Schlaglicht 66: The Magnetic Fields

Es gibt wohl selten jene Einhelligkeit der Meinungen, wie man sie von der Musikkritik zu den 69 Love Songs vernommen hat. Dieses drei CDs umfassende Werk aus dem Jahre 1999 ist das Opus magnum von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt zählt fraglos zu markanten Köpfe der amerikanischen Indie-Szene, verkörpert all das, was in den USA dieser Tage unter Beschuss steht, nämlich das großstädtisch-liberale Milieu. Merritts trockener Humor, der den lakonischen Intellektuellen verrät, scheint fast aus der Zeit gefallen. Er will so gar nicht zum reaktionären Eifer der Gegenwart passen, hat auch nichts mit der dauerposenden Ironie der Hipster gemein. Kurzum, Merritt ist eine interessante Erscheinung, selbst wenn nicht jedes seiner Alben an die absolut famosen 69 Love Songs heranreicht. 2017 strebt er mit den The Magnetic Fields allerdings wieder ein Meisterwerk an. 50 Song Memoir ist ein 5 CDs beinhaltendes Boxset, dass auf 50 Liedern Merritts 50 Lebensjahre Revue passieren lässt. Laut Pressetext sind die nicht-fiktionalen Texte eine Mischung aus Autobiographie, festgemacht an 3 B’s (Bedbugs, Buddhism, Buggery), und Dokumentation, repräsentiert durch 3 H’s (Hippies, Hollywood, Hyperacusis). Der werte Merritt begann mit dem Aufnahmen zu diesem Werk am 09.02.2015, seinem fünfzigsten Geburtstag. Die dieser Tage nun veröffentlichten ersten Kostproben zeigen den Künstler in Bestform. All das, was seit über 25 Jahren bereits sein Songwriting auszeichnet, sticht auch hier ins Auge. So beschreibt das verdammt eingängige ’93 Me and Fred and Dave and Ted die wilde Zeit als Endzwanziger in einer nicht eben alltäglichen WG.Read more: Schlaglicht 66: The Magnetic Fields

Release Gestöber 10 (4 Alben, 3 Kontinente, 1 Wermutstropfen)

Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen: Holzauge, sei wachsam! Wer stets auf der Pirsch nach neuen Wohlklängen ist und verwundert die Feldstechergläser putzt, weil stets die üblichen Verdächtigen allerorts ins Sichtfeld hüpfen, der sollte folgende Möglichkeiten in Betracht ziehen. Vielleicht liegt es an dem kräftigen Röhren des Platzhirschen oder dem unwiderstehlichen, koketten Auftreten der Hirschkuh, dass selbige in den Mittelpunkt der Berichterstattung rücken. Oder man schnaubt sich einen penetranten Gestank aus der Nase, den umtriebigen Promo-Firmen hinterlassen, wenn sie jedweden Strauch und Baum fröhlich duftmarkend quer durch die Pampa hampeln. Nicht zuletzt darf man auch den Jäger nicht voreilig der Unschuldvermutung zuführen. Wer mit Scheuklappen auf ausgetretenen Pfaden durch den Wald irrt, liebäugelt nur mit der Vegetation entlang des Weges, hat für die Tiefen des Unterholzes wenig übrig. Einmal mehr versuchen wir, uns durch das Gestrüpp des Musikdschungels zu pfadfindern. Nur gut, dass uns ein paar Förster aus der Ferne bereits zuwinken…

Ruhepulstipp:

Amor de Días – Late Mornings from Merge Records on Vimeo.

Manch Liedchen darf in ruhigen Gewässern vor sich hin schippern. Genau dies tun die Stücke des Albums Street of the Love of Days. Alasdair MacLean, Frontmann der nicht unbekannten The Clientele, and Lupe Núñez-Fernández, Sängerin des Indie-Pop-Duos Pipas, haben sich zu dem Projekt Amor de Días zusammengefunden und führen uns mit schlafliedlicher Zartheit in Verführung. Speziell die von Núñez-Fernández intonierten Lieder sind pastellfarben gesäuselte Schönheiten. Die Platte puzzelt sich aus Folk, kammerlichen Pop und gar Bossa Nova zusammen, bleibt in ihrer Unaufgeregtheit schlicht, nahe am Ruhepuls und oft betörend. Als Highlights stechen beispielsweise Dream (Dead Hands) oder Bunhill Fields hervor. (Interview und kostenlose Mp3 von Bunhill Fields im Magnet Magazine, Album-Stream auf Merge Records.)

Amor de Dí­as – Wild Winter Trees from Merge Records on Vimeo.

Street of the Love of Days ist am 17.05.11 auf Merge Records erschienen.

Raritätentipp:

The Magnetic Fields – der Name lässt den eingefleischten Musikliebhaber vor Begehren erröten. Wieviele Famositäten hat Mastermind Stephin Merritt in den Neunzigern doch auf CD gezaubert, von dem Meisterwerk 69 Love Songs ganz zu schweigen. Danach war sein Schaffen weniger konsistent, wenngleich Realism (2010) alten Magnetfeld-Glanz widerspiegelte. Es macht also im vorliegenden Fall speziell Sinn, Unveröffentlichtes und Raritäten aus den Neunzigern auszugraben und unter dem Titel Obscurities zu veröffentlichen. Ob auf Solopfaden, mit dem Nebenprojekt The 6ths oder unter The Magnetic Fields agierend, Merritts Facettenreichtum sticht ins Auge. Zugleich lässt sich nicht verleugnen, weshalb einige Tracks bislang hinter dem Schleier des Nebulösen ihr Dasein fristeten. Sie taugen nicht einmal als Fußnote in seinem Schaffen. Die andere liedliche Hälfte freilich entschädigt, würde jedoch als Bonus-CD eine Werkschau des Meisters besser abrunden denn als eigenständige Veröffentlichung. Ehe dies nun im Gegenteil einer Empfehlung mündet, will ich mein großes Wohlwollen gegenüber Songs wie Forever and a Day (Gratis-Mp3), The Song from Venus oder auch Take Ecstasy with Me ausdrücken. (Album-Stream auf Paste Magazine)

Obscurities erscheint am 23.08.11 auf Merge Records.

Geografentipp:

Wäre man vor 20 Jahren einfach so über eine Shoegaze-Band aus Indonesien gestolpert? Nein. Da lobe ich mir die Globalisierung, zumindest in musikalischer Hinsicht. Schon der Band My Violainé Morning wegen lohnt es sich, auf dem Atlas die indonesische Stadt Bandung auszukundschaften. Da liegt doch der eine oder andere Kilometer zwischen diesem Land und dem guten alten Europa. Musikalisch freilich klingt die Formation so, als hätte sie ihren Proberaum irgendwo in britischen Gefilden aufgeschlagen. Ein größeres Kompliment könnte ich der Band nun wirklich nicht machen. Das demnächst erscheinende Album The Next Episode of This World (VÖ: 14.09.11 auf Happy Prince Records) hab ich mir nicht ohne Ausrufezeichen auf meinen Merkzettel gekritzelt. Besonders wegen des superben Tracks Light Inside. Einfach kostenlos herunterladen und sich daran erfreuen. (gefunden bei Coast Is Clear)


Newcomertipp:

Gibt es für Musiker einen Himmel auf Erden? Zumindest paradiesische Freuden können erlangt werden, wenn man sich in die Fänge eines hervorragenden Labels verirrt. Dies Glück widerfuhr dem aus Brooklyn stammenden Duo Exitmusic. Aleksa Palladino und Devon Church veröffentlichen demnächst ihre EP From Silence auf Secretly Canadian, einem Hort begnadeter Musiker. Der erste, kostenlose Appetithappen The Sea löst die durch den Namen der Plattenfirma geschürte Erwartungshaltung auch ohne Umschweife ein. Ein verwunschen gesponnenes, atemberaubend intensiv berätseltes Kleinod! Mein Wermutstopfen: Wie konnten mir diese Lichtgestalten entgehen, obwohl ich Secretly Canadian eigentlich mit gnadenlosem Blick observiere? Zum Glück hat Peter von den Schallgrenzen das gemacht, was ich zu selten mache, nämlich den richtigen Blog gelesen, und ist bei Coast Is Clear über diese zukunftsträchtige Formation gestolpert.

„The Sea“ by Exitmusic by DOJAGSC

From Silence erscheint am 04.10.11 auf Secretly Canadian.

SomeVapourTrails

Meister der Zeitlosigkeit – The Magnetic Fields

Stephin Merritt ist ein absoluter Meister cleversten Songwritings, dass sich Trends verweigert, stets tüftelt und experimentiert, stets einen doppelten Boden im Köcher hat. Man sollte sich nie von der Gefälligkeit seiner Lieder täuschen lassen, denn so lieblich wie begnadet arrangiert und mit einem Lo-Fi-Mäntelchen behübscht selbige auch zu bestechen wissen, so lauern bei intensiverer Erhörung der Alben doch jede Menge Spitzen, die unaufdringlich und doch sehr sophisticated die musikalischen Miniaturen so richtig aufpolieren.

Vor 10 Jahren vermochte Merritt als Mastermind von The Magnetic Fields sein Opus Magnum, die 69 Love Songs, abzuliefern. Und eben das Wissen um diesen ganz großen Wurf lastete wie schweres Gepäck auf seinen Schultern und machte die musikalische Reise in der letzten Dekade mitunter beschwerlich. Mit dem soeben erschienenen Album Realism setzt Merritt letztlich nicht vollständig überzeugenden Verzerrungsmätzchen ein Ende und knüpft beherzt an frühere Tage an.

Diese Rückbesinnung ist weniger das Eingeständnis eines Scheiterns, vielmehr weht die Erkenntnis der eigenen Stärken durch die gesamte Platte. Wenn Streicher und Banjo das zauberhafte You Must Be Out of Your Mind mit pittoreskem Charme verbrämen, scharren zugleich auf der textlichen Ebene die Hufe. Zeilen wie „I want you crawling back to me, down on your knees, yeah, like an appendectomy, sans anaesthesia“ konterkarieren die liebreizende Melodie. Hier wird eine Stärke Merritts einmal mehr offenbar, wenn er des Hörers Ohr mit schönen Harmonien umgarnt und dabei in unterkühltem Vortrag lyrische Messer wetzt. Auch Walk A Lonely Road umhüllt der Zauber einer herrlich altmodischen Zeitlosigkeit, ein Lied gleich einer verwaschenen, entrückten Erinnerung, in der sich die weibliche Stimme glasklar und sirenenhaft in die Nostalgie der Musik bettet. Das von einer gestelzt-verspielten Aura umgebene The Dolls‘ Tea Party wirkt wie 150 Jahre altes Gesellschaftstänzchen, ehe die Lyrics abermals den Eindruck brechen. Oder nehmen wir I Don’t Know What To Say als Referenz an den sanften Pop der 60er-Jahre, wo man stets erwartet, dass Dusty Springfield ins Mikro trällert. Nahezu jeder der 13 Songs hat seine Eigenheiten, berückt mit spleeniger, gefinkelter Attitüde.

Mit Realism gemahnen The Magnetic Fields an die Wonnen der 69 Love Songs. Merritts  Liederschmiedekunst gerät noch immer ungewöhnlich wie einnehmend, eine Liga für sich eben, deren Finesse sich in der Wahl der Instrumente, nie überladenen Arrangements, dem Händchen für zeitlos eingängige Melodien und feinster Reimkunst äußert. Ein weiteres Höhepunkt des an musikalischen Höhepunkten bereits reichen Jahres 2010.

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