Schlagwort-Archive: post-punk

Denn sie ließen Hollywood Hollywood sein! – DTCV

Als klassischen French-Pop mit 60s-Garage und Post-Punk preist der Pressetext das Album Confusion Moderne des französisch-amerikanischen Duos DTCV an. Keine Sorge, DTCV ist keine Gehirnzellen strapazierende Abkürzung, sondern soll vielmehr Detective ausgesprochen werden. Über DTCV hatten wir schon vor 2 Jahren im Zuge unseres jährlichen Weihnachtsspecials geschrieben. Und wenn ich mir Confusion Moderne so anhöre, ist es wirklich höchste Zeit, die Band auch abseits weihnachtlicher Klänge auf dem Blog zu würdigen. Denn jenen so verlockend-charmanten Stilmix, den der Pressetext verspricht, hält die Platte tatsächlich ein!

dtcv_presspic1_lores

Denn sie ließen Hollywood Hollywood sein! – DTCV weiterlesen

Schatzkästchen 62: Colornoise – She Was Machine

Das Prinzip Girls & Guitars funktioniert noch immer. Und wird es wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit tun. Wohl auch wegen des damit verbundenen archaischen Temperaments. Wenn man von dieser Prämisse ausgeht, muss man über die Qualitäten des Songs She Was Machine nicht länger brüten. Der Track stammt von Colornoise, einem weiblichen Trio aus Costa Rica. Mir geht immer das Herz auf, wenn ich auf Musik aus nicht gerade alltäglichen Herkunftsländern stoße. Costa Rica hat es meiner Erinnerung nach bislang noch nicht auf die musikalische Landkarte dieses Blogs geschafft. Colornoise ändern dies mit einem sehr raubeinigen, satt melodischen Post-Punk voll Neunziger-Alternative-Flair. Schatzkästchen 62: Colornoise – She Was Machine weiterlesen

Eskapismus der starken Gesten – Mechanimal

Gothic-Post-Punk-Dream-Pop – so würde ich das Album, über das ich heute lobende Worte verlieren möchte, charakterisieren. Die aus Athen stammende Formation Mechanimal beschert uns mit der Platte Delta Pi Delta einen Eskapismus der starken Gesten. Sie führt durch eine dramatische aufgeladene Traumwelt, die zwischen Industrial-Schönheit und neonlichterner Verwunschenheit zu verorten ist. Ein Hang zu Bombast staffiert die Szenerie aus, divaresker, in Lack und Leder gehüllter Gesang, der mitunter sogar ins Sprechen übergeht, sorgt für eine reizvolle und zugleich herbe Aura. Delta Pi Delta hat von dancefloorhafter Theatralik über shoegazigem Wave bis hin zu schauermärchenhaftem Pop so einiges zu bieten. Sehen wir uns die Chose doch kurz näher an!

Mechanimal_IMG_7269

Viele der schon angerissenen Stimmungen vermag der opulente Opener Sunlight auf sich zu vereinen. Die Sängerin Eleni Tzavara beschwört dabei ein nächtliches Treiben, beim dem man sich irgendwie nicht sicher ist, ob die Gänsehaut nun aus Grusel oder Erregung entsteht. Ein gleich Schwaden durch die Kulissen ziehendes Keyboard, ein stoischer, maschinenhafter Beat und im späteren Verlauf eine verzerrte Gitarre runden das Gothic-Ambiente ab. Sternengefunkel leitet den an Achtziger-Pop erinnernden Track Repetition ein. Gitarrenriffs echoen dabei Tzavaras Vortrag, der zwischen schwülstiger Sehnsucht und beherrschter Dramaqueen schwankt. Wer von der Atmosphäre bis hierher angefixt wurde, wird den Rest der Platte zweifelsohne lieben. Giannis Papaioannou, dem für die Synthies zuständigen Mastermind der Band, glücken Stimmungen, die trotz Düsterkeit überraschend anziehend ausfallen. Eskapismus der starken Gesten – Mechanimal weiterlesen

German Wunderkinder – Lea Porcelain

Man sollte mit dem Begriff Wunderkind nicht verschwenderisch umgehen. Andererseits ist diese Bezeichnung auch deshalb verlockend, weil es eines der sehr wenigen deutschen Wörter ist, die es in die englische Sprache geschafft haben. Die Verwendung reizt vor allem darum, weil es ja nicht täglich vorkommt, dass man einer deutschen Formation in der englisch geprägten Musikwelt Aufmerksamkeit, ja sogar Applaus, voraussagen darf. Die Wunderkinder, von denen die Rede ist, sind Julien Bracht und Markus Nikolaus, zusammen als Lea Porcelain wirkend. Ihr schlicht Lea Porcelain EP benanntes Debüt offeriert einen der Songs des Jahres 2015. Der Track Bones fällt als begeisternde Mischung aus The Cure und Joy Division derart stimmig aus, dass man ihm absolut keine Epigonenhaftigkeit unterstellen möchte. Was quälen sich doch Bands fern und nah, landauf, landab, um die Achtziger auferstehen zu lasssen. Und dann wird der Stein der Weisen in Frankfurt am Main hervorgezaubert! Bereits vor knapp zwei Monaten schrieb ich: „Denn die Ian-Curtis-Gedächtniskapellen rund um den Erdkreis sehen angesichts dieser Nummer ganz schön angestaubt aus – und die vielen Nachahmer eines Robert-Smith-Sounds ebenfalls.“. Nach einigen Hördurchläufen sehe ich in Bones mit jeder Minute sogar immer mehr Potential. Dass der Song kein zufälliges Meisterstück ist, belegen die übrigen Stücke der EP. Etwa A Year From Here, welches sich larmoyant bis schwermütig in sich selbst verliert! Dieser tief in den Eigentümlichkeiten von Post-Punk und New Wave angesiedelte Sound ist eine echte Offenbarung. Auch das düstere Loose Life, bei dem flächige Synthies mit Industrial-Flair kombiniert werden, überzeugt.

German Wunderkinder – Lea Porcelain weiterlesen

Eine Frage der Treue – Editors

Man kennt das ja aus Beziehungen. Der anfänglich tolle Prinz entpuppt sich schon bald als Frosch. Oder der heiße Feger wird rasch zur nörgeligen Alten, die man am liebsten auf den Mond schießen möchte. Dann wieder gibt es Verbindungen, die über die Zeit allmählich gewinnen. Wenn klammheimlich aus Freundschaft echte, wahre Liebe wird. Was für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, kann auch auf das Verhältnis des Musikfans zu Bands und Musikern angewendet werden. Ich habe die Editors nie schlecht gefunden, aber mit der Zeit haben sich die Mannen um Tom Smith zu echten Lieblingen gemausert. Ich würde sogar so weit gehen, dass das neue Album In Dream eine der Platten des Jahres 2015 ist, die ich noch viele Jahre gerne und oft hören werde. Solch einen wohlüberlegten Treueschwur gibt man in schnelllebigen Zeiten wie diesen eher selten, zumindest ich nicht.

Bei den Editors ging es seit ihrem fraglos gelobten Debüt The Back Room (2005) in der Kritikergunst deutlich nach unten. Und auch Fans der ersten Stunde verloren spätestens bei The Weight of Your Love (2013) die Geduld. Als jemand, der die Band besser denn je findet, kommt man sich geradezu bescheuert vor. Denn wo alle längst neuere, coolere Act mit Rosen bedenken, steht man mit diesen abgehalfterten Helden von früher fast alleine da. Der Rest stürzt sich auf jüngere Semester. Eine Frage der Treue – Editors weiterlesen

Beklemmung auch bei Sonnenschein – Vlimmer

Vielleicht gibt es ja für jede Musik einen ganz bestimmten Ort, an dem sie gehört werden sollte. Ein folkig-erhabenes Plädoyer für ein Zurück-zur-Natur könnte sich etwa als Kulisse einen plätschernden Gletscherbach verdienen, ein Industrial-Abgesang dagegen wäre auf einer Brache in einem aufgegebenen Industriekomplex gut angesiedelt. Wo also dürfte man Vlimmer, ein Projekt des im Berliner Speckgürtel beheimateten Musikers Alexander Leonard Donat, verorten? Da sich die EPs I und II als Mischung aus Krautrock, Wave und Shoegaze entpuppen, würde mir spontan der Berliner Untergrund in den Sinn kommen. Steigen wir also hinab in die Kanalisation und Schächte, in all die Katakomben und Kloaken dieser Stadt. Denn die dunkle, hoffnungsarme, einsame Enge der EP wird dieser Szenerie durchaus gerecht.

Beklemmung auch bei Sonnenschein – Vlimmer weiterlesen

Schatzkästchen 36: HAWK – Once Told

Ich schätze Musik mit starkem gesellschaftlichem Fokus. Genau diesen möchte die in London ansässige Formation HAWK bieten, wenn man den Ausführungen Glauben schenken mag, die die Band gegenüber The Line of Best Fit getätigt hat. Dort wird zum Song Once Told folgendes bemerkt: „‚Once Told‘ was written about the Irish law around abortion. Abortion is still illegal in Ireland, and wider issues around pregnancy, sexuality, contraception, and sexual education are still seen as taboo, and shrouded in religious undercurrent. At the root of it, the song is about archaic mindsets and processes which systemically let down women, especially those in more vulnerable circumstances. All of it seems to stem from a lack separation between church and state and in most modern societies this isn’t accepted. We hoped to draw some attention and create some debate around the issue.“. Ich schaffe es zwar akustisch nicht, die Lyrics zu verstehen, aber ich nehme der Formation rund um Frontfrau Julie Hawk gerne den Debattenbeitrag zum Thema Abtreibung ab. Und selbstredend bewundere ich die Courage, nicht einfach über Luft und Liebe zu singen, sondern ein heißes Eisen anzufassen. Wobei Abtreibung vielleicht noch in Irland ein heißes Eisen ist, generell in Westeuropa längst gesellschaftlich akzeptiert ist. Doch ist das eine Errungenschaft ohne jegliches Wenn und Aber? Der Schwangerschaftsabbruch wird heute gern als Indiz dafür gewertet, dass Frauen über ihren Körper selbst bestimmen dürfen. Aber greift diese Selbstbestimmung nicht schon bei Verhütungsmitteln? Und hört die Selbstbestimmung nicht auch in dem Moment auf, wo die Verantwortung für ein heranwachsendes Leben beginnt? Ich will keinesfalls reaktionär sein, denn natürlich gibt es triftige Umstände, die Abtreibungen notwendig machen. Wenn die Kirche auch dem Embryo ein Recht auf Leben zubilligt, hat das aber nichts mehr mit der hartherzigen Rückständigkeit zu tun, die früher Gesellschaften durchzog und Frauen für ungewünschte Schwangerschaften bestraften wollte. Wenn man das Thema Abtreibung als gesellschaftliche Emanzipation von religiösen Zwängen versteht, ist man meiner Meinung nach auf dem Holzweg.

Schatzkästchen 36: HAWK – Once Told weiterlesen

Odyssee auf Nimmerwiedersehen – Leonard Las Vegas

Post-Punk meets Indie-Pop meets Kafka meets Sci-Fi-Tristesse meets The Catcher in the Rye. So möchte ich ein ehrgeiziges wie interessantes Projekt zusammenfassen, über das ich heute einige Worte verlieren will. Die Platte Jagmoor Cynewulf hat nämlich einen Zwilling in Buchform. Alexander L. Donat, seines Zeichens Kopf des Duos Leonard Las Vegas, hat sich somit nicht einfach auf das Ertüfteln eines Konzeptalbums beschränkt, sondern seinem Protagonisten auch gleich noch eine hochgradig verstörende Erzählung spendiert. Es ist der mutige Versuch, eine Figur mit vielfältigen künstlerischen Mitteln Gestalt werden zu lassen. Wobei diese Figur äußerlich schemenhaft bleibt, wir werden vielmehr mit einem Innersten ohne Haut konfrontiert. Jagmoor Cynewulf fokussiert sich voll und ganz auf aufgewühlte Gefühlswelten, auf eine desillusionierte Wahrnehmung der Realität, auf einem albtraumhaften Schleier über den Gedanken.

Ich will mich in der Betrachtung des Album-Buch-Projekts für heute zunächst auf die Platte beschränken. Diese ist in ihrer Darreichungsform wohl verdaulicher. Mit Where To Go? wird gleich zu Beginn Verweigerung dargeboten. Es sieht absolut keinen Sinn mehr im Wettbewerb, will kein Ziel mehr vor Augen haben. Diese Orientierungslosigkeit gleicht einem Aufatmen. In der Melodik des Refrains findet man Anklänge bei The Smiths, was angesichts der Thematik wenig überraschend scheint. Odyssee auf Nimmerwiedersehen – Leonard Las Vegas weiterlesen

Falsche Bescheidenheit einer stupenden Band – Maff

Wenn man über die Band Maff etwas weniger Schmeichelhaftes sagen will, dann dass die Formation aus der chilenischen Hauptstadt Santiago wohl nicht den formidabelsten Bandnamen ersonnen hat. An der stupenden Musik der gleichnamigen, vor wenigen Wochen veröffentlichten EP lässt sich dagegen kein Makel finden. Als ich über diese EP beim Kollegen Nicorola gestolpert bin, war es sofort um mich geschehen. Maff stehen für eine vielfältige Mischung aus Shoegaze, Post-Punk, Indie-Rock und Post-Rock. Bei praktisch jedem Track wird ein anderer Akzent gesetzt. Das acht Songs und einen Radio Edit umfassende Werk als EP zu bezeichnen, scheint ohnehin falsche Bescheidenheit zu sein.

Doch sehen wir uns die Stücke ganz kurz näher an. Beim grandiosen, majestätischen Walking On Fire etwa dominiert Post-Rock, der wie eine Mixtur aus And So I Watch You From Afar und Explosion In The Sky und einer sehr melodisch gestimmten Alternative-Rock-Kapelle klingt. Someday dagegen mutet nach einer shoegazigen Nummer aus den Neunzigern an, ein Konglomerat aus Low, Yo La Tengo und His Name Is Alive vielleicht. Falsche Bescheidenheit einer stupenden Band – Maff weiterlesen

Schlaglicht 17: Programm

Shoegaze, Dream-Pop, gerne auch mit psychedelischer Note – was habe ich das lange, lange Zeit gern gehört. Irgendwie scheinen diese Genres jedoch in letzter Zeit auf diesem Blog weniger vertreten. Liegt es an veränderten Hörgewohnheiten oder vielmehr daran, dass eben nicht jede Woche eine so feine EP wie Like The Sun der kanadischen Band Programm erscheint? Mir geht wirklich das Herz auf! Speziell der Titeltrack dieser vier Songs umfassenden EP ist ganz großes Genre-Kino: Säuselnder weiblicher Gesang, Synthie-Schwaden, verhallte Gitarren. Die Chose wird mit viel Verve und Wave dargeboten. Der Song Like The Sun eignet sich zum Niederknien. We Barely Escaped wiederum funktioniert über den Kontrast von Gitarre und Drumcomputer, hier wird zunächst verschnickschnackter Post-Punk mit männlich-larmoyantem Vortrag dargeboten, ehe Sängerin Jackie Game für ein betörendes shoegaziges Intermezzo sorgt. Das Prinzip Wow! setzt sich fort, sogar bei einem vermeintlichen Lückenfüller wie dem verschwurbeltem Coldwave von Soft Shadows. Zuletzt wird mit ZeroZeroZero die Auflösung zelebriert. Knister-Drums, Piano und eine metzgernde Gitarre untermalen den kontemplativen bis bedrückenden Vortrag Jacob Somas, ehe nach und nach alles auf Synthie-Wogen gen Unendlichkeit schwebt. Schlaglicht 17: Programm weiterlesen