Schlagwort-Archive: Newcomer

Unverschlumpft und gefühlsecht – Mein Mio

Deutschsprachige Lieder zu hören – das ist für mich meist nicht minder schmerzhaft als das dämonische Sirren eines gezückten Zahnarztbohrers. Während die englische Sprache schlichte und deutungsoffene Präzision anbietet, fühlt sich in hiesigen Breiten jeder sofort zum kongenialen Schwippschwager Goethes berufen. Pseudointellektuelle Texte dürfen nie das Ende der Fahnenstange sein. Ab und an gibt es tatsächlich auch erfrischend intelligent-einprägsame Ansätze, die man nicht oft genug anhören mag. Es gibt abseits vom nervig-verschlumpften Geschrammel von Angelika Express und und dem überzogenen Marketing-Hype um Jennifer Rostock eine Qualität, die nur darauf lauert, dass man sie entdeckt. Selbige nennt sich Mein Mio.

MeinMioBand

Ich habe mich bereits mehrmals als Fan dieser Berliner Band geoutet, weil sie unkitschigen Pop mit starken Lyrics verbindet. Die Mannen um Sänger und Texter Sebastian Block liefern nie überfrachte, immer fokussierte Songs ab, die zwar das Rad nicht neu erfinden, sondern vielmehr frisch und keinesfalls abgedroschen klingen. Nun da das Album Irgendwo in dieser großen Stadt erscheint, werden wir in den nächsten Tagen ein knackiges Special vom Stapel lassen: Interview, Konzertbericht – und hier und heute einige Gedanken zu dem wahrlich formidablen Debüt.

IrgendwoindiesergroßenStadt

Warum sollte Mann und Frau in die gut sortierten Plattenläden des Landes pilgern oder auf amazon.de herumwuseln, um der Platte habhaft zu werden? Dafür gibt es 11 triftige Gründe. Bereits das locker vom Hocker zum Mitwippen einladende Wenn wir wüssten, welches auch zur ersten Single auserkoren wurde, gibt den Takt vor, zeigt die Fähigkeit der Gruppe zu flockig-dynamischen Pop-Arrangements, die die Balance aus Unbeschwertheit und Nachdenklichkeit exakt treffen Was sich der werte Herr Block so zusammenreimt, ist absolut al dente. „Ich sehe mich in dir, du läufst in meinen Spuren, lauf doch neben mir“ hat Biss, erweckt mit wenigen Worten ein nette Vorstellung. Nichts was hilft stupst mit dem Refrain „Wir bauen alles auf und reißen’s wieder ein, nur die Erinnerung bleibt und wir mit ihr allein“ abermals den Kosmos der Möglichkeiten an, scheint handfeste Melancholie durch. Die Außenseiter-Ballade So wie ihr deutet an, warum Mein Mio ihre Lieder als moderne Großstadtmärchen verstanden wissen wollen. Zwischen Fremdheit und Verlorenheit bäumt sich die Sehnsucht nach Nähe auf. Gerade die Momente des Innehaltens im alltäglichen Leben, in denen sich Wünsche und Irritationen gleichermaßen manifestieren, werden auf der gesamten Scheibe mit oft konziser Leichtigkeit thematisiert, ohne jeglichen Holzhammer der Bedeutungsschwere. So auch beim rotznasig-frechen Keine Lust auf morgen, das seinem Ärger Luft macht, eine trotzige Anarchie ausruft und gegen das eigene Pflichtbewusstsein rebelliert. Frag mich nochmal skandiert das Bedauern über das Ende einer Beziehung und lädt zu exzessivem Schwenken sämtlicher Feuerzeuge ein. Eben diese zum Ende hin kräftige Gitarren-Ballade, für die Simon Goldfain kräftig die Saiten zupft, generiert authentische Romantik, wie man sie in solch Vehemenz zu selten hört. Nach einer Hymne auf den Sommer folgen drei absolute Highlights des Albums. Mit Es gibt immer tänzelt Sebastian Block am Zenit seines lyrischen Schaffens, ist ein fröhliches Stück Mitsingsang gedrechselt, welches  in unverkrampfter Manier erwartungsvolle Hoffnung weckt. Der füllige, ausgelassene Sound verstärkt die Lust, das Lied wieder und wieder zu erlauschen. Für solch ein Werk mit Gassenhauer-Potential würde manch Band über Leichen gehen. Darum: Bodyguards für Mein Mio!

MeinMioBand2

Freitag mit dem simplen, effektiven Pianospiel, für das Daniel Darius verantwortlich zeichnet, und den Streicherelementen gerät zum nachdenklichsten Stück, erwägt abermals den Wunsch nach Weltflucht. Mit dem titelgebenden Track Irgendwo in dieser großen Stadt hagelt es ein allerletztes Mal ganz großes Kino, wird die Sinnsuche in Cinemascope zelebriert. Durch die Straßen der Metropole schmiegt sich hier ein geradezu greifbar banges Sehnen. Vorsicht an den Türen wiederum bietet krawallige Rockigkeit, bevor Am Ende einmal mehr die balladeske Ausdrucksstärke der Formation untermauert.

Unter den derzeit im Genre Deutsch-Pop agierenden Bands gehören Mein Mio zur Crème de la Crème. Melodien mit hohem Wiedererkennungswert treffen auf gefühlsechte Texte, die schön sentimental-wehmütige Stimme Blocks auf ein immer inspiriertes Ensemble, welches ein Lied nicht nur als Demonstration der eigenen Fertigkeiten versteht. Aus diesen Ingredienzien resultiert ein formvollendetes, hochklassiges Debüt, dem man gar nicht genug Beachtung schenken kann.

Link:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

Air Traffic – der ultimative Grund Tempelhof nicht zu schließen…oder?

Leider kannte die Bildzeitung zu Zeiten der hitzigen Flugplatz Templenhof Debatte noch nicht die britische Band Air Traffic. Zerrte die Volk-saufklärer Zeitung bei ihrer leicht tendenziösen Kampagne für den Erhalt des Flugbetriebs in Tempelhof – doch sonst jeden noch allzu toten Stoffhund hinterm Ofen hervor. Schön nachzulesen hier beim Bildblog.

Das wichtigste Argument Tempelhof nicht zu schließen schien mir persönlich als entferntere Anwohnerin:

Grund Nr. 10: „Selbst die Anwohner sind für den City-Airport: Die startenden Flugzeuge sorgen für Fernweh aus dem Fenster“ (Original Zitat Bild Zeitung)

Ja – auch ich saß so manches mal auf meinem Balkon – traurig, dass der Wind die motorischen Klänge in andere Stadtteile bließ. Immerhin – das ein oder andere Flugzeug durfte ich sehen – immer wissend, der ein oder andere Promi ist gerade fast zum Greifen nahe. Kurz gewinkt habe ich…hach wird mir fehlen  😉

In der Top Liste der Bildzeitung absolut fehlte allerdings das Wichtigste überhaupt:

So manche hoffnungsvolle Musikerkarriere wurde zerstört – da der spezielle Sound der modernen Luftschiffe als wichtigste Inspirationsquelle dient…oder?

Überhaupt nicht nach Fluglärm klingen zwar Air Traffic … eine noch junge Band aus Bournemouth, Großbritannien…in der Heimat schon recht bekannt – in unseren Landen als einer der Geheimtipps gehandelt. Eben dieses Quartett verdankt ihren Namen dem Umstand, dass ihr Probenraum sich in der Nähe des Flughafens „Hurn Airport“ befand. Einen besonderen Einfluß auf ihren Sound sollen der Legende nach die Signale des „Air Traffic Controls“ – die des Öfteren ihre Proben/Aufnahmen störten – hinterlassen haben. So benannten sie sich danach – „Air Traffic“.

Vielleicht ist alles aber noch einfacher zusammen zu fassen: Mit guter Musik läßt sich so manches Unbill leichter ertragen. Das Debutalbum Fractured Life klingt dann auch sehr erfrischend. Schön melodiöser Britrock. SomeVapourTrails nannte sie an anderer Stelle mal „The new and better Coldplay“.

Air Traffic – No More Running Away

Das sehr empfehlenswerte Lied Come On steht zur Zeit auf der Myspaceseite von Air Traffic kostenlos zum Downloaden bereit:

http://www.myspace.com/airtraffic

DifferentStars

PS: Meine Lieblingsmusik aus dem Bereich Britrock, Britpop und Post-Britpop könnt ihr hier hören:
Last.Fm Lovely2CU