Temperament fürs Absurde – Erin K

Ich bin ein großer Fan von Songwriting, dessen Lyrics auch mal tatsächlich Geschichten erzählen und nicht nur über emotionaler Verfasstheit brüten. Von großer Liebe oder tiefster Einsamkeit zu singen, zählt zu den leichteren Übungen, eine Episode des Alltags mit Humor aus der Belanglosigkeit zu heben, halte ich da schon für schwieriger. Erin K ist eine Singer-Songwriterin, die mit viel Esprit und herbem Charme zu glänzen weiß, Songtexte verfasst, die über die Bekenntnispoesie eines Tagebuchs hinausgehen. Ihr letzten Herbst veröffentlichtes Album Little Torch besticht durch lieblichen Pop und kuriosen Folk, Erin K kredenzt die pfiffige Chose mit grandioser Beiläufigkeit. Beispiele gefällig?

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Ein inspiriertes Kuddelmuddel – Holler my Dear

Man kann sich Vielfalt auf verschiedene Weise annähern. Beispielsweise über die nicht vorhandene Ordnung lamentieren. Oder aber die Energie wahrnehmen, die sich im Chaos meist verbirgt. Der Berliner Formation Holler my Dear darf man getrost einen Hang zum Kuddelmuddel unterstellen. Das beginnt bei der Herkunft der Bandmitglieder, setzt sich im Wirrwarr der musikalischen Stile fort und schreckt auch vor den Lyrics nicht zurück. Das jüngst erschienene Album Steady As She Goes gerät so zu einem zeitgemäßen Abbild des urbanen Berlins. Und weil es ganz viel zu erwähnen gibt, stürzen wir uns am besten gleich kopfüber in dieses herrliche Tohuwabohu.

Photo Credit: Jim Kroft

Die Mitglieder der Band hat es aus Österreich, Russland, Großbritannien und dem Berliner Umland in die Metropole verschlagen. Die unterschiedliche Provenienz besitzt großes Potential, auch weil sich die Formation nicht krampfhaft um einen kleinsten gemeinsamen Nenner bemüht. Ja, natürlich ist die Platte unter dem Begriff Pop einzuordnen, in den Details ist die Musik aber ausgesprochen facettenreich. Mal wird jazzig angehauchten US-Singer-Songwriterinnen über die Schulter geschaut, dann wieder wird Ethno-Pop osteuropäischer Färbung gefrönt, hier lugt ein bisschen Cabaret hervor, auch ein chansonesquer Charakter ist dem Werk nicht fremd.  Weiterlesen

Viel gewollt & mehr erreicht – Kat Frankie

Es gibt eiserne Regeln im Musikgeschäft. Gegen biedere Ausstrahlung helfen nur anzügliche Songtexte. Oder: Bankrotterklärungen künstlerischer Kreativität müssen mit Bombast übertüncht werden. Ersteres hat Britney Spears zum Erfolg geführt. Letzteres einen Michael Jackson in den Neunzigern über Wasser gehalten. Mit diesem Wissen muss man fast zwangsläufig eine große Harmlosigkeit hinter einem Albumtitel wie Bad Behaviour wittern. Nun könnte man der in Berlin lebenden Australierin Kat Frankie zugutehalten, dass sie schlicht den Titel des ihrer Einschätzung nach griffigsten Tracks zum Albumtitel erwählt hat. So recht will er zum mit Finesse ersonnenen Singer-Songwriter-Pop mit ein wenig R&B-Charme nicht passen. Bad Behaviour suggeriert eine penetrante Aufmüpfigkeit, vielleicht sogar Frivolität. Das gibt die Platte meiner Ansicht nicht her. Und das ist verdammt gut so.

Photo Credit: Sabrina Theissen/GroenlandRecords

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Schlaglicht 85: Naiivi

Kann man anhand zweier Singles bereits ein Urteil über das Potential einer aufstrebenden Singer-Songwriterin fällen? Eigentlich nicht. Natürlich schon! Denn wir alle entscheiden doch täglich bereits nach wenigen Sekunden, ob eine Band oder ein Musiker auf Gefallen stößt. Falls dem nicht so ist, drückt man rasch die Skip-Taste der Playliste. Und als Musikblogger wird man ohnehin ständig mit neuen Klängen bombardiert, da hat man keine Zeit für zögerliches Abwägen. Im Falle der Schwedin Naiivi musste ich allerdings auch gar nicht erst lange überlegen. Schon die ersten Takte der zwei Tracks haben mich von den Qualitäten sofort überzeugt, in meinen Ohren hat sie sogar das Zeug zur nächsten skandinavischen Indie-Queen zu werden. Die letzten Herbst veröffentlichte Debütsingle I’m Leaving gefällt als waviger Pop.  Weiterlesen

Gene & The Genies – Tell Santa to Bring Snow

Sixties-Pop mit stark britischem Einschlag, The Hollies kommen einem hier in den Sinn, gepaart mit ein ganz bisschen schrägem Glam, diese Mischung soll heute viel weihnachtliche Vorfreude versprühen. Tell Santa to Bring Snow ist ein ausgesprochen frommer Wunsch, doch fromm ist dieses Lied keineswegs. Es kommt eher rotzfrech daher. All die Tradition und alle das Getue können Gene & The Genies gestohlen bleiben, ja sogar den Buckel runterrutschen, nicht jedoch der Schnee. Und Mensch, diesen Wunsch kann ich gut nachvollziehen. Hier in Berlin beispielsweise kennt man weiße Weihnachten fast nur vom Hörensagen. Als jemand, der in den Alpen aufgewachsen ist, ist mir das im Dezember meist apere Berlin nicht sonderlich sympathisch. Und auch ich könnte, so wie im Lied geäußert, gut auf ein paar Geschenke verzichten, wenn es dafür ganz viel winterliche Stimmung gäbe.  Weiterlesen

Nelson Can – On Christmas Night

Heute wollen wir den werten Lesern eine große Pophymne zum Thema Weihnachten präsentieren. Freilich frei von Herzschmerz oder verlogenem Heile-Welt-Getue. Ja, das geht! Das dänische Trio Nelson Can macht es uns vor. Vor fünf Jahren hatte ich die Band schon mal lobend erwähnt, ihr neuer Track On Christmas Night freilich verdient mehr als eine lobende Erwähnung. Die Nummer ist derart stark, dass ich sie nach nur wenigen Hördurchläufen zum Allerbesten zählen würde, was mir in all den Jahren des Bloggens über Weihnachtsklänge ins Ohr gegangen ist. On Christmas Night hebt sich wohltuend von vielen, vielen Lieder zum Thema Weihnacht ab. Da wäre zum einen natürlich die thematische Schwerpunktsetzung. In skandinavischen Gefilden ist Weihnachten geradezu zwangsläufig an die Wintersonnenwende gekoppelt. Wo es (fast) gar nicht richtig Tag wird, spielen das weihnachtliche Meer der Lichter eine noch stärkere Rolle. Der Refrain „Solstice in sight! We don’t have to wait anymore. We will be bathed in light on Christmas night.“ kommt entsprechend frohlockend daher. Percussion und Drums bescheren dem Track einen archaischen Touch, musikalisch könnte man von einer aufgekratzten Version Feistscher Klänge schwärmen. Die getragen-schmalzige Festlichkeit vieler Weihnachtslieder wird hier durch freudvolle Lebendigkeit ersetzt. Die Band selbst erklärt die Motivation hinter dem Song wie folgt: „We wanted to make a Christmas song that combined the Christmas we know from modern day western culture with the old hedonistic celebration of the return of the sun.“

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Schlaglicht 82: Blaue Blume

Kurz vor knapp, wenn Musikmagazine längst schon die Jahresbestenlisten in ihren Schubladen liegen haben, kommt fast wie aus dem Nichts eine EP daher, ohne die zumindest meiner Meinung nach 2017 in musikalischer Hinsicht unvollständig wäre. Die Rede ist von der EP Sobs der dänischen Formation Blaue Blume. Der Band, dieses Wortspiel sei erlaubt, kann man für diese vier Tracks gar nicht genug Rosen streuen, gerne auch blaue. Sobs steht für zärtlich-romantischen, perfekt instrumentierten Pop mit märchenhafter Note und Anflügen von Verschrobenheit. Gerade einmal 15 Minuten hat diese EP zu bieten, doch ähnlich stimmige, facettenreiche 15 Minuten wird man 2017 kaum finden. Beginnen wir in der Betrachtung gleich mit dem Song Macabre, der als bittersüßer wie hymnischer Synthie-Pop besticht. Die wonnige und auch aufgekratzte Melodie ist Seelenbalsam, opernhaft-exaltierter Falsetteinschübe runden die exzentrische Eleganz ab. Ebony wiederum hat den Flair einer auf Zehenspitzen schleichenden R&B-Nummer verbunden mit der Dramatik einer kraftvoller Achtziger-Ballade. Das famose Mayhem vermittelt von den Synthies ein wenig Peer-Gynt-Erhabenheit, die die samtene, helle Stimme des Sängers Jonas Smith perfekt untermalt. Die bewegende, schwärmerische Aufbruchssehnsucht gerät zu allerfeinstem Pop, den man gar nicht oft genug hören kann. Viel zu schnell endet Sobs, doch hat es dieses Ende natürlich ebenfalls in sich. Bei Haven’t You stellt Smith sogar die gesangliche Feinheit eines Anohni locker in den Schatten. Romantische Melancholie mit ein wenig Weltschmerz lässt dieses andächtige Stück leuchten!


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Die Zeiten überdauernd – Lana Del Rey

Ich will gar nicht lange fackeln. Das Album dieses Sommers ist ohne Wenn und ohne Aber Lust For Life. Der unvergleichlichen Lana Del Rey ist eines jener Alben geglückt, das die Zeiten überdauern wird. Noch im Jahre 2047 wird man genüsslich im smarten Heim sitzen und die Urenkel Siris oder Alexas bitten, die Erinnerungen an schöne Zeiten mit diesen Klängen zu untermalen. Und wenn man dann in Gedanken schwelgt, dabei eine Epoche hochleben lässt, die längst vergangen scheint, wird man sich vielleicht daran erinnern, dass man dieses Gefühl doch bereits beim Erscheinen des Albums hatte. Lana Del Rey lässt doch schon hier und heute die Ära der großen Diven auferstehen. Diese wunderbare Kunstfigur hätte auch das Hollywood der Sechziger nicht besser in Szene setzen können. Doch abgesehen von der makellosen Inszenierung, die Del Rey auf jedem Album in eine neue Rolle schlüpfen lässt, ist es ein schlicht überragendes Songwriting, das den Erfolg ausmacht. Hinter dem schönen Schein verbirgt sich verdammt viel Substanz.

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ITEOTWAWKI (III): The Mynabirds – Golden Age

Unter dem Motto „It’s the end of the world as we know it“ soll in dieser Rubrik über all die 2017 gesellschaftlich und politisch relevanten Klänge berichtet werden. Heute mit: The Mynabirds.

I see what you’re doing/ With the Jews and the Muslims/ You’re sawing us all in half/ With your fake fear/ My heart’s full of love/ And all kinds of peace/ But I think even I/ Could punch a Nazi 
In the face“ sind Lyrics, deren Stoßrichtung sich allen erschließt, die in den letzten 12 Monaten mit Staunen und Sorge die Zustände in den USA verfolgt haben. Wie zum Teufel konnte Trump passieren, fragt man sich vielleicht. Und aus welchem Loch sind die ganzen Verfechter des Alt-Right-Movements gekrochen? Man mag entgeistert sein, selbst wenn man sich nie als besonderer Fan des übertriebenen amerikanischen Selbstbewusstseins wähnte. Wie jedoch müssen sich erst jene liberal-fortschrittlich eingestellten US-Bürger fühlen, die all die Errungenschaften nun plötzlich in Frage gestellt sehen? Laura Burhenn, ihres Zeichens Mastermind von The Mynabirds, hat sich die Ereignisse des vergangenen Jahres anscheinend zu Herzen genommen und sie auch als Ansporn verstanden. Das Resultat ist das dieser Tage erscheinende Album Be Here Now. In all der Hysterie, die Trump entweder als Messias oder aber mindestens apokalyptischen Reiter ansieht, scheint ein Innehalten äußert angebracht. Genau das gelingt Be Here Now. Trotz klarer politischer Haltung ist es nämlich keine Abrechnung mit dem Trumpschen Amerika, vielmehr drehen sich weite Strecken der Platte um Selbstreflexion. Cocoon etwa träumt von biedermeierhaften Zweisamkeit, während die Welt außerhalb gänzlich aus den Fugen gerät. Der Titeltrack Be Here Now wehrt sich gegen den Fatalismus der Machtlosigkeit und glaubt ganz fest an das gemeinsame Einstehen für Werte. Die Platte versucht den Spagat zwischen fiebriger Auflehnung (Shouting at the Dark) und einem nüchternen Abgesang, wie ihn Golden Age bietet. Letzterer Song entpuppt sich als echtes Highlight.

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Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht.  Weiterlesen