Free Mp3: Ira May – Santa Baby

Soul war vielleicht niemals wirklich out, aber spätestens seit Amy Winehouse ist er dank knackig-modernem Gewand wieder in aller Ohren. Und noch etwas haben wir seit dieser Renaissance gelernt, guter Soul kommt dieser Tage aus europäischen Gefilden, wenn es sein muss sogar aus der Schweiz. Ira May veröffentlicht Ende Januar ihr Debütalbum The Spell.und ihrer Interpretation des Weihnachtsklassikers Santa Baby nach zu urteilen, hat sie eine wirklich starke Stimme, die sie unter Umgehung sämtlicher Fisimatenten zum Ausdruck bringt.  Weiterlesen

Zauberhafte Verflüsterung – Andreya Triana

Den Soul auf den Lippen zu tragen, dass hat heute den Schick von Lipgloss. Doch während viele Sängerinnen vergebens Frösche küssen, hat Andreya Triana ihren Prinzen gefunden. Dieser trat in Form von Simon Green in ihr musikalischen Wirken. Der unter dem Namen Bonobo geschätzte Downtempo-Guru erwählte sie nicht nur zur gänsehäuternen Stimme seines Albums Black Sands, sondern übernahm auch die Produktion ihres Debüts Lost Where I Belong. Und eben diese Trumpfkarte wird gnadenlos ausgespielt. Zu dem ohnehin auffälligen stimmlichen Vortrag gesellt sich die Gewandtheit Bonobos, der für subtiles instrumentales Knistern sorgt, eine Finesse einbringt, welche bei vergleichbaren Künstlerin meist fehlt.

Wenn man von einem Album der Nuancen und Zwischentöne spricht, kann das mitunter eine dem Euphemismus geschuldete Umschreibung für Langeweile bedeuten. Im Falle von Lost Where I Belong hingegen röhrt Triana nicht darauf los, macht Emotionen nicht an der Lautstärke fest, erlaubt sich einen intimen, oft traurigen Ausdruck, der seine Wirkung nicht verfehlt. Und das Gefühl in den Fingerspitzen Greens ist ohnehin nie plakativ, trotz der angeborenen Verspieltheit seines Sounds bleibt eine klare Struktur erkennbar, wird der Hörer nicht mit nach Aufmerksamkeit heischenden Beats und Samples bombadiert. Man muss nun wahrlich kein Dichterfürst sein, um sich auf diese Zutaten einen Reim machen zu können. Das Resultat der Zusammenarbeit gebiert eine überzeugende Scheibe, die nie ins Ohr krakeelt, aber auch nicht zu einer Beiläufigkeit verkommt.

Bereits Draw The Stars schäumt und sprudelt vor Intensität. Und führt auch ein neues Instrument in meine Wahrnehmung ein. Was für mich nach einem stinknormalen Xylophon klingt, ist eine Marimba. Die lebendige Percussion umtänzelt Trianas souliges Timbre, ein sehnsüchtiges, nachtschwärmerisches Lied entsteht. Jene Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk, das auch von Sorgen gebeutelt scheint. A Town Called Obsolete schlackert mit einem weniger dezenten Beat,  durch die fülligere Orchestrierung im Refrain bleibt es besonders im Gedächtnis haften. Die zauberhafte Verflüsterung, der sich Andreya Triana auf Daydreamers bemächtigt, wirkt trotz Schwermut federweich. Und selbst wenn Latin-Flair auf Something In The Silence Einzug hält, schmiegt sich kein Frohsinn hinzu. Als weiteres Highlight mag Far Closer dienen, das sich lasziv auf Beats und Streichern räkelt, im Chorus dann nicht zuletzt dank eines Backgroundchors pfiffig anschwillt. Hier lockert sich auch Trianas bisweilen fast zu dick aufgetragenes Understatement auf, schaltet die Dame einen Gang hoch.

Ein derart atmosphärisch kompaktes, mit Stil umgesetztes Album, das konsequent nie auf Effekte schielt, läuft leider auch Gefahr allzu unauffällig zu tönen. Dies jedoch passiert zu selten, um Andreya Triana oder Bonobo daraus einen Strick zu drehen. Lost Where I Belong verlangt vom Hörer gewiss ein mehrmaliges Hörerlebnis ab, ehe man in den Sound eintauchen mag. Und genau dieser Umstand dürfte nur moderate Verkäufe bescheren. Als souliges Versprechen für die Zukunft wird die Sängerin jedoch unzweifelhaft an Reputation gewinnen.

Lost Where I Belong erscheint am 27. August auf Ninja Tune.

Konzerttermine:

08.09.2010 Berlin – Festsaal Kreuzberg
24.09.2010 Berlin – Astra Kulturhaus (Ninja Tune XX)

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SomeVapourTrails

Chimäre aus Folk und R&B – Frazey Ford

Ich halte mich ja nicht eben für Sherlock Holmes. Aber wenn die Sängerin von The Be Good Tanyas ihr Solo-Debüt ankündigt, dann erwarte ich mir doch gediegenen Folk oder etwas, das gemeinhin als Alternative Country firmiert. Aber Frazey Ford macht meiner Kombinationsgabe einen Strich durch die Rechnung. Das Album Obadiah entpuppt sich als souliges Album, welches durchaus starke folkige Anwandlungen aufweist, aber eben doch anders als vom Kenner vermutet klingt. Damit wir alle auf der gleichen Wellenlänge segeln, sei gleich eingangs vermerkt, dass ich bei Soul-Musik und ihren zahlreichen Unterkategorien und Nebenschauplätzen gerne mal ob einer Überdosis Gefühl dahinsieche. Doch Frazey Ford unterlegt das Werk mit einem ungezwungenen Vibe voll sanfter Grooves, passend zu einem Vortrag, der lieber konsequent Geschichten erzählt, Gefühle aufarbeitet, nicht herumkrakeelt und auch keine große Emotionen mit zuviel Nachdruck an Mann wie Frau zu bringen sucht.

Einer der Songs, die bereits beim ersten Hördurchlauf ins Ohr hüpfen, ist Goin‘ Over. Dass es sich hierbei um ein Lied aus dem angestammten Metier Fords handelt, liegt wohl auch an der Erwartungshaltung, mit der ich die Platte in Empfang nahm. Unscheinbar reckt sich diese folkige Abschiedsballade empor, gestützt von Gitarre und Percussion. Schlicht und ergreifend ein Kleinod, das Kleinod sein will und diesen Vorsatz auch einlöst. Lay Down With You steht für die soulige Note, bei der die Stimme schon mal resolut die Arme in die Hüften stemmt und sich unzufrieden fragt, was Glück eigentlich ist. Noch mehr kommt die Sache bei Blue Streak Mama ins Rollen, welches der Pressetext als süß und rauchig wie schwarze Melasse einstuft und damit das R&B-Flair des Lieds gut charakterisiert. Als absolutes Glanzlicht jedoch entpuppt sich Gospel Song, dessen Erhabenheit und Erbaulichkeit zu einem musikalischen Erweckungserlebnis erwächst. Da will man laut Halleluja schreien.

Frazey Ford – I Like You Better by nettwerkmusicgroup

Frazey Ford – The Gospel Song by nettwerkmusicgroup

Aber auch die wiederholte Beschäftigung mit Obadiah lohnt, weil sie Songs birgt, die erst nach mehreren Anläufen in die Gehörgänge übergehen. So etwa Firecracker, das als Opener anfangs eine Irritation bedeutet, wenn man zunächst einer Fortführung der Tradition von The Be Good Tanyas harrt. Die nähere Betrachtung stuft den Track als radiokompatibel ein – und meint dies als Lob. Wie Banjo und Hammond-Orgel hier diese Chimäre aus Folk und R&B unterfüttern, Fords Vortrag besticht, das überrascht wie es in der Folge auch begeistert. Nicht minder soulschwanger erfreut I Like You Better, bei dem man Frau Fords bisheriges Schaffen endgültig aus dem Gedächtnis streicht.
Frazey Ford – Firecracker (Live at Lilith Fair 2010)

Frazey Ford | MySpace Musikvideos

Obadiah entzieht sich einer eindeutigen Genre-Kategorisierung, scharwenzelt nicht um eine klar definierte Zielgruppe herum, bietet lieber Überraschungsmomente. Mag der Sound auch stellenweise zu entspannt sein, um im großen Stile zu zünden, so darf doch konstatiert werden, dass Frazey Ford mit dieser Platte eines der spannendsten Singer-Songwriter-Werke des Jahres auf die Beine gestellt hat. Da wird sogar der Soul-Muffel in mir besänftigt.

Obadiah ist am 16.07. auf Nettwerk erschienen.

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Gott Retro und ne beschwingte Opfergabe – Dublex Inc.

Die Geschichte des Souls ist eine voller Missverständnisse. Inbrüstiges, ohrenbetäubendes Gehopse über mehrere Oktaven, wie man es heutzutage von weiblichen Interpretin immer wieder hört, ist lediglich eine – zugegeben nervtötende – Spielart unter vielen. Wenn freilich vier Stuttgarter Produzenten & DJs ihr neuestes Werk als Soul-Album tituliert wissen wollen, dann schrillen bei mir doch die Alarmglocken und mein Riechkolben schnuppert im Geiste bereits den miefigen Trash-Faktor. Doch Fehlalarm! Dublex Inc. nennt sich die Formation, Phoenix das Album und das Ergebnis ist eine ansehnliche, kurzweilige, gut zusammengeschnipselte Mischung gefälliger Clubsounds, die dem Gott Retro ein federleichtes Easy-Listening-Album als Opfergabe spendieren.

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Felix Stecher, Florian Pflüger, Rino Spadavecchia und Robin Hofmann haben mit dieser Scheibe kein innovatives Meisterwerk verbrochen, vielmehr Wohlfühlklänge auf 12 Lieder gepfercht, die sattsam bekannte Lounge-Musik-Sampler an Klasse übertreffen und als stilsicheres Kleinod das Ambiente schicker Bars gewaltig aufpeppen können.  Auf dem Album werden Barry-White-Gedächtnisklänge gelungen in Szene gesetzt und Erinnerungen an die gute alte Zeit geboten, als Fernsehserien wie Hawaii Fünf-Null noch schmissige Erkennungsmelodien hatten.

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Für nahezu jeden Track holte man sich Sänger und Sängerinnen aus aller Herren und Frauen Länder, die man laut Presse-Mitteilung meist via MySpace rekrutierte. Eine Strategie, die Früchte trug und der Scheibe hörbar eine Vielfalt einhaucht.  Ein Highlight der CD ist das mit schön zackigem Rhythmus und der in der Tat prickelnd souligen Stimme Ashley Slaters vorgetragene The Game. Eine angenehm unschrille Stimme prägt auch das weniger retrolastige It Takes Time, das nie überkandidelt klingt und mit nobler Reduktion aufwartet. Bridgette Amofah glänzt hier wirklich. Rock Star ist die bereits von mir angedeutete Reverenz an die Hochblüte schwungvoller Soundtracks und gut abgekupfert. Und wenn bei Unfold Herr Spoonface seinen Bass durch den Äther brummt, knistern die Schlüpfer wie von allein gen Schlafzimmerbärenfell.

Dublex Inc. schaffen das Kunststück, dass Phoenix nicht überproduziert oder aalglatt durch die Boxen wabbert. Die Scheibe ist kein großer Wurf, aber eine Punktlandung, die zielsicher den Besucher relaxter Clubs avisiert und Althergebrachtes entmottet, ohne dabei völlig ideenlos zu wirken. Das erfreut nicht nur den Retro-Gott, nein, auch mich.

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