Schlagwort-Archive: Nu Jazz

Schatzkästchen 19: St. Germain – Real Blues

Heute ist ja alles gleich ein unfassbares, überfälliges Comeback. Wenn sich ein Musiker mehr als drei Jahre Pause gönnt oder schlicht von der Plattenfirma geschasst die eigene Karriere neu justieren muss, wird gleich das Wort Comeback bemüht. Wie freilich eine echte Rückkehr ins musikalische Rampenlicht aussieht, macht uns gerade St. Germain vor. Die älteren Semester unter uns werden sich noch erinnern können, wie Ludovic Navarre unter dem Projektnamen St. Germain die zweite Hälfte der Neunziger mit einer Mischung aus Nu Jazz und House bereicherte. Speziell der Track Rose Rouge mit seinem Sample von Dave Brubacks legendärem Take Five und Marlena Shaws stimmlichem Glanz ist Musikfans fraglos im Gedächtnis geblieben. Nun also, 15 Jahre nach dem letzten Album Tourist, gibt es tatsächlich eine neue Platte zu vermelden. Real Blues ist für den Oktober angekündigt, der Titeltrack ist bereits jetzt zu hören. Und schon wieder sticht das Sampling ins Auge, wenn das Stück Real Blues Vocals von Lightnin’ Hopkins, einem der großen Vertreter des afroamerikanischen Blues, mit traditionellen Klängen aus Mali mischt. St. Germain entdeckt klassische afrikanische Instrumente wie Ngoni oder Kora für sich, nimmt sie in sein Repertoire auf. Schatzkästchen 19: St. Germain – Real Blues weiterlesen

Odyssee ohne Ziel – Jaga Jazzist

Manchmal ist es so einfach, ein Album im passenden Genre zu verorten. Im Falle von Starfire wäre das ohne Zweifel Post-Prog-Electronica-Jazz-Rock. Klar, oder? Nach 5 Jahren Studioabsenz hat das norwegische Ensemble Jaga Jazzist endlich wieder zugeschlagen, eine Platte fabriziert, die durch allerlei Stile und Musikrichtungen pflügt. Vor knapp 20 Jahren erschien das Debüt der Band, deren Musik mindestens so im Flux ist wie die Bandbesetzung. Zugleich herrscht Kontinuität vor, neben den drei Geschwistern Horntveth sind auch noch Even Ormestad und Andreas Mjøs aus den Anfangstagen dabei. Kopf dieser ungebrochen experimentierfreudigen Gruppe ist Lars Horntveth, ein bisschen Wunderkind, auf alle Fälle leidenschaftlicher Grenzgänger. Auf den ersten, zweiten, sogar dritten Blick wirkt das neue Werk Starfire freilich nicht so zwingend wie etwa One-Armed Bandit aus dem Jahre 2010. Wo One-Armed Bandit eine brillante Mischung aus Bombast und Groove anbot, verquere Ideen mit Eingängigkeit mixte, scheint Starfire nun kleinteiliger, abwegiger – und dadurch ein wenig unzugänglicher. Der Nu Jazz der Band kann so wunderbar funky und trotz all der Komplexität der Arragements letztlich erstaunlich umkompliziert sein. Starfire fehlt mitunter die Magie des Mühelosen, es lässt den intuitiven, verspielten Fortgang vermissen, obwohl es fraglos eine ausgesprochen hörenswerte Platte ist.

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Photo Credit: Anthony P. Huus

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Geh mit mir durchs düstere Labyrinth, Baby! – The Mount Fuji Doomjazz Corporation

Wäre ich stolzer Besitzer eines Schauerkabinetts, natürlich einer bis in viktorianische Zeiten zurückreichenden, zugleich stark den Surrealismus betonenden Gruselkammer, ja dann wäre auch ich nicht frei von Bedürfnissen. Sogar ich als Sonderling würde mich für ein Date aufhübschen, danach trachten, nette Damen kennenzulernen und sie nach einem gelungenen Abend noch auf ein Getränkchen in die eigene heimelige Bude einzuladen. Und da hätte ich mehr aufzubieten als eine schnöde Briefmarkensammlung! Dazu noch die passende Musik und an der Unvergesslichkeit des Dates bestünden nicht einmal die leisesten Zweifel. Ich würde mich für die neue Platte von The Mount Fuji Doomjazz Corporation entscheiden. Egor ist ein Album, das die Vorzüge der vornehmlich unter dem Namen The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble wirkenden Formation breit unterstreicht, sinister, traumversponnen erschallt, fernab jeglicher Effekthascherei. Egor lässt in Abgründe blicken, kreiert einen stets ein bisschen improvisiert wirkenden, vor Spannung knisternden Soundtrack, der krude Assoziationen diktiert. Und wohl auch jede nicht besonders verquer gestimmte Verabredung eilenden Schritts aus der Bude treibt. Leider!

Wo The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble ihr Schaffen deutlich auf die Komposition ausrichten, das praktizieren, was man so als Nu Jazz bezeichnet, rückt beim Nebenprojekt The Mount Fuji Doomjazz Corporation die avantgardistische Ambient-Note in den Vordergrund. Im konkreten Falle tritt das Experiment hervor, das Kreieren einer undurchsichtigen Stimmung, das Zusammenwirken von traditionellen Instrumenten wie Violine oder Posaune mit elektronischen Effekten. Die Platte gleicht einem tönenden Labyrinth, in das die Musiker den Hörer aussetzen. Der Irrgarten lässt hinter jeder Ecke ein Faszinosum oder Schreckgebilde erwarten. Als einzige Konstante auf dem Weg der Suche stehen Matroschkas in den Gängen, verweisen darauf, dass Egor in Moskau aufgenommen wurde. Dies russische Lamento führt wie ein roter Faden durch das Labyrinth, bestärkt die Unheimlichkeit des Albums mit gespenstischer Melancholie. Gerade einmal 4 Tracks bescheren fast siebzig Minuten Zwielicht, welches unter Schaudern durchwandelt werden will. Wie etwa Стучать кулаком Лестница zur Hälfte an Struktur gewinnt, sich dramatisch aufwallt, zu einer schaurig orchestralen Kakophonie erwächst, das macht ausgesprochene Lust auf Gänsehaut, auf einen subtilen Schrecken, bei dem Haar für Haar zu Berge steht. Herausfordernd tönt космонавт Распутина, weil es 22 Minuten nach Aufmerksamkeit verlangt, sich früh zuspitzt, um im Anschluss wieder behutsam und mit Bedacht durch die Wirrungen der Improvisation zu irren. The Mount Fuji Doomjazz Corporation, allen voran die Masterminds Jason Kohnen und Gideon Kiers, sind Meister der Verstörung, tüftelnde Sucher nach den Klängen, die bannende Bilder erwecken anstatt sie lediglich zu begleiten. Ein Album als Stachel im Fleisch unbewusster Furcht.

Zugegeben, als Platte wird Egor zum Trip ins Ungewisse. Solch Klänge bemalen nicht den Alltag, dieser Sound dämmert in eine vage Finsternis hinein. Es ist die Sorte fordernder Musik, welche sich nicht dazu eignet, bei Kaffee und Kuchen oder in einer auf Wonne getrimmten Mußestunde gespielt zu werden. Und natürlich sollte man mit ihr keine neue, adrett herausgeputzte Bekanntschaft zu umgarnen versuchen. „Geh mit mir durchs düstere Labyrinth, Baby!“ sollte man vielleicht nicht beim ersten Date ausrufen. Wer jedoch die Schattenseite der eigenen Imagination ausloten möchte oder schlichtweg einen fein gestrickten Grusel erfahren will, der muss The Mount Fuji Doomjazz Corporation durch dies gleich einem Schauerkabinett angelegten Labyrinth folgen. Spannender als jedes Stelldichein würde ich meinen!

Egor ist am 23.03.12 auf Denovali Records erschienen.

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Nicht zu Tode zu sezieren – Jaga Jazzist

Man kann manch Album zu Tode sezieren, in diverse Einflüsse aufsplittern, solange bis man mit vielen Worten die Originalität des Werkes bricht. Bei One-Armed Bandit von Jaga Jazzist verbietet sich solch ein Ansinnen, mehr noch ist es zum Scheitern verurteilt. Bei aller Würdigung der vielfältigen Inspirationen dieser Scheibe, kommt man dennoch nicht umhin, die eigenständige Dichte anzuerkennen, die ein hochgradig unterhaltsames Stück Musik beschert und mit jeder Note die Freude am Spiel verrät. Allgemein lässt sich die norwegische Formation dem Nu Jazz zurechnen, doch der an und für sich schon schwammige Begriff sollte höchstens als Hinweis auf die Experimentierfreude des Ensembles um Lars Horntveth verstanden werden.

Die Stärke des Albums liegt in einem hemmungslos bombastischen und doch niemals überladenen Sound, welcher mal an ein entspanntes Jazz-Konzert in Montreux Anfang der Siebziger erinnert, dann wieder viel von dem Flair in Bläser badender Themes bekannter TV-Serien dieser Zeit atmet, ab und an in einen Minimalismus verfällt, der aus den Glassworks eines Philip Glass stammen könnte, natürlich oft in den Gefilden des Progressive Rock schlendert, immer von einer handfesten Portion Groove vorwärts getrieben wird. Bereits der Titeltrack One-Armed Bandit fasst die Stoßrichtung des Werks zusammen, startet funkig-sirenesk, flirtet zwischendurch mehrmals heftig mit minimalistischen Motiven, um doch wieder und wieder das Hauptthema aufzugreifen und derart zu forcieren, dass man sich in eine Zeit zurückfühlt, als allein schon die Erkennungsmelodie von Die Straßen von San Francisco vor die Glotze lockte. Bananfluer Overalt gestaltet sich relaxter und ist dennoch nicht weniger schlüssig. 220 V / Spektral entwickelt einen an Effekten reichen Space-Sound, den mittendrin herrlich federleicht-jazzige Bläser dominieren, mir dies Montreux-Feeling verabreichen. Allem haftet trotz gerüttelt Maß an elektronischem Glitter ein herrlich altmodisch warmer Klang an. Toccata präsentiert die Minimal Music eines Steve Reich im Gewand eines Walkürenritts à la Wagner, ehe sich die Chose kräftig und unruhig nervös hochschaukelt. Die massive Vehemenz, mit der die Tracks dargeboten werden, und die schiere Anzahl der verwendeten Instrumente lässt vor dem geistigen Auge ein großes Orchester erstehen, nicht bloß ein neunköpfiges Ensemble.

Auch die zweite Hälfte der CD hält das phantastische Niveau, ob nun Prognissekongen mit den zahlreichen Wendungen, die nochmals das gesamte Repertoire der Band auf über 4 Minuten zusammenfassen, oder dem schwelgerischen, flirrenden Sommer-Feeling von Book Of Glass. Bei Music! Dance! Drama! zeigen sich Jaga Jazzist als Meister des Samplings, entwickeln einen so komplexen wie wummernden, von genialster Kakophonie beseelten Rhythmus voller Brüche. Hervorragendst! Der letzte Track Touch Of Evil tümpelt nochmals in einer längst liebgewonnen, von tausenden Ideen durchzogenen Manier durch die Boxen, kämpfen spacige Sphärenklängen mit einem brutalen Gitarrenriff und preschenden Drums, ehe die Beats vorwärts trippeln und in einen discostampfigen Abgesang münden, der die Herren von Röyksopp vor Neid erblassen lässt.

Was soll man zu einem Album sagen, dass unzählige Wurzeln und Zitate aufweist, so viele, dass ich mir wünschte mehr zu erkennen, und dabei ohne Ausnahme immer stimmig und vor allem originär bleibt. Eine Platte, die Jazzfunk mit dem hehren Wesen des Minimalismus durchmengt, eine CD, welche fast schon verschwenderisch mit der Verwendung von Instrumenten umgeht und dabei doch ein harmonisches Gesamtwerk kreiert, bei dem jeder Mosaikstein am richtigen Platz liegt, exakt so zeigt sich One-Armed Bandit. Jaga Jazzist haben ein enorm kurzweiliges, von struktiertem Chaos beseeltes Werk erschaffen, dessen Anspruch nur noch vom Hörvergnügen übertroffen wird. Ohne irgendeinen Zweifel unter den 5 besten Alben des Jahres 2010.

Tourtermine:

26.02.10 Bielefield – Kamp
05.03.10 Zürich (CH) – Moods
07.03.10 Berlin – Volksbühne

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