Schatzkästchen 97: Vlimmer – Körperkonstante (Songpremiere)

IDM in Zeitlupe, undergroundiges Zwielicht trifft auf lichte Synthie-Schauer. So stellt sich mir der Track Körperkonstante vor. Ich kann mir die Assoziation an ein von Kugelfesseln gehandicaptes Strafgefangenenballett nicht verkneifen. Durch die kleinen vergitterten Fenster beleuchtet ein Lichtblick in Form von Meteoritenschauer dieses gehemmte, von Tristesse und Isolation umgebene Tänzchen. Körperkonstante verkörpert trotz seiner wavig-düsteren Grundstimmung einen Moment verträumter Kontemplation. Fast überflüssig zu erwähnen, dass diese Nummer von Vlimmer, einem Projekt des musikalischen Tausendsassas Alexander Leonard Donat, stammt. Vor mittlerweile zwei Jahren hat er sein auf 18 EPs ausgelegtes Projekt Vlimmer gestartet, mit den Doppel-EPs IIIIIIII​/​IIIIIIIII ist selbiges nun bei der Halbzeit angekommen. Sich solch ein Mammutprojekt vorzunehmen, ist die eine Sache, in dessen Verlauf jedoch mit der Aufgabe zu wachsen und nicht in Langeweile abzukippen, das verdient ganz große Anerkennung.  Weiterlesen

Begierde, Abhängigkeit & Waffenstillstand – Hope

Emotionen können so verdammt ambivalent sein. Es mag schwerfallen, widersprüchliche Gefühle an sich selbst zu entdecken. Denn eigentlich schätzt man das Gemüt aufgeräumt und fokussiert, selbst die Ecken und Kanten möchte man klar definiert. Eine Achterbahn der Gefühle mag man in Film und Literatur faszinierend finden, doch will man tatsächlich die eigene Seele auf wilder Fahrt wissen? Das Empfinden des Selbst zu ergründen, gehört zu den größeren Herausforderungen. Wer will schon nach Gründen forschen, weswegen man den Partner oder die Partnerin in einem Moment verteufelt, im nächsten Augenblick dagegen mit endloser Zärtlichkeit begegnet. Die Platte, die heute hier Thema sein soll, traut sich an ambivalente, abgründige Sentimente heran, arbeitet vor allem die enge Verknüpfung von Begierde und Abhängigkeit heraus. Die Berliner Band Hope beschreibt beim gleichnamigen Debüt die rohe, entfesselte Dynamik einer Beziehung jenseits billiger Romantik oder aufgehübschter Erotik. Solch Traute zu existentieller Düsternis muss man erst mal haben, aber wäre der Mut wenig wert, wenn nicht auch die Umsetzung ganz stark ausfallen würde.

Photo Credit: Riccardo Bernardi

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Ein somnambuler Munch – Matias Aguayo & The Desdemonas

Heute habe ich die Ehre eine durch und durch exzellente Platte zu sprechen, die es leider verabsäumt, ein gänzliche neues Genres zu begründen. Denn zumindest nach meinem Kenntnisstand existiert kein Musical, dessen Sound und Inhalt eine Brücke zur Clubkultur unserer Zeit schlägt. Wenn Trance und Dance mit szenischer Darstellung einhergehen würden, hätte das meiner Meinung nach großen Reiz. Eine gegenwartsgemäße Oper oder eben ein subversives Musical, zu denen es sich in Tanztempel wie dem Berghain abhotten ließe, das wäre überaus reizvoll. Doch womöglich liege ich mit dieser Ansatz völlig falsch, vielleicht existiert all dies bereits. Sollte es das nicht tun, kommt das Album Sofarnopolis dem Sound eines solchen Experiments verdammt nah. Matias Aguayo & The Desdemonas haben ein Underground-Grusel-Varieté voll Achtziger-Synthie-Charme in Szene gesetzt, ein famoses Stück Musik erschaffen. Tauchen wir nun gemeinsam in das Werk hinein!

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Wie im Kino: Pathos, Drama, Leidenschaft! – Principe Valiente

Melodischer Indie-Rock gepaart mit New-Wave-Charakter und Shoegaze-Herrlichkeit, was in dieser Kurzbeschreibung nach einem Album klingt, dass man besser gleich als gestern auf den Plattenteller legen möchte, ist tatsächlich sogar viel überwältigender, als man sich dies je auszumalen wagt. Oceans zählt für mich bereits jetzt zu den drei besten Alben des Jahres 2017. Sogar wenn morgen alle musikalischen Heiligen vom Himmel herabsteigen und sogleich ins Aufnahmestudio eilen würden, das famose Oceans könnte schwerlich zu toppen sein. Meine Begeisterung liegt keineswegs im Reiz des Neuen begründet, denn die schwedische Formation Principe Valiente ist diesem Blog schon länger vertraut. Der Track She Never Returned des 2013 veröffentlichten Choirs Of Blessed Youth schallt nach wie vor regelmäßig aus meinen Boxen. Mit Oceans ist mir Principe Valiente nun endgültig ans Herz gewachsen, in die Riege ehrfürchtig genannter Lieblingsbands aufgenommen! Schauen wir uns die Gründe dafür doch näher an.

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Denn sie ließen Hollywood Hollywood sein! – DTCV

Als klassischen French-Pop mit 60s-Garage und Post-Punk preist der Pressetext das Album Confusion Moderne des französisch-amerikanischen Duos DTCV an. Keine Sorge, DTCV ist keine Gehirnzellen strapazierende Abkürzung, sondern soll vielmehr Detective ausgesprochen werden. Über DTCV hatten wir schon vor 2 Jahren im Zuge unseres jährlichen Weihnachtsspecials geschrieben. Und wenn ich mir Confusion Moderne so anhöre, ist es wirklich höchste Zeit, die Band auch abseits weihnachtlicher Klänge auf dem Blog zu würdigen. Denn jenen so verlockend-charmanten Stilmix, den der Pressetext verspricht, hält die Platte tatsächlich ein!

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Schatzkästchen 62: Colornoise – She Was Machine

Das Prinzip Girls & Guitars funktioniert noch immer. Und wird es wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit tun. Wohl auch wegen des damit verbundenen archaischen Temperaments. Wenn man von dieser Prämisse ausgeht, muss man über die Qualitäten des Songs She Was Machine nicht länger brüten. Der Track stammt von Colornoise, einem weiblichen Trio aus Costa Rica. Mir geht immer das Herz auf, wenn ich auf Musik aus nicht gerade alltäglichen Herkunftsländern stoße. Costa Rica hat es meiner Erinnerung nach bislang noch nicht auf die musikalische Landkarte dieses Blogs geschafft. Colornoise ändern dies mit einem sehr raubeinigen, satt melodischen Post-Punk voll Neunziger-Alternative-Flair.  Weiterlesen

Eskapismus der starken Gesten – Mechanimal

Gothic-Post-Punk-Dream-Pop – so würde ich das Album, über das ich heute lobende Worte verlieren möchte, charakterisieren. Die aus Athen stammende Formation Mechanimal beschert uns mit der Platte Delta Pi Delta einen Eskapismus der starken Gesten. Sie führt durch eine dramatische aufgeladene Traumwelt, die zwischen Industrial-Schönheit und neonlichterner Verwunschenheit zu verorten ist. Ein Hang zu Bombast staffiert die Szenerie aus, divaresker, in Lack und Leder gehüllter Gesang, der mitunter sogar ins Sprechen übergeht, sorgt für eine reizvolle und zugleich herbe Aura. Delta Pi Delta hat von dancefloorhafter Theatralik über shoegazigem Wave bis hin zu schauermärchenhaftem Pop so einiges zu bieten. Sehen wir uns die Chose doch kurz näher an!

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Viele der schon angerissenen Stimmungen vermag der opulente Opener Sunlight auf sich zu vereinen. Die Sängerin Eleni Tzavara beschwört dabei ein nächtliches Treiben, beim dem man sich irgendwie nicht sicher ist, ob die Gänsehaut nun aus Grusel oder Erregung entsteht. Ein gleich Schwaden durch die Kulissen ziehendes Keyboard, ein stoischer, maschinenhafter Beat und im späteren Verlauf eine verzerrte Gitarre runden das Gothic-Ambiente ab. Sternengefunkel leitet den an Achtziger-Pop erinnernden Track Repetition ein. Gitarrenriffs echoen dabei Tzavaras Vortrag, der zwischen schwülstiger Sehnsucht und beherrschter Dramaqueen schwankt. Wer von der Atmosphäre bis hierher angefixt wurde, wird den Rest der Platte zweifelsohne lieben. Giannis Papaioannou, dem für die Synthies zuständigen Mastermind der Band, glücken Stimmungen, die trotz Düsterkeit überraschend anziehend ausfallen.  Weiterlesen

German Wunderkinder – Lea Porcelain

Man sollte mit dem Begriff Wunderkind nicht verschwenderisch umgehen. Andererseits ist diese Bezeichnung auch deshalb verlockend, weil es eines der sehr wenigen deutschen Wörter ist, die es in die englische Sprache geschafft haben. Die Verwendung reizt vor allem darum, weil es ja nicht täglich vorkommt, dass man einer deutschen Formation in der englisch geprägten Musikwelt Aufmerksamkeit, ja sogar Applaus, voraussagen darf. Die Wunderkinder, von denen die Rede ist, sind Julien Bracht und Markus Nikolaus, zusammen als Lea Porcelain wirkend. Ihr schlicht Lea Porcelain EP benanntes Debüt offeriert einen der Songs des Jahres 2015. Der Track Bones fällt als begeisternde Mischung aus The Cure und Joy Division derart stimmig aus, dass man ihm absolut keine Epigonenhaftigkeit unterstellen möchte. Was quälen sich doch Bands fern und nah, landauf, landab, um die Achtziger auferstehen zu lasssen. Und dann wird der Stein der Weisen in Frankfurt am Main hervorgezaubert! Bereits vor knapp zwei Monaten schrieb ich: „Denn die Ian-Curtis-Gedächtniskapellen rund um den Erdkreis sehen angesichts dieser Nummer ganz schön angestaubt aus – und die vielen Nachahmer eines Robert-Smith-Sounds ebenfalls.“. Nach einigen Hördurchläufen sehe ich in Bones mit jeder Minute sogar immer mehr Potential. Dass der Song kein zufälliges Meisterstück ist, belegen die übrigen Stücke der EP. Etwa A Year From Here, welches sich larmoyant bis schwermütig in sich selbst verliert! Dieser tief in den Eigentümlichkeiten von Post-Punk und New Wave angesiedelte Sound ist eine echte Offenbarung. Auch das düstere Loose Life, bei dem flächige Synthies mit Industrial-Flair kombiniert werden, überzeugt.

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Eine Frage der Treue – Editors

Man kennt das ja aus Beziehungen. Der anfänglich tolle Prinz entpuppt sich schon bald als Frosch. Oder der heiße Feger wird rasch zur nörgeligen Alten, die man am liebsten auf den Mond schießen möchte. Dann wieder gibt es Verbindungen, die über die Zeit allmählich gewinnen. Wenn klammheimlich aus Freundschaft echte, wahre Liebe wird. Was für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, kann auch auf das Verhältnis des Musikfans zu Bands und Musikern angewendet werden. Ich habe die Editors nie schlecht gefunden, aber mit der Zeit haben sich die Mannen um Tom Smith zu echten Lieblingen gemausert. Ich würde sogar so weit gehen, dass das neue Album In Dream eine der Platten des Jahres 2015 ist, die ich noch viele Jahre gerne und oft hören werde. Solch einen wohlüberlegten Treueschwur gibt man in schnelllebigen Zeiten wie diesen eher selten, zumindest ich nicht.

Bei den Editors ging es seit ihrem fraglos gelobten Debüt The Back Room (2005) in der Kritikergunst deutlich nach unten. Und auch Fans der ersten Stunde verloren spätestens bei The Weight of Your Love (2013) die Geduld. Als jemand, der die Band besser denn je findet, kommt man sich geradezu bescheuert vor. Denn wo alle längst neuere, coolere Act mit Rosen bedenken, steht man mit diesen abgehalfterten Helden von früher fast alleine da. Der Rest stürzt sich auf jüngere Semester.  Weiterlesen

Beklemmung auch bei Sonnenschein – Vlimmer

Vielleicht gibt es ja für jede Musik einen ganz bestimmten Ort, an dem sie gehört werden sollte. Ein folkig-erhabenes Plädoyer für ein Zurück-zur-Natur könnte sich etwa als Kulisse einen plätschernden Gletscherbach verdienen, ein Industrial-Abgesang dagegen wäre auf einer Brache in einem aufgegebenen Industriekomplex gut angesiedelt. Wo also dürfte man Vlimmer, ein Projekt des im Berliner Speckgürtel beheimateten Musikers Alexander Leonard Donat, verorten? Da sich die EPs I und II als Mischung aus Krautrock, Wave und Shoegaze entpuppen, würde mir spontan der Berliner Untergrund in den Sinn kommen. Steigen wir also hinab in die Kanalisation und Schächte, in all die Katakomben und Kloaken dieser Stadt. Denn die dunkle, hoffnungsarme, einsame Enge der EP wird dieser Szenerie durchaus gerecht.

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