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Mit Schmackes kesslieblichfiebrig! – Er France

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Wie die Zeit vergeht! Vor mehr als 5 Jahren haben wir der Formation Er France erstmals auf unserem Blog applaudiert. 2010 hat die deutsch-französische Combo mit Pardon My French, Chéri! und dem wenig später erschienenen Livealbum Live At Open Source, Chéri! zwei wunderbare Platten voll Pfiff und Esprit veröffentlicht. Nach geschlagenen fünf Jahren gibt es nun endlich wieder ein Lebenszeichen zu vermelden. Das höchst gelungene neue Album The Great Escape lässt Bauklötze staunen. Neben dem stets markanten wie charmanten französischen Akzent von Sängerin Isabelle Frommer besticht dieses Mal eine Mischung aus großartigem Pop mit Achtziger-Note, Indie-Rock und ein bisschen Lo-Fi-Garage-Flair. Er France ist so eine Scheibe gelungen, die spritzig, frisch, schlichtweg unwiderstehlich unterhaltsam ausfällt. Die auf Anhieb imponiert, die sich auch nach dem einen oder anderen Hördurchlauf nicht abnutzt.

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Wohin mit der Wut? – Du Blonde

Wenn O-Töne eines Pressetextes nahelegen, dass Wut der Motor dieser Platte ist, dann bereitet mir das Kopfzerbrechen. Wut treibt Menschen auf die Straße und Revolutionen an, sie macht aber auch kopflos, sie blockiert konstruktive Gedanken. Nur wohldosierte Wut macht Sinn. Im Falle von Beth Jeans Houghton wurde aus einer vielversprechenden Vertreterin von folkigem Chamber Pop eine Aggro-Indie-Rock-Tante namens Du Blonde. Die Umfirmierung fällt radikal aus, Houghton mutiert zur Bitch-Göre, die sich um Ästhetik und Niedlichkeit einen Dreck schert, niemandem mehr gefallen möchte. Doch was ist es, dass sie mit ihrer Vergangenheit brechen ließ? Welche Wut treibt sie an? Im Pressetext findet sich folgendes Zitat: “What am I pissed off about? In no particular order: the free wheeling judgement of faceless accusers online, every man and his dog giving me advice on how to live my life, what to wear, what not to say, how to write songs. Being asked if I’m on my period in business meetings. Being told to ‘just deal with’ misogyny. It’s clear that the message for young girls, in music, business and relationships, is still ‘shut up, do what you’re told and be thankful’.”. Du Blonde will sich so von allen Bevormundungen und Vorurteilen befreien, Frustrationen gleich einem Schlosshund rausheulen. Das Resultat Welcome Back To Milk besticht über weite Strecken durch einen ungehobelten, rohen Sound. Und doch wächst in mir das Gefühl, dass sich die Mittzwanzigerin nicht so anstellen soll. Jedes Alter kennt seine Schattenseiten. “Jungen Dingern” werden vielleicht bevormundet, Endvierzigerinnen dagegen gleich das Existenzrecht abgesprochen. Niemand ist in irgendeinem Lebensabschnitt wirklich frei, das zu tun, was er oder sie tun möchte.

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So stylish wie nötig, so undergroundig wie möglich – Icky Blossoms

Das Trio Icky Blossoms ist eine Art Electro-Pop-Indie-Rock-Hybrid aus dem doch recht beschaulichen Omaha im US-Bundesstaat Nebraska. Aus musikalischer Sicht ist Omaha allerdings ein Hotspot, was nicht zuletzt am tollen Indie-Label Saddle Creek liegt. Natürlich sind auch Icky Blossoms bei diesem Label angedockt. Dieser Tage wird mit Mask ihr zweites Album veröffentlicht. Mir scheint die Mischung aus herbem E-Tanz-Pop und wuselndem, superlärmigem Gitarren-Sound bei einigen Tracks sehr, sehr gelungen. Zumindest wenn man Hyperaktivität präferiert.

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Großes Besteck, Inkonsequenz und Höchstform – Rocko Schamoni & L’orchestre Mirage

So eine Hommage ans Früher, vorgetragen mit großem Besteck, also samt auf Bossa Nova und Swing getrimmtem Orchester, solch eine Huldigung kann ungemein schick klingen. Oder aber Platzangst verursachen, weil ganz schön viel Orchester in einem Fahrstuhl untergebracht werden muss. Denn jene Chose läuft natürlich auch Gefahr, als Easy Listening die Lifte der Republik zu beschallen. Im Falle von Rocko Schamoni & L’orchestre Mirage scheint Fahrstuhlmusik gänzlich ausgeschlossen, schließlich traut man Herrn Schamoni jedwede Doppelbödigkeit zu – erwartet sie sogar. Wenn es nach Trash tönt, dann ist das wohl so gewollt. Schamoni kann sich Trivialitäten leisten, man würde sie als Absurditäten wahrnehmen. Sein Album Die Vergessenen will als Revue zu Unrecht vergessener, deutscher Lieder verstanden werden. Es leistet sich den Luxus aus der Zeit zu fallen, dabei aber eben nicht unsäglich elegant und gestrig zu wirken oder der Authentizität revolutionärer Epochen in den Hintern zu kriechen. Zusammen mit Bandleader und Arrangeur Sebastian Hoffmann wurde vielmehr ein Sound kreiert, der auch schon mal Pornobalkenästhetik aufwartet. Dieses Projekt karikiert ab und an das eigene Unterfangen, beschädigt dabei jedoch nicht die Lieder, die es würdigen will.

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Photo Credit: Kerstin Behrendt

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Soul für zarte Seelen – Barbarossa

In den letzten Jahren habe ich bereits mehrfach über Barbarossa geschrieben. Hinter diesem sehr aussagekräftigen Decknamen verbergen sich der Londoner James Mathé und sein Faible für melancholischen Electro-Soul. Barbarossa steht für gefühlsversunkene Zärtlichkeit, die von Electro-Pop oder feingesponnener Electronica ummantelt wird. Nun gilt es also, sein neues Werk Imager zu würdigen. Herr Rotbart hat nämlich wieder sehr vieles richtig gemacht, eine ätherische-soulige Stimmung aus dem Hut gezaubert, die bei eingehender Betrachtung ausnehmend gefällig tönt, richtiggehend verfängt. Mathé schenkt dem Soul eine rare Behutsamkeit.

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Zur Überwindung von Zeit – Slagr

Zeit, so glauben wir, sei schon aufgrund Ihrer Messbarkeit eine Konstante des Seins. Dabei ist Zeit allein ein Produkt unserer Wahrnehmung. Zeit existiert dadurch, dass wir diesem Konstrukt aus Sekunden, Minuten, Stunden und Tagen vertrauen. Diesen Umstand sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir der Aussage eines Pressetextes nachspüren, die einem Trio namens Slagr attestiert, dass es der Zeit einen Klang gibt. Wie nur würdigt man Zeit auf Albumlänge? Slagr können ja schwerlich John Cage und seinem auf über 600 Jahre angelegten Projekt ORGAN²/ASLSP nacheifern. Slagr geben Zeit nicht etwa der Lächerlichkeit preis, indem sie ein Projekt in seinen Proportionen hoffnungslos aufblähen. Slagrs Zugang ist weniger ein technischer, vielmehr ein geschichtlicher. Ihr Album Short Stories holt das Gestern ins Heute, wenn es geradezu archaische Melodien erzählt, Klänge aus Epochen anbietet, als Zeit noch nicht ökonomisiert und rationalisiert war. Das norwegische Trio, bestehend aus Anne Hytta (Hardanger Fidel), Amund Sjølie Sveen (Vibraphon) und Sigrun Eng (Cello), vermengt überlieferte folkloristische Traditionen mit avangardistischem Minimalismus. Und so entsteht eine Platte, die tief aus der Vergangenheit schöpft, kontemplative Skizzen entwirft, in der Entschleunigung ein Stück Ewigkeit kreiert. Short Stories wirkt auf mich wie ein steter Tropfen, der ins Wasser fällt, und immer wieder kreisförmige Wellen wirft.

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Photo Credit: Geir Dokken

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Chic, Charme & Melancholie – Céline Tolosa

Jedes Land mag seine musikalischen Meriten haben. Im Falle Frankreichs wäre das nicht nur, aber ganz speziell der luftige Chic, welchen bereits Generationen von Chanteusen versprühen. Die anmutigsten Vertreterinnen dieser Zunft vermögen mal aufreizend, mal sentimental zu intonieren, immer jedoch schwebt der Gesang mindestens einen Fußbreit über allem Irdischen. Das gilt auch für die Pariserin Céline Tolosa, deren Debüt-EP Cover Girl dieser Tage erschienen ist. Jene vier Lieder umfassende Miniatur präsentiert uns eine Sängerin, die hauchzartem French Pop im lieblichen Geiste der 60er-Jahre zugeneigt ist. Von Melancholie bis hin zu keckem Charme reicht die Bandbreite dieses Werks.

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Sonnenbrillenpflichtig – Superfjord

Jetzt schiebe ich es schon ein paar Wochen auf, heute will ich aber den Lesern ein wirklich tolles Album ans Herz legen, das zwar schon ein Jahr auf dem Buckel hat, aber meines Erachtens ein veritables Meisterwerk darstellt. Darauf gestoßen bin ich bei Eva-Marias Polarblog, einer Instanz in Sachen skandinavischer Klänge. Die Formation, von der ich erzählen will, kommt aus Finnland und nennt sich Superfjord. Laut Eigendefinition huldigen sie psychedelischer Musik und Jazzrock, kreieren “Music to hear colours to”. Oh ja, ihr Album It Is Dark, But I Have This Jewel ist tatsächlich sonnenbrillenpflichtig. Gegen diesen Farbrausch wirkt LSD geradezu sepiafarben. Superfjord sind eine Combo, die im fröhlichen Jam brilliert und großartigen Fusion fabriziert (The Great Vehicle), die auch ihre Reverenz gegenüber einem Genie erweist (A Love Supreme) und quasi als Draufgabe ein Talent zu atmosphärischer Versenkung, zu nachgerade augenzwinkernder Entrückung besitzt (I Seem To Have Forgotten What We Were Talking About).

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Regional ist besser 4: Feverdreamt

Krautrock mit orientalischer Note, fabriziert in Berlin. Das klingt spannend, allerdings auch schräg, sodass man beim ersten Hören des Albums Terban Te Ban darüber staunt, wie dezent und klischeefrei hier zu Werke geschritten wird. Das Projekt Feverdreamt ist nämlich keine typische Crossover-Ausgeburt, es offeriert vielmehr einen im Schwelgen, im Gedanken begriffenen Sound, einen Mix aus psychedelischen Elementen, Post-Rock, Drone und Ambient. Und über all dieses wird ein mit Fortdauer des Werks immer stärker hervortretender, exotischer Gesang der Marke selbst ertüfteltes Wüsten-Esperanto gelegt. Obwohl – besser: gerade weil – diese Musik flüchtig und schwer greifbar wirkt, dem Bandnamen somit sehr gerecht wird, ruht in ihr ein mitunter meditativer Charakter. Zhudan Zhudal etwa erwächst zu einem fast zwölfminütigen Traum, dessen Verschachteltheit an ein Labyrinth erinnert. Der Sound drängt vorwärts, nur um den Kreis zu schließen und wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Es mutet wie ein Drogentrip unter einer mit Sand gefüllten Glasglocke an. Laxmadan Tu wiederum hängt im Vortrag morgenländischer Melancholie nach, eine sachte, in Chiffren dampfende Schwere liegt über diesem Track. Yodan Fu verlagert sich endgültig in einen sich dahinschleppenden Wachdämmer. Diese Musik in jenem Zustand wimmernder Trance hat mich schon längst um den Finger gewickelt. Weil sie wunderbar zu täuschen weiß, eine eigene, im Grunde ok­zi­dentale Fantasie eines von archaischer Schönheit beseelten Nahen Ostens entfaltet. All die Exotik trägt die Sehnsucht an geträumte Fremde in sich. Auch deshalb könnte der Name dieses Projekts nicht besser gewählt sein. Feverdreamt kreiert Mal für Mal eine Fata Morgana, die flackert, flirrt und flimmert. Das epische Antrebax Nox steht in bester Kraut-Tradition, es wirkt hypnotisch, lullt ein, spornt die Vorstellungskraft an. Es erschafft eine in Cinemascope getauchte Weite samt unruhigem Horizont.

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Geburt des Gefühlvollen, Renaissance des Geistreichen – Tocotronic

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Photo Credit: Michael Petersohn/Vertigo Berlin

Hippies und Punks haben in den Sechzigern und Siebzigern als Jugendbewegungen  Lebenswirklichkeiten nachhaltig verändert. Und zumindest in Deutschland wären mit Tocotronic in der zweiten Hälfte der Neunziger Protagonisten für eine neuerliche geistige Wende bereitgestanden. Sie hat nicht stattgefunden, das Potential der Hamburger Schule hat nicht in die Masse ausgestrahlt. Und so stehen wir gut 15 Jahre später bedröppelt da. Und verwechseln den Wunsch nach Differenzierung mit windelweichem Herumgedruckse. bringen Überzeugungen mit Schwarzweißmalerei durcheinander. Revolutionen hie und da haben eine reinigende Qualität, sie werfen über Bord, sie holen ins Boot. Und weil jene Jugendrevolte in den Neunzigern fehlt, haben wir heute diese zeitgeistige Soße, die an Biederheit und Anpassung kaum zu überbieten ist. Die Jugend von heute wirkt seltsam eigenschaftslos. Und die Jugendlichen der späten Neunziger sind 2015 bestenfalls Bionade-Spießer. Wen wundert es da also, dass auch Tocotronic an all den Entwicklungen zu knabbern hatten, zwischenzeitlich die Kapitulation ausriefen und für einige Jahre im Nirvana des Gaga-Dada verschwanden. Nun jedoch melden sich Tocotronic mit ihrem sogenannten roten Album eindrucksvoll zurück. Es wird als Geburt des Gefühlvollen und als Renaissance des Geistreichen in ihre Diskografie eingehen. Das rote Album steht für intelligente, nachdenkliche, ja vertrackte Poesie, die sich juvenile Wünsche, Träume, Ängste bewahrt hat. Unverzagt, nachgerade gedankenvoll und souverän, stehen die Herren Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail erhobenen Hauptes da, gefallene Revolutionäre, die auf einmal nahbar werden.

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