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Zeitlosigkeit statt Nostalgie – Orchestra Baobab

Mitteleuropäer werden wohl nicht gerade mit großen Kenntnissen glänzen, wenn die Sprache auf den Senegal kommt. Vermutlich können sich hier Sportfans besonders hervortun, Motorsportfreunde kennen die Hauptstadt Dakar von der gleichnamigen Rallye, auch wenn diese mittlerweile aus Sicherheitsgründen in Südamerika gefahren wird. Das Nationalteam Senegals wiederum überraschte bei der Fußball-WM 2002. Durchschnittseuropäer werden zumindest die französische Kolonialvergangenheit anführen können. Für Schlagzeilen taugt das westafrikanische Land kaum. All seine Probleme wurden in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit 1960 von gravierenderen Krisenherden am afrikanischen Kontinent in den Schatten gestellt. Doch wieder einmal taugt eine afrikanischen Band dazu, ein bisschen in die Höhen und Tiefen eines Landes einzutauchen. Dieses Mal wollen wir uns das Orchestra Baobab ein wenig näher ansehen. Und natürlich auch das jüngst erschienen Album Tribute To Ndiouga Dieng nicht unerwähnt lassen.

Photo Credit: Youri Lenquette

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Liebe auf den ersten Blick – Postcards

Aus welchem pittoresken US-College-Städtchen ist im Twee und Dream-Pop angesiedelte Musik der Band Postcards ausgebüxt? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das Quartett im Mittleren Westen oder irgendwo in New England lokalisieren. Weit gefehlt! Sehr weit. Die Postcards kommen aus dem Libanon. Genauer gesagt aus Beirut, einer der spannendsten Metropolen des Nahen Ostens. Songwriting und Vortrag lassen das jedoch in keinster Weise erkennen. Vielleicht unterschätze ich ja, wie sehr die Generation der Millennials – nicht zuletzt durch das Aufwachsen mit dem Internet – bereits jedwede bemühte Nachahmung abgelegt hat. Musikalische Genres haben längst schon nationale Grenzen, Kulturräume oder Stereotype wie den Begriff der westlichen Welt überwunden, sprießen überall. Mal mit lokalen Einflüssen gespickt, mal völlig ohne geographische Verortung.

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Schlaglicht 76: JOSIN

Motivationscoaches und Lebenshilfegurus werden selten müde zu betonen, dass jeder Mensch ein einzigartiges Wesen mit speziellen Talenten ist. Fürs eigene Selbstwertgefühl ist das natürlich Musik in den Ohren, aber zu oft ruht man sich auf solch Komplimenten aus und zu selten bemüht man sich, die individuelle Unverwechselbarkeit tatsächlich unter Beweis zu stellen. Die Künstlerin, die ich heute hier kurz erwähnen möchte, sticht jedoch in mancherlei Hinsicht hervor. Da wäre zunächst einmal ihre Herkunft. Sie ist als Tochter einer Koreanerin und eines Deutschen in Köln geboren, ihre Eltern sind beide Opernsänger. Solch Abstammung ist fraglos besonders, allerdings kein Verdienst von JOSIN selbst. Ihre Besonderheit tritt vielmehr in einer ureigenen musikalischen Vision zutage, die sie auf der diese Woche erscheinenden EP Epilogue darlegt.

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Letztlich optimistisch – Erasure

Man könnte ja meinen, der Weltuntergang stünde bevor. Alle jammern! Die einen über aufgezwungene Political Correctness, die alle Münder mit Euphemismen zu stopfen droht. Andere wieder über die Wiederkehr reaktionären Denkens, das viele hart erkämpfte und mittlerweile fast als selbstverständlich wahrgenommene Errungenschaften einkassieren möchte. Wie geht man in Zeiten von Trump, Brexit und Terror mit all dem um? Steckt man den Kopf in den Sand, macht auf Party bis zum Sonnenaufgang? Oder übt man sich in eher gedämpfter Stimmung, freilich nicht ohne alle Hoffnung fahren zu lassen? Die britischen Veteranen Erasure haben sich für letztere Variante entschieden. World Be Gone setzt über weite Strecken auf verhaltenen Synthie-Pop, der kaum Glitter oder Fetenlaune versprüht. Dieser nicht erwartbare Umstand macht das Album keineswegs weniger interessant.

Photo Credit: Doron Gild

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Wie im Kino: Pathos, Drama, Leidenschaft! – Principe Valiente

Melodischer Indie-Rock gepaart mit New-Wave-Charakter und Shoegaze-Herrlichkeit, was in dieser Kurzbeschreibung nach einem Album klingt, dass man besser gleich als gestern auf den Plattenteller legen möchte, ist tatsächlich sogar viel überwältigender, als man sich dies je auszumalen wagt. Oceans zählt für mich bereits jetzt zu den drei besten Alben des Jahres 2017. Sogar wenn morgen alle musikalischen Heiligen vom Himmel herabsteigen und sogleich ins Aufnahmestudio eilen würden, das famose Oceans könnte schwerlich zu toppen sein. Meine Begeisterung liegt keineswegs im Reiz des Neuen begründet, denn die schwedische Formation Principe Valiente ist diesem Blog schon länger vertraut. Der Track She Never Returned des 2013 veröffentlichten Choirs Of Blessed Youth schallt nach wie vor regelmäßig aus meinen Boxen. Mit Oceans ist mir Principe Valiente nun endgültig ans Herz gewachsen, in die Riege ehrfürchtig genannter Lieblingsbands aufgenommen! Schauen wir uns die Gründe dafür doch näher an.

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Die Brückenbauerin – Yasmine Hamdan

Ethno-Pop panscht oft das Schlechteste aus Folkore und Pop zu einem unsagbar sülzigen Brei zusammen. Das muss man gerade in der Woche des Eurovision Song Contests mit Schaudern feststellen, selbst wenn folkloristische Elemente 2017 nicht ganz so in Mode scheinen. Dabei kann Ethno-Pop auch ganz anders, sehr wunderbar tönen, wie Yasmine Hamdan auf ihrem neuesten Werk Al Jamilat beweist. Hamdan gelingt ein wunderbar luftiger, in Gedanken verlorener Pop mit feinen elektronischen Akzenten, der frei von dem in arabischen Breiten häufig anzutreffenden Pathos ist. Die Bandbreite dieses Albums reicht von chansonesque-eleganten Lieder wie Douss über auf Rhythmus und Tanzbarkeit fokussierte Stücke wie Balad bis hin zum Electro-Pop-meets-Opera von Ta3ala.

Für die Weltenbürgerin Yasmine Hamdan ist das orientalische Erbe stets viel mehr als Staffage, ihre Musik bekennt sich zu den kulturellen Wurzeln, spürt diesen intensiv nach, kultiviert die Tradition, indem sie sie mit westlichen Stilen verknüpft. Die Brückenbauerin – Yasmine Hamdan weiterlesen

Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd

Weltverbesserer sind oft hoffnungslos verkniffen, meist sogar miesepetrig. Verfechter des Friede-Freude-Eierkuchen-Prinzips dagegen kommen mit einem waffenscheinpflichtigen Grinsen daher. Beides nicht auszuhalten! Zum Glück gibt es einen Xavier Rudd, der sich Versonnenheit bewahrt hat, obwohl er harsche Zivilisationskritik übt. Der Australier zählt zu den angenehmen Gestalten unter den Singer-Songwritern mit gesellschaftspolitischem Anspruch. Rudd verbindet Umweltbewusstsein mit universeller Spiritualität, lässt seinen globalen Humanismus nie zur Worthülse verkommen, macht den Kampf für Gerechtigkeit exemplarisch am Eintreten für die Rechte der Aborigines fest. Er wirkt wie der leibhaftige Gegenentwurf zum von steter Gier getriebenem Konsum und unbedingtem Verlangen nach Individualität. Rudd gerät zum modernen Hippie, der so sehr in sich ruht, dass er die eigene Haltung mit größtmöglicher Entspanntheit vorträgt. Alles Engagement wird von einer Art Urvertrauen in die starken Kräfte des Guten getragen. Er propagiert dabei ein Miteinander von Tradition und Moderne, sucht nach Gemeinsamkeiten zwischen Völkern. Der gemeinsame Nenner ist für ihn diese eine Erde, die alle Menschen miteinander teilen. Was auf den ersten Blick naiv klingt, ist natürlich völlig vernünftig. Die einzelnen Bewohner eines großen Wohnkomplexes haben schließlich ja allesamt ein berechtigtes Interesse daran, dass die Aktionen einzelner Mieter nicht zum Einsturz des gesamten Gebäudes führen. Dass der werte Herr Rudd noch immer nicht müde wird, sich für eine bessere Welt einzusetzen, belegt die vor wenigen Wochen erschienen Platte Live in the Netherlands.

Gerade eine Botschaft voll positiver Vibes schreit förmlich danach, im Rahmen eines Konzertes festgehalten zu werden. Die Art, wie Rudd seine Auftritte gestaltet, vermag jedoch zu überraschen. Wer meint, dass er womöglich darauf abzielt, tausenden Kehlen abgedroschene Weltverbesserungsparolen abzutrotzen, wird staunen. Rudd nimmt die Musik viel zu ernst, um einen Gig zum Happening verkommen zu lassen. Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd weiterlesen

Schlaglicht 73: Vil

Entschleunigung und Entspannung. In fordernden, geradezu auslaugenden Zeiten sehnt man sich nach ein wenig Ruhe. Viele Bücher überbieten sich mit Tipps, wie es denn mit der Work-Life-Balance endlich klappt. An Ratgeberei mangelt es nicht. Aber allen Vorsätzen steht das Funktionieren entgegen, auf das man zu lange schon getrimmt wurde. Auch Rückzugsorte sind schwer zu finden, speziell im Zustand permanenter Erreichbarkeit. Wo alles Motivations – und Meditationsgequatsche ins Leere läuft, kann vielleicht Kunst – und ganz speziell Musik – in die Bresche springen. Dabei habe ich freilich keinerlei esoterisches Gedudel im Sinn, vielmehr das dänisch-isländische Duo Vil, dessen Album Mens vi falder stille skandinavische Kargheit mit chansonesker Leichtigkeit verbindet. Folk und Ambient prägen die Platte, manche Stücke sind durchaus melodisch gehalten, andere wiederum fragmentarisch und zerbrechlich, verhalten und intim.

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Mammut Merritt – The Magnetic Fields

Photo Credit: Marcelo_Krasilcic

Große Projekte verdienen eine ausgiebigere Betrachtung als herkömmliche Unterfangen. Darum höre ich seit Wochen schon 50 Song Memoir, das nicht eben läppische 5 CDs umfassende Box-Set von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt wühlt hier in seinen Erinnerungen, lässt die ersten 50 Jahre seines Lebens Revue passieren. Die Idee zu diesem Vorhaben kam vom Boss seines Plattenlabels Nonesuch Records, entwickelte sich aber keineswegs aus einer Bierlaune heraus. 1999 bedeuteten die aus 3 CDs bestehenden 69 Love Songs ja Merritts Durchbruch. Seit damals ist Merritt ein Darling der Musikkritik und mehr noch eine Ikone der großstädtisch-liberalen Musikfans. Es war also durchaus nicht bloß künstlerische Bewunderung, die Robert Hurwitz von Nonesuch zu jener Anregung trieb. Ein Opus magnum vom Schlage der 69 Love Songs können nicht viele Songwriter stemmen, für Merritt dagegen scheint der Umfang eines Box-Sets geradezu prädestiniert, wie auch 50 Song Memoir einmal mehr belegt.

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100 Prozent Herzenswärme – When Nalda Became Punk

Wenn man über Menschen sagt, sie seien unkompliziert, dann meint man dies immer als Kompliment. Nennt man hingegen Musik unkompliziert, ist das fast ausnahmslos kaum wohlwollend gemeint. Dabei gibt es legere, eingängige Klänge, die schlicht schmissig und ansprechend sein wollen. Unkompliziert, so zumindest würde ich das Minialbum Those Words Broke Our Hearts der Formation When Nalda Became Punk beschreiben. Der lärmige, pfiffige Twee der im spanischen Vigo beheimateten Formation hat es mir schon 2013 angetan. Er wummert ins Ohr, ohne irgendwelche Sperenzchen. Gerade im tristen Jetzt, in denen man dem Wahnsinn der Welt kaum entkommen kann, braucht es solch quirlige Lieder. Guten (Indie-)Pop erkennt man nicht zuletzt daran, dass er lebendig tönt, sogar wenn die Lyrics bittersüß ausfallen.

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