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Musik, der man nicht auf die Brüste schaut – K.Flay

Pop meets Hip-Hop meets Indie. Zugegeben, diese Formel garantiert zwar noch nicht, dass das Resultat geschmackssicheren Zeitgenossen wirklich hörbar erscheint, aber in diesem Zugang liegt zweifelsohne Potential. Vielleicht lauert in diesem Dreiklang sogar die Chance, aus allen Genre-Stereotypen auszubrechen. Und gerade Hip-Hop hätte eine Neuorientierung bitter nötig. Der US-Amerikanierin Kristine Flaherty gelingt unter ihrem Bühnennamen K.Flay ein nie langweiliges Debüt. Life As A Dog ist eine Platte voller Verve und Aufmüpfigkeit, tatsächlich um die Ecke denkend. Endlich einmal ist es keine Bitch und keine Sexbombe, die hier im Sprechgesang den Machismo einer Gesellschaft spiegelt und zugleich bedient. Und es scheint leider kein Zufall zu sein, dass K.Flay wohl auch deshalb so sein kann, wie sie sein will, weil sie eben nicht der afro-amerikanischen Bevölkerungsgruppe angehört. Der Pressetext zur Platte verweist weiters nicht zu Unrecht auf die Neunziger-Indie-Ikone Liz Phair. Denn auch K.Flay kommt eher aus der widerspenstigen, unangepassten Ecke. Dazu gesellt sich noch der Wunsch nach Selbstbestimmtheit und der Post-Feminismus einer Lena Dunham. So klingt Musik, der man nicht auf die Brüste schaut.

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Falsche Bescheidenheit einer stupenden Band – Maff

Wenn man über die Band Maff etwas weniger Schmeichelhaftes sagen will, dann dass die Formation aus der chilenischen Hauptstadt Santiago wohl nicht den formidabelsten Bandnamen ersonnen hat. An der stupenden Musik der gleichnamigen, vor wenigen Wochen veröffentlichten EP lässt sich dagegen kein Makel finden. Als ich über diese EP beim Kollegen Nicorola gestolpert bin, war es sofort um mich geschehen. Maff stehen für eine vielfältige Mischung aus Shoegaze, Post-Punk, Indie-Rock und Post-Rock. Bei praktisch jedem Track wird ein anderer Akzent gesetzt. Das acht Songs und einen Radio Edit umfassende Werk als EP zu bezeichnen, scheint ohnehin falsche Bescheidenheit zu sein.

Doch sehen wir uns die Stücke ganz kurz näher an. Beim grandiosen, majestätischen Walking On Fire etwa dominiert Post-Rock, der wie eine Mixtur aus And So I Watch You From Afar und Explosion In The Sky und einer sehr melodisch gestimmten Alternative-Rock-Kapelle klingt. Someday dagegen mutet nach einer shoegazigen Nummer aus den Neunzigern an, ein Konglomerat aus Low, Yo La Tengo und His Name Is Alive vielleicht. Falsche Bescheidenheit einer stupenden Band – Maff weiterlesen

Mit Intellekt und Schlichtheit zu neuen Horizonten – MyKungFu

Singer-Songwriter-Nachdenk-Pop aus der Schweiz, vorzüglich melodisch gesponnen, in den Texten das Gefühlschaos des Alltags thematisierend. Das alles riecht gewaltig nach einer Platte für Feingeister. Der Schweizer Domi Schreiber hat mich mit seinem Projekt MyKungFu bereits 2013 überzeugt. Das Album Repeat Spacer hat mit Kopflastigkeit, Wagemut und zartbitterem Pop zu punkten gewusst. Und ähnliches lässt sich auf über Hiergeist Pt.1 sagen. Wer zu Komplikationen neigt, sie zumindest aber zu schätzen weiß, wird an den Lyrics gefallen finden, wer unaufdringlichen Harmonien huldigt, wird von der hintergründigen Musik angezogen sein. Hiergeist Pt.1 offenbart sich als Kleinod-Pop, der die richtige Balance aus Intellekt und Schlichtheit findet.

MyKungFu

Eines der Highlights des Albums ist fraglos der Song Gospel. Einer sonnigen Melodie, die mich aus irgendeinem Grund an George Harrison erinnert, stehen die Zeilen „You have the time of your life/ And no one’s there to see/ Your world standing still/ Right here, right now“ zur Seite. Was nach warmer Euphorie schreit, nach einem Idyll in der Abgeschiedenheit tönt, wird fast trocken dargeboten. So sehr der Song den Pop bejaht, so sehr verweigert er sich Herkömmlichkeiten. Mit Intellekt und Schlichtheit zu neuen Horizonten – MyKungFu weiterlesen

Florence goes Eighties, nur besser! – The Mynabirds

Florence Welch goes Eighties. Diese Assoziation kam mir gleich bei den ersten Takten der Platte Lovers Know. Und meist prägt ja der erste Gedanke die Art und Weise, wie man ein Album in seiner Gesamtheit wahrnimmt. Dieser Eindruck hat mich dann auch das gesamte Werk nicht mehr wirklich losgelassen. Meiner bescheidenen Meinung nach könnte Laura Burhenn und ihrem Projekt The Mynabirds mit Lovers Know der verdiente kommerzielle Durchbruch vergönnt sein. Denn das Achtziger-Revival ist noch lange nicht vorbei, fiebriger Pop samt omnipräsentem weiblichem Gesang scheint ebenfalls weiterhin angesagt. Solch Mischung aus Nostalgie, Kommerz und Indie-Attitüde erfüllt somit alle Kriterien, um Musikhörer zu enthusiasmieren.

Wie bereits erwähnt ist es der Opener All My Heart, der den Tonfall setzt: „But when I love I love with all heart/ I’d walk through hell for just one kiss/ I’d give everything I have for a minute more of this„. In diesem Liebeshunger, der ohne Rücksicht auf Verluste bejaht wird, steckt viel weibliche Leidensfähigkeit, zugleich lässt der markige Vortrag keinerlei Unterwürfigkeit aufkommen. So – und nicht anders – tönt Female-Fronted-Pop voll Strahlkraft! Burhenn verkörpert das ikoneske Element der Achtziger, teilt sich mit Florence Welch den sinnlichen, heißblütigen Ausdruck. Und ab und an schimmert sogar die eine oder andere schwedische Pop-Prinzessin durch. Florence goes Eighties, nur besser! – The Mynabirds weiterlesen

Elektronische Subkultur in der Blüte – Peru Boom

Gerne wird ja die Musikszene zum Global Village verklärt. Doch das ist eigentlich Bockmist. Denn das globale Dorf ist voller Einbahnstraßen, die von Europa und Nordamerika zwar in alle Welt führen. Aber wieviel bekommen wir eigentlich davon mit, was in Afrika oder Südamerika an neuen Sounds entsteht? In der Regel erfahren wir das über Umwege, etwa wenn europäische und amerikanische Produzenten und DJs exotische Trends aufgreifen und in unsere Clubkultur einführen. Solch Filter sorgen jedoch auch dafür, dass der durchschnittliche Musikfan die diversen Subkulturen nie wirklich wahrnimmt. Hand aufs Herz, wem etwa ist bewusst, dass es in Peru einen lebhafte elektronischen Underground gibt? Mir zumindest nicht. Und dies wäre wohl auch so geblieben, wenn ich nicht diese sehr informative Review von Bob Cluness auf The Quietus gelesen hätte, in der die Compilation Peru Boom – Bass, Bleeps & Bumps From Peru’s Electronic Underground gewürdigt wird. Diese Zusammenstellung bringt uns Tropical Bass näher, führt uns in die Lebendigkeit der südamerikanischer Clubatmosphäre ein. Es ist ein Eintauchen in eine Welt, die sich nicht auf heißblütige Klischees berufen muss. Diese Szene braucht nicht lang und breit um ein Selbstverständnis ringen. Sie scheint im Augenblick verhaftet, ständig in Bewegung, stets im Austausch, versöhnt Tradition und Moderne. Verkörpert somit all das, was einer Subkultur zur Blüte verhilft.

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Metamorphose in der Saure-Gurken-Zeit – Briana Marela

Es soll ja Menschen geben, die sich ganz dem Sommer und der daraus resultierenden Vergnügungssucht hingeben. Und das dürften so wenige nicht sein, weshalb es zum Beispiel bei den musikalischen Veröffentlichung im Sommer in der Vergangenheit vergleichsweise karg zuging. Vielleicht traute man den Musikhörern nicht zu, sich auch in der Hitze des Juli und frühen Augusts sich mit neuen Platten zu beschäftigen. Doch in den letzten Jahren wird auch dieses Veröffentlichungssommerloch immer kleiner. Eines der diesjährigen Saure-Gurken-Zeit-Alben ist das sehr ungewöhnliche All Around Us der US-Amerikanerin Briana Marela. Die in Seattle geborene und aufgewachsene Singer-Songwriterin beschert uns nämlich einen auf den ersten Eindruck eher seltsamen Sound, der jedoch bei Lektüre des Pressetextes mit einem Schlag sehr schlüssig wird. Durch einen Freund nämlich lernte Marela Alex Somers kennen. Somers ist durchaus umtriebig in der isländischen Szene tätig, als Lebensgefährte von Jón Þór Birgisson, seines Zeichens Mastermind von Sigur Rós, stehen ihm wohl auch alle Türen offen. Zusammen mit ihm bildet er das Duo Jónsi & Alex. Somers sorgt als Produzent dieses Werks dafür, dass All Around Us viel Island-Flair entfaltet. Da wäre einerseits ein kindlich anmutender Vortrag, der so wirkt, als würde Marela in Björks Babyschuhe schlüpfen. Dazu kommen Lyrics voll Intimität und positivster Naivität – und ein sachter Beat samt allerlei elektronischen Sperenzchen.

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Schlaglicht 23: BEAK>

Dieser Tage verlasse ich mich aus sommerlicher Faulheit heraus in puncto Musik sehr auf das, was an diversen Newsmails so hereinflattert. Daher hätte ich fast die Veröffentlichung einer neuen EP von BEAK> verpasst, wenn ich nicht auf Nicorola, einem der wenigen Musikblogs meines Vertrauens, darauf gestoßen wäre. BEAK> ist mehr als nur ein obskures Indie-Projekt, einer der Köpfe ist schließlich kein Geringerer als Geoff Barrow von Portishead. Die nun veröffentlichte BEAK> <KAEB Split EP umfasst 4 Tracks, die von Spoken Word über Reminiszenzen an Simon & Garfunkel bis hin zu Krautrock allerlei aufbieten. So konsistent die Ästhetik bei Portishead angelegt ist, der werte Nico weist nicht umsonst darauf hin, dass dies um den Preis geschieht, in 21 Jahren gerade einmal 3 Studioalben veröffentlicht zu haben, so sehr ist BEAK> dem Experiment, einer spontanen Produktivität verpflichtet. Der erste Track The Meader etwa tönt als ganz old-fashioned gestrickter, treibender Krautrock. Bereits diese Nummer lohnt den Kauf. Auch Broken Window mit seinem Drone-Charakter und den hypnotischen Prog-Rock-Elementen fällt hörenswert aus. Danach jedoch wird es richtig schräg. When We Fall entpuppt sich als gedämpfte Ballade im Stile von Simon & Garfunkel. Dieser Song ist so überraschend wie liebenswürdig. There’s No One vermischt Rap mit sakralem Chorälen, steigert sich in eine derwischhafte Spoken-Word-Performance samt psychedelischen Effekten hinein. Solch theatralische Grenzgängerei sollte man durchaus auf sich wirken lassen. Schlaglicht 23: BEAK> weiterlesen

Wieder Discoking sein – Ratatat

Zugegeben, ich bin kein Teenager mehr, der sich die Nächte in schwülen Clubs um die Ohren schwitzt. Klar, irgendwelche Strandfeten mit Trance-Gewummer können mir schon längst den Buckel runterrutschen. Aber wenn mich wieder etwas auf den Tanzboden locken könnte, dann zweifelsohne das neue Album Magnifique des Brooklyner Duos Ratatat. EDM meets Rock, so die Kurzformel der Lebensfreude versprühenden Platte. Magnifique fällt  unendlich launig aus, zeigt sich überraschend melodisch, umarmt Ideen flinken Schritts. Dem Werk fehlt die Schablonenhaftigkeit herkömmlicher elektronischer Tanzmusik. Stattdessen wird es mit gut abgehangenem, spacigem Rock angereichert. Was das Album jedoch besonders gut beherrscht, ist eine Mischung aus wildem Treiben auf dem Dancefloor und entspanntem Chillen. Allmusic hat es prima zusammengefasst, wenn es das Album als „bouncing between sunny, hook-heavy uptempo tracks that have the kind of manic energy that could lead people to tear off their shirts and seriously lose it on the dancefloor and relaxed, soft rock-inspired songs that serve as a nice soundtrack when one is coming down from those kinds of highs“ beschreibt.

RATATAT – CREAM ON CHROME from theoffstream on Vimeo.

Der Kracher des Werks findet sich gleich zu Beginn. Cream On Chrome sorgt für die Wiederauferstehung des Discokings in mir. Die hypnotische Bassline dieser Nummer ist sagenhaft groovy, dazu gesellen sich noch herrlich auf Bombast getrimmte Gitarreriffs. Cream On Chrome klingt nach der vielleicht durchaus lasziv angehauchten Party, die man immer schon besuchen wollte. Wieder Discoking sein – Ratatat weiterlesen

Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain

Samantha Crain gehört nicht zu jenen privilegierten, weißen Singer-Songwriterinnen, die all ihre  Mittelstandsproblemchen in Lieder packen und stolz damit hausieren gehen. Sie zählt nicht zu denen, die selbst dann noch über Selbstverwirklichung grübeln, während das Leben herum schon längst zu einem einzigen Trümmerfeld geworden ist. Crain ist indianischer Abstammung, vom Volk der Choctaw. Sie kennt Außenseitertum. Ihre Lyrics spiegeln die Wirklichkeit jener Bevölkerungsgruppe wider, die man in den Staaten Blue Collar nennt. Die Texte schildern ein Milieu einfacher Arbeiter, die es nie zu großen sozialen Ansehen bringen werden. Crain blickt auf diese Existenzen nie herab, sie wirft einen Blick in die Existenzen hinein. Und zwar in jene, die trotz Misslichkeiten wie ungewollten Schwangerschaften nicht aufgeben, die sich allerdings zugleich keinerlei Illusionen hingeben. Ihre Charaktere kämpfen verzweifelt um das kleine bisschen Glück. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und genau unter dieser Prämisse sollte man sich diesem Americana-Album Under Branch & Thorn & Tree nähern.

Leben ist Glücksache. Diese lapidare wie wahre Erkenntnis wird man auch in Crains Liedern finden. So etwa beim Song Elk City. Ein wenig Sex mit einem Kerl, der abends nur vorbeigekommen ist, um wie vereinbart die Waschmaschine zu reparieren, kann das Leben nachhaltig verändern („Well that night turned into 9 months/ Sitting on my ass/ Waiting for a baby/ My first and my last„). Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain weiterlesen

Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow

Heute möchte ich dem werten Leser eine außerordentliche Americana-Platte ans Herz legen. Diese Platte schimpft sich zwar EP, aber angesichts von 6 Liedern und über 29 Minuten Laufzeit erscheint mir dieses Format eher willkürlich gewählt. Hinter dem Namen Dicey Hollow stecken Petter Ericson Stakee und Jamie Biden. Ersteren könnte man übrigens als Kopf von Alberta Cross kennen. Dicey Hollow darf somit als typisches Nebenprojekt verstanden werden, dass die Erkundung eines neues Genres wagt. Im konkreten Fall wendet sich Stakee dem Alternative Country und der sehr vielfältigen amerikanischen Folk-Tradition zu. Die schlicht nach dem Projekt benannte EP fällt in ihren Lieder derart unterschiedlich aus, dass ein genauerer Blick lohnt.

Die von Piano und herzschwerer Gitarre bestimmte Americana-Ballade Silver and Sand darf getrost als stärkster Track einer tollen EP gelten. Der Song besticht durch ungemeine Wehmut, gibt sich dabei jedoch nicht wimmernd, eher nachdenklich und lapidar. Welch schönes Stück! Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow weiterlesen