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Schlaglicht 8: Plumes Ensemble

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Vor gut einem Jahr habe ich bereits über die Formation Plumes geschrieben, ihren Indie-Pop mit dem Flair klassischer Musik angepriesen. Dieser Tage nun gilt es die EP Future Loves zu würdigen, bei der die mittlerweile zum Plumes Ensemble angewachsene Gruppe den Pop endgültig von klassischer Ästhetik dominieren lässt. Futures Loves umfasst sämtliche Eigenkompositionen des letzten Jahr erschienen Albums Folk Songs and Future Loves, auf dem auch Stücke eines Béla Bartók zu finden waren. Wer die ohnehin vor allem in deutschsprachigen Landen vorherrschende Unterscheidung von E-Musik und U-Musik seit jeher blödsinnig findet, wird angesichts dieser feinen, kammermusikalisch arrangierten EP einmal mehr den Kopf schütteln. Hier trifft federleichte, französisch inspirierte Klassik auf eleganten, ernsten Pop. Da wäre zum einen Veronica Charnleys Gesang zu betonen, der charmant und souverän und eindringlich erstrahlt. Wie alles an diesem famosen Projekt wirkt auch er einerseits augenzwinkernd gestelzt und zugleich liebenswürdig sprunghaft. Dazu passen die Kompositionen von Geof Holbrooks, deren pittoreske Patina die märchenhafte Magie der EP unterstreicht. All dies wird durch eine zarte, beredte Instrumentierung mit Harfe, Klarinette, Bratsche und Cello noch verstärkt. Die Lyrics wiederum gehen mit einer gehörigen Portion Staunen und Verletzlichkeit durch die Welt. Frappé etwa entzückt mit Zeilen wie “I learned to run barely touching the ground,/ What I would give for this lightness that once abounded./ My sleep is troubled all night, scarcely a breeze blows,/ When I want nothing on me, I need you most!“.  Auch die Texte bewahren sich somit den Crossover-Gedanken, indem sie irdische Sorgen und Nöte mit fantasiehaften Farbtupfern aufhübschen. Schlaglicht 8: Plumes Ensemble weiterlesen

Mit sich im Reinen – Noel Gallagher’s High Flying Birds

Lassen wir die Meriten aus der Vergangenheit einmal völlig außer Acht. Vergessen wir für einen Moment, dass Noel Gallagher mit Oasis eigentlich alles erreicht hat, was man als Musiker nur erträumen kann. Fokussieren wir uns ausschließlich auf das neue Album Chasing Yesterday, welches Gallagher nun mit seinem Projekt Noel Gallagher’s High Flying Birds aufgenommen hat. Ach, ich beliebe zu scherzen! Wie könnte man diese neue Scheibe ohne die glorreiche Vergangenheit auch nur denken. Trotzdem, der genialste Kopf des Britpop muss eigentlich nichts mehr unter Beweis stellen. Denn wer auch immer Zweifel hatte, ob Noel eine Platte ohne die Strahlkraft seines Bruders Liam schultern können würde, wurde bereits beim Debüt 2011 eines Besseren belehrt. Chasing Yesterday steht somit unter keinem besonderen Erfolgsdruck, das Werk muss eigentlich nur seinem härtesten Kritiker gefallen, nämlich Noel Gallagher höchstpersönlich. Denn wenngleich er sich für den größten Songwriter seiner Zeit hält, so ist er andererseits äußerst unerbittlich in der Reflexion des eigenen Schaffens. Im Grunde ist Chasing Yesterday sogar die unter den besten Voraussetzungen entstandene Platte der gesamten Karriere. Denn zu Beginn von Oasis strebte er in den Musikolymp, danach galt es den Platz auf dem Thron zu verteidigen. Und das war keinesfalls eine einfache Angelegenheit, wenn man das Aufnahmestudio mit einem hochgradig attitüdenhaften Bruder teilen muss. Als die Karriere dann vor knapp 15 Jahren eine leichte Delle erlitt, die Gallaghers längst zur Inkarnation von Beavis and Butt-Head zu verkommen schienen, war der Druck ebenfalls nicht gering. In den letzten Jahren vor der Auflösung von Oasis versuchte Noel dem immergrünen Britpop immer neue Relevanz einzuhauchen. Und als er dann die High Flying Birds aus der Taufe hob, wollte er sich – und ein bisschen auch der Welt – beweisen, dass er zum Frontmann taugte. Gerade deshalb hat er mit seinem jüngsten Wurf endlich nichts zu verlieren, solange er nur selbst damit im Reinen scheint.

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Photo Credit: Lawrence Watson

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Schuld und Schicksal, Einschnitt und Neuanfang – Jeff Beadle

Ich will jetzt keine Ode an den Vollbart anstimmen. Dazu ist der Vollbart durch die schiere Masse an Hipstern endgültig diskreditiert. Früher freilich hatte der Vollbart eine Aura rustikaler Authentizität oder der bürgerlicher Vornehmheit. In erstere Kategorie fällt der Vollbart des kanadischen Folksängers Jeff Beadle. Sein Anfang des Monats erschienenes Album Where Did We Get Lost ist ein knorriges Stück Musik ohne jegliches Pipapo. Beadle und seine Gitarre berichten von Träumen und deren Scheitern, von der Liebe mit all ihren Krisen, von Abschieden. Sein Storytelling schöpft aus dem Alltag, es greift aus dem Leben und beschert uns dadurch eine schmerzliche Echtheit. Diese Songs verschanzen sich nie hinter Fiktionalität, sie scheinen eher dem Tagebuch entnommen, wirken echt und schmerzhaft wahr. Geschichten derart zu erzählen, sie emotional zuzuspitzen, sodass sie greifbar und wirklich geraten, all das unterstreicht die therapeutische Qualität von Musik. Natürlich ist mir bewusst, dass Lieder immer ein Werk der Imagination sind und keinen dokumentarischen Charakter haben. Beadle ist seinem lyrischen Ich jedoch verdammt nah. Genau deshalb erzeugt er beim Hörer Gänsehaut, etwa mit dem intensiven Single Mothers, Single Fathers. Hier werden Enttäuschungen auf starke Weise verdichtet, die Tiefpunkte eines Lebensentwurfs schonungslos präsentiert: “We were bright eyed naive lovers,/ Payed no attention to the numbers./ Bought a home deep in the suburbs./ We got lost somewhere in love./ Now it’s late nights at the office./ When I ask I’m told to drop it./ When that starts you just can’t stop it/ Then the whole thing falls apart./ And I can’t help but reflecting,/ Was it me doing the neglecting,/ Was it her that fell rejected straight into another’s arms.“. Beadles bedauernder bis bitter bilanzierender Gesang verfehlt seine Wirkung nicht.

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Zwischen Sepia und Pastell – The Feather

Wenn sich ein Musiker ernsthafter Schönheit verschrieben hat, einer luftigen Erhabenheit, die in schwebenden Schwaden auf den Hörer herniederkommt, dann sollte man diese ganz eigentümliche Stimmung nicht mit viel Blabla torpedieren. Trotzdem will ich ein paar Worte zu The Feather, einem Projekt des belgischen Musikers Thomas Medard, verlieren. Denn das diese Woche erscheinende Album Invisible vereint auf wunderbare Weise die vermeintliche Mühelosigkeit des Indie-Pop mit der Gemessenheit von Chamber-Pop und der flüchtigen Schwermut von Folk. Im Grundkolorit schwankt es denn auch zwischen Sepia und feinen Pastelltönen. Die Platte fällt angenehm aus dem Alltag heraus, taugt zum seligen Sinnieren und zarten Fantasieren. “Tagträume sollten so luftig sein wie Federn, die durch die Lüfte segeln.” meint die werte bloggende Kollegin Eva-Maria und sieht im Sound von The Feather alle Voraussetzungen für den entspannten Müßiggang erfüllt.

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Regional ist besser 2: Woods Of Birnam

Ich lamentiere ja öfter mal, dass so manche Band, wenn man sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen verliert, sich sogleich auf Nimmerwiedersehen auflöst. Jedenfalls habe ich vor einigen Monaten mit Erstaunen festgestellt, dass die Mitglieder von  Polarkreis 18 schon seit 2012 getrennte Wege gehen. So ganz habe ich nicht durchschaut, was nach dem großartigen Hit Allein Allein schief gegangen ist. Damals schien für die Dresdner eine internationale Karriere eigentlich durchaus realistisch. Ein paar Mitglieder von Polarkreis 18 machen mittlerweile zusammen mit dem Schauspieler Christian Friedel als Woods Of Birnam Musik. Das selbstbetitelte Debüt erschien vergangenen Herbst und hinterließ einen hochsoliden Eindruck und ab und an war auch jener hingebungsvoll-ekstatische Moment vorzufinden, der bereits Polarkreis 18 sehr gut zu Gesicht stand. Nicht umsonst hat es der Song I’ll Call Thee Hamlet auf den Soundtrack des Schweiger-Films Honig im Kopf geschafft. Wie sich dieser Titel von einer in Shakespeare’schem Grübeln verhafteten Strophe zum theatralischen Refrain aufschwingt, zählte im letzten Jahr sicher zu den gelungensten musikalischen Augenblicken deutscher Provenienz. Woods Of Birnam zeigen nämlich ein Beifall verdienendes Kunststück: Sie verstehen Songs auf kultivierten wie eingängigen Pathos hinzutrimmen, all das vermittelt die Leichtigkeit von Pop und zugleich eine tiefgängige Reife. Ein Song vom Schlage von Closer muss man geradezu mögen. Auch weil Friedels Gesang eine feine Empfindsamkeit bereithält. Sogar eher missratene Tracks, die vielleicht einen Tick zu sehr nach Song Contest tönen, vermag Friedel noch zu drehen, mit aufrichtig-unschuldiger Gefühligkeit auszustatten (Falling). Manchmal ringen sich Woods Of Birnam sogar zu Synthie-Pop durch (Dance) und auch derart machen sie eine gute Figur. Letztlich erweist sich aber die Band dann am besten, wenn sie sich ohne Wenn und Aber zur bedeutungsschwangeren Geste bekennt, so geschehen beim textlich mächtigen Titeltrack Woods Of Birnam (“Life is but a tale/ Full of sound and fury and exuberance/ Told us by an idiot/ Who stands upon the stage and then/ Then is heard no more“). Spätestens hier hört mein Bedauern über das Ende von Polarkreis 18 auf, stellt sich uneingeschränkte Freude über dieses neue Projekt ein!

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Geschichtsstunde in Sachen Groove – Romare

Man kann in Collagen nur das Schnipselhafte, aus jeglichem Kontext gerissene Stückwerk sehen. Man darf in Collagen aber auch die Kunst begreifen, die Essenz von Dingen zusammenzutragen und zu einem Überblick zu verdichten. Der afroamerikanische Künstler Romare Bearden verstand die Collage als Chance, die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger aufzuarbeiten, die sich dadurch verändernde afroamerikanische Identität in Bilder zu fassen. Seine Technik ist die einer starken thematischen Zuspitzung, seine Werke wirken nie zufällig oder willkürlich zusammengesetzt. Das Bild dominiert bei Bearden stets die Schnipsel. Sein Ansatz zeigt eine afroamerikanische Lebenswirklichkeit zwischen Tradition und Moderne. Und auch 25 Jahre nach seinem Tod haben seine Collagen nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Ich muss ehrlich gestehen, dass mir Romare Bearden bislang kein Begriff war. Und daran hätte sich vermutlich so schnell auch nichts geändert, wäre mir nicht dieser Tage das Album Projections des in London ansässigen Elektronik-Tüftlers Romare in die Hände gefallen. Dass der junge Musiker seine Inspiration bereits durch die Namenswahl unterstreicht, hat mich neugierig gemacht. Und wie ich nun hier sitze, mich begeistert durch Beardens Collagen wühle und dazu der Hommage Projections lausche, komme ich aus dem Staunen nimmer heraus.

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Wundertüte von einer Rockoper – His Name Is Alive

Wenn ich den Inhalt von Tecuciztecatl richtig begriffen habe, dreht sich die Geschichte um eine junge Frau, der bei einer Ultraschall-Untersuchung mitgeteilt wird, dass sie mit Zwillingen schwanger sei. Statt Freude kommt jedoch Entsetzen auf, weil ein Zwilling wohl abgrundtief böse scheint. Die Frau wendet sich daraufhin an einen Bibliothekar, der sich nebenbei als Dämonenjäger verdingt. Zusammen mit ihm versucht sie, den bösen Embryo in ihrem Bauch zu töten, ohne dabei dem anderen Kind Schaden zuzufügen. Klingt wie aus einem billigen Horror-Trash-Movie entsprungen? Das ist zweifelsohne so beabsichtigt. Tecuciztecatl will eine psychedelische Rockoper sein, die den Hörer irritiert und fesselt. His Name Is Alive, das schon seit 25 Jahren bestehende Projekt von Mastermind Warren Defever, hat sich in all den Jahren vorwiegend in der Indie-Nische versteckt und der Unberechenbarkeit gefrönt. His Name Is Alive ist eigentlich eine Misserfolgsgeschichte, weil die unzähligen Sängerinnen der Band, die immer wechselnden stilistischen Ausrichtungen jedwede Wiedererkennung stets torpedierten. Defever war und ist ein einfallsreicher Kopf, der seinem Schaffen jedoch nie ein Mindestmaß an Kohärenz einzuhauchen vermochte.

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La tristesse contemporaine – Baden Baden

Wer hätte gedacht, dass ein verschnarchtes deutsches Städtchen für Betuchte als Namenspate für eine französische Indie-Rock-Kapelle fungieren könnte? Baden Baden klingen denn auch keineswegs so, als würden sie sich schon um einen passenden Altersitz bemühen. Ihr bisweilen hymnischer, oftmals tiefgründiger Sound taugt eher dazu, die Welt – und zwar bei Gott nicht nur die frankophone – zu erobern. Dieser Tage ist mit dem Album Mille éclairs ein in seiner Vielfalt von Ausdruck und Stimmung beachtliches Werk erschienen. Diese Platte vereint den Charme des französischen Pop mit der Vitalität des Britpop. Mille éclairs offenbart sich als Album, das auf Anhieb zündet, durch feine Melodien und eine originäre Ästhetik betört. À tes côtés etwa schwankt zwischen lebensgefühliger Dynamik und nachdenklicher Unsicherheit. Es ist Hymne und Anti-Hymne zugleich und dabei hochgradig stimmig. Ici wiederum besticht als fidele Mischkulanz aus French Pop, Synthie-Dings und Alternative-Bums. Dieses Lied offeriert eine Leichtigkeit im Tralala, eine exquisite französische Note. Ähnlich ergeht es Depuis toi, welches vor allem zu Beginn in seiner latenten Unruhe an Radiohead erinnert, ehe es das gewisse Je-ne-sais-quoi entwickelt, einmal mehr mediterranen Flair versprüht. Hivers lässt dank einer Prise Shoegaze die Gitarren dezent schrillen, L’élégance avec dagegen zitiert sich quer durch die britische Musikgeschichte der letzten 10 Jahre (Placebo, Doves, etc.). Vor allem gegen Ende der Platte gelingt die ganz, ganz große Kunst, die auch vor manch ki­ne­ma­to­gra­phischer, ja sogar post-rockiger Bedeutungsschwere nie zurückschreckt (Criminel). La tristesse contemporaine – Baden Baden weiterlesen

Alle Dogmen über Bord – Igorrr & Ruby My Dear

Ich vergesse oftmals zu erwähnen, wie sehr ich Experiment und Grenzerfahrung zu schätzen weiß. Gerade im elektronischen Bereich existieren Kräfte, die nicht einfach nur die Beats per minute hochtreiben und in einen Rausch verfallen, sondern neben allem Tempo eine akademische Neugier und ein damit verbundenes Ausloten von Gegensätzlichkeiten pflegen. Musik immer auch ein Stück weit voranzutreiben, sie in Einzelteile zu zerlegen und neu zusammenzufügen, diesen Anspruch setzen Igorrr & Ruby My Dear mit der jüngst erschienenen EP Maigre vorbildlich um. Diese EP ergeht sich in Extremen, vermengt Breakcore mit Chanson, sampelt sich eine Schneise durch Hardcore und Groteske.

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Die Normalität der Grenzerfahrung – Tante Doktor

Vor einigen Tagen hatte ich hier auf dem Blog die Frage gestellt, weshalb Liedtexte eigentlich oft so nichtssagend sein müssen. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass die hauptberufliche Singer-Songwriter-Existenz den Erlebnishorizont einschränkt. Möglicherweise sind all die vage gehaltenen Lyrics, die sich hochgradig ungefähr mit Liebe und Leid, Scheitern und Tod beschäftigen, auch dem Umstand geschuldet, dass es einer konkreten Erfahrungswelt mangelt, aus der man Geschichten schöpfen könnte. Die Gießener Formation Tante Doktor, deren EP Unsteril ich bereits 2013 erwähnt habe, tut sich da leichter. Hans Voigtmann, der Songwriter der Band, arbeitet als Anästhesist und viel von diesem medizinischen Alltag sickert in die Texte ein. Schon der Titel des im November 2014 veröffentlichten Albums Bipolar belegt dies. Die lakonische, bisweilen nüchterne Poesie der Platte erinnert an das Schaffen von Element of Crime. Ein besseres, ambitionierteres Vorbild kann man in deutschen Gefilden kaum finden. Und die medizinische Komponente von Tante Doktor sorgt für einen sehr eigenen Zungenschlag. Für eine spezielle Atmosphäre, die in ihrer nachdenklichen Besonderheit aus dem eingangs vermuteten schalen Textbrei hervorsticht.

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