Schlaglicht 50: Paul Simon

Es gibt nicht wenige musikalische Ikonen, die durch Extravaganz, Exzesse oder politisches Engagement mindestens so sehr wie durch das über jeden Zweifel erhabene musikalische Wirken im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Und es gibt Singer-Songwriter vom Schlage eines Paul Simon, der seit über 50 Jahren als nimmermüde Größe wirkt. Nun ist der geschätzte Herr zwar kein Leisetreter, aber eben auch keine exzentrische Erscheinung. Er ist jemand, der nicht aufgrund von Eskapaden in Erinnerung bleiben wird, vielmehr weil er im Laufe der Karriere stets neue Herausforderungen gesucht hat. Über seine Zeit als kreativer Part von Simon & Garfunkel müssen keine Worte mehr verloren werden. Doch war deshalb keinesfalls garantiert, dass seine Soloambitionen ebenso von Erfolg gekrönt sein würden. Dennoch vermochte er den musikalischen Umbrüchen der Siebziger zu trotzen, indem er sich nie sonderlich um Moden kümmerte. Er etablierte sich als ausgesprochen zugänglicher Singer-Songwriter mit originellen Ideen, die er jedoch ohne viel Tamtam präsentierte. Der Song Mother and Child Reunion vom Album Paul Simon etwa mit seinem Reggae-Einfluss war 1972 wohl keinesfalls zeitgeistig. Ähnliches gilt für den Gospel-Pop des Stücks Loves Me Like a Rock (There Goes Rhymin‘ Simon; 1973). Und dass das der Platte Still Crazy After All These Years entnommene 50 Ways to Leave Your Lover im Jahre 1976 Simon den bislang einzigen Spitzenplatz in den US-Charts bescherte, ist bis heute verwunderlich. Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger vermochte Simon allmählich nicht länger kommerziell zu reüssieren. Das ist zumindest in meinen Augen umso unverständlicher, weil ausgerechnet in dieser Zeit einige seiner famosesten Tracks entstanden. Ich denke da zum Beispiel an Think Too Much (b) von 1983, dem Werk Hearts and Bones entnommen, welches ich auch erst kürzlich für mich entdeckt habe. Mitte der Achtziger hätte vermutlich niemand auf ein großes Comeback gewettet. Und dann kam 1986 Graceland mit seinen südafrikanischen Elementen! Diesem folgte 1990 das von den Klängen südamerikanischer Ureinwohnern inspirierte The Rhythm of the Saints. Beide Platten stellten einen Brückenschlag hin zur Weltmusik dar, gerieten in jeglicher Hinsicht zu Triumphen. Man kann Simon wirklich nicht unterstellen, dass er je auf Nummer sicher gegangen wäre. Fast folgerichtig ging sein nächstes Projekt, ein Broadway-Musical, baden. Auch auf CD floppte das ambitionierte Songs from The Capeman (1997). Ein nachdenklicher Simon erholte sich auch davon, indem er 2000 mit You’re The One sein erstes echtes Singer-Songwriter-Album in fast zwei Dekaden veröffentlichte. Dass er auch mit Mitte Sechzig noch mehr zu bieten hatte, als an der eigenen Legende zu stricken, unterstrich seine Zusammenarbeit mit Brian Eno bei Surprise (2006). Während viele Musiker in diesem Alter das Leben Revue passieren lassen, schien der werte Herr noch voll im Leben zu stehen. Nicht bloß seine Stimme hatte nichts von ihrer Jugendlichkeit eingebüßt. 2011 erschien So Beautiful or So What, ein von der Musikkritik sehr wohlwollend aufgenommenes Werk, das Simon so zeitlos wie modern und so spirituell wie selten zuvor zeigte. Auch die abermalige Hinwendung zur Weltmusik darf nicht unerwähnt bleiben.

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Die 10 Alben, die mich am meisten bewegt haben

Der sehr geschätzte Kollege Nico hat mich auf seinem Blog und via Facebook nominiert, jene zehn Alben zu nennen, die mich im Laufe meines Lebens am meisten bewegt haben. Gern komme ich dieser Aufforderung nach und benenne diese. Ich tue mir dabei gar nicht einmal besonders schwer, denn obwohl sich diese 10 Platten vielleicht nicht gänzlich mit meinen ewigen Lieblingsalben decken, so hat es doch immer wieder Platten gegeben, welche mir zu einem gewissen Zeitpunkt richtig ans Herz gewachsen sind und für die ich mich auch heute noch keinesfalls schämen muss. Ich will kurz und chronologisch erläutern, warum ich genau diese Werke gewählt habe.

Bruce SpringsteenNebraska (1982)

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Zusammen mit Japanese Whispers von The Cure war Springsteens Nebraska Ende der Achtziger meine allererste Vinyl-Platte. Dieses reduzierte, folkige Singer-Songwriter-Album hat einerseits meine Liebe zu Underdogs für immer einzementiert und mich weiters auch dahingehend geprägt, dass ich Storytelling so liebe.

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Free Mp3: Paul Simon – „Getting Ready for Christmas Day“

Nur für vier Tage gibt’s zum Auftakt der Weihnachts-Saison den neuen Paul Simon Song „Getting Ready for Christmas Day“ als Freedownload. Einfach im Widget die E-Mail-Adresse eingeben und die Mp3 wird euch zu gesandt. Mehr Weihnachtslieder dieser und der anderen Art, gibt’s ab dem ersten Dezember in unserem Klingenden Adventskalender.

To kick-off the Christmas season Paul Simon is offering his new song „Getting Ready for Christmas Day“ for free. The download will be available for 4 day. Find more X-songs at our Advent Calendar page, starting Dec. 1st.

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Getting Ready for Christmas Day is the first single from the forthcoming album So Beautiful Or So What.

Enjoy,
DifferentStars

Mal wieder Bauklötze staunen – Brett Dennen

Unlängst diagnostizierte ich, dass manche Platten bei oberflächlicher Betrachtung nach „mehr“ klingen und bei eingehender Prüfung das anfängliche Versprechen nicht einzulösen vermögen. Oftmals freilich entfacht auch ein zunächst unscheinbares Album eine ungeahnte Kraft und entwickelt Potential zur dauerhaften Erquickung. Dazu muss man sich jedoch Zeit nehmen, dem Werk eine Chance geben – und nicht gleich alles in eine bereits im Geiste geöffnete Schublade legen. Dieses Mal darf ich – schon wieder – eine fantastische CD präsentieren. In den vergangenen Wochen wurden mehrfach virtuose und grandiose Scheiben angepriesen, so dass der Eindruck entstehen mag, ich würde leicht entflammbar, mein Herz an nahezu jeden dahergelaufenen Songwriter verschenken. Doch eher das Gegenteil trifft zu, naserümpfend trotte ich an Dutzenden von CDs vorbei, bloß um die eine zu finden, die gekonnt Emotionen bündelt. Welch Segen dieser Tage derart oft fündig zu werden.

Nahezu die gesamte amerikanische Kritikerzunft sieht in dem 29-jährigen Kalifornier Brett Dennen ein vielversprechendes Talent – und mokiert sich dennoch über dies und das und jenes und generell fast alles, wenn sie zur Rezension des neuesten Werkes Hope For The Hopeless schreitet. Er sei kein Dylan, monieren allmusic und PopMatters. Das ist auch gut so, denn in Stein gehauene Monumente klettern nur selten vom Podest herab und betören mit neuen Schandtaten. Dennen wird nie ein Guru werden, wohl auch weil seine Musik nicht bedeutungsschwanger oder gar von Glamour verseucht in großen Gesten schwabbelt. Sein dieser Tage in Deutschland erscheinender Wurf stellt uns einen in hoher Stimmlage wohlklingenden Crooner dar, dessen Songwriting angenehme 70er-Jahre-Reminiszenzen an die Integrität eines Paul Simon oder Randy Newman aufweist und weitaus weniger glatt gebügelt als aufgebauschte Musiker vom Schlage eines John Mayer oder Jason Mraz erscheint. Wer immer Herrn Dennen mit selbigen vergleicht, plappert nach, hat jedoch keinesfalls die Ohren gespitzt.

Die Rezeption von Hope For The Hopeless, in den USA hat das Album bereits im Oktober die Plattenläden geküsst, spult das Mantra netter, ein wenig langweiliger Liebeslieder ab, die in der Studentenkneipe an der Ecke als Hintergrundmusik durchaus zu reüssieren vermögen. Ein deutschsprachiger Blog nahm den Faden auf und erklärte Dennen zum diesjährigen Starbucks-Filialen-Hero. Das ist so nett getönt, wie es auch falsch ist. Werte Musikfreunde, lasst euch nicht aufs Glatteis führen, nicht alles, was unbefleckt von jedwedem kopflastigen Getue kreucht und fleucht, muss zwangsläufig ein oberflächliches und uninteressantes Liedchen zwitschern. Im hier beschriebenen Falle bedarf es eines Geschicks für die Wahrnehmung leiser Töne und kleiner Gesten, um die Größe Dennens verorten zu mögen.

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Unter den 11 Songs finden sich drei Wundertaten. Beginnen wir zunächst mit der Ballade Ain’t Gonna Lose You. Schmerzverzerrter Optimismus wuchtet sich mit reimschmiederischer Finesse aus Zeilen wie „You can put a stick in my spokes, I can be the butt of your jokes, I can be the laughing stock, I can be the hoax, but I ain’t gonna lose you„, wird von fragil-leidenden Gesang wunderbar getragen. Heaven wurde von einem Kritiker als Versuch empfunden, ein Imagine für die iPod-Generation zu entwerfen. Doch während Lennon ein Konzept einer schöneren Diesseitigkeit verfolgt, huldigt Dennen einer Transzendenz, die ein Jenseits ohne Scheuklappen und Vorurteile ausmalt. Mit San Francisco und seinem funkigen Groove rasselt Wohlfühl-Mitwipp-Sound durch die Boxen, welcher vieles bis alles sein kann, allerdings niemals langweilig. Eher schon ziemt es sich, Bauklötze zu staunen. Auch bei Wrong About Me, welches clever countryesk stampfend überzeugt, oder bei When She’s Gone, das vor allem während des Refrains stilistisch an Soft-Rock-Erfolge eines Jon Bon Jovi erinnert – wenngleich Dennen weitaus mehr Qualität im Köcher hat.

Insgesamt schreit jede Faser der CD nach einem mündigen Hörer, der einem unauffälligen Werk Zeit und Beachtung schenkt, um bald schon zu erkennen, welch musikalische Wuchtbrumme er oder sie sich hier eingefangen hat. Und den Kritikern, die Ain’t Gonna Lose You nicht schätzen, sei ein anderer Beruf empfohlen. Werbetexter, Finanzbeamter, scheißegal – aber nie und nimmer Henker für ein überragendes Talent spielen.

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