Annäherung an eine Kultfigur – One Fast Move Or I’m Gone: Music From Kerouac’s Big Sur

Die Meriten der Beat Generation liegen zweifelsohne im Impetus für das Aufsplittern konservativer Strukturen im Nachkriegsamerika. Doch wie jede enthusiastisch zelebrierte Revolution fraß sie auch die eigenen Kinder. Jack Kerouac zerbrach auf der Suche nach Glück, der bewusstseinserweiternde Rausch verzehrte ihn, bescherte Verbitterung und frühen Tod. Eines jener Dokumente, dass Aufschluss über den fortgeschrittenen Akt einer Zerstörtheit gibt, finden wir in dem Buch Big Sur. Benannt nach einem gebirgigen Küstenstreifen Kaliforniens erzählt es autobiographisch vom Versuch von Kerouacs Alter Ego Jack Duluoz, in der Abgeschiedenheit eine Selbstfindung und Abkehr vom Alkohol zu erfahren. Dies Scheitern und das Erliegen der Verlockungen San Franciscos bilden nun die Ausgangsbasis einer musikalischen Annäherung an Jack Kerouac, welcher sich Jay Farrar (von Son Volt) und Benjamin Gibbard (Death Cab for Cutie) verpflichtet haben.

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Foto von Autumn de Wilde (Quelle: Shore Fire Media)

Nun mag es den in Kerouacs Werk eingeweihten Lesern kein Geheimnis sein, dass der Autor den Jazz ob seiner Spontanität zum Soundtrack der Beat Generation erhob. Und dennoch stellt der von Farrar federführend komponierte, im Genre des Americana gehaltene Soundtrack zum Dokumentarfilm One Fast Move or I’m Gone: Kerouac’s Big Sur keine Fehlleistung dar. Der countryeske Ton eignet sich einerseits famos für die Schilderung des ruralen Schauplatzes und unterstreicht ferner die Dimension eines menschlichen Schicksals. Americana scheint dafür prädestiniert, kleine Dramen mit viel Einfühlungsvermögen zu erzählen. Die Kollaborateure beziehen ihre Texte direkt aus dem Roman, fügen keine Deutungsversuche hinzu, verbrämen nichts, was bereits aussagekräftig genug.

Die amerikanische Legende Kerouac mit dem Kultroman On The Road (dt. Titel: Unterwegs) besitzt auch 40 Jahre nach dem Tod immense Strahlkraft. Die Inspiration für ein Leben ohne Konventionen manifestierte sich schließlich in Massenbewegungen wie den Hippies, prägte die Gesellschaft nachhaltig. Der Mensch und Autor Kerouac freilich bleibt dabei unberücksichtigt, seine Selbstzerstörung fehlt meist in den Erinnerungen an eine Epoche des Wandels. Und genau hier haken Farrar und Gibbard ein, kratzen am Mythos eines ekstatisch feiernden Lebemannes, der lediglich Sex, Buddhismus und Drogen im Kopf hatte. All diese Informationen sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man One Fast Move Or I’m Gone: Music From Kerouac’s Big Sur lauscht. Selten noch war das Wissen um den Kontext für das Verständnis eines Albums so essentiell. Denn erst diese Einordnung erlaubt das Begreifen, hebt die unspektakulär gehaltene Platte in lichte Höhen.

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One Fast Move Or I'm Gone: Music From Kerouac's Big Sur

Während Farrars hinlänglich bekannter, getragener Gesang den Lieder eine faszinierende Bedeutungsschwere schenkt und beispielsweise auf dem Track Big Sur glänzt, entwickelt Gibbard mit leichtfüßigen Tönen einen Kontrapunkt, spiegelt die Energie des Schriftstellers wider – wie man beim Song One Fast Move Or I’m Gone zu begreifen vermag. Unter den sehr diskreten, nachdenklichen und nie sensationsheischenden Lieder lauern weitere Offenbarungen, zum Beispiel Sea Engines und das vom Frontman von Death Cab for Cutie so sehnsüchtig-hoffnungsfroh intonierte Williamine. Jay Farrar besiegelt mit San Francisco den bluesigen Abgesang und treibt die beeindruckend treffende, atmosphärisch nachwirkende Schilderung auf die Spitze.

Als glühender Anhänger Kerouacs und veritabler Bewunderer Farrars gewinnt mein Fazit zwangsläufig eine enorm positive Färbung. Die wundervoll grüblerische Versunkenheit der Musik mischt sich mit den eindringlichen Texten zu einer unverzichtbaren Kostbarkeit, welche in dieser gelungen Manier längst überfällig war und das Interesse an der filmischen Umsetzung noch mehr steigert. One Fast Move Or I’m Gone: Music From Kerouac’s Big Sur darf darum auch als hochgradig empfehlenswert tituliert werden.

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Kuschel-Spock – Newton Faulkner

Auf unserem Schreibtisch vermodert seit ein paar Wochen eine CD, die von meiner werten Co-Bloggerin in einem Anflug von Wahnsinn unserer Sammlung untergejubelt wurde. Die Narretei liegt darin begründet, dass meine DifferentStars normal einen riesigen Haken um alles schlägt, was nicht mit britischem Gitarrensound oder als Electro-Pop durch die Boxen kocht. Und meine Wenigkeit versinkt ohnehin bis an die Mundwinkel in neuen Alben – und wäre diese meine Mundwinkel nicht schwerkraftgemäß nach unten verzogen, hätte ich ein veritables Problem. Dennoch fällt mir nun die Aufgabe zu, einen sympathischen Liedermacher, welcher auf der Insel bereits mit großen Erfolg tätig ist, auch in hiesigen Gefilden mit einigen Worten zu bedenken.

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Foto von Kayt Jones

Newton Faulkner heißt der Brite, der radiotaugliche Songs für radioliebende Menschen fabriziert und dennoch meist erfolgreich Seichtigkeit meidet. Viele seiner Lieder sind von einer unerschütterlichen Schmusigkeit, dass vor allem der Gefühlshaushalt weiblicher Hörerinnen Dammbrüche erfährt. Herzschmerzelnd geträllerte Lieder, überwältigend oft mit dem nötigen Pathos, den es für große Emotion braucht, füllen Rebuilt By Humans. Speziell behaglich gerät das Hörerlebnis, wenn man sich den knuffigen Lieblings-Teddybären in die Arme drückt und auf sanften Klängen die Segel gen Entspannung streicht. Faulkner ist im besten Sinne ein Kuschel-Spock. Der mit Rastaverzopfungen und einem Bärtchen, wie es sonst die Amischen gern tragen, auftretende, durchaus exotisch anmutende Barde entspricht so gar nicht meinem Bild eines Frauenverstehers.

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Die Musik bildet zusammen mit der viel Wärme und Charakter verströmenden Stimme das Prunkstück eines Albums, dessen Lyrics euphemistisch als verbesserungswürdig eingestuft werden dürfen. Zeilen wie „If I like you, and you like me,why the hell are we wasting our time?“ oder „Come in can you hear me? Am I even talking? There is so much that I want you to know.“ stammen nicht gerade aus Shakespeares Feder. Für einen flauschigen Refrain mag dies ausreichen, doch textlich hinkt das Werk doch deutlich hinter den ohrwürmelnden Klängen her. Lipstick Jungle zählt zu eben diesen und macht die Genre-Primusse Jack Johnson und James Morrison zweifelsohne verdammt neidisch. Die gezupfte Gitarre und die fröhliche Mundharmonika geben dem Lied eine unwiderstehliche Note. Auch Resin On My Heart Strings als schmachtende Ballade zeitigt mit dick aufgetragenem Sentiment ein unpeinliches Wohlbehagen. Newton Faulkner betört mit Inbrunst und der Aura eines sehnsüchtigen Gefühlsmenschen. Hand aufs Herz, So Much gelingt die Gratwanderung am Rande des Kitschs mustergültig, da braucht es nicht mal Eierstöcke, um die Schönheit zu verinnerlichen. Dennoch bleibt der Sänger eine Offenbarung für Frauen, welche den sensiblen Mann anstelle eines Machos zu erspähen suchen.

Meine Anerkennung des Charmes eines massenkompatiblen Romeos, dessen eigenes Herz den einen oder anderen Sprung aufweist, mag die Stammleserschaft vielleicht verwundern. Doch gut gemachte, wirkungsvolle Unterhaltungsmusik, die bis auf textliche Mängel durchaus Kniffe parat hat, darf ruhig Gefallen finden. Newton Faulkner vollbringt das Kunststück über weite Strecken und verbricht selten Rohrkrepierer, wie First Time leider einer ist. Der Kuschel-Spock hat meinen Sanctus und wird auf meinem Mp3-Player eine Heimat finden. Das können Jack Johnson und James Morrison nicht von sich behaupten.

Tour-Daten:

17.11.2009 Köln – Luxor

18.11.2009 Berlin – Lido

19.11.2009 Hamburg – Knust

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Chronist der Verlierer – Zum 60. Geburtstag Bruce Springsteens (Teil 1)

Das musikalische Amerika vergangener Jahrzehnte examinierte unterschiedlichste gesellschaftliche Schichten. Tom Waits schürfte immer schon in der unverklärten Poesie der Gosse, Legionen von schunkelnden Country-Musikern gaben dem ruralen Amerika eine schlichte Fantasie vom Paradies. Gefühlte Millionen von Bands suhlten sich in der Dekadenz eines eitlen Hippie-Daseins. Doch kaum ein Songwriter sezierte das Leben und Scheitern, Glück und Pein kleinstädtischer Gefilde. Dann kam Bruce Springsteen und durchstreifte glamourarme Hinterhöfe, erzählte mit großen Gesten alltägliche Sehnsüchte und Desillusionen. Heute wird The Boss 60 Jahre alt. Anlass genug, Streiflichter auf sein Schaffen zu werfen und nun den ersten Teil zu präsentieren.

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That’s quicksand that ain’t mud…

Das Debüt Greetings from Asbury Park, N.J. markiert bereits die Stoßrichtung Springsteens, die Schilderung von Außenseiterexistenzen, doch offenbart sich vor allem der eigene Gefühlskosmos, wogen Wut und Verzweiflung in den Erlebniswelten. Sein bereits messerscharf Blick wirft noch oft ein Auge in den Spiegel. Ungestüm sprudeln die Songs gleich einer Warnung vor Abgründen hervor, in die er selbst zu fallen fürchtet. Lost In The Flood präsentierte sich als erstes Meisterwerk. Auch das im selben Jahr veröffentlichte The Wild, the Innocent & the E Street Shuffle besticht durch geniale Ansätze.

It’s a town full of losers and I’m pulling out of here to win…

Mit dem Durchbruch Born To Run legt Springsteen seinem erzählerischen Alter Ego den Wunsch nach einem Ausbrechen aus dem Kleinstadtmilieu in den Mund. Ein jugendlicher Optimismus begehrt gegen die Enge auf, tritt die Flucht nach vorn an und will den amerikanischen Traum erleben. The Boss hat seine Berufung als Chronist einer aus konservativen Wirklichkeiten auszubrechen suchenden Unterschicht gefunden. Noch scheinen Träume lediglich wenige Meilen hinter dem von Highway auszumachenden Horizont einer Erfüllung zu harren. So zum Beispiel bei Thunder Road.

With the eyes of one who hates for just being born…

Aus Hoffnungen keimen Illusionen. Und das Wissen mehrt sich, dass was zum Greifen nah, doch unendlich fern bleibt. Die Sehnsüchte schmecken bitter, weil die zunehmende Lebenserfahrung lediglich eine Verfestigung des Status quo lehrt. Dies ist die Quintessenz von Darkness On The Edge Of Town. Noch immer leben Springsteens Anti-Helden am selben Ort, haben den Absprung trotz laufender Motoren nicht geschafft. Die Bezirksgrenze erhebt sich als unsichtbare unüberwindliche Barriere. Der tägliche Gang in die Fabriken ist für die Wünsche ein allmorgendlicher Weg aufs Schafott. Eine kurze Abwechslung inmitten jeglicher Tristesse erhellt das Dasein. Wie in dem Highlight Racing In The Street geschildert.

Is a dream a lie if it don’t come true…

Neben all der fast trotzig dargebrachten Leichtigkeit, die das Album The River mit Songs wie Hungry Heart bietet, malt Springsteen weiter an den exemplarischen Schicksalen von Menschen, die abseits riesiger Metropolen nach Erfüllungen trachten – und versagen. Im monumentalen Titel-Track münden einstige Liebesschwüre in eine Beschwörung schöner Erinnerungen, die für Momente die freudlose Beziehungswirklichkeit ausblendet. Familie und Arbeit stiften Sinn, bilden die Verpflichtung eines Erwachsenen. Der ausgetrocknete Fluss repräsentiert die abgestorbenen Träume.

Shining ‚cross this dark highway where our sins lie unatoned…

Nebraska gerät mit seinem reduzierten Sound zum eindringlichsten Werk des Meisters. Es ist das Portrait der Verlierer, die den Untergang suchen (wie im Titel-Song) oder ihm mit höchstmöglicher Rechtschaffenheit trotzen. Töne wie Tränen suchen nach Schuld und Sühne – und nach Vergebung. Und sogar tot gemeinte Hoffnung gedeiht Wimpernschläge lang. All die Widerspüchlichkeiten der Bilanz stellen die Schlussfolgerungen dar, zu welchen die vielfältigen, mit Springsteen gealterten Figuren gekommen sind. Der Härte des Lebens stellen sie die altbekannten, mehr oder minder adäquaten Mittel entgegen. My Father’s House ragt durch die intime Erzählweise nochmals hervor.

An dieser Stelle will ich in der Rückschau vorerst innehalten und auf den demnächst erscheinende zweiten Teil meiner Eindrücke zu Bruce Springsteens Schaffen verweisen. Heute freilich hoffe ich, dass sich der für mich prägendste Sänger und Songwriter ein Gläschen Sekt gönnt und mit dem Wissen um sein überragendes Œuvre voll Stolz auf sein Werk blickt.

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Mal wieder Bauklötze staunen – Brett Dennen

Unlängst diagnostizierte ich, dass manche Platten bei oberflächlicher Betrachtung nach „mehr“ klingen und bei eingehender Prüfung das anfängliche Versprechen nicht einzulösen vermögen. Oftmals freilich entfacht auch ein zunächst unscheinbares Album eine ungeahnte Kraft und entwickelt Potential zur dauerhaften Erquickung. Dazu muss man sich jedoch Zeit nehmen, dem Werk eine Chance geben – und nicht gleich alles in eine bereits im Geiste geöffnete Schublade legen. Dieses Mal darf ich – schon wieder – eine fantastische CD präsentieren. In den vergangenen Wochen wurden mehrfach virtuose und grandiose Scheiben angepriesen, so dass der Eindruck entstehen mag, ich würde leicht entflammbar, mein Herz an nahezu jeden dahergelaufenen Songwriter verschenken. Doch eher das Gegenteil trifft zu, naserümpfend trotte ich an Dutzenden von CDs vorbei, bloß um die eine zu finden, die gekonnt Emotionen bündelt. Welch Segen dieser Tage derart oft fündig zu werden.

Nahezu die gesamte amerikanische Kritikerzunft sieht in dem 29-jährigen Kalifornier Brett Dennen ein vielversprechendes Talent – und mokiert sich dennoch über dies und das und jenes und generell fast alles, wenn sie zur Rezension des neuesten Werkes Hope For The Hopeless schreitet. Er sei kein Dylan, monieren allmusic und PopMatters. Das ist auch gut so, denn in Stein gehauene Monumente klettern nur selten vom Podest herab und betören mit neuen Schandtaten. Dennen wird nie ein Guru werden, wohl auch weil seine Musik nicht bedeutungsschwanger oder gar von Glamour verseucht in großen Gesten schwabbelt. Sein dieser Tage in Deutschland erscheinender Wurf stellt uns einen in hoher Stimmlage wohlklingenden Crooner dar, dessen Songwriting angenehme 70er-Jahre-Reminiszenzen an die Integrität eines Paul Simon oder Randy Newman aufweist und weitaus weniger glatt gebügelt als aufgebauschte Musiker vom Schlage eines John Mayer oder Jason Mraz erscheint. Wer immer Herrn Dennen mit selbigen vergleicht, plappert nach, hat jedoch keinesfalls die Ohren gespitzt.

Die Rezeption von Hope For The Hopeless, in den USA hat das Album bereits im Oktober die Plattenläden geküsst, spult das Mantra netter, ein wenig langweiliger Liebeslieder ab, die in der Studentenkneipe an der Ecke als Hintergrundmusik durchaus zu reüssieren vermögen. Ein deutschsprachiger Blog nahm den Faden auf und erklärte Dennen zum diesjährigen Starbucks-Filialen-Hero. Das ist so nett getönt, wie es auch falsch ist. Werte Musikfreunde, lasst euch nicht aufs Glatteis führen, nicht alles, was unbefleckt von jedwedem kopflastigen Getue kreucht und fleucht, muss zwangsläufig ein oberflächliches und uninteressantes Liedchen zwitschern. Im hier beschriebenen Falle bedarf es eines Geschicks für die Wahrnehmung leiser Töne und kleiner Gesten, um die Größe Dennens verorten zu mögen.

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Unter den 11 Songs finden sich drei Wundertaten. Beginnen wir zunächst mit der Ballade Ain’t Gonna Lose You. Schmerzverzerrter Optimismus wuchtet sich mit reimschmiederischer Finesse aus Zeilen wie „You can put a stick in my spokes, I can be the butt of your jokes, I can be the laughing stock, I can be the hoax, but I ain’t gonna lose you„, wird von fragil-leidenden Gesang wunderbar getragen. Heaven wurde von einem Kritiker als Versuch empfunden, ein Imagine für die iPod-Generation zu entwerfen. Doch während Lennon ein Konzept einer schöneren Diesseitigkeit verfolgt, huldigt Dennen einer Transzendenz, die ein Jenseits ohne Scheuklappen und Vorurteile ausmalt. Mit San Francisco und seinem funkigen Groove rasselt Wohlfühl-Mitwipp-Sound durch die Boxen, welcher vieles bis alles sein kann, allerdings niemals langweilig. Eher schon ziemt es sich, Bauklötze zu staunen. Auch bei Wrong About Me, welches clever countryesk stampfend überzeugt, oder bei When She’s Gone, das vor allem während des Refrains stilistisch an Soft-Rock-Erfolge eines Jon Bon Jovi erinnert – wenngleich Dennen weitaus mehr Qualität im Köcher hat.

Insgesamt schreit jede Faser der CD nach einem mündigen Hörer, der einem unauffälligen Werk Zeit und Beachtung schenkt, um bald schon zu erkennen, welch musikalische Wuchtbrumme er oder sie sich hier eingefangen hat. Und den Kritikern, die Ain’t Gonna Lose You nicht schätzen, sei ein anderer Beruf empfohlen. Werbetexter, Finanzbeamter, scheißegal – aber nie und nimmer Henker für ein überragendes Talent spielen.

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Wehe, wenn die Gitarre die erste Geige spielt!

Oftmals erhascht man ein Album, legt es mit zittriger Hand in den CD-Spieler ein, verbarrikadiert Gedanken und Gefühl vor den Einflüssen der Außenwelt und spürt die Bereitschaft zur Transzendenz. Alle Sinne liegen geschärft auf der Lauer, die Spachtel in der Hand, um Schicht für Schicht des Hörerlebenisses abzutragen. Genussvoll werden Bedeutungsstränge auseinanderklamüsert, sucht man ein essentielles Mehr an Musik als lediglich zum Behufe der Berieselung.

Auf den ersten glubschäugigen Blick verspricht die neue Platte des britischen Songwriters Fink einiges, was bei eingehender Betrachtung letztlich aufgeplustert scheint. Das Werk Sort Of Revolution zieren feine Ansätze, die in der Gesamtheit freilich einen meist unaufdringlich-angenehmen, mitunter zahmen Nachgeschmack hinterlassen. Dabei setzt Fin Greenall den mit Biscuits For Breakfast und Distance And Time eingeschlagenen Weg konsequent fort, fabriziert nette Songs, deren besonderer Makel in der Absenz genialer Momente besteht, die beim Hörer ein jähes Aufhorchen verursachen.

Fink

Fin Greenall aka Fink

In der Stärke Finks fußt auch die Schwachstelle. Die bewußt zurückhaltenden Arrangements verleihen Liedern wie Sort Of Revolution eine Aura von intimer Nachdenklichkeit, die mit kleinen Höhepunkten wie Background-Gesang oder Verhallungen jegliche Monotonie vermeidet, aber eben bei nochmaliger Inaugenscheinnahme ihr Pulver bereits verschossen haben. Verdammt unauffällig versickert der Track, blutet rasch aus. Das weitaus bluesigere, mit Piano veredelte Move On Me offeriert exemplarisch eine gefinkeltere Seite im Songwriting, die eindringlicher und gleichsam aufregender auf den Hörer überschwappt. „So much changes“ trällert Fink bei Six Weeks gegen die immer gleichen Akkorde an, erkennt nicht, dass diejenigen seiner Songs, in denen die Gitarre die erste Geige spielt, so herrlich leicht aus dem Gedächtnis flutschen – wie dies leider auch Nothing Is Ever Finished tut. Sobald er die Lieder für Piano, Percussion oder A-Cappella-Einlagen öffnet, sieht die Chose bereits anders aus. See It All und vor allem das einen Flying-Pickets-Gedächtnisorden verdienende Q & A haften besser als Kukident in den Gehörgängen. Hier wird die dröge Klampfe in die Ecke gestellt und das Rezept kammermusikalischer Noblesse sehr gut umgesetzt. If I Had A Million führt die im Titel suggerierte Betrachtung mit der vermaledeiten Gitarre vor und verblasst. Wenn auf Pigtails die Mundharmonika brummt, wird schon eher ein Stiefel daraus, zwirbelt Abwechslung das Schnurrbärtchen. Das Highlight des Albums ist Maker, dank des gospelartigen Refrains, dem dezenten Beat und der im Hintergrund verzerrt schnarrenden Gitarre. Derart trumpft Fink zu selten auf – auch textlich. Walking In The Sun bildet einen versöhnliches Abschluss: Fink zupft und schlägt Gitarre, singt sehr präsent und gönnt sich ein vielkehliges Gesumme als Rausschmeißer.

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Ich möchte ein versöhnliches Ende mit Sort Of Revolution finden. Trotz zeitweiliger Schwächen bietet es auch gelungene Momente, die Fink als ambitionierten Songwriter mit starken Ansätzen charakterisieren. Er wird mir noch viel Freude bereiten – und vielleicht schon mit dem nächsten Album mehr essentielle Musik bescheren.

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Hörproben auf der Label-Seite Ninja Tune

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Maskierte Traurigkeit – John Vanderslice

Musikalische Außenseiter pflastern meine Gehörgänge. Weniger aus dem Kalkül einer Entsagung kommerzieller Angebote heraus, eher schon weil es dem eigenen Naturell und der Befindlichkeit entspricht, hinter die Fassade des Offensichtlichen zu schauen. Und im Grunde genommen sich es die Augenscheinlichkeiten, denen hinterhergehechelt wird, da sie antworten anstatt Fragen zu stellen. Jedoch kommt es auf die Technik der Fragestellung an. Besteht sie aus abstrakt verquasteten, einem akademischen Anspruchsdenken unterliegenden Methoden, oder rührt dies Forschen unmittelbar an unterschwelligen Ängsten und Sehnsüchten und gewinnt dadurch an Relevanz und Brisanz? Im konkreten Fall der musikalischen Geschmacksnerven berücken mich Singer-Songwriter dann besonders, wenn sie ohne intellektuelle Überfrachtung oder ironische Distanz sinnsuchend dahinvagabundieren, vielmehr mit naiven Staunen und/oder schlichtem Ausdruck Emotionen mit Fragezeichen unterfüttern.

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Foto von Elizabeth Weinberg

John Vanderslice vermag auf der soeben erschienenen CD Romanian Names den Spagat zwischen grenzenloser stimmlicher Wärme, ruhigen, von malerischen Melodien getragen Stücken und textlich traurigem Sehnen und Erinnern perfekt zu vollführen. Den Opener Tremble And Tear kennzeichnen beschwingt arrangierte Instrumente und die charmante Melodie sowie eine für dies Album untypische, fröhliche Aufgeregtheit. Bereits ein schräg verschrammeltes Fetal Horses thematisiert das Motiv einer ungesunden, von unüberwundenem Verlust geprägten Sehnsucht und kulminiert in der Zeile „Fetal horses galloping in the womb„, die man sich so auch erst auszudenken wagen darf. Darauf folgt bei C & O Canal ein Abschied, der mit immenser Bitterkeit beklagt wird, und dabei von nahezu heiteren Rhythmen konterkariert wird. Schon die ersten Eindrücke belegen die doppelten Böden, die Vanderslice verlegt. Brechungen prägen die Platte, wenn Vanderslice vergnügt reingrätscht. Der vierte Titel schließlich nennt sich Too Much Time und wurde von mir unlängst zum Song des Jahres gestempelt. Wohlig durchflutet ein Verlangen die Szenerie, zelebriert einen Aufbruch mittels dicht geschmiedeter und doch überschaubarer Klangfülle, mündet in dem anbetungswürdig dargebotenen Refrain „Too much time gone by and I can’t find you if I try„. Allgemein bietet der Erzähler Vanderslice auf dem Album wenig Ansatzpunkte, vage blubbern Schemen an die Oberfläche, lassen meist unbestimmt bleibende Fetzen von Melancholie zurück. So auch auf D.I.A.L.O., welches abermals den Abschied in den Fokus rückt. Forest Knolls ist die voll lässigem Drama geschilderte Begegnung mit Hirschen im Wald und dem mahnenden Eingedenken, dass sein Großvater sie noch zu erlegen verstanden hätte. Einmal mehr kontrastiert Oblivion deftige Lyrics mit warm versponnenen Harmonien, ehe Sunken Union Boat den nahezu perfekten Indie-Pop-Song kreiert und in trügerischen Erinnerungen schwelgt. Der Titeltrack des Albums ist ein erneutes Aufflackern hoffnungsfrohen Sehnens, ehe mit dem kryptischen Carina Constellation düstere Schatten aufziehen. Wiederum sortiert sich der Songwriter und wirft uns mit scheppernden Drums und verschnieften Gitarren ein Summer Stock entgegen, so als wolle er den von Keyboards dominierten Mittelteil des Album hinter sich lassen. Eine Streicherverklärung namens Hard Times offenbart die Conclusio des Herren Vanderslice, indem er gesteht „To find an answer I searched every sentence and ended deeper still in hard times„.

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Romanian Names ist voll maskierter Traurigkeit, welche sich in Ansätzen zwischen dem warmen Sound verbirgt. Die Platte fügt sich nahtlos in sein bisheriges, außergewöhnliches Schaffen ein und darf als absolut gelungen genannt werden. Zumal – und da lege ich mich fest – das Lied Too Much Time von derartig schöner Qualität ist, dass man es getrost als Meisterwerk 2009 titulieren darf. Wer sich auf das lohnend anspruchsvolle Terrain eines John Vanderslice wagen will, der wird auf dessen Homepage fündig. Zahllose kostenlose Downloads laden zur tiefschürfenden Erkundung ein und vermitteln ein rundum faszinierendes Bild.

Link:

Offizielle Homepage

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Lobeshymne, wem Lobeshymne gebührt – Mike Bones

Unser Blog ist ein Blog des Lobes über die kleinen und großen Lieblinge, die unser Wohnzimmer mit wohligen Klängen verzieren. Aus dieser Einstellung heraus werden wir selten mit der Axt künstlerische Gehversuche beenden, vielmehr selbige bei einer Tasse Kaffee geflissentlich ignorieren. Freilich lassen sich jedoch in unseren Gedankengängen und Rezensionen mitunter Nuancen der Begeisterung ausmachen. Manch Album gefällt für kurze Zeit, ehe es sich schnell abnutzt und in den Untiefen des CD-Regals dahinvegetiert, um alle Jubeljahre ausgegraben und in Erinnerung gerufen zu werden. Andere Künstler jedoch hört man beim allerersten Male und schwört Stein und Bein, dass sie ein lebensbegleitendes Muss darstellen, da ihnen eine tiefe Weisheit und ausgiebige Darreichung von Gefühlen innewohnt. So ungefähr ist es mir ergangen, als ich vor wenigen Tagen Mike Bones aufspürte.

Mike Bones (Foto von Carla Brookoff)

Mike Bones (Foto von Carla Brookoff)

Der unter dem Pseudonym Mike Bones werkelnde Mike Strallow ist ein Songwriter Dylanscher Prägung und legt mit A Fool For Everyone ein tolles Album vor. Es atmet das Odeur klassischer Liedermacherei mit dem Geschick die Abgründe menschlichen Gefühlslebens auszuloten. Besonders der Titel What I Have Left ist von der Güte eines songwriterischen Gassenhauers. Anfangs eindringlich reduziert entfaltet sich selbstkritischer Zorn, mit wenigen Worten werden Emotionen ausgebreitet wie sie ein Leonard Cohen nicht besser aufzeigen könnte.

Dem geneigten Leser wird nun vermutlich bereits die eine oder andere Schuppe von den Augen gefallen sein. Ja, Mike Bones ist in den Kategorien der allergrößten Zampanos des Genres anzusiedeln. Selbst offensichtlichster Diebstahl der Manierismen Bob Dylans mutiert zum famosen Coup, wie das Lied Give Up On Guitars verdeutlicht. Man fragt sich, warum man auf die ultimative, eigenständige Epigone des Meisters derart lange warten musste. Songs wie Much More Than Love stellen einen nahtlosen Übergang des Genres in die gegenwärtige Musikkultur dar.

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Ich wage die unerschütterliche Prognose, dass diese CD zu den drei besten Songwriter-Alben des Jahres 2009 gehören wird. Leider ist sie in hiesigen Gefilden vorläufig lediglich als US-Import erhältlich. Ein gieriges Hinterherhetzen lohnt sich, wenn die Beute derart intensive, authentische Musik verspricht. Wiederholen wir nun gemeinsam im Mantra den Namen: Mike Bones, Mike Bones, Mike Bones, Mike Bones… Der Bursche wird uns mit seinem Werk noch viel Freude bereiten.

Via dem Label The Social Registry gibt’s dieses feine Lied:
What I Have Left – Mp3

Links:

MySpace-Seite mit vielen Hörproben, Amerikanische Labelseite

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Es muss nicht immer Kaviar sein – Justin Townes Earle

Dudeliges Dahinschmachten und stramm-patriotische Lobhudelei – Country kann man oft und gern auf diese mindere Qualitäten reduzieren. Und dabei fest die Nase rümpfen, mehr noch, Trost empfinden, dass die Musikantenstadl-Mafia allerorts mit wechselnden Fratzen ihr Dasein fristet. Doch lädt das Country-Genre auch zu famosen Entdeckungen ein, die man bei Bedarf auch gern als Americana oder New Country klassifizieren mag, wenn man das Erlauschen von Country sonst nicht mit dem eigenen, audiophil gefärbten Gewissen vereinbaren könnte.

Aber stümpern wir nicht länger an Begrifflichkeiten herum. Verstöbern wir uns lieber im von schlichter Schönheit geprägten Werk des Songwriters Justin Townes Earle. Wirklich intelligente, traditionsverbundene und gerade deshalb innovative Musik zu fabrizieren, scheint keinesfalls leicht, wenn man aus Country-Metropole Nashville stammt. Herrn Earle freilich hindert dies nicht an Glanztaten. Sowohl sein Album The Good Life als auch das gerade erschiene Midnight At The Movies präsentieren bestes Storytelling.

Justin Townes Earle (Foto von Joshua Black Wilkins)

Justin Townes Earle (Foto von Joshua Black Wilkins)

Kreuchen und fleuchen wir nun kurz detaillierter in die musikalischen Abgründe des werten Herrn Earles. Er schert sich einen Dreck um Finessen und erfindet auch das Rad nicht neu, seine Lieder mischen Folk-Einflüsse mit bluesigen Elementen. Über allem thronen sattsam bekannte Country-Harmonien. Und gerade das Gefühl, jeden Akkord schon mehrfach vernommen zu haben, erlaubt den Fokus auf – im besten Sinne – zu Herzen gehende Texte, die sich eben nicht zu abgehobenen Höhenflügen aufschwingen – vielmehr Beobachtungen alltäglicher Freuden und Leiden darstellen. Darin lauert der Reiz, das „simple“ Leben unverklärt abzubilden. Der Hörer kehrt doch ab und an gern in ein Lokal bester Hausmannskost ein. Es muss nicht immer Kaviar sein…

Wackeln wir mal kräftig mit den Nasenflügeln, erschnuppern wir den von Justin Townes Earle versprühten Flair. Seine Duftmarken vermochten ihn bereits als Hoffnungsträger der Country-Musik  zu etablieren. Dem geneigten Leser des Blogs seien ein paar Links zu kostenlosen Downloads und Streams ans Ohr gelegt, die diesen Status hoffentlich unterstreichen.

Links:

MySpace-Auftritt

Labelseite von Bloodshot Records (mit Gratis-Download)

Justin Townes Earle auf Last.fm (Gratis-Downloads)

Besprechung von Midnight At The Movies

Daytrotter-Session

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Ein stilles Genie

Wenn sich ein Hauch unerklärbarer Wehmut einfindet, Schatten seltsamer Ruhe die Nachdenklichkeit durchziehen, ein Frieden sich über das Unabänderliche stülpt, dann braucht es dazu einen Soundtrack, der Tiefgründigkeit nicht bleischwer interpretiert. Die Essenz der kleinen Dinge zu fassen, das benötigt kein Gehabe eines Marketenders, weniger noch das eines wichtiguerischen Professors. Ab und an gibt es einen Musiker und Sänger, welcher die Facetten von Melancholie in allen den verschieden schimmernden Arten abbildet. Ein stilles Genie eben – nicht für die breite Öffentlichkeit geschaffen, zu unaufgeregt, ohne Glitter.

Mark Kozelek gehört in oben beschriebene Gattung. Ob als Mastermind der Red House Painters oder unter dem Quasi-Pseudonym Sun Kil Moon darf er auf eine kohärente Diskografie als Songwriter zurückblicken. Sein über die Jahre ausgefeilter Stil intensiver Intimität gepaart mit reduzierter Instrumentierung erscheint einzigartig. Sowohl eindringliche Eigenkreationen als auch in Schlichtheit eingebettete Neuinterpretationen bekannter Songs kennzeichnen sein Schaffen. Besonders Kozeleks eingängige Stimme offeriert ein hohes Maß an Ausdrucksstärke.

In Tagen des Lärm ist solcher Ansatz hochgradig unzeitgemäß. Der fehlende Pathos großer Gesten, der Mangel an hochglänzendem Kitsch, die sanfte Ernsthaftigkeit seiner Musik, all dies verhindert eine Karriere, macht Kozelek zum ewigen Geheimtipp. Doch solange es Menschen gibt, die Liebe nicht in einem Song von Céline Dion ausgedrückt wissen, welche die Langweile eines Conor Oberst nicht für Poesie halten, die die kindische Aufgeregtheit der Arctic Monkeys nicht mit ehrlicher Attitüde verwechseln, solange darf auch Kozelek darauf hoffen, Gehör zu finden.

Fans des Meisters leiser Töne dürfen sich freuen. Am 9. Dezember wird ein Raritäten-Album veröffentlicht, welches wiederum Cover-Versionen enthält. Es trägt den simplen Titel The Finally LP. Als Vorgeschmack gibt es einen kostenlosen Download des Tracks Celebrated Summer. Ich kann an dieser Stelle nur eindringlich empfehlen, auf diese Weise Herrn Kozelek kennenzulernen. Man gönnt sich ja so selten etwas Schönes.

Links:

Download von Celebrated Summer (Angabe eine E-Mail-Adresse erforderlich)

Kozeleks Label Caldo Verde (mit eigenem Shop)

Interview mit Mark Kozelek (popmatters.com)

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