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Lang lebe der Index – Rammsteins kalkulierter Skandal

Im vielstimmigen Geschwätz – und dem cholerischen Reflex lauthals das Wort Zensur zu brüllen – wird die Freiheit der Kunst gerne als Totschlagargument hervorgekramt. Die derzeit grummelig-empörte Diskussion über Rammsteins Verbannung auf den Index scheint von simpel gestrickten Plattitüden dominiert. Was sich zunächst zur Verteidigung hehrer Werte emporschwingt, wird unter dem Mikroskop der Vernunft jedoch als Gedankenlosigkeit enttarnt.  Das mit der eines Marketenders würdigen Lautstärke geäußerte Protestgeheul ignoriert gesellschaftliche Verantwortung.

Konkretisieren wir zunächst die Ausgangslage. Das neue Album Liebe ist für alle da wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt und darf somit nicht mehr an Jugendliche verkauft werden. Damit verbundene Einschränkungen sind Werbeverbote und die Verbannung der beanstandeten Lieder aus den Radio-Playlisten. Der 20 Lenze zählende Bäckergeselle aus Emden freilich kann nach wie vor in den Plattenladen seines Vertrauens schlürfen und die CD käuflich erwerben. Auch die mit Piercings versetzte 19 Jahre alte Mandy aus Berlin-Spandau darf in laufmaschenübersäeten Strümpfen ins Geschäft hoppeln und Ick koof die neue Rammstein wispern.

Was nun macht die Aufnahme in den illustren Kreis der Erwachsenenmusik so verwerflich? Die Provokationsmasche Rammsteins ging bis dato mit einem unverkennbaren Sound und musikalischer Qualität einher. Eben selbige ging den Mannen jedoch bei der Produktion der neuen Scheibe verloren. Um dennoch auf Erfolgskurs zu verbleiben, wurde alles auf Porno getrimmt und mit Kalkül dem Skandal preisgegeben. Diese legitime Taktik mag bereits auf eine Indizierung abgezielt haben. Auch daran ist nichts verwerflich.

Die eigentliche Problematik liegt vielmehr im Zensurgeschrei, wie es jetzt im Internet lodert. Man muss keinesfalls konservativen Idealen verfallen sein, um anzuerkennen, dass nicht jede Art von Musik, Film oder Computerspiel für Heranwachsende geeignet scheint. Solange Kinder und Jugendliche als schutzwürdig empfunden werden, stehen Staat und Gesellschaft in der Pflicht, Vorkehrungen zu treffen, welche den Schutz auch sicherstellen. Daraus eine Debatte über die Einschränkung von Kunst zu etablieren, das tänzelt am Rande der Verantwortungslosigkeit.

Jede Jugend wird zwangsläufig von verflossenen Generationen mit Unverständnis beäugt. Und definiert eine neue, mehr oder minder revoltierende Kultur, welche die Abnabelung von den Eltern forciert. Natürlich wurde in der Vergangenheit mit Verboten versucht, sinnvolle Veränderung durch Indizierungen zu unterdrücken. Wurde die Enttabuisierung von Sexualität als Sittenverfall gewertet. Doch unsere Existenz kennt kaum noch Tabus, wirkt auf den ersten Blick grenzenlos, wenn es um die Freiheit des Ausdrucks der eigenen Persönlichkeit geht. Reaktionäre Mechanismen zur Unterdrückung individueller Lebenstile scheitern meist im Ansatz. Ob das nun einer Gleichgültigkeit, der Ab- oder Aufgeklärtheit geschuldet ist,  scheint eigentlich sekundär.

In all dem Tohuwabohu des Erlaubten gleicht der Index einer stumpfen Waffe. Er mag die Realität eines jugendlichen Lebens nicht nachhaltig beeinträchtigen, den Zugang zu vermeintlich jugendgefährendenden Medien erschweren – nicht verhindern. Doch als mahnende Instanz hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien ihre Daseinsberechtigung.  Denn wer einmal den Ergüssen des Rappers Bass Sultan Hengzt gelauscht hat, wird ob der humorbefreiten, vulgären, Gewalt als Lösungsansatz propagierenden Lyrics schlichtweg entsetzt sein. Eine Sprache, die nur Verrohung kennt und Vergewaltigungsfantasien huldigt, soll wirklich Teenagern zugänglich sein? Darf aggressiver, musikalischer Mist tatsächlich bereits die Schulhöfe vollkotzen? Eine Gesellschaft muss auch solch extreme Meinungen tolerieren, aber kann die Zugänglichkeit zulässigerweise auf den vernunftbegabten, in seiner Entwicklung fortgeschrittenen Erwachsenen reglementieren suchen. Das ist eben nicht Zensur, vielmehr Ausdruck einer Freiheit respektierenden aber dennoch handlungsfähigen Gesellschaft. Es gilt nicht, Menschen den Mund zu verbieten. Im Gegenteil, die Konfrontation mit fragwürdigen Inhalten schärft die Position des mündigen Erwachsenen. Und an dies Unterfangen müssen Jugendliche erst langsam herangeführt werden.

Nun sehe ich wohl eine Diskrepanz zwischen Rammstein und dem Rap-Gesocks samt ihren Bitches. Rammstein standen stets für eine ausgeklügelte Ästhetik, die martialische Mythen und stramme Männerfantasien bediente. Das mag zwar eine Frage des Geschmacks sein, in der Umsetzung erahnt man auf alle Fälle Durchdachtheit. Der Durst nach einem Skandal und der damit verbundenen Aufmerksamkeit führte dieses Mal eben auf den Index. Das sollte die Herren zum Nachdenken anregen. Bei manch Rappern und ihren unappetitlichen Absonderungen freilich scheint nur noch erbitterte Opposition gegen die dreiste Verherrlichung von Respektlosigkeit gegenüber dem oder Nächsten zu helfen.

Letztlich lässt sich konstatieren, dass der Index ein notwendiges, angemessenenes Mittel darstellt. Wer dies in Abrede stellt, öffnet der Verrohung der Jugend Tür und Tor.

SomeVapourTrails

500 essentielle Songs der Dekade – Teil 2

Auch dieses Mal wollen wir eine bunte Mixtur an bekanntem und unbekanntem, wichtigem und besonders wertvollem Liedgut vorstellen. Und obzwar Listen immer den Geschmack des Erstellers widerspiegeln, haben wir doch versucht über den Tellerrand zu lugen. So mag ob des Haareraufens nun das eine oder andere davon in der Suppe schwimmen. Dennoch wollen wir uns ans  Servieren machen – umso mehr, da wir der bloggenden Nachbarschaft mit dampfender Terrine und gutem Vorbild voranschreiten. Teil 1 offerierte bereits jede Menge Leckerbissen, jetzt folgt der Nachschlag.

500Tracks(Teil2)

wallofarmsThe Maccabees – Love You Better (2009)

someofmybestfriendsaredjsKid Koala – Skanky Panky (2003)

ghostsofthegreathighwaySun Kil Moon – Glenn Tipton (2003)

kidaRadiohead – The National Anthem (2000)

whateveryouloveyouareDirty Three – I Offered It Up To The Stars & The Night Sky (2000)

keystotheworldRichard Ashcroft – Words Just Get In The Way (2006)

siberiaEcho & The Bunnymen – In the Margins (2005)

championsoundJaylib – Champion Sound (2003)

lostchannelsGreat Lake Swimmers – Everything Is Moving So Fast (2009)

zMy Morning Jacket – Dondante (2005)