Schlagwort-Archive: Soul

Musikvideo: Michael Kiwanuka – Cold Little Heart

Ohne Umschweife möchte ich den Song Cold Little Heart zu einem der Meisterwerke des letzten Jahres erklären. Spät, aber doch ist er mir schließlich vor wenigen Wochen in den Schoß gefallen. Seitdem konnte ich mich an dem zehnminütigen Geniestreich kaum satt hören. Der Brite Michael Kiwanuka ist in den letzten Jahren ja zu einem echten Liebling der Musikkritik aufgestiegen und hat es auch die vorderen Regionen der europäischen Charts geschafft. Diesen Spagat bekommt man mit musikalischer Größe allein nicht hin, dafür muss man durchaus Opfer bringen. So habe ich mit Entsetzen festgestellt, dass im Februar dieses Jahres ein Radio Edit von Cold Little Heart veröffentlicht wurde, der den Song auf ein Drittel der ursprünglichen Länge eindampft, das lange, famose Intro zur Gänze unter den Tisch fallen lässt. Eine Schande, Asche auf das Haupt des Plattenlabels! Aber muss man sich als Künstler der Gegenwart wirklich noch den Zwängen des konstant an Bedeutung verlierenden Formatradios unterwerfen? Ich meine nicht.

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Schatzkästchen 56: Erin Costelo – Fighter

Es existieren zwei Sorten von Soulsängerinnen. Die mit Stimme und jene mit Talent. Die unzähligen Castingsshows der letzten 15 Jahre haben oft auf Soul gesetzt, weil das Genre den Gesang in den Vordergrund stellt. Auch deshalb wurden unzählige Soul-Pop-Zombies hervorgebracht, die sich zwar von Oktave zu Oktave hangeln können, es allerdings stets verabsäumen, Lieder mit Seele auszufüllen. Und eben weil ich an Soul wirklich hohe Ansprüche habe, wird das Genre hier auf dem Blog eher selten erwähnt. Heute freilich möchte ich eine Ausnahme machen. Die Kanadierin Erin Costelo hat mich mit ihrem Song Fighter mehr als nur überzeugt. Sie hat – und das ist unter keinen Umständen rassistisch gemeint – eine ausgesprochen schwarze Stimme, ein Organ mit Ecken und Kanten. Ihr Vortrag ist kräftig und rau, bei ihr springt Emotion über. Nichts scheint ihr ferner zu liegen, als schieren Schöngesang praktizieren. Fighter imponiert als angenehm altmodisch instrumentierter, auf neumodischen Schnickschnack verzichtender Song, der in dieser Form auch vor 20 oder 30 Jahren hätte aufgenommen werden können. Speziell Soul-Pop – auch das ist ein Teil des Problems – wirkt oftmals hoffnungslos überproduziert. Da lobe ich mir Fighter, etwa wegen einer herrlich aus der Zeit gefallenen Gitarre und einem wie aus dem alten Lehrbuch entnommenen Background-Gesang, der Worte echot, harmonische Akzente setzt. Auch deshalb gilt: Wenn das Album Down Below, The Status Quo das Niveau dieses Tracks nur halbwegs halten kann, habe ich meine liebste Soulplatte des Jahres 2016 bereits gefunden! Schatzkästchen 56: Erin Costelo – Fighter weiterlesen

Schatzkästchen 43: Tarantina – War

Zwischen den Feiertagen scheint eine gute Gelegenheit für Nachdenklichkeit gekommen. Und diese Nachdenklichkeit sollte sich nicht nur in Resümees oder Vorsätzen ausdrücken. Musikalisch könnte der Track War auf die Sprünge helfen. Die edle Pianoballade mit souligem Gesang stellt die Frage „If there was war coming at your door, then would you know what you’re fighting for?„. In diesen Zeilen steckt viel Grundsätzlichkeit! Hat man wirklich im Blick, worauf es wirklich ankommt, was man um jeden Preis verteidigen möchte? Viele Menschen würden spontan – und trotz manchen feiertäglichen Ärgernisses – die Familie nennen. Aber das scheint nicht besonders weit gedacht. Die Menschen, die man liebt, zu verteidigen, ist eine Selbstverständlichkeit. Schatzkästchen 43: Tarantina – War weiterlesen

Die beste Medizin bei Verstimmungen – Fat Freddy’s Drop

Ich bin dieser Tage über eine interessante Studie gestolpert. Menschen, die aus Verdruss oder Traurigkeit heraus triste oder aggressive Musik hören, um Dampf abzulassen, also negative Emotionen auszuleben, schaden damit ihrer psychischen Gesundheit. Für Laien will ich es so zusammenfassen: Wer überwiegend unfröhlicher Musik lauscht, sie als Ventil nutzt, läuft Gefahr, sich eine handfeste Depression oder ähnliches einzuhandeln, sofern er/sie diese nicht bereits hat. Nun juckt es mich in den Fingern, dazu den einen oder anderen Gedanken loszuwerden. Doch ich will es bei der zugegeben subjektiven Empfindung belassen, dass fröhliche Musik oft wenig musikalische Komplexität oder gedankliche Tiefe aufweist. Wir stehen somit vor dem großen Problem, dass mit einem Funken Intellekt ausgestattete Hörer an ernster bis trister Musik hängen. Wer darum nun um die eigene Gemütsverfassung bangt, dem kann freilich geholfen werden. Eine der launigsten Platten des Jahres ist zugleich eine, die spielerisch und schlau Soul, Reggae, Jazz und hypnotische EDM miteinander vermengt, dadurch einen wunderbar entspannten Flow erzeugt. Der neuseeländischen Formation Fat Freddy’s Drop, einem gern gesehenem Gast auf diesem Blog, ist mit Bays abermals ein feines Album gelungen. Ob Dr Boondigga & The Big BW von 2009 oder Blackbird (2013), stets hat die Truppe einen in seiner Leichtigkeit fast an Jam erinnernden Sound kredenzt. Dieses Geschick stellt sie auch 2015 unter Beweis.

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Schlaglicht 30: Fat Freddy’s Drop

Das neuseeländische Soul-Funk-Dub-Orchester Fat Freddy’s Drop muss man hoffentlich nicht mehr vorstellen. Zumindest der treue Leser dieses Blogs wird schon mehrfach über diese Combo gestolpert sein. Zur letzten Platte Blackbird (2013) etwa ist mir folgende Beschreibung des Sounds der Band eingefallen: „Wenn Sänger Dallas Tamaira (aka Joe Dukie) mit seiner zärtlichen, angenehm beseelten Stimme loslegt, muss er keine Schneise in das instrumentale Dickicht schlagen. All die ausgetüftelten Arrangements tänzeln mal federleicht, stapfen dann wieder anmutig durch Gluthitze, sind stets üppig, geben dem gefühligen, von RnB inspirierten Gesang freilich immer Raum.“. Auch das für Oktober in Aussicht gestellte neue Werk Bays hat vermutlich nichts vom Flow eingebüßt,  wenn man von der ersten Hörprobe Razor auf die ganze Platte schließen darf. Razor erscheint mir die elektronische Komponente stärker zu betonen, der Band-Flair steht bei dieser speziellen Nummer weniger im Vordergrund, als man dies bislang gewohnt war. Und doch zeigt auch dieses Stück die Begabung zu einem hypnotischen, detailreichen Sound, der der Formation schon viele Fans eingebracht hat. Einen sicher nicht geringen Teil davon haben Fat Freddy’s Drop auch durch intensive, bunte Auftritte gewonnen. Im November ist die Band einmal mehr quer durch Europa unterwegs. Schlaglicht 30: Fat Freddy’s Drop weiterlesen

Co­ming-of-Age-Musik eines Ausnahmetalents – Denai Moore

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Es muss schon Ostern und Weihnachten auf denselben Tag fallen, um aus mir einen R&B-Fetischisten oder Soul-Enthusiasten zu machen. Die Londonerin Denai Moore vermag mich dennoch mit ihrem Soul-Pop samt eindeutigen Anleihen beim Singer-Songwriter-Folk um den Finger zu wickeln. Moore präsentiert ihre Musik mit dem Understatement und der Nachdenklichkeit des Indie, verzichtet auf schrille Aufgeregtheit und billigen Glamour, welche Soul und Contemporary R6B heutzutage oft prägen. Ihr Album Elsewhere erweist sich als musikalischer Glücksfall, der auch dem Mainstream verpflichtenden Hörern die Gehörgänge vergoldet. Elsewhere fängt sie alle ein, die Illiteraten, die Media Markt als erste Adresse für CDs erachten, und natürlich auch jene Gourmets, die das Außergewöhnliche in der Musik aufspüren wollen. Dabei ist Moores feine Stimme gar nicht mal über alle Maßen speziell, die Art ihres Vortrags ist es, die so staunen macht.

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Schlaglicht 4: Andreya Triana

Mir geschieht es in letzter Zeit häufig, dass ich über einen Song von vor 5 Jahren stolpere, den ich damals mit dickem Ausrufezeichen auf dem Blog vorgestellt habe. Und während ich noch darüber sinniere, weshalb ich den Sänger, die Sängerin oder die Band überhaupt aus den Augen verlieren konnte, beginne ich meist schon mit meinem Nachforschungen. Manchmal ist alles längst vergangen, vielversprechende Anfänge wieder begraben, manchmal wiederum sind weitere Songs und Platten gefolgt, die ich leider verpasst habe. Erst vor wenigen Wochen habe ich im Archiv gestöbert und meinen Lieblingstracks des britischen Electronica-Meisters Bonobo gelauscht. Und in diesem Zusammenhang ist mir auch der Name Andreya Triana ins Gedächtnis gekommen, die seinem Album Black Sands von 2010 stimmlich-soulige Eleganz eingehaucht hat. Bonobo war von der Londonerin anscheinend sogar derart angetan, dass er damals noch im selben Jahr ihr Debüt Lost Where I Belong produzierte. Das Werk konnte sich durchaus sehen lassen, weil es dem Soul eine instrumentale Finesse beimengte und eine zauberhafte Hintergründigkeit an den Tag legte. Kurzum, ich hätte wahrscheinlich eher früher denn später nachgeschaut, was Frau Triana derzeit so treibt, wäre uns nicht Ende Januar die frohe Kunde ins Postfach getrudelt, die Trianas neues Werk Giants für März in Aussicht stellte. Schlaglicht 4: Andreya Triana weiterlesen

Nicht weniger als ein Wunder – Paolo Nutini

Wenn heute jemand übers Wasser gehen würde, würden wir nicht von einem Wunder sprechen, Zyniker und Besserwisser würden den Trick zu durchschauen trachten, zumindest aber Abzüge in der Haltungsnote erteilen. Ich versuche mir ein Staunen zu bewahren. Und den Glauben daran, dass es Talente gibt, die auch durch harte Arbeit nicht allein erklärbar sind. Paolo Nutinis Stimme etwa ist ein Wunder. In der Facettenhaftigkeit nicht zu erklären. Mal singt er samtweich croonend, dann wieder altersweise und alkoholdurchtränkt, er tönt funky und schwarz, beherrscht gewiss auch das folkige Singer-Songwritertum. Der Schotte ist die überragende sängerische Gestalt der Gegenwart, ein Otis Redding unserer Zeit. Man könnte sich sogar dazu versteigen, dass manche Lieder der neuen Platte durchaus so klingen, als wären sie der verstorbenen Amy Winehouse aufs Pult gelegt. Caustic Love ist ein erstaunliches Album voller Soul, welches all das – auf zugegeben andere Art und Weise – einlöst, was sich in den fünf Jahren seit Sunny Side Up an Erwartungshaltungen angestaut hat.


Ich muss Sunny Side Up das größtmögliche Kompliment aussprechen. Da ich mich erfreulicherweise ständig mit neuer Musik konfrontiert sehe, landen viele feine Platten alsbald in den hinteren Winkeln im Regal, werden seltener gehört. Sunny Side Up zählt freilich zu den Werken, die ich heute öfter höre, als ich das noch vor fünf Jahren getan habe. So sehr gefallen mir Songs wie Tricks Of The Trade, Worried Man oder Candy. Meine seit 2008 geführte Last.fm-Statistik weist Herrn Nutini auf Platz 6 aus. Davor finden sich ausschließlich Musiker und Bands, die in dieser Zeit viel mehr Scheiben veröffentlicht haben. Nutini hat mich als Fan nun einige Zeit zappeln lassen. Doch wenn ich mich salopp als Fan bezeichne, muss ich auch einräumen, dass die liebe Co-Bloggerin noch ein größerer Fan des ausgemachten Sympathieträgers ist. Trüge sie das Groupie-Gen in sich, es käme bei Nutini zum Vorschein. Und dank Caustic Love mehr denn je!

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Locker aus dem Handgelenk geschütteltes Entertainment – Ira May

Ich bin kein Freund von Castingshows. Weil ich melismatisches Geträller nicht ertrage, weil die Niederungen einer persönlichen Lebensgeschichte auf die gesangliche Qualität keinen Einfluss haben, weil man Juroren wie Bohlen und Nena nicht auf Talente loslassen sollte. Ich habe noch bei den meisten Gewinnern solcher Veranstaltung keinerlei Aha-Effekt erlebt. Das waren keine besonderen Stimmen – und oft auch keine kreativen, charismatischen Persönlichkeiten. Dabei wäre die Ausstrahlung noch der beste Grund, einem netten Gesang zusätzlichen Charme zu verleihen. Als vor ein paar Jahren Amy Winehouse und später auch eine Duffy die Gischt der Soul-Pop-Welle bildeten, wollten viele Sängerinnen mit einem kraftvollen Organ punkten. Doch eine soulige Popdiva kann man sich nicht zurechtschnitzen. Als ich vor ein paar Wochen zum ersten Mal die Stimme der Schweizerin Ira May gehört habe, war ich sofort beeindruckt. Ira May muss nicht nach Noten greifen, sie röhrt mit ausgesuchter Souveränität und vehementer Präsenz. Ihre Stimme wirkt nie glatt, hat vielmehr kleine Fältchen, flirrt selten hell, schimmert eher im Halbdunkel. Dieses charaktervolle Timbre verrät das eine oder andere Jahr an Lebenserfahrung, erscheint ganz weit weg von jeglichem Teeniepüppchengehabe. Der anfängliche positive Eindruck hat sich dieser Tage nach Anhören ihres Debüts The Spell weiter gefestigt.

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Photo Credit: MAIWOLF

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Free Mp3: Ira May – Santa Baby

Soul war vielleicht niemals wirklich out, aber spätestens seit Amy Winehouse ist er dank knackig-modernem Gewand wieder in aller Ohren. Und noch etwas haben wir seit dieser Renaissance gelernt, guter Soul kommt dieser Tage aus europäischen Gefilden, wenn es sein muss sogar aus der Schweiz. Ira May veröffentlicht Ende Januar ihr Debütalbum The Spell.und ihrer Interpretation des Weihnachtsklassikers Santa Baby nach zu urteilen, hat sie eine wirklich starke Stimme, die sie unter Umgehung sämtlicher Fisimatenten zum Ausdruck bringt. Free Mp3: Ira May – Santa Baby weiterlesen