Schlagwort-Archive: Reggae

Lass Hoffnung sein! – Xavier Rudd & The United Nations

Ein Flugzeug stürzt in den französischen Alpen ab, der Aktienkurs von Lufthansa sackt daraufhin in den Keller. Millionen Tonnen Plastik gelangen Jahr für Jahr in die Ozeane, Müllvermeidung juckt uns dennoch nicht. Die Bill & Melinda Gates Foundation möchte wohltätig sein, erzielt seine Rendite jedoch durch Investments in Firmen, die den Lebensraum von Menschen zerstören. Ob Zynismus, Ignoranz oder Dummheit, all die Attitüden haben uns fest im Griff. Sie werden immer mehr zu Grundpfeilern zivilisierten Denkens. Muss das so sein? Kann man einen radikalen Gegenentwurf überhaupt denken, ohne gleich als naiv oder wirtschaftsfeindlich gebrandmarkt zu werden? Der australische Singer-Songwriter Xavier Rudd versucht nicht erst seit gestern, einen Weg zurück nach vorn aufzuzeigen. Er betont das archaische Element, eine Einheit mit der Natur, die Rückbesinnung auf spirituelle Energie. Für ihn sind Denken und Fühlen des Menschen in solidarischen Stammesgemeinschaften entstanden. Jedwede Verbundenheit mit den Ahnen – sowie ein Bewusstsein für Geschichte – erachtet er als Grundvoraussetzung, um an ein Morgen zu denken, die Kurzsichtigkeit des Hier und Jetzt zu überwinden. Nun könnte man Rudd als esoterischen Öko-Spinner abtun, seine Vision diskreditieren. Aber was haben uns die Verfechter der Marktwirtschaft an ethischen Angeboten zu machen? Was haben sie außer einer geradezu im Dogma des Zynismus gehaltenen rigorosen Evolution anzubieten? Welche Frohbotschaften, welche sinnstiftenden Werte hat der westliche Gesellschaftsentwurf der Gegenwart im Talon? Da bleibt nicht viel, wenn man Materialismus und Konsum nicht als der Weisheit letzter Schluss ansieht. Vielleicht lohnt es also doch Rudds neuem Album Nanna zu lauschen. Selbiges hat er mit einer Reihe großartiger Musiker aus allen Winkeln der Welt aufgenommen. Als Xavier Rudd & The United Nations kreieren sie einen von Reggae befeuerten, exzeptionellen Sound.

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Gutmensch, höchstpersönlich – Xavier Rudd

Xavier Rudd ist Gutmensch. Er engagiert sich für Umweltbelange, Menschenrechte und Multi-Kulti, in hiesigen Breiten wäre er ein eingefleischter grüner Spinner, der rein nichts verstanden hat und genau deshalb jedem aufgeklärten PEGIDA-Anhänger ein Dorn im Auge sein muss. Xavier Rudd glaubt an Menschlichkeit und Nachhaltigkeit, jene Grundsätze also, die die deutsche und österreichische Rechte mit Verachtung straft. Auch weil sie dem Irrglauben verfallen ist, dass es eine selektive Nächstenliebe geben könne. Doch wer Menschen helfen möchte, schert sich nicht um Herkunft oder Hautfarbe. Alles andere sind Ausreden. Rechte wiederholen gebetsmühlenartig, dass man doch den armen Österreichern oder Deutschen zunächst helfen müsse. Ich habe 10 Jahre ehrenamtlich in der kirchlich organisierten Obdachlosenhilfe gearbeitet, komisch nur, dass die dortigen Helfer ein eher linkes Gedankengut pflegen. Die strammen Rechten, die Vorrang für bedürftige Landsleute fordern, habe ich dort nie angetroffen. Doch zurück zu diesem außergewöhnlichen australischen Singer-Songwriter. Rudds musikalische Vision ist eine ungewöhnlich positive. Er gibt bei allem Zorn über vergangenes und gegenwärtiges Unrecht nie den Kassandrarufer, er ist vielmehr vom Glauben an Humanität ganz und gar durchdrungen. Seine Mischung aus Folk, Ethno-Klängen und Reggae vermag zu vereinen, nicht zu spalten. Schon sein letztes Album Spirit Bird von 2012 war der Vision einer besseren Zukunft verpflichtet, ich sprach damals von einem Traumpfad hin zur Natur. Für sein im März anstehendes neues Werk Nanna hat Rudd nun eine bunte Musikerschar zusammengetrommelt und dieses Projekt mutig als Xavier Rudd & The United Nations bezeichnet. Der Australier möchte mit seiner Musik einen weiteren Beitrag im Geist der Völkerverständigung leisten. Der diesmalige Fokus auf Reggae taucht die Platte in einen warmen Sound, speziell zu Beginn entwickelt sich so eine angenehme Entspanntheit, die im Verlauf dann Rudds Handlungsaufforderung hervorbringt. Ein Songtitel wie Come People ist keinesfalls eine abgehalfterte Hippie-Parole. Gutmensch, höchstpersönlich – Xavier Rudd weiterlesen

Die Jugend ist kein Kinderkram – Zico

Als mir vor wenigen Wochen eine CD ins Haus flatterte, sorgte der beiliegende Pressetext für blankes Entsetzen. Reggae-Rock aus Bayern, vorgetragen von einem Trio, deren Mitglieder mit ihren 18 Lenzen noch grün hinter den Ohren sind. So sehen die perfekten Ingredienzien für ein bestenfalls dilettantisches oder aber absolut indiskutables Machwerk aus. Darum wappnete ich mich noch vor dem ersten Kontakt mit dieser Platte, indem ich mir den kürzesten Weg ins Badezimmer vergegenwärtigte, um bei einer etwaigen Kontamination der Gehörgänge rasch Seife aufbieten zu können. Was freilich wäre das Leben ohne positive Überraschungen? Eine solche erlebte ich, als ich mich endlich an das Album Zufällig genau so heranwagte. Die Formation Zico punktet mit guter Laune, jugendlichem Überschwang sowie einem flockigen Sound, dem ich kleine Sünden gerne verzeihe.

Fast bin ich geneigt, die Seriosität des Erwachsenenlebens gegen die mit Clerasil durchtränkte Existenz eines 18-jährigen einzutauschen, den behüteten Kosmos des juvenilen Seins nochmals zu erforschen. Zico jedenfalls gäben einen mehr als passenden, erfrischenden Soundtrack ab, dessen Lässigkeit wahrlich Musik in den Ohren Halbwüchsiger bedeutet. Die Unbeschwertheit, welche die Jungs versprühen, erscheint mir, der ich sonst bei Gott meist tiefsinnigen Gedankengängen zugetan bin, allemal authentischer, erfrischender als die durchseuchte Existenztristesse, der sich viele Mittzwanziger-Bands hingeben. Zu vielen der Lieder lässt es sich unbekümmert hampeln, doch hinter all der Unterhaltung und Kurzweil verbirgt sich ein Kern, der das Teenager-Sein nicht in holpriger Trivialität verklärt. Wobei zumindest die Holprigkeit zu einem kostbaren Gut reifen kann, wie das Beispiel der Sportfreunde Stiller zeigt. Und sich vom Fußball inspirieren zu lassen, Zico ist ein unvergessener brasilianischer Mittelfeld-Akteur, entpuppt sich ohnehin als bayrische Erfolgsgeschichte.

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Von den Songs des Albums zeichnet sich speziell Mein Roller & ich als zeitgemäße, knackige Verbeugung vor dem italienischen Klassiker Volare aus. Diese Adaption ist wie gemacht für einen sommerlichen Festivalabend, an dem ungezählte biergeölte Kehlen in den Refrain miteinstimmen. Auch mit dem sprechgesängelnden Lied Zico vermag die Band gleichen Namens fetzig ohrwürmern zu agieren. Wenn Julian Knobloch-Krippner (Gesang, Gitarre), Max Mayinger (Bass) und Flo Giesen (Schlagzeug, Gesang) an die  Empfindsamkeit von Echt erinnern und jene mit nicht zu weichgespültem Reggae garnieren, kommt mit Zugvogel eine brauchbare Nummer heraus. Sogar Balladen gelingen, weil jugendliche Sehnsucht pur und unverfälscht schmachtet (September). Noch mit der Hoffnung im Herzen, dass man sich etwas nur ganz fest wünschen muss, damit es Wirklichkeit wird. Der Jugend verzeiht man dies, denn die heiklen Emotionen eines Heranwachsenden sind wahrlich kein Kinderkram. Nur selten gleiten die Nachwuchsmusiker in krawalligen und austauschbaren Indie-Rock (Lass mich gehn‘ oder ein wenig besser Neuer Tag) ab, dessen einziges Alleinstellungsmerkmal darin liegt, dass ein Bayer immer Bayer bleibt, selbst wenn er das Hochdeutsch bemüht.

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Vielleicht braucht es einen kleinen Rest von Teenager-Elan im Gemüt, mit dem Gespür für Herzschmerz und der Lust an Sonne auf dem noch unbehaarten Oberkörper, um das sehr ansprechende, wenngleich nicht welterschütternde Debüt zu mögen. Als das Leben aus dem täglichen Schulbesuch und aufregenden Ferienzeiten bestand, manch bittere Lehre des Lebens sich noch nicht am Horizont abzeichnete, hätte ich mir Zufällig genau so zweifelsohne oft und gerne angehört. Doch sogar als Angehöriger der Ü-30-Fraktion verdanke ich Zico die eine oder andere entspannte Minute, ein Schwelgen im Früher.

Zufällig genau so ist am 18.02.11 auf Südpolrecords erschienen.

Konzerttermine:

13.04.11 Nürnberg – MUZ Club
14.05.11 Stein bei Nürnberg – Steiner Kulturfrühling
03.06.11 Freising – Uferlos Festival
10.06.11 Eichstätt – Open Air am Berg

Link:

Offizielle Homepage

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Bitte Beipackzettel beachten – Matisyahu

Wenn ein strenggläubiger chassidischer Jude mit Reggae- und Hip-Hop-Mäntelchen auszieht, um der Welt positive Vibes einzuhauchen, dann hege ich die selben Ressentiments, die ich auch christlicher Erbauungsmusik gegenüber pflege. Die vertonten Jubelmeldungen, wonach Gott so überdrübertoll und man selbst durch den Glauben zum guten, superausgeglichen, glücklichen Menschen gewandelt sei, beeindrucken mich nicht. Die Penetranz gutmenschelnder Lebensfreude liegt doch darin, dass sie sich jedweden Maßstabs entzieht, die Botschaft mehr als der Inhalt wiegt. Denn letztlich findet gut gemeint nicht zwangsläufig seine Entsprechung in gut gemacht. Aber wie soll man eine sachliche Kritik an einem Sänger darlegen, der doch nur die Welt verbessern will, und dabei nicht wie ein hartherziger Menschenhasser wirken?

Matisyahu_Album_Cover

Soeben erschien das Album Light des oben angesprochenen jüdischen Sängers Matisyahu. Und mit eben dieser CD habe ich ein Problem: Neben wirklich hervorragenden Songs, die musikalisch interessant und kraftvoll vorgetragen durch die Boxen schrillen, werden auch Kinderchöre bemüht, die von Freiheit brabbeln, und kräftig in den Schmalztopf gefasst. One Day und On Nature wirken als Negativbeispiele in jeglicher Hinsicht. „I’ve been praying for, for the people to say that we dont wanna fight no more, they’ll be no more wars and our children will play.“ mag für viele Menschen eine schöne Utopie ausdrücken, ich freilich nenne solch Zeilen naiv und die Single One Day Kitsch. Doch kann es jener Herr Matisyahu auch anders – besser! Bereits der Opener Smash Lies ist eine abwechslungsreiche Dancehall-Hymne mit hypnotischem Refrain und starkem Hip-Hop-Feeling. Hier scheint der handwerkliche und kreative Anspruch, den man Musik stellen darf und muss, erfüllt. Die Art des Arrangements macht We Will Walk spannend. Was beim ersten Hören noch überfrachtet wuchtbrummt, gewinnt mit jedem Durchlauf an Schlagkraft. Generell winkt die Diagnose mit dem Zaunpfahl, dass gerade die Reggae-Passagen manchmal zu harm- und belanglos daherschwanken und der rockige oder von Hip-Hop geprägte Fokus stichhaltiger und mitreißender wuselt. Motivate funktioniert in seinem Mix verschiedenster Stile, in dem sich plötzlich sogar ein markiges Gitarren-Solo findet, sehr gut und deutet in der krachmachenden Vielfalt das Potential eines fähigen Sängers und Schreibers an. Sobald man ihn endgültig ins Herz klammern möchte, sorgt übler Reggae mit haarstäubendem Gejohle – wie bei I Will Be Light – für blankes Entsetzen. Und wenige Lieder später zieht Darkness Into Light wieder alle Register.

Matisyahu_Pic3

Wer sich an den von mir nun dargereichten Beipackzettel hält und die Tracks mit den Nummern  3, 6 und 8 unbedingt ausspart, wird in Light eine leicht krude, ab und an innovative,  engagierte, aber dennoch schlüssige Platte finden, die in den besten Moment sogar besser gemacht als gemeint tönt. Und nein, auch nach näherer Beschäftigung verspüre ich noch immer kein Verlangen als Gutmensch durch die Straßen zu tollen. Dazu ist die Botschaft Matisyahus in letzter Konsequenz dann freilich doch differenziert genug und in der Lebenswirklichkeit genügend verhaftet, um mehr als religiöse Phrasendrescherei zu bieten. Gut so.

Tour-Termin:

11.10. Berlin – Columbia Club

Link:

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