Stippvisite 09/08/11 (Welche Künstler das Vergessen raffinierter Sex-Stellungen lohnen!)

Wir suchen und besuchen, finden und empfinden. Musik! Mag die Börse auch verrückt spielen und England im eigenen Sumpf versinken, es muss und darf auch Konstanten geben, die Hoffnung im Chaos bergen. Darum Trost in enorm geballter Form musikalischer Empfehlungen.

Jungspundtipp:

Und irgendwann macht das Gehirn rumms! Ächzt stotternd, weil es sich nicht noch eine Newcomer-Band merken möchte. Im schlimmsten Fall geht beim Abspeichern eines weiteren Namens des momentan allerangesagtesten Singer-Songwriters das angeeignete Wissen um eine raffinierte Sex-Praktik verloren, mit Glück überschreibt der letztlich limitierte Gedächtnisspeicher das Gesicht zum Zotenphänomen Mario Barth. Lohnt es sich wirklich Samantha Savage Smith in eine Schublade der Erinnerung zu legen? Ja, meine ich, sogar in eines der obersten Fächer. Die kanadische Sängerin leistet sich mit Tough Cookie ein schickes, elegantes Debüt, das von einer Stimme getragen wird, die mehr als nur mädchenhaft wispert und dennoch nicht in die trendige Falle melismatischer Übertreibung tappt. Die Triple-S verbrämte Frau Smith entzückt. Und wird darum auf unserem Blog sicher ab und an in Erinnerung gerufen. (via Exclaim!)

07 Nobody Loves Me Buy My Own Kind by samanthasavagesmith

Der Track You Always Come to Mind ist als kostenloser Download auf Bandcamp verfügbar. The Fight darf via Spinner gratis heruntergeladen werden.

Videotipp:

Nein, verdackelt-verwackelte Musikvideos, die selbst Anfängern zur Schande gereichen, solch Clips sind weder cool noch charmanter Ausdruck von Indie-Attitüde. Es geht auch anders, wie Sole and the Skyrider Band mit Immortality eindrucksvoll unter Beweis stellen. Zusammen mit dem britischen Sci-Fi-Zeichner Lando (Decadence Comics) entsteht ein spannender, verstörend gezeichneter Clip, dessen einziges Manko darin liegt, dass Musik und Animation nur phasenweise zu einer Einheit verschmelzen. An beider Qualität besteht jedoch kein Zweifel. Die Platte Hello Cruel World lässt mich auch dank des Tracks Napoleon Bauklötze staunen. Bei Napoleon flicht Gastsänger Xiu Xiu als Gast einen grandiosen Refrain zwischen all dem Rap ein. Für beide Tracks gilt: Sprechgesang, der derart auf den Putz haut, würde ich mir viel öfter wünschen. (via PopMatters)

Sole and the Skyrider Band „Napoleon“ (feat Xiu Xiu) by sole…

Der Track ist übrigens als kostenloser Download verfügbar!

Vorfreutipp:

Irgendwo in meinem Postfach hatte sich die Ankündigung verloren. Aber dank Coast Is Clear wurde ich unlängst wieder daran erinnert, dass The Devil’s Walk eines der spannenden, elektronisch gefärbten Alben dieses Herbsts (VÖ 30.09.11 auf Mute) werden dürfte. Die zwei bis dato veröffentlichten Hörproben des Berliner Acts Apparat versprechen sehr viel. Sowohl der Track Ash/Black Veil als auch die Single Black Water betreiben großes Kino. Während sich letzterer Song als sanft bauschende Ballade entpuppt, flirrt Ash/Black Veil zunächst minimalistisch nervös,  ehe es sich hymnisch aufbläht. Mit einem Gesang, der isländischen Traditionen huldigend nachklingt. Man darf andächtig und gebannt der Platte harren, Vorschusslorbeeren verschwenderisch verteilen.

Apparat – Black Water by Mute UK

Apparat – Ash/Black Veil by Mute UK

Spanientipp:

Die Spanier Pājaro Sunrise habe ich bereits vor 2 Jahren auf unserem Blog vorgestellt. Nun überzeugt mich Mastermind Yuri Méndez mit der Scheibe Old Goodbyes abermals, bestätigt gleichsam, dass der Vorgänger Done/Undone keinesfalls eintagsfliegig brummte. Zu meiner Schande muss ich einräumen, dass ich erst durch eine Besprechung auf dem befreundeten Blog Der Impuls über die neue CD gestolpert bin. Das Werk selbst erstrahlt in der Anmut klassischen Songwritings. Gerne auf eine Stimme und eine Gitarre reduziert, wie bei I Am Done (Making Fun Of Myself) zu vernehmen, oder auch sehr folkig angelegt (I Don’t Want To Love You No More). Das Schwelgen in Sentimentalitäten kommt ebenfalls nicht zu kurz (Old Goodbyes). Zu den Highlights zählt der aufgeweckt-warme Sixties-Sound von November oder ein bedröppelt schlurfender Track namens Look What I’ve Become. Ein echtes Kleinod, das wegen seiner unprätentiösen Art allzu leicht übersehen werden könnte.

Pajaro Sunrise – Old Goodbyes by Lovemonk

Old Goodbyes ist am 29.07.11 auf Lovemonk erschienen.

Ohrwurmtipp:

Computer Magic – „Running“ from Consequence of Sound on Vimeo.

Manch Liedchen hört man einmal, sofort nochmals und – da aller guten Dinge drei sind – gleich wieder. Wer sich anschließend bei einem wohligen Lächeln ertappt, hat einen echten Wurm im Ohr. In meinem Fall kroch Running von Computer Magic tief in die Gehörgänge – und will gar nicht mehr raus. (gefunden auf Spinner)

Covertipp:

Die Hits der Achtziger verursachen mir in aller Regel Unbehagen. Obzwar ich in dieser unseligen Dekade sozialisiert wurde, vermag ich mit ihrer Musik bis heute nicht Frieden zu schließen. Eine Ausnahme stellt das abgründige Wonderful Life des One-Hit-Wonders Black dar. Ausgerechnet auf diesen Titel stürzen sich nun die von mir geschätzten Seeed und bringen mich doch glatt in die Verlegenheit, der Band ein gutes Näschen bei der Auswahl des Songs zu attestieren und zugleich die musikalische Umsetzung zu monieren. Aus dem schwermütigen Original, das an der Welt zerbricht, erwächst jetzt ein fröhlich vor sich hin plätschernder Sommersong, zu dem es sich prima die Hüften schwingen lässt. Mehr jedoch auch nicht. Da präferiert der Fan in mir die Eigenfabrikationen aus der Seeedschen Schmiede. Den Appetithappen Molotov beispielsweise, der das für 2012 angekündigte neue Album der Berliner Formation durchaus knackig ankündigt (und auf der Homepage der Band noch als Gratis-Download erhältlich ist). Ich indes harre der Dinge, freudvoll.

SomeVapourTrails

Boulevard of the Nameless (IV)

Seit knapp 8 Wochen schon will ich den geneigten Lesern unseres Blogs ein Perle unter das Näschen halten und dabei nicht müde werden, den kleinen Schatz prahlerisch vorzuzeigen. Pājaro Sunrise nennt sich das Projekt des Spaniers Yuri Méndez, dessen Zusammenarbeit mit Pepe López nun im Doppelalbum Done/Undone kulminierte und Ende April in unseren Breiten erschien. Wenn ich die Anzahl der Hörer auf Last.fm durch den derzeitigen deutschen Amazon-Verkaufsrang dividiere, erhalte ich die Zahl 0,066561. Was dies nun genau aussagt, vermag auch ich nicht zu erläutern. Nichtsdestotrotz ist das Ergebnis derart gering, dass sich Pājaro Sunrise ein ausgewählt schönes Plätzchen auf dem Boulevard of the Nameless verdienen.

Done-Undone

Stilistisch pendelt Pājaro Sunrise zwischen folkigen Elementen und entspanntem Pop der 60er-Jahre. Eigentlich eine erfolgversprechendes, nie aus der Mode kommendes Konzept, welches in besagtem Falle auch keine Langeweile kennt. Méndez singt unaufdringlich-elegant und klar, ohne zuviel heißblütiges Schmalz oder Herumgejammer. Der im Kern meist auf Gitarre und Gesang fokussierte Sound reduziert sich freilich eben nie auf rein akkustisches Geschrammel, sondern packt schon mal ab und an die elektrisches Spielzeug aus. Die Lyrics sind oft fragil und meist unspektakulär pfiffig. All diese Zutaten ergeben zwangsläufig ein Album von feiner Qualität.

Von der Ausrichtung auf leise, intime Töne her werden Yuri Méndez und seine musikalischen Begleiter nie Hitparaden stürmen, riesige Hallen füllen und in heutiger Zeit auch wenig Geld verdienen. Was mit viel Herzblut gefertigt und unwiderstehlich überzeugend Stimmungen flicht, wird als Kleinod rasch verwittern. Leider.

Unter den 22 Titeln, die fein säuberlich in die Kategorien „Done“ und „Undone“ einsortiert sind, empfehlen sich das hübsch zum Mitsummen einladende Beggar/Lover, das mit Glockenspiel verzierte und der netten Zeile „I’m becoming my own neighbor/ a shadow in the yard/ too scared to search the sun“ ausgestattete Disabled oder auch Ruby Girl (Lullaby for Irene), welches ohne weiteres aus der Hochblüte von Simon & Garfunkel stammen könnte. Kinda Fantastic bedient die Mitwipp-Fraktion, atmet viel Verspieltheit und gerät zu einem poppigen Ohrwurm, dessen Ausgelassenheit einen gelungen Kontrapunkt setzt. Auch die Cover-Version des Springsteen-Klassikers Hungry Heart mit A-Cappella-Rhythmus grinst toll verschmitzt, während ein Point Of No Return weniger luftig, fast schon einem dreckigen Blues huldigend klingt. Das von Nachdenklichkeit beseelte Come Down gerät mit seiner Schlichtheit zu meinem persönlichen Favoriten.

Was heute namenlos, muss nicht immer das Dasein als Geheimtipp fristen. Darum seien Pājaro Sunrise die besten Wünsche auf den Weg und dem Leser ein kostenloser Download zwecks Möglichkeit einer intensiveren Bekanntschaft mitgegeben. Anhören lohnt sich.

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