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Flagellantsche Expertise – Radiohead

Nahezu jedermann hat seit Freitag seinen Senf zu The King of Limbs beigesteuert. Minütlich wird damit gerechnet, dass auch Karlchen Schmitz aus Herne noch in den Chor der Meinungen miteinstimmt. Niemand, wirklich niemand kommt an einem Urteil vorbei. Ob Herr Meier oder Frau Schulze, alle wollen der Öffentlichkeit die eigene Auslegung keinesfalls vorenthalten. Wenn Ikonen neue Schatten werfen, versammeln sich die Gartenzwerge brav in jenen, preisen die Götze oder halten ein paar Pflastersteine bereit, um den Göttern ans Zeug zu flicken. Radiohead sind Kult, eine musikalische Religion, deren Heilsversprechen sich dahingehend äußert, dass sie keine einfachen Botschaften transportiert, lediglich postmoderne Kryptik anbietet. Die Radioheadsche Magie liegt in ihrer Unschärfe begründet. Sämtliche Postulate werden von Anhängern wie Verweigerern aufgestellt. Seit zehn Jahren funktioniert diese Musik hauptsächlich mit dem Katalysator einer Öffentlichkeit, die rätselt, verdammt oder verherrlicht, kapituliert oder ausbaldowert. Seit Kid A leben die Alben Radioheads vor allem von dem Kontext, der mythenhaft von Legionen williger Helfer und Gegner gesponnen wird. Erst diese Befeuerung katapultiert die Werke in ungeahnte Sphären.

Thom Yorke und Konsorten haben längst den Punkt erreicht, an welchem sie sich und niemandem sonst mehr etwas beweisen müssen. Sie sind derart transzendiert, dass bereits die kurzfristige Ankündigung eines neuen Werks Massenhysterien nach sich zieht. Wenn Erwartungshaltungen gen Unendlichkeit anwachsen, kann die Band nur noch verlieren. Oder die Schraube der Irritation weiter anziehen, indem sie sich gar nicht mehr in die Karten blicken lässt. Solcherart entseelt irrt The King of Limbs im Gestern, Heute und Morgen umher, schlägt gerade dort auf, wo der jeweilige Hörer so streunt. Das Album ist nicht greifbar, weil es sich erst im Kopf des Hörers materialisiert. Das Werk wird zum kollektiven Kunstwerk, Radiohead liefern bloß den Impetus.

Die Maßstäbe, die Radiohead setzt, setzt die Formation auch durch den Umgang mit den Hörern. Wurde es bei In Rainbows noch den Käufern überlassen, wieviel Geld sie der Band spenden mochten, ob man überhaupt einen Obulus entrichten wollte, so nimmt Radiohead den Anhängern diese Bürde der Entscheidung bei The King of Limbs wieder ab, benennt einen unverhandelbaren Preis. Die damals gefeierte Revolution, welche dem schnöden Mammon entsagte, wurde mit viel Kleingeldgeklimper nun zu Grabe getragen. Warum? Wohl weil die Maxime ihres Handelns im erwartbar Unerwarteten liegt.

Als bekennender Jünger der Band knalle ich mir mit meiner flagellantschen Expertise die Peitsche ins eigene Fleisch. Die Erkenntnis, wonach Radiohead mit The King of Limbs ausschließlich dann betören, wenn ich mir einrede, herbeifantasiere, schlichtweg mit Haut und Haar wünsche, dass sie mein Hirn und Herz befruchten, trifft mich hart. Radiohead sind die Könige des subjektiven, oftmals auf Selbsthypnose beruhenden Empfindens. Dies Phänomen macht sie einzigartig, erhebt sie zum Kult, die jüngste Platte allerdings taugt bestenfalls zum auf die Schlachtbank geführten Kalb.

Link:

Offizielle Homepage

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500 essentielle Songs der Dekade – Teil 2

Auch dieses Mal wollen wir eine bunte Mixtur an bekanntem und unbekanntem, wichtigem und besonders wertvollem Liedgut vorstellen. Und obzwar Listen immer den Geschmack des Erstellers widerspiegeln, haben wir doch versucht über den Tellerrand zu lugen. So mag ob des Haareraufens nun das eine oder andere davon in der Suppe schwimmen. Dennoch wollen wir uns ans  Servieren machen – umso mehr, da wir der bloggenden Nachbarschaft mit dampfender Terrine und gutem Vorbild voranschreiten. Teil 1 offerierte bereits jede Menge Leckerbissen, jetzt folgt der Nachschlag.

500Tracks(Teil2)

wallofarmsThe Maccabees – Love You Better (2009)

someofmybestfriendsaredjsKid Koala – Skanky Panky (2003)

ghostsofthegreathighwaySun Kil Moon – Glenn Tipton (2003)

kidaRadiohead – The National Anthem (2000)

whateveryouloveyouareDirty Three – I Offered It Up To The Stars & The Night Sky (2000)

keystotheworldRichard Ashcroft – Words Just Get In The Way (2006)

siberiaEcho & The Bunnymen – In the Margins (2005)

championsoundJaylib – Champion Sound (2003)

lostchannelsGreat Lake Swimmers – Everything Is Moving So Fast (2009)

zMy Morning Jacket – Dondante (2005)

500 essentielle Songs der Dekade – Teil 1

Wer dieser Tage Pitchfork ansteuerte, durfte mit hochgezogener Augenbraue die 500 wichtigsten Tracks dieser Dekade begutachten – oder vielmehr belächeln. Was hier inmitten verdienter Glanztaten an Schrecklichkeiten zu finden ist, deutet durchaus darauf hin, dass Plattenfirmen manch Sänger eine kräftige Fürsprache angedeihen haben lassen. Kelly Clarkson auf Platz 21 kann nur ein wirklich geschmacksverschleimtes Hirn ersinnen. Insgesamt ist diese Liste eine derart dumme, ärgerliche, in die Irre führende Angelegenheit, dass man sie nicht geflissentlich ignorieren kann und darf. Gerade Leute, die sich mit Musik eben kaum bis gar nicht beschäftigen, kommen am Ende durch solch Aufzählung auf den komplett absurden Gedanken, wonach der Mist, den Beyoncé verzapft, tatsächlich die Krone der audiophilen Hochgenusses sei.

Darum wollen wir in den nächsten Wochen und Monaten hier eine in jeder Hinsicht vielfältigere Auswahl präsentieren.  500 Songs dieser Dekade – in feinster subjektiver Manier handverlesen und durchaus mit einem gerüttelt Maß an objektivem Anspruch. Heute beginnen wir mit den ersten 50 Liedern.

500Tracks(Teil1)

kingdomofrustDovesKingdom Of Rust (2009)

bringmetheworkhorseMy Brightest DiamondWe Were Sparkling (2006)

straightfromthefridgeJames HardwaySpeak Softly (2002)

skilligansislandThirstin Howl IIIWatch Deez (feat. Eminem) (2002)

gulagorkestarBeirutPostcards From Italy (2006)

frenchteenidolFrench Teen IdolShouting Can Have Different Meanings (2005)

addinsulttoinjuryAdd N to (X)Plug Me In (2000)

convictpoolCalexicoAlone Again Or (2004)

pleasedtomeetyouJamesGetting Away With It (All Messed Up) (2001)

Nun offiziell: Radiohead bieten These Are My Twisted Words als kostenlosen Download an

Nun also ist es offiziell. Radiohead bieten den bereits seit einigen Tagen im Netz kursierenden Track These Are My Twisted Words als kostenlosen Download auf der eigenen Homepage an. Das offizielle Statement der Band liest sich übrigens so:

These Are My Twisted Words
So here’s a new song, called ‚These Are My Twisted Words‘.

We’ve been recording for a while, and this was one of the first we finished.
We’re pretty proud of it.

There’s other stuff in various states of completion, but this is one we’ve been practicing, and which we’ll probably play at this summer’s concerts. Hope you like it.

Download the audio here or torrent here.
Jonny

Sogar ein Artwork für den Song haben die Briten der MP3 beigelegt:

artwork(TwistedWords)

Also doch keine EP namens Wall Of Ice? Oder wird hier Häppchen für Häppchen ein neuer Hype genährt? Die Fangemeinde wartet gespannt…

SomeVapourTrails

Radiohead und die Kollateralschäden – Ein ungläubiges Staunen

Nun da es in der Gerüchteküche zischt und brutzelt, will ich an dieser Stelle grundsätzliche Gedanken zur Chose um den neuen, vermeintlich von Radiohead stammenden Song These Are My Twisted Words benennen. Ich fasse einmal kurz zusammen: Auf einer Torrent-Seite namens what.cd taucht ein gleichnamiger Track auf und wird von der Radiohead-Fan-Seite Radiohead At Ease als bislang unbekanntes Werk der Briten identifiziert. Die der Mp3 beigefügte Info-Datei enthält Hinweise auf ein Album namens Wall Of Ice und ein Veröffentlichungsdatum, welches den 17. August 2009 avisiert. In der Folge türmen sich Spekulation auf Spekulationen, weitere Indizien verstärken den Eindruck. So leitet die Domain wallofice.com derzeit auf einen Radiohead-Download-Shop um. Die Spannung steigt ins Unermessliche…

Halten wir nun eine Sekunde inne und beleuchten eventuelle Auswirkungen des Tohuwabohus. Wenn die landauf, landab vertretene These eines erneuten Werbe-Coups der Band stimmt, dann stellen sich mir – bei aller Liebe zu Thom Yorke und seinen Mannen – doch die Zehennägel auf. Keine Firma der Welt würde ein neues, erfolgversprechendes Produkt zuerst mal über einen Hehler vertreiben – und nichts anderes sind Torrent-Seiten doch. Indem man einen Hype per illegaler Download-Seite kreiert, wirbt man doch gleichzeitig für diese Methode der kostenfreien, ohne irgendeine Art von Vergütung an Künstler und Label zahlende Beschaffung von Musik. Das mag die durch harte Arbeit, eisernen Willen und geniale Kreativität in den Olymp aufgestiegenen Mitgliedern Radioheads dank ihrer ergebenen Fanbase weitaus weniger schmerzen, bringt aber weniger etablierte Acts in die Bredouille. Ein Feldzug gegenüber der Musikindustrie mag angebracht sein, aber auch heftige Kollateralschäden anrichten. Warum wurde kein Blog zur Verteilung des neuen Songs auserkoren? Auch selbiger hätte das Mysterium nähren können, dabei jedoch nicht die Mär bedient, wonach man die tollen Sachen eben nur über Torrents und Co. zu finden seien. Da ja auch Radiohead zurecht dem schnöden Mammon huldigen und den Song Harry Patch (In Memory Of) zum Kauf feilbieten, wäre doch eine dergestalte Aktion letztlich kontraproduktiv.

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Herr Yorke entrückt - vielleicht auch beim Ersinnen dieses Coups (Foto: Silvio Tanaka)

Bis dato hat die Gruppe eisern geschwiegen. Dies könnte man nun als Element der Spannungssteigerung deuten, oder hingegen als Eingeständnis, dass dieser Leak keinesfalls beabsichtigt war. Und genau dies erhoffe ich. Es gäbe genügend Varianten Aufregung zu erzeugen, ohne gleich einen Impetus zur Nutzung illegaler Download-Portale zu forcieren. Thom Yorke habe ich bis dato als hochgradig vernunftbegabten Musiker mit intelligenter Impulsivität wahrgenommen.  Wenn diese Aktion jedoch mit seiner Billigung erfolgte, hätte sie sich die Auszeichnung als Dummheit des Jahres verdient.

Links:

Der Guardian-Bericht

Pitchfork-Artikel mit Hörprobe

78s mit einer Zusammenstellung der bisherigen Vermutungen

SomeVapourTrails

Asche auf unsere Häupter (Wen kümmert schon EMI?)

Die Kacke ist am Dampfen – und dies ist nicht nur kein schöner Anblick, es stinkt vielmehr gewaltig. Das britische Plattenlabel EMI hat dieser Tage Verluste bekanntgegeben, die sich auf die winzige Summe von knapp einer Milliarde Euro belaufen. Somit setzt sich die Talfahrt von EMI auch unter der Führung des Investmentfonds Terra Firma, der EMI im August 2007 für ein Butterbrot von fünfeinhalb Milliarden erworben hat, fort. Sparpläne hin, Sparpläne her, ein Ende des Abwärtstrends ist trotz Sparkurses nicht in Sicht. Als Gründe wurden flugs die Misswirtschaft der bis 2007 in Amt und Würden befindlichen Führung, falsche Auswahl der beim Label unter Vertrag stehenden Künstler und – wie immer – die sinkenden CD-Verkäufe genannt.

Soweit die Fakten. Inwieweit es für EMI hilfreich war, dass die Rolling Stones und Radiohead den angeschlagen Branchenriesen verlassen haben und Künstler vom Schlage eines Robbie Williams sich im Clinch mit EMI befinden, sei dahingestellt. Fragen wir uns doch lieber, ob uns diese Nachricht nun freuen oder doch die eine oder andere Augenbraue indigniert heben lassen soll. Sind wir Käufer, Konsumenten, Hörer wirklich schon bereit für den Zerfall althergebrachter Strukturen? Haben wir den Grad der Mündigkeit erreicht, welcher es uns erlaubt aus dem vielfältigen Angebot kleiner und kleinster Labels handverlesene Perlen zusammenzusuchen? Oder gehört die Mehrheit von uns nicht eher zu dem Typus Mensch, welcher sich im Supermarkt wohlfühlt und seine tägliche Bedürfnisbefriedigung nicht in vielen einzelnen Läden abhandeln will? Wir jammern gern über das Geschmacks- und Preisdiktat der großen Plattenfirmen und vergessen doch, dass sich kleine, unabhängige Labels noch viel mehr an einer Kostenwahrheit orientieren müssen. Sorgsam gefertigte Handwerkskunst hat eben auch seinen Preis. Der vermeintliche Untergang der zu Sündenböcken gestempelten Marktriesen würde uns vielleicht ein Mehr an Qualität bescheren, eine ausdifferenzierte Vielfalt, die andere Seite der Medaille jedoch betrachtet kaum jemand. Das Wagnis des Musikschaffenden würde durch den Zwang zu Eigenfinanzierung sicher steigen. Die derzeit klar festgelegten Vertriebswege würden unübersichtlicher werden. EMI oder Sony haben Vertriebs- und Marketingkonzepte, von denen alle unter Vertrag stehenden Künstler profitieren. Wenn nun jeder Musiker dies selbst in die Hand nehmen müsste, würde sich dies wohl kaum in niedrigeren Preisen münden. Wollen wir wirklich den totalen Offenbarungseid? Sind wir wirklich bereit jeden Künstler nicht bloß in seiner Funktion als Musiker, Sänger und Komponist wahrzunehmen, sondern ihn auch als Label(mit)besitzer, Marketingheini und Geschäftsmann zu sehen, der unbedingt gewinnbringend agieren will und muss. Wer bereits einmal bei einem kleinen Label bestellt hat, der wird wissen, dass auch dort Musik nicht einfach so verramscht wird. Alles hat seinen Preis und dies vernachlässigen wir gerne und meinen, die böse Musikindustrie würde CDs künstlich überteuern. Au contraire, mit dem Ausverkauf von Alben aus dem Backkatalog – gerne mal um 7 oder 8 Euro das Stück – betreibt sie ein Preisdumping!

Nun kann man freilich auch einen ganz anderen Zugang zur Misere haben. Einen dreisten vielleicht. Viele Jünger einer Musikflatrate, welche durch eine Internet-Pauschale eingehoben wird, träumen davon, dass man für ein paar Scheine im Monat alles bekommen kann. All You Can Eat für 10 Euro, egal ob tonnenweise Kaviar, Trüffel oder einfach nur Saumagen. Ein Restaurant, welches solch ein Angebot nicht vorher gnadenlos durchkalkuliert hat, ginge innerhalb kürzester Zeit pleite. Nur im Internet soll dies tatsächlich funktionieren? Die Filesharing-Portale als Download-Mekka, wo tausend runtergeladene Tracks vielleicht gerade einmal einen Cent wert sind? Soll so die neue Wahrhaftigkeit aussehen? Für wie dumm oder wahlweise auch selbstlos halten wir Künstler eigentlich? Oder ist uns der Künstler eigentlich völlig schnuppe? Geht es uns nur um das Besitzen von Musik – möglichst gratis oder als Sahnehäubchen illegal erworben?

Ob EMI Blödsinn macht, dies braucht uns wenig zu kratzen. Doch ein Jubel über die wankenden Branchenriesen dürfte erst dann über unsere Lippen kommen, wenn wir die Konsequenzen zu Ende gedacht haben. Im besten Fall unsere Motive selbst hinterfragen. Möglicherweise kommen wir zu dem Ergebnis, dass wir uns selbst Asche aufs Haupt streuen müssen, weil uns der Mensch hinter der Musik einen feuchten Dreck interessiert. Musik soll billig sein, möglichst gratis. Was aber wenn dieser Wunsch in Erfüllung geht? Vielleicht hört sie sich dann auch so an.

Link:

The Guardian zu EMIs Verlusten

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