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Unglück, das sich Leben nennt – SoKo

Wenn mir eine Sängerin die Worte „You wonder why I hit myself?/ I’m trying to kill the worst of me/ To be the best for you/ To be the best for you“ in die Kopfhörer flüstert, dann mache ich mir ernsthaft Sorgen. Das meine ich jetzt keineswegs flapsig. Natürlich sehe ich mich in der Lage, den Unterschied zwischen textlicher Fiktion und Realität einzuschätzen. Auch ein Autor, der einen Massenmörder nachts durch die Straßen ziehen lässt, greift letztlich nur zur Feder – und nicht zur Machete oder Knarre. An den Lyrics der Französin SoKo habe ich dennoch zu knabbern. In ihren unglücklichen, bisweilen verzweifelt kämpferischen Texten scheint das Leben immer eine Zehenspitze vom Höllenschlund des Todes entfernt. Vielleicht gehört sich das für ein morbides Riot Grrrl mit Psychobilly-Post-Punk-Attitüde auch so. My Dreams Dictate My Reality steckt mir doch tiefer in der Klemme, als dass man hier von einer himmelhoch jauchzenden, zu Tode betrübten Manie sprechen könnte, wie man sie bei der sensiblen Jugend öfter mal antrifft. Es ist ein fraglos ein fiebriges Dunkel, in das SoKo unseren entsetzt geweiteten Pupillen Einblicke gewährt.

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Unsere 75 Lieblingstracks 2012

Hier ist sie also nun, die Jahresbestenliste unser Lieblingssongs. Eine Momentaufnahme, zugegeben. Wenn wir am Ende des Jahres die persönlichen Favoriten Revue passieren lassen, dann stellen wir oft ganz verdutzt fest, welch zweifelslos prima Musik uns in jedem Jahr wieder durch die Lappen gegangen ist. Doch das Jahr hat eben nur 365 Tage, selbst wenn man jeden zweiten Tag ein neues Album für sich entdeckt, hat man gerade einmal 180 Alben gelauscht. Das ist nichts im Vergleich zur Fülle an Neuerscheinungen. Dazu kommen noch einzelne Tracks, die sich der geschäftige Blogger tagtäglich so anhört. Das ergibt in der Summe mindestens 3000 neue Tracks pro Jahr, gar nicht die gefühlten Millionen Tracks mitgerechnet, welchen man mit leidendem Augenaufschlag begegnet, die man bereits nach wenigen Sekunden auf Nimmerwiederhören verabschiedet. Von daher ist eine jede Bestenliste eines Blogs nur ein klitzekleiner Ausschnitt einer Gesamtwirklichkeit. Zugleich ist solch eine Zusammenstellung auch programmatisch zu verstehen, sie stellt den eigenen Geschmack zur Schau, grenzt sich ab. Wir machen nicht den Diener vor einer cleveren PR-Kampagne von Frank Ocean, finden Tame Impala schauerlich. Diese Liste will weder hip noch obskur und auch in keinster Weise vollständig sein. Sie soll unsere von Herzen kommenden Empfehlungen dieses Jahres nochmals unterstreichen. Mehr nicht.

Songliste2012

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Belastbare Emotionen, kein laszives Säuseln von der Liebe – SoKo

Die ruchbarsten Geheimnisse sind die, die nur vorgeben, welche zu sein. Das lässt sich auch auf die Musik übertragen. Je diffuser, nebulöser und vieldeutiger die Texte durch die Boxen rattern, desto größer scheint die Aussicht, dass sich Substanzlosigkeit dahinter verbirgt. Mysteriöse Lyrics treten die Deutungshoheit an den Hörer ab, ein überwiegend problematisches Unterfangen! Da lobe ich mir das Album I Thought I Was An Alien der französischen Singer-Songwriterin SoKo. Dieses Debüt flüchtet sich nicht in Phrasen, führt Gedanken und Gefühle aus und zu Ende. Erzählt gern in jugendlich brennendem Schmerz, ohne dass die Pein in aufgeschnittenen Pulsadern mündet. Das Album schwankt zwischem Lo-Fi-Folk und schwermütigem Pop, strapaziert den aus einem französischen Akzent resultierenden Charme kaum. Die Platte versteift sich nicht darauf, neuen Melodien zu frönen. Sie bebt und betört wegen des bisweilen zwischen Gesang und gesprochenem Wort wechselnden Vortrags und vielen ausgesprochen klugen, zugespitzten Emotionen. SoKos Stimme ist Dutzendware, ihr Ausdruck freilich wirkt grandios.

Wenn SoKo ihrem Liebsten gleich zu Beginn das Ansinnen „You will discover me through my songs/ Learn my heartbreaks and fears and depression/ Hear all the cracks and the lack of talent/ And Ihope that you don’t hate me by then“ unterbreitet, klingt das auch wie eine auf den Hörer gemünzte Bitte. I Just Want To Make It New With You enblößt all die Eigenheiten, Defizite und die großartig altklugen Hoffnungen der Mittzwanzigerin. Wer diesem Lied Knall auf Fall sein Gefallen schenkt, wird auch die übrigen Songs ins Herz schließen. Wer sich hingegen gleich am Anfang ein Stirnrunzeln abringt, vermag mit der Platte nicht mehr froh zu werden. Der exzentrische, oft unvollkommene wie ausdrucksstarke Miniaturen skizzierende Stil SoKos lässt kaum Gleichgültigkeit zu. Man hängt ihr an den Lippen oder aber verwünscht das Fehlen jeglichen Make-ups. Denn wo sich Drama über mehrere Oktaven erstrecken müsste, bleibt We Might Be Dead By Tomorrow im Ton ruhig und gefasst. „So let’s love fully/ Let’s love loud/ Let’s love now/ Coz soon enough we’ll die“ fehlt hysterische Inbrunst, das trotzig verzweifelte Umarmen des Lebens. Bei SoKo wird daraus eine rational fundierte Aufforderung voll subtiler Bitterkeit. Die Französin übt sich in ungewohntem Realismus, der oft spröde, ja geradezu außerirdisch anmutet. Zu den Highlights zählen unter anderem For Marlon als von nüchterner Wärme geprägte Drogengeschichte sowie First Love Never Die, das eingängigste, thematisch zugänglichste Lied der Platte.

Wenn Stéphanie Sokolinski depressivere Gedanken an den Tag legt, sich in Beziehungen aufreibt, bricht ihr die Stimme, krächzen Worte dahin (Treat You Woman Right). Solch Galligkeit mutet dem Hörer viel zu, völlig zurecht. Sie beschönigt nicht, sie schrillt mal sogar desperat, flackert vor Wut (Don’t You Touch Me). Solch Sentimente sind nicht hübsch glatt gebügelt, schön anzusehen. Hier wird eine vor Leid zerknitterte Fratze gezeigt, die nachhaltig erschreckt. SoKos Gefühlswallungen fehlt meist ein auflösender Moment, welcher dem Schmerz eine Bedeutung unterjubelt, einen Sinn vorgaukelt, den man allzu dankbar aufgreifen würde. Auch dies charakterisiert ein Album, dass nicht einfach munter von der Liebe trällert.

Die uneitle Aufrichtigkeit des Werks, seine ungeschönte Direktheit, all dies macht großen Eindruck. I Thought I Was An Alien glänzt als ein Album voll belastbarer, niemals vager Emotionen. SoKo findet eine Sprache von großer Prägnanz, paart das mit einem sehr individuellen, Klischees negierenden Vortrag. Da hüpft einem keine verführerisch von Amour säuselnde Französin auf den geistigen Schoß. Das Resultat präsentiert sich vielmehr als feinteiliges Kunstwerk, welches Verfechtern unverkitschter, essentieller Emotionen pure Freude entlocken wird.

I Thought I Was An Alien ist am 02.03.2012 auf Warner erschienen.

Konzerttermine:

31.03.2012 Berlin – Privatclub
01.04.2012 München – Ampere
02.04.2012 Wiesbaden – Schlachthof
03.04.2012 Köln – Gebäude 9
04.04.2012 Hamburg – Molotow

Links:

Offizielle Homepage
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