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Fast alles wie gehabt – Hope Sandoval & The Warm Inventions

Musikalische Weiterentwicklung wird meist überschätzt. Wenn man das, was man macht, in großartiger Manier macht, besteht wenig Grund für Veränderung. Und deshalb widmet sich Hope Sandoval weiterhin jenen Klängen, die sie in absoluter Perfektion beherrscht. Zusammen mit ihrem kongenialen Partner David Roback ist sie durch Mazzy Star längst zum Inbegriff von Dream-Pop geworden. Das vor über 15 Jahren mit Colm Ó Cíosóig gegründete Projekt Hope Sandoval & The Warm Inventions setzt den Akzent eher auf psychedelischen Dream-Folk. Während der 17 Jahre dauernden Schaffenspause Mazzy Stars hat Sandoval mit The Warm Inventions einen Sound geschaffen, dessen reduzierte Instrumentierung den verhuschten Gesang noch weiter in den Vordergrund rückt. Schon das 2013 veröffentliche Mazzy-Star-Comeback Seasons Of Your Day hat die ohnehin eher in Details liegenden Unterschiede zwischen den beiden Formationen endgültig verwischt. Diese Entwicklung setzt sich auf Until The Hunter, dem mittlerweile dritte Studioalbum mit The Warm Inventions, fort.

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Ein Stück Ewigkeit – Josienne Clarke & Ben Walker

Heute will ich den werten Lesern ein zeitgenössisches Chamber-Folk-Album schmackhaft machen. Overnight ist eine Platte, die nicht nur Hörer zu entzücken vermag, sie kann auch aufstrebenden Musiker als Blaupause dienen. Sogar bewährte Veteranen, die sich hin zu kammermusikalischem Folk entwickeln wollen, sollten die Ohren spitzen. Dem britischen Duo Josienne Clarke & Ben Walker gelingt ein in der Form vollendetes Werk. Eine dem Folk immanente Melancholie wird vom ergreifenden wie schlichten Gesang Clarkes sowie von Walkers akkustischer Gitarre hervorragend eingefangen. Um diesen traditionellen Kern werden weitere Instrumente gruppiert. Stets mit Bedacht, nie ausufernd. Hier ein paar Takte Klavier, dort ein dezenter Kontrabass,  Streicher, wo sie sinnvoll scheinen, sogar ein klagendes Saxofon findet Platz. Manch Stücke transzendieren in eine warme Nachdenklichkeit, wie man sie von hippiehaften Songwriterinnen der Siebzigerjahren kennt, andere Lieder wieder bleiben nahe am archaischen Flair des Folk.

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Frauenpower voll trockenem Humor – Half Girl

Eine angeblich unheimliche All-Girl-Super-Group, die sich als Rasselbande geriert, kann entweder verdammt keck oder unglaublich langweilig klingen. Auch Sixties-Garage und Singalong-Punkrock made in Berlin besitzen sowohl Potential für vergessenswerten Lärm als auch für eine kleine, feine Lo-Fi-Rebellion. Im konkreten Fall lohnt es sich freilich, die Ohren aufmerksam zu spitzen. Denn als Referenzen können die Mitglieder des Quartetts Half Girl unter anderem die Mitgliedschaft bei Formationen wie Britta, Die Heiterkeit oder Luise Pop vorweisen. Grund genug also, dem Album All Tomorrow’s Monsters sogar mit einer gewissen Erwartungshaltung zu begegnen. Bei beinahe allen Nummern der Platte wird diese mehr als nur erfüllt! Das Augenzwinkern der Texte und der oft parodistische Vortrag zählen zu den Stärken der Platte. Das Lied Narzissten mit Zeilen wie „Narzissten lieben mich. Soll das so sein? Ich glaube nicht. Ich glaub‘ an nichts.“ offenbart einen Humor, dessen Wurzeln man unschwer zur Hamburger Schule und zur NDW zurückverfolgen kann. Half Girl sind von der Attitüde her eher mit der Generation der Lassie Singers zu vergleichen als mit auf Krawall gebürsteten Hipster-Girl-Groups gegenwärtiger Prägung. Solch vermeintlich altmodischer Ansatz tritt auch bei fast naiven, herrlich harmlosen Melodien hervor, die von den vier Frauen jedoch gern genüsslich persifliert werden. Auf derart liebenswerte Weise jedoch, dass als Resultat eine launige Single wie Girl In A Band als Power-Pop zum Niederknien begeistert!

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Der Beginn von etwas Großem – IRAH

Dieses Album muss man angehört haben! Mir fällt beim besten Willen kein Makel ein, der dieser Platte anzukreiden wäre. Into Dimensions ist von derart überwältigender Qualität, dass man sich gut vorstellen kann, in vielen Jahren dann höchst ehrfürchtig vom Beginn einer bestaunenswerten Karriere zu schwärmen. Selbstverständlich ist mir geradezu schmerzhaft bewusst, dass die Talente dieser Tage nicht weniger werden. Und da die Zahl kultivierter Hörer nicht rapide zunimmt, werden viele großartige musikalische Projekt nie die kritische Masse an Fans erreichen, um die künstlerische Relevanz zu erreichen, die sich eigentlich verdienen. Dem dänischen Trio IRAH würde ich die Verankerung im Kanon der künstlerischen Etablierten besonders gönnen. Denn dieses Debüt entfaltet eine eigene, faszinierende Magie, von der man in ihren aufregendsten Momenten ungefähr mit jener Ehrfurcht überwältigt wird, die einem als kleiner Knirps vor dem erleuchtenden und von Geschenken umsäumten Weihnachtsbaum widerfährt.

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Denn sie ließen Hollywood Hollywood sein! – DTCV

Als klassischen French-Pop mit 60s-Garage und Post-Punk preist der Pressetext das Album Confusion Moderne des französisch-amerikanischen Duos DTCV an. Keine Sorge, DTCV ist keine Gehirnzellen strapazierende Abkürzung, sondern soll vielmehr Detective ausgesprochen werden. Über DTCV hatten wir schon vor 2 Jahren im Zuge unseres jährlichen Weihnachtsspecials geschrieben. Und wenn ich mir Confusion Moderne so anhöre, ist es wirklich höchste Zeit, die Band auch abseits weihnachtlicher Klänge auf dem Blog zu würdigen. Denn jenen so verlockend-charmanten Stilmix, den der Pressetext verspricht, hält die Platte tatsächlich ein!

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Riot Grrrls im Millenial-Blues – Deap Vally

And I am not ashamed of my mental state/ And I am not ashamed of my body weight/ And I am not ashamed of my rage/ And I am not ashamed of my age/ And I am not ashamed of my sex life/ Although I wish it were better.“ nenne ich mal eine klare Ansage! Das Duo Deap Vally geizt nicht mit der Art Selbstbewusstsein, der man besser nicht in die Suppe spuckt. Zugleich verkörpern Lindsey Troy und Julie Edwards auch den Millenial-Blues, der trotz all der vermeintlichen Freiheiten nicht recht glücklich wird. Das Album Femejism besticht mit unverschämt herbem bluesigem Indie-Rock, der ab und an herrlich angepisst dargeboten wird. Der ausgestreckte Mittelfinger ist dabei nie bloß punkiges Accessoire, sondern wird mit substanziellen Texten und strammen Melodien unterfüttert.

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Ein herausfordernder Seelenblues – Emma Ruth Rundle

Death, God, Heaven, Angel, Sky. Wer solch Schlüsselwörter in Liedtitel packt, möchte die existenzielle, nach Transzendenz lechzende Schwere einer Platte unterstreichen. Wobei nicht alles, was existentiell sein will, tatsächlich auch die Essenz menschlicher Sehnsüchte und Emotionen einfängt. Der Singer-Songwriterin Emma Ruth Rundle jedoch gelingt ein Werk des Verlangens und der Kasteiung, ein Album des Schmerzes und der Erinnerung. Marked For Death imponiert als folkiges Alternative-Album, das in gesanglicher Hinsicht den rauen, düsteren Momente einer PJ Harvey fraglos das Wasser reichen kann.

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Gut gemeint? Sehr gut gemacht! – Moddi

Gut gemeint, so unkt man gern, sei das Gegenteil von gut gemacht. Wenn sich also ein Singer-Songwriter verbotenen, zumindest aber verpönten Liedern aus allen Teilen der Welt annimmt, darauf aufmerksam machen möchte, dass sich Musik immer auch gegen Tyrannei, Krieg und Unrecht gewandt hat, will man der Idee applaudieren. Mit der Intention allein gewinnt man freilich keinen Blumentopf.  Auch die konkrete Umsetzung muss überzeugen. Lieder des Protests haben über die Zeit deshalb ihre Wirkung entfaltet, weil sie oftmals von Menschen in Bedrängnis für unterdrückte Menschen geschrieben wurden. Kann also ein junger norwegischer Singer-Songwriter namens Moddi mit seinem Album Unsongs tatsächlich jenen Ärger, allen Zorn und die bisweilen große Verzweiflung reproduzieren, die den ursprünglichen Werken innewohnt? Und ist der Indie-Musikfan die Zielgruppe, die mit solch Attitüde etwas anzufangen weiß? Ich meine ja, ich hoffe ja.

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Photo Credit: Jørgen Nordby

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Ein Inselrundgang – Yann Tiersen

Als elegantes, melancholiches Klavierkonzert mit minimalistischen Untertönen, stets untermalt von beschaulichen Klängen aus der Natur, derart angenehm kontemplativ präsentiert sich EUSA. Der französische Komponist Yann Tiersen hat nicht zufällig wegen seiner Filmscores Berühmtheit erlangt. Und viel von der Herangehensweise an einen Soundtrack, etwa das beiläufige Untermalen von Bildern,  findet sich auf EUSA wieder. Die 18 Stücke des Werks entpuppen sich als musikalische Vermessung der bretonischen Insel Ouessant. Tiersen lässt Szenerien auf sich wirken, wandelt dabei von Ort zu Ort. EUSA gleicht einem Inselrundgang, bei dem die pittoreske Schönheit der einzelnen Schauplätze mindestens so ansprechend ist wie die in allerlei Gedanken schweifenden Spaziergänge dazwischen.

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Fast zu viel des Guten – Hannah Epperson

An Plattenveröffentlichungen herrscht wirklich kein Mangel. An überzeugenden Ideen jedoch, wie man zehn oder mehr Lieder zu einer Geschichte zusammenschmiedet, eher schon. Das Album als Drehbuch ist ein Konzept, das nur selten ganz große Begeisterung hervorruft. Speziell im Pop. Hannah Epperson will auf ihrem Album Upsweep ein sehr abgründiges Psychodrama beschreiben. Ein junger Mann namens Skyler weist hierin eine bipolare Störung auf, wird von den fiktiven Charakteren Amelia und Iris heimgesucht. Immer tiefer driftet er in eine Manie hinab, begünstigt durch das Spannungsverhältnis, welches zwischen Amelia und Iris besteht. Soweit die vom Pressetext geschilderte Ausgangslage, die sowohl zum Arthouse-Film als auch zum Hollywood-Thriller taugen würde.

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