Schlagwort-Archive: Pop

Schlaglicht 31: Fay Wildhagen

Pop mit folkigen Ursprüngen und temperamentvoller Theatralik bietet die Norwegerin Fay Wildhagen samt Begleitband an. Das Debütalbum Snow vermag ohne Mühe von filigranen Momenten hin zur großen Show zu wechseln. Wildhagen ist in den intensivsten Momenten eine exaltierte Version ihrer Landsfrau Ane Brun, vermag allerdings zugleich mit zartem Singer-Songwriter-Pop zu punkten. Sie gleicht mal einer verlorenen Elfe, mal einem derwischhaften Kobold. Selbst wenn die Musik anschwillt, orchestral ausartet, von den Harmonien her an eine Florence Welch erinnert, scheint die Stimme der jungen Norwegerin unbekümmert, klar und euphorisch frisch im Timbre. Die Lyrics bieten das, was von einer jungen Frau Anfang Zwanzig erwarten darf. Es geht um Selbstfindung, um Verletzungen, um das Begreifen von Liebe, all das unter Einbeziehung von Bildern aus der Natur. Das Meer, die Berge, der Wind werden von Wildhagen immer wieder beschworen. Beim mächtigen Fire On The Mountain inszenieren die Zeilen „There’s a fire in the twilight/ Dancing through the dark night/ Whispers in the wind/ Can you hear them calling?“ eine Verlassenheit, die zu Einsicht und Läuterung führt. Schlaglicht 31: Fay Wildhagen weiterlesen

Ein Ringen um Orientierung – Kalle Mattson

Das Format EP wird ja oft ein wenig despektierlich behandelt. Im besten Fall beinhaltet es eine Handvoll Tracks, die entweder die Wartezeit zum nächsten Album überbrücken sollen oder aber thematisch nicht recht zur anstehenden Platte passen und deshalb als EP das Licht der Welt erblicken. Am lautersten wirkt das Format, wenn aufstrebende Musiker EPs als Lernprozess auf dem Weg hin zum Debütalbum verstehen. 2015 hat schon die eine oder andere wunderbare EP gesehen, das Konzept in meinen Augen sogar rehabilitiert. Dazu zählt fraglos auch das sechs Tracks umfassende Werk Avalanche des kanadischen Singer-Songwriters Kalle Mattson. Vor anderthalb Jahren hat er mit Someday, The Moon Will Be Gold eine großartige Platte vorgelegt, die ich mit viel Lob bedacht habe. Er weiß also, wie ein Album geht, und hat sich dennoch für die komprimierte Form entschieden.

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Willkommen im großen Kino – Lana Del Rey

Lana Del Rey stellt nicht nur die Kunstfigur unserer Tage dar, sie taugt auch als veritable Reizfigur. Ihr fraglos elegantes Image speist sich zu einem gewissen Teil aus reaktionären Klischees. Del Rey vermittelt ein vermeintlich ewiggestriges Frauenbild, dem es ab und an an Selbstachtung mangelt. Männern zu gefallen, dies scheint allerhöchste Erfüllung zu bringen, doch bewirkt diese Attitüde auch ungesunde Abhängigkeiten, Liebeskummer inklusive. Dass sie die nach außen hin blasierte Diva gibt, deren Innerstes zugleich lodert, mag Feministinnen die Tränen in die Augen treiben. Haben all die verruchten, dominanten Stars der vergangenen Dekaden umsonst die selbstbestimmte Powerfrau gegeben? Hat Madonna die Erotik als Mittel zur Unterwerfung vergeblich forciert, zeigt Rihanna als Speerspitze der Free-the-Nipple-Bewegung erfolglos Körperbewusstsein? Seit Jahr und Tag kämpft eine Lady Gaga mit größtmöglicher Exzentrik dafür, dass Durchgeknalltheit im Namen der Kunst nicht länger als Männerdomäne angesehen wird. Sollen alle diese Anstrengungen nun von Del Reys retroeskem Glamour überschattet werden? Ist es ein Rückfall in unemanzipierte Zeiten? Wenn man dem neuen Album Honeymoon wahrhaft gerecht werden möchte, muss man es als Hollywood-Oper begreifen. Eine Oper, die letztlich gar nicht so unmodern tönt, wie es zunächst vielleicht den Anschein hat.

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Photo Credit: Neil Krug

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Die Intimität in der Emotion – Ane Brun

Die in Schweden lebende Norwegerin Ane Brun – in nördlichen Gefilden längst ein Star – macht uns mit ihrem neuen Album When I’m Free in absoluter Perfektion vor, was praktisch niemand sonst gebacken bekommt. Brun kreiert Singer-Songwriter-Pop, der der Emotion die Intimität zurückgibt. All die Marketenderinnen des Pop schreien sich die Seele aus dem Leib und meinen allen Ernstes, dies sei Emotion. Sie singen – besser: krakeelen! – über die Liebe und haben in Wahrheit den Kern der Liebe nicht im mindesten begriffen. Viele Pop-Diven ergehen sich in heißen, innigen Schwüren, glorizifieren die Verliebtheit, garnieren sie mit ein wenig Sex. Alles bloß platte Emotion! Ane Brun hingegen vermag ihren Lieder eine Seele einzuhauchen. Sie stecken voll Intimität, voll Reife. Bieten mehr als backfischiges Schwärmen oder einen Ozean voll Tränen an. In Bruns Sentimenten lauert Unausgesprochenes und Zweifel. Intimität ist bekanntlich nichts, was sich mit ein paar netten Worten aufbauen lässt. Intimität lebt von Gestik, Mimik und Tonfall, sie funktioniert über Nuancen, über Deutungen. Wer das Wesen dieser Nähe begriffen hat, wird auch Bruns Texte schätzen.

Machen wir uns nichts vor! Über die Liebe ist alles gesagt. Da sie jedoch jeder Mensch stets neu und anders erfährt, wird dieses Thema jede Kunst auch noch in tausenden Jahren dominieren. Denn Liebe wird mit jedem Menschen ein Stück weit neu geboren, neu erlebt. Bruns in Songs verpackte Emotion ist deshalb einzigartig, weil Bruns Persönlichkeit auf singuläre Art und Weise Kreativität, Eleganz und Fühlen paart. Die Intimität in der Emotion – Ane Brun weiterlesen

Schatzkästchen 31: Jonas Carping – Damn Old World

Charakterköpfe braucht die Welt. Visagen, die eben keine Unverbindlichkeit oder gar Austauschbarkeit ausstrahlen. Das gilt natürlich auch für den Bereich Musik. Der Schwede Jonas Carping ist so jemand mit spezieller Ausstrahlung. Ein Bär von einem Mann, ja geradezu wikingerhaft. Dem steht ein feingliedriger, heller Gesang entgegen, der trotz fülligem Ausdruck stets eine Zerbrechlichkeit und Nachdenklichkeit beinhaltet. Ich habe bereits 2013 über sein Projekt The Glade geschrieben. Nun gilt es, auf sein für diesen Herbst angekündigtes Soloalbum Cocktails & Gasoline hinzuweisen. Die dieser Tage erscheinende Single Damn Old World imponiert mir gewaltig. Carping gibt hier den zärtlichen Chronisten eines Lebens im Überschwang. Eines großen Hoffens sogar („When you hold on to hope, you cross your fingers and you crush your thumbs/ There ain’t nothing in this whole world that can’t be done„), welches jedoch letztlich im Absturz, im Ende aller Träume mündet („Oh, and I watched you fall, you go all the way down, deep, deep underground/ I could never bring the sky to you, some days I wish that I could„). In diesem Lied lauert eine unausweichliche Tragik, die den Hörer fesselt. Musikalisch schwankt es zwischen der balladesken Emotion des Pop und Folk-Rock-Anleihen.

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Musik, der man nicht auf die Brüste schaut – K.Flay

Pop meets Hip-Hop meets Indie. Zugegeben, diese Formel garantiert zwar noch nicht, dass das Resultat geschmackssicheren Zeitgenossen wirklich hörbar erscheint, aber in diesem Zugang liegt zweifelsohne Potential. Vielleicht lauert in diesem Dreiklang sogar die Chance, aus allen Genre-Stereotypen auszubrechen. Und gerade Hip-Hop hätte eine Neuorientierung bitter nötig. Der US-Amerikanierin Kristine Flaherty gelingt unter ihrem Bühnennamen K.Flay ein nie langweiliges Debüt. Life As A Dog ist eine Platte voller Verve und Aufmüpfigkeit, tatsächlich um die Ecke denkend. Endlich einmal ist es keine Bitch und keine Sexbombe, die hier im Sprechgesang den Machismo einer Gesellschaft spiegelt und zugleich bedient. Und es scheint leider kein Zufall zu sein, dass K.Flay wohl auch deshalb so sein kann, wie sie sein will, weil sie eben nicht der afro-amerikanischen Bevölkerungsgruppe angehört. Der Pressetext zur Platte verweist weiters nicht zu Unrecht auf die Neunziger-Indie-Ikone Liz Phair. Denn auch K.Flay kommt eher aus der widerspenstigen, unangepassten Ecke. Dazu gesellt sich noch der Wunsch nach Selbstbestimmtheit und der Post-Feminismus einer Lena Dunham. So klingt Musik, der man nicht auf die Brüste schaut.

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Mit Intellekt und Schlichtheit zu neuen Horizonten – MyKungFu

Singer-Songwriter-Nachdenk-Pop aus der Schweiz, vorzüglich melodisch gesponnen, in den Texten das Gefühlschaos des Alltags thematisierend. Das alles riecht gewaltig nach einer Platte für Feingeister. Der Schweizer Domi Schreiber hat mich mit seinem Projekt MyKungFu bereits 2013 überzeugt. Das Album Repeat Spacer hat mit Kopflastigkeit, Wagemut und zartbitterem Pop zu punkten gewusst. Und ähnliches lässt sich auf über Hiergeist Pt.1 sagen. Wer zu Komplikationen neigt, sie zumindest aber zu schätzen weiß, wird an den Lyrics gefallen finden, wer unaufdringlichen Harmonien huldigt, wird von der hintergründigen Musik angezogen sein. Hiergeist Pt.1 offenbart sich als Kleinod-Pop, der die richtige Balance aus Intellekt und Schlichtheit findet.

MyKungFu

Eines der Highlights des Albums ist fraglos der Song Gospel. Einer sonnigen Melodie, die mich aus irgendeinem Grund an George Harrison erinnert, stehen die Zeilen „You have the time of your life/ And no one’s there to see/ Your world standing still/ Right here, right now“ zur Seite. Was nach warmer Euphorie schreit, nach einem Idyll in der Abgeschiedenheit tönt, wird fast trocken dargeboten. So sehr der Song den Pop bejaht, so sehr verweigert er sich Herkömmlichkeiten. Mit Intellekt und Schlichtheit zu neuen Horizonten – MyKungFu weiterlesen

Florence goes Eighties, nur besser! – The Mynabirds

Florence Welch goes Eighties. Diese Assoziation kam mir gleich bei den ersten Takten der Platte Lovers Know. Und meist prägt ja der erste Gedanke die Art und Weise, wie man ein Album in seiner Gesamtheit wahrnimmt. Dieser Eindruck hat mich dann auch das gesamte Werk nicht mehr wirklich losgelassen. Meiner bescheidenen Meinung nach könnte Laura Burhenn und ihrem Projekt The Mynabirds mit Lovers Know der verdiente kommerzielle Durchbruch vergönnt sein. Denn das Achtziger-Revival ist noch lange nicht vorbei, fiebriger Pop samt omnipräsentem weiblichem Gesang scheint ebenfalls weiterhin angesagt. Solch Mischung aus Nostalgie, Kommerz und Indie-Attitüde erfüllt somit alle Kriterien, um Musikhörer zu enthusiasmieren.

Wie bereits erwähnt ist es der Opener All My Heart, der den Tonfall setzt: „But when I love I love with all heart/ I’d walk through hell for just one kiss/ I’d give everything I have for a minute more of this„. In diesem Liebeshunger, der ohne Rücksicht auf Verluste bejaht wird, steckt viel weibliche Leidensfähigkeit, zugleich lässt der markige Vortrag keinerlei Unterwürfigkeit aufkommen. So – und nicht anders – tönt Female-Fronted-Pop voll Strahlkraft! Burhenn verkörpert das ikoneske Element der Achtziger, teilt sich mit Florence Welch den sinnlichen, heißblütigen Ausdruck. Und ab und an schimmert sogar die eine oder andere schwedische Pop-Prinzessin durch. Florence goes Eighties, nur besser! – The Mynabirds weiterlesen

Schatzkästchen 29: Lana Del Rey – High By The Beach

Das, was eine so angestrengte Lady Gaga nie wirklich war, schafft Lana Del Rey spielend. Wie einst Madonna in ihren besten Zeiten vermag Del Rey großen Pop mit Botschaften zu spicken. Den neuesten Track High By The Beach,  Vorbote ihres bereits dritten Albums Honeymoon, umweht die Aura von Luxusweibchenproblemen. High By The Beach gerät zu einem Musterbeispiel für Dekadenz und Langeweile, wird vom Wunsch nach einer Ekstase bestimmt, deren Hochglanz geradezu nihilistische Züge annimmt. Dieser Song macht aus den Abgründen hinter der schönen Fassade kein Geheimnis. Wie Lana Del Rey hier fast blasiert ihr Mantra „All I wanna do is get high by the beach“ anstimmt, lässt auf eine neue Facette ihres Wirkens schließen. War sie bei Ultraviolence noch die ewige Vorstadtprinzessin, so ist bei Honeymoon anscheinend in den Jetset vorgedrungen, demaskiert – ja dekonstruiert – somit ein weiteres Stück Amerika. Eines nämlich, welches bei allem Überfluss an den gleichen dysfunktionalen Beziehungen und Trieben leidet wie Normalsterbliche auch. Solch ein Lied unterstreicht einmal mehr, dass man Del Rey eben nicht in einen Topf mit Pop-Gören wie Taylor Swift oder Katy Perry werfen kann. Schatzkästchen 29: Lana Del Rey – High By The Beach weiterlesen

Schatzkästchen 27: Cloves – Don’t You Wait

Mädchen beziehungsweise junge Frauen, meist noch keine 20 Lenze alt, aber bereits mit mächtigen, prächtigen Stimmen gesegnet, haben in den letzten Jahren die Musikszene aufgemischt. Diese neue Garde eint das Urvertrauen, dass allein der Vorname oder ein kurzer, knackiger Künstlername ausreicht, um Hörern und Hörerinnen nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Ob Adele, Lorde oder Birdy, sie alle haben den Dreh raus. In eben jene Kategorie dürfte auch schon bald die 19-jährige Australierin Cloves fallen. Und es spricht auch wirklich nichts dagegen, sich an mainstreamtauglichen Balladen zu versuchen. Vor allem wenn man dazu ein wenig Patina und die richtige Dosis Ergriffenheit verwendet. Don’t You Wait ist ein Song, den eine Dusty Springfield in den Sechzigern sicher liebend gerne intoniert hätte. Hand aufs Herz, ein größeres Kompliment als diesen Vergleich könnte man Kaity Dunstan, wie die junge Frau eigentlich heißt, kaum machen. Schatzkästchen 27: Cloves – Don’t You Wait weiterlesen