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Bundesvision Song Contest 2010 – Eine unselige Veranstaltung

Einmal noch will ich mich mit dem BuViSoCo auseinandersetzen, ehe wieder mehr Indie und Internationalität durch den Blog weht. Den Bundesvision Song Contest 2010 zierten ein paar wirkliche gute Acts, denen jedoch mehrheitlich hintere Plätze zugewiesen wurden. Das schreit geradezu nach einer Analyse der Ereignisse – und einer Überprüfung meiner Prognose.

Platz 16 – Niedersachsen: Zäumen wir das Pferd von hinten auf. Dass Bernd Begemann und Dirk Darmstaedter mit dem mittelmäßigen Rockabilly-Track So geht das jede Nacht keine Bäume ausreißen, dies war so klar wie Kloßbrühe. Dennoch hätte ich erwartet, dass die treue kleine Fangemeinde der beiden Künstler die völlige Blamage zu verhindern trachtet. Wenn der gestrige Abend etwas lehrt, dann dass auch nicht im Mainstream verankerte, aber keineswegs unbekannte Namen letztlich nur Schall und Rauch sind.

Platz 15 – Saarland: Ich hatte wirklich kein gutes Gefühl hinsichtlich Mikroboy. Nichts ist umsonst gehört zweifelsohne nicht zu den Highlight ihres songwriterischen Schaffens. Da bietet die bereits 2009 veröffentlichte Scheibe Nennt es, wie Ihr wollt. ganz andere Kaliber auf. Unter diesem Aspekt war leider nie mit einem Platz unter den Top 10 zu rechnen. Auch hier lag ich mit meiner Prognose nicht wirklich falsch.

Platz 14 – Rheinland-Pfalz: Jugendlich flotter, ungestümer Indie-Rock wurde bei diesem Bewerb gnadenlos abgestraft. Dass nicht einmal ein lupenrein fabrizierter Titel wie Sommerdiebe Gefallen fand, durften Auletta am eigenen Leib erfahren. Sorry, aber unter die besten Zehn hätten sie es nach qualitativen Maßstäben schaffen müssen.

Platz 13 – Hessen: Inmitten des an Genres armen Contests haben Oceana feat. Leon Taylor souligen Retro-Pop ertönen lassen. Oceana versprüht zudem auch noch Charisma. Bei Far Away ist von A-Z  alles stimmig. Kein Song für die Musikhistorie, aber er wurmt angenehm im Ohr. Vielleicht haben Anhänger solcher Klänge den Abend in sicherer Entfernung des Fernsehgeräts gebracht, eine bessere Erklärung für das ungerechtfertige Resultat habe ich nicht zu bieten. Meine hellseherischen Fähigkeiten haben in besagtem Fall freilich völlig versagt.

Platz 12 – Sachsen: Krudem Humor bin ich aufgeschlossen. Im Vertrauen darauf, dass ein Witz nicht so platt sein muss, dass ihn selbst ein Mario Barth barsch von sich weist, hielt ich eine einstellige Platzierung für die Blockflöte des Todes für realistisch. Alles wird teurer mit dem Plädoyer für Fairtrade-Koks hat als Parodie auf das gegenwärtig grassierende, bürgerliche Bewusstsein für fairen Handel, dem sich weder die Lebensmittelindustrie noch die Bekleidungsbranche dauerhaft verschließen mag, leider wenig Gegenliebe gefunden. Schade, aber ProSieben war noch selten ein Ort, wo man mit dergestalten Spitzen Erfolg hat.

Platz 11 – Bremen: Die kleinstadthelden lieferten mit Osterholz-Scharmbeck ein ordentliches, rockiges Album, aber mit Indie Boys war nichts, absolut gar nichts zu gewinnen.  Dazu musste man kein Prophet sein.

Platz 10 – Mecklenburg-Vorpommern: Was Sebastian Hämer mit dem in jeder Hinsicht unauffälligen Is‘ schon ok ins Mittelfeld gespült hat, bleibt ein veritables Rätsel. Vielleicht wurde die Biederheit des Songs honoriert. Stefan Raab würde wohl sagen: Man weiß es nicht.

Platz 9 – Baden-Württemberg: Bakkushan treten immer auf das Gaspedal. Da bildet natürlich Springwut keine Ausnahme. Auch weil derartige Power zu speziell für die ganz breite Masse scheint, war mit solch einem Platz zu rechnen. Sehr solide.

Platz 8 – Hamburg: Natürlich, Selig wirkten indigniert, anscheinend haben sie die anfänglichen Tonprobleme aus dem Konzept gebracht. Aber Von Ewigkeit zu Ewigkeit besitzt soviel Klasse, dass auch eine schwache Performance das Abschneiden nie und nimmer erklärt. Sind Selig und deren Fans zu alt oder zu abgeklärt, um solch einem Wettbewerb den nötigen Enthusiasmus entgegenzubringen? Eine unselige Geschichte.

Platz 7 – Schleswig-Holstein: Eine positive Überraschung des Abends war das nicht überragende Abschneiden von Stanfour. Band und Song Sail On wirken viel zu glatt. Vielleicht habe ich die Popularität in Teenager-Kreisen überschätzt.

Platz 6 – Thüringen: In meiner Vorhersage bildeten Norman Sinn & Ryo das Schlusslicht. Zu vergessenswerte war die dargebotene Fahrstuhlmusik, zu uncharismatisch die Protagonisten. Was im konkreten Fall zum Achtungserfolg von Planlos führte, vermag ich mir trotz Haareraufens  nach wie vor nicht zu erklären.

Platz 5 – Brandenburg: Zugegeben, ich mochte Du, Es und Ich von der allerersten Sekunde nicht leiden. Das Gezeichnete Ich wirkt auf mich ebenso wenig einnehmend. Aber es war die Veranstaltung, in der man mit dem Griff in den Schmalztopf nichts verkehrt machte.

Platz 4 – Bayern: Blumentopf ziert ein Schönheitsfehler: Sie können nicht rappen. Diesen Makel teilen sie mit mir, aber ich malträtiere mit meinen Versuchen auch nicht die Masse. Dabei wären die Texte völlig in Ordnung, aber der Vortrag nervt – gewaltig. So aufgesetzt locker, dass es schmerzt. SoLaLa schlug sich mehr als ordentlich. Habe ich unterschätzt, wie sehr besonders bestenfalls durchschnittlicher Rap im Mainstream-Geschmack angekommen scheint?

Platz 3 – Berlin: Ich + Ich zählten zu den Favoriten, aber mit dem Ethno-Gedudel Yasmine wachsen eben keine Bäume in den Himmel. Die treue Fanbase verzeihte den Murks ohne zu murren und votierte kräftig mit.

Platz 2 – Sachsen-Anhalt: Klar, Silly sind Kult. Aber Alles Rot befördert die enttäuschte Wut einer Frau, die wegen einer Jüngeren verlassen wurde. Damit punktet man eigentlich nicht in der jugendlichen Zielgruppe des Senders. Umso erfreulicher das Resultat. Ein Spitzenlied erlangt ein Spitzenresultat. Der Lichtblick des Votings.

Platz 1 – Nordrhein-Westfalen: Unheilig – der unselige wie erwartete Gewinner. Zugegeben ich attestiere dem sogenannten Grafen, dass er sympathisch über den Bildschirm wischt. Dies mag einen Teil der Popularität definieren. Aber Unter deiner Flagge zählt zur Kategorie einer pathetischen Schlagerherrlichkeit, die zwar aufgepeppt, aber dennoch sowohl musikalisch als auch textlich diejenigen Geschmäcker bedient, welche eigentlich keine sind.

Eine kleine Randnotiz: Sieht man sich die Labels an, deren Künstler beim Bundesvision Song Contest an den Start gingen, merkt man rasch, dass Universal hier einen überwältigenden Sieg davon tragen konnte. Die Vertreter kleinerer Labels landeten ohne Ausnahme auf den hinteren Plätzen. Es sind halt noch immer die Riesen unter den Plattenfirmen, die den Geschmack der breiten Masse bestens bedienen.

SomeVapourTrails

Bundesvision Song Contest 2010 – Die Prognose

Link: SomeVapourTrails bloggt LIVE zum BuViSoCo

Zur Ursachenforschung, warum der Abend so verlief, wie er verlief, sofern dies nicht bloß der bösscherzige Traum eines geschmacksresistenten Musikgottes war, zu den Gründen findet man unter folgendem Link Erklärungsversuche.

Heute mal Klartext. Welcher Song rockt, welcher Titel floppt. Ich hab mich an eine Prognose für den Bundesvision Song Contest 2010 gewagt. Wie richtig ich mit meiner Einschätzung liege, kann man 01.10. auch in Echtzeit auf diesem Blog nachlesen, wenn ich mich ans Live-Blogging wage. Schaut vorbei…

Baden-WürttembergBakkushan – “Springwut”

Energetisch wie man es von der Band erwarten kann und darf. Eine wirklich gute Nummer.

Prognose: Platz 7

Persönliche Wertung: 7 von 10 Punkten

BayernBlumentopf – “SoLaLa”

Blumentopf gehören zu den großen Missverständnissen der deutschen Hip-Hop-Szene, hätte ich ihren Flow, würde ich an Verstopfung leiden.

Prognose: Platz 13

Persönliche Wertung: 4 von 10 Punkten

BerlinIch + Ich – “Yasmine”

Hier geht es zur Live-Präsentation des Lieds bei TV total.

Ich + Ich stehen für erfolgsverwöhnten, eingängig wie intelligenten Pop, da können die Kritiker sich noch so sehr wie Rumpelstilzchen aufregen und gegenteiliges verkünden. Dieses Lied gehört jedoch in die Kategorie Ausschuss. Aber die breite Fanbase wird dennoch kräftig votieren.

Prognose: Platz 2

Persönliche Wertung: 5 von 10 Punkten

BrandenburgDas Gezeichnete Ich – “Du, Es und Ich”


Das Gezeichnete Ich – Du, Es Und Ich – MyVideo

Ziemlich nerviger, säuselnder Herzschmerz-Pop ohne Erbarmen.

Prognose: Platz 11

Persönliche Wertung: 3 von 10 Punkten

Bremenkleinstadthelden – “Indie Boys”

Das schlechteste Lied des neuen Albums Osterholz-Scharmbeck ausgerechnet beim BuViSoCo zu präsentieren – keine gute Wahl. Mit dem Titel Winter im Juli wäre eine weit bessere Platzierung möglich gewesen.

Prognose: Platz 10

Persönliche Wertung: 4 von 10 Punkten

HamburgSelig – “Von Ewigkeit zu Ewigkeit”


Selig — Von Ewigkeit zu Ewigkeit – MyVideo

Die unterschätzteste deutsche Rockgruppe steuert einen in jeder Hinsicht absolut edlen Song zum Wettbewerb bei. Die Lyrics geraten zu einer wundervollen Absichtserklärung, selten habe ich ein ähnlich kräftiges Liebeslied gehört.

Prognose: Platz 4

Persönliche Wertung: 10 von 10 Punkten

HessenOceana & Leon Taylor – “Far Away”

Fein-souliger Retro-Pop, ein sauber produzierter Track. Eine gelungene Überraschung, die die übrige Teilnehmerliste auch stilistisch bereichert.

Prognose: Platz 8

Persönliche Wertung: 7 von 10 Punkten
Mecklenburg-VorpommernSebastian Hämer – “Is‘ schon ok”

Hier geht es zur Live-Präsentation des Lieds bei TV total.

Ein absoluter 08/15-Song, nicht brechreizverursachend, aber nicht wirklich gut. Derart gewöhnlich, dass einem die Worte für Lob oder Kritik fehlen. Hämer kann es aber besser.

Prognose: Platz 14

Persönliche Wertung: 4 von 10 Punkten

NiedersachsenBernd Begemann & Dirk Darmstaedter – “So geht das jede Nacht”

Rockabilly ist ein Minderheitenprogramm in Deutschland, die werten Herren liefern keinen triftigen Grund, warum sich dies ändern sollte.

Prognose: Vorletzter Platz

Persönliche Wertung: 5 von 10 Punkten

NRWUnheilig – “Unter Deiner Flagge”


Unheilig — Unter Deiner Flagge – MyVideo

Das Getue um den Grafen ist albern, musikalisch und textlich hingegen hat der Song immerhin Schlager-Niveau.

Prognose: Unverdienter Sieger

Persönliche Wertung: 2 von 10 Punkten

Rheinland-PfalzAuletta – “Sommerdiebe”


Auletta — Sommerdiebe – MyVideo

Ein flotter, mit launigem Kehrreim versehener Indie-Rock-Track. Alles im grünen Bereich.

Prognose: Platz 9

Persönliche Wertung: 7 von 10 Punkten

SaarlandMikroboy – “Nichts ist umsonst”

Mikroboy sind wesentlich klüger – musikalisch wie textlich – als die meisten vergleichbaren Acts. Leider stellen sie es bei diesem eher sperrigen Titel nicht zwingend unter Beweis.

Prognose: Platz 12

Persönliche Wertung: 7 von 10 Punkten

Sachsen-AnhaltSilly – “Alles Rot”

ALLES ROT I from sillychannel on Vimeo.

Zusammen mit Seligs Von Ewigkeit zu Ewigkeit das beste Lied der Veranstaltung. Thematisch jedoch für die Zielgruppe des BuViSoCo denkbar ungeeignet. Wie soll man Teenies die Bitterkeit einer verlassenen Frau erklären, deren Mann seine zweite Jugend mit einer Kindsfrau erleben will. Das schert sie – verständlicherweise – einen Dreck.

Prognose: Platz 5 und damit völlig unterbewertet.

Persönliche Wertung: 10 von 10 Punkten

SachsenBlockflöte des Todes – “Alles Wird Teurer” (Details)


Blockflöte des Todes-Alles Wird Teurer (BuViSoCo Sachsen)
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Eine morbid-satirische Ballade, die Fairtrade-Koks zum neuen Schick erklärt. Tolle Idee, genial umgesetzt. Und für nen Lacher „Hihi, der Heini hat Koks gesagt“ auch bei weniger subtilen Gemütern gut.

Prognose: Ein Achtungserfolg erscheint möglich. Platz 6 wäre famos.

Persönliche Wertung: 9 von 10 Punkten

Schleswig-HolsteinStanfour – “Sail On”


Stanfour — Sail On – MyVideo

Ein Track, den man so oder sogar besser bereits ungezählte Male gehört hat. Für mehr als feuchte Teenager-Träume taugt die Band wohl kaum.

Prognose: Ein geschmacksbefreiter Platz 3

Persönliche Wertung: 2 von 10 Punkten

ThüringenNorman Sinn & Ryo – “Planlos”

Nun ja, das Lied ist so sehr um beliebige Gefälligkeit bemüht, dass es noch während des Hörens aus dem Ohr flutscht.

Prognose: Letzter Platz

Persönliche Wertung: 4 von 10 Punkten

SomeVapourTrails

Archaisches Testosteron in Sepiatönen – Grinderman

Wer zum Typus des braven, spießigen Zeitgenossen gehört, dem wird der süße Duft der Verruchtheit angenehm in der Nase kitzeln. Auch in der schreibenden Zunft wird Sabber geweckt, ähnlich beschaffen dem, welcher sonst biederen Beamten aus den Mund läuft, wenn sie vor der Kabinentür einer Peep-Show stehen und sich auf den Strip an der Stange freuen. Sie alle werden von verderbten Fantasien beflügelt. Wo sonstige Musik oft mit der Harmlosigkeit der Wäscheseiten im OTTO-Katalog hausieren geht, spuckt Nick Cave zusammen mit den ebenbürtigen Kumpanen Warren Ellis, Martyn Casey, Jim Sclavunos eine Wichsvorlage voller Sex und Monströsitäten aus. Die ungepflegten, virilen Propheten des FSK 18 firmieren unter dem Namen Grinderman, haben mit ihrer neuen versifften, ungehobelten Platte eine in dreckigen Sepiatönen schillernde psychedelische Dröhnung erschaffen, Pornografie in Noten gehüllt. Je saubermännischer der Hörer, desto mehr geht er Cave auf den Leim. Dieser kennt das große Einmaleins der menschlichen Abgründe und bedient geschickt die Erwartungshaltungen, indem er der frohlockenden Meute Grinderman 2 vor den Latz knallt.

Foto Credit: Deirdre OCallaghan

In den stärksten Momenten der Scheibe strullert Cave ungeniert aus dem Kopfhörer, umtriebig und miesepetrig, vom Leben besudelt, zu alt für Romantizismen, dafür mit jeder Menge Testosteron im Anschlag. Der Maestro schert sich um Moral einen feuchten Kehricht, behübscht nichts, weckt eben deshalb bei denen Begehrlichkeiten, die sich tagtäglich um den schönen Schein abstrampeln. Männer, welche die eigenen dunklen Tiefen bislang noch nicht erforscht haben, dürfen Grinderman 2 dankbar als ein Vademecum verstehen. Der Rest wird das Album als wohlgeratene Fingerübung in das geniale Cave’sche Schaffen einsortieren.

What’s this husband of yours ever given to you /Oprah Winfrey on a plasma screen/ And a brood of jug-eared buck-toothed imbeciles/ The ugliest fucking kids I’ve ever seen“ gehört mit Bestimmtheit zu den stärksten Lyrics des Jahres. Nicht nur auf Kitchenette nimmt sich Cave kein Blatt vor den Mund. Worm Tamer mit seinem wenig subtilen Sex legt sogar noch ein Schippe drauf, erhitzt das Gemüt über Betriebstemperatur, gehört zu den grindigen, musikalischen kräftigen Nummern der Platte, die im psychedelisch-rockigen Heathen Child kulminiert. Cave mutiert hier zum Werwolf und Yeti, reduziert das männliche Begehren auf urtümlich monströse Bedrohlichkeit. Zivilisatorische Errungenschaften, religiöse Staffage wird von archaischer Wucht weggepustet. Wie augenzwinkernd die Band selbst ihren martialischen Stil interpretiert, verrät der Clip zu dieser Single, der ohne Rücksicht auf Verluste den Trash zur Götze erhebt. So verstörend sich When My Baby Comes auf den ersten Blick präsentiert – und die Worte „They had pistols and they had guns/ They threw me on the ground and the emptied into me/ I was only fifteen“ verwirren ungemein, geht letztlich der brachiale Space Rock dennoch wie Honig die Kehle runter. Grindermans Masche ist es, exakt so zu klingen, wie der kleine Mann meint, dass schmutzige Musik klingen sollte. So befriedigen Cave und Co. Bedürfnisse in aller Deftigkeit. Sie lassen rotzbübig die Hosen runter, prahlen mit ihrem Gemächt und lachen sich schief, dass nur Berufstüftler hinter den augenscheinlich körperfellig-nackten Tatsachen noch irgendetwas vermuten möchten. Die Doppelbödigkeit von Grinderman 2 besteht darin, dass es keinen doppelten Boden gibt. Der Wahn siechender Männlichkeit wird plakativ breitgetreten wie zelebriert. Bloß der Song Palaces of Montezuma bietet subtile Momente. En erbauliches Liebeslied, welche von Montezuma bis JFK, Mata Hari bis Miles Davis alles darbietet, was Rang und Namen hat. Wie passt ein Track ohne dreckige Patina ins Bild? Ein Sieg der Gefühle über Triebe? Vermutlich ist dies Grindermans Geheimnis: Diese Unantastbarkeit samt aufreizender Einladung zum Begrapschen.


Grinderman — Heathen Child – MyVideo

Konzerttermine:

04.10.10 Lausanne (CH) – Les Docks
05.10.10 Zürich (CH) – Volkshaus
10.10.10 Wien (A) – Gasometer
11.10.10 München – Muffathalle
13.10.10 Leipzig – Haus Auensee
14.10.10 Berlin – C-Halle
15.10.10 Köln – E-Werk
21.10.10 Hamburg – Docks

Links:

Offizielle Webseite

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download des Tracks Heathen Child

SomeVapourTrails

Konzerte, die man nicht verpassen sollte (II)

Wenn der Herbst seinen grauen Schleier über das Land hängt, bietet der heimische Kamin samt musikalischer Beschallung wohlige Wärme. Wer soziale Interaktion anstrebt, könnte sich auch in einen Club begeben und dort süßen bis schwermütigen Klängen den Handkuss geben.

Damien Jurado

Photo Credit: Lance Troxel

Ach was habe ich diesen Singer-Songwriter nicht schon Superlative gewidmet. Da liegt es doch auf der Hand, dass ich seine drei Auftritte in Deutschland besonders empfehle. Das aktuelle Werk Saint Bartlett bietet sich gerade zu an, in den Top 3 meiner diesjährigen Lieblingsalben zu landen. Damien Jurado hat erst vor wenigen Tagen ein kostenloses Cover-Album der Allgemeinheit zum Geschenk gemacht. Mehr dazu hier.

Konzerttermine:

15.09.10 Hamburg – Kulturhaus III&70
16.09.10 Berlin – NBI Club
17.09.10 Leipzig – UT Connewitz

Rachel Grimes

Bereits vor einem Jahr habe ich Rachel Grimes unseren Lesern vorgestellt und davon gesprochen, dass sie mit viel Sperrigkeit dem Herbst Akkorde auf den Leib schneidert. Das 2009 veröffentlichte Book of Leaves wird zweifelsohne denen Interesse abringen, die der Ausdruckskraft des Pianos vertrauen.

Tour-Termine:

27.09.10 Dresden – Dreikönigskirche
29.09.10 Düsseldorf – Approximation Festival

Schöftland

Auch die Schweiz hat gute Lieder.“ behauptet die eidgenössische Truppe Schöftland auf ihrer MySpace-Seite. Dem hätte ich noch vor wenigen Monaten nur unter Vorbehalt zugestimmt, wurde aber von dem Album Der Schein trügt eines Besseren belehrt. Nun tourt die Band wieder durch hiesige Breiten. Sie stehen für absolut gehaltvolle, besonders textlich interessante Musik. Sonst hätte Gisbert zu Kynphausen dem auf der Platte befindlichem Lied Kleinstadt wohl kaum seine Stimme geliehen.

Konzerttermine:

24.09.10 Stuttgart – Silent Friday
25.09.10 Stuttgart – Café Galao
26.09.10 Köln – Rubinrot
27.09.10 tba
28.09.10 Karlsruhe – Galerie Ferenbalm-Gurbrü Station
29.09.10 Dortmund – Pauluskirche
30.09.10 Frankfurt – Ponyhof
01.10.10 Erfurt – Stadtgarten

Grimoon

Die italienisch-französische Band Grimoon wurde mir bereits vor über einem Jahr einmal empfohlen. Und obzwar mich die chansonesque Musik durchaus eingenommen hat, blieb sie doch stets im Niemandsland meiner Liste zu erwähnender Acts.  So habe ichdie im Juli auf Solaris Empire veröffentlichte CD Super 8 völlig verschlafen. Es zahlt sich jedoch aus, hin und wieder einen Blick auf Facebook zu verschwenden, da ich dort vom geschätzten Musiker Simon nochmals an die Band erinnert wurde. Dieser Tage bereisen Grimoon Deutschland, der Besuch eines Auftritts drängt sich richtiggehend auf. Kostenlose Downloads sind hier zu finden und werden einen positiven Eindruck hinterlassen, daran zweifle ich nicht.

Tour-Termine:

15.09.10 Berlin – Schokoladen
16.09.10 Wetzlar – Franzis
17.09.10 Magdeburg – Moritzhof
18.09.10 Oldenburg – Polyester Club
19.09.10 Rostock – Stubnitz
20.09.10 Hamburg – Pony Bar
21.09.10 Erfurt – Stadtgarten
22.09.10 Berlin – Knochenbox
23.09.10 Apolda – Literatur Weinstube
24.09.10 Ludwigsburg – Luke

Bachelorette

Ab und an gefällt sogar meiner Wenigkeit Electro-Pop, im Falle von Bachelorette sogar sehr. Ihr 2009 erschienenes My Electric Family ist ein wirklicher Genre-Lichtblick. Ihre Live-Auftritte sollte man sich auch dann nicht entgehen lassen, wenn man mit solch Musik im Normalfall wenig am Hut hat.

Konzerttermine:

21.09.2010 Berlin – Privatclub (mit Ólöf Arnalds)
23.09.2010 Leipzig – Conne Island (mit The Chap)
24.09.2010 Dresden – Beatpol (mit Future Islands)
25.09.2010 Nürnberg – K4 (mit Lali Puna)

Pat Appleton

Gerade im E-Mail-Postfach gelandet und sofort für gut befunden. Mir ist die Dame unbekannt, aber man will ja gern neue Dinge kennenlernen. Mittendrin nennt sich das Anfang 2011 erscheinende Album der Sängerin Pat Appleton. Wenn man den Hörproben auf MySpace so lauscht, hat speziell der Song Männer ohne Pferd großes Potential. Eine ausdrucksstarke Stimme, die intelligente Texte unprätentiös singt. Man darf auf die Platte gespannt sein.

Konzert:

23.09.10 Berlin – Lido

SomeVapourTrails

Quietschfidele Quirligkeit – Betty and the Werewolves

Ich lese doch so einige Musikblogs, keine schlechten, wie ich meine. Und doch wurde im deutschsprachigen Raum eine Anfang Juli veröffentlichte, quietschfidele Platte sträflicherweise vernachlässigt, kaum erwähnt. Die britische Band Betty and the Werewolves haben sich mit ihrem Albumdebüt Teatime Favorites wesentlich mehr Aufmerksamkeit, eigentlich sogar Enthusiasmus verdient. Ein Indie-Twee-Pop-Irgendwas trifft im konkreten Fall auf Punk, mit dem Ergebnis rotzfrecher, lieblicher wie schräger Quirligkeit. Und obzwar sie diesen Stil keineswegs erfunden haben, sind sie doch nie um eine Idee verlegen, dazu noch zutiefst dynamisch, sodass man an der eigenständigen Note nicht zu zweifeln vermag.

Wenn die Damen Laura McMahon, Emily Bennett, Helen Short – unterstützt von einem an den Drums berserkernden Doug McFarlane – auf die Tube drücken, spritzen ratzfatz vielerlei Indie-Pop-Perlen mit unwiderstehlichem Girlie-Touch heraus. Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug – oft braucht es nicht mehr als die herkömmliche Instrumentierung, um die Korken knallen zu lassen und einen auf Party zu machen. Speziell wenn man noch dazu gefinkelte Melodien mit einer straighten Selbstverständlichkeit aus dem Ärmel schüttelt. Ja, Betty and the Werevolwes sind ein richtig heißer Feger. Wohl mit das Beste, was dieses Jahr von der Insel herüberschwappt.

David Cassidy bringt den knackigen Sound auf den Punkt, flutscht die Retro-Note in Form einer Liebeserklärung an ein Teenie-Idol der Siebziger, dazu steppt der Bär, ertappt sich der Hörer bei allerlei wilden Körperzuckungen. So und nicht anders sieht ein fokussierter, aufgedrehter Up-Tempo-Song aus. Was soll ich sagen, mit Purple Eyes wummert very british ein ebenso ekstatisches Lied gleich hinterher. McMahons rasanter, dabei nie kreischiger Gesang und natürlich auch die superben Background-Vocals feuern aus allen Rohren, machen aus einem ohnehin eingängigen Track wie Heathcliff einen zweiminütigen, sirenesken Headbanger. Da sehen selbst kesse Miezen wie die Dum Dum Girls dann doch alt, gesetzt, bieder exaltiert aus. Und wenn mal weniger in die Hände gespuckt wird, kann sich das Ergebnis ebenso sehen lassen: Should I Go To Glascow? oder die Single-Auskopplung Paper Thin sind schaumgebremste, tiefgründigere Schönheiten und damit weitaus mehr als bloße Verschnaufpausen zwischen schweißgetränkten Songs wie Plastic oder Wind-Up. Auf Langeweile wartet man bei diesem gewieften Werk vergebens, selbst die als Rausschmeisser fungiernde einzige Ballade Hyacinth Girl kreiert eine melancholische Atmosphäre mit Hit-Potential.

Ich könnte nahezu jedes Lied mit Lobreden umschwärmen, soviel Hörvergnügen habe ich noch selten auf 40 Minuten verdichtet erlebt. Betty and the Werewolves haben sich mit diesem Debüt einen Platz in meinen persönlichen Top 10 des Jahres 2010 gesichert. Solch Teatime Favorites verwandeln jeden 5-Uhr-Tee zu einer Sause, welche die Wände nur so wackeln lässt. Ich für meinen Teil will den Gong so laut betätigen, dass auch die werten bloggenden Kollegen bei der Fete vorbeischauen.

Teatime Favorites ist am 02. Juni auf Damaged Goods erschienen.

Link:

MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

Konzerte, die man nicht verpassen sollte (I)

Heute soll sich alles um das Thema Konzerte deutschsprachiger Künstler drehen…

Jan Josef Liefers & Oblivion

Wenn Schauspieler einen Nebenkarriere als Sänger starten, geht das zumeist schief. Man soll immer das tun, was man am besten kann. Und wenn man nichts kann, am besten nichts. Wahlweise bietet sich bei ausgesprochenem Mangel an Talent auch eine Laufbahn als It-Girl an. Jan Josef Liefers hingegen – um beim Thema zu bleiben – ist auch als Sänger nicht zu verachten, machtmit Soundtrack meiner Kindheit eine sehr gute Figur, liefert von Oblivion unterstützt eine Aufarbeitung, die jedweder Ostalgie ein sattes N vor den Latz knallt, zugleich spannend wie unverklärt bleibt. Auch wenn ich es leider auch bei derzeit laufender Tour nicht auf ein Konzert geschafft habe, ein Versäumnis, das ich bald mal tilgen möchte, darf ich dennoch guten Gewissens seine nächsten Live-Auftritte empfehlen.

29.08.10 Minden – Kultursommerbühne
01.10.10 Erfurt – Alte Oper
02.10.10 Dresden – Staatsschauspiel
03.10.10 Dresden – Staatsschauspiel
07.10.10 Regensburg – Kulturspeicher
08.10.10 Lörrach – Burghof
04.11.10 Oldenburg – Kulturetage
05.11.10 Braunschweig – Stadthalle
06.11.10 Rostock – Stadthalle
08.11.2010 Schwerin – Capitol
09.11.2010 Halle/Saale – Steintor Variete
10.11.2010 Essen – Lichtburg

illute

Die Berliner Liedermacherin illute wird am 01.10. ihr Debütalbum immer kommt anders, als du denkst veröffentlichen. Ich will mein Faible für tiefgründige Fräulein-Musik nicht verhehlen, bin von den ersten Hörproben enorm angetan. Bitte einige Ausrufezeichen hinter das Wort Empfehlung denken.

16.09.10 Hannover – Feinkost Lampe
18.09.10 Kiel – Prinz Willy
19.09.10 Hamburg – Mobile Blues Club
20.09.10 Rostock – Momo
21.09.10 Leipzig – detektor.fm Studiokonzert
22.09.10 Erfurt – Peckhams
23.09.10 Jena – Kunsthof
24.09.10 Gera – Steinweg
25.09.10 Leipzig – Galerie Kunst und Bauschlosserei (K.U.B.)
01.10.10 Berlin – Lux (Record Release Party)

Alin Coen Band

Nochmals zarter Fräulein-Gesang, diesmal von der Alin Coen Band, deren neue Platte Wer bist du? von mir bereits hier als absolut ansprechend beurteilt wurde.


Alin Coen Band – Ich War Hier Live
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31.08.10 Leipzig – naTo
02.09.10 Chemnitz – Weltecho
05.09.10 Ulm – CAT
06.09.10 Tübingen – Voltaire
07.09.10 Stuttgart – merlin
08.09.10 Freiburg – Jos Fritz Cafe
09.09.10 Karlsruhe – Kohi
11.09.10 Stuttgart – Cafe Galao
14.09.10 Frankfurt/Main – Ponyhof
15.09.10 Wetzlar – Cafe Vinyl
16.09.10 Bonn – Klangstation
17.09.10 Aachen – Raststätte
18.09.10 Marburg – Havanna 8
21.09.10 Gera – Haus der Pioniere
27.09.10 Berlin – Privat Club
28.09.10 Hamburg – Prinzenbar
29.09.10 Köln – BLUE SHELL
30.09.10 München – 59:1
15.10.10 Halle – Riff-Club
16.10.10 Weimar – Kasseturm
18.10.10 Jena – Cafe Wagner

kleinstadthelden

Die kleinstadthelden bringen ab 10.09. den Silberling Osterholz-Scharmbeck unters Volk. Mein erster Eindruck der Scheibe ist noch nicht von überbordendem Enthusiasmus geprägt. Flockig ist die Chose allerdings allemal, schlecht geht anders, keine Frage. Wir werden im Rahmen unserer Vorberichterstattung zum Bundesvision Song Contest 2010, bei dem die Herren das Bundesland Bremen vertreten, im September noch mehrmals erwähnen.

03.09.10 Söhlingen – E-A-O Festival
04.09.10 Aurich – Dinis
14.09.10 Köln – TV Total
15.09.10 Stuttgart – Beat Club
17.09.10 Hannover – Cafe Glocksee
22.09.10 Jena – Rosenkeller
24.09.10 Wilhelmshaven – Pumpwerk
27.09.10 Frankfurt – Nachtleben
01.10.10 Berlin – Bundesvision Song Contest 2010

My Sister Grenadine

Als mir unlängst eine E-Mail ins Postfach flatterte, die ein Album von My Sister Grenadine anpries, konnte ich mit diesem Namen überhaupt nichts anfangen. Diese Unkenntnis ist nun beseitigt. Das Projekt von Vincenz Kokot praktiziert experimentelle Singer-Songwriter-Töne, welche zwar nicht jedermann gefallen dürften, aber das gewisse Etwas für Querschmecker bieten. Ich werde das am 20.08. veröffentlichte Subtitles & Paper Planes in den nächsten 2 Wochen noch mit einem eigenen Eintrag bedenken.

01.09.10 Berlin – Schokoladen (Record Release Party)
03.09.10 Dresden – Ostpol
04.09.10 Göttingen – Living Room Society
05.09.10 Hildesheim – Trillke Gut
06.09.10 Hamburg – Sweet Home
07.09.10 Kiel – Prinz Willy
08.09.10 Rostock – Peter Weiss Haus
09.09.10 Hamburg – Hasenschaukel
10.09.10 Erfurt – Stadtgarten
14.09.10 Fürth – Babylon Kino
15.09.10 Wien (A) – Fledermaus
18.09.10 Stuttgart – Café Galao
19.09.10 Frankfurt – Ponyhof (15:00 Uhr)
19.09.10 Darmstadt – Hoffart Theater (20:00 Uhr)

Francis International Airport / Ginga / Bilderbuch

Ich kann meine Enttäuschung nicht verbergen, dass es zu dem hier ans Herz gelegten Auftritt noch gar keine Rückmeldung gab. Nun ist mir schon klar, dass die erste Septemberhälfte in Berlin mit interessanten musikalischen Veranstaltung vollgespickt ist. Dennoch sollte man dieser Bestandsaufnahme der österreichischen Musikszene ein Ohr leihen. Am am 08. 09. sind im Maria am Ostbahnhof Ginga, Bilderbuch und Francis International Airport zu sehen. Die zu verlosenden Tickets sind nach wie vor mittels Abgabe eines Kommentars erhältlich. Also gefälligst aus den Puschen kommen!

08.09.10 Berlin – Maria am Ostbahnhof

SomeVapourTrails

Zauberhafte Verflüsterung – Andreya Triana

Den Soul auf den Lippen zu tragen, dass hat heute den Schick von Lipgloss. Doch während viele Sängerinnen vergebens Frösche küssen, hat Andreya Triana ihren Prinzen gefunden. Dieser trat in Form von Simon Green in ihr musikalischen Wirken. Der unter dem Namen Bonobo geschätzte Downtempo-Guru erwählte sie nicht nur zur gänsehäuternen Stimme seines Albums Black Sands, sondern übernahm auch die Produktion ihres Debüts Lost Where I Belong. Und eben diese Trumpfkarte wird gnadenlos ausgespielt. Zu dem ohnehin auffälligen stimmlichen Vortrag gesellt sich die Gewandtheit Bonobos, der für subtiles instrumentales Knistern sorgt, eine Finesse einbringt, welche bei vergleichbaren Künstlerin meist fehlt.

Wenn man von einem Album der Nuancen und Zwischentöne spricht, kann das mitunter eine dem Euphemismus geschuldete Umschreibung für Langeweile bedeuten. Im Falle von Lost Where I Belong hingegen röhrt Triana nicht darauf los, macht Emotionen nicht an der Lautstärke fest, erlaubt sich einen intimen, oft traurigen Ausdruck, der seine Wirkung nicht verfehlt. Und das Gefühl in den Fingerspitzen Greens ist ohnehin nie plakativ, trotz der angeborenen Verspieltheit seines Sounds bleibt eine klare Struktur erkennbar, wird der Hörer nicht mit nach Aufmerksamkeit heischenden Beats und Samples bombadiert. Man muss nun wahrlich kein Dichterfürst sein, um sich auf diese Zutaten einen Reim machen zu können. Das Resultat der Zusammenarbeit gebiert eine überzeugende Scheibe, die nie ins Ohr krakeelt, aber auch nicht zu einer Beiläufigkeit verkommt.

Bereits Draw The Stars schäumt und sprudelt vor Intensität. Und führt auch ein neues Instrument in meine Wahrnehmung ein. Was für mich nach einem stinknormalen Xylophon klingt, ist eine Marimba. Die lebendige Percussion umtänzelt Trianas souliges Timbre, ein sehnsüchtiges, nachtschwärmerisches Lied entsteht. Jene Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk, das auch von Sorgen gebeutelt scheint. A Town Called Obsolete schlackert mit einem weniger dezenten Beat,  durch die fülligere Orchestrierung im Refrain bleibt es besonders im Gedächtnis haften. Die zauberhafte Verflüsterung, der sich Andreya Triana auf Daydreamers bemächtigt, wirkt trotz Schwermut federweich. Und selbst wenn Latin-Flair auf Something In The Silence Einzug hält, schmiegt sich kein Frohsinn hinzu. Als weiteres Highlight mag Far Closer dienen, das sich lasziv auf Beats und Streichern räkelt, im Chorus dann nicht zuletzt dank eines Backgroundchors pfiffig anschwillt. Hier lockert sich auch Trianas bisweilen fast zu dick aufgetragenes Understatement auf, schaltet die Dame einen Gang hoch.

Ein derart atmosphärisch kompaktes, mit Stil umgesetztes Album, das konsequent nie auf Effekte schielt, läuft leider auch Gefahr allzu unauffällig zu tönen. Dies jedoch passiert zu selten, um Andreya Triana oder Bonobo daraus einen Strick zu drehen. Lost Where I Belong verlangt vom Hörer gewiss ein mehrmaliges Hörerlebnis ab, ehe man in den Sound eintauchen mag. Und genau dieser Umstand dürfte nur moderate Verkäufe bescheren. Als souliges Versprechen für die Zukunft wird die Sängerin jedoch unzweifelhaft an Reputation gewinnen.

Lost Where I Belong erscheint am 27. August auf Ninja Tune.

Konzerttermine:

08.09.2010 Berlin – Festsaal Kreuzberg
24.09.2010 Berlin – Astra Kulturhaus (Ninja Tune XX)

Link:

MySpace-Auftritt

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Launige Spritztour – Baby Universal

Ich gönne jedem sein ganz persönliches Erweckungserlebnis, im Falle von Cornelius Ochs war dies ein Durchquerung der USA. Eine Überdosis Tramp-Feeling, wohl angefeuert von den elendslangen Highways und einer zerfledderten Ausgabe von Kerouacs On The Road, hat bleibende Eindrücke hinterlassen und zur Gründung einer Band geführt. Diese wandelt jedoch nicht auf den Spuren von, Folk, Americana und Konsorten, stattdessen marschieren die Mannen samt Sänger Ochs durch alle Facetten der Rockmusik. Das lenkt Baby Universal mitunter in Sackgassen mitten ins Niemandsland, manchmal strolcht das selbstbetitelte Debüt jedoch auch um den Rock-Olymp herum.

So staubtrocken wie die Wüste von Nevada kommt auch die Attitüde der Formation daher. Ein mit Charisma verbrämter Singer wirbelt durch Songs, die vornehmlich nur das Beste aus der Rockhistorie zitieren. Die Musik fährt sattsam bekannte Straßen entlang, nimmt ab und an die falsche Abzweigung, krebst allerdings selten in der Pampa herum. An der Optik des Vehikels bleibt jedoch wenig auszusetzen, das Design erweist sich als recht schnittig. Wer also keine Expedition in neue Gefilde sucht, bloß einer launigen Spritztour beiwohnen will, darf guten Gewissens auf dem Rücksitz Platz nehmen.

Foto Credit: dreaminc Entertainment

Was da aus dem Autoradio dröhnt, schrammt mit viel Herz entgegen, begleitet von Lyrics, für die zu begreifen es kein Oxford English Dictionary braucht. Das meine ich durchaus als Kompliment. Bereits nach dem ersten Hördurchlauf verfestigt sich der positive Eindruck. Wie hier mit straighter Miene knackige Songs vorgetragen werden, gerne auch von europäischen Acts  inspiriert, das weist nur wenige Makel auf. Dancing Witches zum Beispiel wirkt derart schlüssig, dass man verwundert fragt, warum es so nicht bereits längst verfasst worden ist. Dance Radio schielt unverhohlen auf Airplay – nicht ganz unberechtigt. Die im Refrain enthaltene Aufforderung „Dance, dance, dance to the radio“ klingt weit weniger abgeschmirgelt, als man das vermuten könnte. Wenn indes die Handbremse angezogen wird, mit viel Pathos in der Stimme das balladeske Element in Form von Girls of Mars aus dem Handschuhfach geholt wird, vermeidet es die Band zunächst ins Schlingern zu geraten, bis dann völlig unmotiviertes weibliches Background-Geträller den an sich nicht üblen Song verschmalzt. Boys and Girls profitiert vom Western-Sound, für den die Gitarre verantwortlich zeichnet, zählt zu den gelungensten Nummern der Platte. Ausgesprochen geschmeidig fällt Black Sun Roll aus, die beste Visitenkarte von Baby Universal. Hier röhrt der Tiger im Tank, läuft alles wie geschmiert, obwohl – oder gerade weil – man nicht vollends das Gaspedal durchtritt.

Man sollte meinen Versuch einer fairen Einschätzung der Band nicht missverstehen. Freilich fehlt es ab und an an Einfällen, wird auf bewährte Schemata gesetzt. Was man Baby Universal jedoch zugute halten muss, ist die Unerschütterlichkeit mit der sie ans Werk schreiten. Die erdige Rock-Attitüde hebt die Scheibe über die Wahrnehmungsgrenze, sprengt manchmal sogar die Grenzen dessen, was die Gruppe zu leisten imstande ist, schafft Momente, in denen der Sound das Kokettieren mit dem Mainstream unterlässt, sich stattdessen einfach auf markige Musik fokussiert. Speziell dann zündet der Turbo, nimmt das Debüt Fahrt auf. Derart darf es ruhig weitergehen. Ich jedenfalls würde sofort wieder für eine Spritztour am Rücksitz Platz nehmen.

Baby Universal ist am 20.08. auf dreaminc Records erschienen.

Konzerttermin:

18.09.10 Berlin – Magnet Club

Links:

Offizielle Webseite

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Stippvisite 21/08/10 (inklusive Ticket-Verlosung)

Jede Menge Empfehlungen, sorgsam ausgewählt, heute mit Acts aus Österreich, Kanada, Großbritannien und Brasilien. Wir wünschen viel Vergnügen!

Konzerttipp:


Dass die österreichische Musikszene allmählich aus ihrem provinziellen Dornröschenschlaf erwacht, internationale Standards erfüllt, freut mich als Landsmann natürlich besonders. Wenn sich nun junge Wiener Bands nach Berlin verirren, ist das fraglos unterstützenswert. Wir verlosen daher 1x 2 Tickets für die Auftritte am 08. September in Berlin im Maria am Ostbahnhof. Zu sehen sind Ginga, Bilderbuch und Francis International Airport. Besonders letztere werden wir heuer noch ausführlicher besprechen, da im Oktober das Album In The Woods auf Siluh Records zur Veröffentlichung kommt. Und bevor ich noch lange nach Worten krame, warum man diese musikalische Bestandsaufnahme frischer österreichischer Nachwuchsbands nicht verpassen sollte, lasse ich lieber die Musik sprechen. Einfach das Interesse für die Tickets in den Kommentaren bekunden oder uns eine E-Mail schicken, dann könnt ihr gewinnen. (Stichtag: 28. August)

Ginga – Cinnamon

Bilderbuch – Kopf ab

Francis International Airport – Monsters

Entdeckertipp:

Manchmal muss man sich die Zunge wundreden. Die Kanadierin Hannah Georgas habe ich schon mehrmals auf unserem Blog erwähnt. Ihre Songs sind verdammt catchy, verschönern den Tag – und manchmal muss Musik einfach nicht mehr können. Zwei Videos sollen meine These unterstützen.

Hannah Georgas „The Deep End“ from Tariq Hussain on Vimeo.

Die werte Dame ist im September auch in Deutschland zu sehen:

24.09.10 Hamburg – Reeperbahn Festival 16:00
24.09.10 Hamburg – Platzhirsch (Canadian Independent Music Association Showcase) 19:00

Downloadtipp:

Der kanadische Singer-Songwriter Mark Merube bringt mit seinen The Patriotic Few in wenigen Wochen die EP Tailored To Fit heraus. Das Titellied gefällt sehr, ist keineswegs Massenware. Ich rate dringend hineinzuhören. Den Gratis-Download findet man an dieser Stelle.

Videotipp:

Die ewig unterschätzten Briten Clinic veröffentlichen im Oktober ihr neues Album Bubblegum. Wenn die im September erscheinende Single I’m Aware als Indikator dienen darf, kann man so einiges von der Scheibe erwarten. Der Track jedenfalls ist eine dicke Empfehlung!

Albumtipp:

Am 22. Oktober erscheint nicht irgendein Album, vielmehr wohl eines der schönsten des Jahres. Und wer nun glubschäugig fragt, von wem es denn stammt, dem antworte ich: Her Name is Calla. Wer die britische Band bislang nicht kennt, versäumt einen absoluten Leckerbissen. Auch wenn sich die Band als Post-Rock-Act definiert, sei dezidiert darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um fragile, filigrane, unglaublich ästhetische Musik handelt, die ohne Brechstange auskommt. Die ersten Hörproben des Albums The Quiet Lamb deuten auf eine Glanztat hin, ohne Wenn und Aber! Unser werter Peter von den Schallgrenzen hat die Violinistin Sophie Green bereits vor wenigen Tagen intensiver befragt. Und auch wir werden in den nächsten Wochen noch das eine oder andere Wort über Her Name Is Calla verlieren. Wer sich aus Vorfreude auf das anstehende Werk den Backkatalog der Formation zu Gemüte führen will, kann dies hier tun.

Thief by hernameiscalla

Downloadtipp:

Tiny Cables Ink muten very british an, noch dazu wie eine der wirklich guten Bands von der Insel. Man würde sie so überhaupt nicht in Brasilien vermuten. Der Track Beyond The Horizon jedenfalls ist ein echter Tipp für Leute, die „schmachtigen Indiepop mit leichtem Pathos“ mögen, wie Coast Is Clear ihn treffend beschreibt. Den Song gibt es hier als kostenlosen Download.

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Füllhorn an Glücksmomenten – Eels

Nach den Ausnahmezuständen regieren nun also die Gewichtigkeiten der Normalität. Simpler gefasst: Nach Blitz und Donner, gefolgt von sieben Tagen Regenwetter, blinzelt also nun die Sonne vom Himmel. Wie lange wohl, das vermag auch Mark Oliver Everett nicht zu ermessen – und schreitet doch fast schon euphorisch vorwärts. Nach dem genial ersonnenen Hombre Lobo, einem von Verlangen verzehrtem Werwolf,  und End Times, dem Schmerzensschrei des Verlassenen, führt Mr. E seine Trilogie einem zukunftsträchtigen Abschluss entgegen. Mit Tomorrow Morning schlagen die Eels ein neues Kapitel auf. Wer den nahezu halbjährlich erschienen Alben bislang Gehör schenkte, wird das heute veröffentlichte Werk ebensowenig vom Plattenteller schubsen. Es atmet auf, wo zuvor keuchend gestöhnt und hernach stoßgeseufzt wurde. Auf den zugebuddelten Abgründen führt Everett nun ein elektronischen Sounds zugetanes Freudentänzchen auf.

Photo Credit: Rocky Schenck

Wenn sich die Eels abermals den Verzückungen und Widrigkeiten des Lebens stellen, dann wird dies in den Zeilen „Ghosts flying all around my life/ Sent a message both bold and bright/ Good morning, mystery of life“ oder „No more sorrow, no more strife/ Always some daylight following the night/ Good morning, mystery of life“ verdichtet. Die Schatten auf seiner Seele wird Mr. E nicht mehr los, dennoch umarmt er nach all den Tiefen die Geheimnisse des Seins innig, triumphiert über alle Schicksalschläge. Mit Mystery Of Life sei auch gleich eines der Highlights des Werks genannt, das sich mit hymnischem Electro-Krawumm in Freudenchören ergießt. Nicht minder zuversichtlich und voller Vorfreude auf ein Tête-à-tête wummert This Is Where It Gets Good, das nach kurzer Gesangspassage einen hypnotischen, schier endlosen, mit Streichern und spacigen Samples untermalten Trip-Hop-Beat zur Entfaltung bringt. Beziehungstechnisch wird über Everetts lyrischem Ego ein wahres Füllhorn an Glücksmomenten ausgeschüttet, was sich auch in dem im altbewährten Sound der Eels gekleideten Song I Like The Way This Is Going manifestiert. Wie Blut beim Massaker hingegen spritzt Optimismus bei Oh So Lovely („I feel my heart changing in mysterious new ways„) ohne Ende, eine barock-burleske Abstreifung jedweder Hoffnungslosigkeit. Ebenso ergötzlich fällt Spectacular Girl aus, welches im Eels’schen Schaffen die Rolle des chartstauglichen Hits einnimmt.

Man sollte die gesteigerte Elekrifizierung der Eels dank Drum Machine und Loops jedoch nicht überbewerten, letztlich wirkt Mr. E mit seiner verschrobenen Stimme weiterhin die Wunder, hat sich das markante wie eigentümliche Songwriting erhalten, obschon der werte Herr den aus einem Albtraum Erwachten gibt, Sarkasmus und Pein überwunden fühlt. Wenn auf The Morning die Worte „In the morning yesterday is just a dream/ Out the window take a look at all you see/ Baptized by the sun go on and have some fun/ Why wouldn’t you want to have the greatest day?“ erschallen, versprüht dies eine Zuversicht, die nur der zu geben imstande scheint, dem selbst viel Leid zuteil wurde.

Tomorrow Morning hält einer liebevollen Überprüfung genauso stand wie dem überkritischen Blick. Wenn Mark Oliver Everett Wohlbehagen verspürt, klingt eine Scheibe der Eels noch immer tiefgründig, freudig kontemplativ, angeschrägt. Nicht zuletzt deshalb fasziniert seine Integrität die Hörer, gönnt man ihm auch weiterhin Sonne in seinem Leben und Wirken.

Tour-Termine:

28.08.10 Zürich (CH) – Winterhur Festival
07.09.10 Hamburg – Große Freiheit 36
10.09.10 Berlin – Astra
11.09.10 München – TonHalle
12.09.10 Wien (A) – Arena
13.09.10 Graz (A) – Orpheum
14.09.10 Hohenems (A) – Eventcenter

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