Katharsis im Wüstenstaub – Brian Lopez

Der Drang nach Perfektion ist durchaus nachvollziehbar. Perfektion wird allgemein als Indiz dafür gewertet, dass neben Talent auch jede Menge Fleiß und Disziplin im Spiel ist. Zugleich steht die Perfektion jedoch dem Streben nach Spontanität im Wege. Wie authentisch kann Musik klingen, die in unzähligen Takes aufgenommen und anschließend noch ausgiebig bearbeitet wird? Wie viel an Emotion geht im Verlauf dieses Prozesses verloren? Wenn man sich solch Fragen mit Konsequenz begegnet, kommt am Ende ein Album wie Prelude dabei heraus. Mit selbst auferlegten Regeln, die durchaus an das Dogma-Manifest im Filmbereich erinnern, hat der US-Singer-Songwriter Brian Lopez eine Platte voll karger Schönheit erschaffen. Über zwei Wochen hinweg hatte Lopez sein Schlafzimmer im heimatlichen Tucson, Arizona zum Aufnahmestudio umfunktioniert. Jeden Abend ab 18 Uhr verbarrikadierte er sich dort, tüftelte so lange an einem Song, bis dieser geschrieben, aufgenommen und abgemischt war. Und vorher wurde auch nicht schlafen gegangen. Verschärfend gestattete er sich nur zwei Takes pro Tonspur. Was nach zwei Versuchen nicht formvollendet im Kasten war, musste eben in aller Fehlerhaftigkeit auf das Album kommen. Das Resultat des Experiments sind Lo-Fi-Lieder, die die Stimmung und kreative Verfassung eines jeweils ganz bestimmten Abends einfangen.

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Temperament fürs Absurde – Erin K

Ich bin ein großer Fan von Songwriting, dessen Lyrics auch mal tatsächlich Geschichten erzählen und nicht nur über emotionaler Verfasstheit brüten. Von großer Liebe oder tiefster Einsamkeit zu singen, zählt zu den leichteren Übungen, eine Episode des Alltags mit Humor aus der Belanglosigkeit zu heben, halte ich da schon für schwieriger. Erin K ist eine Singer-Songwriterin, die mit viel Esprit und herbem Charme zu glänzen weiß, Songtexte verfasst, die über die Bekenntnispoesie eines Tagebuchs hinausgehen. Ihr letzten Herbst veröffentlichtes Album Little Torch besticht durch lieblichen Pop und kuriosen Folk, Erin K kredenzt die pfiffige Chose mit grandioser Beiläufigkeit. Beispiele gefällig?

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Viel gewollt & mehr erreicht – Kat Frankie

Es gibt eiserne Regeln im Musikgeschäft. Gegen biedere Ausstrahlung helfen nur anzügliche Songtexte. Oder: Bankrotterklärungen künstlerischer Kreativität müssen mit Bombast übertüncht werden. Ersteres hat Britney Spears zum Erfolg geführt. Letzteres einen Michael Jackson in den Neunzigern über Wasser gehalten. Mit diesem Wissen muss man fast zwangsläufig eine große Harmlosigkeit hinter einem Albumtitel wie Bad Behaviour wittern. Nun könnte man der in Berlin lebenden Australierin Kat Frankie zugutehalten, dass sie schlicht den Titel des ihrer Einschätzung nach griffigsten Tracks zum Albumtitel erwählt hat. So recht will er zum mit Finesse ersonnenen Singer-Songwriter-Pop mit ein wenig R&B-Charme nicht passen. Bad Behaviour suggeriert eine penetrante Aufmüpfigkeit, vielleicht sogar Frivolität. Das gibt die Platte meiner Ansicht nicht her. Und das ist verdammt gut so.

Photo Credit: Sabrina Theissen/GroenlandRecords

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Liebe ist kein lästig Ding – Gregor McEwan

Aalglatt geschniegelter Bubis mit ihren schmeichelnden Stimmen überdrüssig? Zugleich von Songs angetan, die von Selbstfindung und Liebe erzählen? Dann kann das Album der Stunde eigentlich nur From A To Beginning des in Berlin ansässigen Singer-Songwriters Gregor McEwan sein. McEwan vermag treuzherzig und dankbar aus der Wäsche zu gucken, so wie es jemand tut, der sein Glück nicht völlig fassen kann. Der werte Mann schaut auch gern versonnen in die Gegend, wenn er von der Stärke singt, sich Unzulänglichkeiten einzugestehen oder sich nach Verirrungen wieder aufzurappeln.  Ein positives, nie oberflächliches Lebensgefühl und ein zärtlicher, dankbarer Blick auf die Liebe durchzieht das Album. Schmusebardiges in der Tradition von James Blunt oder James Morrison trifft auf eine erdige, kräftige Songwriter-Seele mit einem Herz für perfekte Harmonien. From A To Beginning verschönert und bereichert den Moment, bietet stets genügend Pfiff und Rumms auf, um über jeden Verdacht erhaben zu sein. Schauen wir uns das Album doch kurz ein bisschen genauer an.

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Schlaglicht 84: Mélissa Laveaux

Die Frage der Identität treibt mich immer mehr um. Das ist wohl meinem Engagement für Geflüchtete geschuldet. Denn jede Hilfestellung bei der Integration bedeutet nicht weniger als einen aktiven Beitrag zur Neuausformung einer Identität. Manchmal gesellen sich einfach nur eine neue Sprache sowie landestypische Eigenheiten zum vorhandenen kulturellen Hintergrund dazu, nicht eben selten überlagert das Neue früher oder später die eigene Herkunft. Spätestens ab der zweiten Generation mit Migrationshintergrund wird rasch zwischen denen unterschieden, die sich entweder sehr angepasst haben und jenen, denen eine vermeintliche Integrationsverweigerung weitervererbt wurde. Was die Erforschung der eigenen Identität konkret bedeutet, verdeutlicht das Album Radyo Siwèl der Kanadierin Mélissa Laveaux, die als Kind haitianischer Eltern, die vor der Diktatur geflohen waren, in Montreal geboren wurde und in Ottawa aufwuchs. Für ihr neues Werk beschäftigt sie sich mit den familiären Wurzeln und besuchte im Zuge dessen Haiti, die einstige Heimat ihrer Eltern. „Radyo Siwèl is very important to me because there’s the whole part about remembering your ancestry and honouring your ancestors and elders,“ so Melissa Laveaux, „I’m getting reacquainted with parts of my heritage my parents left out when they were raising me.“

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Ingrid Michaelson – Snowfall EP

Unser diesjähriges Weihnachtsspecial hat bislang nur wenig Lieder aus der Folk-Tradition oder auch dem Great American Songbook beinhaltet. Bei uns mehren sich halt auch die Zweifel, ob die x-te hingeschluderte Version von Jingle Bells oder White Christmas einen echten Mehrwert besitzt. Das soll jedoch nicht bedeuteten, dass wir nicht auch Lieder klassischen Zuschnitts zu schätzen wissen. Die US-Singer-Songwriterin Ingrid Michaelson zeigt mit ihrer Snowfall EP, wie herkömmlichere Weihnachtsklänge auszusehen haben. Die EP stammt eigentlich aus dem Jahr 2011, sie wurde aber dieses Jahr mit erweitertem Tracklisting neu veröffentlicht. Sie mischt weihnachtliche Klassiker wie Have Yourself A Merry Little Christmas mit jahreszeitlich passenden Standards wie Irving Berlins I’ve Got My Love To Keep Me Warm. Dazu gesellen sich noch die Eigenkompositionen Snowfall und When The Leaves sowie Winter Song, ein Duett mit ihrer Kollegin Sara Bareilles. Michaelson ist in den USA ja längst eine fixe Größe. Allmusic etwa attestiert ihr „piano-fueled songwriting, witty wordplay, and slight vocal vibrato“ und hält sie für prädestiniert, die Tradition weiblicher Singer-Songwriter ins 21. Jahrhundert zu überführen. Michaelson genießt auch meine Wertschätzung, der Charme der EP ist nicht von der Hand zu weisen. Sie ist stimmungsvoll bis introspektiv, dabei jedoch nie gefühlsduselig oder larmoyant. Die Highlights sind schnell ausgemacht. Natürlich Winter Song, das seit seiner Entstehung vor 9 Jahren schon durch TV-Werbung und diverse Fernsehserien geistert.  Weiterlesen

Gregor McEwan – Home For Christmas

Bereits vor einigen Wochen habe ich auf das für Anfang nächsten Jahres angekündigte, mittlerweile dritte Album From A To Beginning des Singer-Songwriters Gregor McEwan hingewiesen. Dieser Tage nun ist die zweite Single Home erschienen. Für die B-Seite hat sich Gregor McEwan passend zur Jahreszeit etwas Besonderes ausgedacht, indem er den Track als Home For Christmas in einer weihnachtlichen Version eingespielt hat. Und Mensch, diese Nummer ist wirklich rundum gelungen und fraglos ein Highlight unseres diesjährigen Weihnachtsspecials! Beide Lieder werden unüberhörbar von Sehnsucht angetrieben, doch wird diese Sehnsucht nie von rührseliger Sentimentalität getragen, stattdessen tönt sie kraftvoll und optimistisch. Gerade bei weihnachtlich gefärbten Liedern besteht ja immer die Gefahr, dass man es mit dem Lametta übertreibt. Doch trotz ein wenig Flitter besticht Home For Christmas als erdiger, ausdrucksstarker Singer-Songwriter-Folk mit rockigen Akzenten.  Weiterlesen

Die Weisheit der Straße – Michael Brinkworth

All die Castingshows und Talentschauen haben eine ehrenwerte Profession mittlerweile in Verruf gebracht. Der durch die Gegend ziehende Straßenmusiker, der in Fußgängerzonen ohne viel Tamtam sein Talent unter Beweis stellt, ist auch nicht mehr das, was er mal war. Früher lag in dem landstreicherischen Abenteuertum ein Hauch von Romantik, heute hat es mehr etwas von einer mit Kalkül ausgestalteten Legende, mit der sich mal treuherzig blickend Kasse machen lässt. Dabei ist die Kunst des Straßenmusikanten sehr ehrenwert, sie ist unmittelbar und direkt, setzt auf die Zufälligkeit des Moments. Doch bevor wir nun darüber jammern, dass einst alles besser war, hören wir lieber einem Singer-Songwriter zu, der laut Pressetext bereits 40 Länder bereist, die eigenen Lieder auf der Straße und in Bars dargeboten hat. Der Australier Michael Brinkworth hat also eine echte Ochsentour unternommen, um seinen Sound zu finden. Und siehe da, das Album Somewhere To Run From steht für einnehmenden, freilich nie weichgespülten Country-Folk mit oft rockiger Note.

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Schatzkästchen 95: Gregor McEwan – << Rewind, Retrack, Rename, Restore

Ein intensiv vorgetragener, melodisch eingängiger Singer-Songwriter-Sound voll Klasse ist nichts, was hierzulande im Überfluss vorhanden wäre. Eben deshalb kann man den Song << Rewind, Retrack, Rename, Restore gar nicht genug hervorzuheben. Gregor McEwan füllt somit eine echte Lücke. Der werte Herr hat bereits zwei Alben auf dem Buckel, geht es nach der ersten Single, könnte das für Anfang 2018 angekündigte From A To Beginning sein bisheriges Schaffen nochmals in den Schatten stellen. Vor wenigen Jahren noch hätte ich die Radiotauglichkeit des Tracks gelobt. Einem freudig-folkigen Beginn folgt eine sehr kraftvolle, rockige zweite Hälfte, deren Lyrics „So take me as I am/ I take you as you are“ wunderbar verfangen. << Rewind, Retrack, Rename, Restore zelebriert ein noch junges Beziehungsglück voll aufrichtiger Gefühligkeit und sobald Gregor McEwan die Liebe aus vollster Kehle besingt, ist man endgültig hin und weg.  Weiterlesen

Die weiten Kreise eines Endes – Ane Brun

Ane Brun als Grande Dame der skandinavischen Singer-Songwriter zu titulieren, wird ihr zwar gerecht, ist angesichts ihres noch jugendlichen Alters vielleicht kein Kompliment. Aber wie sonst soll man sie, die in Schweden und Norwegen stets die vordersten Plätze in den Charts belegt und im Rest der Welt eine ebenfalls beträchtliche Fanschar aufweist, denn bezeichnen? Brun ist eine Selfmade-Diva, deren Erfolg nicht durch einflussreiche Strippenzieher und Plattenlabels gemacht wurde. Sie beschäftigt auch kein Heer von Songwritern, die ihr Hits auf den Leib schneidern. Kurzum, Brun ist ein selbstbestimmter Star, wie es ihn viel zu selten gibt. Und gerade aus diesem Selbstverständnis heraus hat die Norwegerin auch keinerlei Berührungsängste, Lieder zu covern. Vor bald zehn Jahren etwa ist ihr eine wirklich wunderschöne Pianoversion von True Colors geglückt. Auch Big In Japan hat sie damals von den Synthies der Achtziger befreit, zu einer nachdenklichen Folknummer transformiert. Und so durfte man also frohlocken, als Brun vor wenigen Monaten ein komplettes Album voller Coverversionen versprach. Und als wäre das noch nicht Anreiz genug, lockte es auch noch mit jeder Menge Romantik. Eine Brun, die mit ihrem Edel-Timbre von Liebe singt. Was kann das schon schiefgehen? Das Album Leave Me Breathless gibt eine überzeugende Antwort: Rein gar nichts!

Die Zusammenstellung ihrer Interpretationen belegt, dass ihr hier wirklich niemand in die Suppe gespuckt hat. Welcher Plattenheini bei klarem Verstand und mit gewieftem Auge für Verkaufszahlen würde eine Auswahl gutheißen, die Hits von Mariah Carey und Joni Mitchell, Klassiker von den Righteous Brothers bis hin zu Nick Cave beinhaltet, sich dazu noch sowohl zu Foreigner als auch Radiohead bekennt. Ob es auf Erden eine weitere Musikerin gibt, die sowohl Sade als auch Bob Dylan im Repertoire führt, wage ich zu bezweifeln. Die Wahl der Stücke verrät darüber hinaus, dass die Dame in den Neunzigern sozialisiert wurde. Dieser Umstand erklärt vermutlich auch jene Lieder, die beim Lesen der Tracklist im ersten Moment ein Naserümpfen auslösen könnten. Das Album vermittelt ohnehin den Eindruck, dass es nicht von Kalkül getragen, sondern aus Stimmungen und Begebenheiten heraus entstanden ist.  Weiterlesen