Die Enteignungsfinte – Grundsätzliche Überlegungen zu simfy

Heute will ich mich einmal nur im Metier des Bildblogs bewegen und anfangs mangelnde journalistische Sorgfalt ankreiden. Natürlich lebt die Presse von Verkürzungen, aber man einen Umstand auch so lange auf wenige Worte eindampfen, bis diese die Faktenlage komplett ignorieren. Welt Online lehnte sich dieser Tage besonders weit aus dem Fenster, als  sie konstatierte, dass simfy Millionen Musiktitel an Nutzer verschenkt. Denn dieser gerade medial beklatschte Streaming-Dienst namens simfy, der eine kostenlose, weil werbefinanzierte Variante sowie eine Flatrate um 9,99 Euro zum Zwecke hemmungslosen Konsums von Musik anbietet, entpuppt sich nicht wirklich als eben erst ausgegrabener Stein der Weisen. Eher schon relevant scheint die Tatsache, dass alle großen Plattenfirmen ihre Kataloge geöffnet haben und ebenso wie die GEMA mit an Bord sind. Geschenkt bekommt man zunächst einmal bestenfalls die Option, Musiktitel im Internet in voller Länge anzuhören. Das entlockt mir noch kein Heureka!

Wer Radiohead mag, liebt auch Rihanna? Ansichtssache!

Was in einigen europäischen Ländern von Spotify bereits vorgeturnt wird, damit will simfy nun Deutschland penetrieren. Laut deren Vermarktungsstrategie sind CDs nämlich teuer und umständlich. Was simfy zu der Frage nötigt, wie es wäre, wenn man nicht nur die eigene CD- und Downloadsammlung sondern gleich das gesamte Regal des Lieblingsplattenladens immer dabei hätte und an jedem Ort nutzen könnte. Da das jedoch allzu verlockend anmutet, bedarf es einer misstrauischen Beäugung.

Als alter Haptiker habe ich mit dem Mieten von Musik so meine liebe Not. Ich bin wahrlich kein Verfechter überbordenden Strebens nach Besitz, aber was mir Faszination in die Augenwinkel treibt, das will ich stets verfügbar haben, immer und überall. Heute, morgen und in einem Jahr, auf alle Fälle länger als es die typische Halbwertszeit eines wichtigen Label-Managers vorgibt, ehe dessen Nachfolger wieder alles umkrempelt, neue Strategien hinterherhechelt und mit Lizenzen geizt. Flatrates für unlimitiertes Streaming mögen eine Generation ansprechen, die Musik längst als Wegwerfprodukt begriffen hat und ehemals favorisierte Bands oder Casting-Stars schneller vergisst als jeder Demenzkranke. Wer Wertigkeiten nicht begreift, für den erscheint solch Angebot tatsächlich dauerhaft attraktiv. Eben weil es das gegenwärtige Verlangen stillt und nicht auf Nachhaltigkeit setzt.

Möchte ich den wichtigen Plattenfirmen eine List unterstellen? Ja! Denn tatsächlich konnten sich die Chefetagen zu einem neuen Blickwinkel durchringen. Wenn sich der Kampf gegen die Windmühlen des Filesharings als Afghanistan der Industrie herauskristallisiert, braucht es clevere Lösungen. Nun, da Bandbreite kein größeres Problem verursacht, Surf-Sticks nahezu jeden Laptop zieren und mobile Endgeräte mittlerweile nen Appel und ein Ei zu kaufen sind, scheint das Bett bereitet, in das sich die Labels nun kuscheln dürfen. Streaming kann eine tatsächlich als Mp3 dahinvegetierende Plattensammlung bestens ersetzen. Der Konsument vermag immer genau das Lied anhören, wonach ihm just der Sinn steht – und verfügt dennoch nur bedingt darüber, verliert seinen Besitzanspruch. Lange wurde gegrübelt, wie man den Durchschnittshörer knechtet. Digital Rights Management blieb erfolglos, weil viel zu offensichtlich. Der Ansatz einer Streaming-Flatrate gerät weitaus geschickter, weil er sich als Service zu moderatem Preis tarnt.

Ich bezweifle auch, dass Streaming-Portale das Einkommen des herkömmlichen Musikers auf neue Spitzen treibt. Dazu ist die Auszahlungssystematik der GEMA nicht konzipiert. Denn während es beim physischen Erwerb von CDs noch klare Faustregeln und Geld in die Pranke gibt, geraten die Erlöse beim Streaming noch recht bescheiden.

Wem außer Startups und Sony, Universal und Co. nützen Spotify und simfy wirklich? Selbstredend sind solch Angebote für den Verbraucher und Musikfan als nette zusätzliche Form des Konsums nicht ungeeignet. Das will ich nie und nimmer leugnen. 10 Euro stellen eine sinnvolle Investition dar. Aber eben nur unter der Bedingung, dass man sich bis in die Haarwurzeln die Konsequenzen bewusst macht. Nämlich, dass man kein verbrieftes Anrecht auf die Musik erwirbt und für den Normalo-Künstler die Bäume auch nicht in den Himmel wachsen. De facto ist die Chose also eine nette Enteignungsfinte. Das mag anders sozialisierten Menschen am Arsch vorbeigehen, meine Begeisterung ob dieses Umstands hält sich zugegebenermaßen in ganz engen Grenzen.

Links:

nicorola – in diesen Dingen sehr beschlagen – hat simfy einem Praxistest unterzogen.

Was Musiker online an Einnahmen generieren, findet sich auf Information is Beautiful.

SomeVapourTrails