Schlagwort-Archive: Pop

Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht. Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather weiterlesen

Schatzkästchen 82: Lana Del Rey – Love

Let there be 1967 again! Diese Botschaft versprüht der Song Love samt dazugehörigem Musikvideo. Nicht einmal 18 Monate nach ihrem Album Honeymoon gibt es also bereits neue Klänge von Lana Del Rey zu bestaunen. Und was für welche! Love entpuppt sich als bombastisch schmachtender Pop mit einer verführerisch säuselnden Diva am Mikrofon. Und der Clip selbst ist verdammt reich an Bildern, die das heraufdämmernde Back-to-Nature-Gefühl des Hippietums sowie die Faszination des Space-Age nachempfinden. Die glamouröse Petticoat-Seligkeit mag noch nicht völlig verblasst sein, die Abenteuerlust der Beat Generation scheint dafür jedoch bereits voll entfacht. Das Video zeigt verliebte junge Menschen, die in Diners abhängen und danach ihre Cadillacs in die Wildnis chauffieren, um Sonnenaufgänge in der Wüste erleben. Oder um ein Bad in einem See nehmen. Zwei Auffälligkeiten durchziehen den Clip. Eigentlich handelt es sich nur eine vorgebliche Zeitreise. Denn trotz der Optik der Sechzigerjahre hantieren die Protagonisten mit Smartphones, in ihren Oldtimern finden sich digitale Autoradios. Man könnte in dem Musikvideo von Rich Lee also den Wunsch herauslesen, dass heutige Teenager wieder etwas von der damaligen Aufbruchsstimmung verspüren. Schatzkästchen 82: Lana Del Rey – Love weiterlesen

Schlaglicht 68: Blondie

Photo Credit: Alexander Thompson

Im Sport ist die Gefahr ziemlich gering, dass man als Mitglied der Ü-60-Fraktion noch große Erfolge erzielt. Abgesehen von Senioren-Turnieren natürlich. Und auch in der Popmusik beschränkt sich die Daseinsberechtigung musizierender Rentner meist auf die Einweihung neuer Baumärkte oder auf Auftritte bei Stadtfesten in der tiefsten Provinz. Wenn sich ein Sexsymbol früherer Tage dann sogar noch mit 71 Jahren zu einem neuen Werk aufschwingt, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, wer der Chose eigentlich das Ohr leihen soll. Weil, da müssen wir nüchtern sein, natürlich auch die Optik eine andere ist. Denn sogar eine Debbie Harry altert! Sie und ihre Mitstreiter von Blondie wollen es aber tatsächlich nochmals wissen. Für Mai wurde soeben das Album Pollinator angekündigt. Die erste Single Fun, von Dave Sitek (TV On The Radio) mitverfasst, präsentiert sich als flippiger Wohlfühl-Disco-Pop. Schlaglicht 68: Blondie weiterlesen

Fast zu viel des Guten – Hannah Epperson

An Plattenveröffentlichungen herrscht wirklich kein Mangel. An überzeugenden Ideen jedoch, wie man zehn oder mehr Lieder zu einer Geschichte zusammenschmiedet, eher schon. Das Album als Drehbuch ist ein Konzept, das nur selten ganz große Begeisterung hervorruft. Speziell im Pop. Hannah Epperson will auf ihrem Album Upsweep ein sehr abgründiges Psychodrama beschreiben. Ein junger Mann namens Skyler weist hierin eine bipolare Störung auf, wird von den fiktiven Charakteren Amelia und Iris heimgesucht. Immer tiefer driftet er in eine Manie hinab, begünstigt durch das Spannungsverhältnis, welches zwischen Amelia und Iris besteht. Soweit die vom Pressetext geschilderte Ausgangslage, die sowohl zum Arthouse-Film als auch zum Hollywood-Thriller taugen würde.

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Schatzkästchen 75: Malky – Lampedusa

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Photo Credit: Max Parovsky

Musik kann die gegenwärtigen Probleme auf der Welt nicht lösen. Musik vermag uns allerdings sehr wohl ein bisschen glücklicher, optimistischer zu machen. Und dazu muss sie gar nicht mal weltflüchtig sein. Dem Duo Malky etwa ist mit Lampedusa ein sehr zärtliches Lied geglückt, das als Singer-Songwriter-Folk beginnt und sich in der Folge zu Pop mit viel Seele entwickelt. Der Sänger Daniel Stoyanov kam selbst als Kind von Bulgarien nach Deutschland, er ist somit durchaus dazu prädestiniert, sich dem Thema Migration anzunehmen. Und dies macht er sehr unaufgeregt, in schönen, hoffenden Bildern. Darüber hinaus hat sich Stoyanov viele Gedanken über die derzeit verbreitete Panik gegenüber Zuwanderung gemacht. Ist zur Erkenntnis gekommen, dass die oft beschworene gemeinsame Anstrengung wirklich keine Phrase sein kann, dass auch jene, die eigentlich gegen die Fremden sind, Integration stemmen müssen – und werden. Den die Motivation zu diesem Song erklärenden Facebook-Post sollte man sich genau durchlesen.

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Die ebenbürtige Zwillingsschwester – Marissa Nadler

Kummer, insbesondere Liebeskummer, führt sehr häufig dazu, dass wir uns vom Leben zurückziehen, in einer Art Blase gefangen sind, durch die die Umgebung außerhalb meist nur fahl und trüb wahrnehmbar scheint. Makellos wirken dagegen die wie mit Photoshop geschönten Erinnerungen, die in der Blase blubbern, bis sie platzen! Und der Schmerz spaltet sich in viele scharfe Rasierklingen, die die Seele filetieren. Das Unangenehmste am Verweilen in der Blase ist jedoch, dass man trotz Abgeschiedenheit nicht unbeobachtet bleibt, das Umfeld die selbstgewählte Gefangenschaft in der Blase durchaus mitleidig registriert. Auch kreative Menschen sind vor diesem Schicksal nicht gefeit – und doch haben viele von ihnen in dieser Situation einen entscheidenden Vorteil. Denn auch der kreative Prozess findet gern in strenger Zurückgezogenheit statt. Möglicherweise hat das neue Album der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler wirklich in einer Blase des Kummers seinen Ursprung genommen und alles Leiden schließlich in allerschönste Musik verwandelt. Strangers ist von eremitischer Katharsis geprägt, von melancholischer Traurigkeit und bitterer Erkenntnis. Nadler orientiert sich dabei unüberhörbar an einer gewissen Lana Del Rey. Letzterer ist nämlich zu verdanken, dass lange als chic geltende mauerblümchenhafte Erkenntnisklänge in den vergangenen Jahren vermehrt von divareskem Schwelgen abgelöst wurden.

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Schlaglicht 53: Marissa Nadler

Meine Wertschätzung gegenüber der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler hat schon über 10 Jahre auf dem Buckel und wurde in der Vergangenheit immer wieder auf diesem Blog deutlich. Bereits mit ihrem feinen Debüt Ballads of Living and Dying (2004) hat sie sich als Vertreterin des New Weird America zu erkennen gegeben. Nicht zufällig, denn Nadler ist im an eigentümlicher Folklore reichen New England aufgewachsen, das vom nördlichen Teil des Appalachen-Gebirges durchzogen wird. Schon zu Beginn ihres Wirkens tönte ihr Folk völlig aus der Zeit gefallen, geradezu archaisch und geheimnisumrankt. Mit dem zweiten Album The Saga of Mayflower May aus dem Jahr 2005 wurde der eigene Stil dann weiter verfestigt. Ihre Lieder wirkten wie obskure Schwarz-Weiß-Bilder aus dem 19. Jahrhundert, deren abgebildeten Personen längst vergessen und begraben und sämtliche Häuser, Orte und Landschaften nicht mehr wiederzuerkennen sind. Eine Verwunschenheit durchzog ihre von akustischer Gitarre und weltfremdem, entrücktem Gesang dominierten Platten. Genau diese Aura und diesen Sound hat sie über die Jahre weiter kultiviert, in Nuancen erweitert. Spätestens mit Little Hells von 2009 wurden auch Schlagzeug und Synthies fester Bestandteil der Instrumentierung. Stilistisch öffnete sie sich zugleich immer stärker hin zu Dream-Folk mit ab und an countryhaften Anklängen. Ihre wirklich großartige EP The Sister hatte ich 2012 so charakterisiert: „Emotionale Pein verliert an Bedrückung, wenn sie in den Mantel der Unwirklichkeit gehüllt wird. Wenn Seelenqualen mit Spinnweben behangen durch den Äther schallen, vorgetragen mit dem Zauber einer Circe, dann lässt sich allerlei Abgründiges bestens ertragen. Der Dream-Folk der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler scheint einem Albtraum entsprungen und dennoch fühlt der Hörer keinen Kloß im Halse. Nadlers Lieder sind ein faszinierender Spuk, geistern durch pittoreske wie spartanische Kulissen.“

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Vom Kaffeeklatsch ans Eingemachte – Kitty Solaris

Singer-Songwriter-Pop gibt es wie Sand am Meer. Vergangenen Freitag ist ein weiteres Sandkörnchen hinzugekommen. Doch ist das Album Silent Disco der Berlinerin Kitty Solaris durchaus dazu angetan, aus der großen Masse hervorzustechen. Wo Pop oftmals den Tick zu glatt produziert und viel zu klischeehaft in seinen Gefühlen ist, wo Singer-Songwriter vielfach ein Seelenleben preisgeben, welches in seiner Verschrobenheit wenig einnehmend ausfällt, nimmt sich Kitty Solaris dagegen unglaublich sympathisch, normal und zugleich pfiffig aus. Das Album besitzt die Sorte von Inspiration, die man auch aus einem anregenden Gespräch mit der besten Freundin, dem besten Freund ziehen kann. Silent Disco weist einerseits beschwingte Electro-Pop-Einflüsse auf, wohl Überbleibsel der stimmigen Vorgängerplatte We Stop The Dance, andererseits imponieren nachdenklich-erwachsene, gitarreseke Momente. Nie über- und ebensowenig unterfordernd, stets abwechslungsreich, mit einem unverkrampfen Charme behaftet, derart vermag dieses Werk zu erfreuen.

Viel von dem Reiz des Albums zeigt sich schon beim Dance-Pop-Opener Soul Brother, der wohldosierte Leidenschaft kultiviert, sich zum One-Night-Stand bekennt. Die Zeilen „Life is short, it won’t last forever/ Kiss me now, how couldn’t it be alright/ This fever will pass in the morning light/ We won’t come together in this life/ This chance will be gone in the morning light“ sind in ihrer Nüchternheit bemerkenswert, verschanzen sie sich doch hinter ein wenig Disco-Glitter, der aus Prinzip zu keiner Sünde fähig scheint. Der Track kriegt in seiner Ekstase für eine Nacht die Kurve, verhindert mit eben dieser Attitüde den ohnehin nervigen Facebook-Beziehungsstatus „Es ist kompliziert“. Vom Kaffeeklatsch ans Eingemachte – Kitty Solaris weiterlesen

Free Download: Amy Stroup – You Make The Cold Disappear

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Es gibt ja Musiker und Musikerinnen, die einmal auf den Geschmack gekommen, praktisch jedes Jahr einen weihnachtlichen Song aus dem Hut zaubern. Zu diesen zählt mittlerweile auch die US-Singer-Songwriterin Amy Stroup. Der Name mag vielleicht nicht jedem ein Begriff sein, die Wahrscheinlichkeit ein Lied von Stroup vernommen zu haben, ist dennoch verdammt hoch. Ihre Songs werden stets gerne genommen, um amerikanische TV-Serien aufzupeppen. So war sie in der Vergangenheit beispielsweise unter anderem auch in mehrene Staffeln von Grey’s Anatomy zu hören. Vergangenes Jahr hat uns Stroup mit der kostenlosen Weihnachs-EP You Make The Cold Disappear erfreut. Und auch heuer verschenkt sie diese EP an Fans weihnachtlicher Klänge. Mit dem Unterschied allerdings, dass diese im Vergleich zum Vorjahr auf sechs Lieder erweitert wurde. Neben dem herzerwärmenden Pop des Titellieds gab es bereits 2014 eine Interpretation des hawaiianischen Weihnachtsliedes Mele Kalikimaka, das dank Streichern und Piano pittoreske Christmas Is Closer sowie Love’s A Light, das schon vor einem Jahr förmlich danach schrie, ebenfalls in einem Soundtrack aufzutauchen. Nun sind zwei weitere Stücke dazugekommen. Free Download: Amy Stroup – You Make The Cold Disappear weiterlesen

Wo zum Teufel steckt Ian Glover? – Dave Gahan & Soulsavers

Vielleicht vermute ich einen Krimi, wo gar keiner ist. Aber vorsorglich sollte man den Gärtner ersuchen, die Stadt nicht zu verlassen. Rekapitulieren wir zunächst die Fakten! Das englische Produzentenduo Soulsavers macht seit über 10 Jahren fabelhafte Alben, für It’s Not How Far You Fall, It’s The Way You Land (2007) und Broken (2009) konnte man mit  Mark Lanegan einen echten Charismatiker für die Zusammenarbeit gewinnen, bei The Light The Dead See von 2012 trat mit Dave Gahan sogar die Ikone von Depeche Mode ans Mikro. Wo auf vergangenen Platten Gäste die Soulsavers gesanglich verstärkten und auch Lyrics beisteuerten, scheint beim neuesten Streich Angels & Ghosts vieles anders. Das fängt bereits damit an, dass es kein reines Soulsavers-Album mehr ist, stattdessen firmiert es als Dave Gahan & Soulsavers. Die Ergebenheit geht sogar noch weiter. Die Soulsavers sind eigentlich beim Label V2 beheimatet, welches mittlerweile zu [PIAS] Cooperative gehört. Für Angels & Ghosts sind die Soulsavers jedoch zu Columbia gewechselt,  was natürlich auch mit Dave Gahan zu tun hat. Insgesamt verstärkt sich der Eindruck, dass Gahan den Zampano gibt, dem das Projekt Soulsavers nun auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Zugegeben, einem Gahan hörig zu sein, ist wohl nicht die schlechteste Idee. Aber wer steckt eigentlich hinter dem Projekt Soulsavers? Bislang galt die auch in Wikipedia gemeißelte Wahrheit, dass sich dahinter das Duo Rich Machin and Ian Glover verbirgt. Wenn man sich jedoch die Pressetexte so durchliest, wird mit jedem Album weniger von Ian Glover gesprochen. Bei Angels & Ghosts findet sich weder in den Credits des Albums noch auf dem Waschzettel eine Silbe über Ian Glover. Es ist immerzu von Rich Machin beziehungsweise den Soulsavers die Rede. Auch auf den offiziellen Promofotos sieht man nur Gahan und Machin. Und beide schauen eher ungemütlich drein. Haben sie gar etwas zu verheimlichen? Hat schon jemand Herrn Machins Garten umgegraben? Wo zum Teufel ist Ian Glover?

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Photo Credit: SonyMusic

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