Schlagwort-Archiv: Review

Buddeln nach den eigenen Wurzeln – Ashia Bison Rouge

Durch die Jahrhunderte war Herkunft mit einer Schicksalshaftigkeit belegt, aus der es kaum ein Entrinnen gab. Zumindest in der westlichen Welt hat sich dies in den letzten 100 Jahren stark gewandelt. Herkunft ist nicht länger allein Last, Verpflichtung oder Privileg, sie kann als kleiner, feiner Teil der eigenen Identität wieder kultiviert werden. Nichts anderes macht Ashia Bison Rouge auf ihrer neuen Platte ODƎR. Über die im polnischen Breslau geborene, in den USA in Seattle und Portland aufgewachsene und nun in Berlin lebende Sängerin und Cellistin Ashia Grzesik habe ich bereits mehrfach geschrieben, ihr letztes Album Diesel vs Lungs derart gewürdigt: „Ihr kammermusikalischer, stets mit omnipräsentem Cello ausgestalteter Pop bekennt sich daher zur osteuropäischen Pro­ve­ni­enz, offenbart sich burlesk bis surreal, kreuzt Chanson mit dem Charme des Cabaret, scheut schließlich auch vor manch slawischer Ballade nicht zurück.“ Viel davon findet sich auch bei ODƎR wieder.

Ashia-Bison-Rouge_Face-Up_Press-WEB-RGB_ft.Nadja-Buelow
Photo Credit: Nadja Bülow

Buddeln nach den eigenen Wurzeln – Ashia Bison Rouge weiterlesen

Am Zenit der Schaffenskraft – James

Vor einigen Wochen schon habe ich in einer kleinen Ankündigung des Albums Girl At The End Of The World darauf hingewiesen, dass die britische Formation James auf ihrem neuen Werk neben musikalischen auch eine thematische Frische an den Tag legt. Für eine Band in den Mittfünfzigern nun wirklich keine Selbstverständlichkeit! Nach mittlerweile einigen Hördurchläufen komme ich von dieser Platte gar nicht mehr los. Sie vereinigt erstaunlich knackige Lyrics mit einem dynamischen Sound. Solch moderner Britpop, dargeboten von ewig unterschätzten Veteranen, unterscheidet sich arg von den mitunter abgetakelten Klängen jüngerer Semester. Schauen wir uns nun die Lieder von Girl At The End Of The World doch kurz genauer an!

James_press_picture_2016

Am Zenit der Schaffenskraft – James weiterlesen

Jeden Hördurchlauf belohnend – Sama Dams

Eine klare Genre-Einordnung ist bei einem Post über eine Band immer auch ein Seufzer der Erleichterung, weil Beleg dafür, dass man die Charakteristika einer Platte in wenigen Worten zusammenfassen kann. Im Falle von Sama Dams habe ich jetzt den einen oder anderen Tag darüber gegrübelt, wie ich die Formation aus Portland beschreiben soll. Letztlich habe ich mich dafür entschieden, der Eigendefinition der Band zu folgen. Auf Facebook beschreibt sie sich als Avant-Indie, in der About-Sektion auf der Homepage verweist sie auf die Radiohead-Einflüsse. Außerdem nimmt das Trio für sich in Anspruch, „the fine balance between edgy experimentation and caramel sweet pop“ zu finden. Diese Selbsteinschätzungen treffen den Kern des Albums Comfort in Doubt sehr gut. Auch hier haben wir es – wie bei der erst letzte Woche besprochenen Portlander Band Talkative – mit einer Platte zu tun, die mit Verspätung anlässlicher einer Tour hierzulande eine verdiente Veröffentlichung erfährt. Comfort in Doubt ist ein schwieriges Werk, mit an vielen Stellen befremdlichen Gefühlslagen. Sam und Lisa Adams teilen sich die gesanglichen Pflichten, beide eint ein lamentierender bis winselnder Ton. Leben und Beziehungen verkommen zu einem permanenten Ringen, vor allem mit sich und dem Schicksal. So undurchdringbar wie die Texte präsentiert sich auch die Musik. Es ist wirklich kein Album, das leicht über den Hörer kommt.

Jeden Hördurchlauf belohnend – Sama Dams weiterlesen

Zu unaufgeregt für Berlin-Neukölln – Tricky

Die für die richtig coolen Klänge verantwortliche Co-Bloggerin hat mich dieser Tage auf die neue Scheibe von Tricky hingewiesen. Der werte Musiker weilt seit letztem Jahr in Berlin-Neukölln, das längst zu einem Mekka für Abenteuerlustige aus aller Welt geworden ist. Auch deshalb habe ich in das Album Skilled Mechanics reingehört, um zu sehen, was die Gegend aus Herrn Tricky gemacht hat. In einem lesenswerten Interview mit dem [030] Magazin, bei dem er auf seine Eindrücke von Berlin angesprochen wurde, outete er sich als Neuankömmling, der sich noch darüber wundert, dass an dem einen Tag ein alter Fernseher auf der Straße steht, am nächsten Tag an eben dieser Stelle eine Couch zu finden ist. Tricky scheint Nord-Neukölln mit großen Augen und Interesse zu bestaunen. Bereits abgebrühte Kiezbewohner erkennt man dagegen daran, dass Sperrmüll auf der Straße – sofern nicht monetär verwertbar – eher mit Desinteresse begegnet wird. Ob zerschlissene Matratze, desolates Regal oder defekte Waschmaschine, es existiert nichts, was nicht auf dem Gehweg entsorgt wird. Mitunter noch mit dem großmütigen Vermerk „zu verschenken“ ausgestattet. Doch ich schweife ab. Berlin mag sich in Skilled Mechanics (noch] nicht wiederfinden, es unterstreicht jedoch, dass Tricky nicht zum alten Eisen gehört, sein Umzug nach Neukölln keinen verzweifelten Schrei nach Hipness bedeutet.

Zu unaufgeregt für Berlin-Neukölln – Tricky weiterlesen

Keine Flitzpiepen mit Faible für Gras – Talkative

Immer wieder gerne verweise ich auf Bands aus Portland, Oregon. In den letzten Jahren hat sich Portland zum musikalischen Indie-Hotspot gemausert und dem im Nordwesten der Vereinigten Staaten über lange Jahre dominierenden Seattle den Rang abgelaufen. Sobald in Promo-Mails und Newslettern Portland als Herkunft genannt wird, ist meine Aufmerksamkeit geweckt. Und diese wurde auch im Fall von Talkative nicht enttäuscht. Die Band, die gerade durch deutschsprachige Landen tourt, hat einen Sound im Gepäck, dessen Kunterbuntheit kaum zu beschreiben ist. Mit Psych-Surf-Rock-Slacker-Noise-Punk bin ich in der Einordnung aber wohl auf der sicheren Seite. Anlässlich der Tour wurde dem bereits 2014 veröffentlichten Album Hot Fruit Barbeque ein Deluxe-Release in hiesigen Breiten spendiert. Besser spät als nie!

Talkative_presspic_1

Keine Flitzpiepen mit Faible für Gras – Talkative weiterlesen

Ein genuiner Erzähler – Radical Face

Manch Musik schleppt den Ballast eines bewegten Lebens mit sich. Und möchte vielleicht gerade deshalb besonders viel erzählen. Der Singer-Songwriter Ben Cooper arbeitet mit seinem Projekt Radical Face seit Jahren an einer Familiengeschichte der besonderen Art. Er wagt das, was man schon lange aus Film und Fernsehen kennt. Nämlich ein opulentes historisches Drama, welches mehrere Generation einer Familie begleitet. The Family Tree thematisiert die ewig gleichen Vorsätze der Nachkommen, alles anders als ihre Väter und Mütter zu tun. Und dennoch kehren Schicksale wieder, bleiben Hoffnungen ab und an bloß Hoffnungen, sind alle Protagonisten Gefangene ihrer Zeit. Drei reguläre Alben umfasst Coopers Vorhaben schon, Bonusmaterial nicht eingerechnet. Allein der Aufwand verrät bereits, dass hier nicht weniger als der große Wurf angepeilt wurde. Das Werk ist in feinstes Americana gehüllt, musikalisch pittoresk gehaltenen, zeitigt einen Folktronica, der neben mächtigen Gefühlen Spleens und Ambition anzubieten hat. Und als wäre nicht bereits genug Fleisch am Knochen, findet sich auf der Webseite des Musikers zu allen Figuren der Trilogie weitere biografische Details. Man muss Radical Face dafür loben, dass hier eine künstlerische Vision mit Liebe zum Detail umgesetzt und natürlich auch durchgehalten wurde. Ein Stück weit überwindet Cooper sogar das übliche Konzept Album. Im Grunde hat all das das Potential, in Form eines Americana-Musicals umgesetzt zu werden. An Story und Figurenbeschreibung scheitert es sicher nicht.

Vielleicht braucht der vor Kurzem erschienene dritte Teil The Leaves gar keine Verweise auf Coopers eigene, dysfunktionale Jugend. Möglicherweise ist diese Platte eine, die mit zu viel Kontext hausieren geht. So sehr sich die Musikkritik an Hintergründen ergötzt, so wenig erklärt dies den nach Indie-Maßstäben großen Erfolg von Radical Face. Denn dieses Maß an Ausgestaltung scheint mir so gar nicht zum Streaming-Konsum der Gegenwart zu passen. Vermutlich liegt die breite Resonanz eher in dem fast schüchternen, zärtlichen Gesang und den gefälligen, äußerst smart instrumentierten Melodien begründet. Unter Umständen trägt Coopers Äußeres dazu bei. Er wirkt wie ein großer Bär mit filigraner Seele. Solch Liedermacher sind zur Zeit in, wohl weil sie eine Sensibilität anbieten, die sich über Äußerlichkeiten erhebt. Diese Gedanken kamen mir so in den Sinn. Doch sollte man Hörer nie unterschätzen. Ein genuiner Erzähler – Radical Face weiterlesen

Besser als New-Age-Ratgeber – Damien Jurado

Was nur ist aus dem guten, alten New Age vergangener Tage geworden? Früher konnte man in keiner Buchhandlung wirklich sicher sein, nicht vom einem proppenvollen Regal mit New-Age-Literatur erschlagen zu werden. Wenn man sich heute in Buchhandlungen so umsieht, schreien einem Bücher über Veganismus oder Selbstoptmierung entgegen. New Age, also diese Verquickung aus Hippietum und Science Fiction, ist Schnee von gestern. Das neue Zeitalter, das man damals so sehr herbeigesehnt hat, wird heute nicht länger gesucht. Wohl weil es irgendwie gekommen ist, doch anders als erwartet, nämlich in digitaler Form. Dieser Umstand hindert Damien Jurado freilich nicht daran, mit seinem neuen Album Visions of Us on the Land eine mystisch angehauchte, über das Hier und Jetzt hinausforschende Aussteigergeschichte zu erzählen. Nun ist die Suche kein Thema, das Jurado erst mit diesem Werk entdeckt hat. Bereits sein Maraqopa von 2012 habe ich mit der Überschrift ‚Erkenntnisse aus dem Niemandsland‘ versehen, meine Gedanken zu Brothers and Sisters of the Eternal Sun (2014) mit ‚Auf dem Pilgerpfad des ewigen Träumers‘ betitelt. Visions of Us on the Land vollendet somit eine in dieser Form vielleicht gar nicht geplante Trilogie.

DJ8
Photo Credit: Elise Tyler

Jurado hat sich nicht erst seit diesen drei Platten zu einem der besten Singer-Songwriter gemausert. Was jedoch ins Ohr sticht, ist fraglos der Sound, der der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Richard Swift in den letzten Jahren erwachsen ist. Wir haben es hier mit sehr versonnenem Folk-Rock samt warmen, wohldosierten psychedelischen Elementen zu tun. Der Kollege Nicorola kategorisiert die Platte sogar als Prog-Folk, angesichts einer unleugbaren Siebziger-Aura des Albums keine schlechte Idee. Besser als New-Age-Ratgeber – Damien Jurado weiterlesen

Die Gnade der späten Geburt – Cullen Omori

Natürlich durchseufzt einen manchmal der Wunsch, bei den großen Veränderungen der Musik dabeigewesen zu sein. Etwa die ersten Gehversuche der British Invasion vor Ort erlebt oder Marc Bolan beim Erfinden des Glam-Rock über die Schulter geschaut zu haben. Nicht minder reizvoll wäre es gewesen, mit Hippies im Woodstock der späten Sechziger einen Joint geraucht oder Mitte der Neunziger den Britpop als Roadie zu begleitet zu haben. Wer hätte damals nicht die unvergleichliche, auf Gegenseitigkeit beruhende Herzlichkeit der Gallagher-Brüder hautnah spüren wollen. Zugleich ist die Gnade der späten Geburt keineswegs nur Floskel. Der Musiker von heute kann staunend vor der Geschichte stehen, aus ihr schöpfen, sie für sich neu zusammenpuzzeln. Dieser Ansatz wird auch gerne gewählt, selten jedoch so brilliant umgesetzt wie Cullen Omori dies bei seinem Debüt New Misery tut. Dem ehemaligen Frontmann der Formation Smith Westerns ist ein kurzweiliges, stimmiges Album geglückt, das wir uns nun näher ansehen wollen.

Die Gnade der späten Geburt – Cullen Omori weiterlesen

Schlaglicht 47: Great Lake Swimmers

Tony Dekker und seine Great Lake Swimmers brauche ich regelmäßigen Lesern dieses Blogs wohl nicht länger vorzustellen. Stattdessen will ich aus meinen Posts der letzten Jahre zitieren, um die Qualitäten der Formation nochmals aufzufächern.

GLS_3piece_photo_by_Marina_Manushenko_press_1
Photo Credit: Marina Manushenko

Inmitten einer turbulent lautstarken Welt bilden die Kompositionen Tony Dekkers einen meditativen Zufluchtsort, den Liebhaber modernen Folks nicht missen möchten.[1] Die stoische, zeitlos gültige Art der Lieder kratzt ein kontemplatives Element hervor, fokussiert sich auf eine Grundsätzlichkeit, die durch den entspannt-gelösten Vortrag noch verstärkt wird. Jene innere Ruhe bietet Hörern Halt, gerät zum Gegenstück einer mit jeder Faser wuselnden Gesellschaft. Dekker wirkt wie ein Eremit, der sich durch Abschottung eine Reinheit und Ernsthaftigkeit bewahrt. Er teilt sich mit, liefert Einblicke und wahrt doch Distanz.[2] Nachdenklichkeit und Tiefgang berührt das Herz, erzeugt eine Stimmung des Sehnens, die nicht die üblichen Befindlichkeiten abspult.[3] Tony Dekker ist ein Folk-Barde, wie er im Buche steht. Reflektiert, naturverbunden, mit viel Authentizität gesegnet. Zugleich beschränkt er sein musikalisches Schaffen keineswegs auf Gitarre und eremitische Abgeschiedenheit. Jener in bedächtiger Manier vollführte Folk-Rock und dieses Faible für lebendige Rhythmik ergänzen den gedankenversunken, warmen Vortrag perfekt. Mit seinen Great Lake Swimmers schlägt er seit über 10 Jahren die Brücke zwischen Erbaulichkeit und unprätentiösem Fühlen.[4]

Schlaglicht 47: Great Lake Swimmers weiterlesen

Hauruck des Jahres – Wintersleep

Ich kann mir die Szenerie richtiggehend ausmalen. Der Abends ist bereits fortgeschritten genug, um es für dieses Mal gut sein zu lassen. Eine der talentiersten Bands Kanadas sitzt ein wenig ausgelaugt im Proberaum bei einem Bierchen zusammen, die Aufnahmen zum nächsten Album wollen nicht recht von der Hand gehen. Mehr aus Zufall denn aus heftiger Grüblerei heraus steht mit einem Mal die Frage im Raum, warum es bei den bisherigen Platten eigentlich nie für die Top 10 der hiesigen Charts gereicht hat. An der Eingängigkeit des angebotenen Indie-Rocks kann es kaum liegen, dieser Konsens wird sofort einstimmig erzielt. Dennoch werden die Gesichter immer nachdenklicher, bis irgendjemand einen weiteren Makel anspricht. Weshalb nur geht den doofen Amis die angebotene Mucke so richtig am Arsch vorbei? Nichts gegen die Fanbase im eigenen Land, aber die USA liegen quasi vor der Haustür. Dennoch bekommt man dort keinen Fuß in die Charts. Die Runde übt sich zwischen zwei Nucklern an den Bierflaschen längst im Ziehen von Grimassen. Irgendwann siegt der Trotz. Man beschließt eine oberaffengeile Single aufzunehmen, eine von der ganz denkwürdigen Sorte, die jeden Ami vor Neid erblassen lassen würde. Nun werden die Herrschaften sogar dreist, ein bierschwangerer Einfall explodiert in ihren Hirnen. Nennen wir das Stück doch Amerika, feixen sie einander zu. So in etwa stelle ich mir die ersten Geburtswehen des Album The Great Detachment vor. Was immer sich die Band im heimischen Nova Scotia auch gedacht hat, Wintersleep ist mit diesem Werk ein großer Wurf gelungen.

Ja, The Great Detachment begeistert als sympathisches Stück Musik. Und doch würde es mit dem grandiosen, leider unterschätzten Vorgängeralbum Hello Hum wohl nur mit Mühe mithalten können, wenn Wintersleep nicht den einen, für die Annalen bestimmten Knaller auspacken würden. Für die bereits angesprochene Single Amerika scheint kein Stadion überdimensioniert, keine ekstatische Kulisse zu enthusiasmiert. Hauruck des Jahres – Wintersleep weiterlesen