Schlagwort-Archive: Singer-Songwriter

Das Wunder Leben – Rebekka Karijord

Ich bewundere Menschen, die mit sich völlig im Reinen scheinen. Die mit klarem Blick und aufrichtiger Emotion auf das blicken, was ihnen wichtig ist. Die sich mit der Umwelt im Einklang befinden, alle Ärgernisse und Nebensächlichkeiten abzuschütteln vermögen. Den Sinn der eigenen Existenz zu begreifen, ohne dabei in ein Hadern zu verfallen, ist eine große Kunst. Das Album Mother Tongue der Norwegerin Rebekka Karijord vermittelt genau jene Gemütsruhe. Im Falle von Karijord war es die dramatische Frühgeburt ihres ersten Kindes, die solch beneidenswerten Seelenfrieden hervorbrachte. Das Resultat ist eine innehaltende, umwerfend schöne Platte, die edelstes skandinavisches Songwriting verkörpert. Schauen wir uns das Werk doch kurz näher an!

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Am Scheideweg – Anders Enda Barnet

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Mit Anfang 30 auf der schlichten Schaukel aus Kindertagen sitzen, in vielen Erinnerungen schwelgen, dabei mit der eigenen Jugend abschließen, über das Wie des Weitermachens grübeln. Wer sich in dieser Szene wiedererkennt, sollte ohne langem Zögern dem Album I Was Quiet lauschen. Hinter dem Projekt Anders Enda Barnet verbirgt sich der Schwede Anders Göransson, dem mit dieser Platte ein melodisches Stück Slacker-Pop-Rock in der Ästhetik der Achtziger gelungen ist. I Was Quiet blickt zurück, nimmt Erinnerungen dabei aber nie als Ballast wahr, und zugleich schaut es voll Fragezeichen und Erwartungen nach vorn. Es ist ein Album am Scheideweg, dass sich von diesem Umstand allerdings nicht verrückt machen lässt, Lust und Laune nie verliert. Introspektives skandinavisches Singer-Songwritertum trifft hier auf jenen sympathischen Verve, zu dem Nordlichter nicht erst seit ABBA befähigt scheinen, der auch bei gegenwärtigen Indie-Kapellen oftmals auftaucht. Sehen wir uns also ein paar Titel kurz näher an.

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Herrlich amerikanisch, schön lakonisch – The T.S. Eliot Appreciation Society

Wenn ein Pressetext verspricht, dass die mitunter halluzinatorischen Texte eines Albums Geschichten von Menschen erzählen, die Sinn in chaotischen Zeiten suchen, rennt er bei mir offene Türen ein. Über den Sinn des Lebens kann gar nicht genug gegrübelt werden. Und weil dies in konkretem Fall bestens gelingt, möchte ich den werten Lesern heute das wirklich feine Indie-Folk-Projekt The T.S. Eliot Appreciation Society näherbringen. Hinter dem fast großspurigen Namen verbirgt sich der Niederländer Tom Gerritsen, dessen Musik trotz überschaubarer Mittel nie dröge klingt. Seine weiche Stimme und sein gefühlvoller Vortrag verfallen nämlich nie ins Jammern, die Lieder sind erstaunlich pfiffig arrangiert. Die Bandbreite des jüngst erschienen Albums Turn It Golden! reicht vom introspektiven Rahmen, bei dem Gesang und Klampfe im Vordergrund stehen, bis hin zu charmantem Folk-Rock, bei dem es sich positiv bemerkbar macht, dass Gerritsen Mitstreiter für sein Projekt gefunden hat.

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Schlaglicht 65: Bryde

Im Frühjahr schon habe ich der Britin Bryde attestiert, dass sie sich darauf versteht, eine fiebrige Seele in einen kräftigen Gitarrensound zu packen. Der Track Help Yourself mit seinem ächzenden, sehnenden Alternative-Flair hat mir durchaus imponiert. Auf die im Frühjahr erschienene EP1 folgt nun schon EP2. Am Ton hat sich wenig geändert. Wouldn’t That Make You Feel Good kommt verbittert daher, über weite Strecken haben wir es mit einer angespannten, fast desperaten Ruhe zu tun, bloß kurz branden eine verzweifelte Gitarre und ein unerbittliches Schlagzeug auf. Brydes knappe Beschreibung auf Facebook fasst ihr musikalisches Tun und ihre Vorbilder perfekt zusammen: „Bryde is a girl & an electric guitar singing fierce & fragile songs. Influenced by the likes of Scout Nibblet, PJ Harvey, Ben Howard and Sharon Van Etten.“


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Ein herausfordernder Seelenblues – Emma Ruth Rundle

Death, God, Heaven, Angel, Sky. Wer solch Schlüsselwörter in Liedtitel packt, möchte die existenzielle, nach Transzendenz lechzende Schwere einer Platte unterstreichen. Wobei nicht alles, was existentiell sein will, tatsächlich auch die Essenz menschlicher Sehnsüchte und Emotionen einfängt. Der Singer-Songwriterin Emma Ruth Rundle jedoch gelingt ein Werk des Verlangens und der Kasteiung, ein Album des Schmerzes und der Erinnerung. Marked For Death imponiert als folkiges Alternative-Album, das in gesanglicher Hinsicht den rauen, düsteren Momente einer PJ Harvey fraglos das Wasser reichen kann.

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Fast zu viel des Guten – Hannah Epperson

An Plattenveröffentlichungen herrscht wirklich kein Mangel. An überzeugenden Ideen jedoch, wie man zehn oder mehr Lieder zu einer Geschichte zusammenschmiedet, eher schon. Das Album als Drehbuch ist ein Konzept, das nur selten ganz große Begeisterung hervorruft. Speziell im Pop. Hannah Epperson will auf ihrem Album Upsweep ein sehr abgründiges Psychodrama beschreiben. Ein junger Mann namens Skyler weist hierin eine bipolare Störung auf, wird von den fiktiven Charakteren Amelia und Iris heimgesucht. Immer tiefer driftet er in eine Manie hinab, begünstigt durch das Spannungsverhältnis, welches zwischen Amelia und Iris besteht. Soweit die vom Pressetext geschilderte Ausgangslage, die sowohl zum Arthouse-Film als auch zum Hollywood-Thriller taugen würde.

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Schatzkästchen 75: Malky – Lampedusa

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Photo Credit: Max Parovsky

Musik kann die gegenwärtigen Probleme auf der Welt nicht lösen. Musik vermag uns allerdings sehr wohl ein bisschen glücklicher, optimistischer zu machen. Und dazu muss sie gar nicht mal weltflüchtig sein. Dem Duo Malky etwa ist mit Lampedusa ein sehr zärtliches Lied geglückt, das als Singer-Songwriter-Folk beginnt und sich in der Folge zu Pop mit viel Seele entwickelt. Der Sänger Daniel Stoyanov kam selbst als Kind von Bulgarien nach Deutschland, er ist somit durchaus dazu prädestiniert, sich dem Thema Migration anzunehmen. Und dies macht er sehr unaufgeregt, in schönen, hoffenden Bildern. Darüber hinaus hat sich Stoyanov viele Gedanken über die derzeit verbreitete Panik gegenüber Zuwanderung gemacht. Ist zur Erkenntnis gekommen, dass die oft beschworene gemeinsame Anstrengung wirklich keine Phrase sein kann, dass auch jene, die eigentlich gegen die Fremden sind, Integration stemmen müssen – und werden. Den die Motivation zu diesem Song erklärenden Facebook-Post sollte man sich genau durchlesen.

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Geplatzte Träume und ohrwürmelnde Melodien – Haley Bonar

In meinen Zeilen zum 2014 veröffentlichten Last War habe ich die Haley Bonar einiges Lob spendiert. Ihren fiebrigen, nach Ausbruch trachtenden Gesang hervorgestrichen, ihre Texte, die die geplatzten Träumen kleiner Leute thematisieren, für stark befunden, Bonar quasi zu einem weiblichen Springsteen gekürt. Auch dem neuen Album Impossible Dream wird man mit dieser Charakterisierung fraglos gerecht. Indie-Rock, versetzt mit Post-Punk und ein bisschen Synthie-Pop, alles getränkt mit nostalgischen Achtziger-Melodien, mit solch musikalischer Ausrichtung vermag Impossible Dream abermals zu überzeugen. An Bonars Texten hat sich ebenfalls nichts geändert, noch immer dominiert die Enttäuschung über den Zustand eines erwachsenen Lebens, das all die Freuden und Torheiten der Jugend hinter sich gelassen hat, nach wie vor ist ein Aufbäumen gegen alle Stagnation spürbar, weiterhin kämpft das lyrisches Ich mit der kleinstädtischen Enge, die Veränderungen unmöglich macht.

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Schatzkästchen 70: Emma Ruth Rundle – Marked For Death

Seit Tagen schon grüble ich herum. Kann es sein, dass all die viele, über Jahrzehnte konsumierte Musik auf meine Erinnerung drückt? Dass mir ein Song des Jahres 2016 so bekannt vorkommt, so als wäre ich mit ihm vor langer Zeit schon auf vertrautem Fuß gestanden? Beim Song Marked For Death ist der Punkt erreicht, an dem ich dem eigenen Gedächtnis misstraue. Vielleicht fantasiere ich mir Ähnlichkeiten dermaßen zusammen, bis mir der Name des vermeintlichen Vorbilds auf der Zunge liegt. Aber natürlich nicht über die Lippen kommt. Möglicherweise wird der gescheiterte Versuch der Erinnerung aber auch nur vom Wunsch angetrieben, diesem Lied bereits früher begegnet zu sein. Der in Los Angeles ansässigen Singer-Songwriterin Emma Ruth Rundle ist mit Marked For Death eine vom Blues der Seele durchdrungene, erkenntnisschwere Nummer geglückt. Als behelfsmäßige Charakterisierung würde ich davon sprechen, dass eine introspektive, frühe Melissa Etheridge hier auf Furor und Pein einer PJ Harvey trifft. Fast zärtlich rekapitulierende Elemente in den Strophen werden im Refrain von rauer, erbarmungslos selbstzerstörerischer Emotion pulverisiert. Schatzkästchen 70: Emma Ruth Rundle – Marked For Death weiterlesen

Schlaglicht 60: King Creosote

Lebenshilfegurus schwadronieren gern, dass man nur an sich glauben und Beharrlichkeit an den Tag legen müsse, um früher oder später auf die Erfolgsspur zu gelangen. Bockmist, natürlich. Denn das, was Kenny Anderson widerfahren ist, fällt doch eher in die Kategorie Wunder. Seit der zweiten Hälfte der Neunziger hatte Kenny Anderson unter dem Namen King Creosote Musik gemacht, Alben im eigenen Label Fence herausgebracht. Und selbst als einigen Jahre später das renommierte Indie-Label Domino Records King Creosote ins Portfolio aufnahm, lief der Schotte nicht wirklich Gefahr, vom finanziellen Erfolg seines Tuns erschlagen zu werden. Die ersten Früchte seiner Anstrengungen konnte er mit Diamond Mine, einem zusammen mit Jon Hopkins aufgenommenen Album, ernten. Dieses war denn auch 2011 für den Mercury Prize nominiert. Als Mittvierziger gelang es Anderson auch erst, in die Gefilde renommierter Jahresbestenlisten vorzudringen. Kein übliches Schicksal. Beharrlichkeit und Talent waren halt noch nie Garanten für Erfolg. Dieser ist vor allem Resultat glücklicher Fügungen. Mit der Nominierung für den Mercury Prize befand sich King Creosote jedenfalls in illustrer Gesellschaft mit Adele, Elbow oder James Blake. Und solch eine Ehre öffnet Türen, von denen man meist gar nicht weiß, dass sie existieren. Vielleicht war es auch diesem Umstand zu verdanken, dass Kenny Anderson das Angebot gemacht wurde, 2014 den Soundtrack zu einer Dokumentation über Schottland anlässlich der dort in diesem Jahr ausgetragenen Commonwealth Games beizusteuern. Die famose Platte From Scotland With Love schaffte es sogar auf Platz 21 der britischen Albumcharts.

Für einen Indie-Musiker, der seine Lieder lange auf selbstgebrannten CDs veröffentlicht hat, hätte die Entwicklung kaum positiver ausfallen können. Und sie hat King Creosote definitiv nicht gehemmt, wie You Just Want unterstreicht. Dieses laut Plattenfirma „seven-minute piece of hymnal drone-pop“ bildet den Aufgalopp für das Anfang September angekündigte neue Album Astronaut Meets Appleman. Schlaglicht 60: King Creosote weiterlesen