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Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht. Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather weiterlesen

Release Gestöber 18 (The Holiday Crowd, Saint Etienne, Damien Jurado, The Kabeedies)

Eigentlich bräuchte es keine Musikblogs. Zumindest nicht zum Streuen von Nachrichten. Das erledigen doch Stereogum, Pitchfork oder auch NME in ausreichendem Maße. Wenn Lana Del Reys Zahnfleisch blutet, wird dies zu Schlagzeilen verwurstet. Das neue, herrlich vergessenswerte Video einer durchschnittlichen Band erfährt viel Trara, ein fast ebenso großes Echo wie der aalglatte, auf knackige drei Minuten getrimmte Auftritt einer gerade überaus angesagten Formation in einer amerikanischen Late Night Show. Ob Wiedervereinigung einer zurecht in den Abfluss der Musikhistorie gespülten Band oder eine während eines Anfalls geistiger Umnachtung im Rahmen eines Konzertes verbrochene Cover-Version, all das sind Neuigkeiten um der Neuigkeit willen. Will ich wirklich wissen, wie es denn klingt, wenn Frau Feist einen auf Guns N‘ Roses macht? Doch nur dann, wenn das Resultat dieses Experiments aller Genialität spottet! Interessanter gerät die Sache lediglich, wenn ein erster Vorgeschmack auf ein bald erscheinendes Werk vorgestellt wird. Deshalb hören wir uns mal wieder in neue Alben rein, erfreuen und vorfreuen uns an dem, was Musik 2012 zu bieten hat. Weisen hin, worauf man nicht genug hinweisen kann.

The Holiday Crowd

Beginnen wir mit einer im kanadischen Toronto angesiedelten Band namens The Holiday Crowd. Das dieser Tage veröffentlichte Minialbum Over the Bluffs ist eine im Stile ein bisschen an The Smiths erinnernde Liebeserklärung an Scarborough, einem Stadtteil von Toronto. Dieses 7 Tracks umfassende, mit einer Spielzeit von knapp 25 Minuten irgendwo zwischen EP und LP verortete Werk erinnert auch daran, dass es aus den Achtzigern mehr zu schürfen gilt, als zumeist nur jenen vorwiegend unsäglichen Synthie-Pop. Kurzum The Holiday Crowd haben die richtigen Vorbilder – und das nötige Talent. Darum sollte man Over the Bluffs unbedingt anhören, auch wenn es derzeit viel prominentere Platten zu erlauschen gibt. Die Möglichkeit dazu bietet ein Album-Stream auf Exclaim.

Over the Bluffs ist am 24.01.2012 auf New Romantic erschienen.

Saint Etienne

Wenn sich eine Formation ein eigenes Genre verdient hat, dann die Briten Saint Etienne mit ihrem sophisticated Disco-Glam-Pop. So richtig ins Herz geschlossen habe ich sie seit ihrem Auftritt beim Berlin Festival 2009. Wie Sängerin Sarah Cracknell samt lässig drapierter Boa imponierte, ihr vornehm divareskes Charisma versprühte, das hatte Stil und Flair. In diesem Jahr schicken sich Saint Etienne nun an, das erste Studioalbum seit 2005 zu veröffentlichen. Als erste Kostprobe erfreut der Track Tonight, der belegt, dass das Trio noch immer im Saft steht. Wann die neue Platte das Licht erblickt, das steht noch nicht fest. Ob man die Scheibe um jeden Preis ergattern muss, vermag ich auch noch nicht zu sagen. Aber wenn Saint Etienne durch die Lande ziehen, dann darf man sich einen Auftritt unter keinen Umständen entgehen lassen. Selbst ein mittelstarkes Erdbeben kann nicht als Ausrede gelten! (Den kostenlosen Download von Tonight gibt es gegen Angabe von Sozialversicherungsnummer, Blutgruppe und Geburtsort auf der offiziellen Homepage von Saint Etienne.)

Damien Jurado

Wenn ich auf Damien Jurado zu sprechen komme, weiten sich meine Augen vor Begeisterung. Schwärmerei für einen Singer-Songwriter, der zu den besten seiner Zunft gehört! Wie bereits berichtet erscheint sein jüngstes Album Maraqopa am 24.02.2012 auf Secretly Canadian. Jetzt dürfen wir einen zweiten Track, Museum of Flight nämlich, daraus bewundern. Ein feines, sanft im Falsett haderndes Stück, wie man es nach dem großen Album Saint Bartlett freilich erhoffen durfte. Wunderbarst! Unbedingt downloaden!

Tourtermine:

28.01.2012 Köln – King Georg
01.03.2012 Hamburg – Astra Stube
07.03.2012 Berlin – Comet Club
08.03.2012 Leipzig – UT Connewitz
09.03.2012 Schorndorf – Manufaktur
25.03.2012 Fribourg (CH) – Fri-Son
26.03.2012 Zürich (CH) – El Lokal
27.03.2012 Freiburg – White Rabbit

The Kabeedies

Mensch, was war Rumpus für ein enorm beschwingtes, aufgeweckt unterhaltsames Debüt! Nun legen die Briten The Kabeedies mit Soap demnächst das zweite Album vor. Es gilt folglich die Qualität des Debüts zu bestätigen. Zumindest die erste Single Eyes kann mit bereits unter Beweis gestelltem Elan und der gezeigten Eingängigkeit nicht völlig mithalten. Einerlei! Ich für meinen Teil werde Soap auf alle Fälle voll Wohlwollen begegnen und den Lesern in Bälde über die Scheibe berichten. (VÖ: 24.02.2012 auf Motor/Rent A Record Company)

Das soll es an Neuvorstellung für heute mal wieder gewesen sein. Demnächst natürlich mehr!

SomeVapourTrails

Der klingende Adventskalender: Türchen 16 – Door 16

Saint Etienne – No Cure For The Common Christmas

English text (grey) below

Quietschfidele Geselligkeit, genauso wenig Besinnlichkeit, nein beides sollte man sich nicht erwarten, wenn Saint Etienne ein Weihnachtsalbum namens A Glimpse Of Stockings in kleinster Auflage für ihre treuesten Fans veröffentlichen. Die Band ist wohl Inbegriff für einen unnahbar divaresquen, sehr sophisticated zu titulierenden, irgendwo zwischen Dance music und Synthpop verortbaren Stil. Dergestalt präsentiert sich auch No Cure For The Common Christmas. Frontfrau Sarah Cracknell zieht wieder einmal alle Register ihres Könnens, haucht den Beats Leben ein, bis der Track in ekstatische Sphären abhebt. Wer die Diva – so wie ich beim Berlin Festival 2009 – schon einmal erleben durfte, dem brauche ich die Ausstrahlung der Dame wahrlich nicht zu buchstabieren. Zeitgenossen, die den Schnodder weihnachtlicher Traditionen längst in ihr Taschentuch geschneuzt haben, sollten mit der wohlig verführerischen Kühle Saint Etiennes durchaus etwas anzufangen wissen.

Saint Etienne – Through the Winter by bangonpr

Das für den Fanclub erdachte, auf 3000 Stück limitierte Album A Glimpse Of Stockings ist leider schon längst ausverkauft, nur noch bei den verbleibenden Shows in Großbritannien erhältlich. No Cure For The Common Christmas ist in der Tat ein triftiger Grund, sich rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest 2011 als Fan von Saint Etienne zu outen und auf eine Neuauflage zu hoffen.

Saint Etienne is well-known for their sophisticated and somewhat remote style, combining dance music with synthpop, delivering a quite unique sound, mainly because of Sarah Cracknell, the amazing singer of the band. I am lucky to say that I have seen her performing live at last year’s Berlin Festival, her charisma and stage performance are as unique as entertaining. A few weeks ago Saint Etienne released a Christmas album called A Glimpse Of Stockings for their most devoted fans. The limited edition of 3,000 numbered copies is almost sold out, only a few CDs are still available at the upcoming Christmas shows in the UK. What a pity! Because this album may appeal to all people who can’t stand traditional Xmas tunes any longer. The track No Cure For The Common Christmas is a beautiful example how Cracknell’s whispering voice carries the slowly evolving song to a fabulous ending. So you better make sure to join the fan club, because I bet you won’t want to miss a possible reissue in 2011. Saint Etienne certainly belong to the best disco era influenced groups in contemporary music.

Saint Etienne – Fireside Favourite by bangonpr

Link: saintetienne.com

SomeVapourTrails

Head over to our Advent Calendar site to find more Christmas treats:

Berlin Festival – Viel Lärm um fast nichts

Meine Präferenzen werden wohl immer kleinen, intimen Club-Konzerten gelten, in welchen der Interaktion von Bands/Interpreten mit der leider zu oft überschaubaren Anzahl an Besuchern ein wichtiger Teil des Charmes innewohnt. Und trotz massiver Zweifel am Line-Up habe ich mich mit mindestmöglicher Unbefangenheit in die Sphären einer mittleren Großveranstaltung gewagt. Das Berlin Festival 2009 versuchte den Spagat zwischen angeberischem Pathos eines Events und dem Anspruch an einen imaginären Indie-Spirit. Das Ergebnis kann sich letztlich aus verschiedenen Gründen nicht sehen lassen. Und genau auf diesen Makeln will ich herumtrampeln, gleich den den Tempelhofer Beton malträtierenden Besuchern.

Geschichtsträchtige Atmosphäre, anreisegünstige Lage, dem Unbill des Wetters trotzend – es gäbe genügend handfeste Argumente für eben diesen Austragungsort, die allesamt kein Blabla darstellen. Doch blanke Theorie bastelt noch lange keine Realität. Was in der am Computer generierten 3-D-Animation schick und schlau aufgereiht, erwies sich in der Umsetzung als Blindgänger. Durch die charismatischen Hallen des ehemaligen Flughafens durfte man auf das Gelände schlurfen. Gleich beim Eingang – unter dem riesigen, halbkreisförmigen Vordach – war die Second Stage untergebracht. Links davon verlief die ebenso überdachte Verpflegungsmeile bis hin zu einem Hangar, welcher die Hauptbühne beherbergte. Bereits hier befiel mich eine Verwunderung. Warum zum Teufel wurde das Herzstück des Festival ins Abseits gestellt, in eine Halle gepfercht, welche zwar groß, aber dennoch räumlich begrenzt ist? Im Grunde ist ein Festival eine Freiluftveranstaltung. Und auch ich hänge der These an, dass diese Location genug Grünflachen für die Ausrichtung eines zünftigen Musikfestes vorrätig hätte. Die gen Wettergott ausgestreckte Zunge mag die Herzen der Veranstaltern betört haben, insgesamt freilich erwies sich die Konzeption als Stimmungstöter. Eine mit der Kulisse des Flughafengebäudes im Rücken gepflanzte Mainstage hätte mehr Flair und Platz geboten, der Hangar als Dancefloor für DJ-Kunststückchen besser getaugt.

BerlinFestival2009

Die Auswahl der Akteure mutete ebenso holprig an. Die Headliner Peter Doherty und Deichkind passten mehr schlecht als recht zu dem Electro-Pop-Schwerpunkt (wie durch Telepathe, Saint Etienne und Zoot Woman repräsentiert) und dem gerne mit bis zum Anschlag plärrenden Gitarren vorgebrachten Indie-Rock (zum Beispiel The Rifles oder The Thermals). Dazu holte man sich noch nervtötend experimentelle Acts wie These New Puritans oder die komplett schrecklichen 1000 Robota ins Boot. Was die hervorragenden Dear Reader in diesem für sie wenig geeigneten Umfeld zu schaffen hatten, blieb ein Mysterium. Ich komme nicht umhin, den Macher Inkonsequenz zu attestieren. Entweder engt man die Ausrichtung auf 2-3 Musikstile ein oder aber man agiert vielfältig – dann jedoch dürfte die Mischung ruhig wesentlich bunter ausfallen. Singer-Songwriter – wo waren sie abgesehen von Herrn Doherty? Hip-Hop und Rap (Dendemann, also wirklich!) lediglich aus deutschen Gefilden? Die derzeit zurecht angesagten folkigen Töne fehlten zur Gänze.

Kommen wir zu kleinen Ärgernissen. Warum das Wiederbetreten des Festivalgeländes mit der Begründung, dass die Auflagen der Flughafen-Verwaltung es untersagen, den denkmalgeschützten Platz der Luftbrücke und seine Anwohner durch abhängende Festivalbesucher zu stören, verweigert wird, mutet seltsam an. Bei ein paar Tausend Zusehern hätte ein auf selbigem Platz installierter Wachdienst und humanere Getränkepreise am Festivalgelände die Bedingung sicher erfüllt. Und auch ein vor allem in der Halle offenkundig grottenschlechter Sound kann und darf nicht hingenommen werden. Wer die an sich durchaus gute Band The Thermals gehört hat, wird mir zustimmen.

Das Berlin Festival 2009 bot ein paar gute bis sehr gute Auftritte,  vor allem die Show von Saint Etienne war zum Fingerschlecken. Nichtsdestotrotz bietet das Gesamtergebnis der beiden Abende Anrecht auf Enttäuschung. Uncharmant lässt sich bilanzieren: Viel Lärm um fast nichts.

SomeVapourTrails