Schlagwort-Archive: Noise Pop

Riot Grrrls im Millenial-Blues – Deap Vally

And I am not ashamed of my mental state/ And I am not ashamed of my body weight/ And I am not ashamed of my rage/ And I am not ashamed of my age/ And I am not ashamed of my sex life/ Although I wish it were better.“ nenne ich mal eine klare Ansage! Das Duo Deap Vally geizt nicht mit der Art Selbstbewusstsein, der man besser nicht in die Suppe spuckt. Zugleich verkörpern Lindsey Troy und Julie Edwards auch den Millenial-Blues, der trotz all der vermeintlichen Freiheiten nicht recht glücklich wird. Das Album Femejism besticht mit unverschämt herbem bluesigem Indie-Rock, der ab und an herrlich angepisst dargeboten wird. Der ausgestreckte Mittelfinger ist dabei nie bloß punkiges Accessoire, sondern wird mit substanziellen Texten und strammen Melodien unterfüttert.

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Alles neu, alles aufregend – Fir Cone Children

Bereits mehrfach habe ich den pfiffigen Noise-Pop von Fir Cone Children an dieser Stelle über den grünen Klee gelobt. Das Ein-Mann-Projekt von Alexander Leonard Donat hat als Zielgruppe Babys und Kleinstknirpse auserkoren. Diese sollen zu den flotten Tönen herumwirbeln, durch die Gegend hampeln oder zumindest vergnügt aus dem Kinderbett grinsen. Die Musik von Fir Cone Children darf als Gegenentwurf zu handelsüblichen biederen, einlullenden Kinderliedern verstanden werden. War der Titel der letztjährigen Platte Everything Is Easy noch in jeder Hinsicht wörtlich zu nehmen, gibt sich das soeben erschienene Album Firconium vom Namen her kryptischer. Und doch hat sich an der Formel gar nichts geändert. Noch immer wird die Welt durch Kinderaugen erkundet, dieses Mal stehen die ersten Erfahrung eines Babys – und somit manch kleine Dramen und ganz viel großes Staunen – im Mittelpunkt. Alles ist neu, alles scheint aufregend!

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Ein Tollen durch dick und dünn – Fir Cone Children

Alles ausprobieren, ohne Rücksicht auf Verluste, aber mit viel Liebe zum Detail! Getreu diesem Motto agiert Alexander Leonard Donat, der vom Berliner Umland aus die Welt beinahe jeden zweiten Monat mit einem neuen Album oder zumindest einer EP beschallt. Sticht das eine Projekt durch ambitioniert ausgestalteten Post-Punk hervor, skizziert ein anderes Vorhaben den Berliner Underground mittels Krautrock, Wave und Shoegaze. Letzten Sommer habe ich über Fir Cone Children berichtet, dem wiederum eine ganz spezielle Herangehensweise innewohnt. Es ist der unbändigen, unberechenbaren Energie von Kleinkindern nachempfunden, entzückt durch Noise-Pop der aufgewecktesten Sorte. Fir Cone Children steht für die Achterbahnfahrt eines Kinderlebens, bietet eine Alternative zur oft beschwichtigenden bis einlullenden Musik, die sonst auf Kinder losgelassen wird.

Die EP The Age of Blastbeatles ist als Aufgalopp zum für Sommer angekündigten zweiten Album von Fir Cone Children zu verstehen. Die EP zelebriert eine punkige Attitüde, achtet zugleich darauf, auch immer eine flotte Melodie anzubieten. Das Wortspiel, welches hinter dem Titeltrack The Age of Blastbeatles steckt, spiegelt die Intention des insgesamt vierzehneinhalb Minuten dauernden Werks wider. Vom Schlagzeug wir ein Affenzahn an Tempo vorgegeben, zugleich ist auch sehr garagiger Pop mit retroesker Verklärung anzutreffen. Die Worte „All you need is love“ darf man als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen. Ein Tollen durch dick und dünn – Fir Cone Children weiterlesen

Geburtsstunde einer großen, glücklichen Kindheit – Fir Cone Children

Die Zielgruppe zu benennen, ist meiner Meinung nach schon die halbe Miete. Das gilt für den Geschäftsmann wie für den Musiker. Das im Speckgürtel von Berlin angesiedelte Ein-Mann-Projekt Fir Cone Children hat als Zielgruppe kleine, gerade einmal zwei Jahre alte Knirpse und Knirpsinnen ausgemacht, die mittels Beschallung durch  Punk-Shoegaze-Gewusel so richtig durch den Vorgarten wirbeln sollen. Das Album Everything Is Easy kommt mit knackigen Zweiminütern samt viel verzerrtem DIY-Flair daher. Diese Songs machen Rabatz, sind dabei zugleich wonnig und niedlich. Sie kanalisieren überschüssige Energien, indem sie derart viele Purzelbäume schlagen, dass kein Grashalm ungeschoren bleibt. Everything Is Easy will elfmal zwei Minuten furchtlos Kind sein, richtig unbeschwert durch die Pampa wetzen. Ich meine, dies gelingt.

So tönt Musik, die sich alle Arten von Effekten gleich Bonbons in den Mund stopft, um dann mit dicken Backen zu einem seligen Grinsen anzusetzen. Derart klingt es, wenn alles neu und aufregend und bar jeder Sorgen scheint, wenn großes Staunen und viel Tralala vorherrscht. Vieles gerät zur Entdeckung, alles ist ein Rambazamba und quietschiges Lachen wert. Ob Lo-Fi-Garage oder Noise-Dream-Pop, jenen Liedern wohnt stets lärmiges Frohlocken inne. Auf gewisse Weise fühle ich bei diesem Album an den großartigen Comic Calvin and Hobbes erinnert. Geburtsstunde einer großen, glücklichen Kindheit – Fir Cone Children weiterlesen

Schatzkästchen 8: Venera 4 – Colored Fields

Wenn eine Band zur Beschreibung des eigenen Sounds eine grundsätzliche Betrachtung vom Stapel lässt („In the dark, all color melt together. In daylight, they are a divine radiance.“), dann möchte sie entweder mit aufgesetzter Klugheit hausieren gehen – oder aber eine bestimmte Attitüde auf den Hörer übertragen. Die Pariser Formation Venera 4 fällt fraglos in letztere Kategorie. Sie versteht sich auf das Auflösen von Kontrasten, lässt Helle und Dunkel vermengen, kreiert einen funkelnden Sound, der Sinnlichkeit und Kraft kombiniert. Ätherischer Gesang trifft auf wirkmächtige Gitarren, die Lärmigkeit von Noise-Pop auf die ästhetische Vision des Shoegaze und die melodische Leichtigkeit des Indie-Pop. All dies verkörpert der Song Colored Fields, der mir das Herz ganz und gar aufgehen lässt. Es entzückt als herrliches Duett, das als Vorbote für das Anfang März erscheinende Album Eidôlon fungiert. Venera 4 scheint mit diesem Lied alles und mehr geglückt. Colored Fields zählt für mich schon jetzt zu den Tracks des Jahres, weil er auf kleine, feine Weise perfekt tönt. Schatzkästchen 8: Venera 4 – Colored Fields weiterlesen

Zum Liebling gemausert – Crystal Shipsss

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Schon mehrmals habe ich über den in Berlin ansässigen dänischen Singer-Songwriter Jacob Faurholt geschrieben. Ich habe Faurholt ein Depri-Schnucki genannt, aus dessen musikalischer Darbietung Trost erwächst, ihm wunschträumerische Lippenbekenntnisse attestiert. Diesen Musiker allen, die vom Leben gezeichnet, gemeuchelt, geschunden scheinen – und sich dabei doch noch einen winzigen, tagträumerischen Hoffnungsschimmer ausbedingen, wärmstens empfohlen. Auch sein jüngstes, unter dem Projektnamen Crystal Shipsss veröffentlichtes Album Dirty Dancer spinnt ähnliche Sentimente fort. Laut Pressetext ist diese Platte autobiographisch zu verstehen, ihre Geschichten legen ein Ringen mit Angst, obsessiven Gedanken, der Unsicherheit des Heranwachsens und sogar einer Panikattacke dar. Stilistisch ist diese Platte mal im psychedelischen Lo-Fi, mal im Noise-Pop, mal im Folk verhaftet. Und nahezu immer vermag sie den Hörer zu berühren, tiefste Emotionen so schräg wie liebenswert mitzuteilen.

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Ungeschliffene Rohdiamantinnen – PINS

Nicht jede Existenz einer auf Aufmüpfigkeit getrimmten Girl-Band ist gleich als feministisches Statement zu werten. Dennoch bin ich durchaus der Meinung, dass es ruhig mehr weibliche Wucht in der Musik geben darf. Solch Bands sind das nötige Pendant zu all den musikalischen Püppchen, die Musik zur Anschauungssache machen. Nun existieren sicher nicht wenige großartige Singer-Songwriterinnen, die bereits beträchtlichen Anteil am emanzipatorischen Fortschritt in der Musik haben, aber rein weibliche Formationen begraben auch etablierte Vorurteile, wonach bestimmte Musikinstrumente nicht für Frauen gemacht seien. Die vier Damen der aus Manchester stammenden Formation PINS sind aber nicht einfach nur Quotenmädels, die mächtig drauflos lärmen. Die PINS sind vielmehr ungeschliffene Rohdiamantinnen, an die besser kein Label Hand anlegen sollte.Das dieser Tage erscheinende Albumdebüt Girls Like Us besticht als Parforceritt, zeitigt einen atemberaubenden eigenen Sound. Dass dieses Werk von einer Girl-Band stammt, scheint bestenfalls das Tüpfelchen auf dem i.

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Photo Credit: Elle Brotherhood

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Stream: Pins – Kiss Me Quickly (It’s Christmas)

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Die Indie-Weihnachts-Sensation 2012 kommt aus Manchester und schaffte es auf zahlreichen Musikgazetten groß gefeatured zu werden, zu Recht wie ich finde. Kiss Me Quickly (It’s Christmas) ist ein ganz famoser Song, wunderbar versurrt, musikalisch beheimatet irgendwo zwischen den Dum Dum Girls und den Raveonettes. Wenn nicht alles mit dem Teufel zu geht, sollte 2013 das Jahr der Pins werden. Ich bin gespannt, was da noch kommt. Stream: Pins – Kiss Me Quickly (It’s Christmas) weiterlesen

Free Mp3: September Girls & The #1s – I Want You Back (For Christmas)

Wir waren in diesem Dezember bisher sehr Folk-lastig, rettend eilen jetzt die September Girls verstärkt von den The #1s herbei. Vorbei mit Besinnlichkeit. Dreckig rotzen die Iren uns einen super-noisigen Garage-Pop-Song hin, der obendrein gleich noch ein Liebeslied ist. Klingt ein bisschen so, als hätte jemand die  Dum Dum Girls mit Weihnachtsbaum und viel Eierpunsch in eine Garage gesperrt und heimlich einen alten Kassetterecorder mitlaufen lassen. Anders ausgedrückt, was den einen an Authenzität fehlt, dürften die anderen gerne noch soundtechnisch aufhübschen. Trotzdem ich kein Lo-Fi-Fan bin, gefällt mir I Want You Back (For Christmas) außerordentlich gut. Mehr Indie-Rock-Christmas Songs braucht das Weihnachtswunderland.

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Nichts für Lustmolche, vielmehr für Fans verschmierten Kajals – Sex Jams

Ein widerwilliges Hallo sei all jenen auf Perversität gierenden Zeitgenossen entgegen geschleudert, die Google in die Irre führt, ausgesprochen narrt. Zugegeben, die Band nennt sich Sex Jams, tituliert ihr Debütalbum Post Teenage Shine. Ich wette freilich, dass die unwissende Suchmaschine das „Post“ ignoriert, auf Backfische fixierte Lustmolche zu uns führt. Es gibt hier nichts zu sehen, bitte weitergehen, das will ich nochmals betonen. Das Hören jedoch steht auf einem anderen Blatt. Ein erwachsener, aber bei weitem nicht gesitteter, deftig fiebrig glänzender Noise-Pop fliegt uns im konkreten Fall um die Ohren, penetriert die Gehörgänge 36 Minuten lang. Allein die Dauer verbietet den Gedanken an einen Quickie, hier wird vor Energie strotzende Ausdauer schweißüberströmt zelebriert.

Sex Jams kommen aus Wien, das meines Wissens noch nie durch ausgeprägte musikalische Noisigkeit glänzte.  Doch nicht zuletzt dank Sängerin Katarina Trenk ändert sich dies nun. Mit ihrer lasziven, aggressiven, schreihalsig souveränen Vorstellung krakeelt sie sich die Seele aus dem Leib, angetrieben von Lukas Bauer (Gitarre), Florian Seyser (Bass) und Rudi Braitenthaller (Schlagzeug). Und wenngleich sich der musikalische Einfallsreichtum in besagtem Genre in überschaubaren Grenzen abspielt, lotet die Formation selbige jedoch vorbildlich aus, verabreicht uns mit Post Teenage Shine eine Platte überdurchschnittlicher Güte.

Spätestens die Zeile „This room smells like sex. It’s our sex. It’s you and me against the world.“ gibt die Stoßrichtung vor. On Our Way Home is Nowhere verkörpert die gebündelte Essenz der musikalischen Attitüde. Wer sich von diesem Track die Eingeweide erschüttern lässt, wird der gesamten CD sein Placet gewähren. Auf dem besten Song des Albums, Ages, mit seinem aufmüpfig-desperatem „You wish I won’t“ wird der Elan hitverdächtig perfektioniert. Die Gitarre lärmt – was sollte sie auch sonst tun? – das Schlagzeug hämmert – dito – und Trenks hektische Stimme setzt der Chose das Sahnehäubchen auf, ehe das Mantra „Time hides in faces, time kills our ages“ den Hörer aus dem Zauber entlässt. Dreieinhalb Minuten können verdammt gefällig zum Wimpernschlag eines Deliriums schrumpfen. Aeroplane Waves gibt sich weitaus melodischer, fast schon zahm, bevor das gebrüllte „If it’s truth then it’s her fucking truth.“ die Trotzigkeit wieder hervorkehrt. Gut so. Mit Tribute to O. Wilde will ich auch noch einen weiteren, vielleicht nicht auf Anhieb eingängigen Song mit einem Bravo bedenken. Die Sex Jams recken dem Hörer ihr mit Kajal verschmiertes, verrotzt-punkiges Gesicht entgegen und in den besten Momenten strahlt es dabei so schön wie einzigartig, dass man die Antlitze ihrer Vorbilder fast aus dem Gedächtnis verliert. Eine derartig überzeugende Verführung mag man von einem Erstlingswerk im Regelfall nicht erwarten.

Post Teenage Shine zählt für mich zu den erfreulichen wie ekstatischen Überraschungen dieses Herbsts. Eine Scheibe, die weitaus mehr erinnerungswürdige Titel als Durchschnittsnummer zu bieten hat! Wenn Sex Jams auch Live-Qualitäten besitzen, wovon man sich im Oktober selbst ein Bild machen darf, gebe ich dem Quartett gute Chancen Genre-Fans nachhaltig zu beeindrucken. Bis dahin wird sich die Formation zumindest unter den googlenden Lustmolchen einen Namen machen.

Post Teenage Shine ist am 17.09. bei Siluh Records erschienen.

Konzerttermine:

01.10.10 Weikersheim – W71
02.10.10 Augsburg – Ballonfabrik
03.10.10 Solingen – Waldmeister
04.10.10 Köln – Aetherblissement
05.10.10 Hamburg – Hafenklang
06.10.10 Chemnitz – Subway To Peter
07.10.10 Dresden – Scheune
08.10.10 Gera – Sächsischer Bahnhof
09.10.10 Berlin – Kastanienkeller
10.10.10 Berlin – tbc
11.10.10 Bielefeld – AJZ (mit Future Islands)
13.10.10 Kiel – Pumpe (Roter Salon)
15.10.10 St. Pölten (A) – Siluh Label Night (SKW83)
16.10.10 Krems (A) – Jazzkeller
23.10.10 Linz (A) – KAPU
29.10.10 Wien (A) – Flex (London Calling)
30.10.10 (A) – Röda

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