Schlagwort-Archiv: Review

Geburtsstunde einer großen, glücklichen Kindheit – Fir Cone Children

Die Zielgruppe zu benennen, ist meiner Meinung nach schon die halbe Miete. Das gilt für den Geschäftsmann wie für den Musiker. Das im Speckgürtel von Berlin angesiedelte Ein-Mann-Projekt Fir Cone Children hat als Zielgruppe kleine, gerade einmal zwei Jahre alte Knirpse und Knirpsinnen ausgemacht, die mittels Beschallung durch  Punk-Shoegaze-Gewusel so richtig durch den Vorgarten wirbeln sollen. Das Album Everything Is Easy kommt mit knackigen Zweiminütern samt viel verzerrtem DIY-Flair daher. Diese Songs machen Rabatz, sind dabei zugleich wonnig und niedlich. Sie kanalisieren überschüssige Energien, indem sie derart viele Purzelbäume schlagen, dass kein Grashalm ungeschoren bleibt. Everything Is Easy will elfmal zwei Minuten furchtlos Kind sein, richtig unbeschwert durch die Pampa wetzen. Ich meine, dies gelingt.

So tönt Musik, die sich alle Arten von Effekten gleich Bonbons in den Mund stopft, um dann mit dicken Backen zu einem seligen Grinsen anzusetzen. Derart klingt es, wenn alles neu und aufregend und bar jeder Sorgen scheint, wenn großes Staunen und viel Tralala vorherrscht. Vieles gerät zur Entdeckung, alles ist ein Rambazamba und quietschiges Lachen wert. Ob Lo-Fi-Garage oder Noise-Dream-Pop, jenen Liedern wohnt stets lärmiges Frohlocken inne. Auf gewisse Weise fühle ich bei diesem Album an den großartigen Comic Calvin and Hobbes erinnert. Geburtsstunde einer großen, glücklichen Kindheit – Fir Cone Children weiterlesen

Schlaglicht 20: Radio Elvis

Wenn mir die bloggende Kollegin Eva-Maria eine Band als Mischung aus Jacques Brel, Paul Simons Rhythm-Phase und coolem Britpop ankündigt, werde ich natürlich hellhörig. Und tatsächlich ist die Pariser Formation Radio Elvis sehr besonders. Ein markanter, durchaus an französischen Chansonniers orientierter Gesang wird mit melodischem und zugleich erstaunlich robustem Indie-Rock vebunden, das Resultat fällt in jeder Hinsicht stupend aus. Hätte nicht die Band Baden Baden zu Jahresbeginn ein Spitzenalbum veröffentlicht, ich würde Radio Elvis ohne Wimpernzucken zum Allerbesten erklären, was 2015 in puncto Indie aus Frankreich an mein Ohr dringt. Wenn ich die Sache richtig verstehe, ist ihre Debüt-EP Juste avant la ruée letztes Jahr erschienen und 2015 von PIAS France nochmals veröffentlicht worden. Und die Band lässt sich nicht lumpen, legt sogleich nach, im Juli wird die EP Les moissons erscheinen.

Juste avant la ruée bekommt mehr als nur ein Bienchen ins Heft. Goliath etwa ist nicht weniger als phantastisch. Schlaglicht 20: Radio Elvis weiterlesen

Schutzlos unter den Sternen – Binoculers

Dream-Folk-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns das Hamburger Projekt Binoculers unter der Federführung von Nadja Rüdebusch. Einen Ausblick auf das Album Adapted To Both Shade And Sun habe ich bereits im April gegeben, nun möchte ich mir dieses mit gelenker Hand und selbstverständlicher Kunstfertigkeit vollbrachte Stück Musik noch ein wenig näher ansehen. Gelungene, auf Englisch gehaltene Singer-Songwriter-Platten aus Deutschland sind zumindest für mich noch immer eine Art Kuriosum. Weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Rüdebusch jedenfalls gelingt mit ihrem Vehikel Binoculers eine souveräne, angenehm international anmutende Platte mit einer ganz eigenständigen, verwirrenden Aura.

Der Moment, in dem aus Musik Magie wird, jener Augenblick kommt im vorliegenden Fall durchaus früh. Schon der zweite Song des Albums verzaubert. Where The Water Is Black besticht durch dunkle Poesie und einen anfänglich schleppenden, ganz allmählich jedoch fülliger werdenden Sound. Und irgendwann zur Hälfte dieses Gangs durch die Nacht fallen die Schritte sicherer aus, tänzeln elegant dahin, befunkelt vom hellen Sternenglanz am Firmament („But the stars are the brightest where the water is black“). Mit diesem Lied entfernt sich die Platte rasch von jeglicher deutschen Pomadigkeit. Und es bleibt bei Weitem nicht die einzige eindringliche Nummer dieser Platte! Schutzlos unter den Sternen – Binoculers weiterlesen

Crooner im Kerzenschein – Daughn Gibson

Das soll man sich erst mal trauen! Als unter dem Namen Daughn Gibson wirkender US-amerikanischer Singer-Songwriter einen auf blasierten Crooner machen, der im fahlen Licht der vorgerückten Stunde den eleganten Briten raushängen lässt.  Man fühlt sich an Bryan Ferry und in den dünkleren Passagen sogar an einen Stuart A. Staples erinnert. Carnation offenbart sich als Scheibe voll Chic, die vor allen zu Beginn hinter stimmlicher Samt und Seide geradezu misanthrophisch – zumindest aber verhaltensauffällig – anmutet.

Um in die Abgründe des Albums einzutauchen, muss man eigentlich nur das eröffnende Bled To Death studieren. Sich der eigenen Aufstehung zu verweigern, nicht wieder ins Leben zurückkehren zu wollen, spricht nicht gerade für eine innige Beziehung zur irdischen Welt. Solch Weltabgewandtheit durchzieht die Platte zunächst, gedimmter Sophisti-Pop sorgt für Kontur. Heaven You Better Come In erinnert mich von der Stimmung her an ein Amalgam aus Blacks Wonderful Life und einem Chris Isaac in seinen besten Tagen. Es ist vor allem die verhallte Gitarre, die manch Lieder aus der Griesgrämigkeit englischer Herrenhäuser holt, sie eine Stippvisiste beim Alternative Country absolvieren lässt. Crooner im Kerzenschein – Daughn Gibson weiterlesen

Aus der Tragik der Realität in die Magie von Musik – Sharon Van Etten

Eigentlich möchte ich Knall auf Fall von einer der besten EPs, die ich je gehört habe, erzählen, von einem Stück Musik, welches Beziehungskummer mit eindringlichster Empfindung adelt. Doch bevor ich das tue, muss ich einen kleinen Schwenk auf die Metaebene vollziehen. Künstler wollen uns nämlich in Interviews gerne eine Lesart ihres Schaffens vermitteln. Wenn während eines Filmdrehs, während dem Schreiben eines Buches oder während Plattenaufnahmen ein enges Familienmitglied stirbt, dann soll der Seher, Leser und Hörer dieses Werk gefälligst unter dem Aspekt der Trauer wahrnehmen. Noch schlimmer sind Promofirmen und ihre Pressetexte. Sie liefern quasi Gebrauchsanleitungen zur Rezeption eines Werks aus und hoffen, dass Feuilleton und Fachpresse jene nicht mit allzu vielen eigenen Gedanken verwässern. Kurzum, sobald ein Werk nur einen Funken Tiefgang besitzt – oder besitzen will, wird dem Publikum die Wahrnehmung diktiert. Schade, denn bei den besten Filmen, Büchern und Platten braucht es keine erklärenden Ausführungen, um den Wesenskern für sich zu entdecken und zu verinnerlichen. Als ich die EP I Don’t Want To Let You Down zum ersten Mal gehört habe, sprangen mir Beziehungsschmerz, sämtliche Kämpfe und Verluste, alles Hadern und Bereuen sofort ins Ohr. All das, was Liebe mit uns macht und machen kann, wird hier mit geradezu unsagbarer Intimität und Verletzlichkeit ausgebreitet. Diese EP ist ein famoser Moment persönlichsten Singer-Songwritertums. Kurz darauf las ich auf der Webseite von NPR, einem Zusammenschluss öffentlicher Hörfunksender in den USA, einen Artikel, in dem die Liedermacherin die Hintergründe und Motive der einzelnen Songs erläuterte. Und siehe da, diese Track-by-Track-Beichte vermochte der Emotionalität des Werks nichts hinzuzufügen, was meine Empathie nicht ohnehin bereits erfasst hatte. Die US-Amerikanerin Sharon Van Etten hat in einer wahren Sternstunde die Tragik der Realität in die Magie von Musik verwandelt.

09_sve_ny_minetta_231__FL
Photo Credit: Laura Crosta

Jeder Schmerz ist lange schon empfunden, jeder Zweifel längst gefühlt, über Liebe jedes Wort gesagt. Sharon Van Ettens Art des Vortrags, ihr Zaubergesang, macht all das vergessen. Frustrationen, Ambivalenzen, Reue, Erinnerungen, alles klingt so, als hätte es dringend gesungen werden müssen. Zeilen wie „I was something that you just couldn’t feel/ I was something that you couldn’t feel that was real/ I believed you when you shut your eyes and dreamed a dream without me“ legen eine Bitterkeit bloß, der man sich schlichtweg nicht entziehen kann. Aus der Tragik der Realität in die Magie von Musik – Sharon Van Etten weiterlesen

Schlaglicht 17: Programm

Shoegaze, Dream-Pop, gerne auch mit psychedelischer Note – was habe ich das lange, lange Zeit gern gehört. Irgendwie scheinen diese Genres jedoch in letzter Zeit auf diesem Blog weniger vertreten. Liegt es an veränderten Hörgewohnheiten oder vielmehr daran, dass eben nicht jede Woche eine so feine EP wie Like The Sun der kanadischen Band Programm erscheint? Mir geht wirklich das Herz auf! Speziell der Titeltrack dieser vier Songs umfassenden EP ist ganz großes Genre-Kino: Säuselnder weiblicher Gesang, Synthie-Schwaden, verhallte Gitarren. Die Chose wird mit viel Verve und Wave dargeboten. Der Song Like The Sun eignet sich zum Niederknien. We Barely Escaped wiederum funktioniert über den Kontrast von Gitarre und Drumcomputer, hier wird zunächst verschnickschnackter Post-Punk mit männlich-larmoyantem Vortrag dargeboten, ehe Sängerin Jackie Game für ein betörendes shoegaziges Intermezzo sorgt. Das Prinzip Wow! setzt sich fort, sogar bei einem vermeintlichen Lückenfüller wie dem verschwurbeltem Coldwave von Soft Shadows. Zuletzt wird mit ZeroZeroZero die Auflösung zelebriert. Knister-Drums, Piano und eine metzgernde Gitarre untermalen den kontemplativen bis bedrückenden Vortrag Jacob Somas, ehe nach und nach alles auf Synthie-Wogen gen Unendlichkeit schwebt. Schlaglicht 17: Programm weiterlesen

College-Fantasien vergangener Tage – Cayucas

Es gibt Alben, da kann ich jedes Fitzelchen Text mitsingen. Dann wieder gibt es Platten, bei denen ich inhaltlich nur Bahnhof verstehe. Dancing at the Blue Lagoon fällt ohne jeden Zweifel in letztere Kategorie. Die Stimmung dieses Werks lässt sich zwar leicht in Worte fassen, die Texte der einzelnen Lieder sind jedoch derart assoziationsträchtig, dass sie wohl nur im Hirn ihres Songwriters Sinn ergeben. Cayucas, ursprünglich eine in den eigenen vier Wänden aufgezogene One-Man-Show Zach Yudins, hat mittlerweile Verstärkung in Form seines Zwillingsbruders Ben erfahren. An der Ausrichtung hat sich jedoch nichts geändert. Vor 2 Jahren habe ich das Debüt Bigfoot als sommerliches Intermezzo leichtfüßiger Nostalgie bezeichnet. Und exakt jene Atmosphäre kalifornischer Sonne durchzieht auch Dancing at the Blue Lagoon.

cayucas-hi-02
Photo Credit: Dusdin Condren

Wenn man aus den Lyrics die Worte Fraternities, Pom-poms, Swimsuit Calendar, Jacuzzi und Tijuana extrahiert, sieht man sich gängigen College-Fantasien gegenüber. Hier wird mit Melancholie den Freizeitbeschäftigungen und Partyfreuden amerikanischer Teenager nachgehangen, bei denen Alkohol („Sips of rum on ice with an orange slice„), Zigaretten („And the cigarette burns slowly in a copper tinted ashtray„, Sex („She took off all her clothes„) und natürlich Badefreuden („You saw him summersaulting down to the ocean floor„) nicht fehlen dürfen. College-Fantasien vergangener Tage – Cayucas weiterlesen

Janusköpfig – Acorn Falling

Diesmal möchte ich ein ausgeprochen stimmungsträchtiges, intensives, abseits des Üblichen angesiedeltes Album erwähnen. Auf 2nd Plateau of Normalcy herrschen zum einen Schwermut und Unheimlichkeit vor, andererseits schwelgt die Platte in anmutigster Ästhetik und Schönheit. Post-Rock-Anflüge, kühler Chamber Pop, Ambient sowie Electro-Verschwurbelungen gestalten es formvollenedet aus. Lars Kivig, seines Zeichens in Kopenhagen ansässig und Hirn des Projekts Acorn Falling, ist ein Werk entschleunigten Erzählens gelungen, welches mit Atmosphären flirtet, allerlei Gemütslagen malt.

Sehen wir uns die Tracks kurz näher an. The Whistle at Tragedy Bay überwältigt als ein sich ganz allmählich aus einem repetitiven Piano heraus entwickelndes, zum Ende hin von groteskem Drama erfülltes viktorianisches Schauermärchen. Janusköpfig – Acorn Falling weiterlesen

Einer zeitlosen Plattensammlung entnommen – Brian Lopez

Heute möchte ich kurz ein Album namens Static Noise erwähnen, dass mir allein schon deshalb gefallen hat, weil es klassisches, vielseitiges Singer-Songwritertum verkörpert. Der Pressetext bringt es wunderbar auf den Punkt,  wenn auf die Crooner-Ära eines Roy Orbison und auf die Melancholie eines Jeff Buckley referenziert wird. Dem US-Amerikaner Brian Lopez ist ein sehr einnehmendes Werk gelungen, dass in seinen besten Momenten schlicht einer reifen Plattensammlung entnommen scheint. All den Tracks ist eine große Zärtlichkeit im Vortrag eigen, sogar wenn Lopez ins Falsett wechselt, wohnt diesem ein warmer Schimmer inne.

Bereits der Opener Mercury In Retrograde weht gleich einer sachten Brise, die mit den Sandkörnern in der Wüste spielt. Zunächst wuselt und lärmt der Song psychedelisch, ehe er im Verlauf traumtänzelnd durch ein sonnenfädiges Meer gleitet. Modern Man ist pfiffiger Jangle-Pop samt Western-Flair, auch der streicherselige, bittersüß-balladeske Schleicher Wrong Or Right lässt die Patina der Sixties hochleben. Einer zeitlosen Plattensammlung entnommen – Brian Lopez weiterlesen

Im Drama des L(i)ebens – Florence + The Machine

Florence, ach Florence! Quo vadis? So waren meine ersten Gedanken, während ich mir das neueste Werk von Florence + The Machine zu Gemüte führte. Nach dem in jeder Hinsicht überragenden Ceremonials aus 2011, schien jede Erwartungshaltung ohnedies völlig auf den Fugen geraten. Auch darum musste How Big, How Blue, How Beautiful einen Moment lang einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Da Florence Welch mit ihrem vorangegangenen Album die Charts so ziemlich jedes englischsprachigen Landes angeführt hatte, ging es bei der folgenden Platte quasi um weltweiten Ruhm. Und How Big, How Blue, How Beautiful klingt mit jeder Faser nach genau dieser Ambition. Das ist bis ins kleinste Detail ausgestalteter Bombast-Pop samt dramatischen Balladen. Man könnte sogar davon sprechen, dass hier über weite Strecken eine Céline Dion in ihrer Blütezeit auf den Anspruch einer Leslie Feist tritt. Wo Ceremonial noch pastorale Patina ansetzte, ist dieses Werk auf Hochglanz poliert. Und repräsentiert derart das Beste, was Pop für die Radio-Charts heutzutage aufzubieten vermag.

Im Drama des L(i)ebens – Florence + The Machine weiterlesen