Schlagwort-Archiv: Review

Alle Dogmen über Bord – Igorrr & Ruby My Dear

Ich vergesse oftmals zu erwähnen, wie sehr ich Experiment und Grenzerfahrung zu schätzen weiß. Gerade im elektronischen Bereich existieren Kräfte, die nicht einfach nur die Beats per minute hochtreiben und in einen Rausch verfallen, sondern neben allem Tempo eine akademische Neugier und ein damit verbundenes Ausloten von Gegensätzlichkeiten pflegen. Musik immer auch ein Stück weit voranzutreiben, sie in Einzelteile zu zerlegen und neu zusammenzufügen, diesen Anspruch setzen Igorrr & Ruby My Dear mit der jüngst erschienenen EP Maigre vorbildlich um. Diese EP ergeht sich in Extremen, vermengt Breakcore mit Chanson, sampelt sich eine Schneise durch Hardcore und Groteske.

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Die Normalität der Grenzerfahrung – Tante Doktor

Vor einigen Tagen hatte ich hier auf dem Blog die Frage gestellt, weshalb Liedtexte eigentlich oft so nichtssagend sein müssen. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass die hauptberufliche Singer-Songwriter-Existenz den Erlebnishorizont einschränkt. Möglicherweise sind all die vage gehaltenen Lyrics, die sich hochgradig ungefähr mit Liebe und Leid, Scheitern und Tod beschäftigen, auch dem Umstand geschuldet, dass es einer konkreten Erfahrungswelt mangelt, aus der man Geschichten schöpfen könnte. Die Gießener Formation Tante Doktor, deren EP Unsteril ich bereits 2013 erwähnt habe, tut sich da leichter. Hans Voigtmann, der Songwriter der Band, arbeitet als Anästhesist und viel von diesem medizinischen Alltag sickert in die Texte ein. Schon der Titel des im November 2014 veröffentlichten Albums Bipolar belegt dies. Die lakonische, bisweilen nüchterne Poesie der Platte erinnert an das Schaffen von Element of Crime. Ein besseres, ambitionierteres Vorbild kann man in deutschen Gefilden kaum finden. Und die medizinische Komponente von Tante Doktor sorgt für einen sehr eigenen Zungenschlag. Für eine spezielle Atmosphäre, die in ihrer nachdenklichen Besonderheit aus dem eingangs vermuteten schalen Textbrei hervorsticht.

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Ewiger Schwerenöter, zeitloser Galan – Bryan Ferry

Der Typus des ewigen Verführers ist in der Gegenwart ein wenig unter Beschuss. Den verbliebenen Charmeure wird gerne ein antiquiertes Frauenbild attestiert, die Öffentlichkeit betrachtet das Tun der letzten Playboys durchaus kritisch. Herrscht bei diesen Affären denn auch wirklich gegenseitiges Einvernehmen? Oder wurde frau gar auf die Bettkante gezwungen? Zwischen den lauschigen Hausfrauentabus von Shades of Grey und einer auf Shitstorm getrimmten, von Politcal Correctness besessenen Gesellschaft liegt nur ein schmaler Grat. In Kanada etwa ist der Radio- und TV-Moderator Jian Ghomeshi gerade unter die Räder gekommen, weil er seinen One-Night-Stands mindestens mit großer physischer Präsenz nachging. Der Vorwurf von Gewalt wird untersucht. Erst vor wenigen Tagen haben sich die Medien hierzulande mit der wohl neuen und moralisch verwerflichen Profession des Pick-Up-Artists empört auseinandergesetzt. Kurzum, Verführer und Casanovas und alle, die sich dafür halten, sind in einer oftmals sehr gerechtfertigten, tiefen Wirkungsklemme. Doch meist zieht bereits ein nicht eben dezenter Schlafzimmerblick einen Schweif von Zeter und Mordio nach sich. Hysterie und emanzipatorische Notwendigkeit sind manchmal schwer zu trennen. Auch an einem meines Wissens völlig untadeligen Bryan Ferry gehen all die Veränderungen nicht spurlos vorbei. Er repräsentiert bis heute den Gentleman der alten Schule, den Dandy unter den Bonvivants. Sein neues Album Avonmore wirkt daher gänzlich aus der Zeit gefallen, steht für ein edel-männliches Selbstverständnis, wie man es so heute noch selten antrifft. Der Schwerenöter in der Krisis, so lässt sich die Platte zusammenfassen.

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Weihnachtsmedizin, die man süffeln sollte – Erdmöbel

Ich hoffe, ich trete der deutschen Indie-Pop-Institution Erdmöbel nicht zu nahe, wenn ich gestehe, dass ich das lakonische Understatement und die legere Melancholie ihres Tuns nie übermäßig zu würdigen wusste. Erdmöbel sind meiner Meinung nach zwar eine Band, deren schiere Existenz der deutschen Musiklandschaft fraglos gut tut. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich sie mir auch oft anhören muss. Die Formation ist wie die Sorte Medizin, zu der man seinen Mitmenschen rät, die man selbst jedoch oft brüsk – weil unnötig – von sich weist. Kurzum, ich hätte wohl auch dem neuen Album Geschenk nur beiläufiges Gehör geschenkt, wenn es nicht der alljährlich Ende Dezember vollzogenen Feiertäglichkeit einiges Augenzwinkern, trockene Poesie und die nötige Nachdenklichkeit abtrotzen würde. Unser Blog verfällt um diese Jahreszeit immer in einen milden Weihnachtswahn, der nach der richtigen Dosis aus Kitsch, Festlichkeit und Skurrilität ringt. Und hier erweisen sich Erdmöbel als Verbündete im Geiste, deren Affinität zu Weihnachten sich nicht etwa darauf beschränkt, den ewig selben Weihnachtsliedern mit halbherzigen Neuinterpretation zu Leibe zu rücken. Die Gruppe zeigt Originalität, indem sie das Karma gegenwärtiger Weihnachten in besinnliche Episoden gießt.

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Schlüpfende Schmetterlinge – Lily & Madeleine

Das Schwesternpaar Lily & Madeleine hat sich vor zwei Jahren darangemacht, mit einem durchaus eigenständigen, ernsthaft-lieblichen Indie-Folk-Pop Herzen und Köpfe zu verdrehen. Den beiden Teenagern aus dem nicht eben als musikalischen Hotspot verschrienen Indianapolis sind mittlerweile schon zwei bemerkenswerte Alben geglückt. Ihrem letztjährigen Debüt haben sie mit erstaunlicher Schnelle das vor wenigen Wochen erschienene Fumes folgen lassen. Lily & Madeleine erstrahlen als Perfektion in Mädchengestalt, taugen als Projektionsfläche für keineswegs unanständige Träume männlicher Musikfans. Sie repräsentieren das Ende der Unschuld, den Moment, wo eine jugendliche Unsicherheit in heranreifendes Wissen übergeht. Sie betören mit juveniler Nachdenklichkeit, kichern nie, schwärmen nicht, sie wirken wie eine auf Ästhetik und Anstand getrimmte Fantasie, die den Hirnen kultivierter, älterer Herren entsprungen ist. Das Geschwisterpärchen bildet somit die völlige Antithese zu forsch-naivem Backfischtum. Und natürlich scheint es auch meilenweit von einer Jeunesse dorée oder jeglicher Emo-Miesepetrigkeit entfernt.

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Radikalität der Antwortlosigkeit – TWISK

Im Frühjahr habe ich das Album Two des Hamburger Duos TWISK an dieser Stelle als konsequent trostlos angepriesen. Und weiters festgehalten: “Hier kann Musik nicht zum Aufhellen der Stimmung dienen. Eher schon sind Lieder ein Stachel im Fleisch, verströmen Unbehagen, bieten nie die reinigende Katharsis großer Gefühle.”. Mir hat jene spröde Verweigerungshaltung durchaus imponiert, eben weil sie sich als “Kontrastprogramm zu all der Gefühligkeit und dem übertriebenen Erfahrungshunger des Pop-Rock” versteht. Dieser Tage nun erscheint mit Odd Lots eine abermals subversive EP, die den Tonfall von Two fortführt, phasenweise vielleicht sogar noch verschärft. Auch wenn Verweigerung meist mit viel Pathos und Aktionismus zelebriert wird, so besteht die wahre Verweigerung doch eigentlich in einem nüchternen Pokerface samt resignierendem Schulterzucken. Lennart Thiem und Martina Lenzin spüren als TWISK stiefmütterlich behandelten Daseinszuständen nach: Langeweile, Verlorenheit und Trägheit. All dies abzubilden und zugleich einem Impuls hin zu radikaler Veränderung zu widerstehen, solch Gemütsregungen aufzugreifen und dabei nicht in einen hysterischen Betätigungsdrang zu verfallen, exakt diese penetrante Verweigerung verdient Anerkennung. Die Trostlosigkeit des Seins wird heute gern mit dem Ruf nach einem Karrierecoach oder Psychotherapeuten beantwortet. Radikalität der Antwortlosigkeit – TWISK weiterlesen

Endlich Wunderwuzzis? – TV on the Radio

Stell dir, du wärst ein guter Zauberer mit einigen spannenden Tricks und Kniffen. Stell dir weiter vor, dass das Publikum jedoch dermaßen Bauklötze staunt, so als ob du tatsächlich Naturgesetze außer Kraft setzen könntest. Du würdest dir zunächst verhohnepiepelt vorkommen, dann dein Glück kaum fassen wollen und in der Folge sehr entspannt Abend für Abend vor den Vorhang treten. Denn eigentlich hast du nichts mehr zu verlieren, du hast nur eine kleine, feine Illusion gestrickt. Warum bei den Zusehern die Münder gleich Scheunentoren offenstanden, das kannst du dir noch immer nicht erklären. Ungefähr so muss es auch der Indie-Formation TV on the Radio ergangen sein. Der ganze Kritikerkult um die Band beruht ein Stück weit auf einem Missverständnis, dass hier Wunderwuzzis am Werk sind. Dabei waren TV on the Radio seit Bestehen eine bisweilen sehr ordentliche Band, die ganz und gar hochgejazzt wurde. Das wiederum hätte leicht zu übersteigerter Ambition führen können. Die New Yorker dagegen haben sich für den entspannten Zugang entschieden und mit Seeds ein sehr launiges, richtiggehend fröhliches Album vorgelegt, welches in dieser Machart eigentlich nicht dazu taugt, die Musikwelt in den Grundfesten zu erschüttern. Wenn es das dennoch tut, sei es ihm freilich gegönnt.

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Der Muh-Muh-Müßiggang der Taugenichtse – Barbarisms

Ich habe ein ausgesprochenes Faible für den melodischen wie ein wenig verpeilten Lo-Fi-Americana-Indie-Rock der US-Band Clem Snide. Ohne Frage zählt deren Album The Meat of Life zu den liebsten fünf Platten, die ich der letzten 6 Jahren seit Bestehen dieses Blogs besprochen habe. Wenn ich also die amerikanisch-schwedische Formation Barbarisms und ihr gleichnamiges Debüt mit Clem Snide vergleiche, dann drückt dies bereits große Wertschätzung für die Band rund um Mastermind Nicholas Faraone aus. Denn Barbarisms besticht mit lakonischer Slacker-Attitüde, die sich Gepflogenheiten verweigert. Oftmals klingt diese Platte nach dem Muh-Muh-Müßiggang von Taugenichtsen, die in der Beschaulichkeit der Provinz am Leben knabbern und knuspern. In dem willentlich wirren Bewusstseinsstrom der Lyrics steckt der Reiz von Leichtigkeit, die eine Alternative zum biederen Sein unserer Tage birgt.

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Kein Sturm im Wasserglas – Haley Bonar

Manchmal muss man ausholen, um auf den Punkt zu kommen. Bevor ich also diesmal das wunderbare Album Last War der US-amerikanischen Singer-Songwriterin Haley Bonar bespreche, möchte ich kurz in die Grundsätzlichkeit abgleiten. Und darum folgende Fragen anreißen: Wie nimmt man eine weibliche Liedermacherin heutzutage wahr? Legen Mann und Frau an Sängerinnen noch immer andere Maßstäbe an als an Sänger? Ist die vielgepriesene Emanzipation vielleicht nur ein schöner Schein? Wie stereotyp vollzieht sich die Wahrnehmung weiblicher Stimmen im Indie- und Alternative-Bereich? Werden Sängerinnen nicht immer noch arg benachteiligt? Die ganze Leidensgeschichte beginnt bei männerdominierten Plattenfirmen, setzt sich im Bereich der ebenfalls männerdominierten Rezeption fort und macht auch vor Hörern und Hörerinnen nicht Halt. Frauen müssen weitaus mehr Erwartungshaltungen und Klischees bedienen. Wo Mann nach Herzenslust experimentieren darf, sollte Frau süß, engelsgleich oder zumindest herzzerreißend leidend agieren. Wo Mann im zerzausten Hipster-Outfit samt Bart und Brille auf der Bühne stehen darf, möchte man Frau adrett geschniegelt im Kleidchen auftreten sehen. Natürlich darf Frau auch görig daherkommen, allerdings verfestigt sich auch hier der Eindruck, dass damit lediglich ein männlicher Fetisch befriedigt wird. Nun will ich unbedingt daran glauben, dass die Mehrheit aller aufgeklärten Männer das andere Geschlecht als völlig gleichwertig wahrnimmt. Es ist meiner Meinung keine Frage der künstlerischen Ausdruckskraft und des handwerklichen Geschicks, es scheint vor allem diese Extraportion Optik, die von Sängerinnen zusätzlich zu ihrem Können abverlangt wird. Aber nicht nur. Während der Singer-Songwriter über das Leben erzählen darf, dreht sich die Texte von Liedermacherinnen oftmals um eine emotionale Verfasstheit. Frauen will Mann fühlen hören. Aus all den angedeuteten Problemstellungen ergibt sich einmal mehr der Eindruck, dass Singer-Songwriterinnen wesentliche Widrigkeiten überwinden und Kompromisse eingehen müssen, um ihre Kunst unters Volk zu bringen.

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Man hüpfe, wenn man wirklich springen will! – Empire Dust

Hip-Hop trifft auf Alternative Rock, dazu gesellt sich noch die britische Tradition elektronischer Beats. Als Resultat zeigt sich ein Crossover-Album, welches im Geist der Neunziger mit Ambition und Botschaft aus den Boxen schnalzt. Empire Dust verfolgen einen alten Traum, in dem Musik den Finger in gesellschaftliche Wunden legt, um die Ecke denkt, Visionen schwitzt. Dieses selbstbetitelte Debüt zeigt Engagement und Selbstbewusstsein, es will bewegen – Kopf und Beine. Und darum gilt: Man hüpfe, wenn man wirklich springen will.

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