Nichts für Lustmolche, vielmehr für Fans verschmierten Kajals – Sex Jams

Ein widerwilliges Hallo sei all jenen auf Perversität gierenden Zeitgenossen entgegen geschleudert, die Google in die Irre führt, ausgesprochen narrt. Zugegeben, die Band nennt sich Sex Jams, tituliert ihr Debütalbum Post Teenage Shine. Ich wette freilich, dass die unwissende Suchmaschine das „Post“ ignoriert, auf Backfische fixierte Lustmolche zu uns führt. Es gibt hier nichts zu sehen, bitte weitergehen, das will ich nochmals betonen. Das Hören jedoch steht auf einem anderen Blatt. Ein erwachsener, aber bei weitem nicht gesitteter, deftig fiebrig glänzender Noise-Pop fliegt uns im konkreten Fall um die Ohren, penetriert die Gehörgänge 36 Minuten lang. Allein die Dauer verbietet den Gedanken an einen Quickie, hier wird vor Energie strotzende Ausdauer schweißüberströmt zelebriert.

Sex Jams kommen aus Wien, das meines Wissens noch nie durch ausgeprägte musikalische Noisigkeit glänzte.  Doch nicht zuletzt dank Sängerin Katarina Trenk ändert sich dies nun. Mit ihrer lasziven, aggressiven, schreihalsig souveränen Vorstellung krakeelt sie sich die Seele aus dem Leib, angetrieben von Lukas Bauer (Gitarre), Florian Seyser (Bass) und Rudi Braitenthaller (Schlagzeug). Und wenngleich sich der musikalische Einfallsreichtum in besagtem Genre in überschaubaren Grenzen abspielt, lotet die Formation selbige jedoch vorbildlich aus, verabreicht uns mit Post Teenage Shine eine Platte überdurchschnittlicher Güte.

Spätestens die Zeile „This room smells like sex. It’s our sex. It’s you and me against the world.“ gibt die Stoßrichtung vor. On Our Way Home is Nowhere verkörpert die gebündelte Essenz der musikalischen Attitüde. Wer sich von diesem Track die Eingeweide erschüttern lässt, wird der gesamten CD sein Placet gewähren. Auf dem besten Song des Albums, Ages, mit seinem aufmüpfig-desperatem „You wish I won’t“ wird der Elan hitverdächtig perfektioniert. Die Gitarre lärmt – was sollte sie auch sonst tun? – das Schlagzeug hämmert – dito – und Trenks hektische Stimme setzt der Chose das Sahnehäubchen auf, ehe das Mantra „Time hides in faces, time kills our ages“ den Hörer aus dem Zauber entlässt. Dreieinhalb Minuten können verdammt gefällig zum Wimpernschlag eines Deliriums schrumpfen. Aeroplane Waves gibt sich weitaus melodischer, fast schon zahm, bevor das gebrüllte „If it’s truth then it’s her fucking truth.“ die Trotzigkeit wieder hervorkehrt. Gut so. Mit Tribute to O. Wilde will ich auch noch einen weiteren, vielleicht nicht auf Anhieb eingängigen Song mit einem Bravo bedenken. Die Sex Jams recken dem Hörer ihr mit Kajal verschmiertes, verrotzt-punkiges Gesicht entgegen und in den besten Momenten strahlt es dabei so schön wie einzigartig, dass man die Antlitze ihrer Vorbilder fast aus dem Gedächtnis verliert. Eine derartig überzeugende Verführung mag man von einem Erstlingswerk im Regelfall nicht erwarten.

Post Teenage Shine zählt für mich zu den erfreulichen wie ekstatischen Überraschungen dieses Herbsts. Eine Scheibe, die weitaus mehr erinnerungswürdige Titel als Durchschnittsnummer zu bieten hat! Wenn Sex Jams auch Live-Qualitäten besitzen, wovon man sich im Oktober selbst ein Bild machen darf, gebe ich dem Quartett gute Chancen Genre-Fans nachhaltig zu beeindrucken. Bis dahin wird sich die Formation zumindest unter den googlenden Lustmolchen einen Namen machen.

Post Teenage Shine ist am 17.09. bei Siluh Records erschienen.

Konzerttermine:

01.10.10 Weikersheim – W71
02.10.10 Augsburg – Ballonfabrik
03.10.10 Solingen – Waldmeister
04.10.10 Köln – Aetherblissement
05.10.10 Hamburg – Hafenklang
06.10.10 Chemnitz – Subway To Peter
07.10.10 Dresden – Scheune
08.10.10 Gera – Sächsischer Bahnhof
09.10.10 Berlin – Kastanienkeller
10.10.10 Berlin – tbc
11.10.10 Bielefeld – AJZ (mit Future Islands)
13.10.10 Kiel – Pumpe (Roter Salon)
15.10.10 St. Pölten (A) – Siluh Label Night (SKW83)
16.10.10 Krems (A) – Jazzkeller
23.10.10 Linz (A) – KAPU
29.10.10 Wien (A) – Flex (London Calling)
30.10.10 (A) – Röda

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