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Musik für Genussspechte – Robbing Millions

Man wähle eine sehr charmante Indie-Pop-Kapelle und denke sich den Spielwitz einer Nu-Jazz-Formation wie Jaga Jazzist dazu, dann ungefähr vermag eine erste Idee davon bekommen, was die Brüsseler Band Robbing Millions mit ihrem gleichnamigen Debüt ausheckt. Jener psychedelische Pop ist zuallererst Pop, ausgesprochen federleichter und fröhlicher noch dazu. Allerdings bricht die Band bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit dem formalen Schema des Pop, dann durchzieht ein funkiges bis jazziges Flair das Werk. Im Fluss säuselnder Glücksmomente ist jede Menge Platz für luftige Verschwurbelungen oder nostalgische Gitarrenriffs oder Math-Rock-Anklänge. Robbing Millions bescheren uns einen Sound, den die Belgienexpertin Eva-Maria von Plan My Escape anlässlich eines Konzertberichts vom Eurosonic Festival 2015 treffend mit den Adjektiven „weirdrockig, hingebungsvoll, durchgeknallt, absinthgrün, schwärmerisch, übertrieben, verträumt, unberechenbar“ versehen hat. So klingt Musik, die völlig verschwenderisch mit ihrer Kreativität umgeht.

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Photo Credit: Tina Herbots

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Ein klanglicher Blick auf mir vertraute Berge – Mountain

Ich hoffe, dass ich mir auf diesem Blog nicht zu oft anmaße, die Beweggründe und Motive eines musikalischen Werks genau zu kennen. Ich habe auch durchaus Zweifel, ob man ein künstlerisches Werk zum Beispiel dadurch ganz und gar begreift, indem man sich in dessen Schöpfer hineinversetzt. Im Falle der Villacher Formation Mountain meine ich allerdings schon, dass mir der Zugang zum Album Evolve auch dadurch gelingt, dass Mountain aus meiner Geburtsstadt stammen. Villach, im Süden Österreichs gelegen, ist von Bergen umgeben. Zum einen von der Gebirgskette der Karawanken mit dem Hausberg Dobratsch, und zum anderen von der Gerlitzen, einem Ausläufer der Nockberge. Die beiden Gipfel dominieren das Panorama, zahlreiche wunderbare Seen tun ihr Übriges. Landschaftlich hat diese Gegend viel zu bieten. Deshalb wundert es mich nicht, dass der Bandname einen Bezug zu dieser Natur hat. Noch weniger überraschend ist der Umstand, dass Mountain im Genre des Post-Rock zu verorten sind.

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Ein Amuse-Gueule! – Nouvelle Vague

Wer nicht nur in Schnellrestaurants verkehrt, wird ihn vielleicht kennen, den Gruß aus der Küche, mit welchem man den Gästen eine erste Kostprobe der zu erwartenden Kochkunst serviert. Im Französischen bezeichnet man dies deftig-lieblich als Amuse-Gueule. Dieses Appetithäppchen soll die Neugier aufs Menü wecken, alle Geschmacksknospen aktivieren. Es soll andeuten, ohne jedoch bereits alle Kniffe des Kochs zu verraten. In der Musik sind solch Amuse-Gueules leider oft verpönt, da wird die Lust auf ein neues Album dadurch geweckt, dass vorab schon der Schweinebraten gereicht wird. Nun verstehe ich natürlich, warum es im Musikgeschäft wenig Platz für Andeutungen gibt. Im ständigen Wettbewerb um Aufmerksamkeit darf nicht erst gekleckert, vielmehr gleich mit der Hitsingle geklotzt werden. Da hat es ein Koch natürlich leichter, wer im Lokal aufschlägt, muss nicht erst zum Essen überredet werden. Dies alles kam mir in den Sinn, als ich in die neue Athol Brose EP des französischen Projekts Nouvelle Vague reinlauschte. Dessen Macher Marc Collin und Olivier Libaux haben es geschafft, mit einem so charmanten wie cleveren Konzept mehrere Alben mit Erfolg zu bestreiten. Man nehme Klassiker des New Wave und interpretiere sie völlig neu, indem man sie in leichtfüßigem Pop – mit entspannten lateinamerikanischen Rhythmen kombiniert – ansiedle und mit zarten Frauenstimmen verbräme.

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Photo Credit: Julian Marshall

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Stoßseufzer und Willkommensfähnchen – DJ Shadow

Wenn man einmal in kollektive Ungnade fällt, ist es verdammt schwer, Herzen neu zu erobern. Ohne das Schlüpfen in ein Büßergewand geht gar nichts. Meines Wissens hat DJ Shadow eben dies nicht getan. Sein Album The Outsider bedeutete den Knackpunkt der Karriere. Galt er bis dahin als Meister der Samplings und des instrumentalen Hip-Hop, bot The Outsider ein Mischmasch an Genres von mainstreamhaften Pop-Rock à la Coldplay (You Made It) über ein gänzlich absurdes Shakespeare-für-Arme-triff-Irish-Folk-Elfe (What Have I Done) bis hin zu der Menge an hibbeligem Rap, für den viel zu viele Gäste vors Mikro gebeten wurden. Von diesem Flop hat sich DJ Shadow kaum erholt. So sehr er in der ersten Hälfte seiner Karriere mit Lob überschüttet worden war, so durchschnittlich wird sein Schaffen seit The Outsider wahrgenommen. Mit der jünst veröffentlichte Platte The Mountain Will Fall vermag sich Josh Davis nun fast vollständig zu rehabilitieren. Der lange abhandengekommene Flow scheint wiedergekehrt. Als zweites Endtroducing….. überzeugt das Album zwar nicht, dazu fehlt es an der Leichtigkeit, wirkt die Chose mitunter doch sehr ertüftelt, in puncto Kohärenz knüpft es aber wieder an das Debüt von 1996 oder The Private Press (2002) an. Endlich, möchte man stoßseufzen!

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Photo Credit: Derick Daily

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Geplatzte Träume und ohrwürmelnde Melodien – Haley Bonar

In meinen Zeilen zum 2014 veröffentlichten Last War habe ich die Haley Bonar einiges Lob spendiert. Ihren fiebrigen, nach Ausbruch trachtenden Gesang hervorgestrichen, ihre Texte, die die geplatzten Träumen kleiner Leute thematisieren, für stark befunden, Bonar quasi zu einem weiblichen Springsteen gekürt. Auch dem neuen Album Impossible Dream wird man mit dieser Charakterisierung fraglos gerecht. Indie-Rock, versetzt mit Post-Punk und ein bisschen Synthie-Pop, alles getränkt mit nostalgischen Achtziger-Melodien, mit solch musikalischer Ausrichtung vermag Impossible Dream abermals zu überzeugen. An Bonars Texten hat sich ebenfalls nichts geändert, noch immer dominiert die Enttäuschung über den Zustand eines erwachsenen Lebens, das all die Freuden und Torheiten der Jugend hinter sich gelassen hat, nach wie vor ist ein Aufbäumen gegen alle Stagnation spürbar, weiterhin kämpft das lyrisches Ich mit der kleinstädtischen Enge, die Veränderungen unmöglich macht.

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Alles neu, alles aufregend – Fir Cone Children

Bereits mehrfach habe ich den pfiffigen Noise-Pop von Fir Cone Children an dieser Stelle über den grünen Klee gelobt. Das Ein-Mann-Projekt von Alexander Leonard Donat hat als Zielgruppe Babys und Kleinstknirpse auserkoren. Diese sollen zu den flotten Tönen herumwirbeln, durch die Gegend hampeln oder zumindest vergnügt aus dem Kinderbett grinsen. Die Musik von Fir Cone Children darf als Gegenentwurf zu handelsüblichen biederen, einlullenden Kinderliedern verstanden werden. War der Titel der letztjährigen Platte Everything Is Easy noch in jeder Hinsicht wörtlich zu nehmen, gibt sich das soeben erschienene Album Firconium vom Namen her kryptischer. Und doch hat sich an der Formel gar nichts geändert. Noch immer wird die Welt durch Kinderaugen erkundet, dieses Mal stehen die ersten Erfahrung eines Babys – und somit manch kleine Dramen und ganz viel großes Staunen – im Mittelpunkt. Alles ist neu, alles scheint aufregend!

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Eine kleine Geschichte über Migration – Sarathy Korwar

Von den Siddi, einer afrikanischstämmigen Bevölkerungsgruppe in Indien, können wir eine ganze Menge lernen, speziell die euphorischen Befürworter und dezidierten Gegner der Globalisierung unter uns. Ob Chancen oder Gefahren, im gegenwärtigen Diskurs wird gern so getan, als wäre die globale Welt Fluch oder Errungenschaft der vergangenen Jahrzehnte. Vielleicht sollten wir um die Globalisierung ohnehin keinen solchen Lärm machen, denn sie ist in ihrer derzeitigen Form nur vorläufige Momentaufnahme eines seit Menschheitsbeginn andauernden Prozesses. Und hier kommen die Siddi ins Spiel, die als Sklaven, aber auch Seefahrer und Händler teils wohl schon vor mehr als tausend Jahren nach Indien gelangten. Die Siddi sind ein Beispiel für eine über Jahrhunderte erfolgte, fraglos oft forcierte Migration. Ihr bis heute andauerndes Schattendasein in der indischen Gesellschaft belegt, dass Migration nicht zwangsläufig früher oder später zu Integration führt. Das Volk mag sich im Lauf der Zeit angepasst haben, wuchs vermutlich überhaupt erst in der Fremde zu einer Ethnie zusammen, vergaß im Zuge dessen aber auch auf die eigenen sprachlichen Wurzeln. Lediglich in ihrer Musik haben sich uralte afrikanische Elemente erhalten. Die Siddi leben heute hauptsächlich im westindischen Bundesstaat Gujarat. Und eben dorthin hat sich der in den USA geborene, in Indien aufgewachsene und nun in London beheimatete Musiker Sarathy Korwar aufgemacht, um quasi als Musikethnologe trancehafte Gesänge und polyrhythmische Percussion aufzunehmen. Diese Folklore hat er anschließend mit Jazz und elektronischen Komponenten zu einer spannenden Platte namens Day To Day geformt.

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Die ebenbürtige Zwillingsschwester – Marissa Nadler

Kummer, insbesondere Liebeskummer, führt sehr häufig dazu, dass wir uns vom Leben zurückziehen, in einer Art Blase gefangen sind, durch die die Umgebung außerhalb meist nur fahl und trüb wahrnehmbar scheint. Makellos wirken dagegen die wie mit Photoshop geschönten Erinnerungen, die in der Blase blubbern, bis sie platzen! Und der Schmerz spaltet sich in viele scharfe Rasierklingen, die die Seele filetieren. Das Unangenehmste am Verweilen in der Blase ist jedoch, dass man trotz Abgeschiedenheit nicht unbeobachtet bleibt, das Umfeld die selbstgewählte Gefangenschaft in der Blase durchaus mitleidig registriert. Auch kreative Menschen sind vor diesem Schicksal nicht gefeit – und doch haben viele von ihnen in dieser Situation einen entscheidenden Vorteil. Denn auch der kreative Prozess findet gern in strenger Zurückgezogenheit statt. Möglicherweise hat das neue Album der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler wirklich in einer Blase des Kummers seinen Ursprung genommen und alles Leiden schließlich in allerschönste Musik verwandelt. Strangers ist von eremitischer Katharsis geprägt, von melancholischer Traurigkeit und bitterer Erkenntnis. Nadler orientiert sich dabei unüberhörbar an einer gewissen Lana Del Rey. Letzterer ist nämlich zu verdanken, dass lange als chic geltende mauerblümchenhafte Erkenntnisklänge in den vergangenen Jahren vermehrt von divareskem Schwelgen abgelöst wurden.

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Großstädtische Liebesgespinste – Andrew Butler

Einen Troubadour mit Vorliebe für melancholische bis moribunde Klänge möchte ich den werten Lesern heute ganz besonders ans Herz legen. Im vergangenen Herbst hatte ich den Briten Andrew Butler bereits hier vorgestellt, im Februar nochmals auf einen gradiosen neuen Song hingewiesen, nun endlich gilt es, sein Debütalbum Chalk ausgiebig zu würdigen. Butler besticht als distinguierter Singer-Songwriter, der großstädtische Liebesgespinste, viktorianische Schauermärchen und kammerspielhafte Wehmut zu einer in wirklich jeder Hinsicht famosen Platte formt. Chalk verbindet die poetische Erzählkraft eines Leonard Cohen mit den scheiternden Lebemännern eines frühen Tom Waits. Der Vortrag gestaltet sich mindestens so zärtlich wie vornehm, die Musik stellt sich als edler Folk dar. Doch genug der Vorrede, schauen wir uns das Album einfach näher an!

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Photo Credit: Joe Warren

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Ein Frage der Attitüde – 50FOOTWAVE

Hmm, habe ich in all den Jahren des Bestehens dieses Blogs tatsächlich noch nie ein Wort über Kristin Hersh verloren? Asche auf mein Haupt. Denn ihre Soloalben der Neunziger habe ich sehr gemocht, ihrem Wirken bei den Throwing Muses dagegen seltsamerweise immer zu wenig Beachtung geschenkt. Hersh ist ohne Zweifel eine der interessanteren Indie-Gestalten der vergangenen Jahrzehnte. So interessant sogar, dass ein würdigendes Porträt sicher lohnen würde. Dieser Tage, in Zeiten des Fussballs, müssen es einige Zeilen zur neuen EP ihres Projekts 50FOOTWAVE tun. Die sechs Songs der EP Bath White stehen in bester, griffiger Alternative-Rock-Tradition, verkörpern alles, was Female-Fronted-Rock so attraktiv macht. 50Footwave gehen es geradezu puristisch an, Hersh ist für Gitarre und Gesang zuständig, Bernard Georges für den Bass und Rob Ahlers fürs Schlagzeug. Das Trio holt aus dieser kompakten Instrumentierung einen ungemein satten, an die Hochblüte der Neunziger erinnernden Alternative-Sound heraus. Die Texte speien oft eine nach Veränderung gierende Unzufriedenheit aus. Solch rohe, kompromisslose Attitüde hätte zumindest ich nicht unbedingt von einer Band erwartet, deren Frontfrau in wenigen Wochen 50 Jahre alt wird. Wie gut, wenn man sich nicht vom eigenen biologischen Alter zur Räson bringen lässt.

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