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Ein genuiner Erzähler – Radical Face

Manch Musik schleppt den Ballast eines bewegten Lebens mit sich. Und möchte vielleicht gerade deshalb besonders viel erzählen. Der Singer-Songwriter Ben Cooper arbeitet mit seinem Projekt Radical Face seit Jahren an einer Familiengeschichte der besonderen Art. Er wagt das, was man schon lange aus Film und Fernsehen kennt. Nämlich ein opulentes historisches Drama, welches mehrere Generation einer Familie begleitet. The Family Tree thematisiert die ewig gleichen Vorsätze der Nachkommen, alles anders als ihre Väter und Mütter zu tun. Und dennoch kehren Schicksale wieder, bleiben Hoffnungen ab und an bloß Hoffnungen, sind alle Protagonisten Gefangene ihrer Zeit. Drei reguläre Alben umfasst Coopers Vorhaben schon, Bonusmaterial nicht eingerechnet. Allein der Aufwand verrät bereits, dass hier nicht weniger als der große Wurf angepeilt wurde. Das Werk ist in feinstes Americana gehüllt, musikalisch pittoresk gehaltenen, zeitigt einen Folktronica, der neben mächtigen Gefühlen Spleens und Ambition anzubieten hat. Und als wäre nicht bereits genug Fleisch am Knochen, findet sich auf der Webseite des Musikers zu allen Figuren der Trilogie weitere biografische Details. Man muss Radical Face dafür loben, dass hier eine künstlerische Vision mit Liebe zum Detail umgesetzt und natürlich auch durchgehalten wurde. Ein Stück weit überwindet Cooper sogar das übliche Konzept Album. Im Grunde hat all das das Potential, in Form eines Americana-Musicals umgesetzt zu werden. An Story und Figurenbeschreibung scheitert es sicher nicht.

Vielleicht braucht der vor Kurzem erschienene dritte Teil The Leaves gar keine Verweise auf Coopers eigene, dysfunktionale Jugend. Möglicherweise ist diese Platte eine, die mit zu viel Kontext hausieren geht. So sehr sich die Musikkritik an Hintergründen ergötzt, so wenig erklärt dies den nach Indie-Maßstäben großen Erfolg von Radical Face. Denn dieses Maß an Ausgestaltung scheint mir so gar nicht zum Streaming-Konsum der Gegenwart zu passen. Vermutlich liegt die breite Resonanz eher in dem fast schüchternen, zärtlichen Gesang und den gefälligen, äußerst smart instrumentierten Melodien begründet. Unter Umständen trägt Coopers Äußeres dazu bei. Er wirkt wie ein großer Bär mit filigraner Seele. Solch Liedermacher sind zur Zeit in, wohl weil sie eine Sensibilität anbieten, die sich über Äußerlichkeiten erhebt. Diese Gedanken kamen mir so in den Sinn. Doch sollte man Hörer nie unterschätzen. Ein genuiner Erzähler – Radical Face weiterlesen