Punk ist auch keine Lösung – Ein Essay über Musik und Gesellschaftskritik

Wohl bereits zu Zeiten des Urmenschen begann bei jeder neuen Höhlenmalerei eine rege in Grunzlauten geführte Diskussion untereinander, ob dies nun Kunst oder kitschvolles Geschmiere sei. Und dieser unversöhnlicher Gegensatz zwischen Unterhaltung und Niveau wurde bis in unsere Tage transportiert – wird nach wie vor im Brustton der Überzeugung grunzend mit Fallbeil anstelle einer feinen Klinge ausgekämpft. Aber spazieren wir einen kurzen Gedankengang lang der Vorstellung nach, dass jedweder Ausdruck in Wort, Bild und Ton ebenso Amüsement bescheren wie Sinne und Hirn anregend stimulieren darf. Wenn also Kunst einen höheren Anspruch an Betrachter, Leser und Hörer stellt, dann kann sie dies nur mit einem Mehrwert begründen. Zum Beispiel durch gesteigerte Komplexität, doppelbödige Chiffren, die eine näheren Untersuchung bedürfen, oder aber durch bis ins Detail ausformulierte Ästhetik. Ein weiteres Kennzeichen wäre auch eine Botschaft, die gesellschaftliche Relevanz generiert.

Nach der etwas trockenen Einführung will ich ohne Umschweife auf den Punkt kommen. Während der moderne Theaterbetrieb den künstlerischen Anspruch allzu gerne mit gesellschaftspolitischen Statements begründet, die Arthouse-Nische dies ebenso konsequent praktiziert, Schreiberlinge davor nie zurückschrecken, suche ich diese Haltung in der Musik meist vergebens. Wo nur sind die Komponisten und Texter, die raffinierte Melodien mit Inhalten versehen, die den Stachel ins Mark sozialer Lebenswirklichkeiten setzen? Sollte Musik wirklich nur auf der biedermeiernen Ebene tiefgründiger Erkundung des eigenen Gefühlskosmos funktionieren? Warum wirkt gegenwärtige Musik über weite Strecken so verdammt unpolitisch? War das nicht noch vor 20 Jahren besser?

Erinnern wir uns doch nur an Rap oder Hip-Hop, an eine Zeit von Public Enemy also, ehe Gangsta-Rap als prollig vorgeführte Attitüde den Mainstream erreichte und ein ganzes Genre mit fragwürdigen Klischees ausfüllte. Da war Anspruch sehr wohl an eine Haltung geknüpft. In hiesigen Breiten haben ein Sido oder Bushido mit dem Bekenntnis zu den Schattenseiten des Prekariats eine sozialromantische Vorstellung gepflanzt, dass der Weg aus der Gosse immer über Egomanie und Rücksichtslosigkeit funktioniert. Klare Feindbilder und der goldkettchenhaft zur Schau getragene Wille gar nicht erst zimperlich zu sein, die Verklärung des Aufstiegs um jeden Preis, prägen die fragwürdige Botschaft. Wo sind die Anliegen geblieben, welche nicht den Weg über Leichen sondern eine Solidarität predigen? Und warum kann von mir als minderwertig empfundene Musik so viel effizienter und eloquenter eine Wertehaltung und Anschauung vermitteln?

Setzen wir keinesfalls ein Statement mit künstlerischem Gehalt gleich. Sonst müssten wir die ungezählten Lieder mit dem Slogan Nazis raus als hohe Kunst postulieren. Doch Anhängern eines unmenschlichen Weltbildes mit puren Beschimpfungen zu begegnen, wie es zum Beispiel Nosliw tut, stellt einen auf die selbe Stufe dumpf artikulierter Intoleranz und behindert jede ernsthafte Auseinandersetzung. Nazis sind eben keine verfickten Wixer, vielmehr Gegner der Demokratie, denen man auf demokratische Weise begegnen muss. Verbindet etwa Samy Deluxe dank seinen Raps Anspruch mit Attitüde? Oder vergeht er sich nicht vielmehr in Vereinfachungen, wenn er die deutsche Befindlichkeit mit all ihren Problemen an den Nachwirkungen des Nationalsozialismus festmacht und den Schlussstrich unter die Vergangenheit fordert? Kann und darf das die gesellschaftspolitische Botschaft sein, die es braucht?

Freilich versagen auch andere, zum Beispiel die linke Liedermacherszene. Was bietet sie uns heute? Welche Texte entflammen einen Denkprozess, tragen zu einem Umdenken bei, stoßen gesellschaftliche Veränderungen an oder begleiten selbige? Es war schon in der Vergangenheit nicht einfach damit erledigt, die so lange instrumentalisierte Internationale zu intonieren – wie es etwa Hannes Wader tat. Wenn sich Kunst nur durch den althergebrachten Jargon einer Ideologie ausdrückt, fehlt die Glaubwürdigkeit und lacht das Phrasenschwein. Trotz aller Widersprüchlichkeiten, einen neuen Wolf Biermann sucht man derzeit vergebens.

Punk ist auch keine Lösung. War sie es denn jemals? Sich gegen Konformismus zu stemmen, strahlt unzweifelhaft einen gewissen Reiz aus. Die Rebellion gegen die Gesellschaft gerät indes zur Farce, wenn es an Konzepten und Visionen mangelt, die nicht nur den Gegenentwurf der Randgruppe mit Freiheit erfüllen. Hatte Punk irgendwann mehr im Köcher als das Postulat der Unangepasstheit? Überzeugt heute eine Botschaft, die irgendwann noch revolutionär als Weckruf agierte, um dann im Sumpf der eigenen Eindimensionalität zu versinken? Treten Die Ärzte mit ihrer humoresken Komponente nicht den schlagende Beweis an, dass Punk nur mit Augenzwinkern – aber ohne Inhaltsschwere – noch zu überleben vermag?

Punk ist auf eine vergessenswerte Attitüde zusammengeschrumpft...

Man konterkariere meine These bezüglich mangelnder musikalischer Botschaften bitte nicht mit irgendwelchen Friedensliedern, die während des Irak-Kriegs weltweit wie Primeln aus dem Boden sprossen. Gegen einen Krieg zu sein, dafür bedarf es keiner großen Worte. Die Lehren der Vergangenheit sind Grund genug. Wie man jedoch die Realitäten dahingehend verschiebt, dass er nicht zum zwingend notwendigen Übel wird, das wäre die eigentlich wertvolle Message, die es künstlerisch aufzubereiten gilt.

Wo also verstecken sich im neuen Jahrtausend sozialkritische Meisterwerke wie Animals von Pink Floyd? Wer verfrachtet Traditionen des britischen Folks mit seinem Fundus an Arbeiter- und Protestliedern in unsere Zeit? Es darf nicht länger Bob Dylan als Prototyp des inhaltsreichen Botschafter den Kopf hinhalten müssen. Warum fehlt es den von wirtschaftlichen Ängsten geprägten Zeiten an Sprachrohren? Wo sind die Künstler, welche den Terrorismus nicht als nebulöse Panik belassen? Und in Hinsicht auf die erbrachten Beispiele regt sich die Frage, wer in der deutschsprachigen Musikszene Haltungen präsentiert, die bei näherer Betrachtung nicht gleich wie ein Kartenhaus zusammenfallen.

Ich will zum Ausgangspunkt der Überlegung zurückschwenken. Wenn sich Kunst nicht nur, aber eben auch über den formvollendeten Ausdruck von Weltanschauungen und Überzeugungen definiert und damit eine Relevanz für die Gemeinschaft an den Tag legt, dann darf man auch darauf pochen, dass Musiker dieser Verpflichtung nachkommen. An Themen mangelt es nie und nimmer. Die Ausbeutung des Menschen erreicht eine neue Qualität deklamierten Tocotronic einst, ehe sie in Kapitulation verharrten. Doch solch ein Hochverrat führt zu L’art pour l’art. Und Weltflucht scheint mir auf Dauer und in der heutigen Fülle dann doch zu wenig.

SomeVapourTrails

Berlin ist nicht länger aggro

Nicht jeder Messias feiert eine Wiederauferstehung. Und zumindest dem Heilsbringer deutschen Gossenraps, dem Label Aggro Berlin, wünsche ich eine solche nicht. Jetzt da das Ende der Plattenfirma offiziell verkündet wurde, stellt sich jedoch die Frage, wo Rapper mit schlechten Manieren und noch schlechteren Texten eine neue Heimat finden können. Keine Frage, wenn der Rubel rollt, dann nehmen Sony und Konsorten auch die provokantesten „Künstler“ unter Vertrag. Solange die Wortstammler dissen, was das Zeug hält, frauen- und allgemein menschenfeindliche Weisheiten aus den dunkelsten imaginären Ghettos als Wortspenden liefern, solange wird es trotz aller gesellschaftlicher Abgestumpftheit weiterhin Schlagzeilen geben. Und dieses mediale Echo schafft auch in Zukunft eine Subkultur, in der Migrantenkinder simple Parolen und abschätzige Gesten zu ihrer Lebenswirklichkeit machen. Auch nach dem Aus von Aggro Berlin wird der Bedarf an dummen Texten Texten und fetten Beats gestillt werden, folgt Empörung auf Empörung, bleibt die Beachtung groß, jubeln die Checker demjenigen zu, der allen den Stinkefinger zeigt. Dies ist die Zeit, in der ein verwahrloster Rowdy zum rotzigen  Sprachrohr der Straße verkommt und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt eine Aufblähung des eigenen Egos erfolgreich entgegenhält.

Doch malen wir uns eine Sekunde lang aus, wie es wäre, wenn das Ende Aggro Berlins auch der Schlusspunkt der Karrieren von B-Tight oder Sido bedeutete. Dürften die dann abgehalfterten Rapper Unterschlupf im Unterschichtenfernsehen finden? Sido im Dschungelcamp 2010 als Gegenspieler von Marc Terenzi, der dem schönen Marc Haargel und Kamm versteckt? Und nebenbei der Ex von Oliver Kahn nonchalant ins Essen kotzt? Wie wohl würde sich B-Tight in der C-Promiriege von Das Perfekte Promi Dinner machen? Gäbe es als Dessert dann folgerichtig politisch unkorrekten Neger im Hemd? Würde die Maschinerie der pervertierten Unterhaltung auch die unangepasstesten Naturen fressen und verdauen?

Es bleibt abzuwarten – und zu hoffen, dass das Aus von Aggro Berlin eine echte Zäsur darstellt, eine Abkehr von menschenverachtenden Posen. Die Chance dazu würde sich nun bieten. Wenn fortan Rapper mit Inhalten überzeugten müssten und nicht immer nur von der Scheiße labern, könnte man deutschen Rap als Genre auch wieder ernster nehmen. Leider bringen derzeit auch die Gutmenschen der Branche hochgradig peinliche Alben raus. Ich will ja keine Namen nennen, aber Rap muss mehr bieten als es die neue Scheibe von Samy Deluxe tut. Rap scheint in diesem Land eine einzige Baustelle zu sein, wenigstens Aggro Berlin wurde nun endlich zugebuddelt.

SomeVapourTrails

Perversionen des Rap – Sido

Gestern in der Straßenbahn. Ich auf dem Weg zu einer unangenehmen Untersuchung, umgeben von Jugendlichen. Einer der Pubertierenden holte sein Handy hervor und bald schallte Sido und sein Song Ficken durch den Wagon. Nun darf/muss wohl jede Jugendkultur einer Musikrichtung huldigen, welcher das Potential zur Provokation innewohnt. Die Hippie-Bewegung ist das beste Beispiel dafür. Und dennoch ist Sido und das Label Aggro Berlin die Herausforderung schlechthin für eine aufgeklärte, wehrhafte Gesellschaft. Man lasse mich dies verdeutlichen.

Die Errungenschaft der letzten Jahrzehnte ist die Freiheit. Wir dürfen unsere Individualität ausleben. Alle politischen Modelle, die eine normierte Versklavung des Menschen zugunsten der Volksgemeinschaft oder Arbeiterschaft anstrebten, sind gescheitert. Trotz heutiger Big-Brother-Tendenzen ist jeder einzelne Bürger innerhalb der definierten Menschenrechtsgrenzen frei. Allerdings ist Freiheit ein fragiler Wert, der die Gesellschaft in die Pflicht nimmt. Freie Meinungsäußerung bedeutet zwar, alles sagen zu dürfen, aber eben nicht, dass man damit auch ungeschoren davonkommt. Diese Wehrhaftigkeit gegenüber Hass, Intoleranz oder allgemein Menschenverachtung liegt in der Verantwortung jedes Staatsbürgers. Sie beschneidet die Freiheit nicht, verteidigt sie vielmehr.

Unter diesem nun wortreich dargelegten Aspekt erscheinen Sidos Texte gefährlich. In vielerlei Hinsicht. Lassen wir den werten Herren einmal selbst sprechen:

Arschficksong

Es fing an mit 13 und ’ner Tube Gleitcreme.
Dann braucht man nicht erst lockern, sondern kann ihn gleich reinschieben.
Katrin hat geschrien vor Schmerz, mir hat’s gefallen!
Ich hab‘ gelernt man kann ’ne Hand reinschieben und dann ballen!
Ich hab‘ experimentiert, Katrin war schockiert!
Sie hat nich gewusst, dass der Negerdildo auch vibriert!
Ihr Arsch hat geblutet und, ich bin gekomm‘.
Seit diesem Tag sing ich den Arschficksong!

Jeder kriegt, was er verdient

Jeder kriegt, was er verdient.
Keule aufn Kopf, Ast in Arsch,
Pfefferspray in dein Auge, das macht Spaß.
Fuß in den Hoden,
du bist der Boden.

Scheiss drauf

Scheiss drauf, ich sags wie’s ist, ich scheiß auf deine Sicht.
Scheiss drauf, weil du mit deiner Meinung alleine bist.
Scheiss drauf, ich mach das wie auf dem Scheisshaus.
Ich scheiss drauf, so siehts aus mein Freund.

Strassenjunge

Manchmal gehen die Pferde mit mir durch bis nach Japan,
dann schrei ich rum und hau mir auf die Brust wie Tarzan.
Dass du mir dann dumm kommst, wär‘ nicht ratsam,
es sei denn du willst ab sofort jeden Tag zum Arzt fahren.
Ich bin ein Chiller, doch ich lass mir nicht alles gefallen.
Ich bin kein Killer, doch wenn’s sein muss, dann mach ich dich kalt.

Starker Tobak. Künstlerische Freiheit ist ja eine gerne benutzte Phrase. Doch gilt nicht auch für sie der Anspruch Menschenrechte zu achten? Gewaltfantasien gegenüber Frauen (wie im Arschficksong zu erkennen) sind in keiner wie immer gearteten Form tolerierbar. Besonders dann, wenn die Botschaft keinerlei ironische Brechung aufweist. Hier wird doch kommentarlos eine sexuelle Verrohung abgefeiert, die vom pubertierenden Zielpublikum oft – nicht immer – aufgrund mangelnder Reife keinerlei kritischen Würdigung unterzogen wird. Oder nehmen wir den Song Strassenjunge. Gewalt als Mittel der Konfliktlösung, die Verherrlichung des Gesetzes des Stärkeren frei nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ kann doch nicht ungeahndet durch den Äther schallen. Ebenso spricht das Lied Scheiss drauf jedem Andersdenkenden das Recht auf Dissens ab.

Man muss wirklich kein konservativer Spießbürger sein, um die Alarmglocken zu vernehmen. Die egoistische Pervertierung von Werten sollte nicht länger geduldet werden. Sido steht beispielhaft für ein Musik-Genre, welches Menschenverachtung predigt. Es ist hoch an der Zeit dagegen entschlossen vorzugehen. Menschenverachtung verletzt die Würde und Integrität von Menschen und steht in diametralem Gegensatz zu freier Rede. Stehen wir auf und wehren uns, wann immer wir mit solch Musik konfrontiert werden. Ich wünschte nur, ich hätte schon früher darüber meditiert. Dann hätte ich gestern in der Straßenbahn meinen Mund aufgemacht.

Links:

Arschficksong (Live)

Eintrag auf Wikipedia

SomeVapourTrails