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Co­ming-of-Age-Musik eines Ausnahmetalents – Denai Moore

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Es muss schon Ostern und Weihnachten auf denselben Tag fallen, um aus mir einen R&B-Fetischisten oder Soul-Enthusiasten zu machen. Die Londonerin Denai Moore vermag mich dennoch mit ihrem Soul-Pop samt eindeutigen Anleihen beim Singer-Songwriter-Folk um den Finger zu wickeln. Moore präsentiert ihre Musik mit dem Understatement und der Nachdenklichkeit des Indie, verzichtet auf schrille Aufgeregtheit und billigen Glamour, welche Soul und Contemporary R6B heutzutage oft prägen. Ihr Album Elsewhere erweist sich als musikalischer Glücksfall, der auch dem Mainstream verpflichtenden Hörern die Gehörgänge vergoldet. Elsewhere fängt sie alle ein, die Illiteraten, die Media Markt als erste Adresse für CDs erachten, und natürlich auch jene Gourmets, die das Außergewöhnliche in der Musik aufspüren wollen. Dabei ist Moores feine Stimme gar nicht mal über alle Maßen speziell, die Art ihres Vortrags ist es, die so staunen macht.

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Zurück ins Hier und Jetzt – Collapse Under The Empire

Das Hamburger Post-Rock Duo Collapse Under The Empire hat in den vergangenen Jahren unermüdlich Album um Album ertüftelt, es vergeht kein Jahr ohne neue Klänge. Die Markenzeichen der Herren Chris Burda und Martin Grimm sind futuristische Ästhetik und klirrende Kühle. Ihr instrumentaler Post-Rock schildert visionäre Sci-Fi-Märchen und kristallene Dystopien. Es sind ein Stück weit entmenschte, majestätische Klänge. Zu ihrem Album Sacrifice & Isolation (2014) kam mir folgender Vergleich in den Sinn: “Die Tracks türmen sich gleich gefrorenen Monolithen auf, ragen imposant und zeitlos empor. Oftmals wird der Hörer von den Ausmaßen und der Dynamik der Szenerie geradezu erschlagen. Denn die Stücke wirken wie durch den Sucher einer Kamera aufgenommen, die anfänglich in die Horizontale filmt, sich an Erhebungen festkrallt und dann Meter für Meter nach oben neigt.”. Collapse Under The Empire kreieren somit mit ihrem Zusammenspiel aus flirrenden Gitarren und elektronischen Klängen ein weltverlorenes, zivilisationsfremdes Ambiente, das die Abgeschiedenheit und Zeitlosigkeit unwirtlichster Landschaften heraufbeschwört.

Als mir vor ein paar Wochen die Nachricht ins Mail-Postfach flatterte, dass im April eine vier Tracks umfassende EP erscheint, auf welcher ein Filmkomponist und Remixer namens Cato Hand an ausgewählte Stücke des Duos legt, habe ich ein bisschen den Kopf geschüttelt. Collapse Under The Empire entwerfen bereits perfekt in Szene gesetzte Bilder, was also könnte die schlicht als The Remixes betitelte EP noch mehr bieten? Nachdem ich mir nun die betreffende Tracks im Original und in der remixten Version angehört habe, vermag ich darauf eine Antwort zu vermuten. Zurück ins Hier und Jetzt – Collapse Under The Empire weiterlesen

Empfindungen wie aus dem Tagebuch – Sofia Talvik

Kann man die Traditionen eines Kulturkreises verinnerlichen, so sehr sogar dass man schon Teil davon zu sein scheint? Kann man als deutscher Musiker einen Reggae machen, der jedem Jamaikaner wohlig in die Eingeweide fährt? Oder gar als schwedische Singer-Songwriterin ein Americana-Album basteln, dass nordamerikanische Musikerinnen vor Neid erblassen lässt? Ja, alles eine Frage der Neugier, mit welcher man einer Kultur begegnet. Die weltenbummelnde Schwedin Sofia Talvik etwa hat auf  ihrer neuen Platte Big Sky Country ihre 16 Monate dauernde, sich über 37 US-Bundesstaaten erstreckende Tour nochmals Revue passieren lassen. In diesem Werk schwingt neben ein bisschen rustikaler Patina eine stimmliche Engelsgleiche mit, wie man sie in den Sechziger und Siebzigern im Folk oft gehört hat. Talviks Gesang verströmt eine Sanftheit, ein im besten Sinne blauäugiges Staunen, ihr lyrisches Alter Ego wirkt nie cool, abgeklärt oder gar routiniert. Es ist vielmehr von Situationen, Emotionen überwältigt. So gewinnen ihre Songs an Unmittelbarkeit, Talviks Geständnisse, Sehnsüchte und Empfindungen gleichen mit zärtlicher Handschrift verfassten Tagebucheinträgen. Die Schwedin fängt ein Stück alltäglichen Sehnens und Bereuens ein, verpackt es in einen Sound des ruralen Amerikas, von den Rockies bis zu den Appalachen.

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Schlaglicht 12: She Keeps Bees

Das Dasein des interessierten Musikenthusiasten entpuppt sich als durchaus mühsam. Speziell bei einer Vorliebe für nicht dezidiert dem Mainstream huldigende Musik wird man von der Fülle überwältigt. Es ist wie auf einer Fete mit lauter feschen Menschen, wo man nicht weiß, mit wem man zuerst anbandeln soll. Und das netteste Lächeln, die schönsten Augen, die sich in einer Ecke des Zimmers verstecken, übersieht man vielleicht sogar ganz. Ein Stück weit ist es mir so mit dem Album Eight Houses von She Keeps Bees ergangen. Ich hatte es vor Veröffentlichung zwar auf dem Radar, aber irgendwie habe ich es dann in der Masse aus den Augen verloren. Mein Verlust. Denn Eight Houses entpuppt sich im Nachhinein als Platte zum Verlieben, getragen von der überwältigenden Stimme Jessica Larrabees. Ihre Intensität erinnert an eine Juliette Lewis oder PJ Harvey, sie wirkt so bluesig und hemdsärmelig einerseits und zart und nuanciert anderseits. Sie steht somit ganz in der Tradition mächtiger, selbstbestimmter, charismatischer Frauenstimmen, die ihre Weiblichkeit auch über Dynamik und Stärke definieren und eben nicht die eigene Fragilität bis zum Exzess überbetonen.

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Mikrorebellen & Bestandsaufnehmer – van Kraut

Ist den Lesern heute schon ein unbequemer Gedanke, eine unbehagliche Emotion über den Weg gelaufen? Man sollte sich solch Verunsicherungen ruhig stellen, existenzielle Befindlichkeiten nicht reflexhaft mit Bildchen süßer Kätzchen oder dem Konsum von Trash-TV bekämpfen. Sich guten Gewissens der Melancholie des Bedauerns und einem Grübeln über kleine Dinge hingeben. Diese Botschaft jedenfalls strahlt das Hamburger Gitarrenpop-Duo van Kraut aus, das in kräftigeren Momenten schon mal an Selig erinnert. Das Debüt Strahlen besticht durch lakonische Impulse, greift eine Erinnerung, eine Intuition, eine Beobachtung auf – und sinniert und sinniert. Es sind Gedankengänge aus alltäglichen Situationen heraus, plötzliche Überprüfungen des Gemütszustandes, sogar Mikrorebellionen.

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Mit zwei Ideen gen Europa – Marco Brosolo

Es sind zwei Ideen, die das Album Cadremo Feroci prägen. Zunächst hatte der Italiener Marco Brosolo den Einfall, Lyrik und Musik verschmelzen zu lassen, indem er sich daran machte, Poeme des friulanischen Dichters Federico Tavan zu vertonen. Danach folgte eine weitere Eingebung. Die Gedichte wurden in verschiedene Sprachen (Deutsch, Englisch und Französisch) übertragen und von Musikern und Sängern aus vielen Teilen Europas interpretiert. Aus dieser Konzeption entsteht ein im besten Sinne kollaboratives und länderübergreifendes Werk, das von Sprechgesang über Pop-Chanson noir und reflektivem Folk-Pop bis hin zu Downtempo-Balladen und Indie-Pop samt gelungener Crooner-Attitüde reicht. Mit all seinen Gästen – unter anderem dem Schlagzeuger von Einstürzende Neubauten – huldigt Brosolo einer Vielfalt, überwindet Sprachgrenzen, verkürzt Internationalität nicht nur auf den Gebrauch des Englischen. Cadremo Feroci hat beispielsweise Pensiero zu bieten. Es besticht dank reduziertem Hip-Hop-Pop mit Spoken-Word-Intermezzo und einer Portion Italo-Flair.  Ein flüchtiges Piano durchwirkt die vom Franzosen Dominique A angebotene Schwermut bei La pleine voix, während Parabola von Synthie-Schleiern und einem Schluckauf-Beat dominiert. Im Verlauf letzteren Songs tut sich eine kleine Pop-Fröhlichkeit auf, die ihn zum Highlight der Platte macht. Parabola wurde übrigens von Robert Lippok arrangiert, den man von dem Trio To Rococo Rot kennen könnte. Wäre ich normal entpuppt sich als romantischer, kompromisslos traumtänzerischer Deutschpop, vorgetragen von Toni Kater. Zu guter Letzt sorgt Brosolo nochmals für einen Akzent, indem er bei Albero die Crooner-Stimme von Bobby Solo mit einem eher unruhigen Indie-Pop zusammenspannt.

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Lass Hoffnung sein! – Xavier Rudd & The United Nations

Ein Flugzeug stürzt in den französischen Alpen ab, der Aktienkurs von Lufthansa sackt daraufhin in den Keller. Millionen Tonnen Plastik gelangen Jahr für Jahr in die Ozeane, Müllvermeidung juckt uns dennoch nicht. Die Bill & Melinda Gates Foundation möchte wohltätig sein, erzielt seine Rendite jedoch durch Investments in Firmen, die den Lebensraum von Menschen zerstören. Ob Zynismus, Ignoranz oder Dummheit, all die Attitüden haben uns fest im Griff. Sie werden immer mehr zu Grundpfeilern zivilisierten Denkens. Muss das so sein? Kann man einen radikalen Gegenentwurf überhaupt denken, ohne gleich als naiv oder wirtschaftsfeindlich gebrandmarkt zu werden? Der australische Singer-Songwriter Xavier Rudd versucht nicht erst seit gestern, einen Weg zurück nach vorn aufzuzeigen. Er betont das archaische Element, eine Einheit mit der Natur, die Rückbesinnung auf spirituelle Energie. Für ihn sind Denken und Fühlen des Menschen in solidarischen Stammesgemeinschaften entstanden. Jedwede Verbundenheit mit den Ahnen – sowie ein Bewusstsein für Geschichte – erachtet er als Grundvoraussetzung, um an ein Morgen zu denken, die Kurzsichtigkeit des Hier und Jetzt zu überwinden. Nun könnte man Rudd als esoterischen Öko-Spinner abtun, seine Vision diskreditieren. Aber was haben uns die Verfechter der Marktwirtschaft an ethischen Angeboten zu machen? Was haben sie außer einer geradezu im Dogma des Zynismus gehaltenen rigorosen Evolution anzubieten? Welche Frohbotschaften, welche sinnstiftenden Werte hat der westliche Gesellschaftsentwurf der Gegenwart im Talon? Da bleibt nicht viel, wenn man Materialismus und Konsum nicht als der Weisheit letzter Schluss ansieht. Vielleicht lohnt es also doch Rudds neuem Album Nanna zu lauschen. Selbiges hat er mit einer Reihe großartiger Musiker aus allen Winkeln der Welt aufgenommen. Als Xavier Rudd & The United Nations kreieren sie einen von Reggae befeuerten, exzeptionellen Sound.

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Keine üppige Italo-Bombshell – Laura Carbone

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Der Name Laura Carbone erinnert mich irgendwie an hochgradig kultiges, ein wenig schrottiges Italo-Kino der Siebziger. Doch wem nun eine üppige Bombshell vor dem geistigen Auge herumtränzelt, sollte seine Fantasie besser im Zaum halten. Denn so eine ist Frau Carbone nicht. Sie ist vielmehr im eher schnöden Mannheim beheimatet, hat bereits mit der Band Deine Jugend auch sich aufmerksam gemacht. Ihrem jüngst veröffentlichten Solowerk Sirens kann man so einiges attestieren, jedoch keinerlei Affinität zu jeglichem Italopop. Der Bloggerkollege Coast Is Clear etwa versteigt sich sogar dazu, beim Song Heavy Heavy an eine Lana Del Rey mit PJ Harvey-Gitarren zu denken. Für mich schwingt bei diesem Lied eine Portion der exzellenten Darkness Falls mit. Beim tollen Track Swans dagegen muss ich an die fiebrigen Achtziger einer Laura Branigan oder Kim Wilde denken, das ist waviger Pop samt starker Melodie, die sich eingängig zum Quadrat präsentiert.

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Leben als Glückssache – Courtney Barnett

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Wenn Courtney Love und Sheryl Crow eine gemeinsame Tochter hätten, die sich noch dazu das Postergirl von anno 2015, Lena Dunham nämlich, zum Vorbild nähme, dann würde jenes Töchterchen exakt so klingen wie Courtney Barnett. Die Australierin schafft mit ihrem Debüt etwas, wofür jeder gestandene Künstler das letzte Hemd opfern würde. Sie entwickelt eine ureigenes Storytelling, eine textliche Rafinesse ohnegleichen. Erzähler und Erzählerinnen fallen in der Regel nicht vom Himmel, umso erstaunlicher scheint die Leistung des Erstlings Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit. Barnett versteht es, aus kleinen Episoden und Momentaufnahmen heraus ein Lebensgefühl zu skizzieren. Ihr Vortrag gleicht einem Bewusstseinsstrom, der Wahrnehmungen und Reflexionen ungefiltert rauspfeffert. Zusammen mit einem lärmig-rauchigen, mit Blues unterfütterten Indie-Rock resultiert daraus eine der famosesten Platten dieses Jahres!

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Ohne Übermut ins Gestern – See Through Dresses

Wir kaufen Produkte von Knorr, weil die Firma für die Würze aus der Tüte steht. Wir greifen zu Nudeln von Barilla, da sie uns einen Hauch Italien in die Küche wehen. Unsere Waschmittel sind seit Generation von Henkel. Die breite Masse gibt sich markenbewusst. Jedoch nicht bei Musik. Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller kämen kaum auf die Idee, ein bestimmtes Label mit einem Vertrauensvorschuss auszustatten. Der Satz “Schau, die CD ist von Universal, dann wird die Musik wohl ganz ordentlich sein.” ist mir noch nie zu Ohren gekommen. Warum eigentlich nicht? Weshalb spielt im Bereich der Musik die Plattenfirma höchsten bei absoluten Fetischisten eine gewisse Rolle? Ich für meinen Teil vertraue dem Label Ninja Tune in puncto Electronica blind. Und in deutschen Breiten mausert sich das Münsteraner Label This Charming Man zu einer Marke, der man bedenkenlos höchst Indie-Qualität zugestehen darf. Das bestätigt auch die jüngste Veröffentlichung, die gleichnamige Platte der See Through Dresses. Die Band aus Nebraska liefert ein nostalgisches Album ab, welches seine Inspiration überwiegend aus den Jahren von 1990-1995 bezieht. Dabei wird ein College Rock eingefangen, dazu gesellt sich die eine oder andere Dosis Shoegaze, weiters stößt man auf sepiahafte Popmelodien. Die See Through Dresses versetzen sich mit größter Selbstverständlichkeit – aber ohne Übermut – in jenes Gestern, wagen sogar das eine oder andere Experiment. Der Track You Get Sick Again etwa klingt nach einer in quirligem Noise-Pop gehaltenen Version eines Songs von The Cure.

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