Schlagwort-Archive: shoegaze

Schatzkästchen 73: Lions of Dissent – Heaven Sent

Vielleicht geht es ja nicht nur mir so, dass ich Shoegaze an einem heißen Sommertag angenehm erfrischend finde. Falls es den werten Lesern ähnlich geht, möchte ich eine sehr gute Empfehlung weiterreichen. Beim Bloggerkollegen Peter von Coast Is Clear habe ich nämlich Lions of Dissent aufgestöbert. Die Formation aus Wolverhampton, die sich laut eigenen Angaben eher als kreatives Kollektiv denn Band versteht, imponiert mit Heaven Sent, einem Indie-Rock-Track mit starkem Shoegaze-Charakter und einem altmodisch-inbrünstigen Gesang. Beim Indie-Rock der letzten 15 Jahre geht mir mitunter die gesangliche Qual, die überbordende Emotion ab. Eben dies zeichnet den Song aus, dieses schwelgerische Achtziger-Flair. Neben dominanten Gitarren setzen auch Synthies einen atmosphärisch dichten Akzent. Ich würde es wirklich selten nennen, dass ein Lied ungemein wuchtig, ja fast hymnisch, und doch zugleich luftig tönt. Ich bin begeistert!

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Schlaglicht 58: Basement Revolver

Basement-Revolver

Wow! Es gibt Klänge, die mir nur ein schlichtes Wow entlocken. Das kanadische Trio Basement Revolver fabriziert solche tollen Klänge. Morgen veröffentlicht die Band ihre vier Titel umfassende, selbstbenannte Debüt-EP, die mit einem Ausruf der Begeisterung vielleicht doch nicht ausreichend gewürdigt scheint. Schauen wir uns also die Qualitäten der Formation näher an. Die Basis dieser Musik bildet ein ausgesprochen introspektiver Indie-Rock. Dabei allein bleibt es aber nicht. Der balladeske Song Lake, Steel, Oil etwa vermischt einen beschaulich-nachdenklichen, glockenklaren Gesang in der Manier von the innocence mission mit verzerrtem, mächtigem Shoegaze. Mit regelrechtem Staunen wird im Refrain die Erkenntnis „These days are numbered/ So don’t waste them on slumber“ kundgetan, so als wäre das Wissen um Vergänglichkeit gerade eben geschaut worden. Dieser Song zählt für mich bereits zu einem Highlight des Musikjahres 2016. Doch halt, die EP hat noch mehr Pfeile im Köcher. Zum Beispiel den Indie-Pop von Johnny, mit kräftigen Drums aufgefettet und mit ein wenig Twee-Süße veredelt. Wenn man im Indie-Bereich von einem Ohrwurm sprechen möchte, dann kommt dieser Song dem Begriff verdammt nahe. Die Sängerin Chrisy Hurn entzückt mit einer Stimme, die in sich gekehrt, unprätentiös wie inbrünstig wirkt, zugleich auch eine getrocknete Träne im Augenwinkel trägt. Auch Words kommt mit einem gewissen Maß an Beiläufigkeit daher, der Refrain „Words are just words are words are words“ mutet dabei als leiser Seufzer an.

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Schlaglicht 51: Programm

Bereits letztes Jahr habe ich auf die Formation Programm hingewiesen, die EP Like The Sun mit Lob überschüttet. Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, auf das letzte Woche erschienene Debüt A Torrid Marriage of Logic and Emotion hinzuweisen. Der Titel mag sperrig anmuten, die Musik jedoch ist edel, wie der Song Jukai belegt. Wenn man sich das Lied wieder und wieder anhört, wird man nämlich von der ästhetischen Kraft der Nummer völlig überwältigt. Es ähnelt einem großen Gemälde von enormer meditativer Qualität, in dessen Farben, Stimmungen und Details einzutauchen lohnt. Jukai ist von Minimalismus geprägt, ein nervös-repetitives Piano bildet das Fundament des Songs, darauf gestülpt wirkt ein fast steriler Drone-Charakter. Auch flirrende Synthies dürfen nicht fehlen. Die oberste Schicht schließlich bildet ein verwaschener und zugleich in höchsten Sphären schwebender Gesang. Leichte Schwere, melodische Melancholie und eine gewisse dunkle Helle durchziehen das Stück, das sich stets seine geheimnisvolle Aura bewahrt. All die Widersprüche klären sich ein Stück weit auf, wenn man man erfährt, dass der Song seinen Namen von einem Waldgebiet um den japanischen Vulkans Fuji geliehen hat. Der Kuroi Jukai, auch bekannt als Aokigahara, zieht nämlich Lebensmüde an wie Licht die Motten. Schon allein dieser Track unterstreicht, dass die Band aus Toronto in den letzten zwölf Monaten nochmals einen Entwicklungssprung gemacht hat. Sämtliche Talente, die sich auf der EP bereits mehr als nur angedeutet haben, treten nun offen zu Tage. Neben diesem grandiosen Track bietet der Plattenerstling übrigens auch ein Wiederhören mit den zwei stärksten Titeln der EP, Like The Sun und Zerozerozero. Letzteres Stück habe ich voriges Jahr derart beschrieben: „Knister-Drums, Piano und eine metzgernde Gitarre untermalen den kontemplativen bis bedrückenden Vortrag Jacob Somas, ehe nach und nach alles auf Synthie-Wogen gen Unendlichkeit schwebt.“ Schlaglicht 51: Programm weiterlesen

Schlaglicht 39: Forsaken Autumn

Wir haben es uns sehr kuschelig gemacht in unserer westlichen Welt. Ganze Kontinente betrachten wir als Hinterhöfe, wo billig Waren gefertigt werden. Zu mehr taugt Asien nicht, mal abgesehen von einigen touristisch interessanten Regionen. Und da das Denken so ist, wie es halt ist, kommen wir in aller Regel nicht auf die Idee, im fernen Indien oder China nach Musik zu suchen. Warum auch? Ich will mich von der Kritik gar nicht ausnehmen, abgesehen von meinem Faible für afrikanische Klänge bin auch ich mit Scheuklappen unterwegs. Umso mehr freut es mich, den Lesern heute eine Formation aus China vorstellen zu können. Bei der Band aus Shanghai ist Nomen gleich Omen, wer den Namen Forsaken Autumn trägt, scheint für Shoegaze beziehungsweise Dream-Pop geradezu prädestiniert. Und tatsächlich, die Ende Dezember veröffentlichte EP Whenere bietet herrlich verschrammelten Lo-Fi-Shoegaze samt entrückt säuselnder Frauenstimme. Ein Track wie Wallow atmet die ganze Lieblichkeit des Genres. Wallow zählt zum Besten, was ich in den letzten Jahren aus dem Bereich Shoegaze vernommen habe. Schlaglicht 39: Forsaken Autumn weiterlesen

Falsche Bescheidenheit einer stupenden Band – Maff

Wenn man über die Band Maff etwas weniger Schmeichelhaftes sagen will, dann dass die Formation aus der chilenischen Hauptstadt Santiago wohl nicht den formidabelsten Bandnamen ersonnen hat. An der stupenden Musik der gleichnamigen, vor wenigen Wochen veröffentlichten EP lässt sich dagegen kein Makel finden. Als ich über diese EP beim Kollegen Nicorola gestolpert bin, war es sofort um mich geschehen. Maff stehen für eine vielfältige Mischung aus Shoegaze, Post-Punk, Indie-Rock und Post-Rock. Bei praktisch jedem Track wird ein anderer Akzent gesetzt. Das acht Songs und einen Radio Edit umfassende Werk als EP zu bezeichnen, scheint ohnehin falsche Bescheidenheit zu sein.

Doch sehen wir uns die Stücke ganz kurz näher an. Beim grandiosen, majestätischen Walking On Fire etwa dominiert Post-Rock, der wie eine Mixtur aus And So I Watch You From Afar und Explosion In The Sky und einer sehr melodisch gestimmten Alternative-Rock-Kapelle klingt. Someday dagegen mutet nach einer shoegazigen Nummer aus den Neunzigern an, ein Konglomerat aus Low, Yo La Tengo und His Name Is Alive vielleicht. Falsche Bescheidenheit einer stupenden Band – Maff weiterlesen

Schlaglicht 17: Programm

Shoegaze, Dream-Pop, gerne auch mit psychedelischer Note – was habe ich das lange, lange Zeit gern gehört. Irgendwie scheinen diese Genres jedoch in letzter Zeit auf diesem Blog weniger vertreten. Liegt es an veränderten Hörgewohnheiten oder vielmehr daran, dass eben nicht jede Woche eine so feine EP wie Like The Sun der kanadischen Band Programm erscheint? Mir geht wirklich das Herz auf! Speziell der Titeltrack dieser vier Songs umfassenden EP ist ganz großes Genre-Kino: Säuselnder weiblicher Gesang, Synthie-Schwaden, verhallte Gitarren. Die Chose wird mit viel Verve und Wave dargeboten. Der Song Like The Sun eignet sich zum Niederknien. We Barely Escaped wiederum funktioniert über den Kontrast von Gitarre und Drumcomputer, hier wird zunächst verschnickschnackter Post-Punk mit männlich-larmoyantem Vortrag dargeboten, ehe Sängerin Jackie Game für ein betörendes shoegaziges Intermezzo sorgt. Das Prinzip Wow! setzt sich fort, sogar bei einem vermeintlichen Lückenfüller wie dem verschwurbeltem Coldwave von Soft Shadows. Zuletzt wird mit ZeroZeroZero die Auflösung zelebriert. Knister-Drums, Piano und eine metzgernde Gitarre untermalen den kontemplativen bis bedrückenden Vortrag Jacob Somas, ehe nach und nach alles auf Synthie-Wogen gen Unendlichkeit schwebt. Schlaglicht 17: Programm weiterlesen

Schlaglicht 10: Manon meurt

Feiner Shoegaze mit einer weiblichen Stimme, irgendwo zwischen Schwanengesang und Nachtigall angesiedelt, dringt aus Tschechien an mein Ohr. Ich kann mich auf die Schnelle nicht entsinnen, in all den Jahres des Bestehens von Lie In The Sound schon einmal Musik aus Tschechien vorgestellt zu haben. Ich schiele schlicht selten gen Osten, aber eventuell ist diese eklatante Vernachlässigung ja doch auch einer Musikszene geschuldet, die nicht recht aus den Puschen kommt. Umso größer fällt mein Erstaunen darüber aus, dass die Formation Manon meurt einen derart verträumten, geradezu archetypischen Shoegaze an den Tag legt. Auf der im Februar letzten Jahres veröffentlichten, gleichnamigen EP sticht speziell der Song To Forget hervor: Melodische Gitarrenwände, entrückter Gesang, dazu das übliche Spiel mit Verzerrungen und Hall. Was will das Shoegaze-Herz mehr? Der Rest der EP kann sich ebenfalls sehen lassen, etwa die sachte Euphorie von Glowing Cityscape oder die zunächst ätherische, später gewittrige Dream-Pop-Melancholie von Blue Bird. Schlaglicht 10: Manon meurt weiterlesen

Schatzkästchen 8: Venera 4 – Colored Fields

Wenn eine Band zur Beschreibung des eigenen Sounds eine grundsätzliche Betrachtung vom Stapel lässt („In the dark, all color melt together. In daylight, they are a divine radiance.“), dann möchte sie entweder mit aufgesetzter Klugheit hausieren gehen – oder aber eine bestimmte Attitüde auf den Hörer übertragen. Die Pariser Formation Venera 4 fällt fraglos in letztere Kategorie. Sie versteht sich auf das Auflösen von Kontrasten, lässt Helle und Dunkel vermengen, kreiert einen funkelnden Sound, der Sinnlichkeit und Kraft kombiniert. Ätherischer Gesang trifft auf wirkmächtige Gitarren, die Lärmigkeit von Noise-Pop auf die ästhetische Vision des Shoegaze und die melodische Leichtigkeit des Indie-Pop. All dies verkörpert der Song Colored Fields, der mir das Herz ganz und gar aufgehen lässt. Es entzückt als herrliches Duett, das als Vorbote für das Anfang März erscheinende Album Eidôlon fungiert. Venera 4 scheint mit diesem Lied alles und mehr geglückt. Colored Fields zählt für mich schon jetzt zu den Tracks des Jahres, weil er auf kleine, feine Weise perfekt tönt. Schatzkästchen 8: Venera 4 – Colored Fields weiterlesen

Das ungestüme Umarmen des Seins – Black Twig

Irgendwo zwischen Indie-Pop-Rock und Shoegaze siedelt sich die aus dem finnischen Helsinki stammende Formation Black Twig an. Mit ihrer zweiten Platte Heliogram ist der Band ein bisweilen in einem warmen Sound schwebendes, mitunter auch durch brummenden Noise-Pop tuckerndes Album geglückt. Diesem Werk wohnt eine handfeste Sehnsucht und jugendliche Unbeschwertheit inne. Dank zweier Gitarren, Bass, Schlagzeug und ein wenig Orgel wird eine hypnotischen Zärtlichkeit befördert, die nach und nach ihre geradezu verträumte Wirkung geschrammelt entfaltet. „[L]icht, luftig und farbig klingt ihr stoisch-flirrender Gitarrenpop“ weiß der Pressetext zu Heliogram zu vermelden – und vermag das Wesen dieser Klänge kurz und bündig zu erfassen.

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Lauschrausch XLV: Hazy Mountains

Ich habe seit Jahresbeginn sehr wenig Musik gehört. Mir ist nicht etwa die Freude daran vergangen, aber zwei Wochen lang hat mir doch arg der Kopf gebrummt. Nun freilich sind die Gehörgänge wieder frei für neue Töne. Dem regelmäßigem Bloggen über Musik steht also nichts im Wege. Heute möchte ich auf einen Track verweisen, dem schon die werten Bloggerkollegen von Schallgrenzen und das klienicum mit Lobesworten begegnet sind: Neon Velvet ist eine wunderbare Mischung aus Shoegaze, Electronica und Synthie-Pop, ätherischer Ohrenschmeichler und Energiebündel zugleich. Bei diesem Track fällt die Wahl des Titels keinesfalls willkürlich aus. Die Nummer pulsiert einerseits voll kühler Helle des Neonlichts und lullt zugleich weich und zärtlich ein. Mit diesem Stück will der unter dem Namen Hazy Mountains werkende Deutsche Julian Prott auf sein für Frühjahr avisiertes Album aufmerksam machen. Und ja, Neon Velvet kreiert einen derart betörenden Lauschrausch, dass ich der Platte voll Neugier entgegensehe.

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