Schlagwort-Archive: Stuart A. Staples

Der Kloß im Hals – Tindersticks

Über den sonoren Bariton des Herrn Stuart A. Staples könnte ich ewig und drei Tage palavern. Und obwohl zum neuesten Werk bereits wunderbare Worte geschrieben wurden, will ich dennoch die Gelegenheit nutzen, Staples nochmals zu würdigen. Über die letzten Jahrzehnte hat er sich nämlich – getragen von seinen Tindersticks – zum Grandseigneur plüschiger Schwermut gemausert. Er verkörpert einen der letzten Romantiker, einen Gentleman britischer Prägung, der nächtens im schummrigen Salon bei einem Glas Wein über Liebe, Leid und Leben brütet. Dabei gibt er weder den Dandy noch den Casanova, er kokettiert ebensowenig mit abgehalftertem Verlierertum. Eher schon zeigt er uns den Geistesmenschen, der an der Macht der Emotion ein aufs andere Mal zerschellt. Oder aber er lässt das sensible Wesen aufblitzen, das von der eigenen Grübelei erlegt wird. Natürlich ist Herr Staples nur ein Teil des Dreigestirns Tindersticks, ein David Boulter und Neil Fraser sollten keinesfalls unerwähnt bleiben. In den letzten Jahren hat sich die Band sogar zu einem fünf Mitglieder umfassenden Ensemble verfestigt. Nichtsdestotrotz ist es jener unnachahmliche Gesang mit all seinen Untertönen, der dieser ohnehin speziellen Formation seinen Stempel aufdrückt. Auch dem jüngsten Album The Waiting Room.

Gerade weil Staples das Aushängeschild der Tindersticks ist, möchte ich zuerst auf den instrumentalen Song Fear Of Emptiness verweisen. Wie großartig gediegen der Sound der Briten ausfällt, wie kammermusikalisch superb die beredten Melodien wirken, all dies rückt ab und an in den Hintergrund. Solch Chamber Pop ist in seiner atmosphärischen Dichte und eingangs geschilderten Ästhetik unerreicht. Der Kloß im Hals – Tindersticks weiterlesen

Im Licht des Heute – Tindersticks

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Dementsprechend begeht die britische Formation Tindersticks 2013 ihr 21-jähriges Bestandsjubiläum. Nebenbei brachte sie vor genau 2 Dekaden ihr erste LP heraus und dieser Tage veröffentlicht sie das mittlerweile 10. Studioalbum. Das sind in der Summe zwar eher halbseidene Gründe, aber man glaubt der Band gerne, dass jene windschiefen Jubiläen kein Vorwand für eine zusammengeschustere Platte sind. Across Six Leap Years ist weder Best-of noch neue Songs präsentierendes Werk, es beinhaltet vielmehr neu eingespielte Tracks. Bandmitglied David Boulter erklärt die Umstände wie folgt: „Recording these songs again was not so much about righting past mistakes or inadequacies, but more about the power of now.„. Die Tindersticks wollen demnach bei Across Six Leap Years vergangene Songs im neuen Licht des Heute erstrahlen lassen. Aber inwieweit unterscheidet sich dieses Heute vom glanzvollen Gestern? Zumal der Sänger Stuart A. Staples seit Jahr und Tag ein Garant für einen charismatisch-samtenen Vortrag ist.

Ehrlicherweise sind die Unterschiede zwischen den meisten Versionen marginal. Auch alte Songs wurden keiner Radikalkur unterzogen. Die Band hat die verschiedenen Mosaikteile aus ihrer langen Geschichte bestenfalls ein wenig aufpoliert, zu einem für 2013 stimmigen Sound zusammengepuzzelt, Staples manchmal noch mehr hervorgerückt. Wie diese Auswahl zustandegekommen ist, scheint dagegen zunächst nicht wirklich nachvollziehbar. Drei der zehn Lieder stammen vom zweiten Album der Tindersticks (1995), zwei sind Simple Pleasure (1999) entnommen, Dying Slowly war zuvor auf Can Our Love… (2001) zu hören, ein Track findet sich auf Waiting for the Moon (2003). Als Seltenheit sticht lediglich What Are You Fighting For? hervor, das 2008 nur als Single erschien. Die übrigen zwei Titel dieser Platte hatte Staples zuvor auf seinem Solodebüt Lucky Dog Recordings 03–04 (2005) veröffentlicht. Eine Werkschau ist Across Six Leap Years somit nicht, weil die drei letzten Scheiben allesamt ausgeklammert blieben, auch die Soundtracks zu den Filmen von Claire Denis wurden gänzlich ignoriert. Ebensowenig darf man es als Raritätenkabinett bezeichnen. Wie man es also auch dreht und wendet, als einzig sinnvolles Erklärungsmuster bleibt jenes der Band übrig, die da meint, das Potential manchen Liedes erst heute ausloten zu können. Rechtfertigen solch Nuancen das Tamtam, das ein zehntes Studioalbum zwangsläufig nach sich zieht? Jein.

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Rubine, Smaragde, Amethyste – Tindersticks

Die Schatzkästchen, die man gemeinhin Alben nennt, erwarten nur selten geöffnet und mit funkelndem Inhalt lockend den vor Glanz geblendeten Hörer. Ein pfiffiger Musiker verschließt die Truhe und versteckt den Schlüssel. Und zwar so, dass er gefunden werden soll. Dies erhöht die Spannung, reizt den Hörer, stellt eine vage Belohnung in Aussicht. Die britische Band Tindersticks freilich hat hiermit ein grundlegendes Problem. Die sonore Stimme von Sänger Stuart A. Staples bestrickt über alle Maßen, durchdringt scheinbar anstrengungslos. Staples wahrt stets die Contenance, lässt den Gesang nie den Gefühlen hinterherhecheln. Seine Stimme bleibt markanter Fels in der Brandung des Lebens. Die Existenz vermag daran bestenfalls zu kratzen. Jenes stoisch-warme Organ ragt hervor, zieht magisch an. Im Falle der Tindersticks braucht es also kein Frickeln am Schloß einer vermeintlichen Schatztruhe. Das gilt auch, ja besonders für das neue Werk, The Something Rain.

Photo Credit: Christophe Agou

Eine sachte Grandezza bestimmt den Grundton eines Albums, das sich angesichts des wohltönenden stimmlichen Schmelzes des Sängers keine Sekunde lang in Eskapaden flüchten müsste. Und doch mit dem überlangen Spoken-Word-Titel Chocolate und einem nichtssagenden Instrumentaltrack Goodbye Joe zwei Stücke an Anfang und Ende stellt, die nicht zu den songwriterischen Glanztaten der Formation gehören, den Faktor Staples komplett ausblenden. Falls The Something Rain nicht mit der Tür ins Haus fallen sollte, dann ist diese Zurückhaltung zu gut gelungen. Doch schon ab dem zweiten Song Show Me Everything glänzt und schimmert alles, werden sämtliche Töne zu Rubinen und Smaragden, die Staples quasi mit einem Fingerschnippen über den Hörer schauert. Hier bereiten eine aufblitzende verhallte Gitarre sowie ein hoher, seltsam geschlechtsloser Backgroundgesang die Bühne für seinen denkwürdigen Auftritt. Show Me Everything entpuppt sich als früher Höhepunkt der Platte, als eine fünfminütige Sternstunde, die Zeit und Raum schnuppe werden lässt. In A Night So Still wogt amethysternes Zwielicht vor sich hin, auf einem Teppich aus orgeligem Brokat räkelt sich Staples, schwerzüngig und schwermütig. Quasi als Gegenstück dazu umtänzelt Slippin‘ Shoes den Hörer, defiliert mit einer lässigen, nachgerade von Bläsern getragenen, beschwingten Haltung, übt sich in fatalistischer Gelöstheit. Im Reigen der Lieder nimmt sich Medicine wie eine trübe Perle aus, dessen Lüster fahl bleibt. Dieses Stück lässt den Sänger wohl ganz bewusst alt erscheinen, es kontrastiert die absolute Eleganz, zu welcher die Tindersticks ohne Mühen fähig. Mit Frozen kommen wir zum zweiten, dramatisch getriebenen Highlight von The Something Rain. Es orientiert sich an Drum ’n’ Bass, die Arrangements treten die Flucht nach vorn an, geben dem Gesang die Geschwindigkeit vor. Frozen lässt dazu exaltiert im Hintergrund turnende Bläser los, während Staples ungewohnt desperat tönt, Liebende unter Güterzügen verortet. Doch wird der Hörer noch nicht aus diesem Traum entlassen. Come Inside gibt sich furchtlos existenzialistisch, lässt wohl den lang erwarteten Tod eintreten.

Auch wenn man die Tindersticks nicht allein auf Mastermind Stuart A. Staples reduzieren sollte, so ist doch seine Stimme das absolute Prunkstück. Sie überschattet nahezu alles. Wenn sich noch kongeniales Songwriting dazu gesellt, ist die Formation wahrhaftig brilliant. The Something Rain leuchtet gleich Bernstein, all die Einschlüsse, sämtliche Sprengsel werden vom honigfarbenen Timbre des Sängers umfasst. Das bewirkt endloses Staunen. Welch großer Schatz tut sich hier auf!

The Something Rain ist am 17.02.2012 auf Lucky Dog/City Slang erschienen.

Konzerttermine:

04.03.12 Esch sur Alzette (LUX) – Rockhal
07.03.12 Berlin – Volksbühne
08.03.12 Berlin – Volksbühne
12.03.12 Köln – Gloria
13.03.12 Hamburg – Thalia Theater
15.03.12 Lausanne (CH) – Theatre de L’Octogone
16.03.12 Zürich (CH) – Kaufleuten
17.03.12 Heidelberg – Stadthalle
18.03.12 München – Muffathalle

Links:

Offizielle Homepage

Kostenloser Download von Frozen

 SomeVapourTrails

Die großen Nullen – Singer-Songwriter deluxe

Die vergangene Dekade ist noch lange kein gestriger Schnee. Viele Musiker werden uns auch in den folgenden Jahren begleiten, manche als lästige Anhängsel – doch will ich nicht immer von den Fleet Foxes sprechen – und einige als Konstanten, die unseren Gefühls- und Gedankenkosmos in schönste Schwingungen versetzen. Doch wer waren die kleinen und großen musikalischen Helden der letzten zehn Jahre? Wir wagen eine rein subjektive Aufzählung – und widmen uns den Singer-Songwritern.

Foto: Nasrul Ekram

Ane Brun: Unter den zahllosen skandinavischen Vertretern niveauvoller Liedschmiederei ragt die Eindringlichkeit Bruns hervor. Nie zu sperrig, immer fokussiert und mit einem untadelig ergreifenden Vortrag gesegnet, vermochte noch jedes ihrer Alben zu zünden.

Anspieltipps: Rubber & Soul, The Fight Song

(Eine wundervolle Cover-Version von True Colors erschien dieses Jahr auf Daytrotter. Mehr dazu an dieser Stelle.)

Mark Kozelek: Ob als Solo-Performer oder als Mastermind von Sun Kil Moon, der entrückt wirkende Gesang paart sich mit überragender Erzählkunst. Die menschliche Seite eines Mörders in Worte zu fassen, wie es beim gänsehäuternen Lied Glenn Tipton der Fall ist, zeugt von Finesse. Einer der absolut besten Vertreter seiner Zunft.

Anspieltipps: Lost Verses, Walk All Over You

Tom Waits: Auch in den 2000ern war der Poet der Gosse über jegliches Klischee erhaben. Tief verwurzelt in den amerikanischen Mythen erschafft er mit jedem Album ein bedeutungsschweres, musikalisch anspruchsvolles und präzises Abbild gesellschaftlicher Wirklichkeiten.

Anspieltipps: Road To Peace (Download von Label-Seite), Hoist That Rag, Day After Tomorrow

(Hier haben wir weitere legale und kostenlose Downloads von der aktuellen Platte parat.)

Jason Molina: Ob unter dem Namen Magnolia Electric Co. oder Songs: Ohia, dieser Musiker hat ein Händchen für tolle Melodien und rustikalen Vortrag. Nach wie vor völlig unterschätzt.

Anspieltipps: The Dark Don’t Hide, Josephine (beide auf der offiziellen Homepage als kostenlose Downloads erhältlich)

(Über eine famose Daytrotter-Session haben wir bereits berichtet.)

John Frusciante: Er war nicht nur einfach der Gitarrist der Red Hot Chili Peppers, von welchen er sich kürzlich verabschiedete. Sein Solowerk ist imposanter und facettenreicher, vielschichtig aber nie aufgebläht.

Anspieltipps: The Days Have Turned, With No One

Richard Ashcroft: Wenn es um elegante Popsongs geht, kommt auf der britischen Insel nahezu niemand an Herrn Ashcroft heran. Und dies unterstreicht er sowohl im Alleingang als auch als Frontmann von The Verve. Dazu kommt diese unsagbar warme Stimme, die die Ohren umschmeichelt und keine Sekunde lang süßlich wirkt.

Anspieltipps: Science Of Silence, Words Just Get In The Way

Marissa Nadler: Ihre Stücke kann nur als Dream-Folk mit einer herrlich gespenstischen, zeitlosen Aura bezeichnet werden. Famos und in den Bann ziehend.

Anspieltipps: River Of Dirt, Diamond Heart, Days Of Rum

David Thomas Broughton: Wer die britische Folk-Tradition für sich entdecken möchte, sollte den in extremem Lo-Fi gehaltenen Lieder dieses Herren ein Ohr leihen. Reinste Beseeltheit, die mehr Fans erhalten müsste.

Anspieltipps: Weight Of My Love, Unmarked Grave

Weitere Nennungen im illustren Kreis der Genies verdienen sich:

Pete Doherty: Keine Widerrede, was er macht, hat Hand und Fuß. Seine Skandale sind nichts im Vergleich zu seinen herausragenden Fertigkeiten.

PJ Harvey: Einem schwächeren Album stehen drei wundervolle, sehr unterschiedliche gegenüber. Vor allem Stories From The City, Stories From The Sea war eine Offenbarung.

Stuart A. Staples: Im Alleingang atemberaubend, mit den Tindersticks über jeden Verdacht erhaben.

Bruce Springsteen: Nach einigen schwachen Alben hat er mit Magic und Working On A Dream wieder an Glanzzeiten angeknüpft.

SomeVapourTrails

500 essentielle Songs der Dekade – Teil 2

Auch dieses Mal wollen wir eine bunte Mixtur an bekanntem und unbekanntem, wichtigem und besonders wertvollem Liedgut vorstellen. Und obzwar Listen immer den Geschmack des Erstellers widerspiegeln, haben wir doch versucht über den Tellerrand zu lugen. So mag ob des Haareraufens nun das eine oder andere davon in der Suppe schwimmen. Dennoch wollen wir uns ans  Servieren machen – umso mehr, da wir der bloggenden Nachbarschaft mit dampfender Terrine und gutem Vorbild voranschreiten. Teil 1 offerierte bereits jede Menge Leckerbissen, jetzt folgt der Nachschlag.

500Tracks(Teil2)

wallofarmsThe Maccabees – Love You Better (2009)

someofmybestfriendsaredjsKid Koala – Skanky Panky (2003)

ghostsofthegreathighwaySun Kil Moon – Glenn Tipton (2003)

kidaRadiohead – The National Anthem (2000)

whateveryouloveyouareDirty Three – I Offered It Up To The Stars & The Night Sky (2000)

keystotheworldRichard Ashcroft – Words Just Get In The Way (2006)

siberiaEcho & The Bunnymen – In the Margins (2005)

championsoundJaylib – Champion Sound (2003)

lostchannelsGreat Lake Swimmers – Everything Is Moving So Fast (2009)

zMy Morning Jacket – Dondante (2005)

Simple Pleasure…die Kunst des erotischen Vorspiels

Sanft, verführend…mich lustvoll in die Kissen fallen lassend. Mit einer Leichtigkeit von der Männer sonst nur träumen…dieses Vorspiel beherrrst nur Einer: Stuart A. Staples … gesegnet mit einer Stimme – die nicht nur mein Trommelfell vibrieren läßt. Dunkel, samtweich, mit der  Lakonie und Snob-esquen Coolness ausgestattet – die uns Frauen sehnen, schmachten… zu Wachs zerfließen läßt…bereit zu…


…dem Album, daß mir der Tindersticks Liebstes ist…nicht nur…aber vielleicht auch ein bißchen weil das Cover in seiner Zweispältigkeit die menschlichste Erotik verstrahlt…nackt und pur…wie wir eben beim Sex so sind…fernab der künstlichen Wohnzimmerporno – Ästhetik eines TV Spielfim Titelbildes.

In voller Länge hören: Last.Fm

Tindersticks – Can We Start Again

Tindersticks – Can Our Love

Kamasutra für Chamberpop Lover:

Tindersticks – The Art Of Lovemaking

Vollkommen ohne Schuld und Reue…kostenlos aber hoffentlich nicht umsonst… kann man sich folgende Lieder runterladen:

The Flicker Of A Girl

Trying To Find a Home

Dank gilt hier dem überaus empfehlenswerten Tonspion!

Mehr Infos:
http://www.tindersticks.co.uk/
http://www.stuartastaples.com/

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