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Stippvisite 26/08/2013 (Problemfall Amerika)

Man sollte sich um eine differenzierte Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten bemühen. Die USA sind mehr als nur eine überhebliche, ignorante Weltmacht. Sie sind mehr als nur eine kranke, bigotte Gesellschaft, die einem Peitschenknallkapitalismus huldigt. Amerika ist auch Mythos, intellektuelle und künstlerische Lebensader der Menschheit. All dies sollte man in die Überlegungen miteinfließen lassen, ehe man die eigene Haltung zu Amerika definiert. Doch wie immer man auch zu den Vereinigten Staaten steht, an einem wichtigen Kritikpunkt kann man einfach nicht vorbei. Das Gefangenenlager Guantanamo ist ein Schandfleck, weil es noch immer nicht geschlossen ist, weil es Menschenrechte missachtet, weil es dem vermeintlichen Bösen mit Bösheit begegnet, weil es die moralische Integrität einer Großmacht dauerhaft beschädigt. Die Werte einer Demokratie sind auch daran festzumachen, wie sie mit ihren Feinden umgeht. Wer glaubt, dass Humanismus auch mal Pause machen kann, hat nichts verstanden. Die Schmach Guantanamos ist aber keine rein amerikanische Angelegenheit, es ist auch ein Versagen Europas, das aus einer falschen Unterwürfigkeit heraus, das menschenrechtliche Versagen Amerikas kaum thematisiert. All das müssen wir uns vor Augen führen, wenn wir uns PJ Harveys neuen Track Shaker Aamer anhören. Shaker Aamer ist der Name eines britischen Staatsbürgers, der seit mittlerweile mehr als 11 Jahren ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in Guantanamo festgehalten wird. Das ist unentschuldbar. Dass PJ Harvey durch dieses Lied ihre Solidariät mir Shaker Aamer bekundet, stimmt mich jedoch hoffnungsfroh. Musik muss die Krallen der Überzeugung zeigen, darf sich nicht einfach in einem unpolitischen Elfenbeinturm verkriechen. Musik sollte sich nicht in diffusen Friedensgedanken wiegen, vielmehr das Elend klar benennen. So wie es PJ Harvey mit diesem als kostenlose Mp3 erhältlichen Lied sehr eindringlich tut. (via The Guardian)

Albumtipp:

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Die großen Nullen – Singer-Songwriter deluxe

Die vergangene Dekade ist noch lange kein gestriger Schnee. Viele Musiker werden uns auch in den folgenden Jahren begleiten, manche als lästige Anhängsel – doch will ich nicht immer von den Fleet Foxes sprechen – und einige als Konstanten, die unseren Gefühls- und Gedankenkosmos in schönste Schwingungen versetzen. Doch wer waren die kleinen und großen musikalischen Helden der letzten zehn Jahre? Wir wagen eine rein subjektive Aufzählung – und widmen uns den Singer-Songwritern.

Foto: Nasrul Ekram

Ane Brun: Unter den zahllosen skandinavischen Vertretern niveauvoller Liedschmiederei ragt die Eindringlichkeit Bruns hervor. Nie zu sperrig, immer fokussiert und mit einem untadelig ergreifenden Vortrag gesegnet, vermochte noch jedes ihrer Alben zu zünden.

Anspieltipps: Rubber & Soul, The Fight Song

(Eine wundervolle Cover-Version von True Colors erschien dieses Jahr auf Daytrotter. Mehr dazu an dieser Stelle.)

Mark Kozelek: Ob als Solo-Performer oder als Mastermind von Sun Kil Moon, der entrückt wirkende Gesang paart sich mit überragender Erzählkunst. Die menschliche Seite eines Mörders in Worte zu fassen, wie es beim gänsehäuternen Lied Glenn Tipton der Fall ist, zeugt von Finesse. Einer der absolut besten Vertreter seiner Zunft.

Anspieltipps: Lost Verses, Walk All Over You

Tom Waits: Auch in den 2000ern war der Poet der Gosse über jegliches Klischee erhaben. Tief verwurzelt in den amerikanischen Mythen erschafft er mit jedem Album ein bedeutungsschweres, musikalisch anspruchsvolles und präzises Abbild gesellschaftlicher Wirklichkeiten.

Anspieltipps: Road To Peace (Download von Label-Seite), Hoist That Rag, Day After Tomorrow

(Hier haben wir weitere legale und kostenlose Downloads von der aktuellen Platte parat.)

Jason Molina: Ob unter dem Namen Magnolia Electric Co. oder Songs: Ohia, dieser Musiker hat ein Händchen für tolle Melodien und rustikalen Vortrag. Nach wie vor völlig unterschätzt.

Anspieltipps: The Dark Don’t Hide, Josephine (beide auf der offiziellen Homepage als kostenlose Downloads erhältlich)

(Über eine famose Daytrotter-Session haben wir bereits berichtet.)

John Frusciante: Er war nicht nur einfach der Gitarrist der Red Hot Chili Peppers, von welchen er sich kürzlich verabschiedete. Sein Solowerk ist imposanter und facettenreicher, vielschichtig aber nie aufgebläht.

Anspieltipps: The Days Have Turned, With No One

Richard Ashcroft: Wenn es um elegante Popsongs geht, kommt auf der britischen Insel nahezu niemand an Herrn Ashcroft heran. Und dies unterstreicht er sowohl im Alleingang als auch als Frontmann von The Verve. Dazu kommt diese unsagbar warme Stimme, die die Ohren umschmeichelt und keine Sekunde lang süßlich wirkt.

Anspieltipps: Science Of Silence, Words Just Get In The Way

Marissa Nadler: Ihre Stücke kann nur als Dream-Folk mit einer herrlich gespenstischen, zeitlosen Aura bezeichnet werden. Famos und in den Bann ziehend.

Anspieltipps: River Of Dirt, Diamond Heart, Days Of Rum

David Thomas Broughton: Wer die britische Folk-Tradition für sich entdecken möchte, sollte den in extremem Lo-Fi gehaltenen Lieder dieses Herren ein Ohr leihen. Reinste Beseeltheit, die mehr Fans erhalten müsste.

Anspieltipps: Weight Of My Love, Unmarked Grave

Weitere Nennungen im illustren Kreis der Genies verdienen sich:

Pete Doherty: Keine Widerrede, was er macht, hat Hand und Fuß. Seine Skandale sind nichts im Vergleich zu seinen herausragenden Fertigkeiten.

PJ Harvey: Einem schwächeren Album stehen drei wundervolle, sehr unterschiedliche gegenüber. Vor allem Stories From The City, Stories From The Sea war eine Offenbarung.

Stuart A. Staples: Im Alleingang atemberaubend, mit den Tindersticks über jeden Verdacht erhaben.

Bruce Springsteen: Nach einigen schwachen Alben hat er mit Magic und Working On A Dream wieder an Glanzzeiten angeknüpft.

SomeVapourTrails

500 essentielle Songs der Dekade – Teil 1

Wer dieser Tage Pitchfork ansteuerte, durfte mit hochgezogener Augenbraue die 500 wichtigsten Tracks dieser Dekade begutachten – oder vielmehr belächeln. Was hier inmitten verdienter Glanztaten an Schrecklichkeiten zu finden ist, deutet durchaus darauf hin, dass Plattenfirmen manch Sänger eine kräftige Fürsprache angedeihen haben lassen. Kelly Clarkson auf Platz 21 kann nur ein wirklich geschmacksverschleimtes Hirn ersinnen. Insgesamt ist diese Liste eine derart dumme, ärgerliche, in die Irre führende Angelegenheit, dass man sie nicht geflissentlich ignorieren kann und darf. Gerade Leute, die sich mit Musik eben kaum bis gar nicht beschäftigen, kommen am Ende durch solch Aufzählung auf den komplett absurden Gedanken, wonach der Mist, den Beyoncé verzapft, tatsächlich die Krone der audiophilen Hochgenusses sei.

Darum wollen wir in den nächsten Wochen und Monaten hier eine in jeder Hinsicht vielfältigere Auswahl präsentieren.  500 Songs dieser Dekade – in feinster subjektiver Manier handverlesen und durchaus mit einem gerüttelt Maß an objektivem Anspruch. Heute beginnen wir mit den ersten 50 Liedern.

500Tracks(Teil1)

kingdomofrustDovesKingdom Of Rust (2009)

bringmetheworkhorseMy Brightest DiamondWe Were Sparkling (2006)

straightfromthefridgeJames HardwaySpeak Softly (2002)

skilligansislandThirstin Howl IIIWatch Deez (feat. Eminem) (2002)

gulagorkestarBeirutPostcards From Italy (2006)

frenchteenidolFrench Teen IdolShouting Can Have Different Meanings (2005)

addinsulttoinjuryAdd N to (X)Plug Me In (2000)

convictpoolCalexicoAlone Again Or (2004)

pleasedtomeetyouJamesGetting Away With It (All Messed Up) (2001)