu leistet. Das muss nicht einmal besonders konstruktiv geschehen, kann in der beschränkten Öffentlichkeit eines Chats oder Forums passieren – oder eben auf einem Blog. Und da Meinungsbildung eben nicht nur über die hochoffiziellen Kanäle journalistischer Online-Angebote geschieht, sind besonders die Amateure für die Vermarktungsmaschinerie interessant, die den Blog nicht mit einem Tagebuch verwechseln, ihn vielmehr thematisch ausstaffieren.

Meine Erläuterungen sollen verdeutlichen, dass auch der Blogger nicht per se authentischer agiert. Die Kanaille heißt aber nach wie vor Journaille. Denn ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass sich der Blogger längst zum unabdingbaren Korrektiv gegenüber der Berufsschreiberzunft aufgeschwingen musste. Wo Fachzeitschriften die eigene Position überstrapazieren und längst nur mehr Standgericht spielen, das eigene Urteil in knackige Zeilen pressen, oder aber im konträren Fall die Meinungshoheit über das eigene Medium abgegeben haben und lediglich noch zum Echo von Pressemitteilungen verkommen sind, kann der Pluralismus der Bloggerszene ein notwendiges Gegengewicht erzielen. Und exakt aus dieser Bewertung heraus, lege ich an den bloggenden Menschen höhere Maßstäbe an.

SomeVapourTrails

Der Musikblogger – ein unverstandenes Wesen

Wer schon immer musikversessen war, aber bereits im Kindesalter ins falsche Ende der Blockflöte blies, der wurde in der guten alten Zeit Musikkritiker. Und da die Aufgabe des Feuilletons und der Fachpresse von jeher im Verwalten des Kanons hochwertiger Kunst bestand, wurde ganz eifrig ausgesiebt, gute Musik ins Töpfchen und schlechte ins Kröpfchen. So bekamen allgemein anerkannte Bands breite Aufmerksamkeit und ungefällige Künstler wurden dem Schlund des Vergessens übergeben. Dieses Schema existiert nach wie vor, aber seit dem Eintreten des Internets in unser aller Lebenswirklichkeiten machen sich nun Jahr für Jahr mehr Dilettanten – auch Blogger genannt – daran, ihren Senf zur Musikrezeption beizusteuern. Mit ungeahnten Auswirkungen…

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-2005-0731-504,_Westzonen,_Diktierger%C3%A4t_%22Dimafon%22.jpg
Die Gründerzeit der Musikblogs (Quelle: Deutsches Bundesarchiv auf Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz)

Stand für das professionelle Rezipiententum noch die Beurteilung und Einordnung von Werken im Vordergrund, ging es den Laien um den Transport von Nachrichten und der Beförderung der eigenen Begeisterung in die Weiten des Netzes. Enthusiasmus und Engagement konkurrierte vermehrt mit journalistischer Distanz. Doch all die Blogs trafen den Nerv der Zeit, die Form der neuen Darreichung musikalischer Wahrnehmung fand breiten Zuspruch. Und führte dazu, dass auch etablierte Print-Magazine im Online-Sektor einen legeren Ton anschlugen. Primär interessiert heutzutage nicht mehr das Urteil, es sind Musiknachrichten, über die im Web geschrieben wird. Das neueste Video, die aktuellen Termine der Tour, solcherlei eben. Das Schreiben über musikalische Inhalte ist über weite Strecken zur PR-Aktion verkommen, die lediglich an der Oberfläche kratzt.

Man könnte nun dem Blogger den Stinkefinger zeigen und diesen für den Untergang des gehaltvollen Umgangs mit Musik verantwortlich machen. Doch das wäre viel zu kurz gegriffen. Denn eigentlich haben die mehr oder minder begabten Amateure doch nur eine Lücke in der Meinungsvielfalt geschlossen und sich ihre begeisterungsfähige Unschuld im Entdecken neuer Künstler zunächst bewahrt, trugen die Nase nicht so hoch, um zukunftsträchtige Talente erst auf Zuruf von Labels wahrzunehmen, buddelten selbst – wurden fündig. Ohne die Bürde des sich geziehmenden journalistischen Abstands konnte die persönliche Befindlichkeit in eine Wahrnehmung von Musik verstärkt eingebunden werden. Das kam an.

Dann aber kam Gott – heute besser unter dem Namen Google bekannt. Und das Unheil nahm seinen Lauf. Je mehr über Musik geschrieben wird, sobald eine gewisse kritische Masse an Inhalten überschritten wird, beginnt der Kampf um Aufmerksamkeit. Das Buhlen um jeden verdammten Leser. Der Wettlauf um die Search Engine Optimization. Im unüberschaubaren Dickicht an Blogs zählen heute die Kniffe mehr als jede Begeisterung oder die Befähigung zum schriftlichen Ausdruck. Von SMS und Twitter geprägte Konsumenten legen Wert auf Kürze, wortgewaltiger Firlefanz erscheint überflüssig.  Die Verkettung von Subjekt, Prädikat und Objekt genügt. Und da der Text zur trivialen Nebensache verkommt, der Inhalt den Stil vollends in den Schatten stellt, wird das Schlagwort zur neuen Währung. Platziere die richtigen Buzzwords und Google liebt dich, Klick um Klick winkt als Belohnung. Eine feine Schreibe wird im täglichen Buhlen um Aufmerksamkeit nicht gefordert – somit auch nicht gefördert. Google schert sich darum nicht, der Durchschnittsnutzer auch nicht. Nur so als Randbemerkung: Das haben freilich nicht nur Blogger erkannt, fast alle Online-Medien veröffentlichen mittlerweile Texte, die die deutliche Handschrift eines Praktikanten tragen. Jener kosten eben nahezu nichts und schafft es dennoch, eine Meldung abzuliefern, welche die gröbsten Fakten beinhaltet. Nach mehr wird im Internet selten verlangt.

Wenn also die Aufbereitung lediglich hinsichtlich des Layouts eine Rolle spielt, die schiere Meldung ins Rampenlicht rückt, jeder ein Stück vom Leserkuchen haben will und auch die hauptberuflichen Akteure auf die Quantität lugen, dann dampft die Kacke. Wer jedoch will sie riechen? Die Nivellierung auf einen Niedrigpegel gerät zur Notwendigkeit, um in modernen Zeiten  zu reüssieren. Von einem Anspruchsgedanken hat man sich im Internet nahezu geschlossen verabschiedet, denn dieser steht diametral den Klickzahlen entgegen, die das Ego des Bloggers streicheln und monetär ausgerichteten Webseiten Werbekunden bescheren. Darum wird das letzte Quäntchen an Anstrengung in SEO investiert.

Als weitere Komponente für den vermuteten Sittenfall von Musikblogs sei die Vorgangsweise von Promotion-Firmen und Labels ins Feld geführt. Darf man der Hand, die einen füttert, ein Auge aushacken? Wenn Blogger als Gegenleistung für den Erhalt eines Promo-Exemplars natürlich auch – wenn möglich nur positiv – über jene Veröffentlichung berichten sollen, dann entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis, welches schnell in allgemeine Lobhudelei mündet. Je mickriger die Blogpräsenz, desto wichtiger gerät die „vertrauensvolle“ Zusammenarbeit. Je edler der Roster der PR-Agentur, umso eher wird der Blogger zum Werkzeug. Die Vereinnahmung der Blogger gelingt perfekt. Allerdings kämpfen auch große Blogs, die sich dann gerne bereits einen Magazinstatus verleihen, mit der Tücke des Geschäfts. Sie können sich Verrisse leisten, Promo-Kopien als Kaffeebecheruntersetzer nutzen, aber um ihre Leserschaft bei der Stange zu halten, müssen aus sie über die aktuellsten Hypes berichten. Sonst sagen die Klickzahlen im Sinkflug Arrivederci! Denn natürlich wird im Internet vor allem nach der Art von Musik gesucht, die gerade in aller Munde ist. Da will niemand Vampire Weekend ignorieren, wenn alle Welt diesen Act mit glitzernden Augen betrachtet. Derart schaukeln sich Hypes auf. Längst hat die Gleichschaltung von Amateuren wie Fachkräften den Einheitsbrei wiederhergestellt, gegen den Blogs einst vielleicht sogar unbewusst aufmuckten.

Und so wie manch Blogs die Pressemitteilungen zu Alben im Wortlaut abdrucken und mit Geschick auf die SEO-Tube drücken, mit vielen Besuchern auch Werbeeinnahmen generieren, andere Blogs hingegen den virtuellen Schwanzvergleich mit der Aktualität der News dominieren wollen oder das Heil in ihrer Existenz als Linkschleuder suchen, wieder andere die Daseinsberechtigung von der tagtäglichen Entdeckung völlig unbekannter Bands ableiten und jeden Künstler mit unter 1000 MySpace-Freunden gleich als das nächste große Ding präsentieren, so tritt auch die Fachpresse die Flucht nach vorn an. Exklusive Inhalte, Kooperationen mit Plattenfirmen, all das verlangt ebenfalls den unvermeidlichen Tribut. Und so schließt sich der Kreis, denn da besonders Exklusivität Zugriffe beschert, scheinen allzu harsche Attacken gegen den musikalischen Status quo verpönt.

Wer mag sich noch unbestechliche Objektivität leisten? Wie hoch setzt man die eigene Schmerzgrenze an, ehe man entmutigt ob mangelnder Wahrnehmung im World Wide Web das Schreiben über Musik ad acta legt? Was muss passieren, um den eigentlich Spirit eines Blogs authentisch zu wahren? Mit welchem Vorsatz wird heute gebloggt? Geht es um die reine, mit missionarischem Eifer vorgebrachte Vervielfältigung der eigenen Meinung, um den Sprung ins Scheinwerferlicht einer Internet-Öffentlichkeit oder um die Liebe zu Klängen, Tönen, Stimmen und dem ganzen Scheiß? Wenn Schwarz und Weiß das gegenwärtige Denken dominiert, fällt der Ausdruck in Nuancen kaum auf, lockt nahezu keinen hinter dem Ofen hervor. Dem gegenüber steht die allgemeine Schönfärberei der Durchschnittlichkeit, freilich auch in musikalischen Belangen. Wie vermag man eine Einschätzung zu artikulieren, ohne Hochwertigkeit mit immer verzweifelteren Superlativen hervorzustreichen?

Die fast schon zum Stehsatz verkommene Krise der Musikindustrie wird im Netz durch eine mit Nibelungentreue zu Google gelebte Rezeption verstärkt. Der ironische Beigeschmack wird damit verstärkt, dass PR-Agenturen und Labels durch ihr Vorgehen zwar Fachpresse und Blogger auf Linie halten, aber eben nicht begreifen, dass sie sich dadurch das eigene Grab nur noch tiefer schaufeln. Der artige Konsument legt noch eine Schippe nach, vertraut den Informationsquellen, die längst schon wie vom Fließband den selben Quark produzieren. Für jeden Geschmack ist der passende Humbug vorhanden. Eingebildete Leser mit Indie-Attitüde werden ebenso vollgekotzt wie kleine Gören mit DSDS-Fieber. Letztlich liefert nämlich der auf Zeitgeist gestlyte Musikblog der gehobenen Tageszeitung, das Popkultur predigende wie desavouierende Magazin oder der mit Geheimtipps nicht geizende Miniblog den vermeintlich anspruchsvollen wie intellektuellen Hörern doch auch eine sehr berechenbare, vorgekaute Kost.

So darf aus heutiger Sicht das Experiment des Bloggens über Musik als wenig gelungen erachtet werden. So könnten sich die Musikkritiker eigentlich ins Fäustchen lachen, wenn sie nicht selbst schon in das Abbilden von Trivialitäten gedrängt worden wären. Die eigentlich Leidtragenden sind wiederum die Musiker, die trotz der Möglichkeiten durch Bandcamp, Soundcloud, MySpace und Konsorten einer seriösen wie wohlwollenden Rezeption harren, weil zuviel geschnattert und zuwenig handverlesen wird.

SomeVapourTrails

Stippvisite – 30/04/10

Und wieder einmal haben sich einige Links angesammelt…

Diskutiertipp:

Peter von Schallgrenzen wundert sich über einen Artikel, in dem der Tonspion wieder einmal kräftig schwadroniert – und dabei des Pudels Kern nicht wirklich trifft. Musikblogs per se Verletzung des Urheberrechts vorzuwerfen, legale Quellen als rar zu deklarieren und das eigene, kommerziell betriebene Online-Magazin als Hort der alleinigen Seligmachung anzupreisen, all das ist schon recht verzerrend. Wenn ich mir Mp3-Kategorien von nicht-kommerziellen, bekannten Indie-Blogs wie das klienicum so ansehe, dann sind die Fundgruben Label- und Künstler-Webseiten. Warum soll solch Verhalten nun Labels in den Abgrund stürzen? Im deutschen Raum gibt es viele seriöse Musikblogs, die Labels Tag für Tag mit Herzblut helfen wollen, ohne finanzielle Interessen. Kann man das auch vom Tonspion behaupten? Solch kritische Hinterfragung verdient so ein Eintrag allemal.

Vormerktipp:

Songwriter-Genie Mark Kozelek wird mit seinem Projekt Sun Kil Moon im Juli eine neue CD namens Admiral Fell Promises veröffentlichen. Ein absolutes Muss, ohne Wenn und Aber. Kozelek ist der Gott der gegenwärtigen Vertreter dieser Zunft und wer seinem Song Glenn Tipton einmal gelauscht hat, muss dieser Einschätzung zustimmen. Auch seinen letztes Studio-Album April zeigte den Meister in großartiger Form. Man sollte sich daher den 13. Juli dick im Kalender anstreichen. (via Paste Magazine)

Hörtipp:

Hinter Chapelier Fou verbirgt Louis Warynski, ein französischer Violinist mit ausgeprägtem Faible für Electronica. Das Album 613 erscheint am 30. April 2010 auch in Deutschland. Ein Anhören lohnt sich, ich werde das Album nächste Woche ausgiebiger besprechen. Bis dahin sei auf einen kostenlosen Download verwiesen:

Chapelier Fou – Secret handshake (radio edit) by Ici d’ailleurs

Rechentipp:

Was verdienen Musiker eigentlich so im Online-Dschungel? Wenn man den Zahlen des britischen Blogs Information is Beautiful Glauben schenken darf, dann sind auch Spotify und Konsorten keine Garanten für kräftig plätschernde Tantiemen. Der Eintrag How Much Do Music Artists Earn Online? sollte die Mär des in Saus und Braus schwelgenden Durchschnittsmusikers endgültig ins Reich der Fabeln befördern.

Verlosungstipp:

Unsere Verlosung zweier Alben von Pacific Theater läuft noch, einfach hier einen Kommentar hinterlassen. Die Band ist eine absolute Offenbarung, wie wir ja in den letzten Wochen mehrfach unterstrichen haben.

SomeVapourTrails

Über das Torkeln ins Rampenlicht – Eine Umfrage

2010 ist mittlerweile so weit gediehen, dass Voraussagen bereits durch Erfahrungswerte untermauert und Wünsche durch mehr oder minder trostlose Realitäten auf den Boden der Tatsachen geholt werden. Doch man wird ja dennoch Hoffnungen hegen dürfen. Wir von Lie In The Sound haben ein paar Blogger um Prognosen gebeten und schürften mittels folgender Fragestellung nach Gold: Welche Bands werden in diesem Jahr aus dem relativen Nichts ins Rampenlicht torkeln, stolpern oder schnurstracks hineinmarschieren? Welche Künstler oder Acts werden das Dark Horse der (im weitesten Sinne) Indie-Szene? Haben wir diese schon gesehen und in deren Veröffentlichungen geschwelgt, oder sind die Perlen noch unveröffentlicht?

Hier die Rückmeldungen:

Peter von Schallgrenzen: Dark Horse des Jahres? Meine prophetischen Fähigkeiten tendieren traditionmäßig gegen null. Aber wenn ich mir etwas erhoffe und wünsche, dann,  das abgesehen von der ganzen weinerlichen Indie-Grütze die wir noch als neue Überflieger ertragen müssen, endlich eine neue gute Prog-Rock Platte das Licht der Welt erblickt. Meine Hoffnung fokussiere ich hiermit auf das im Laufe des Jahres erscheinende neue Album von Gazpacho. Und dann erhalten die Norweger die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Und wenn das nicht klappt, höre ich mir alle Scheiben von „Her Name Is Calla„, von „Amplifier“ oder den „Deftones“  und alle am Puls der Zeit klebenden Blogger können mir den  Buckel runter rutschen. Amen.

Julian von DieKopfhoerer.de: Also, Beachtung finden werden auf jeden Fall Midlake und John Grant. Ich tippe noch auf She & Him (im Übringen werden wir auch von Zooey Deschanel als Schauspielerin noch mehr hören, in den USA hat sie ja bereits eine stetig wachsende Fangemeinde). Des weiteren bin ich vom Musikvideo von The Happy End sehr begeistert und in Bloggerkreisen könnte das ein großes Ding werden. Im Deutschrock wird Mein Mio punkten können, Minze wird nach Deutschland übergreifen und kleine Erfolge verbuchen. Ödlands Fangemeinde wird wachsen, Sophie Madeleine aus England wird mit ihrem Ukulelealbum bekannter werden. The Blue Van sind auf der Überholspur, hat ja Michael bereits erwähnt. Und Broken Bells werden das Radio erobern. Ansonsten wird man von Black Rust noch mehr hören, im Jazzbereich ist Fjoralba Turku im Kommen und wenn alle meine Wünsche in Erfüllung gehen bekommt Willie Nelson endlich die Anerkennung, die er verdient (glaube ich aber nicht dran).

das klienicum: die frage nach DEN acts im jahr 2010, welche sich zu leuchtenden beispielen ihrer zunft emporheben lassen, reibt sich an modischen befindlichkeiten, an halbherzigen wie willkürlichen zurufen der branche und ihrer nutzer, an spinnerten bewegungen im markt. ich bin längst von ab dem zu folgen, gar zu vertrauen oder ernsthaft teilhabe zu üben. zu viele als glückstreffer sicher gemeinte und gern hofierte künstler versanden in den wüstenstürmen unbarmherziger und dumpfer rezensenten. was sich schließlich abhebt, ist weder die spreu vom weizen, noch unbedingt geniessbar. die nische ist und bleibt der glücksgriff, der wahre star im rampenlicht.

Horst von Hey Tube: Außer den vielen musikalischen Platzpatronen bleiben schon jetzt drei wunderbare Ausnahmen. Und die werden ihren Weg machen. The Strange Boys mit dem Album „Be Brave“ verarbeiten Grenzwälle eben mal zu Feinstaub und ignorieren eine eventuelle Existenz von Grenzen. Drink Up Buttercup rühren auf „Born And Thrown On A Hook“ zusammen, was nicht zusammengehört. Mit Pop, Elektro, Psychedelic und famosem Refrain kommen Moonlight Bride daher. Mit viel Spaß und wenig Klischees auf „Myth“.

Michael von småstad: Eigentlich habe ich gar keine Ahnung was in diesem Jahr so unglaublich „heiß“ und angesagt sein wird, da ich mich aus dem aktuellen Musik-Business mit all seinen Aufsplittungen der Genres zurückgenommen habe. Wir haben doch eh alles schon 1000-fach gehört und das früher meist besser 🙂 Gönnen würde ich den Erfolg allerdings den Broken Bells (Die Protagonisten sind ja schon bekannt und erfolgreich), den Scanners (Tipp von Euch!), den charmanten Ladies von Lowood und Cory Chisel And The Wandering Sons. Und dann wird es hoffentlich noch ein paar alte Recken geben, die noch einmal die Ärmel hochkrempeln und uns mit guten Songs und Alben erfreuen. Noch ein Nachtrag: Ich will, dass Kashmir endlich den Durchbruch schaffen!! 🙂 Die hätten es inzwischen echt verdient…

Frank von pretty-paracetamol konnte zwar kein Statement liefern, aber wenigstens die Namen Delphic und Great Eskimo Hoax den Einschätzungen der Kollegen hinzufügen.

Was aber nun lernen wir aus den Aussagen? Dass jeder seine persönlichen Favoriten hat, dass Wunsch und Prophetie nicht immer Hand in Hand gehen können. Und wohl auch den Umstand, dass Blogs nicht zwangsläufig die von der Promotion vorgekauten Hype-Häppchen einfach nur verdauen. So vielfältig wie die Musikszenerie, so divergierend die Meinungen und Vorlieben der Blogger. Unsere eigenen Dark Horses werden wir in den kommenden Tagen zusammenfassen, dabei einige neue Namen fallen lassen. Auf alle Fälle gibt es auf deutschen Blogs mehr zu entdecken, als man vielleicht gemeinhin glaubt. Die oben angeführten Bands und Künstler sind ein guter Beweis.

(Die Verlinkungen zu den Bands haben wir als Service für die Leser selbst vorgenommen.)

SomeVapourTrails