Die ebenbürtige Zwillingsschwester – Marissa Nadler

Kummer, insbesondere Liebeskummer, führt sehr häufig dazu, dass wir uns vom Leben zurückziehen, in einer Art Blase gefangen sind, durch die die Umgebung außerhalb meist nur fahl und trüb wahrnehmbar scheint. Makellos wirken dagegen die wie mit Photoshop geschönten Erinnerungen, die in der Blase blubbern, bis sie platzen! Und der Schmerz spaltet sich in viele scharfe Rasierklingen, die die Seele filetieren. Das Unangenehmste am Verweilen in der Blase ist jedoch, dass man trotz Abgeschiedenheit nicht unbeobachtet bleibt, das Umfeld die selbstgewählte Gefangenschaft in der Blase durchaus mitleidig registriert. Auch kreative Menschen sind vor diesem Schicksal nicht gefeit – und doch haben viele von ihnen in dieser Situation einen entscheidenden Vorteil. Denn auch der kreative Prozess findet gern in strenger Zurückgezogenheit statt. Möglicherweise hat das neue Album der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler wirklich in einer Blase des Kummers seinen Ursprung genommen und alles Leiden schließlich in allerschönste Musik verwandelt. Strangers ist von eremitischer Katharsis geprägt, von melancholischer Traurigkeit und bitterer Erkenntnis. Nadler orientiert sich dabei unüberhörbar an einer gewissen Lana Del Rey. Letzterer ist nämlich zu verdanken, dass lange als chic geltende mauerblümchenhafte Erkenntnisklänge in den vergangenen Jahren vermehrt von divareskem Schwelgen abgelöst wurden.

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Schlaglicht 53: Marissa Nadler

Meine Wertschätzung gegenüber der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler hat schon über 10 Jahre auf dem Buckel und wurde in der Vergangenheit immer wieder auf diesem Blog deutlich. Bereits mit ihrem feinen Debüt Ballads of Living and Dying (2004) hat sie sich als Vertreterin des New Weird America zu erkennen gegeben. Nicht zufällig, denn Nadler ist im an eigentümlicher Folklore reichen New England aufgewachsen, das vom nördlichen Teil des Appalachen-Gebirges durchzogen wird. Schon zu Beginn ihres Wirkens tönte ihr Folk völlig aus der Zeit gefallen, geradezu archaisch und geheimnisumrankt. Mit dem zweiten Album The Saga of Mayflower May aus dem Jahr 2005 wurde der eigene Stil dann weiter verfestigt. Ihre Lieder wirkten wie obskure Schwarz-Weiß-Bilder aus dem 19. Jahrhundert, deren abgebildeten Personen längst vergessen und begraben und sämtliche Häuser, Orte und Landschaften nicht mehr wiederzuerkennen sind. Eine Verwunschenheit durchzog ihre von akustischer Gitarre und weltfremdem, entrücktem Gesang dominierten Platten. Genau diese Aura und diesen Sound hat sie über die Jahre weiter kultiviert, in Nuancen erweitert. Spätestens mit Little Hells von 2009 wurden auch Schlagzeug und Synthies fester Bestandteil der Instrumentierung. Stilistisch öffnete sie sich zugleich immer stärker hin zu Dream-Folk mit ab und an countryhaften Anklängen. Ihre wirklich großartige EP The Sister hatte ich 2012 so charakterisiert: „Emotionale Pein verliert an Bedrückung, wenn sie in den Mantel der Unwirklichkeit gehüllt wird. Wenn Seelenqualen mit Spinnweben behangen durch den Äther schallen, vorgetragen mit dem Zauber einer Circe, dann lässt sich allerlei Abgründiges bestens ertragen. Der Dream-Folk der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler scheint einem Albtraum entsprungen und dennoch fühlt der Hörer keinen Kloß im Halse. Nadlers Lieder sind ein faszinierender Spuk, geistern durch pittoreske wie spartanische Kulissen.“

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Vom Kaffeeklatsch ans Eingemachte – Kitty Solaris

Singer-Songwriter-Pop gibt es wie Sand am Meer. Vergangenen Freitag ist ein weiteres Sandkörnchen hinzugekommen. Doch ist das Album Silent Disco der Berlinerin Kitty Solaris durchaus dazu angetan, aus der großen Masse hervorzustechen. Wo Pop oftmals den Tick zu glatt produziert und viel zu klischeehaft in seinen Gefühlen ist, wo Singer-Songwriter vielfach ein Seelenleben preisgeben, welches in seiner Verschrobenheit wenig einnehmend ausfällt, nimmt sich Kitty Solaris dagegen unglaublich sympathisch, normal und zugleich pfiffig aus. Das Album besitzt die Sorte von Inspiration, die man auch aus einem anregenden Gespräch mit der besten Freundin, dem besten Freund ziehen kann. Silent Disco weist einerseits beschwingte Electro-Pop-Einflüsse auf, wohl Überbleibsel der stimmigen Vorgängerplatte We Stop The Dance, andererseits imponieren nachdenklich-erwachsene, gitarreseke Momente. Nie über- und ebensowenig unterfordernd, stets abwechslungsreich, mit einem unverkrampfen Charme behaftet, derart vermag dieses Werk zu erfreuen.

Viel von dem Reiz des Albums zeigt sich schon beim Dance-Pop-Opener Soul Brother, der wohldosierte Leidenschaft kultiviert, sich zum One-Night-Stand bekennt. Die Zeilen „Life is short, it won’t last forever/ Kiss me now, how couldn’t it be alright/ This fever will pass in the morning light/ We won’t come together in this life/ This chance will be gone in the morning light“ sind in ihrer Nüchternheit bemerkenswert, verschanzen sie sich doch hinter ein wenig Disco-Glitter, der aus Prinzip zu keiner Sünde fähig scheint. Der Track kriegt in seiner Ekstase für eine Nacht die Kurve, verhindert mit eben dieser Attitüde den ohnehin nervigen Facebook-Beziehungsstatus „Es ist kompliziert“.  Weiterlesen

Free Download: Amy Stroup – You Make The Cold Disappear

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Es gibt ja Musiker und Musikerinnen, die einmal auf den Geschmack gekommen, praktisch jedes Jahr einen weihnachtlichen Song aus dem Hut zaubern. Zu diesen zählt mittlerweile auch die US-Singer-Songwriterin Amy Stroup. Der Name mag vielleicht nicht jedem ein Begriff sein, die Wahrscheinlichkeit ein Lied von Stroup vernommen zu haben, ist dennoch verdammt hoch. Ihre Songs werden stets gerne genommen, um amerikanische TV-Serien aufzupeppen. So war sie in der Vergangenheit beispielsweise unter anderem auch in mehrene Staffeln von Grey’s Anatomy zu hören. Vergangenes Jahr hat uns Stroup mit der kostenlosen Weihnachs-EP You Make The Cold Disappear erfreut. Und auch heuer verschenkt sie diese EP an Fans weihnachtlicher Klänge. Mit dem Unterschied allerdings, dass diese im Vergleich zum Vorjahr auf sechs Lieder erweitert wurde. Neben dem herzerwärmenden Pop des Titellieds gab es bereits 2014 eine Interpretation des hawaiianischen Weihnachtsliedes Mele Kalikimaka, das dank Streichern und Piano pittoreske Christmas Is Closer sowie Love’s A Light, das schon vor einem Jahr förmlich danach schrie, ebenfalls in einem Soundtrack aufzutauchen. Nun sind zwei weitere Stücke dazugekommen.  Weiterlesen

Wo zum Teufel steckt Ian Glover? – Dave Gahan & Soulsavers

Vielleicht vermute ich einen Krimi, wo gar keiner ist. Aber vorsorglich sollte man den Gärtner ersuchen, die Stadt nicht zu verlassen. Rekapitulieren wir zunächst die Fakten! Das englische Produzentenduo Soulsavers macht seit über 10 Jahren fabelhafte Alben, für It’s Not How Far You Fall, It’s The Way You Land (2007) und Broken (2009) konnte man mit  Mark Lanegan einen echten Charismatiker für die Zusammenarbeit gewinnen, bei The Light The Dead See von 2012 trat mit Dave Gahan sogar die Ikone von Depeche Mode ans Mikro. Wo auf vergangenen Platten Gäste die Soulsavers gesanglich verstärkten und auch Lyrics beisteuerten, scheint beim neuesten Streich Angels & Ghosts vieles anders. Das fängt bereits damit an, dass es kein reines Soulsavers-Album mehr ist, stattdessen firmiert es als Dave Gahan & Soulsavers. Die Ergebenheit geht sogar noch weiter. Die Soulsavers sind eigentlich beim Label V2 beheimatet, welches mittlerweile zu [PIAS] Cooperative gehört. Für Angels & Ghosts sind die Soulsavers jedoch zu Columbia gewechselt,  was natürlich auch mit Dave Gahan zu tun hat. Insgesamt verstärkt sich der Eindruck, dass Gahan den Zampano gibt, dem das Projekt Soulsavers nun auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Zugegeben, einem Gahan hörig zu sein, ist wohl nicht die schlechteste Idee. Aber wer steckt eigentlich hinter dem Projekt Soulsavers? Bislang galt die auch in Wikipedia gemeißelte Wahrheit, dass sich dahinter das Duo Rich Machin and Ian Glover verbirgt. Wenn man sich jedoch die Pressetexte so durchliest, wird mit jedem Album weniger von Ian Glover gesprochen. Bei Angels & Ghosts findet sich weder in den Credits des Albums noch auf dem Waschzettel eine Silbe über Ian Glover. Es ist immerzu von Rich Machin beziehungsweise den Soulsavers die Rede. Auch auf den offiziellen Promofotos sieht man nur Gahan und Machin. Und beide schauen eher ungemütlich drein. Haben sie gar etwas zu verheimlichen? Hat schon jemand Herrn Machins Garten umgegraben? Wo zum Teufel ist Ian Glover?

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Photo Credit: SonyMusic

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Schlaglicht 31: Fay Wildhagen

Pop mit folkigen Ursprüngen und temperamentvoller Theatralik bietet die Norwegerin Fay Wildhagen samt Begleitband an. Das Debütalbum Snow vermag ohne Mühe von filigranen Momenten hin zur großen Show zu wechseln. Wildhagen ist in den intensivsten Momenten eine exaltierte Version ihrer Landsfrau Ane Brun, vermag allerdings zugleich mit zartem Singer-Songwriter-Pop zu punkten. Sie gleicht mal einer verlorenen Elfe, mal einem derwischhaften Kobold. Selbst wenn die Musik anschwillt, orchestral ausartet, von den Harmonien her an eine Florence Welch erinnert, scheint die Stimme der jungen Norwegerin unbekümmert, klar und euphorisch frisch im Timbre. Die Lyrics bieten das, was von einer jungen Frau Anfang Zwanzig erwarten darf. Es geht um Selbstfindung, um Verletzungen, um das Begreifen von Liebe, all das unter Einbeziehung von Bildern aus der Natur. Das Meer, die Berge, der Wind werden von Wildhagen immer wieder beschworen. Beim mächtigen Fire On The Mountain inszenieren die Zeilen „There’s a fire in the twilight/ Dancing through the dark night/ Whispers in the wind/ Can you hear them calling?“ eine Verlassenheit, die zu Einsicht und Läuterung führt.  Weiterlesen

Ein Ringen um Orientierung – Kalle Mattson

Das Format EP wird ja oft ein wenig despektierlich behandelt. Im besten Fall beinhaltet es eine Handvoll Tracks, die entweder die Wartezeit zum nächsten Album überbrücken sollen oder aber thematisch nicht recht zur anstehenden Platte passen und deshalb als EP das Licht der Welt erblicken. Am lautersten wirkt das Format, wenn aufstrebende Musiker EPs als Lernprozess auf dem Weg hin zum Debütalbum verstehen. 2015 hat schon die eine oder andere wunderbare EP gesehen, das Konzept in meinen Augen sogar rehabilitiert. Dazu zählt fraglos auch das sechs Tracks umfassende Werk Avalanche des kanadischen Singer-Songwriters Kalle Mattson. Vor anderthalb Jahren hat er mit Someday, The Moon Will Be Gold eine großartige Platte vorgelegt, die ich mit viel Lob bedacht habe. Er weiß also, wie ein Album geht, und hat sich dennoch für die komprimierte Form entschieden.

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Willkommen im großen Kino – Lana Del Rey

Lana Del Rey stellt nicht nur die Kunstfigur unserer Tage dar, sie taugt auch als veritable Reizfigur. Ihr fraglos elegantes Image speist sich zu einem gewissen Teil aus reaktionären Klischees. Del Rey vermittelt ein vermeintlich ewiggestriges Frauenbild, dem es ab und an an Selbstachtung mangelt. Männern zu gefallen, dies scheint allerhöchste Erfüllung zu bringen, doch bewirkt diese Attitüde auch ungesunde Abhängigkeiten, Liebeskummer inklusive. Dass sie die nach außen hin blasierte Diva gibt, deren Innerstes zugleich lodert, mag Feministinnen die Tränen in die Augen treiben. Haben all die verruchten, dominanten Stars der vergangenen Dekaden umsonst die selbstbestimmte Powerfrau gegeben? Hat Madonna die Erotik als Mittel zur Unterwerfung vergeblich forciert, zeigt Rihanna als Speerspitze der Free-the-Nipple-Bewegung erfolglos Körperbewusstsein? Seit Jahr und Tag kämpft eine Lady Gaga mit größtmöglicher Exzentrik dafür, dass Durchgeknalltheit im Namen der Kunst nicht länger als Männerdomäne angesehen wird. Sollen alle diese Anstrengungen nun von Del Reys retroeskem Glamour überschattet werden? Ist es ein Rückfall in unemanzipierte Zeiten? Wenn man dem neuen Album Honeymoon wahrhaft gerecht werden möchte, muss man es als Hollywood-Oper begreifen. Eine Oper, die letztlich gar nicht so unmodern tönt, wie es zunächst vielleicht den Anschein hat.

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Photo Credit: Neil Krug

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Die Intimität in der Emotion – Ane Brun

Die in Schweden lebende Norwegerin Ane Brun – in nördlichen Gefilden längst ein Star – macht uns mit ihrem neuen Album When I’m Free in absoluter Perfektion vor, was praktisch niemand sonst gebacken bekommt. Brun kreiert Singer-Songwriter-Pop, der der Emotion die Intimität zurückgibt. All die Marketenderinnen des Pop schreien sich die Seele aus dem Leib und meinen allen Ernstes, dies sei Emotion. Sie singen – besser: krakeelen! – über die Liebe und haben in Wahrheit den Kern der Liebe nicht im mindesten begriffen. Viele Pop-Diven ergehen sich in heißen, innigen Schwüren, glorizifieren die Verliebtheit, garnieren sie mit ein wenig Sex. Alles bloß platte Emotion! Ane Brun hingegen vermag ihren Lieder eine Seele einzuhauchen. Sie stecken voll Intimität, voll Reife. Bieten mehr als backfischiges Schwärmen oder einen Ozean voll Tränen an. In Bruns Sentimenten lauert Unausgesprochenes und Zweifel. Intimität ist bekanntlich nichts, was sich mit ein paar netten Worten aufbauen lässt. Intimität lebt von Gestik, Mimik und Tonfall, sie funktioniert über Nuancen, über Deutungen. Wer das Wesen dieser Nähe begriffen hat, wird auch Bruns Texte schätzen.

Machen wir uns nichts vor! Über die Liebe ist alles gesagt. Da sie jedoch jeder Mensch stets neu und anders erfährt, wird dieses Thema jede Kunst auch noch in tausenden Jahren dominieren. Denn Liebe wird mit jedem Menschen ein Stück weit neu geboren, neu erlebt. Bruns in Songs verpackte Emotion ist deshalb einzigartig, weil Bruns Persönlichkeit auf singuläre Art und Weise Kreativität, Eleganz und Fühlen paart.  Weiterlesen

Schatzkästchen 31: Jonas Carping – Damn Old World

Charakterköpfe braucht die Welt. Visagen, die eben keine Unverbindlichkeit oder gar Austauschbarkeit ausstrahlen. Das gilt natürlich auch für den Bereich Musik. Der Schwede Jonas Carping ist so jemand mit spezieller Ausstrahlung. Ein Bär von einem Mann, ja geradezu wikingerhaft. Dem steht ein feingliedriger, heller Gesang entgegen, der trotz fülligem Ausdruck stets eine Zerbrechlichkeit und Nachdenklichkeit beinhaltet. Ich habe bereits 2013 über sein Projekt The Glade geschrieben. Nun gilt es, auf sein für diesen Herbst angekündigtes Soloalbum Cocktails & Gasoline hinzuweisen. Die dieser Tage erscheinende Single Damn Old World imponiert mir gewaltig. Carping gibt hier den zärtlichen Chronisten eines Lebens im Überschwang. Eines großen Hoffens sogar („When you hold on to hope, you cross your fingers and you crush your thumbs/ There ain’t nothing in this whole world that can’t be done„), welches jedoch letztlich im Absturz, im Ende aller Träume mündet („Oh, and I watched you fall, you go all the way down, deep, deep underground/ I could never bring the sky to you, some days I wish that I could„). In diesem Lied lauert eine unausweichliche Tragik, die den Hörer fesselt. Musikalisch schwankt es zwischen der balladesken Emotion des Pop und Folk-Rock-Anleihen.

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