Der Musiker und der Sozialstaat – Keine Utopie

Ich könnte mich mit natürlicher Selektion viel leichter anfreunden, wenn die Fitness derer, die sich letztlich durchsetzen, nicht oft mit ihrer Bereitschaft zur Skrupellosigkeit korrespondieren würde. Das gilt natürlich auch für die Musikbranche. Dass sich dort die Marionetten und deren garstige Strippenzieher als einzig fixe Konstante etabliert haben, liegt jedoch letztlich am für Manipulation und Schmierentheater empfänglichen Publikum. Die breite Masse präferiert das Spektaktel, nicht die Qualität. Und eben weil wir bevorzugen, was wir bevorzugen, trennt sich Spreu vom Weizen, machen wir uns über die Spreu her. Unsere Mägen verzehren sich geradezu danach.

Ich atme relativ viel Gelassenheit in dieser Diagnose, kann mich mit diesem Umstand gut arrangieren. Wer Mechanismen durchschaut, vermag von ihnen nicht überrascht zu werden. Ich tummle mich auch nicht Brötchen verdienend in der Branche, erlebe die Qual allenfalls als mitfühlender Beobachter.

Letztlich kann noch soviel Getöse um Gammelfleisch die reißerischen Schlagzeilen der Gazetten füllen, ein Gutteil der Menschen wird dennoch dort kaufen, wo der Fraß billigst angeboten wird, darauf vertrauen, dass es doch in Ordnung sei, oder aber mit dem Geschick der Apathie erst gar keine Zweifel aufkommen lassen. Letztlich hat der Wirtschaftstreibende genau zwei Möglichkeiten Gewinne in seine Kasse zu locken. Entweder er etabliert seinen Ruf über einen Qualität ignorierenden Kampfpreis – oder aber er kreiert eine Marke mit Unwiderstehlichkeitsfaktor und verankert diese mit viel Marketing in den Köpfen und Einkaufstaschen der Verbraucher.

Um im Musikbusiness zu reüssieren, wurden beide Strategien zu einer attraktiven Synthese verschmolzen. Man portionierte den Bockmist, der nur noch bedingt mit Musik verwandt scheint, in ein für jedermann erträglichen Maß, bot die schlichte Rezeptur mit viel Getöse an. Jene legitime Methode bedient die Nachfrage, sättigt ein Bedürfnis. Eitle Wonne allerorts? Denkste.

Denn seit über 10 Jahren wird die Dumpingkost von findigen Konsumenten via Filesharing genossen – kostenlos. Das wurde von Produzenten zunächst mit harten Bandagen bekämpft, letztlich ohne probate Mittel. Wenngleich der P2P-Hype ein wenig verebbt scheint, die über die Jahre mit viel Selbstbewusstsein zur Schau getragene Grundhaltung verbleibt: Musik darf (fast) nichts kosten. Das stürzte eine Industrie in die Krise, die billigen Ramsch zu stolzen Preisen verhökern suchte. Wer de facto nicht oder nur in geringem Umfang auf Qualität setzt, vermag in solch einer Situation den Preis nicht länger aufrecht erhalten.  Die Branche reagierte trotzig mit Druck und Einschüchterung und sah sich der Übermacht technischer Filesharing-Möglichkeiten in der Folge machtlos gegenüber.

Gegenwärtig freilich scheint das Musikbusiness die Antwort gefunden zu haben. Man pinkelt den Abnehmern nicht mehr ans Bein. Streaming-Flatrates treten im Mobilbereich ihren Siegeszug an. Ein kleiner Preis und alle Möglichkeiten. Die Täuschung und Enteignung glückt. Der Konsument jubiliert. Und gibt erfreut mehr Geld für komplementäre Güter wie Konzerte und Merchandise aus. Konzerte sind Events, man erkauft sich gute Laune und Ekstase – dafür besteht immer noch eine ausgeprägte Zahlungsbereitschaft. Ebenfalls so für die die eigene Hipness unterstreichenden T-Shirts. Das freut die Labels. Filesharing wird somit zu einem Old-School-Phänomen, das nicht länger den Untergang einläutet. Ende gut, alles gut?

Doch wie sieht es nun mit der Entlohnung für das Ersinnen von Kunst aus? Ja, ich nehme das Wort in den Mund, welches schon zum Unwort verkommen: Urheberrecht. Mir dünkt, dass sich selbiges überholt. Einen monetärer Nutzen aus der Kreation zu ziehen, das ist nicht mehr der Segen, jener liegt jetzt im Drumherum. Also nicht der direkte Kauf eines Lied oder gar nur der Stream, vielmehr die Verwertung im Rahmen eines Konzerts oder als Untermalung eines Werbespots und ähnliches generieren die Einnahmen, die am Ende des Monats das Überleben sichern. Das freilich verlangt vom Künstler noch mehr Erfindungsgeist hinsichtlich der Fanartikel, ein Mehr an Touren, die jedoch auch geschickt promotet werden müssen, damit sie sich rechnen. Was in den Hintergrund zu treten scheint, ist die eigenliche Gabe eines Songschreiber: Das Verfassen von Lyrics, die Komposition. Und wenn Urheber mit ihrer eigentlichen Beschäftigung kein Geld verdienen können, was dann? Im Zuge der Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung gab der an der Havard Business School beheimatete Professor Felix Oberholzer-Gee die frappant einfache wie flapsige Antwort: „Dafür haben wir den Sozialstaat.“ Tja…

Ich möchte nun zum Ausgangspunkt der Überlegungen zurückkehren. Die natürliche Auslese dieser Tage kennt zwei Wege. Entweder man entwirft ohne mit der Wimper zu zucken ein Produkt, welches auf den Geschmack der Masse zugeschnitten scheint, ergo leicht konsumierbar und nicht allzu hochwertig und gerne auch gammelig, oder aber man tüftelt an den Möglichkeiten sein Werk perfekt in Szene zu setzen, wozu es das Know-How der großen Plattenfirmen allerdings dringend braucht. Letztlich also führte das Internet mit all seinen Möglichkeiten zu keiner Befreiung der Künstler vom Ballast übermächtiger Labels, vielmehr verursachte die Entwertung von Musik durch das Filesharing die nächste Zwickmühle. Der eigentliche Schurke ist der Konsument, der diese Lösung Künstlern wie Managern aufoktroyierte. Man sollte nicht das Big Business oder den weltfernen Musiker als Sündenböcke ausmachen. Den Schwarzen Peter hält jeder selbst in der Hand. Wir hätscheln diejenigen, die unsere Anspruchslosigkeit umschmeicheln oder mit geschickter PR in ihren Bann tricksen. Die wahren Könner, die sich nie und nimmer anbiedern mögen, können schon mal zur nächstgelegenen Suppenküche tingeln.

Link:

Bericht zu den Wiener Tagen der Musikwirtschaftsforschung auf orf.at

SomeVapourTrails

Die Enteignungsfinte – Grundsätzliche Überlegungen zu simfy

Heute will ich mich einmal nur im Metier des Bildblogs bewegen und anfangs mangelnde journalistische Sorgfalt ankreiden. Natürlich lebt die Presse von Verkürzungen, aber man einen Umstand auch so lange auf wenige Worte eindampfen, bis diese die Faktenlage komplett ignorieren. Welt Online lehnte sich dieser Tage besonders weit aus dem Fenster, als  sie konstatierte, dass simfy Millionen Musiktitel an Nutzer verschenkt. Denn dieser gerade medial beklatschte Streaming-Dienst namens simfy, der eine kostenlose, weil werbefinanzierte Variante sowie eine Flatrate um 9,99 Euro zum Zwecke hemmungslosen Konsums von Musik anbietet, entpuppt sich nicht wirklich als eben erst ausgegrabener Stein der Weisen. Eher schon relevant scheint die Tatsache, dass alle großen Plattenfirmen ihre Kataloge geöffnet haben und ebenso wie die GEMA mit an Bord sind. Geschenkt bekommt man zunächst einmal bestenfalls die Option, Musiktitel im Internet in voller Länge anzuhören. Das entlockt mir noch kein Heureka!

Wer Radiohead mag, liebt auch Rihanna? Ansichtssache!

Was in einigen europäischen Ländern von Spotify bereits vorgeturnt wird, damit will simfy nun Deutschland penetrieren. Laut deren Vermarktungsstrategie sind CDs nämlich teuer und umständlich. Was simfy zu der Frage nötigt, wie es wäre, wenn man nicht nur die eigene CD- und Downloadsammlung sondern gleich das gesamte Regal des Lieblingsplattenladens immer dabei hätte und an jedem Ort nutzen könnte. Da das jedoch allzu verlockend anmutet, bedarf es einer misstrauischen Beäugung.

Als alter Haptiker habe ich mit dem Mieten von Musik so meine liebe Not. Ich bin wahrlich kein Verfechter überbordenden Strebens nach Besitz, aber was mir Faszination in die Augenwinkel treibt, das will ich stets verfügbar haben, immer und überall. Heute, morgen und in einem Jahr, auf alle Fälle länger als es die typische Halbwertszeit eines wichtigen Label-Managers vorgibt, ehe dessen Nachfolger wieder alles umkrempelt, neue Strategien hinterherhechelt und mit Lizenzen geizt. Flatrates für unlimitiertes Streaming mögen eine Generation ansprechen, die Musik längst als Wegwerfprodukt begriffen hat und ehemals favorisierte Bands oder Casting-Stars schneller vergisst als jeder Demenzkranke. Wer Wertigkeiten nicht begreift, für den erscheint solch Angebot tatsächlich dauerhaft attraktiv. Eben weil es das gegenwärtige Verlangen stillt und nicht auf Nachhaltigkeit setzt.

Möchte ich den wichtigen Plattenfirmen eine List unterstellen? Ja! Denn tatsächlich konnten sich die Chefetagen zu einem neuen Blickwinkel durchringen. Wenn sich der Kampf gegen die Windmühlen des Filesharings als Afghanistan der Industrie herauskristallisiert, braucht es clevere Lösungen. Nun, da Bandbreite kein größeres Problem verursacht, Surf-Sticks nahezu jeden Laptop zieren und mobile Endgeräte mittlerweile nen Appel und ein Ei zu kaufen sind, scheint das Bett bereitet, in das sich die Labels nun kuscheln dürfen. Streaming kann eine tatsächlich als Mp3 dahinvegetierende Plattensammlung bestens ersetzen. Der Konsument vermag immer genau das Lied anhören, wonach ihm just der Sinn steht – und verfügt dennoch nur bedingt darüber, verliert seinen Besitzanspruch. Lange wurde gegrübelt, wie man den Durchschnittshörer knechtet. Digital Rights Management blieb erfolglos, weil viel zu offensichtlich. Der Ansatz einer Streaming-Flatrate gerät weitaus geschickter, weil er sich als Service zu moderatem Preis tarnt.

Ich bezweifle auch, dass Streaming-Portale das Einkommen des herkömmlichen Musikers auf neue Spitzen treibt. Dazu ist die Auszahlungssystematik der GEMA nicht konzipiert. Denn während es beim physischen Erwerb von CDs noch klare Faustregeln und Geld in die Pranke gibt, geraten die Erlöse beim Streaming noch recht bescheiden.

Wem außer Startups und Sony, Universal und Co. nützen Spotify und simfy wirklich? Selbstredend sind solch Angebote für den Verbraucher und Musikfan als nette zusätzliche Form des Konsums nicht ungeeignet. Das will ich nie und nimmer leugnen. 10 Euro stellen eine sinnvolle Investition dar. Aber eben nur unter der Bedingung, dass man sich bis in die Haarwurzeln die Konsequenzen bewusst macht. Nämlich, dass man kein verbrieftes Anrecht auf die Musik erwirbt und für den Normalo-Künstler die Bäume auch nicht in den Himmel wachsen. De facto ist die Chose also eine nette Enteignungsfinte. Das mag anders sozialisierten Menschen am Arsch vorbeigehen, meine Begeisterung ob dieses Umstands hält sich zugegebenermaßen in ganz engen Grenzen.

Links:

nicorola – in diesen Dingen sehr beschlagen – hat simfy einem Praxistest unterzogen.

Was Musiker online an Einnahmen generieren, findet sich auf Information is Beautiful.

SomeVapourTrails

Warum eine Musik-Flatrate anrüchig scheint…

Ja, ich habe es schon längst verstanden. Die Major-Label Universal, Sony, EMI und Warner sind doch nur auf größtmöglichen Profit aus – und weil dieser nicht mit Schostakowitsch zu erzielen scheint, hieven sie halt Ramsch in die Charts. Die Vormachtstellung der großen Vier verhindert jedwedes Aufkeimen alternativer, niveauvoller Labels und Konzepte. Überhaupt fressen diese bösen Primusse sogar Kinder! Tja, und dass die real existierenden kleinen Plattenfirmen den Markt nicht aufzumischen wissen, das darf wahlweise der unglücklichen Verquickung von Idealismus mit mangelndem Geschäftssinn oder einer kruden Künstlerwahl angelastet werden. Wie man das von gewissen Kreisen artikulierte gesunde Volksempfinden auch dreht und wendet, dem Konsumenten und vermeintlichen Musikliebhaber fällt immer die Rolle des Unschuldsengels zu. Sich die Hände in Unschuld zu waschen, während man genug Dreck am Stecken hat, das mag zwar eine konsequente Verdrehung der Tatsachen darstellen, aber eben keinen Lösungsansatz bieten.

Dieser Tage wird wieder vermehrt über eine Musik-Flatrate bzw. eine generelles kulturelles Rundum-Sorglos-Paket für digitale Gefilde debattiert. Ihre Proponenten wollen mit dieser von staatlicher Seite oktroyierten Lösung vorherrschende Zustände legalisieren. Gerade jüngere Semester, die mit der Tauschkultur sozialisiert worden sind, sollen auf diese Weise mit ins Boot geholt werden, so die ein wenig heuchlerische Begründung. Warum solch eine Abgabe auf Breitbandanschlüsse, die ohnehin von den Eltern bezahlt werden würde, Teenagern ein Bewusstsein für den Wert von Musik vermitteln soll, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen. Eher schon könnte dieses Konzept eine andere, bedenkliche Tendenz noch weiter verstärken. Musik verkommt immer mehr zu einem Trend, der ein paar Wochen anhält und dann dem Vergessen anheim fällt. Unsere schnelllebige Zeit verringert die Wirkungsdauer eines Werks drastisch. Ein im Dezember die Charts stürmender Hit scheint im März schon wieder völlig vergessen, kommt aus der Mode, wird von neuen Hits verdrängt. Dieses Muster führt natürlich dazu, dass Musik sich schnell verflüchtigt, keinen bleibenden Eindruck hinterlässt – und somit auch nicht gekauft werden muss. Wer erinnert sich denn noch an den letztjährigen DSDS-Gewinner, dessen Single letzten Sommer wohl oft im Radio oder auf VIVA zu hören und zu sehen war? Warum sollte die Generation Filesharing für etwas bezahlen, was sie letztlich immer nur kurze Zeit zu fesseln vermag und das es bis dato kostenlos gab. Und wenn aus Teenagern Erwachsene werden, wird jene Mentalität nur in seltenen Fällen eine Änderung erfahren.

Und liegt dies nun wirklich ausschließlich darin begründet, dass uns die vermeintlich bösen, großen Labels nur mit musikalischem Schrott bombardieren? Natürlich nicht. Denn es gibt Alternativen, die selbstredend via Torrent oder Rapidshare erhältlich sind. Doch die Masse der Konsumenten kann sich mit Indie eben nur bedingt anfreunden – egal ob gekauft oder gesaugt.

Wenn also die wortgewandten Verteidiger des Tauschunwesens den schwarzen Peter der Musikindustrie zuschieben, werden die Opfer zu Tätern umgedeutet. Nicht überhöhte Preise oder törichte Kopierschutz-Mätzchen haben die Umsätze ins Bodenlose fallen lassen, es war die vor über 10 Jahren begonnene Sozialisierung von Jugendlichen, die künstlerische Schöpfungen letztlich als Wegwerf-Produkt ansieht. Die Methodik des unreglementierten Tausches, der eben nicht mit dem Recht auf Privatkopie zu rechtfertigen ist, hat zu einer höchst beliebigen Austauschbarkeit von Liedern geführt, die bei Platzmangel auch von der Festplatte gelöscht werden oder ungehört in den Untiefen der Verzeichnisse verschimmeln.

Eine staatlich Zwangsabgabe, wie es die Musik-Flatrate letztlich sein könnte, würde vor allem Unschuldige treffen. Diejenigen, die nichts zahlen wollen, würden ihr mit allen erdenkbaren Mitteln ausweichen. Die Konsumenten wiederum, die mit ihrem Geld die marode Branche bislang über Wasser halten, würden sich wohl vielfach auf diesen Betrag zurückziehen und damit vielleicht oft weniger ausgeben, als sie es momentan tun. Bleibt die Masse derer, welchen Musik wenig bedeutet, die nichts kaufen, geschweige denn runterladen. Sollte man eben sie für eine Misere schröpfen, die sie nie und nimmer verursacht haben? So sehr mir Musik auch am Herzen liegt, aber das hielte ich für anrüchig.

Warum auch der von mir geschätzte Tim Renner hier irrt, werde ich demnächst noch beleuchten.

Link:

Pro und Contra Musik-Flatrate

SomeVapourTrails

Friendly Fire oder doch ein Schlag ins Kontor der Copyright-Ignoranten?

Selbst die Crack-Hure in meiner Straße hat es schon von den vom Dach zwitschernden Spatzen vernommen: Google ist böse. Ja, dies Liedchen lallen nicht mehr nur die miesepetrigen Apologeten eines freien Internets. Längst ist Google vielen mehr Osama als Obama. Als der Blog-Hostingservice Blogger.com, dessen Inhaber Google ist, in den letzten Tagen manch auf das Verbreiten mehr oder minder legaler Mp3s spezialisierten Blog einfach so das Licht auspustete, führte dies zu einem temporären Kammerflimmern in der musikaffinen Szene. Doch wie so oft fällt die Wahrheit bei dem ganzen Tohuwabohu zu allererst über Bord. Daher werfe ich nun ein paar Tatsachen als Rettungsring hinterher.

Auf der Jagd nach illegalen Downloads via Torrent, wird man bei Google stets fündig. Treffer reiht sich an Treffer. Dass die Suchmaschine somit als Wegweiser für Copyright-Brecher agiert, bringt Google natürlich immer dann in einen Erklärungsnotstand, wenn die Firma saubermännisch agieren will. Ein paar kleine Blogs, die möglicherweise unberechtigt Mp3s auf Blogger.com hosten, zu löschen, aber gleichzeitig Torrent-Seiten nicht zu filtern, das birgt einen schalen Beigeschmack.

Trotzdem ist Google nicht der Hauptverantwortliche für dies Schlamassel, wenngleich es natürlich doch eine fragliche Praktik scheint, den Inhaber des gelöschten Blogs über die näheren Umstände des Handelns im Dunkeln tappen zu lassen. Im Zweifel gegen den Angeklagten zu entscheiden, ihm keine Chance zur Rechtfertigung einzuräumen, solch Mechanismen kennt man im Normalfall lediglich von totalitären Regimen. Im Kern jedoch liegt das Problem bei Bloggern und Plattenlabels. Solange manch Blogger nicht begreifen möchte, dass man nicht einfach irgendeine Mp3 ohne Genehmigung zum Download anbieten kann, sogar wenn selbige auf einer reputablen Quelle ebenfalls frei verfügbar scheint, wird sich an der Problematik nichts ändern. Auch das beliebte Feilbieten von Mp3s zum Zwecke des Probehörens gerät zur Augenauswischerei. Viele Musik-Blogs halten sich einfach nicht an die Regeln des Copyrights. Punkt. Unter dem Deckmäntelchen der Förderung von Musik lässt sich viel verbergen, was dennoch nicht den Gesetzen entspricht.

Jenes Verhalten ruft natürlich wackere Krieger auf den Plan. Die im Auftrag von Plattenfirmen agierenden Heerscharen von Anwälten trachten danach, die unzähligen Verstöße aufzuspüren. Und da es sich als einfacher erweist, gegen von Google gehostete Blogs vorzugehen, anstatt sich mit irgendwelchen russischen Torrent-Seiten erfolglos rumzuschlagen, wurden ja auch bereits in der Vergangenheit Löschungen beantragt und durchgeführt. Kollateralschäden sind natürlich einkalkuliert. Da Majors längst über Dutzende Sub-Labels verfügen und das Marketing oft an Promotionfirmen übertragen, weiß die eine Hand schon längst nicht mehr, was die andere gerade so macht. Was die musikalische Tochter erlaubt, kann dem Herrn Papa sauer aufstoßen. Hier liegt der Hund begraben. Wenn ein Rechte-Wirrwarr auch den übervorsichtigen, tadellosen Blogger  ab und an in die Bredouille führt, dann sollte sich die Musikindustrie doch fragen, inwieweit sie nicht in die Fettnäpfchen der von ihr selbst vorangetriebenen Online-Promotion tappt. Solange Internet-Dilletanten, die die Bedeutung des Wortes Widget nicht kennen, denjenigen ins Handwerk pfuschen, welche Musik im Web als Chance begreifen und nicht per se auf Filesharing reduzieren, wird das Kuddelmuddel seinen Lauf nehmen.

Symbolbild: Systemimmanenter Beißzwang der Musikindustrie.

Symbolbild: Systemimmanenter Beißzwang der Musikindustrie.

Lösungen? Sie existieren. Sind jedoch wohl zu sehr von gesundem Menschenverstand durchdrungen, als dass sie in unserer ach so komplizierten Welt erfolgversprechend wären. Wenn man einen Track eines Albums als „Lockmittel“ kostenfrei anbietet, könnte eine (temporäre) Lizenz zur unbesorgten Weiterverbreitung Rechtssicherheit schaffen. Eine weitere Möglichkeit läge in einem in der Mp3 verankerten individuellen Wasserzeichen, welches quasi die Erlaubnis zur Verbreitung des Liedes beinhalten würde. Damit könnte Friendly Fire verhindert und die Verbreitung gewisser Songs im Sinne kostenloser Promotion ungehindert forciert werden. Denn letztlich wird man den Copyright-Ignoranten nur dann entgegentreten können, wenn man diejenigen, die Musik fördern wollen, mit ins Boot holt.

Und damit nicht genug. Wenn Labels nicht Verwirrung stiften, springen eben Verwertungsgesellschaften wie die GEMA in die Presche. In deutschen Landen zählt die Erlaubnis einer Plattenfirma zum Hosten einer Mp3 wenig, wenn der Künstler bei der GEMA unter Vertrag steht. Diese will dann nämlich – kostenloser Download hin oder her – dennoch Kohle sehen. Und zwar vom werten Blogger. Viele Fallstricke warten auf Musik goutierende und darüber berichtende Zeitgenossen. Einer Branche, die sich samt und sonders derart chaotisch, panisch und unflexibel benimmt, die Treue zu halten und diese durch Berichte über Musik zu unterstützen, das verlangt Langmut und Charakterstärke.

Links:

Artikel auf Motor.de

Bericht auf Laut.de

Stellungnahme eines Betroffenen

Beitrag auf Paste Magazine

Unverbesserliche Ansicht eines Copyright-Ignoranten

SomeVapourTrails

Die großen Nullen – Spiel mir das Lied vom Kot

Nachdem das Haltbarkeitsdatum des Jahrzehnts überschritten und eine frisch gebackene Dekade pfirsichhäutig erwächst, darf man getrost das Kind mit dem Bade ausschütten. Das Vermächtnis der abgelaufenen Dekade besteht in geringem Umfang aus epochalen kompositorischen Glanztaten, der eigentliche Furor manifestierte sich in iPods, der Unendlichkeit des Webs, dekatenten und vom Filesharing gebeutelten Plattenfirmen sowie einer karnickelhaften Vermehrung von Castingshows.

Nehmen wir die malträtierten Moloche zuerst ins Visier. Wenn sich eine ganze Branche nur noch in smarten Marketingfeldzügen ergeht und die jahrelang gewieft praktizierte Ausbeutung der Konsumenten zu perfektionieren sucht, wenn lediglich diese Fertigkeiten erlernt und überstrapaziert wurden, dann darf es nie und nimmer verwundern, dass eine Sinnkrise – wie es rapide sinkende Absatzzahlen nun einmal sind – ohne kreative Lösungen bewältigt wird. Schockstarre und Beißreflexe haben noch selten Probleme vom Tisch gewedelt. Deshalb charakterisieren die Nuller-Jahre das demenzhafte Dahinsiechen einer Branche, die zuvor wie Unkraut gedieh. Nun kann man dies vom evolutionären Standpunkt durchaus mit Wohlwollen beklatschen. Evolution kennt keine Moral und keine Skrupel. Und doch bleibt die vermaledeite Ursache das Filesharing. Ob als Überzeugungstäter oder aus Gedankenlosigkeit heraus, erbarmungslos nahmen die Tauschenbörsenjünger auch Kollateralschäden in Kauf. Für all die Musiker, die eben nicht Madonna oder U2 heißen, wurde in der vergangenen Dekade die Luft ebenfalls dünn.

Zwar entwickelte die Weite des Internets ungeahnte Möglichkeiten des Vertriebs, der Vermarktung und Etablierung von Musik. Letztlich zündeten Ideen wie Creative Commons nicht wirklich. Und den Bekanntheitsgrad mittels massenhaften MySpace-Freundschaftsanfragen zu steigern, hat auch noch keine Band in die Charts gehievt. Im Endeffekt spiegelt das Web ein Stammtischverhalten wider. Wer am lautesten schreit, glaubt gewonnen zu haben. Ein Irrtum. Weder Fleiß noch Liebe zu Detail und schon gar nicht spammige Penetranz sind der Schlüssel zum Erfolg. SEO zählt weitaus mehr, ebenso wie Viral Marketing. So doof der durchschnittliche Internet-Nutzer auch sein mag, er kann jedoch erkennen, wenn er für dumm verkauft wird. Je subtiler und hinterhältiger die Köder ausgelegt werden, desto eher zeitigt dies Wirkung. Die Selektion im Internet ist nichts für charakterfeste oder gar naive Zeitgenossen.

Und doch ließ sich in den letzten 10 Jahren mit Musik auch massig Geld verdienen. Besonders wenn man auf Schein und in geringer Dosis auf Sein setzte. Dergestalt vermochte Apple Plagen über die Menschen auszuschütten, in Form von iPod, iTunes und iPhone. Zumindest in den Belangen der Hardware wurde Design zur alles überstrahlenden Konstante. Längst ist es egal, was man so hört, vielmehr zählt, ob man es mit einem iPod hört.

Wenden wir unser gedankenschweres Haupt noch dem kunterbunten Treiben diverser Castingshow-Formate zu. Der frisch-fröhliche Aufmarsch musikalisch unbegabter Menschen wurde nur noch durch die hündische Ergebenheit übertroffen, mit welcher die Kandidaten Würde für vermeintlichen Erfolg opfern wollten. Ob Popstars oder DSDS – immer wurde von den Machern Qual mit Disziplin, divaesques Gehabe mit Ausstrahlung, klamaukige Attitüde mit Humor, schriller Gesang mit Emotion und Untalentiertheit mit Entwicklungspotential verwechselt. Dass Stars keinerlei kreativen Anstrich benötigen, schien sich stillschweigend als Grundvoraussetzung zu etablieren. Das eigentliche Opfer des Castingwahns stellten weder die voyeuristische Unterschicht dar, auch nicht die willigen Anwärter auf kurzlebigen Ruhm, vielmehr waren die eigentlich Geschädigten die Musiker, die ihre Kunst nicht als marionettenhaftes Handwerk begreifen. Der Beruf des Musiker scheint mittlerweile beinahe so anrüchig, wie es der des Henkers bereits ist.

Die Jahre der großen Nullen sind in vielerlei Hinsicht eine Farce. All die genannten Beispiel zeigen, dass die Kacke am Dampfen scheint, Musik als Kunstform abgedankt hat. Lieder und Alben und Interpreten sind nun mehrheitlich Ausscheidungsprodukte einer am Zahnfleisch kriechenden Industrie. Die Legionen der Niveaulosen stürzen sich darauf noch wie Fliegen auf einen Hundehaufen in der sommerlichen Mittagssonne. Doch ein Stück Hundescheiße ist halt nicht der Stein der Weisen. Und dennoch gilt, spiel mir das Lied vom Kot…

SomeVapourTrails

Wenn der Bock gärtnert

Meistens darf mal vieles nicht, manchmal darf man was, aber auch nicht immer. Konkreter hätte ich die rechtlichen, aber rechtlich unverbindlichen FAQ: Was darf ein Musikblog? des Tonspions nicht zusammen fassen können.

Lustig finde ich folgende Passage:

Trotzdem ist es das gute Recht von Urhebern, selbst zu entscheiden, wo und wie ihre Musik veröffentlicht wird und dieses Recht sollte generell respektiert werden.

Weil Herr Raaf vom Tonspion… selber immer wieder gegen die eigenen Gebote verstößt und seltsame Wege begeht.

Wie heißt es doch so schön: „Erstmal vor der eigenen Haustür kehren.“ Und: „Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Schnauze halten“.

Das Thema Mp3s auf deutschen Blogs ist ein sehr komplexes. Die schwammigen Irgendwie-Irgendwas-Formulierungen des Tonspions helfen niemandem weiter. Allgemeingültiges lässt sich eh schwer sagen. Die Rechte müssen (und können) immer individuell mit den Künstlern, Labels oder Promofirmen abgeklärt werden. In vielen Fällen scheitert es an der GEMA-Gebühr, aber eben auch nicht immer (ist Verhandlungssache).

Mich ärgert dieser Beitrag des Tonspions sehr, da er unglaublich scheinheilig ist. Schon häufig hat das  Magazin mich auf Seiten verwiesen, die ich für extrem zweifelhaft halte. Desweiteren gewann man den Eindruck (nicht nur ich), der Tonspion ließe gerne andere die „Drecksarbeit machen“, verlinke dann auf das Angebot, ohne selber Strafe fürchten zu müssen, jedoch mit dem Gewinn eine vermeintlich legale + kostenlose Mp3 anbieten zu können.

Und, ach ja Herr Raaf, auf Augenhöhe mit Bloggern kommunizieren ist eh nicht so ihr Ding, ich weiß, nur so falls Sie mir wieder zwischen den Blumen mit bösen Folgen winken, falls ich es noch mal wage, Sie zu kritisieren. Von wem und aus welcher E-Mail stammen nochmal diese Worte:

hallo,

wir können nicht für jeden einzelfall die garantie übernehmen, dass das
korrekt so frei gegeben wurde,[…]
am ende haftet derjenige, der die sachen veröffentlicht im netz. weder
du, noch wir.

Ach… diese Aussagen stammen von Ihnen. Nein, wirklich?… alles weitere haben wir ja schon hier diskutiert, oder? Es gibt auch Leute, die prüfen die Seiten, auf die sie verlinken. Ehrlich, dass macht Arbeit, ich weiß und auf manche attraktiven Fünde, muss man dann verzichten….

Eins haben wir wiedermal gelernt: Andere Mp3s hosten lassen, schützt vor Strafe, nur det mit dem Deep-Linking kann gefährlich werden…. und wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, gell.

DifferentStars

Die Unkultur wird längst zur Kultur hochstilisiert

Man möge mich mit Vernunft geschlagenen Zeitgenossen doch endlich einmal in die verquere Logik der ganzen Filesharing-Befürworter einweihen. Ich bitte ehrlich darum. Einer im britischen Independent zititerten Studie zufolge sind Filesharer wieder einmal die eigentlichen Zugpferde der maroden Musikindustrie, die sämtliche finanziellen Ressourcen in den Dienst der guten Sache stellen und den Karren aus dem Dreck zerren. Von 1000 befragten Teilnehmern bekannten sich 10 Prozent zu illegalen Downloads. Eben diese 10 Prozent gaben an, durchschnittlich 77 Britische Pfund pro Jahr für den legalen Erwerb von Musik auszugeben, während der Rest im Mittel lediglich 43 Pfund investierte. Nun birgt solch ein Resultat gerade jetzt in Großbritannien Sprengstoff, da dort ja das Kappen von Internet-Anschlüssen bei wiederholtem Filesharing kurz vor der Umsetzung steht.

Nun beschert mir dies Ergebnis doch die eine oder andere Stirnfalte. Wenn diejenigen, welche Copyright verletzen, indem sie Musik unerlaubterweise digital verbreiten oder auf Tauschbörsen verfügbare Songs herunterladen, wenn eben jene dies tun, obzwar sie ohnehin planen das eine oder andere Album käuflich zu erwerben, dann stellt sich die Frage nach dem Grund. Geht es rein um einen Soundcheck, um ein Probehören, ehe man dann doch in den Geldbeutel greift? Wenn das ein Motiv darstellt, dann wächst meine Verwunderung nur weiter an. Denn dank Streams, kostenlosen Downloads und dergleichen lässt sich heutzutage doch alles vorab einschätzen, wird die Katze nie im Sack gekauft. Wieso dies Wagnis, vor allem mit dem Wissen um eventuelle Folgen?

Was mir bei vielen dieser Studien mit ähnlichem Tenor fehlt, ist die Anzahl der Lieder/Alben, die die so vermeintlich finanzstarken Teilnehmer illegal runterladen. Bei 77 Pfund gehe ich von 80 Songs oder ungefähr 8 CDs pro Jahr aus. Soll ich nun wirklich der Vermutung verfallen, dass auch die Größenordnung der über P2P erlangten Musik ähnlich wiegt? Und werden solch Downloads, die weniger Gefallen finden, auch brav von der Festplatte verbannt? Das würde mich doch sehr interessieren. Mein Drang dies Phänomen zu begreifen, dieser Wunsch ist durchaus ehrlich gemeint. Man joggt doch auch nicht zum Hehler, erwirbt dort eine Stereoanlage von Sony, testet diese in den eigenen vier Wänden nach qualitativen Kriterien und stürmt dann das Fachgeschäft des Vertrauens, um sich diese dann feierlich und legal zu besorgen.

Vielleicht unterläuft mir auch eine Betriebsblindheit. Möglicherweise ist mein Ansatz falsch, dass die Mehrzahl von Menschen die Einschätzung teilt, dass Musiker nicht von Luft, Liebe und Talent zu leben vermögen und eine faire Entlohnung verdienen. Unter Umständen bin ich auch noch zu sehr in meiner Sozialisation mit physischen Tonträgern verhaftet – zunächst noch Vinyl, später die CD. Die digitale Kopie bleibt für mich damit seltsam materiell, erfährt keine Losgelöstheit von dem Schöpfer des Werks – und wird nie zur Selbstverständlichkeit, die keine Entlohnung kennt. Aus eben diesen Beweggründen halte ich es für bedenklich, die Unkultur des Filesharings zu einer Kultur hochzustilisieren, welche der eigentliche Antrieb für das lahme Vehikel der Musikindustrie sein soll.

Darf man davon ausgehen, dass Filesharern ein gesteigerteres Interesse an Musik innewohnt, als es bei Herrn Müller oder Frau Meier der Fall ist? Und dass sie eben deshalb neben dem täglichen Stehlen auch Geld auf ehrliche Weise ausgeben, derart wie ein Kleptomane in einem Karstadt auch das eine oder andere Kleidungsstück zur Kasse bringt? Sind Kleptomanen deswegen die Motoren des Aufschwungs? Oder doch Verursacher von Schäden?

Filesharern unterstellt manch Lanzenbrecher ein moralisches Unterscheidungsvermögen. Künstler von Major Labels werden geleecht, die Werke aus Indie-Schmieden werden gesaugt und hernach gekauft. Da verlangt man von den P2P-Fetischisten verdammt viel Insider-Wissen. Denn worauf Indie in fetten Lettern prangt, findet sich längst nicht immer Indie drinnen. Und warum sollte Indie unterstützenswerter sein? Dieser Prämisse folgend dürften Filesharer auch nur Tante-Emma-Läden entern und nie und nimmer ALDI ein Besüchlein abstatten – außer für nen gepflegten Ladendiebstahl.

Mich überzeugen die gefühlten hunderten Studien nicht, mit welchen immer der idente Tenor einherschreitet: Filesharer sind nicht böse, nur ein wenig anders und bedürfen der Zuwendung der Musikindustrie. Denn eigentlich haftet ihnen riesiges Potential wie Kaugummi am Schuh. Und die braven Bezahlidioten sind dann wohl nur Hundescheiße, in die zu tappen sich für die Plattenbosse nicht lohnt?

Viele Fragen, ich harre der Antworten.

(mit Dank an Felix für das Gezwitscher)

SomeVapourTrails

Link-Tipp zum Thema: SZ: „Freibier-Mentalität ist kein Maßstab“

Der letzte Messias der Musikbranche – Google

Dieser Tage war allerorten zu lesen, dass Google in das Musikgeschäft einzusteigen plant und einen Service anstrebt, welcher iTunes Paroli bieten möchte. Bei der Suche nach Songs wird demnächst – vorläufig vermutlich lediglich in den USA – eine sofortige Kaufoption angezeigt, welche durch Dienste wie Lala realisiert werden soll. Dem Vernehmen nach haben die Majors selbst jene Idee Google ans Herz gelegt, um einen effektiven weiteren Vertriebskanal zu etablieren, der nebenbei noch die Vormachtsstellung und das Dikat von Apple ins Wanken bringen könnte. Was nach einem weiteren verzweifelten Versuch der Schadensminimierung klingt, zeitigt möglicherweise sehr positive Auswirkungen für kleine wie große Labels zeitigen.

Denn de facto existiert bereits seit Jahren eine Google-Musiksuche – die freilich kostenlose, überwiegend illegale Inhalte ausspuckt. Man gebe einfach den Titel eines Songs ein, hefte das Wort „Torrent“ hinzu und schon steuert man ins Nirvana der Gratis-Downloads. Dieser Stachel im Fleisch derer, die Urheberrecht nicht als obsolet ansehen und Künstlern – und sogar Plattenfirmen – eine Existenzgrundlage zugestehen, könnte nun nicht länger einer Entfernung harren. Der geplante Dienst birgt das Potential, dass Google verstärkt in Augenschein nimmt, was in den Treffer-Kanon Aufnahme findet. Denn bislang stahl sich der Suchriese immer ein wenig aus der Verantwortung. So wie man einem Alkoholiker nicht mit der Bierflasche vor dem Kopf herumfuchteln darf und sich dann am Ende gar noch verwundert zeigt, dass dieser zupackt – genau unter dem selben Aspekt sind die zahlreichen einschlägigen Ergebnisse auf Suchanfragen zu interpretieren.

Wenn es tatsächlich zu einer forcierten Filterung illegaler Download-Angebote kommen sollte, böte dies auch der jenseits des Mainstreams angesiedelten Indie-Szene Erfolgsversprechungen. Der durchschnittliche Internet-Nutzer ist schließlich simpel gestrickt und mit anerzogener Faulheit gesegnet. Was nicht bequem kostenlos auffindbar, würde vermutlich doch vermehrt gekauft oder eben in Abo-Angeboten gestreamt, was wiederum ebenso Tantiemen generiert. Notorischen Filesharern vermag dies natürlich kaum Einhalt gebieten, aber den unter das Schlagwort Gelegenheit macht Diebe subsumierten Menschen schon.

Ehe nun jemand auf die absurde wie populäre Idee kommt und von Zensur zu faseln beginnt, möchte ich noch einmal die in den vergangen Monaten auf diesem Blog wiederholt geäußerte moralische Komponente von Urheberrechtsverletzungen unterstreichen. Sobald man das Werk eines Künstlers konsumiert, muss dies mit einer Vergütung des Künstlers verbunden sein. Es ist nicht schwer dies zu begreifen, wenn man nur will. Wie also soll etwas den fahlen Beigeschmack von Zensur beinhalten, das den Zugang zu moralisch wie gesetzlich Unerlaubtem erschwert?

Jetzt freilich heißt es Daumendrücken, dass der neue Service Google aus rein wirtschaftlichem Interesse ein Handeln oktroyiert, welches in der Tat der Copyright-Debatte eine schicksalshafte Wendung verleihen könnte.  Wenn der neue Heilsbringer der Branche weniger Gelegenheiten bietet, wird sich auch die Spreu vom Weizen trennen und kleine Diebe den Weg in die Lauterkeit finden. Die großen Fische mit ihrem ignoranten Tun scheinen ob ihrer kriminellen Energie ohnehin nicht fassbar. Die Hoffnung auf Veränderungen lebt!

SomeVapourTrails

Der Künstler-Mindestlohn

Mindestlöhne. Wer in Zeiten der Krise auf selbige insistiert und Arbeitgebern unterstellt, dass eine unverhohlene Ausbeutung der neue Chic ist, wird mit Gefasel vom Aufschwung zugedröhnt. Die Konzepte der FDP und CDU bringen es auf den so simplen wie falschen Nenner: Geht es der Wirtschaft gut, bringt dies Arbeitsplätze. Und jene ernähren Menschen. Und dieser Mumpitz wird mantraartig wiederholt, bis er sich erfolgreich in vielen Köpfen etabliert. Doch sollte der Fokus auf dem Menschen liegen, auf seinem verbrieften Recht auf Würde, auf eine Entlohnung, die ein angemessenes Leben und Selbstentfaltung erlaubt. Und genau diese Selbstentfaltung ist unweigerlich an Produktivität geknüpft. Dadurch wird ein wirtschaftliches System angetrieben. Nie und nimmer durch die kapitalistische Sklaverei dieser Tage, welche den Sozialstaat ausbeutet, indem der Staat den arbeitenden Hungerlöhnern Zuschüsse gewährt und damit die Sklaventreiber auch noch quersubventioniert.

Natürlich muss auch jeder von uns in seiner Eigenschaft als Konsument ein mea culpa ausrufen. Die Billig- und Gratismentalität fördert ein Klima, in welchem Profit nur mehr durch gesunkene Personalkosten erreicht wird. Denn die Preiswirklichkeit für Rohstoffe scheint längst schon am unteren Rand angekommen. Die Effektivität der Ausbeutung von Arbeitnehmern hat vor allem in unsicheren Zeiten noch immer Optimierungspotential. Aber darf man Otto Normalverbraucher wirklich den schwarzen Peter zuschieben? Wer wenig hat, dem bleibt Geiz als Notwendigkeit.

AdamSmith

Adam Smith: "Keine Gesellschaft kann gedeihen und glücklich sein, in der der weitaus größte Teil ihrer Mitglieder arm und elend ist."

Begeben wir uns nun in musikalische Gefilde. Denn in der Debatte um Filesharing, Urheberrecht und Musikindustrie werden meist nur Extrempositionen eingenommen. Die erste sucht nach einem Rettungsanker für die marode Branche, indem sie das alte System der Unterhaltungsindustrie mit neuen Mitteln stabilisieren will. Einen zweiten Zugang bietet die Mär von der schönen, neuen, digitalen, Welt, die ein allgemeingültiges Anrecht auf Kunst und Kultur ausgerechnet dadurch propagiert, dass sie eine kostenlose Weitergabe fordert und in den Tiefen des Netzes auch lebt. Zwischen all den Systemerhaltern und Dieben geraten oft jene ins Hintertreffen, die sich um die Existenzgrundlage von Musikern sorgen. Ein paar Nebelbomben genügen da schon. Madonna sei stinkreich, und auch Coldplay müssen sicher nicht darben. Und flugs werden alle Künstler zu Bestverdienern upgegraded. Diese Milchmädchenfantasie hält sich hartnäckig bei einer Mehrzahl von Konsumenten. Dabei könnte man schwerlich einen größeren Nonsens schwadronieren. Nicht alle Siemens-Angestellen leben in Saus und Braus, auch wenn die Gehälter der führenden Manager wohl recht ansehnlich sind. Dieser Tunnelblick auf etablierte Künstler verneint die Nöte stinknormaler Musikschaffender. Ähnlich verhält es sich mit den riesigen Labels, die so gerne als Feindbild benutzt werden. Wenn Warner und Sony als Branchenführer mal fette, mal dünne Gewinne einfahren, meint dies keinesfalls, dass jeglicher Inhaber einer Plattenfirma im Luxus badet. Wenn Aldi den Eigentümern Reichtum beschert, kann trotzdem der Gemüseladen um die Ecke vor die Hunde gehen.

Im Diskurs über die Zukunft wird das Musikbusiness oft auf die im Rampenlicht befindlichen Akteure reduziert. Die Legionen von Künstlern, die wenig bis nichts verdienen, ignoriert man geflissentlich und deklariert sie zum Abfall einer natürlichen Auslese. Würden wir freilich dies auf alle Berufstätigen umlegen, wäre auch das Schicksal einer Verkäuferin bei Karstadt keine Überlegung wert. Sind wir wirklich so unsolidarisch – oder ist der Künstler in unseren Augen ein Taugenichts, der einem Hobby frönt?

Solange uns Lieder bewegen, Leben befuchten, muss auch der Rubel rollen, dadurch Existenzen sichern und die Vielfalt von Musik weiter fördern. Und aus dieser Überlegung heraus braucht es einen Mindestlohn für Künstler. Ein Grundgehalt, welches faire Lebensgrundlage für kreative Köpfe darstellt. Zwei Prämissen sind für dies Unterfangen notwendig.

Eine Stärkung des Urheberrechts, welches auch wirklich nur die Interessen der Urheber ins Auge fasst und Verwertungsgesellschaften nicht zu einem Moloch aufbläht, der die eigenen Mitglieder aufmapft. Obzwar nichts gegen leistungs- und erfolgsgerechte Verteilung spricht, kann/darf/soll es nicht Usus sein, dass eine Heerschar an ungewollten Steigbügelhaltern die wenigen Stars noch fester in den Sattel hievt. Genau dies ermöglicht die GEMA. Eine gerechte, transparente, solidarische Verteilung von Einnahmen benötigt eine neue Systematik, die einen Sockelbetrag für alle Mitglieder vorsieht und Charts-Stürmer mit zusätzlichen Bonuszahlungen würdigt.

Der Konsument freilich muss ein adaptiertes Denken entwickeln, den Tellerrand nicht zum Horizont erklären. Musik funktioniert auch abseits von Universal und EMI. Man sollte Vielfalt nicht nur fordern, sondern sie auch suchen. So wie Tausende Läden Berlins auf Kunden warten, die ein wenig Geld auszugeben wünschen, existieren auch Unmenge an Labels, welche eine reiche Produktpalette anbieten. Gehen alle Berliner zu Karstadt, Saturn und Lidl? Wohl kaum. Man holt die Schrippen beim Bäcker, die Gurken aus dem Spreewald auf dem Markt. Jener Attitüde sollten wir auch im Musikkonsum huldigen. Dabei nie den Fehler begehen, die Marktführer pauschal zu verteufeln. Nur weil Bio-Artikel in den Regalen von Penny herumlungern, sind sie deshalb noch nicht minderwertig. Dies gilt auch für Musiker, die ihre Musik bei Sony zum Verkauf anbieten.

Alle müssen was tun, lautet der Titel eines Liedes von Funny van Dannen. Und tatsächlich trifft dies im Bereich der Kunst und Kultur zu. Wir alle können etwas ändern. Und solch Anliegen ist keine Chimäre, der man aus Langeweile nachhängt. Wenn Musik (oder Bücher, jede Art von Kunst) so unwichtig wäre, warum zum Teufel hören wir sie dann alle? Weil sie inspiriert? Oder unterhält? Scheißegal, sie scheint Teil unserer Leben. Und damit ist es auch der Produzent selbiger. Da ich auch meinem Friseur wünsche, dass er für seine an mir erbrachte Dienstleistung gerecht entlohnt wird, fordere ich genau dies für den Sänger und Komponisten, dessen Song gleich Honig aus meinen Ohren tropft. Mindestlohn und mehr.

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Was Musik (nicht) leisten kann

Kunst als Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens, mit einem Anspruch der über schiere Unterhaltung hinausgehend eine Quer- und Vordenkerschaft propagiert. All dies wird ins Kalkül gezogen, wenn die Rechte der Urheber unterstrichen werden. Kunst darf sich nie allein auf staatliche Förderungen verlassen und ebensowenig eine Gewichtung nach Verkaufszahlen erfahren. Sie lebt davon Träume, Grundängste und Realitäten poetisch in eine Essenz zu kleiden – und tut dies unter der Prämisse bestens, wenn wir alle mit unseren verschiedensten Lebenserfahrungen, Geschmäckern und Ansichten ihre Vielfalt unterstützen. Erbaulichkeit und Denkanstösse dankbar annehmen und honorieren. Aus eben jener Motivation heraus, habe ich mehrfach auf diesem Blog grundsätzliche Überlegungen zum Thema Urheberrecht angestellt.

Dieses Mal freilich soll der forschende Blick die Frage filetieren, was uns Kunst in Zeiten der Krise eigentlich vermittelt. Im konkreten Fall die Musik. Schenkt sie mehr als kollektive Weltflucht? Oder umkreist sie lediglich die Nabelbeschaulichkeit eines verklärten Individualismus? Fristet sie ihre Daseinsberechtigung als Feel-Good-Soundtrack für unsere gegenwärtige Raserei auf der holprigen Straße des Fortschritts? Meine Antworten entbehren nicht einer gewissen Bitterkeit.

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Foto von Jean-Luc (Creative Commons-Lizenz Attribution ShareAlike 2.0)

Auch im Internet-Zeitalter mit dem prinzipiell freien Zugang zu nahezu jedweder Information und allen Spiel- und Denkarten von Kultur verlässt sich das Gros der Menschen auf die verfestigen Filter, die eifrig aussortieren und uns dann beschnittene Endprodukte präsentieren, welche kaum ideologisch anecken und auf maximalen Profit ausgerichtet sind. Musikkonzerne und Medien servieren ihre Vorstellung von Musik als das Nonplusultra, kredenzen Fast-Food und verkaufen es als Schlemmer-Mahlzeit. Dauerpenetriert nicken wir die Chose ab, geben uns mit den Krümel zufrieden, selbsttäuschen Sattheit vor, obwohl der Magen weiter knurrt. Ein auf stabile Perpetuierung des Erfolgs ausgerichteter Konzern ist ein Koloss, dessen Wohlergehen Zahlen definieren: Umsätze, Börsenkurse. Mitarbeiter, Manager und Anleger sind austauschbar und als Menschen ohne Bedeutung. Das ist doch der Aktien-Kapitalismus, dessen Krise leider noch nicht in den Untergang mündet. Und eben jene auf Mathematik reduzierte Wirtschaft, die nur dann funktioniert, wenn Leichen den Weg pflastern – wie Erich Fromm bereits vor Jahrzehnten bekrittelt hat, eben dieses System definiert auch Kunst. EMI und Warner dominieren die Musikbranche, bestimmen die Charts, polieren Musik glatt. Pure Unterhaltung auf dem niedrigst-erträglichen Level – nur unter diesem Aspekt sind die Bekanntheit und Plattenverkäufe einer Mariah Carey zu erklären. Ab und an bedecken die Macher mit Feigenblättern ihre Scham, dürfen auch engagierte Künstler wie The Flaming Lips ins Rampenlicht. Aber auch hier dominiert das Kalkül.

Wundert sich denn niemand, dass die Krise und ihre Folgen in den letzten 12 Monaten kaum musikalische Resonanz gefunden hat? Dass kein Lied eine friedliche Revolte herbeisingt? So mutet es fast schon als Trauerspiel an, wenn Bob Dylan als Ikone der Gegenworte ein Weihnachtsalbum in Angriff nimmt. Wo zum Teufel bleibt die Relevanz, der stochernde Finger in der Wunde? Handzahm getrimmt wabbert Mainstream und etablierter Indie auf einer Retro-Woge daher. Oder verengt das Sehen auf den erwähnten Individualismus, huldigt biedermeiern dem eigenen Schicksal, dimmt die soziale Komponente auf Mosaiksteinchen persönlicher Erfahrungen.

Es gibt Dinge, die Musik kaum oder gar nicht leisten kann. Sie kann AIDS nicht besiegen, die Klimaveränderung stoppen oder ein Erdbeben verhindern. Aber das Potential die Herzen zu öffnen, Scheuklappen zu entfernen und gesellschaftliche Hoffnung zu entfalten – all dies wäre möglich. Eine diesbezüglich mögliche wirtschaftliche Rendite erscheint keinesfalls sicher. Und eben darum werden Herr Universal und Frau Sony auch weiterhin mit den Reizen großer Töne geizen.

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