Odyssee auf Nimmerwiedersehen – Leonard Las Vegas

Post-Punk meets Indie-Pop meets Kafka meets Sci-Fi-Tristesse meets The Catcher in the Rye. So möchte ich ein ehrgeiziges wie interessantes Projekt zusammenfassen, über das ich heute einige Worte verlieren will. Die Platte Jagmoor Cynewulf hat nämlich einen Zwilling in Buchform. Alexander L. Donat, seines Zeichens Kopf des Duos Leonard Las Vegas, hat sich somit nicht einfach auf das Ertüfteln eines Konzeptalbums beschränkt, sondern seinem Protagonisten auch gleich noch eine hochgradig verstörende Erzählung spendiert. Es ist der mutige Versuch, eine Figur mit vielfältigen künstlerischen Mitteln Gestalt werden zu lassen. Wobei diese Figur äußerlich schemenhaft bleibt, wir werden vielmehr mit einem Innersten ohne Haut konfrontiert. Jagmoor Cynewulf fokussiert sich voll und ganz auf aufgewühlte Gefühlswelten, auf eine desillusionierte Wahrnehmung der Realität, auf einem albtraumhaften Schleier über den Gedanken.

Ich will mich in der Betrachtung des Album-Buch-Projekts für heute zunächst auf die Platte beschränken. Diese ist in ihrer Darreichungsform wohl verdaulicher. Mit Where To Go? wird gleich zu Beginn Verweigerung dargeboten. Es sieht absolut keinen Sinn mehr im Wettbewerb, will kein Ziel mehr vor Augen haben. Diese Orientierungslosigkeit gleicht einem Aufatmen. In der Melodik des Refrains findet man Anklänge bei The Smiths, was angesichts der Thematik wenig überraschend scheint. Read more: Odyssee auf Nimmerwiedersehen – Leonard Las Vegas

Falsche Bescheidenheit einer stupenden Band – Maff

Wenn man über die Band Maff etwas weniger Schmeichelhaftes sagen will, dann dass die Formation aus der chilenischen Hauptstadt Santiago wohl nicht den formidabelsten Bandnamen ersonnen hat. An der stupenden Musik der gleichnamigen, vor wenigen Wochen veröffentlichten EP lässt sich dagegen kein Makel finden. Als ich über diese EP beim Kollegen Nicorola gestolpert bin, war es sofort um mich geschehen. Maff stehen für eine vielfältige Mischung aus Shoegaze, Post-Punk, Indie-Rock und Post-Rock. Bei praktisch jedem Track wird ein anderer Akzent gesetzt. Das acht Songs und einen Radio Edit umfassende Werk als EP zu bezeichnen, scheint ohnehin falsche Bescheidenheit zu sein.

Doch sehen wir uns die Stücke ganz kurz näher an. Beim grandiosen, majestätischen Walking On Fire etwa dominiert Post-Rock, der wie eine Mixtur aus And So I Watch You From Afar und Explosion In The Sky und einer sehr melodisch gestimmten Alternative-Rock-Kapelle klingt. Someday dagegen mutet nach einer shoegazigen Nummer aus den Neunzigern an, ein Konglomerat aus Low, Yo La Tengo und His Name Is Alive vielleicht.Read more: Falsche Bescheidenheit einer stupenden Band – Maff

Schlaglicht 17: Programm

Shoegaze, Dream-Pop, gerne auch mit psychedelischer Note – was habe ich das lange, lange Zeit gern gehört. Irgendwie scheinen diese Genres jedoch in letzter Zeit auf diesem Blog weniger vertreten. Liegt es an veränderten Hörgewohnheiten oder vielmehr daran, dass eben nicht jede Woche eine so feine EP wie Like The Sun der kanadischen Band Programm erscheint? Mir geht wirklich das Herz auf! Speziell der Titeltrack dieser vier Songs umfassenden EP ist ganz großes Genre-Kino: Säuselnder weiblicher Gesang, Synthie-Schwaden, verhallte Gitarren. Die Chose wird mit viel Verve und Wave dargeboten. Der Song Like The Sun eignet sich zum Niederknien. We Barely Escaped wiederum funktioniert über den Kontrast von Gitarre und Drumcomputer, hier wird zunächst verschnickschnackter Post-Punk mit männlich-larmoyantem Vortrag dargeboten, ehe Sängerin Jackie Game für ein betörendes shoegaziges Intermezzo sorgt. Das Prinzip Wow! setzt sich fort, sogar bei einem vermeintlichen Lückenfüller wie dem verschwurbeltem Coldwave von Soft Shadows. Zuletzt wird mit ZeroZeroZero die Auflösung zelebriert. Knister-Drums, Piano und eine metzgernde Gitarre untermalen den kontemplativen bis bedrückenden Vortrag Jacob Somas, ehe nach und nach alles auf Synthie-Wogen gen Unendlichkeit schwebt. Read more: Schlaglicht 17: Programm

Regional ist besser 3: Isolation Berlin

Als wären die goldenen Hausbesetzerzeiten nur einen Steinwurf entfernt, derart tönt die Formation Isolation Berlin. Die Band kitzelt die Großstadttristesse aus der Hauptstadt heraus, sie suhlt sich im Siechtum Berlins, zerknüllt den völlig verkritzelten alternativen Entwurf dieser gerade hochgradig angesagten Sehnsuchtsmetropole. Die EP Körper gibt sich marode, am Zahnfleisch kriechend und hat mit hippem Hipstertum rein gar nicht gemein. Isolation Berlin sind mit einer Lebensgier der Verzweiflung gesegnet, Berghain-Party-People kennen sie wohl nur vom Hörensagen. In jener rüden, rumpeligen, schlicht kompromisslosen Poesie lauert eine Schonungslosigkeit, wie man sie in Berlin Tag für Tag um die Ohren gehauen bekommt. Die Musik mutet so an, als würden Zigarettenkippen an alten Narben ausgetötet. In Isolation Berlin steckt verdammt viel von einem Berlin, das sich nicht mittels Bilder romantischen Verfalls transportieren lässt. Hier prügeln Emotionen auf nackte Körper ein, dagegen wirkt Sadomaso wie ein Kindergeburtstag.

Read more: Regional ist besser 3: Isolation Berlin

Schatzkästchen 10: PINS – Too Little Too Late

Sie stammen aus Manchester, sie sind 4 Frauen mit Hang zum Post-Punk. Und man nehme sich besser vor ihnen in Acht! Wie die PINS in ihrem jüngsten Video zu Too Little Too Late unter Beweis stellen, ist ihnen Übellaunigkeit nicht fremd. Ob dies an den Fummeln aus der Kollektion von Saint Laurent liegt? Denkbar. Die PINS charakterisieren dieses Lied als „a middle-finger-to-the-world kind of song“.  Danach klingt es denn auch, trotzig und ganz schön lärmig. Too Little Too Late ist Musik für Tage, an denen das Huhn in der Pfanne verrückt wird. An denen man ausschließlich Idioten begegnet, an denen sich alles gegen einen verschworen hat. Dieser Song ist ausgesprochen gereizt. Schon ihr Albumdebüt Girls Like Us (2013) hat manch Haken in die Magengrube versetzt, dass man Blut gleich Konfetti spucken musste. Am auf Attacke getrimmten Sound hat sich erfreulicherweise nichts geändert. So wie Too Little Too Late auf Krawall gebürstet scheint, darf man vor dem für Anfang Juni angekündigten Album Wild Nights durchaus ein bisschen zittern, ja geradezu bangen, dass sie den Titel nicht überwörtlich nehmen. Bis Juni wandert dieser Track jetzt einmal ins Schatzkästchen. Dort hat man ihn jederzeit griffbereit, wenn es mal eben einer ordentlichen Portion Grummeligkeit bedarf.

Read more: Schatzkästchen 10: PINS – Too Little Too Late

Unglück, das sich Leben nennt – SoKo

Wenn mir eine Sängerin die Worte „You wonder why I hit myself?/ I’m trying to kill the worst of me/ To be the best for you/ To be the best for you“ in die Kopfhörer flüstert, dann mache ich mir ernsthaft Sorgen. Das meine ich jetzt keineswegs flapsig. Natürlich sehe ich mich in der Lage, den Unterschied zwischen textlicher Fiktion und Realität einzuschätzen. Auch ein Autor, der einen Massenmörder nachts durch die Straßen ziehen lässt, greift letztlich nur zur Feder – und nicht zur Machete oder Knarre. An den Lyrics der Französin SoKo habe ich dennoch zu knabbern. In ihren unglücklichen, bisweilen verzweifelt kämpferischen Texten scheint das Leben immer eine Zehenspitze vom Höllenschlund des Todes entfernt. Vielleicht gehört sich das für ein morbides Riot Grrrl mit Psychobilly-Post-Punk-Attitüde auch so. My Dreams Dictate My Reality steckt mir doch tiefer in der Klemme, als dass man hier von einer himmelhoch jauchzenden, zu Tode betrübten Manie sprechen könnte, wie man sie bei der sensiblen Jugend öfter mal antrifft. Es ist ein fraglos ein fiebriges Dunkel, in das SoKo unseren entsetzt geweiteten Pupillen Einblicke gewährt.

Read more: Unglück, das sich Leben nennt – SoKo

Radikalität der Antwortlosigkeit – TWISK

Im Frühjahr habe ich das Album Two des Hamburger Duos TWISK an dieser Stelle als konsequent trostlos angepriesen. Und weiters festgehalten: „Hier kann Musik nicht zum Aufhellen der Stimmung dienen. Eher schon sind Lieder ein Stachel im Fleisch, verströmen Unbehagen, bieten nie die reinigende Katharsis großer Gefühle.“. Mir hat jene spröde Verweigerungshaltung durchaus imponiert, eben weil sie sich als „Kontrastprogramm zu all der Gefühligkeit und dem übertriebenen Erfahrungshunger des Pop-Rock“ versteht. Dieser Tage nun erscheint mit Odd Lots eine abermals subversive EP, die den Tonfall von Two fortführt, phasenweise vielleicht sogar noch verschärft. Auch wenn Verweigerung meist mit viel Pathos und Aktionismus zelebriert wird, so besteht die wahre Verweigerung doch eigentlich in einem nüchternen Pokerface samt resignierendem Schulterzucken. Lennart Thiem und Martina Lenzin spüren als TWISK stiefmütterlich behandelten Daseinszuständen nach: Langeweile, Verlorenheit und Trägheit. All dies abzubilden und zugleich einem Impuls hin zu radikaler Veränderung zu widerstehen, solch Gemütsregungen aufzugreifen und dabei nicht in einen hysterischen Betätigungsdrang zu verfallen, exakt diese penetrante Verweigerung verdient Anerkennung. Die Trostlosigkeit des Seins wird heute gern mit dem Ruf nach einem Karrierecoach oder Psychotherapeuten beantwortet. Read more: Radikalität der Antwortlosigkeit – TWISK

Free EP: Das unweihnachtliche Geschenk der PINS vor der Adventszeit

pinsxmaspicSMALL

Wie der Titel des Posts schon sagt, bin ich musikalisch zur Zeit mal wieder in ganz anderen Gefilden unterwegs. Nicht vor Ende November hatte ich mir selbst geschworen, eigentlich, sollte es mit weihnachtlicher Musik hier auf dem Blog losgehen. Wird jetzt aber wohl doch eher morgen oder übermorgen werden. Es gibt besondere Musiksnob-Festtage, die gehen das Jahr über vollkommen spurlos an mir vorbei. Eine der Jahresjubelfeiern der wahren Musikkenner wäre da der Cassette-Store-Day, welcher gleich gefolgt vom Record-Store-Day pure Ignoranz meinerseits erntet. Ich gehöre zu der Generation, die Bleistifte nicht zum Zeichnen kunstvoller Gemälde, sondern dem Wiedereinfädeln des Kassetten-Bandsalats verwendete. Meine Beziehung zur Vinyl ist ähnlich herzlich. Beim Immer-Wieder-Hören-Wollen meiner Lieblingslieder krachte die Plattennadel zu oft auf die Schallplatte und hinterließ denkbar ungeliebte Kratzer. Wie gut, dass irgendwann die CD erfunden wurde und dann ja auch die Mp3. Langer (Vor-)Rede, kurzer Schluß:

Read more: Free EP: Das unweihnachtliche Geschenk der PINS vor der Adventszeit

Fantasien aus den Gedärmen – Messer

Im Kulturschaffen hat der manische, charismatische, alle Abgründe auslotende Künstler einen festen Stellenwert. Das Rätselhafte und Unnahbare sind anziehende Eigenschaften, egal welch Egomane, Monster oder zumindest Ekelpaket sich hinter dem Profil der Genialität auch verbergen mag. Einiges dieser Radikalität des entsetzlich Unergründlichen findet sich auch auf dem Album Die Unsichtbaren der Münsteraner Post-Punk-Band Messer. Es wirkt aus der Zeit gefallen, vom Furor früherer Tage beseelt, nicht von der politischen Korrektheit der Gegenwart durchdrungen, keinesfalls in der Kapitulation vor der Beliebigkeit verhaftet, frei von billiger Provokation und dem Ruf nach einer Kuschelrevolution. Die Unsichtbaren steht für mythischen Untergrund, für subkulturelle Intensität und anarchisch-unscharfe Realität. Der Musik unserer Tage fehlt oftmals die Courage zur Unerschütterlichkeit. Messer hingegen haben sich einen skurrilen, schroffen Sound zusammengebastelt, der unverhandelbare Größe entwickelt. Sie drehen die Uhr zurück zum Anfang der Postmoderne, lange bevor alles den Bach runterging.

Read more: Fantasien aus den Gedärmen – Messer

Lauschrausch XLII: Desperate Journalist

Es ist immer die gleiche Leier. Ein paar junge Menschen finden sich in London zusammen, machen das, was junge Menschen in London halt so machen, gründen mir nichts, dir nichts eine Band und liefern gleich mit den ersten Singles einen Sound, der sich gewaschen hat. So marode die britische Gesellschaft auch ist, so verlottert das politische System, so gewiss ist freilich auch, das die Insel in Sachen Musik noch immer unanfechtbare Weltmacht ist. Einmal mehr wird dieser Eindruck durch das Hauptstadtquartett Desperate Journalist bestätigt. Diese hatte im Juni mit der Cristina EP ihr Potential angekündigt, mit der nun anstehenden neuen Single Organ ist die Wonne perfekt. Desperate Journalist stehen für Post-Punk und natürlich auch für satte Gitarren voller Verve – und für clevere Anleihen an The Smiths. Beste Voraussetzungen für den Durchbruch, wie ich meine. Und der könnte bereits mit dem besagtem Organ erfolgen. Wer nicht spätestens beim Refrain von dieser wilden Dynamik begeistert ist, kann kein Fan britischer Musik sein. So klingt purer Lauschrausch, es ist halt immer die gleiche Leier!

Read more: Lauschrausch XLII: Desperate Journalist