Schlagwort-Archive: shoegaze

Schatzkästchen 8: Venera 4 – Colored Fields

Wenn eine Band zur Beschreibung des eigenen Sounds eine grundsätzliche Betrachtung vom Stapel lässt („In the dark, all color melt together. In daylight, they are a divine radiance.“), dann möchte sie entweder mit aufgesetzter Klugheit hausieren gehen – oder aber eine bestimmte Attitüde auf den Hörer übertragen. Die Pariser Formation Venera 4 fällt fraglos in letztere Kategorie. Sie versteht sich auf das Auflösen von Kontrasten, lässt Helle und Dunkel vermengen, kreiert einen funkelnden Sound, der Sinnlichkeit und Kraft kombiniert. Ätherischer Gesang trifft auf wirkmächtige Gitarren, die Lärmigkeit von Noise-Pop auf die ästhetische Vision des Shoegaze und die melodische Leichtigkeit des Indie-Pop. All dies verkörpert der Song Colored Fields, der mir das Herz ganz und gar aufgehen lässt. Es entzückt als herrliches Duett, das als Vorbote für das Anfang März erscheinende Album Eidôlon fungiert. Venera 4 scheint mit diesem Lied alles und mehr geglückt. Colored Fields zählt für mich schon jetzt zu den Tracks des Jahres, weil er auf kleine, feine Weise perfekt tönt. Schatzkästchen 8: Venera 4 – Colored Fields weiterlesen

Das ungestüme Umarmen des Seins – Black Twig

Irgendwo zwischen Indie-Pop-Rock und Shoegaze siedelt sich die aus dem finnischen Helsinki stammende Formation Black Twig an. Mit ihrer zweiten Platte Heliogram ist der Band ein bisweilen in einem warmen Sound schwebendes, mitunter auch durch brummenden Noise-Pop tuckerndes Album geglückt. Diesem Werk wohnt eine handfeste Sehnsucht und jugendliche Unbeschwertheit inne. Dank zweier Gitarren, Bass, Schlagzeug und ein wenig Orgel wird eine hypnotischen Zärtlichkeit befördert, die nach und nach ihre geradezu verträumte Wirkung geschrammelt entfaltet. „[L]icht, luftig und farbig klingt ihr stoisch-flirrender Gitarrenpop“ weiß der Pressetext zu Heliogram zu vermelden – und vermag das Wesen dieser Klänge kurz und bündig zu erfassen.

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Lauschrausch XLV: Hazy Mountains

Ich habe seit Jahresbeginn sehr wenig Musik gehört. Mir ist nicht etwa die Freude daran vergangen, aber zwei Wochen lang hat mir doch arg der Kopf gebrummt. Nun freilich sind die Gehörgänge wieder frei für neue Töne. Dem regelmäßigem Bloggen über Musik steht also nichts im Wege. Heute möchte ich auf einen Track verweisen, dem schon die werten Bloggerkollegen von Schallgrenzen und das klienicum mit Lobesworten begegnet sind: Neon Velvet ist eine wunderbare Mischung aus Shoegaze, Electronica und Synthie-Pop, ätherischer Ohrenschmeichler und Energiebündel zugleich. Bei diesem Track fällt die Wahl des Titels keinesfalls willkürlich aus. Die Nummer pulsiert einerseits voll kühler Helle des Neonlichts und lullt zugleich weich und zärtlich ein. Mit diesem Stück will der unter dem Namen Hazy Mountains werkende Deutsche Julian Prott auf sein für Frühjahr avisiertes Album aufmerksam machen. Und ja, Neon Velvet kreiert einen derart betörenden Lauschrausch, dass ich der Platte voll Neugier entgegensehe.

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Stream: Maps – Merry Christmas (My Friend)

Der ehrwürdige Guardian hat das im Sommer dieses Jahres veröffentlichte Album Vicissitude mit einem nicht unpassenden Vergleich bedacht: „[A] lysergic-soaked Pet Shop Boys meeting Moby at his most electronic and blissful„. Dem als Maps firmierenden Briten James Chapman ist in der Tat ein Spagate schaffendes Meisterwerk gelungen, welches speziell dann, wenn es in elektronischem Shoegaze aufgeht, überaus erfüllend klingt (Left Behind). Vicissitude zählt zu jenen Platten, über die ich in den vergangenen Monaten unbedingt einmal ein lobendes Wort verlieren wollte, auch weil ich einige nicht besonders vorteilhafte Rezensionen gelesen hatte, die ich so gar nicht nachvollziehen konnte. Dieser Tage nun hat sich unverhofft eine Gelegenheit ergeben, dem werten Leser Maps endlich doch ans Herz zu legen. Mit dem Titel Merry Christmas (My Friend) reiht sich Chapman in die Gilde derer ein, die sich dem Thema Weihnachten nicht verschließen wollen. Stream: Maps – Merry Christmas (My Friend) weiterlesen

Stream: Dark Horses – Jul Song + The Vacant Lots – No More Christmas Blues

Düsterer Shoegaze hat es mir schon immer angetan, kein Wunder also, dass ich hier ganz hin und weg bin. Der Jul Song klingt ein bisschen so, als hätten Beach House inmitten einer schweren Winterdepression ein Weihnachtslied geschrieben, um dann im Studio mit versurrten Gitarren die winterlichen Dämonen auszutreiben. Dies ist als ausgesprochenes Kompliment gemeint. Gefunden hab ich dieses Lied auf exclaim.ca, darf aber die Dark Horses keinesfalls Neuentdeckung nennen, da der werte Herr Co-Blogger sie natürlich schon hier auf unseren Seiten vorgestellt hat.  Und schon wieder wurde ich geschimpft, die musikalischen Empfehlungen des Herrn SomeVapourTrails nicht genug zu würdigen. Zu Recht, in diesem Fall. Ebenso wie er, werde aber auch ich nicht aus der Bandbio schlau. Die  BBC verrät ein wenig mehr, so ist die Band in Brighton ansässig, Sängerin Lisa Elle stammt aus Schweden und die Band klingt so: „it’s as if Saint Etienne suddenly developed an interest in feedback and smashing windows.“ Tja, aus guter Musik soll man eh nicht schlau werden. Jul Song ist jüngst auf Psych-Out Christmas erschienen. Die Compilation bietet einen illustren Reigen psychedelischer Songs und Musiker.

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Echo der Hundstage – Dråpe

Wenn der Herbst in nebligen Untiefen und Trübsinnigkeit versinkt, dann schlägt die Stunde, in der die Genres Shoegaze und Dream-Pop besondere Wirkung entfalten. Denn diese schwer abzugrenden Musikrichtungen sind in ihrer Leidenschaftlichkeit stets ein probates Gegenmittel gegen überbordende Tristesse gewesen. Die norwegische Formation Dråpe hat sich mit ihrem Album Canicular Days ganz und gar den Hundstagen verschrieben. Und tatsächlich wirft ein Song wie Blue Skies ein Echo aus den vermeintlich strahlenden Tagen des Sommers zurück. Die Sängerin Hanne Solem Olsen spielt auf der Klaviatur der Betrübtheit („Close my eyes pretend you’re really here/ I know you’re not, I just gotta get through this day„), während Bass und Gitarre geradezu trotzigen, hellen Optimismus versprühen. Verklärung und Pein, wie sie Pop zu leisten imstande sind, wird von einer Portion Post-Rock-Wildheit flankiert, daraus resultiert eine besonders edle Shoegaze-Hymne. Dem Album liegt ein gewisser Erlebniswunsch in der Seele, es beschwört den vergangenen Sommer – und das was hätte sein können – inbrünstig. Memories ist ein weiteres, im Sound eingängiges Highlight der Platte. Hike wiederum wechselt zwischen Spurt und gebremster Fahrt, kramt in den Aufregungen der Erinnerung. Berg und Tal, immer wieder. All die Ausflüge in die Abenteuerlust einer Jugendlichkeit, in ein leidenschaftlich lärmiges Fühlen, lassen Canicular Days hell strahlen. Wie die flirrende Gitarren-Grandezza auf I Wanted You To Stay eine Sehnsucht nach und nach verblassen lässt, sorgt einmal mehr für die bestens drapierte Wolke am lichtdurchfluteten Firmament.

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Lauschrausch XIII: Dråpe

Heute möchte ich dem werten Leser die norwegische Dream-Pop-/Shoegaze-Band Dråpe ans Herz legen. Ihre jüngst erschienen Single Blue Skies, Vorbote eines hoffentlich bald erscheinenden Debütalbums, schwebt fluffig in den Orbit, träumt sich in die Höhe. Der Song bezaubert durch ätherische Leichtigkeit, gepaart mit shoegaziger Gitarrenherrlichkeit. Eine Nuance verspielter, von fröhlicher Rasanz geprägt klingt By Heart von der 2011 veröffentlichten selbstbetitelten EP. Bereits diese zwei Lieder überzeugen mich voll und ganz. Dråpe sirren und simmen, bescheren klangliche Wonnen, klingen wie ein vor Sonne strotzender Frühlingstag. Welch musikalischer Glücksfall, perfekt für einen Lauschrausch!

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Stream: Pins – Kiss Me Quickly (It’s Christmas)

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Die Indie-Weihnachts-Sensation 2012 kommt aus Manchester und schaffte es auf zahlreichen Musikgazetten groß gefeatured zu werden, zu Recht wie ich finde. Kiss Me Quickly (It’s Christmas) ist ein ganz famoser Song, wunderbar versurrt, musikalisch beheimatet irgendwo zwischen den Dum Dum Girls und den Raveonettes. Wenn nicht alles mit dem Teufel zu geht, sollte 2013 das Jahr der Pins werden. Ich bin gespannt, was da noch kommt. Stream: Pins – Kiss Me Quickly (It’s Christmas) weiterlesen

Free Mp3: The Sky Drops – Christmas Time Is Here/ Christmas Feels Like Halloween

The Sky Drops

Wer hätte das gedachte, wähnte ich mich doch im Glauben alle Shoegaze-Spielarten in meinem ultimativen Auf-die-Schuhe-Starrer-Lexikon aufgezählt zu haben. Weit gefehlt, Gaze-Grunge entschlüpfte bisher meiner Aufmerksamkeit. Umwege erhöhen bekanntlich die Ortskenntnis und so ist der tägliche Besuch bei Stubby’s House Of Christmas ein Muss in der Wanderung durch’s Winter Wonderland. Heute begrüßte mich dort die famosen The Sky Drops. Musik genau nach meinem Geschmack, nicht nur saisonal. Rob Montejo und Monika Bullette fassen auf Facebook ihre Berufung kurz und knapp so zusammen: „Gaze-Rock-Goodness“, ich mag da nicht widersprechen und sichere mir diese Berufsbezeichnung für die nächste Inkarnation.

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Die hohe Schule exquisiter Theatralik – Exitmusic

Unsere Zeit kennt kaum mehr Rätsel. Die Wissenschaft erforscht sie samt und sonders, ergründet die Prozesse in unserem Gehirn, entschlüsselt die menschliche Seele. Die tiefsten Tiefen der Ozeane werden erkundet, der entfernteste Winkel des Universum mit stichhaltigen Thesen bekleckert. Allerlei Wahrscheinlichkeiten türmen sich zu unantastbaren Gewissheiten auf. Unberechenbares ist längst nur einen Wimpernschlag von der endgültigen Ausdeutung entfernt. Jegliches vergangenes Geheimnis harrt seiner überfälligen Entmystifizierung. Nur die Kunst schlägt dem Fortschritt ein kleines Schnippchen. Weil sie nicht in Kategorien der Logik agieren muss, einen eigenen Kosmos kreiert, den die analytische Rezeption meist nur ungenau zu vermessen vermag.

Das aus Brooklyn stammende Duo Exitmusic stellt auf knapp 18 Minuten eine traumhaft gesponnene Gefühlswelt auf die Beine. Der inspirierte Funke  der EP From Silence lässt sich eben nicht einfach so zwischen Komposition und Vortrag auffinden, winkt auch nicht unter dem gnadenlosen Blick eines Mikroskops koboldhaft vorwitzig entgegen. Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass keine Wissenschaft der Welt Kreativität in eine Formel packen kann. Exitmusic entwickeln einen vor Düsterkeit schwangeren, irgendwo zwischen Shoegaze und Trip-Hop angesiedelten Sound, der dramatisch anschwillt, um in ätherischen Brüchen zu münden, oder hymnisch tanzt, nicht ohne zuvor in Ergriffenheit zu schwelgen. Die vier Tracks der EP beeindrucken in ihrer Kompaktheit, sind vielschichtiger und mitreißender als der gegenwärtig grassierende Synthie-Pop. The Sea windet sich in hochtrabende Gefilde, Drama-Queen meets sirenesk rufende Cassandra. Ein faszinierend beschwörerischer Song von ekstatischem Zauber. The Modern Age wummert im Refrain fast schon als sinisterer Disco-Stampfer daher, entlädt sich nach anfänglich grummelnden schwarzen Wolken als grell blitzendes Gewitter über dem Hörer. Das Ehepaar Aleksa Palladino und Devon Church lehrt uns die hohe Schule exquisiter Theatralik, deren Intensität den Bogen nie überspannt und in Lächerkeit abgleitet. Auch The Hour funkelt in aller Pracht als lichtdurchwobener Sonnenaufgang, während The Silence die Helle wieder dimmt und in schwanengesangiger Gedämpftheit vergeht.

Exitmusic – The Hours from Secretly Jag on Vimeo.

„The Sea“ by Exitmusic by DOJAGSC

Exitmusic kreieren Soundtracks für unrunde, verwunschene Stunden, die sich einer rationalen Erfassung entziehen. Das Duo lässt Märchenwälder wachsen, in denen sich der Hörer verläuft, zwischen prickelnder Erregung und unerklärlicher Furcht schwankt, hinter jedem Baum eine geschickt inszenierte Verhexung lauert. From Silence verbreitet die Sorte von rätselhafter Faszination, der man nicht auf die Schliche kommt – und es auch gar nicht versuchen will. Dieses Halbdunkel von einer EP vermag man nicht zu durchschauen, egal von welcher Seite man es beleuchtet.

From Silence ist am 07.10.11 auf Secretly Canadian erschienen.

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Kostenloser Download von The Sea

SomeVapourTrails