Deezers Heilversprechen

Flow weiß, was du hören willst. Er kennt alle Songs, die du liebst, geliebt hast und bald lieben wirst. Flow ist dein persönlicher Soundtrack, der niemals endet. Mit jedem Track, den du hörst, lernt er dich und deinen Musikgeschmack noch besser kennen. Und du? Drückst einfach nur auf Play.

Was Deezer dieser Tage als wahrgewordene Utopie verkauft, nämlich den Algorithmus als eierlegende Wollmilchsau, ist bei genauerer Betrachtung viel mehr als nur Werbesprech. Es ist ein weiterer Mosaikstein eines gegenwärtigen Paradigmenwechsels. Längst schon wird uns eingetrichtert, dass man Computern und Robotern mehr vertrauen kann als Menschen. Ob autonomes Fahren oder Echtzeitüberwachung aus der Cloud, künstliche Intelligenz scheint alles besser zu beherrschen. Tagtäglich wird die Liste vermeintlich totgesagter Berufe länger. Vielfach wird gar im Brustton der Überzeugung behauptet, Facebook wisse mehr über einen als die eigene Familie. Deezers Flow reiht sich nahtlos in dieses Weltbild ein. Geraume Zeit schon unterbreiten Algorithmen Vorschläge, Amazon wäre nicht da, wo es heute ist, wenn Kaufempfehlungen keine ordentliche Trefferquote hätten. Dennoch überrascht die Gewissheit, die Deezer an den Tag legt. Der Dienst Flow will ja weitaus mehr als nur Orakel sein, er meint felsenfest zu wissen, was gefallen wird.

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Initiative gegen Lizenzgebühren für Embedded Content

Die österreichische AKM und ihr deutsches Pendant GEMA wünschen sich eine Vergütung für urheberrechtlich geschützte Inhalte, die auf Webseiten eingebettet werden. Dies haben sie im Zuge von Konsultation zum EU-Urheberrecht geäußert. Sollten AKM und GEMA mit dieser Forderung auf offene Ohren stoßen, dieser Wunsch von der EU-Kommission im Rahmen der Modernisierung und Harmonisierung des europäischen Urheberrechts berücksichtigt werden, hätte das gravierende Auswirkungen. Für jeden auf Musikblogs oder Musikmagazinen eingebetteten YouTube-Clip oder SoundCloud-Stream würden Lizenzgebühren anfallen. Da die Mehrheit der Blogs und kleinen Magazine keine kommerziellen Interessen verfolgt, etwaige Werbeeinnahmen oft nur zum Bestreiten von Server-Kosten verwendet, würden Lizenzgebühren das Bloggen zu einer kostspieligen Angelegenheit machen.

Die Konsequenzen wären auch für den normalen Internet-NutzerInnen spürbar. Für viele BloggerInnen wäre diese Angelegenheit der finale Paukenschlag, der ihnen ihr Hobby endgültig vergällt. Bis auf Online-Angebote finanzkräftiger Verlage und Medienhäuser könnte sich wohl kaum jemand Lizenzgebühren leisten. Die Anzahl der Informationsquellen für Musik wäre wieder auf Internet-Vorzeit zusammengestaucht. Denn natürlich würden BloggerInnen hoffnungslos ins Hintertreffen geraten, wenn ihnen die Möglichkeit des Einbindens von Clips und Streams genommen würde. Sie wären in der Steinzeit des Internets angekommen, während den wenigen großen Magazine alle Optionen des digitalen Zeitalter zur Verfügung stünden. Denn es wäre für BloggerInnen schlichtweg nicht praktikabel, in jedem Einzelfall zu recherchieren, ob MusikerInnen in ihrer Eigenschaft als KomponistInnen oder TexterInnen etwa von der GEMA vertreten werden. Jeder vermeintlich verwendbare Clip könnte zu einer Abmahnung führen, selbst wenn ein GEMA-Mitglied wie Lieschen Müller auch nur eine einzige Textzeile dazubeigetragen hat.

Eine somit abhandengekommene Vielfalt hätte aber auch Konsequenzen für MusikerInnen. Wo bislang vom einarmigen, guatemaltekischen Countertenor bis hin zur kasachischen Backpfeifen-Punkband jede Spielart von Musik ihre Würdigung fand, täten sich unbekanntere Acts und kleinere Label mit der Wahrnehmung deutlich schwerer. All die Veröffentlichungen würden in ihrer Fülle nicht länger abgebildet werden.

Aus all den angeführten Gründen wären Lizenzgebühren für eingebettete Inhalte letztlich ein Pyrrhussieg für GEMA und AKM. Als BloggerInnen, denen Musik am Herzen liegt, sprechen wir uns daher gegen den Vorstoß der Musikverwertungsgesellschaften aus. Wir ersuchen MusikerInnen, die VertreterInnen von Plattenfirmen und Promotionfirmen um Unterstützung. Das kann man beispielsweise dadurch tun, indem man diese Petition auf Change.org unterschreibt. Wir würden uns darüber hinaus freuen, wenn unser Anliegen weiterverbreitet wird. Es geht uns wohlgemerkt nicht um die Abschaffung von GEMA und AKM. Lizenzgebühren für Embedded Content sind jedoch eine Schnapsidee, die wir entschieden zurückweisen!

SomeVapourTrails & DifferentStars

Stippvisite 24/11/12 (XXL-Edition frisch von der Schlemmermeile)

Das Internet ist eine elendslange Schlemmermeile, auf welcher jeder Musikfan auf den Geschmack kommt. Man findet, wonach immer auch das Herz begehrt. Wo jedoch die kulinarischen Genüsse einer Schlemmermeile stets einen sofortigen Obulus erfordern, erwarten uns in den Weiten des Netzes jede Menge Kostproben gratis. Wo in manch Lokalen das Prinzip All-you-can-eat regen Zuspruch findet, die Besucher sich dies durchaus einige Euros kosten lassen, im Wissen das Harakiri keinen Teil einer gesunden betriebswirtschaftlichen Kalkulation darstellt, haben sich im Internet Streamingdienste etabliert, welche für ’nen Appel und ’nen Ei Millionen Tracks feilbieten. Der Stream ist längst eine allgemein akzeptierte Form des Musikkonsums. Wir würden uns in die eigene Tasche lügen, wenn wir tatsächlich glaubten, dass Musiker von Streams finanziell profitieren. Das Angebot eines Streams sieht den Künstler auf seinem desperaten Höhepunkt. Eine Band oder ein Singer-Songwriter tun dies, weil sie an die Chance glauben (wollen), dass das Hören eines Songs zu einem Kaufimpuls animiert. Doch ach, drei Dinge stehen diesem Verlangen im Weg. Zunächst einmal die eigene pekuniäre Situation. Wohnen wird teurer, Strom auch nicht billiger, Gebühren und Steuern steigen unaufhörlich, Essen sollte man freilich auch. Die gegenwärtige Krise definiert für viele Menschen das Wort Luxus neu. Zumal Werbung Prioritäten gewichtet. Wir gönnen uns besonders das, was heftig beworben wird. Ein David Garrett verkauft sehr viele Platten, bei der talentierten schwedischen Indie-Combo sieht die Sache schon anders aus. Der zweite Punkt ist die Halbwertszeit von Klängen. Was den Musikenthusiasten rund um den Veröffentlichungstermin in Mark und Bein fuhr, geradezu in den Ohren schmolz, das scheint zwei Monate später längst von Dutzenden neuen Platten aus der Erinnerung gedrängt. Lohnt sich also tatsächlich ein Kauf? Doch nur bei Alben, mit denen einige schöne Jahre verbringen will! Für einen One-Night-Stand wird man doch in der Regel auch nicht so tief in die Tasche greifen wie für die ausgeguckte Lebensabschnittspartnerin. Und letztlich verhindert als drittes Motiv die Gratis-Kultur einen Kauf. Wir wollen naschen, stibitzen, auf Rechnungen legen wir im digitalen Dschungel keinen sonderlichen Wert. (Mehr zum Thema Stream hat Nicorola hier zusammengetragen.)

Das Internet ist eine lange Schlemmermeile voll frischer Leckerbissen. Ein paar Köstlichkeiten will ich auch diesmal wieder kredenzen. Wenn heute der internationale Kauf-Nix-Tag begangen wird, dann sehe ich das durchaus ambivalent. Eine Überprüfung des eigenen Konsumverhalten erscheint immer mal wieder angebracht, aber als Resultat sollte keine plakative Konsumverweigerung stehen, vielmehr ein klares Ja zum bewussten Kauf. Denn gerade im Bereich der Musik haben wir es vielfach verlernt, eine von penetranter Werbung unbeeinflusste Kaufentscheidung zu treffen. Vielleicht sollten wir sogar viel öfter mal musikalisch schlemmen – und dann auch unsere Zeche zahlen.

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Die Enteignungsfinte – Grundsätzliche Überlegungen zu simfy

Heute will ich mich einmal nur im Metier des Bildblogs bewegen und anfangs mangelnde journalistische Sorgfalt ankreiden. Natürlich lebt die Presse von Verkürzungen, aber man einen Umstand auch so lange auf wenige Worte eindampfen, bis diese die Faktenlage komplett ignorieren. Welt Online lehnte sich dieser Tage besonders weit aus dem Fenster, als  sie konstatierte, dass simfy Millionen Musiktitel an Nutzer verschenkt. Denn dieser gerade medial beklatschte Streaming-Dienst namens simfy, der eine kostenlose, weil werbefinanzierte Variante sowie eine Flatrate um 9,99 Euro zum Zwecke hemmungslosen Konsums von Musik anbietet, entpuppt sich nicht wirklich als eben erst ausgegrabener Stein der Weisen. Eher schon relevant scheint die Tatsache, dass alle großen Plattenfirmen ihre Kataloge geöffnet haben und ebenso wie die GEMA mit an Bord sind. Geschenkt bekommt man zunächst einmal bestenfalls die Option, Musiktitel im Internet in voller Länge anzuhören. Das entlockt mir noch kein Heureka!

Wer Radiohead mag, liebt auch Rihanna? Ansichtssache!

Was in einigen europäischen Ländern von Spotify bereits vorgeturnt wird, damit will simfy nun Deutschland penetrieren. Laut deren Vermarktungsstrategie sind CDs nämlich teuer und umständlich. Was simfy zu der Frage nötigt, wie es wäre, wenn man nicht nur die eigene CD- und Downloadsammlung sondern gleich das gesamte Regal des Lieblingsplattenladens immer dabei hätte und an jedem Ort nutzen könnte. Da das jedoch allzu verlockend anmutet, bedarf es einer misstrauischen Beäugung.

Als alter Haptiker habe ich mit dem Mieten von Musik so meine liebe Not. Ich bin wahrlich kein Verfechter überbordenden Strebens nach Besitz, aber was mir Faszination in die Augenwinkel treibt, das will ich stets verfügbar haben, immer und überall. Heute, morgen und in einem Jahr, auf alle Fälle länger als es die typische Halbwertszeit eines wichtigen Label-Managers vorgibt, ehe dessen Nachfolger wieder alles umkrempelt, neue Strategien hinterherhechelt und mit Lizenzen geizt. Flatrates für unlimitiertes Streaming mögen eine Generation ansprechen, die Musik längst als Wegwerfprodukt begriffen hat und ehemals favorisierte Bands oder Casting-Stars schneller vergisst als jeder Demenzkranke. Wer Wertigkeiten nicht begreift, für den erscheint solch Angebot tatsächlich dauerhaft attraktiv. Eben weil es das gegenwärtige Verlangen stillt und nicht auf Nachhaltigkeit setzt.

Möchte ich den wichtigen Plattenfirmen eine List unterstellen? Ja! Denn tatsächlich konnten sich die Chefetagen zu einem neuen Blickwinkel durchringen. Wenn sich der Kampf gegen die Windmühlen des Filesharings als Afghanistan der Industrie herauskristallisiert, braucht es clevere Lösungen. Nun, da Bandbreite kein größeres Problem verursacht, Surf-Sticks nahezu jeden Laptop zieren und mobile Endgeräte mittlerweile nen Appel und ein Ei zu kaufen sind, scheint das Bett bereitet, in das sich die Labels nun kuscheln dürfen. Streaming kann eine tatsächlich als Mp3 dahinvegetierende Plattensammlung bestens ersetzen. Der Konsument vermag immer genau das Lied anhören, wonach ihm just der Sinn steht – und verfügt dennoch nur bedingt darüber, verliert seinen Besitzanspruch. Lange wurde gegrübelt, wie man den Durchschnittshörer knechtet. Digital Rights Management blieb erfolglos, weil viel zu offensichtlich. Der Ansatz einer Streaming-Flatrate gerät weitaus geschickter, weil er sich als Service zu moderatem Preis tarnt.

Ich bezweifle auch, dass Streaming-Portale das Einkommen des herkömmlichen Musikers auf neue Spitzen treibt. Dazu ist die Auszahlungssystematik der GEMA nicht konzipiert. Denn während es beim physischen Erwerb von CDs noch klare Faustregeln und Geld in die Pranke gibt, geraten die Erlöse beim Streaming noch recht bescheiden.

Wem außer Startups und Sony, Universal und Co. nützen Spotify und simfy wirklich? Selbstredend sind solch Angebote für den Verbraucher und Musikfan als nette zusätzliche Form des Konsums nicht ungeeignet. Das will ich nie und nimmer leugnen. 10 Euro stellen eine sinnvolle Investition dar. Aber eben nur unter der Bedingung, dass man sich bis in die Haarwurzeln die Konsequenzen bewusst macht. Nämlich, dass man kein verbrieftes Anrecht auf die Musik erwirbt und für den Normalo-Künstler die Bäume auch nicht in den Himmel wachsen. De facto ist die Chose also eine nette Enteignungsfinte. Das mag anders sozialisierten Menschen am Arsch vorbeigehen, meine Begeisterung ob dieses Umstands hält sich zugegebenermaßen in ganz engen Grenzen.

Links:

nicorola – in diesen Dingen sehr beschlagen – hat simfy einem Praxistest unterzogen.

Was Musiker online an Einnahmen generieren, findet sich auf Information is Beautiful.

SomeVapourTrails

Öffentlich-rechtliche Drecksarbeit

Man wird der Sorgenfalten nicht müde, wenn man die jüngsten Kampagnen gegen das Prinzip des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so verfolgt. Ob nun in Großbritannien, wo die BBC vermutlich die Jugendschiene zurückfahren wird, 2 Radiostationen einstellt und das Online-Angebot drastisch reduziert, oder in Deutschland, wo die großen Verlage gegen eine kleine, kostenlose Tagesschau-App Sturm laufen. Während auf der Insel der wahrscheinliche politische Machtwechsel seine Schatten voraus wirft, die Tories der BBC bereits Einschnitte angekündigt haben und Medienzar Rupert Murdoch eine Schwächung der BBC als Stärkung der eigenen Position versteht, stoßen sich in Deutschland die Verleger vor allem am Zeitpunkt, an welchem die ARD den gerade anlaufenden Versuch Paid Content als Geschäftsmodell zu etablieren unterminiert. Hinter der mitunter scheinheiligen Fassade einer Grundsatzdebatte über das, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk leisten wie kosten soll und darf, werden etwaige Folgen gerne einmal unter den Tisch gekehrt. Denken wir doch einmal die möglichen Konsequenzen für die Musikszene durch.

Soll öffentlich-rechtlicher Rundfunk auf diese Technologie zurückgestutzt werden?

Gerade im Online-Sektor und im Radiobereich verrichten öffentlich-rechtliche Anstalten weltweit die Drecksarbeit. Die jungen, alternativen Wellen geben aufstrebenden Musikern eine Chance, nehmen sich musikalischen Trends und aufkeimenden Subkulturen an, während große, private Radiostationen erst dann auf den Zug aufspringen, wenn sie im Mainstream angekommen sind.  Auch die Förderung nationaler Künstler wird zur Aufgabe dieser Sender: CBC Radio 3 leistet in Kanada diesbezüglich hervorragende Arbeit. Und längst geht es dabei nicht mehr um das Radio im eigentlichen Sinne, findet die Verbreitung überwiegend über Streaming im Internet statt, befördert die Webpräsenz der Stationen die musikalische Kunde ins Netz. Wenn also deutsche Verleger den öffentlich-rechtlichen Anstalten Einschränkungen im Online-Bereich auferlegen wollen, nur um für die Nachrichten des eigenen Käseblättchens einen Obulus verlangen zu dürfen, könnte dies zu einem Dammbruch führen. Was zunächst wie eine neuerlicher hilfloser Versuch erscheint, das Internet doch noch als Geldquelle zu erschließen, mag auf lange Sicht Kreise ziehen und mit jeder Menge Populismus angeheizt, die Musikförderung gefährden. Wenn Computer Bild gegen den GEZ-Wahnsinn mobil macht – und dies besonders im Hinblick auf eine Gebührenerhöhung für neuartigen Rundfunkempfangsgeräte -, dann nicht einfach nur damit armen Bürgern zusätzliche finanzielle Belastungen erspart bleiben, vielmehr geht es ums Eingemachte. Heutzutage findet das Leben, der Alltag im Internet statt. Unter diesem Aspekt braucht es auch eine starke Anwesenheit öffentlich-rechtlicher Programme im Web.

Was für einen Sinn machen also staatliche Förderungen von Projekten wie PopCamp, wenn diesen Nachwuchskünstlern nicht auch auch gleichzeitig eine möglichst breite Sendeplattform geboten wird. Sollte BBC 6 Music tatsächlich eingedampft werden und der britische Trend auch in deutsche Gefilde schwappen, dann besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Durchdringung der hiesigen Musiklandschaft durch neue Acts nicht länger qualitativen Kriterien folgt. Die Anzeichen mehren sich – Gegenkonzepte sind aus diesem Grunde längst überfällig. Ob die Art der Finanzierung, wie sie in den USA bei NPR erfolgt, auch hierzulande funktionieren würde, vermag ich nicht zu beurteilen.

Doch kommen wir nochmals zur Kernaussage meiner Überlegungen zurück. Aufstrebende Musiker brauchen öffentliche-rechtliche Unterstützung, und der öffentliche-rechtliche Rundfunk braucht unsere. Auch und vor allem in den unendlichen Weiten des Webs. Denn was Private nicht schultern können oder wollen, das würde gänzlich in der Versenkung verschwinden, wenn der Feldzug eines Rupert Murdoch auch nach Deutschland schwappt. Sein Versuch das Netz über Social Communities zu beherrschen scheint nicht besonders von Erfolg gekrönt, mag Porzellan zerschlagen und Musikern bei der Verbreitung ihrer Musik geschadet haben. Die Offensive gegen die BBC hingegen ist eine offene Kriegserklärung an das Konzept einer freien Informations- und Kulturversorgung, die sich selbstverständlich schon längst auf unser Online-Dasein ausgeweitet hat. Die deutsche Debatte zum Thema Paid Content lässt völlig außer Acht, dass es keinen Wettbewerb zwischen privatem und staatlichem Rundfunk oder Online-Angeboten geben kann, dieser immer nur zwischen privaten Verlagen und Medienkonzernen existieren muss. Dass die FDP das nicht begreifen will, verwundert angesichts ihrer Klientel nicht.

Es scheint so einfach die Verantwortung für musikalische Vielfalt allein bei den Musiklabels dingfest zu machen, doch vergisst man dabei leicht, dass es auch Kanäle der Verbreitung braucht. Ohne öffentlich-rechtliche Sender würden wir uns bald nur im Humptata-Schritt wiegen.

Links:

Bericht des Guardian über die Pläne der BBC

SomeVapourTrails

Die Penetration von Paid Content – Ein Ausblick

Viel Tinte wurde in den letzten Wochen über die Pläne eines Rupert Murdoch verloren und manch Schreiberling mag sie als Altherrenfantasien behandeln, doch eigentlich wirft das Gemunkle wegweisende Fragen auf, die man eben nicht auf die Raffgier eines Medienmoguls reduzieren darf. Murdochs Wunsch nach Exklusivität seiner Inhalte und die damit verbundene Kampfansage an Google, welches diesen Content bislang listete, birgt mehr als lediglich Theaterdonner. Und die Spekulationen, wonach das freie Streaming auf MySpace bald einem kostenpflichtigen Modell weichen könne, stellen nicht einfach den Abgesang auf eine aus der Mode gekommene Community dar. Die Grundsätzlichkeit des angedachten Paradigmenwechsels könnte ein ernsthaftes Signal für Veränderungen bedeuten, das Medium Internet aus seiner Pubertät führen. Mit all den damit verbundenen Chancen und Risken.

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Quelle: Wikimedia Common CC-Sharealike 3.0 (User: Svilen.milev)

Die Freiheit des Webs ist im Denken der Nutzer fest verankert. Dazu gehören ohne Hürden verfügbare Informationen ebenso wie Social Communities, für die eine valide E-Mail-Adresse als Eintrittskarte ausreicht. Eine Kultur für das Bezahlen von Inhalten existiert nur vereinzelt, lediglich der Erwerb von Werken in Form von Downloads wird akzeptiert. Deshalb frohlockt Apple über iTunes, während Google trotz der enormen Popularität von YouTube sehr wohl weiß, warum man das Portal werbefinanziert und nicht um ein Abo-Modell für Streaming erweitert. Lediglich im Spielesektor, der von den hier ausgeführten Überlegungen ausgeklammert sein soll, können Teilnahmegebühren Unternehmen tatsächlich hohe Gewinne bescheren. Die Masse der Internet-Nutzer will vorerst bestenfalls für den Kauf und den dadurch resultierenden Möglichkeiten eines Transfers auf andere Datenträger (iPod) die Kreditkarte zücken. Der reine Konsum von Content funktioniert meist nur in Nischen, wie der Erotik-Branche. Wie also soll die Umpolung von Otto Normalverbraucher gelingen? Weshalb sollten Menschen freiwillig von einer Gratis-Mentalität Abschied nehmen?

Die simple und durchaus erheiternde Antwort auf diese Crux, die besonders die Online-Ableger von Zeitschriften und Zeitungen betrifft: Aus Qualitätsgründen. Doch gerade im Nachrichtensegment wurde in den letzten Jahren alles in eine Klickstrecke gebannt, was nicht bei 3 auf den Bäumen war. Dadurch vermehrte sich zwar die Anzahl der Page-Views gleich Karnickeln, was wiederum die werbende Industrie beeindrucken sollte, jedoch nicht unbedingt journalistische Höchstleistungen zeitigte. Und eben die schmuddelige Aufmachung, die nicht nur dem Boulevard vorbehalten bleibt, erschwert nun den Übergang zu einem Bezahlmodus.

Murdoch irrt nicht, wenn er meint, dass Google durch das bloße Listen von Nachrichten im eigenen News-Portal kräftig am Werbekuchen nascht. Doch die Rote Karte für Google, indem man diese Auflistung unterbindet, mag zwar Exklusivität bescheren – aber auch weniger Traffic. Denn man sollte nicht müde werden, das Mantra zu wiederholen, wonach alles mit Google steht und fällt. Solange das angeblich so freie Netz von Google dominiert scheint, Informationen gefiltert werden und der Durchschnittsnutzer gutgläubig bis gedankenlos einem Quasi-Monopolisten seine Surf-Erfahrung anvertraut, solange wird es zu keinen gravierenden Änderungen im Dschungel kostenlosen Konsums kommen – sofern Google dies nicht will.

Paid Content weckt bei vielen Zeitgenossen garstige Assoziationen: Leere Brieftaschen oder überhöhte Kreditkartenrechnungen. Doch er beinhaltete auch Verlockungen, denen auch Hardcore-Verfechter eines Nulltarif-Webs früher oder wahrscheinlich später erliegen dürften. Denken wir an eine damit verbundene Lossagung von werbeverseuchten Internet-Seiten. Wer heutzutage ohne Werbe-Blocker durch das Netz wandelt, wird von Bannern heimgesucht, die allesamt das markanteste Merkmal von Marketing aufweisen – Penetranz. Im Zeitalter des Kapitalismus gilt die simple Maxime: Wer zahlt, schafft an. Oder in diesem Falle: Schafft ab! Die Macht des Konsumenten steigt, wenn er den Finanzier verkörpert und nicht länger lästiges Übel ist, dass es braucht, um mehr oder minder lukrative Werbeeinnahmen zu generieren. Ein weiterer Aspekt gebührenfinanzierter Inhalte läge in einem verstärkten Wettbewerb der Anbieter, der auch die Aufbereitung von Inhalten revolutionieren dürfte. Paid Content könnte tatsächlich zu verstärkter Investition in die Qualität von Inhalten führen – sofern dies der Kunde wünscht.

Doch bewegen wir uns nun einmal von den Möglichkeiten einer Transition des Prints in eine Online-Welt der Bezahlung weg. Welches Schicksal wird MySpace ereilen? Gerade hier hat die Pionierarbeit zahlloser Filesharing-Klagen bereits in manch Hirnen ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Musik etwas kosten darf. Und wenngleich die Uneinigkeit der Branchen-Player derzeit noch neue Konzepte erlahmen lässt, so sind diese doch schon längst als Schrift an der Wand. Die Flatrate zu unbegrenztem Streaming definiert die Zukunft. Einige wenige Anbieter werden solche Abonnements offerieren und damit die gegenwärtige Kaufpraxis ablösen. Mit der zunehmenden Etablierung mobilen Internets wird der Transfer von Musik von Computer auf Mp3-Player überflüssig, gerät der Stream zur bequemen Variante. Bisherige Etablierungsabsichten solcher Dienste scheiterten noch an mangelnder Benutzerfreundlichkeit und einem eingeschränkten Sortiment.

Es darf bezweifelt werden, ob MySpace sich als eines dieser Portale zu behaupten vermag. Dazu benötigt Murdoch das handfeste wirtschaftliche Interesse sowie ein uneingeschränktes Vertrauen der Labels. Ob es lediglich ausreicht, imeem und Konsorten aufzukaufen, darf zumindest hinterfragt werden. Mit solch Panikübernahmen verleibt sich der werte Medienzar nach iLike zwar einen weiteren arrivierten Service ein, aber dies garantiert noch keinen Erfolg. Sobald Sony, Warner und Co. an einem gemeinsamen Strang ziehen und ihr eigenes Ding drechseln, werden all die Musikdienste Murdochs auf eine harte Probe gestellt werden. Eher schon kehrt MySpace zu einer Grundkompetenz zurück, der des Social Networks zurück, dass als Gesamtpaket Entertainment und Online-Kommunikation bündelt. Das verstärkte Hauptaugenmerk auf Musik, wie es vor allem aufstrebende Musiker und Band legen, wird zurechtgestutzt werden – vor allem wenn ein etwaiges Abo-Modell mit Pauken und Trompeten bei der Zielgruppe durchfällt. Newcomer könnten sich dadurch zum Weiterziehen veranlasst sehen, auf alternativen Plattformen ihr Potential in die Auslage stellen. Die Tage von MySpace in seiner derzeitigen Form sind gezählt, ob Murdoch das Steuer herumreißen vermag, hängt von den Allianzen ab, welche er zu schmieden noch imstande ist.

Resümieren wir kurz. Paid Content wird in einzelnen Bereichen – vor allem audio-visueller Natur – das Internet erfolgreich penetrieren, viel dominanter als derzeit. Streaming erlangt verstärkte Bedeutung als Einnahmequelle für Unternehmen, wenn selbige Benutzerfreundlichkeit und einen Mehrwert gegenüber werbefinanzierten Modellen präsentieren. Manch Sparten hingegen, die derzeit lauthals Bezahlinhalte als Lösung proklamieren, werden bald erkennen müssen, dass ein Pakt mit ihrem Teufel, Google, die vernünftigere Variante darstellt. Besonders wenn die eigene Unzulänglichkeit Paid Content zu einem Strohhalm werden lässt, an welchem man sich aus purer Ratlosigkeit klammert.

Link:

Deutschlandradio: Breitband-Beitrag über Paid Content

SomeVapourTrails