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Stippvisite 16/12/12

Samplertipp:

Wenn Labels Compilations unter das Volk bringen, dann entlockt mir das oft ein Gähnen. Der Holiday Sampler der kanadischen Plattenfirma Dine Alone Records freilich erweist sich so freigiebig wie freizügig. Speziell die Lieder von The Jezabels und We Barbarians hatte ich ja bereits in den letzten Monaten mit Empfehlungen bedacht. Ebenfalls atmosphärisch dicht tönt Caveman’s Easy Water. Passend zur Jahreszeit drängt sich das winterliche Tracks In The Snow von The Civil Wars ins Ohr.

The Civil Wars – Tracks In The Snow by PurplePR

Es lohnt sich also in diesem Falle zweifelsohne, den Sampler auf Festplatte zu bannen. Zum Stream und Gratis-Download dieser Zusammenstellung geht es hier.

Bockmisttipp:

Neulich in der Redaktion von Visions schien man verzweifelt auf der Suche nach einer möglichst kruden These. Und wurde leider fündig. Alte Musik sei Bockmist, was vor der eigenen Geburt auf Tonträger gepresst, höchstens im Ausnahmefall von Interesse. Denn gestrige Musik habe einen begrenzten Horizont, sei höchstens von nostalgischem Wert. Aus sexistischen Gründen hat Visions diesen Unfug dann von einer weiblichen Redakteurin zu Papier bringen lassen. Denn Frauen sind ja für ihre Gefühle bekannt, der Mann jedoch mit Ratio gesegnet. Doch die irrige Meinung, wonach nur zu begreifen und erspüren ist, was in einer ähnlichen Realität zu der eigenen erschaffen wurde, verkennt den Umstand, dass Musik abseits aller Moden stets die selben Emotionen kultiviert. Unser Gefühlsrepertoire erweitert sich letztlich nicht, Fortschritt hin, Fortschritt her. Die Mittel zur Produktion von Musik mögen sich wandeln, die Inhalte jedoch nie. Liebeslieder sind im Jahre 2011 nicht tiefsinniger als vor 50 Jahren, Verliererballaden von heute nicht gesellschaftskritischer als manch traditierter Folk-Song. Wenn die Autorin des Artikels Früher war mehr oldschool tatsächlich allen Ernstes meint, dass Gegenwartsmusik auch deshalb im Vorteil ist, weil sie „aus allen vorhandenen Wegen wählen und noch neue suchen kann„, dann mag sie verkennen, ja verleugnen, dass alles schon einmal da gewesen scheint. Wo sind die neu tönenden Wege in der letzten Dekade?

Jeder darf seine Meinung vertreten. Aber wenn die Meinung ohne argumentatives Fundament geäußert wird, demaskiert sie sich letztlich selbst. Und zugleich auch die Musikzeitschrift, in welcher sie gedruckt wurde. Visions? Lächerlich.

Vorfreutipp:

Die schönsten Weihnachtsgeschenke sind nicht unbedingt die CDs, die im Dezember erscheinen, vielmehr schon die Pressemeldungen, welche die Highlights des nächsten Jahres verkünden. Als mich vor wenigen Tagen die Nachricht erreicht, dass Anfang März The Magnetic Fields via Merge Records eine neue Platte namens Love at the Bottom of the Sea unter die Leute bringen, kam große Freude auf. The Magnetic Fields stehen für reizend melodischen Pop für geschmackssichere Kenner und solche, die es werden wollen. Bleibt zu hoffen, dass die Veröffentlichung in Deutschland relativ zeitnah erfolgt.

Islandtipp:

So kurz vor knapp will ich natürlich noch eine im Wust meiner Bookmarks bereits angestaubte Empfehlung loswerden. Der wunderbare Polarblog hatte im Oktober mal die isländische Formation Vigri als schwerelosen Traumtänzerpop ans Herz gelegt. Und auch wenn ich mir die dieses Jahr erschienene Platte Pink Boats noch immer nicht gegönnt habe, so kann ich dem Song Sleep nur absolute Betörung abringen.

Und weil wir gerade bei Island sind: Eine der Platten, die 2011 verschönerten, habe ich leider aus Zeitgründen nie gebührend würdigen können. Sóley ist mit ihrem LP-Debüt We Sink ein sehr versonnenes, in pastellfarbener Fantasie gezeichnetes Werk geglückt. Unbedingt entdecken!

Das soll es für heute auch mal wieder gewesen sein. Demnächst mal wieder mehr.

SomeVapourTrails

Überohren oder das Hadern mit dem Status quo

Über die Zukunft des Musikjournalismus zu sinnieren, das zählt durchaus zu meinen bevorzugten Beschäftigungen. Weil Meinungsmache dann an Wert gewinnt, wenn Musik nicht einfach nur triviale Unterhaltung darbieten möchte. Musik, die sich selbst mit Anspruch versieht, schreit förmlich nach Profis, welche jene Werke auf ihre Qualitäten abklopfen. Unter diesem Aspekt wird die Kritikerzunft stets ihre Daseinsberechtigung darlegen können. Und doch wurde in den letzten Jahren vermehrt von einer Krise des Musikjournalismus gesprochen. Zum Beispiel am Ostersonntag in einem einstündigen Feature auf Deutschlandfunk, auf das wir bereits verwiesen hatten. Unter dem Titel „Überohren – Von Popjournalisten und der Zukunft der Musikkritik“ kamen allerlei mehr oder minder berufene Fachleute zu Wort, um ihren Senf zur Debatte beizusteuern. Manch Aussagen schienen der Ignoranz entsprungen, einige Diskursbeiträge wollten das Rad der Zeit zurückdrehen, doch ein Patentrezept zur Stärkung von Feuilleton und Fachmagazinen blieb aus. Das hing nicht zuletzt mit dem methodischen Ansatz der Sendung zusammen.

Radio bildet - manchmal auch nur ab.

Wenn Vergangenheitsbewältigung dahingehend betrieben wird, dass in früheren Tagen alles besser gewesen sei, drängt sich dem Laien unwillkürlich die Frage auf, was an unseren gegenwärtigen Verhältnissen diese Nostalgie denn begünstigen könnte. Existieren triftige Gründe für die Träne im Knopfloch oder geht es nur um das Ende eines Meinungsmonopols einiger weniger Journalisten? Natürlich scheint der Brotberuf gefährdet, wenn im Internet jedermann seine Sicht der Dinge zum Thema Musik beisteuert. Dies kann man zwar hartnäckig leugnen und – wenn man Andreas Müller heißt – geradezu trotzig Desinteresse für deutsche Musiblogs bekunden. Ob die von Herrn Müller auf Radio Eins moderierte Sendung Soundcheck deutschen Popjournalismus zu neuen Ufern führt, darf gleichwohl bezweifelt werden. Wenn das Feature Überohren etwas unter Beweis gestellt hat, dann wohl den Umstand, dass das Radio nicht der geeignete Ort für Musikkritik ist. Denn so phasenweise planlos sich Überohren präsentiert, derart bieder scheint auch die These, dass der Müllersche Kritiker-Talk mit zur Schau gestelltem Säbelrasseln mehr als nur deftige Worte liefert. Denn weshalb soll ausgerechnet ein Medium, dass in der Bedeutungslosigkeit zu versinken droht, zum Ankerplatz für Musikjournalismus werden? Das Radio mag noch mit Service- und Berieselungscharakter punkten, bestenfalls in Nischen dahinvegetieren, aber ich bezweifle stark, dass es den geeigneten Rahmen für eine Wiederauferstehung der hehren Musikrezension bilden kann.

Also doch Back to the Spex? Zurück zu saturierten Magazinen, deren Agenda im Idealfall durch gewitzte Schreibe übertüncht wird? Denn die anspruchsvolleren Fachzeitschriften sind doch seit Jahrzehnten mit Selbstüberschätzung gesegnet. Sie werten, wiegen ab, verkünden das Resultat, suhlen sich in der Wertigkeit ihres Tuns. Musik wird zur schönsten Nebensache der Welt, im Vordergrund steht der eigene, polemisch oder lobhymnisch gefärbte Ausdruck. Funktioniert derart die wertige Rezeption? Oder sind die Magazine besser beraten, die mit geradezu banaler Nüchternheit Einschätzungen auf wenige Worte eindampfen? Ein Häppchen Information liefern, an dem selbst Analphaten nicht ersticken. Vielleicht liegt das Problem aber auch darin, dass heutzutage jedermann eine Meinung hat, aber sie kaum jemand mehr begründen mag. Wie aus dem Maschinengewehr rattern Worthülsen hervor, die bei genauerer Betrachtung herzlich wenig Substantielles artikulieren.

Die Sendung vermochte keine Lösungsansätze zu liefern, weil sie zwar den Sündenbock für die Krise des Popjournalismus in Gestalt des Internets erkannt hatte, aber nie wirklich die Frage nach der Eigenverantwortung stellte. Es scheint evident, dass Blogs mit jeder Menge kostenlosem Content diejenigen Zeitgenossen befriedigen, die ein paar Infos suchen und denen die Qualität eines Beitrages im Grunde herzlich egal ist. Solcherlei Leser, die auch dem Wahrheitsgehalt der Bild unkritisch gegenüber stehen. Aber sind und waren solch Leser überhaupt irgendwann eine für die Auflage eines Musikzeitschrift nennenswerte Größe? Warum hat kein einziges mir bekanntes deutsches Magazin sein Abonnentenschar in digitale Gefilde retten können? Liegt es daran, dass der Schreibstil der vermeintlichen Profis vielleicht doch nicht so sehr aus der Masse hervorsticht? Die seitenweisen Fotostrecken und Interviews letzlich keine Bezahlung rechtfertigen? Oder hat man schlichtweg die digitalen Möglichkeiten verschlafen? Das Potential dem geschriebenen Wort im Web den Albumstream gegenüber zu stellen, eine sofortige Überprüfbarkeit von Meinungen anzubieten. Hier büßen Magazine zweifelsfrei für die Dummheit vieler Labels, welche die Selbstverständlichkeiten unserer Tage noch immer nicht verstanden haben.

Ob das von Diedrich Diederichsen geforderte, auf Zeitungspapier gedruckte und in Schwarz-weiß gehaltene Blatt tatsächlich als reduzierte Rückbesinnung auf das geschriebene Wort angenommen wird, will ich ebenso mit einem Fragezeichen versehen. Kann sich Journalismus nur unter Verleugnung moderner Wirklichkeiten entfalten? Das wäre doch ein Armutszeugnis. Oder sind es eher die von Uwe Viehmann avisierten Apps, die Geld in die Kassen von Verlagen blasen? Es wäre zumindest einen Versuch wert.

Die Sendung Überohren mühte sich an einer aktuellen Momentaufnahme ab, die zwar viel mit dem Status quo haderte und manch klugen Kopf sprechen ließ, aber an der wichtigsten Fragestellung vorbei manövrierte. Welchen Mehrwert bietet ein in redaktionellem Umfeld erscheinender Artikel eines Journalisten gegenüber einem Blogbeitrag eines sogenannten Amateurs? Solange Verlage dies nicht schlüssig beantworten und Tag für Tag in der Praxis umsetzen, scheint keine Trendumkehr in Sicht. Solange ein DLF-Feature aus vielen Stimmen keine neue Essenz zutage befördert, wird Journalismus weiterhin den an ihn gestellten Ansprüchen nicht gerecht werden.

 

SomeVapourTrails

Programmtipp: Überohren – Von Popjournalisten und der Zukunft der Musikkritik

Wann beginnt Kunst? Im Moment kreativer Betätigung, im Auge des Betrachters oder erst bei wohlwollender Rezeption durch die Fachpresse? Es handelt sich hierbei um eine grundlegende Frage, die sich wohl nie abschließend klären lässt. Der Rezensent wird auf die Wichtigkeit des eigenen Status pochen, der Musiker, Maler oder Schreiberling wiederum in wohlwollendem Feedback eine Verstärkung der persönlichen Überzeugung erfahren. Fakt jedoch bleibt, dass Feuilleton und Fachmagazine lange unangefochten die Grenzen zwischen Trivialem und Kunst definierten, Spreu vom Weizen trennten. Dann kam der Blogger, meist so hemdsärmeliger wie enthusiastischer Laie und hat manch Genre auf den Kopf gestellt. Die Rezeption von Musik, ob nun Pop, Rock, Folk oder Electronica, bleibt nicht länger Spex, Rolling Stone oder NME vorbehalten, plötzlich mischt auch Andrea aus dem Münsterland, Tim in Berlin, Jeff in Vancouver und Giorgio aus Bella Italia mit. Wer SEO im Karma trägt, dessen Stimme erstickt dann auch nicht so leicht im vielkehligen Chor.

Heute mal wieder das Radio anwerfen! Es lohnt sich.

Zuerst hat das Internet die Produktion und den Vertrieb von Musik über den Haufen geworfen. Filesharing zerbröselte die Verkaufszahlen, der sakrosankte Status der Major Label kam ins Wanken, digitale Verbreitung sorgte für die Loslösung vom physischen Tonträger. Damit verbunden verlor auch die Rezeption an Bedeutung. Wenn die Aneignung von Musik nur einen Torrent entfernt scheint und das Breitband-Internet endlose Datenmengen befördert, braucht es auch weniger Vorselektion durch Musikjournalisten. Der Konsument neigt mehr zur Entdeckung. Und die Blogger setzten dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen auf, indem sie spontaner, entzückter, authentischer und selbstverständlich kostenfrei musikalische Empfehlungen verstreuten.

Der Popjournalist leidet folglich unter limitierten finanziellen Bedingungen. Wer kauft heute noch Musikblättchen, wenn Blogs und Online-Magazine einen ebenso entdeckenswerten Inhalt bereit stellen – und mit Fachwissen und exzellenter Schreibe ab und an auch nicht gerade geizen? Können Blogs tatsächlich den Popjournalismus, wie er sich seit den Siebzigern etabliert hat, endgültig seine Daseinsberechtigung absprechen? Wird den Experten das Meinungsmonopol entzogen? Wer bastelt nun am Kanon tradierter Meisterwerke? Wer verstärkt Trends, wer potentiert Hypes, verbreitet Klatsch und Tratsch? Alles Fragen, die man als Gedöns auf der Metaebene abtun könnte, wenn sie nicht letztlich auch Einfluß darauf nehmen würden, wie Musik entsteht und verbreitet wird. Denn erst die so geschätzte wie ungeliebte Rezeption verleiht einem künstlerischen Werk Flügel, besorgt das nötige Echo, um breitere Aufmerksamkeit zu erreichen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich hoffe, dass einige dieser Fragen in der heute um 20:05 auf Deutschlandfunk laufenden, von Andreas Main und Susanne Burg gestalteten Sendung Überohren – Von Popjournalisten und der Zukunft der Musikkritik beantwortet werden. Auch meine werte Co-Bloggerin wurde dazu befragt und wird zweifelsohne Erhellendes beisteuern können. Also, anhören!

SomeVapourTrails

Sargnagel der Musikrezeption: Intro

Kürze mag manchmal Würze befördern, öfters jedoch Verkürzung. Dass das Magazin Intro nicht eben zu den besten Vertretern der Zunft zählt, wird wohl nur die Intro-Redaktion hartnäckig leugnen. Ein triftiges Indiz für handfesten Schmalspurmusikjournalismus sind Plattenkritiken in SMS-Länge. Solch Häppchen mögen zwar den typischen Internet-Nutzer nicht überfordern, ob man damit jedoch einer Musik, die sich nicht auf reinen Kommerz reduziert, gerecht wird, wage ich heftig zu bezweifeln. Bestes Beispiel ist die Kurzkritik zu Yours Truly, ein Best-Of-Album samt Bonus-CD mit B-Seiten und Raritäten von 16 Horsepower. Nicht nur Fans des Genres Alternative Country werden die Band kennen – und somit schätzen. Intro freilich fragt, ob man „wirklich jeden Sargdeckel noch zunageln“ muss, damit man vor solch Zusammenstellungen von vor „Jahrzehnten kurz mal guten Bands“ verschont bleibt. Ein Album so unnötig wie ein Kropf, könnte man also resümieren. Und dank Intro damit den Einstieg in das hochwertige Schaffen von 16 Horsepower versäumen.

Eine Werkschau, die keine Sau braucht?

Kommen wir zu einer der Rubriken, die aus Intro nicht mehr wegzudenken ist:  Platten vor Gericht. Schon die Bezeichnung stößt bei mir auf wenig Gegenliebe, da ich zwar nichts gegen eine Einschätzung oder Bewertung von Werken habe, aber deshalb nicht gleich ein Tribunal veranstaltet wissen möchte. Zu selbigem freilich bittet Intro Musiker, Prominente und Leser. In der jüngsten Ausgabe kommt zum Beispiel Paul Smith zu Wort, der Frontmann von Maxïmo Park, sowie Tobias Jundt von Bonaparte. Smiths Lästereien wie „I could come up with songs like that in five minutes, which doesn’t make me any good.“ (über die neue CD der Scanners) oder „Dreadful music. I almost feel sorry for them.“ (Smith über die neue Kings Of Leon) sowie die schräg schrillen Possen Jundts spiegeln in der gebotenen Kürze wohl genau das wider, was sich besagtes Magazin so unter Qualität vorstellt: Kurz und knackig und kaum tiefschürfend. Entweder Zuckerbrot oder Peitsche, so muss es denn auch sein, wenn Kürze zwangsläufig verzerrende Verkürzungen bedingt.

Paul Smith: Die Arroganz des Mittelmäßigen

Der musikaffine Zeitgenosse kommt schwerlich an dem Heftchen vorbei, sie liegen immer irgendwo herum, auch der Online-Auftritt gehört nicht eben zu den obskuren Quellen für Musikfans. Wieviel Qualität darf man jedoch von einer Postille erwarten, die den Eindruck eines Praktikantenstadls erweckt, zumindest nach den Job-Angebote auf Intro.de zu schließen. Wem Musik mehr als nur Unterhaltungsgedudel bedeutet, sollte sich daher wohl nicht auf seicht anmutende Zusammenfassungen in SMS-Format verlassen. Doch sind die Alternativen wirklich besser? Kann man Spex wirklich trauen, wenn deren Redaktionscharts Lady Gaga feat. Beyoncé mit dem Song Telephone an die Spitze stellen? Da muss man als Musikliebhaber bar jeglichen Elitarismus ungläubigst den Kopf schütteln. Zurück zu Intro. Abgesehen von dem oftmals opulent in Szene gesetzen Lifestyle-Schnickschnack bleibt wenig Substantielles übrig. Was die Optik des Heftchens noch annähernd zu verschleiern vermag,  kann der Webauftritt nicht mehr kaschieren. Nachrichtchen und Gaga-Themen à la Bandfoto-Jugendsünden strapazieren auch schlichtere Gemüter kaum.

Die meisten Musikmagazine nehmen Musik nicht mehr ernst, alle Ernsthaftigkeit wird in den eigenen Nimbus investiert. Das gilt für den Rolling Stone ebenso wie für Spex oder in geringerem Umfang Intro. Natürlich färbt solch Oberflächlichkeit auch auf die Leser ab. Der Musikjournalismus ersäuft in trivialen Attitüden oder schwitzt sich die eigene Intellektualität aus allen Poren. All die Scheuklappen verhindern jedoch eine umschweifenden Blick, den es aber eben braucht, um die ganze Dimension eines Albums bzw. Künstlers zu begreifen. Musik ist nicht einfach nur Entertainment, sie ist (auch) eine Kunstform, die keinen schmuddeligen Umgang in Form einer auf SMS-Länge getrimmten Plattenrezension verdient. Intro und andere sich aufplusternde (Online-)Gazetten sind die Sargnägel seriöser Musikrezeption. Es obliegt mittlerweile dem  Musikblogger, und nur dem Blogger, eine Lebendbestattung zu verhindern.

Mein Kurzresümee: Intro finde ich so out, dass es eigentlich Outro heißen müsste.

SomeVapourTrails

Flop of the Blogs 2010?

Nun gut, wenn ich 5 und 5 richtig zusammenzähle, wird die diesjährige Ausgabe von Top of the Blogs ein regelrechtes Spektakel. Martin von Vinyl Galore scheint mit seinem Appell zur Teilnahme auf sperrangelweit geöffnete Ohren gestoßen zu sein. Und so darf bis 18.12. jeder Blogger, der das Wort Musik schon einmal ohne h in der Mitte geschrieben hat, seine  10 Lieblingsalben des Jahres bekanntgeben. Ich will meine Verwunderung nicht verhehlen, denn dieser Tage stolpere ich laufend über Musikblogs, die ich zuvor nie wahrgenommen habe. Das mag einerseits darin begründet sein, dass sie erst den Kinderschuhen entwachsen müssen oder aber zumindest nicht mit den schreibenden Musikenthusiasten, die mir tagtäglich so vor die Flinte laufen, netzwerken. Auch die auf byte.fm laufende Reihe Blog&Roll, welche Blogger vorstellt und obendrein noch deren ertüftelte Mixtapes Mittwoch abends präsentiert, birgt so manchen Underdog, der es bislang noch nicht auf meine Beobachtungsliste geschafft hat.

Foto: Kevin Rawlings (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)

Soll mich diese Horde an Männlein und Weiblein, allesamt mit Mitteilungsbedürfnis, einem mehr oder minder gerüttelt Maß an Geltungsdrang, ausgesprochener Hingabe zur Musik sowie verschiedentlich ausgeprägtem Geschmack bewaffnet, vermag also solch bloggendes Pack ein Lächeln in mein Gesicht zu hexen? Nicht die Bohne, beteure ich, dabei mit der linken Hand nach meinem mit feinem Kaffee gefüllten Pott tastend, während die andere bekräftigend die Faust gen Decke ballt. Ist nicht der Musikblogger ein Heilsbringer, welcher die müffelnden alteingesessenen,  zum Gähnen verleitenden oder aber von einem aus Absurdistan stammenden Anspruchsdenken geprägten Platzhirschen zum Abschuss freigibt? Schlichtweg, weil nur der eigene Horizont die Grenze vorgibt, nicht etwa die Spezialisierung auf Genres. Und auch weil sich die Schreibe abhebt, nicht mit verkniffen-protziger Fachsimpelei langweilt. Blanke Theorie freilich, wie ein ausschweifend umschweifender Blick durch die deutsche Musikblogszene zeigt.

Ich will Tacheles reden, den Glauben an die Heilsbringerschaft begrabend. Der ganze Blogging-Scheiß beruht doch überwiegend auf recht primitiver Bedürfnisbefriedigung. Entweder man postet kleine Häppchen leserfreundlichen Contents, zum Beispiele süße Bilder von Kätzchen, ein vemeintlich witziges Foto oder sexy Video oder aber irgendeinen Inhalt, über den sich Besucher gut empören können, die neuesten Schlagzeilen der Bild oder Gesetzesvorhaben der Regierung. Warum nicht auch etwas zum Thema Wikileaks? Ebenso hoch im Kurs: Technik-Gadgets, Apps auf Teufel komm raus. Letztlich will das Gros der Leser leichtverdauliche, unterhaltsame Inhalte oder Themen, bei denen sich schimpfend losschwadronieren und empören lässt. Im Bereich der Musik punktet man immer mit Promi-News. Wenn die Mutter der Putzfrau des ehemaligen Hausmeisters von Lady Gaga tot umfällt, werden aufgebauschte Nachrufe hingekritzelt. Wenn Coldplay ein belangloses Video zu einem ebenso belanglosen Lied veröffentlichen, wird gleich die Revolution des Musikvideos ausgerufen. Sobald ein Online-Magazin auf Käseblattniveau eine angesagte Band mit Superlativen überhäuft, wird diese augenscheinlich vom Stapel gelassene Promotion in voreiligem Gehorsam eingedeutscht. Derart regiert der Content die Szene, eine seriöse Aufbereitung oder kritische Würdigung bleibt hingegen Mangelware. Blogs sind verdammt oberflächlich, orientieren sich dabei an der überwiegend sinnbefreiten Verwurstung von Nachrichten durch die Online-Ausgaben deutscher Magazine und Zeitungen.

Ambition nennt sich das Schlüsselwort. Von einem Hobby-Schreiberling aus Bautzen erwarte ich keinesfalls ein journalistisches Rüstzeug, um etwaige Einträge vernünftig zu gestalten, er darf so schreiben, wie ihm der Schnabel verwachsen ist. Wer hingegen Neuigkeiten weiterverbreitet, regelmäßig Beiträge veröffentlicht, sollte dann doch auf eine Filterung achten, an sich selbst gewisse Ansprüche hinsichtlich Themenwahl, Sprachlichkeit und dergleichen stellen. Die Narrenfreiheit des Bloggers inkludiert nicht das Privileg, sich um Qualität einen feuchten Kehricht zu scheren. Vielfach investieren Blogger ihr limitiertes Hirnschmalz in Suchmaschinenoptimierung, längst nur sporadisch in Inhalte. Verblöden somit die Leser, verpesten das Internet. Wenn etablierte Medien über die Bloglandschaft die Nase rümpfen, tun sie  es meist zurecht, riechen dabei aber die Kacke in den eigenen Redaktionsbüros nicht. Und vice versa. Der Fisch beginnt bekanntlich am Kopf zu stinken, das trifft auf die Alphamännchen der deutschen Blogger zweifelsohne zu.

Doch ich schweife ab, wenn auch mit Absicht. Zurück zu den so zahlreichen alten und neuen Musikblogs. Natürlich soll jeder Hinz und Kunz über Musik bloggen, sich als Linkschleuder verdingen oder in aufgeregt munterem Plauderstil vorgeblich tolle Musik betexten. Ich muss ja nicht jeden Erguss meinen Augen zuführen. Wenn man jedoch Dilettanten das Ruder übergibt, sollte man sich nicht wundern, falls man sich bald am falschen Dampfer wähnt. Was hierzulande fehlt, ist ein Schulterschluss der arrivierten Vertreter der Zunft, die den tatsächlich an Tiefgründigkeit interessierten Internet-Nutzern ein vernünftiges, unabhängiges, ohne Scheuklappen agierendes Angebot macht. Ein diesbezüglicher Versuch nicorolas blieb im Spätsommer ohne besondere Resonanz, jeder animierte den anderen die ersten Schritte zu unternehmen. Das Wissen und die Leidenschaften zu bündeln, wäre eine dringend notwendige Maßnahme, um der grassierenden Niveaulosigkeit entgegenzuwirken. Sonst scheint in Kürze tatsächlich die Horrorvision Wirklichkeit, dass sich SEO-Schlampen mit Webseiten wie paperblog oder germanblogs das Rampenlicht teilen. Ob der Musik tatsächlich förderlich wäre?

Top of the Blogs 2010 wird also Herrn Müller und Frau Meier ebenso am Start sehen wie Krethi und Plethi. Das mag also tatsächlich eine repräsentative Liste ermöglichen. Ob gar eine geschmackssichere Aufzählung entsteht, daran hege ich aus oben geschilderten Gründen doch enorme Zweifel.

SomeVapourTrails

Too Much Information – RSS Memory Overflow

Zugegeben ich bin ein Mensch, dessen Präferenz hin zu hübscher Schlichtheit tendiert. Zugleich bin ich von einem steten Interesse, weniger charmant formuliert könnte man auch von Neugier sprechen, getrieben. Diese Vorlieben kamen sich häufig in die Quere, wenn es darum ging, die tagtägliche Essenz an Neuigkeiten mittels eines schnöden Feedreaders auf einen zeitsparenden Blick zu erhaschen. Dann entdeckte ich Netvibes und mein ästhetisches Empfinden bat meinen Informationdrang zum Tanz. Während es sich für das Lesen der Online-Ausgaben von Zeitungen nicht wirklich dienlich erwies, möglicherweise weil ich politische und gesellschaftliche Themen nicht dafür geeignet erachte, auf eine Schlagzeile eingedampft zu werden, so hat mir Netvibes hinsichtlich Blogs einen guten Dienst erwiesen.

Und darum sortierten sich nach und nach unzählige Musikblogs und Fachmagazine in die Kategorie Musik ein. Erst unlängst hat sich das 140. Widget auf meiner Seite eingenistet. Drei Spalten erleichtern die Übersicht. Während die linke Spalte die klassischen Blogs beherbergt, führt die mittlere Online-Magazine, diverse Internet-Auftritte öffentlich-rechtlicher Radios und ähnliches im Schilde, rechts schließlich werfe ich ein wachsames Auge auf die News von ausgewählten Labels, Promo-Firmen und Download-Portalen (beispielsweise betterPropaganda). Was von der ursprünglichen Konzeption her eine Übersichtlichkeit par excellence versprach, bläht sich jetzt immer mehr zum nicht länger zu bezähmenden Monster auf. So legt mir mein Faible für Musik und deren Rezeption eine Schlinge um den Hals, welche bereits kräftig gegen die Kehle drückt.

Über Musik wird viel geschrieben - zuviel? (Quelle: Deutsches Bundesarchiv auf Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz)

Nun hinze und kunze ich nicht jede Seite, die Musik stolz gleich Schwangerschaftsstreifen zu Markte trägt. Ich habe mich ohnehin damit abgefunden, dass auf ein Faszinosum, das durch sprachliche Kunstfertigkeit, wundersame musikalische Entdeckungen oder ausgeklügelte Betrachtungen zur Plattenindustrie besticht, jede Menge Schund kommt, der mit der rhetorischen Finesse eines Marktschreiers agiert oder gar als Link-Mafia mit arrogant in den Fingern verhedderter Zigarre sein Dasein fristet. Auch solche finden Eingang in meinen Netvibes-Schrein – als Mahnung, dass der Durst nach Aufmerksamkeit nie durch dargereichten Fusel gestillt werden sollte. Zudem lohnt es sich den Schwaden einer Ahnung vor dem geistigen Auge vorbeiziehen zu sehen, worüber derzeit alle sprechen, die keine Zuflucht in der Weltabgeschiedenheit einer geschmacklichen Trutzburg gefunden haben. Allerorten wird von Lady Gaga oder Katy Perry gefaselt und irgendwie gerät es zu einer tröstlichen Gewissheit, wenn man erstere nicht als durchgeknallte Modedesignerin ansieht und letztere nicht im Porno-Milieu verortet. Man fühlt sich wie ein Millionär, der eine Suppenküche nicht versehentlich für einen Zubereitungsort feinster Bouillon im Edel-Restaurant hält.

Zwischen Bedarftheit und Unbedarftheit klafft nur ein winziger Spalt. Viele Blogger tapsen fettnäpfchenfroh hinein – und werden ab und an zwecks weiterer Beobachtung meiner Liste hinzugefügt. Der weitverbreitete Irrtum, wonach jedermann aus Jux und Laune heraus über dies und das losplappern sollte, mag zwar den Siegeszug von Chats und Foren erklären, für das Bloggen freilich braucht es dann doch neben einer Aufgeräumtheit im Ausdruck auch ein Mindestmaß an Selbstorganisation. Mit dem Schwung eines Bierkutschers  in die bloggende Bedeutungslosigkeit zu rasen, unüberlegt vom Stapel zu lassen, was den eigenen Kopf so durchlüftet, kann in nachgerade frivoler Unterhaltsamkeit münden, oder aber in Geschwätz ausarten. Einige vielversprechende, mit musikalischem Interesse ausgestatteten Blogger, die ihr Tun als reines Hobby ansehen, noch nicht durch das Bombardement von Promo-Agenturen und Labels gedrillt scheinen, flanieren oftmals entlang der Grenze dessen, was die Authentizität von Blogs so liebenswert gestaltet, und landen allerdings mitunter eben auch auf der Seite, die drastisch vor Augen führt, was die Authentizität von Blogs so eitel und nichtssagend erscheinen lässt.

Wer nun ein Loblied auf die Professionalität anstimmen möchte, sollte den geölten Stimmbändern besser doch ein Päuschen gönnen. Denn nur weil sich zwei oder drei Autoren im Namen der Musik versammeln, entwickeln sie noch keine heilsbringerischen Fertigkeiten. Nicht alles, was sich mit ausladendem Gestus als Magazin tituliert, bündelt tatsächlich in geballter Form Lesenswertes. Die in der Tat kommerziell agierenden, gerne auch in gedruckter Form verbreiteten Fachzeitschriften liefern gerade online oft den noch größeren Mist ab. Texte und Klatsch wie Tratsch, all das, was es nicht wert ist, auf Papier gedruckt zu werden, landet im Plumpsklo der eigenen Internet-Präsenz. Das gute, alte Feuilleton anspruchsvoller Zeitungen gönnt sich ja im Netz auch den einen oder anderen popkulturellen Blog. Und wahrhaftig, die hervorstechenden Vertreter dieser Zunft verdienen zumindest in fabulierender Hinsicht Applaus. Auch wenn die Inhalte den Leser oftmals mit drögen Augen anstarren. So bleibt der Job musikalische Themen beneidenswert gut aufzubereiten, an den öffentlich-rechtlichen Radios haften, die ihre Sendungen auch im Netz meist perfekt redaktionell betreuen (Stichwort: Breitband auf Deutschlandradio Kultur).

Ein wenig möchte ich auch den Schleier bezüglich der dritten Spalte meiner Netvibes-Seite lüften. Trotz all der vermaledeiten Newsletter diverser Labels und Promo-Heinis werde ich von der Paranoia beschlichen, dass die echt tollen Veröffentlichungen vor mir verborgen bleiben. Ich bekomme die Pfifferlinge, während man dem Blogger nebenan die Trüffeln vor die Nase hält. So wandle ich mit Netvibes eben auf Nummer sicher. Behalte nebenbei auch kleine, feine amerikanische Plattenfirmen im Augenwinkel, sehe mir die neuesten Downloads auf Spinner oder RCRD LBL an. Wenn gehypte Bands dort den neuesten Mist anbieten, hat aber ohnehin bereits einer der Trendblogger darauf zeitnah verwiesen. Viele deutsche Blogs verstehen sich sowieso nur als Übersetzungsmaschine für Stereogum und Konsorten.

Worin liegt also die Essenz dieses Lamentos? Dass es massig schlechte Musikblogs und Gazetten gibt, erkennt jeder Taube mit Krückstock. Dass man nicht alles überfliegen – geschweige denn lesen – muss, weiß auch schon jedes Kind. Dass 140 Informationsquellen Daumen mal Pi 120 zuviel sind, einen regelrechten RSS Memory Overflow garantieren, liegt ebenso auf der Hand. Aber inmitten all der auf Netvibes gepflegten musikalischen Sprachverwirrung rieselt mir ein Umstand besonders ins Auge. Täusche ich mich oder wird tatsächlich immer mehr über Musik geschrieben, Tag für Tag Legionen von Wörtern hervorgepresst, die flehentlich auf Leser warten? Nur, wo versteckt sich der, der die Rezeption von Musik rezipiert, wahrnimmt, kurz kommentiert, ohne selbst vom bloggenden Schlage zu stammen.

Kurz und bündig formuliert: Betreiben Blogger Inzest? Indem sie sich selbst bespitzeln, beweihräuchern, besudeln? Wo nur sind die Massen, welche die Ergüsse auch verschlingen? Besonders die Ergüsse, die ohne Buzzwords wie Lady Gaga oder Katy Perry agieren. Können Blogger irgendeine andere Aufgabe als die orale Befriedung von Musikern und Plattenfirmen erledigen? Dem einfachen Zeitgenossen wirklich musikalische Erkenntnisse vermitteln? Schlichten Gemütern die Magie erklären? Mein aufgeschwemmtes Netvibes verneint dies immer mehr.

SomeVapourTrails

10 Kennzeichen des erfolgreichen Musikbloggers

10. Du schreibst über jede Eskapade einer Katy Perry, wahlweise auch über jeglichen verunglückten wie geglückten Perückenwechsel einer Lady Gaga. Wenn es gar nichts zu berichten gibt, kippst du kalten Kaffee aus und widmest dich den Skandälchen und Wehwehchen einer Britney Spears. Im Prinzip ist jede Sängerin mit Dekolleté und der gehörigen Portion Zeigefreudigkeit ein viel zu weltbewegendesThema, um es leichtfertig zu ignorieren.

9. Dir ist kein Hype zu primitiv und kein Kalkül zu durchschaubar, um nicht ausgiebig marktschreierisch darüber zu berichten. Selbst der unlustigsten Parodie schenkst du einen Eintrag, in dubio pro Pageview. Deine Strategie wird oft belohnt.  (Stichwort: Uwu Lena)

8. Wenn Trent Reznor sich mal wieder selbst ad absurdum führt oder die Populismuskeule auspackt, feierst du dies als Neubewertung des Copyrights und Abgesang auf die Musikindustrie.

7. Um auch Indie-Hipness zu bieten, übersetzt du blitzschnell die neuesten Beiträge auf Stereogum und rufst laut „Erster!„.

6. Du berichtest erst dann über Bands oder Musiker, wenn selbige mindestens 150000 MySpace-Aufrufe oder 80000 Scrobbles auf Last.fm vorzuweisen haben. Vorher strafst du sie mit Verachtung – außer sie haben Sex oder Crime oder im besten Fall beides im Gepäck.

Musikblogger arbeiten professionell, 24 Stunden am Tag und manchmal auch mehr. (Quelle: Deutsches Bundesarchiv auf Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz)

5. Du schleuderst tagtäglich mehr Links ins weite Rund des Internets als derzeit Tonnen Öl in den Golf von Mexiko strömen. Du hoffst, dass deine Trackbacks vermeintlich wichtige Blogs wie Spreeblick erreichen.

4. Selbst haarsträubend spekulative, pseudowissenschaftliche Studien zu Gott und Musik übernimmst du euphorisch, solange sie dein Bauchgefühl bestätigen. (zum Beispiel: Filesharing beschert Musikern mehr Kohle, UFOs manipulieren die Charts, etc.) Allerdings vermagst du an guten Tagen Humbug als Humbug zu enttarnen. Solch lichte Momente unterlaufen deinen Lesern eher nie.

3. Du lässt dich von Promo-Firmen mit LKW-Ladungen an CDs versorgen und unterstreichst deine Unabhängigkeit dadurch, dass du gnadenlos durch den Kakao ziehst, was nicht bereits hochoffiziell und notariell beglaubigt  zum nächsten großen Hype ausgerufen wurde.

2. Du schreibst zwar nach wie vor holprig, hast aber schon das Ego eines Musikjournalisten des Rolling Stone. Darum suchst du dir Gleichgesinnte und gründest ein schickes Online-Magazin, um jedweden Zweifel an deiner Befähigung im Keim zu ersticken.

1. Du verfasst sogar Nachrufe auf den Schwippschwager der Lebensgefährtin des Bassisten der gerade aus deinen persönlichen Top 50 gefallenen Band, da auch die Generation Online das morbide Interesse an Todesanzeigen vererbt bekommen hat.

SomeVapourTrails

Die Kanaille heißt Journaille – Nachgedanken zum Musikblogging

Die Ernennung des Musikbloggers zum unverstandenen Wesen stieß auf einige Reaktionen, die mit meiner Einschätzung nicht immer d’accord gingen. Selbstverständlich mangelt es einigen Einwänden nicht an Schlagkraft, aber manches würde ich eben auch als waidwundes Protestgeheul einstufen. Legitim freilich gerät jede Meinung, die keine drei Ausrufezeichen braucht, um auf den Punkt zu kommen. Darum will ich dieses Mal kurz und bündig noch ein paar Überlegungen nachreichen, manch Aussage präzisieren.

Warum unterhält man einen Blog? Kugelschreiber aus der Hand oder Finger von der Tastatur und nun feste grübeln, bitte! Ich bin ganz tief in mich gegangen, komme zu folgendem Resultat: Man schreibt, weil man glaubt, dass man mit seinen Auffassungen, Urteilen und Interessen einen mehr oder minder unverwechselbaren sowie erhellenden Mehrwert schafft, der bei Lesern auf Widerhall stößt. Ich hege die Überzeugung, dass jede Verwendung von Sprache auf Kommunikation abzielt. Warum sollte ein Blog nur ein völlig unerstes Hobby sein, dem man völlig unangepasst ohne Ziel und Zweck frönt? Sobald ich Gedankengänge und Hirnschmalz preis gebe, erwarte ich auf meine Aktion eine Reaktion. Das gilt für den Alltag ebenso wie für den virtuellen Raum. Unter dem Aspekt vermag ich manch geäußerte Kritik nicht nachzuvollziehen. Denn in eben dem Moment, wo ich Worten meine individuelle Färbung verleihe, darüber klamüsere, wie ich sie in Sätze gieße, genau dann richte ich sie mir auch so zurecht, dass sie Feedback hervorrufen. Ein Blogger tippt nicht einfach so für sich einige Zeilen auf dem Keyboard, er präsentiert sich mit Inhalt, Stil und Zweck. Es dreht sich alles um Wie, Was und Warum.

Das Warum verzeichnet den größten Unterschied zwischen dem Blogger und einem Journalisten. Der vermeintliche Amateur tut dies in der Eigendarstellung aus Lust, Laune und Leidenschaft, der Profi vorrangig zum Zwecke des Broterwerbs – und unterwirft sich damit dem Sinnspruch Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Der Blogger wirkt und werkt als Bereicherung, gerade weil sich seine Motive weniger vordergründig definieren. Man kann sich eine in der Theorie vollständige Unabhängigkeit bewahren, die keine Sachzwänge kennt. Ein kommerzielles Musikmagazin ist der Leserschaft und dem Werbekunden verpflichtet. Eine Rock-Postille kann nicht einfach so den Schwerpunkt gen Electronica oder gar World Music verlagern, das zerstört Erwartungshaltungen. Und wenn die großen Labels Anzeigen zu den Veröffentlichungen ihrer Zugpferde schalten, dann müssen diese verdammt nochmal Erwähnung finden. Das ist so klar wie Kloßbrühe und nicht verdammenswert. Vom Druck kommerziellen Erfolges befreit kann sich der Musikblogger weitaus ungehemmter betätigen. Genau das macht ihn attraktiv. Er braucht zunächst nur den Anspruch des eigenen Egos erfüllen, darf sich so definieren, wie es selbst gefällt. Aber das Geben kennt auch ein Nehmen.

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Musikblogger bei der Arbeit (Quelle: Deutsches Bundesarchiv auf Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz)

Ich will nicht gleich den Vorschlaghammer auspacken und davon faseln, dass sich jeder korrumpieren lässt. Aber wer den Output ein klitzeklein wenig modifiziert, SEO-mäßig ausrichtet oder bei populären Themen nachhakt, der bekommt eben mehr Traffic, damit verbunden Anerkennung. Und diese Verlockung in die richtige Balance zu der Message zu setzen, das ist der Trapezakt. Die journalistische Linie eines Fachmagazins oder des Feuilletons deckt den oftmals mit viel Eigenwerbung ausgestalteten Bedarf. Der Konsument wählt es mit oben erwähnten Erwartungen gezielt aus. Ein herkömmlicher Musikblogger, der dies nicht zum Behufe der bewussten Verstärkung seines Werkens als Musiker oder Journalist tut, dieser wirkliche Laie, welcher mit dem Betreiben eines Blogs keine augenscheinlichen Nebeneffekte erzwingen will, solch ein Blogger kann sich zuallererst nur auf Google verlassen, um eine Reputation zu generieren. Es wäre eine höchst vermessene Annahme zu glauben, dass man aufgrund der kompetenten Beratung nach der Drogeriefachverkäuferin Müller die Suchmaschinen durchforstet, um ihren Blog mit Wellness-Tipps zu eruieren. Was hingegen der Musiker XY so an mehr oder weniger privaten Gedanken auf seinem Blog zum Besten gibt, danach wird durchaus gezielt gesucht.

Somit ist jeder herkömmliche Blogger – auch der Musikblogger – zunächst ein Niemand, der anfangs den Algorithmen der Suchmaschinen hoffnungslos ausgeliefert ist, sich selbst als Marke etablieren muss, um nicht gänzlich dem Zufall überlassen zu sein. Wer also nun das Bloggen mit einem Funken an Ernsthaftigkeit betreibt, wird Klickzahlen Bedeutung zugestehen. Wird eine Vernetzung mit Gesinnungsgenossen mit ähnlichem thematischen Schwerpunkten suchen. Blogroll, ich hör dir trapsen! Im speziellen Fall mutet es nicht unlogisch an, dass der Musik behandelnde Freizeitschreiberling mehr früher als später mit Bands, Labels und Promotionfirmen konfrontiert wird. Ich verwette mein mit noch reichlich Haupthaar gesegnetes Köpfchen, dass es jedem in der Linkliste von Lie In The Sound beheimaten Kollegen bereits so ergangen ist. Man soll mir also nicht attestieren, dass die These der Vereinnahmung gar so weit hergeholt sei. Mit jenen Kontaktaufnahmen beginnt dann die Malaise erst richtig, man wird zum Multiplikator für Nachrichten und Namensnennung. Je unbekannter die Band oder der Künstler, desto schwerwiegender jede einzelne Erwähnung. Wieso sollen just hier nicht die Mechanismen der realen Welt greifen und das Spiel Eine Hand wäscht die andere beginnen? Man bekommt CDs, Konzertkarten und widmet seine Finger im Gegenzug auch Alben, die man sonst nie und nimmer angehört geschweige denn gekauft hätte. Sobald der Blogger-Heini eine gewisse tägliche Resonanz einheimst, lauert das Fettnäpfchen.

Machen wir uns nichts vor, das Internet lebt davon, dass jeder, der wenn auch nur mit Ach und Krach dem Analphetismus abgeschworen hat, seinen Beitrag dazu leistet. Das muss nicht einmal besonders konstruktiv geschehen, kann in der beschränkten Öffentlichkeit eines Chats oder Forums passieren – oder eben auf einem Blog. Und da Meinungsbildung eben nicht nur über die hochoffiziellen Kanäle journalistischer Online-Angebote geschieht, sind besonders die Amateure für die Vermarktungsmaschinerie interessant, die den Blog nicht mit einem Tagebuch verwechseln, ihn vielmehr thematisch ausstaffieren.

Meine Erläuterungen sollen verdeutlichen, dass auch der Blogger nicht per se authentischer agiert. Die Kanaille heißt aber nach wie vor Journaille. Denn ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass sich der Blogger längst zum unabdingbaren Korrektiv gegenüber der Berufsschreiberzunft aufgeschwingen musste. Wo Fachzeitschriften die eigene Position überstrapazieren und längst nur mehr Standgericht spielen, das eigene Urteil in knackige Zeilen pressen, oder aber im konträren Fall die Meinungshoheit über das eigene Medium abgegeben haben und lediglich noch zum Echo von Pressemitteilungen verkommen sind, kann der Pluralismus der Bloggerszene ein notwendiges Gegengewicht erzielen. Und exakt aus dieser Bewertung heraus, lege ich an den bloggenden Menschen höhere Maßstäbe an.

SomeVapourTrails

Der Musikblogger – ein unverstandenes Wesen

Wer schon immer musikversessen war, aber bereits im Kindesalter ins falsche Ende der Blockflöte blies, der wurde in der guten alten Zeit Musikkritiker. Und da die Aufgabe des Feuilletons und der Fachpresse von jeher im Verwalten des Kanons hochwertiger Kunst bestand, wurde ganz eifrig ausgesiebt, gute Musik ins Töpfchen und schlechte ins Kröpfchen. So bekamen allgemein anerkannte Bands breite Aufmerksamkeit und ungefällige Künstler wurden dem Schlund des Vergessens übergeben. Dieses Schema existiert nach wie vor, aber seit dem Eintreten des Internets in unser aller Lebenswirklichkeiten machen sich nun Jahr für Jahr mehr Dilettanten – auch Blogger genannt – daran, ihren Senf zur Musikrezeption beizusteuern. Mit ungeahnten Auswirkungen…

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Die Gründerzeit der Musikblogs (Quelle: Deutsches Bundesarchiv auf Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz)

Stand für das professionelle Rezipiententum noch die Beurteilung und Einordnung von Werken im Vordergrund, ging es den Laien um den Transport von Nachrichten und der Beförderung der eigenen Begeisterung in die Weiten des Netzes. Enthusiasmus und Engagement konkurrierte vermehrt mit journalistischer Distanz. Doch all die Blogs trafen den Nerv der Zeit, die Form der neuen Darreichung musikalischer Wahrnehmung fand breiten Zuspruch. Und führte dazu, dass auch etablierte Print-Magazine im Online-Sektor einen legeren Ton anschlugen. Primär interessiert heutzutage nicht mehr das Urteil, es sind Musiknachrichten, über die im Web geschrieben wird. Das neueste Video, die aktuellen Termine der Tour, solcherlei eben. Das Schreiben über musikalische Inhalte ist über weite Strecken zur PR-Aktion verkommen, die lediglich an der Oberfläche kratzt.

Man könnte nun dem Blogger den Stinkefinger zeigen und diesen für den Untergang des gehaltvollen Umgangs mit Musik verantwortlich machen. Doch das wäre viel zu kurz gegriffen. Denn eigentlich haben die mehr oder minder begabten Amateure doch nur eine Lücke in der Meinungsvielfalt geschlossen und sich ihre begeisterungsfähige Unschuld im Entdecken neuer Künstler zunächst bewahrt, trugen die Nase nicht so hoch, um zukunftsträchtige Talente erst auf Zuruf von Labels wahrzunehmen, buddelten selbst – wurden fündig. Ohne die Bürde des sich geziehmenden journalistischen Abstands konnte die persönliche Befindlichkeit in eine Wahrnehmung von Musik verstärkt eingebunden werden. Das kam an.

Dann aber kam Gott – heute besser unter dem Namen Google bekannt. Und das Unheil nahm seinen Lauf. Je mehr über Musik geschrieben wird, sobald eine gewisse kritische Masse an Inhalten überschritten wird, beginnt der Kampf um Aufmerksamkeit. Das Buhlen um jeden verdammten Leser. Der Wettlauf um die Search Engine Optimization. Im unüberschaubaren Dickicht an Blogs zählen heute die Kniffe mehr als jede Begeisterung oder die Befähigung zum schriftlichen Ausdruck. Von SMS und Twitter geprägte Konsumenten legen Wert auf Kürze, wortgewaltiger Firlefanz erscheint überflüssig.  Die Verkettung von Subjekt, Prädikat und Objekt genügt. Und da der Text zur trivialen Nebensache verkommt, der Inhalt den Stil vollends in den Schatten stellt, wird das Schlagwort zur neuen Währung. Platziere die richtigen Buzzwords und Google liebt dich, Klick um Klick winkt als Belohnung. Eine feine Schreibe wird im täglichen Buhlen um Aufmerksamkeit nicht gefordert – somit auch nicht gefördert. Google schert sich darum nicht, der Durchschnittsnutzer auch nicht. Nur so als Randbemerkung: Das haben freilich nicht nur Blogger erkannt, fast alle Online-Medien veröffentlichen mittlerweile Texte, die die deutliche Handschrift eines Praktikanten tragen. Jener kosten eben nahezu nichts und schafft es dennoch, eine Meldung abzuliefern, welche die gröbsten Fakten beinhaltet. Nach mehr wird im Internet selten verlangt.

Wenn also die Aufbereitung lediglich hinsichtlich des Layouts eine Rolle spielt, die schiere Meldung ins Rampenlicht rückt, jeder ein Stück vom Leserkuchen haben will und auch die hauptberuflichen Akteure auf die Quantität lugen, dann dampft die Kacke. Wer jedoch will sie riechen? Die Nivellierung auf einen Niedrigpegel gerät zur Notwendigkeit, um in modernen Zeiten  zu reüssieren. Von einem Anspruchsgedanken hat man sich im Internet nahezu geschlossen verabschiedet, denn dieser steht diametral den Klickzahlen entgegen, die das Ego des Bloggers streicheln und monetär ausgerichteten Webseiten Werbekunden bescheren. Darum wird das letzte Quäntchen an Anstrengung in SEO investiert.

Als weitere Komponente für den vermuteten Sittenfall von Musikblogs sei die Vorgangsweise von Promotion-Firmen und Labels ins Feld geführt. Darf man der Hand, die einen füttert, ein Auge aushacken? Wenn Blogger als Gegenleistung für den Erhalt eines Promo-Exemplars natürlich auch – wenn möglich nur positiv – über jene Veröffentlichung berichten sollen, dann entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis, welches schnell in allgemeine Lobhudelei mündet. Je mickriger die Blogpräsenz, desto wichtiger gerät die „vertrauensvolle“ Zusammenarbeit. Je edler der Roster der PR-Agentur, umso eher wird der Blogger zum Werkzeug. Die Vereinnahmung der Blogger gelingt perfekt. Allerdings kämpfen auch große Blogs, die sich dann gerne bereits einen Magazinstatus verleihen, mit der Tücke des Geschäfts. Sie können sich Verrisse leisten, Promo-Kopien als Kaffeebecheruntersetzer nutzen, aber um ihre Leserschaft bei der Stange zu halten, müssen aus sie über die aktuellsten Hypes berichten. Sonst sagen die Klickzahlen im Sinkflug Arrivederci! Denn natürlich wird im Internet vor allem nach der Art von Musik gesucht, die gerade in aller Munde ist. Da will niemand Vampire Weekend ignorieren, wenn alle Welt diesen Act mit glitzernden Augen betrachtet. Derart schaukeln sich Hypes auf. Längst hat die Gleichschaltung von Amateuren wie Fachkräften den Einheitsbrei wiederhergestellt, gegen den Blogs einst vielleicht sogar unbewusst aufmuckten.

Und so wie manch Blogs die Pressemitteilungen zu Alben im Wortlaut abdrucken und mit Geschick auf die SEO-Tube drücken, mit vielen Besuchern auch Werbeeinnahmen generieren, andere Blogs hingegen den virtuellen Schwanzvergleich mit der Aktualität der News dominieren wollen oder das Heil in ihrer Existenz als Linkschleuder suchen, wieder andere die Daseinsberechtigung von der tagtäglichen Entdeckung völlig unbekannter Bands ableiten und jeden Künstler mit unter 1000 MySpace-Freunden gleich als das nächste große Ding präsentieren, so tritt auch die Fachpresse die Flucht nach vorn an. Exklusive Inhalte, Kooperationen mit Plattenfirmen, all das verlangt ebenfalls den unvermeidlichen Tribut. Und so schließt sich der Kreis, denn da besonders Exklusivität Zugriffe beschert, scheinen allzu harsche Attacken gegen den musikalischen Status quo verpönt.

Wer mag sich noch unbestechliche Objektivität leisten? Wie hoch setzt man die eigene Schmerzgrenze an, ehe man entmutigt ob mangelnder Wahrnehmung im World Wide Web das Schreiben über Musik ad acta legt? Was muss passieren, um den eigentlich Spirit eines Blogs authentisch zu wahren? Mit welchem Vorsatz wird heute gebloggt? Geht es um die reine, mit missionarischem Eifer vorgebrachte Vervielfältigung der eigenen Meinung, um den Sprung ins Scheinwerferlicht einer Internet-Öffentlichkeit oder um die Liebe zu Klängen, Tönen, Stimmen und dem ganzen Scheiß? Wenn Schwarz und Weiß das gegenwärtige Denken dominiert, fällt der Ausdruck in Nuancen kaum auf, lockt nahezu keinen hinter dem Ofen hervor. Dem gegenüber steht die allgemeine Schönfärberei der Durchschnittlichkeit, freilich auch in musikalischen Belangen. Wie vermag man eine Einschätzung zu artikulieren, ohne Hochwertigkeit mit immer verzweifelteren Superlativen hervorzustreichen?

Die fast schon zum Stehsatz verkommene Krise der Musikindustrie wird im Netz durch eine mit Nibelungentreue zu Google gelebte Rezeption verstärkt. Der ironische Beigeschmack wird damit verstärkt, dass PR-Agenturen und Labels durch ihr Vorgehen zwar Fachpresse und Blogger auf Linie halten, aber eben nicht begreifen, dass sie sich dadurch das eigene Grab nur noch tiefer schaufeln. Der artige Konsument legt noch eine Schippe nach, vertraut den Informationsquellen, die längst schon wie vom Fließband den selben Quark produzieren. Für jeden Geschmack ist der passende Humbug vorhanden. Eingebildete Leser mit Indie-Attitüde werden ebenso vollgekotzt wie kleine Gören mit DSDS-Fieber. Letztlich liefert nämlich der auf Zeitgeist gestlyte Musikblog der gehobenen Tageszeitung, das Popkultur predigende wie desavouierende Magazin oder der mit Geheimtipps nicht geizende Miniblog den vermeintlich anspruchsvollen wie intellektuellen Hörern doch auch eine sehr berechenbare, vorgekaute Kost.

So darf aus heutiger Sicht das Experiment des Bloggens über Musik als wenig gelungen erachtet werden. So könnten sich die Musikkritiker eigentlich ins Fäustchen lachen, wenn sie nicht selbst schon in das Abbilden von Trivialitäten gedrängt worden wären. Die eigentlich Leidtragenden sind wiederum die Musiker, die trotz der Möglichkeiten durch Bandcamp, Soundcloud, MySpace und Konsorten einer seriösen wie wohlwollenden Rezeption harren, weil zuviel geschnattert und zuwenig handverlesen wird.

SomeVapourTrails

Die Waschzettel-Affäre – Die Zeit und das Augenscheinliche

Wenn ich während des Morgenkaffees die Überschriften der mehr als 70 in meinem Newsreader geführten Fachmagazine, Blogs und Zeitungsrubriken hinsichtlich musikalischer Verlautbarungen abgrase, gehört Die Zeit bei aller prinzipiellen Wertschätzung nicht zu diesem erlauchten Kreis. Daher brauchte es auch eine gewisse Zeit, ehe die Kritik an Musikpromotion und -journalismus nun doch den Weg in meine Kaschemme fand. Und so ganz will sich mir auch nach wiederholter Lektüre zweier Artikel die zwingende Schlüssigkeit der Kritikpunkte nicht darstellen, dazu hagelt es zu zahlreich olle Kamellen.

Die Chose begann vor mehr als einer Woche mit einem Wutanfall Carsten Klooks, dem es wie Schuppen von den Augen wehte, dass Presse-Infos von Plattenlabels und Promotionagenturen einen werbenden Charakter enthalten und in den Waschzettel genannten Mitteilungen Superlative ihr Unwesen treiben. Weiters bekrittelte der werte Schreiber Plattitüden und Worthülsen, die als „Girlanden bizarrer Vergleiche“ jedwede Inhaltlichkeit vermissen lassen. Ein paar Tage später sprang Zeit-Kollege Jan Kühnemund Klook zur Seite und relativierte das Augenscheinliche, indem er die Werbung für ein Produkt als stets lobpreisend und dumpf entlarvte und den Schwarzen Peter Musikredakteuren und Blogger weiterreichte. Anhand zweier Beispiele attestierte er Spex die wörtliche Übernahme von Waschzetteltexten und dem Musikexpress „Korrumpiertheit“. Plattenfirmen gäben Songs frei, die das Magazin dem Heft in CD-Form beilegt, worauf sich der Verlag mit überschwänglich wohlwollenden Besprechungen revanchiere. Dies wiederum veranlasste die Spex zur Klarstellung, dass im monierten Fall der Text lediglich im Zusammenhang mit der Bewerbung einer Spex-Eigenveranstaltung verwendet wurde.

Symbolbild

Soviel zu den sagenhaft sensationellen Enthüllung von Zeit Online. Und auch wenn es sich hier um ein Paradebeispiel für das Konstatieren des allzu Offensichtlichen handelt, sollte der übereifrig initiiert Diskurs auf der Ebene einer Grundsätzlichkeit fortgeführt werden. Denn eigentlich verrät die Qualität der Waschzettel viel darüber, wie Labels und Promotoren ihre Klientel einschätzen. Dies betrifft einerseits die Faulheit von Journalisten und Bloggern, Inhalte mittels Recherche einer Prüfung zu unterziehen. Die Hetzjagd nach Content unterbindet das. Die SEO-Schlampen unter den Blogs zum Beispielen übernehmen den Pressetext wortwörtlich, generieren hohe Klickzahlen ohne einen Funken eigene Meinung oder gar Fachkenntnis zu investieren, verdienen sich mit Werbung etwas dazu. Manch sogenanntes Internet-Musikmagazin wie Musicheadquarter.de bedient sich gerne  dieser Inhalte, übernimmt zwei Drittel des Promotiontextes zur Veröffentlichung des neuen Albums von Get Well Soon als Vorankündigung eines neuen Videos. Immerhin macht erwähntes „Magazin“ kein Hehl aus der verwendeten Quelle. Und da dies den Erstellern der Waschzettel hinlänglich bekannt ist, dienen selbige nicht der schieren Information, vielmehr der Verbreitung von hymnischen Qualitätsbezeugungen. Aus diesem Fundus schöpfen kleine wie größere Fische.

Andererseits richtet sich die sprachliche Verfasstheit von Presse-Infos natürlich auch nach der jeweiligen Leserschaft aus. Wer für die Beschreibung von Musik nur einen begrenzten Wortschaft aufbringt, will auch nur diesen in einer Besprechung erwähnt wissen. Wozu also soll ein Waschzettel für die neue CD der Scorpions eine schreiberische Finesse aufweisen? Je höheren Anspruch die Musik aufweist, desto hochwertiger agieren meist auch die Werbetreibenden. Und dies simple Faktum sagt mehr darüber aus, was oben angeführte Wochenzeitung rezensionstechnisch ins Auge fasst, als es die Autoren von Pressemitteilungen brüskiert.

Wenden wir uns nun noch rasch dem Kern des Problems zu. Wie lässt es sich über Musik parlieren, wie vermag man selbige zu rezensieren? Die objektiven Deskriptionsmöglichkeiten – zum Beispiel Tonlage oder Takt – sind für den Konsumenten reichlich uninteressant, ihn locken die Emotionen und Assoziationen, welche jene Kunst auslöst. In Worte zu fassen, was selbst keine Worte kennt, schreit förmlich nach überbordenden Verwendung rhetorischer Figuren. Dass die Rezensionsmaschinerie manch Adjektiv inflationär handhabt, scheint unbestritten. Und doch heiligt der Zweck die Mittel, wenn mit Phrasen nähergebracht wird, was nach Kritikermeinung Hörer zu bereichern vermag. Ich für meinen Teil sehe in scheppernden Gitarren, ausufernde Soundlandschaften oder düsteren Pianoakkorden keine Desavouierung der Sprache Goethes.

Die echte Crux an den Artikeln in der Zeit ist zweifellos die Frage nach der Redlichkeit von Musikjournalisten, wie ich sie hier bereits thematisiert habe. Doch ausgerechnet in dieser Hinsicht haben die Herren Klook und Kühnemund keinerlei Lösungansätze parat. Wahrscheinlich gibt es keine, außer auf die normative Kraft mündiger Hörer wie Leser zu vertrauen, die früher oder vermutlich später das üble Spiel durchschauen.

SomeVapourTrails