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Das Wunder Leben – Rebekka Karijord

Ich bewundere Menschen, die mit sich völlig im Reinen scheinen. Die mit klarem Blick und aufrichtiger Emotion auf das blicken, was ihnen wichtig ist. Die sich mit der Umwelt im Einklang befinden, alle Ärgernisse und Nebensächlichkeiten abzuschütteln vermögen. Den Sinn der eigenen Existenz zu begreifen, ohne dabei in ein Hadern zu verfallen, ist eine große Kunst. Das Album Mother Tongue der Norwegerin Rebekka Karijord vermittelt genau jene Gemütsruhe. Im Falle von Karijord war es die dramatische Frühgeburt ihres ersten Kindes, die solch beneidenswerten Seelenfrieden hervorbrachte. Das Resultat ist eine innehaltende, umwerfend schöne Platte, die edelstes skandinavisches Songwriting verkörpert. Schauen wir uns das Werk doch kurz näher an!

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Aus dem Club um die Ecke – Bängks

Einer meiner musikalischen Vorsätze für 2017 ist vielleicht gar nicht so unproblematisch. Ich will dieses Jahr mehr deutschen Indie-Klängen lauschen. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass es in die nationalistische Stimmung dieser Trump-Tage passt, dass alles nur noch aus dem eigenen Land stammen soll. Doch das ist nicht meine Intention. Vielmehr geht es darum, dass man sich nicht immer nur mit den Acts beschäftigt, die an der Spitze der Erfolgspyramide stehen. Und das Fundament, um bei diesem Bild zu bleiben, bilden eben die lokalen Bands und Musiker, die tagtäglich in den kleinen und großen Städten des Landes auftreten. Musik definiert sich längst nicht nur über das, was gerade international durch alle Magazine oder Radiostationen geistert, Musik wirkt eben auch durch die Acts, die im Club um die Ecke live auftreten. Die Solinger Gruppe Bängks verkörpert genau das, was eine gute heimische Indie-Formation ausmacht. Ihr Indie-Rock klingt keine Sekunde lang provinziell, zugleich könnte man sich gut vorstellen, die Jungs an einem netten Abend im benachbarten Konzertschuppen zu bestaunen. Ein Trumpf regionaler Bands eben!

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Berlin als Großstadtdschungel erfahren – Jay Daniel

Mit urbanen Beats, die ausgesprochen funky daherkommen, möchten wir ins Musikjahr 2017 starten. Ja, das Album von Jay Daniel ist zwar schon im November des vergangenen Jahres erschienen, aber irgendwie wollte Broken Knowz nicht so recht in die adventliche Stimmung passen. Nun aber, wo sich der Alltag wieder eingestellt hat, fällt mir momentan kaum eine bessere Platte ein, die man auf den Kopfhörern haben könnte, während man durch eine Stadt wie Berlin spaziert. Broken Knows imponiert mit einem spannenden wie beiläufigen Groove, der die Stadt in einen Dschungel verwandelt. Die Rhythmen des Werks haben Seele, die Beats werden von akustischer Percussion gestützt, dazu experimentiert Daniel noch mit jeder Menge Keyboards und Synthies, beweist ein Händchen für Samples. Dieses Debüt versprüht exotisches Flair, das oft so gar nicht zur gängigen Vorstellung vom Ghetto-Biotop Detroit passen will.

Photo Credit: Devin Williams

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Schlaglicht 67: Baba Commandant & The Mandingo Band

Heute möchte ich einen Konzerttipp loswerden. Wer diesen Blog hier öfter besucht, wird bereits festgestellt haben, dass wir bei allem Indie auch ein ausgeprägtes Faible für das haben, was allgemein als Weltmusik bzw. World Music firmiert. Speziell der afrikanische Kontinent hat es mir in seiner klanglichen Vielfalt angetan. Und hier speziell der Afrobeat. Weil er im ewig Widerstreit zwischen Tradition und Moderne auf einen gemeinsamen Nenner zurückgreifen. Er steht stets für eine selbstbewusste Identität, die Länder- und Sprachgrenzen überwindet, eine panafrikanische Botschaft entwickelt. Afrobeat vereint die ganze Diversität des schwarzen Afrikas auf sich. Aus diesem Selbstverständnis heraus hat im Afrobeat ein traditionelles Instrument wie Ngoni ebenso seine Berechtigung wie eine E-Gitarre. Und so freut es mich, wenn man beim Afrobeat nicht nur vom Glanz früherer Tage sprechen kann, sondern auch einen gegenwärtigen Vertreter als Beweis für die Qualität dieser Rhythmen anführen kann. Baba Commandant & The Mandingo Band zählen definitiv dazu. Der charismatische Sänger Mamadou Sanou aka Baba Commandant stammt aus Bobo-Dioulasso, der zweitgrößten Stadt Burkina Fasos. Das sprachliche Universum, in welchem er sich bewegt, ist jenes der Mande-Sprachen Westafrikas. Das 2015 veröffentlichte Album Juguya zeigt einen mitreißenden Künstler, der mit seiner stimmlichen Präsenz das Sammelsurium an Einflüssen stets zusammenhält. Juguya ist in höchstem Maße unterhaltsam, darüber hinaus ist es einerseits eine Hommage an die goldenen Zeiten des Afrobeat, andererseits verankert es das Genre auch fest in der Gegenwart. Der Einfluss des großen Fela Kuti ist zwar unüberhörbar, aber Sanou gelingt es jederzeit, eigene Akzente zu setzen. Die Bandbreite reicht von energetischem Afrobeat bei Ntijiguimorola, der durch eine starken Vortrag samt gackerndem Gebrüll aufgefettet wird, über I Kanafo, bei dem das Call-and-Response zwischen Baba Commandant und dem Orchester mit wiehernden Bläsereinsätze bereichert wird, bis hin zu einem Track wie Siguisso, dessen traditionellen Percussion und Ausgestaltung eher im Umfeld eines Toumani Diabaté anzusiedeln ist. Als weiteres Highlight dieses schlicht umwerfenden Werks wäre Tilé zu nennen, das sich im Grunde so anhört, als hätte man es mit einem ewigen Klassikers des Genres zu tun, was einer stimmigen Instrumentierung voll funkigem Esprit zu verdanken ist. Auch Djanfa gefällt sehr, wie sich hier gegen Ende vom Hip-Hop inspirierter Sprechgesang mit einer rockigen Grundstimmung mischt, empfinde ich als ansprechend und innovativ.

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Am Scheideweg – Anders Enda Barnet

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Mit Anfang 30 auf der schlichten Schaukel aus Kindertagen sitzen, in vielen Erinnerungen schwelgen, dabei mit der eigenen Jugend abschließen, über das Wie des Weitermachens grübeln. Wer sich in dieser Szene wiedererkennt, sollte ohne langem Zögern dem Album I Was Quiet lauschen. Hinter dem Projekt Anders Enda Barnet verbirgt sich der Schwede Anders Göransson, dem mit dieser Platte ein melodisches Stück Slacker-Pop-Rock in der Ästhetik der Achtziger gelungen ist. I Was Quiet blickt zurück, nimmt Erinnerungen dabei aber nie als Ballast wahr, und zugleich schaut es voll Fragezeichen und Erwartungen nach vorn. Es ist ein Album am Scheideweg, dass sich von diesem Umstand allerdings nicht verrückt machen lässt, Lust und Laune nie verliert. Introspektives skandinavisches Singer-Songwritertum trifft hier auf jenen sympathischen Verve, zu dem Nordlichter nicht erst seit ABBA befähigt scheinen, der auch bei gegenwärtigen Indie-Kapellen oftmals auftaucht. Sehen wir uns also ein paar Titel kurz näher an.

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Herrlich amerikanisch, schön lakonisch – The T.S. Eliot Appreciation Society

Wenn ein Pressetext verspricht, dass die mitunter halluzinatorischen Texte eines Albums Geschichten von Menschen erzählen, die Sinn in chaotischen Zeiten suchen, rennt er bei mir offene Türen ein. Über den Sinn des Lebens kann gar nicht genug gegrübelt werden. Und weil dies in konkretem Fall bestens gelingt, möchte ich den werten Lesern heute das wirklich feine Indie-Folk-Projekt The T.S. Eliot Appreciation Society näherbringen. Hinter dem fast großspurigen Namen verbirgt sich der Niederländer Tom Gerritsen, dessen Musik trotz überschaubarer Mittel nie dröge klingt. Seine weiche Stimme und sein gefühlvoller Vortrag verfallen nämlich nie ins Jammern, die Lieder sind erstaunlich pfiffig arrangiert. Die Bandbreite des jüngst erschienen Albums Turn It Golden! reicht vom introspektiven Rahmen, bei dem Gesang und Klampfe im Vordergrund stehen, bis hin zu charmantem Folk-Rock, bei dem es sich positiv bemerkbar macht, dass Gerritsen Mitstreiter für sein Projekt gefunden hat.

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Fast alles wie gehabt – Hope Sandoval & The Warm Inventions

Musikalische Weiterentwicklung wird meist überschätzt. Wenn man das, was man macht, in großartiger Manier macht, besteht wenig Grund für Veränderung. Und deshalb widmet sich Hope Sandoval weiterhin jenen Klängen, die sie in absoluter Perfektion beherrscht. Zusammen mit ihrem kongenialen Partner David Roback ist sie durch Mazzy Star längst zum Inbegriff von Dream-Pop geworden. Das vor über 15 Jahren mit Colm Ó Cíosóig gegründete Projekt Hope Sandoval & The Warm Inventions setzt den Akzent eher auf psychedelischen Dream-Folk. Während der 17 Jahre dauernden Schaffenspause Mazzy Stars hat Sandoval mit The Warm Inventions einen Sound geschaffen, dessen reduzierte Instrumentierung den verhuschten Gesang noch weiter in den Vordergrund rückt. Schon das 2013 veröffentliche Mazzy-Star-Comeback Seasons Of Your Day hat die ohnehin eher in Details liegenden Unterschiede zwischen den beiden Formationen endgültig verwischt. Diese Entwicklung setzt sich auf Until The Hunter, dem mittlerweile dritte Studioalbum mit The Warm Inventions, fort.

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Ein Stück Ewigkeit – Josienne Clarke & Ben Walker

Heute will ich den werten Lesern ein zeitgenössisches Chamber-Folk-Album schmackhaft machen. Overnight ist eine Platte, die nicht nur Hörer zu entzücken vermag, sie kann auch aufstrebenden Musiker als Blaupause dienen. Sogar bewährte Veteranen, die sich hin zu kammermusikalischem Folk entwickeln wollen, sollten die Ohren spitzen. Dem britischen Duo Josienne Clarke & Ben Walker gelingt ein in der Form vollendetes Werk. Eine dem Folk immanente Melancholie wird vom ergreifenden wie schlichten Gesang Clarkes sowie von Walkers akkustischer Gitarre hervorragend eingefangen. Um diesen traditionellen Kern werden weitere Instrumente gruppiert. Stets mit Bedacht, nie ausufernd. Hier ein paar Takte Klavier, dort ein dezenter Kontrabass,  Streicher, wo sie sinnvoll scheinen, sogar ein klagendes Saxofon findet Platz. Manch Stücke transzendieren in eine warme Nachdenklichkeit, wie man sie von hippiehaften Songwriterinnen der Siebzigerjahren kennt, andere Lieder wieder bleiben nahe am archaischen Flair des Folk.

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Frauenpower voll trockenem Humor – Half Girl

Eine angeblich unheimliche All-Girl-Super-Group, die sich als Rasselbande geriert, kann entweder verdammt keck oder unglaublich langweilig klingen. Auch Sixties-Garage und Singalong-Punkrock made in Berlin besitzen sowohl Potential für vergessenswerten Lärm als auch für eine kleine, feine Lo-Fi-Rebellion. Im konkreten Fall lohnt es sich freilich, die Ohren aufmerksam zu spitzen. Denn als Referenzen können die Mitglieder des Quartetts Half Girl unter anderem die Mitgliedschaft bei Formationen wie Britta, Die Heiterkeit oder Luise Pop vorweisen. Grund genug also, dem Album All Tomorrow’s Monsters sogar mit einer gewissen Erwartungshaltung zu begegnen. Bei beinahe allen Nummern der Platte wird diese mehr als nur erfüllt! Das Augenzwinkern der Texte und der oft parodistische Vortrag zählen zu den Stärken der Platte. Das Lied Narzissten mit Zeilen wie „Narzissten lieben mich. Soll das so sein? Ich glaube nicht. Ich glaub‘ an nichts.“ offenbart einen Humor, dessen Wurzeln man unschwer zur Hamburger Schule und zur NDW zurückverfolgen kann. Half Girl sind von der Attitüde her eher mit der Generation der Lassie Singers zu vergleichen als mit auf Krawall gebürsteten Hipster-Girl-Groups gegenwärtiger Prägung. Solch vermeintlich altmodischer Ansatz tritt auch bei fast naiven, herrlich harmlosen Melodien hervor, die von den vier Frauen jedoch gern genüsslich persifliert werden. Auf derart liebenswerte Weise jedoch, dass als Resultat eine launige Single wie Girl In A Band als Power-Pop zum Niederknien begeistert!

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Der Beginn von etwas Großem – IRAH

Dieses Album muss man angehört haben! Mir fällt beim besten Willen kein Makel ein, der dieser Platte anzukreiden wäre. Into Dimensions ist von derart überwältigender Qualität, dass man sich gut vorstellen kann, in vielen Jahren dann höchst ehrfürchtig vom Beginn einer bestaunenswerten Karriere zu schwärmen. Selbstverständlich ist mir geradezu schmerzhaft bewusst, dass die Talente dieser Tage nicht weniger werden. Und da die Zahl kultivierter Hörer nicht rapide zunimmt, werden viele großartige musikalische Projekt nie die kritische Masse an Fans erreichen, um die künstlerische Relevanz zu erreichen, die sich eigentlich verdienen. Dem dänischen Trio IRAH würde ich die Verankerung im Kanon der künstlerischen Etablierten besonders gönnen. Denn dieses Debüt entfaltet eine eigene, faszinierende Magie, von der man in ihren aufregendsten Momenten ungefähr mit jener Ehrfurcht überwältigt wird, die einem als kleiner Knirps vor dem erleuchtenden und von Geschenken umsäumten Weihnachtsbaum widerfährt.

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