Schlagwort-Archive: Synthie-Pop

ITEOTWAWKI (I): Depeche Mode – Where’s the Revolution

©AntonCorbijn/ColumbiaRecords/SonyMusic

Zeit für eine neue Kategorie. Ab nun werden hier gesellschaftlich und politisch relevante Klänge unter dem Motto „It’s the end of the world as we know it“ beleuchtet. Und kaum ein Song wäre zum Start besser geeignet als Where’s the Revolution. Die neue Single von Depeche Mode, erster Vorgeschmack auf das im März erscheinende Album Spirit, taugt zu mehr als dumpfer Zeitgeistklage. Abgesehen von ein bisschen Feel-the-Bern-Stimmung, die im amerikanischen Vorwahlkampf von Bernie Sanders entfacht wurde, besteht dieser Tage speziell im linken Spektrum wenig handfeste Lust auf Revolution. Und die Mitte der Gesellschaft wirkt entweder zu satt oder zu angestrengt, um Impulse zu setzen. So sind die größten umstürzlerischen Tendenzen fraglos rechts angesiedelt. Siehe Trump, Le Pen, UKIP oder AfD. Doch markiert der Drang zur Abkehr von gegenwärtigen Verhältnissen nur die Rückbesinnung auf Nationalismus und Protektionismus. Genau diese Strategien taugen nicht dazu, die Probleme eines Kapitalismus ohne Sinn für soziale Verantwortung zu lösen. Die Revolution, nach der Depeche Mode Ausschau halten, ist ohnehin anders gestrickt. Die Zeilen „They manipulate and threaten/ With terror as a weapon/ Scare you till you’re stupefied/ Wear you down until you’re on their side“ richten sich vor allem an jenen Menschenschlag, der sich nicht von aufgeblähten Bedrohungen ins Bockshorn jagen lässt. Where’s the Revolution hat die Schnauze voll von „patriotic junkies“ und von Menschen, die Religionen oder Regierungen nicht kritisch hinterfragen. ITEOTWAWKI (I): Depeche Mode – Where’s the Revolution weiterlesen

Schatzkästchen 72: EUROTEURO – Autogrill feat. Ninjare di Angelo

Die Liebe und Hassliebe zu Italien prägt den Austropop schon seit Jahrzehnten. Von Rainhard Fendrichs Strada del Sole bis hin zu Wandas Amore hat man das schon gehört. Für ein bisschen Sommerflair ist ein Verweis auf Italien nie verkehrt. Das dachte sich auch das aus dem Umfeld der Wiener Band Mile Me Deaf stammende Projekt EUROTEURO, das mit Autogrill eine kecke Hymne an italienische Autobahnraststätten fabriziert hat. Vors Mikro und die Kamera wurde – unter dem köstlichen Alias Ninjare di Angelo firmierend – Nina Petermandl gebeten. Stilistisch tönt der Ohrwurm als charmante Mischung aus Synthie-Pop und NDW-Dadaismus. Autogrill besticht als Karikatur auf die Sehnsucht nach Ferne und Urlaub, dessen Erfüllung ausgerechnet in der Gastronomie einer Austrostada lauert. Es nimmt auf diese Weise die Romantikklischees aufs Korn, die einem Urlaub im Süden so anhaften. Den ehrlicherweise geht die Verlockung nicht von Stränden oder Sehenswürdigkeiten aus, letztlich dreht sich alles nur um ein kleines bisschen Dolce Vita, somit ums Saufen, Fressen und Feiern. Schatzkästchen 72: EUROTEURO – Autogrill feat. Ninjare di Angelo weiterlesen

Schatzkästchen 68: Black Marble – Iron Lung

Irgendwie waren wir zu beschäftigt, eine bloggerische Sommerpause an dieser Stelle auszurufen. Ab nun wollen wir aber tatsächlich wieder mehr Musik empfehlen, die ersten netten Vorgeschmäcker auf im Herbst erscheinende Platten trudeln auch allmählich bei uns ein. Eine Nummer, die mir sofort ins Ohr gegangen ist, möchte ich dem Hörer gar nicht erst vorenthalten. Iron Lung entpuppt sich als Synthie-Wave-Stück, das mit charmanten Details punktet. Der Track klingt gedämpft, so als wäre er in einem fast klaustrophobisch engen, mit Watte ausgestopften Raum aufgenommen, der sämtlichen Hall schluckt. Des Weiteren plätschert die Melodie heiter und beschwingt dahin, der Drumcomputer echot ein Wummern, während der Gesang ein wenig heiser und geplagt anmutet. Ein feiner Kontrast, wie ich meine. Chris Stewart weckt mit diesem Track seines Projekts Black Marble die Neugier auf ein für September angekündigtes Album namens It’s Immaterial. Laut Pressetext hat sich Stewart dabei durchaus einiges vorgenommen: „The general mood is that of creating something new, but going back in time to do it. Like attempting to flesh out a song that you woke up humming but can’t find because it doesn’t exist yet. […] It’s a collection of songs pieced together from perfect seeming snippets heard while passing open doors. It’s a framework in which your imagination creates its own version of what you need to hear but didn’t have a way to describe – like a favorite song heard on an unlabeled mixtape by a band you can’t uncover.“ Schatzkästchen 68: Black Marble – Iron Lung weiterlesen

Schlaglicht 42: Peaches

Interessant ist ja ein häufig benutztes Wort der Beschönigung, wenn man etwas als zu anstrengend wahrnimmt. Oft möchte man sich nicht die Blöße geben, diese Überforderung beim Namen zu nennen. Apropos Blöße! Mit Peaches werde ich wohl nie die ganz große Hörfreude verbinden, denn ihre Klänge halte ich tatsächlich für anstrengend, in den stärksten Augenblicken sogar irritierend. Interessant ist ihr Tun jedoch in der eigentlich Wortbedeutung auch wegen der Musikvideos, für die das Akronym NSFW wohl eigens erfunden wurde. Doch sogar die Nacktheit dieses Clips hat rein gar nichts mit gängiger Erotik gemein. Solch Nacktheit fungiert vielmehr als künstlerisches Stilmittel, welches gerade in der neuen Prüderie unserer Tage so wirkungsvoll wie notwendig ist. Die boulevardeske Musikpresse mag Peaches zwar als Skandalnudel abtun, intellektuelle Hörerkreise dagegen sehen sich von unbehaglichen Assoziationen geplagt. Die hohe Kunst der Provokation besteht in der Verstörung. Eben diese gelingt der Kanadierin mit ihrem Video zum Track Free Drink Ticket famos!

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Dringliche Nächte – Francesca Lago

Stell dir vor, dass überall Wunder und allerorts Bedrohungen lauern. Dass der scheinbar schnöde Wechsel der Tageszeiten plötzlich Aufregung und Schicksalhaftigkeit versprüht. Mal dir aus, wie eingedöste Emotionen mit einem Mal von Dringlichkeit und Fiebrigkeit angeschubst werden. Wie Geister durch Szenerien gespenstern, die vertraute Umgebung aufmischen. Tauche einen Moment lang in eine Fantasie ein, die jede Abenddämmerung mit Geheimnissen durchsetzt, die jeden Sonnenaufgang als einschneidend erlebt. Und die Naturgewalten voll archaischer Kraft wahrnimmt. Wenn man sich auf all das einlassen möchte, wird man vom Album Mirrors Against the Sun sehr angetan sein. Die in der Schweiz lebenden Italienierin Francesca Lago überzeugt mit einer mal verträumten, oft ruhelosen Platte, die eine nähere Entdeckung fraglos lohnt. Also ran ans Werk!

Schon der Opener Where do we go gibt die Stimmung des Albums vor. Electro-Pop im Stile von Ladytron wird mit der Unwirklichkeit des Dream-Pop gekreuzt. Die Zeilen „Where do we go/ Tell me a story while the sun is setting low/ At dusk we float/ Hear your story while the sun is setting low“ lassen erahnen, dass es keineswegs um irgendwelche niedlichen Gutenacht­ge­schich­ten geht. Dem Wechsel von Tag zu Nacht haftet hier eine mystische Kraft an. Lagos enigmatischer Text wird von einem in nervöser Schönheit flirrenden Sound bestens unterstützt. Dringliche Nächte – Francesca Lago weiterlesen

Schatzkästchen 47: The Jezabels – Come Alive

Dieser heutige Post kommt mit leisem Grummeln in der Magengegend daher. Denn leider hat es sich derzeit eingebürgert, dass ein Album immer öfter mit einem Stück Schicksal angeteasert wird. Kaum ein Pressetext kommt ohne mehr oder weniger dramatische Hintergrundinformation aus, die das künstlerische Werk in einen gewissen Kontext setzen und dadurch auch eine Art Deutungshoheit erlangen möchte. Die Biografie eines Sängers oder einer Band wird auf schicksalhafte Erlebnisse abgeklopft, deren Verarbeitung dann das Werk dominieren. Selbstverständlich ist ein Werk immer auch Produkt der Umstände, die zu seiner Entstehung geführt haben. Aber ein Album muss sich zunächst durch die eigene Qualität legitimieren, ehe das Wie und das Warum für tieferes Verständnis sorgen können. Ein mittelmäßiges Lied wird nicht besser, wenn der Hörer darum weiß, dass während der Aufnahme der Schwippschwager des Tontechnikers über den Jordan gegangen ist. Ein starker Song gewinnt freilich dazu, wenn man die Hintergründe kennt. Als bestes Beispiel dient ein Lied der Tindersticks, über das ich vor wenigen Tagen geschrieben habe.

Heute möchte ich den Song Come Alive der australischen Formation The Jezabels ans Herz legen. Die Band ist aufmerksamen Lesern dieses Blogs fraglos vertraut, bereits mehrfach habe ich in der Vergangenheit über sie geschrieben. Den neuen Track, im November 2015 als Vorgeschmack auf das kommende Album vorgestellt, hatte ich freilich völlig übersehen. Und vielleicht wäre in der überbordenden Newsletterflut auch das für Februar angekündigte Album Synthia untergegangen, wenn nicht eine Promo-Mail die Absage einer für März angekündigten Tour durch Deutschland verlautbar hätte. Schatzkästchen 47: The Jezabels – Come Alive weiterlesen

Eine Frage der Treue – Editors

Man kennt das ja aus Beziehungen. Der anfänglich tolle Prinz entpuppt sich schon bald als Frosch. Oder der heiße Feger wird rasch zur nörgeligen Alten, die man am liebsten auf den Mond schießen möchte. Dann wieder gibt es Verbindungen, die über die Zeit allmählich gewinnen. Wenn klammheimlich aus Freundschaft echte, wahre Liebe wird. Was für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, kann auch auf das Verhältnis des Musikfans zu Bands und Musikern angewendet werden. Ich habe die Editors nie schlecht gefunden, aber mit der Zeit haben sich die Mannen um Tom Smith zu echten Lieblingen gemausert. Ich würde sogar so weit gehen, dass das neue Album In Dream eine der Platten des Jahres 2015 ist, die ich noch viele Jahre gerne und oft hören werde. Solch einen wohlüberlegten Treueschwur gibt man in schnelllebigen Zeiten wie diesen eher selten, zumindest ich nicht.

Bei den Editors ging es seit ihrem fraglos gelobten Debüt The Back Room (2005) in der Kritikergunst deutlich nach unten. Und auch Fans der ersten Stunde verloren spätestens bei The Weight of Your Love (2013) die Geduld. Als jemand, der die Band besser denn je findet, kommt man sich geradezu bescheuert vor. Denn wo alle längst neuere, coolere Act mit Rosen bedenken, steht man mit diesen abgehalfterten Helden von früher fast alleine da. Der Rest stürzt sich auf jüngere Semester. Eine Frage der Treue – Editors weiterlesen

Es ist, was es ist: Synthie-Pop! – Metric

Eigentlich wollte ich die folgenden Zeilen unter das Motto „Quo vadis, Metric?“ stellen, mich ausgiebig wundern, warum eine Indie-Rock-Band mit tollen Nummern wie Help I’m Alive tatsächlich so sehr in Synthie-Pop abgleiten konnte. Die kanadische Formation rund um Sängerin Emily Haines setzt mit Pagans in Vegas konsequent das fort, was beim vorherigen Werk Synthetica (2012) vielleicht noch als musikalisches Intermezzo abgetan werden konnte. Die neue Platte hat zweifelsohne einige schmissige Synthie-Hymnen im Talon, zugleich finden sich darauf jedoch auch ein Track wie Other Side, der eher nach einem Abklatsch von Erasure tönt, auch weil Haines das Mikrofon weitergibt. Das ist in Anbetracht ihres unglaublichen Charismas eigentlich ein Frevel! Pagans in Vegas ist nicht ohne Makel, in den Augenblicken, wo der Funken überspringt, haben Metric aber noch immer die ganz großen, hitverdächtigen Refrains parat.

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Schlaglicht 25: Metric

Die kanadische Formation Metric rund um Frontfrau Emily Haines hat uns schon mit so einigen Alben verzückt. Spätestens seit dem großartigen Fantasies von 2009 sollte jeder Indie-Rock-Fan die Band auf dem Radar haben. Für September ist nun mit Pagans in Vegas ein neues Album angekündigt, das der erste Teil eines eines Doppelschlags werden soll. Die Platte Nummer 2 wird 2016 folgen. Die ersten Vorboten verorten Metric diesmal sehr im Genre Synthie-Pop. Mit The Shade wird auch eine speziell im Refrain mit viel Schmackes in die Ohren fahrende Single angeboten. Das ebenfalls schon veröffentlichte Cascades zeigt Anleihen an französische Electro-Pop, Too Bad, So Sad dagegen orientiert sich mehr an Post-Punk. Schlaglicht 25: Metric weiterlesen

Schlaglicht 19: Farao

Der unter dem Künstlernamen Farao wirkenden norwegischen SingerSongwriterin Kari Jahnsen habe ich in den letzten Jahren schon die eine oder andere Zeile spendiert. Nun freilich scheint das, was lange währt, endlich gut. Es gibt ein Albumdebüt zu vermelden – und dies sogar noch mit konkretem Veröffentlichungsdatum! Im September soll Till It’s All Forgotten das Licht der Welt erblicken. Zwei Tracks der anstehenden Platte zeigen Faraos Qualitäten deutlich auf. Sie vermag die makellose Elfe zu geben, die in einer Mischung aus Folk-Pop und Synthie-Pop sehnend, leidend, fieberhaft und melancholisch lustwandelt. Ihre Songs widerstehen gängigen Mustern, sind Experiment, sind Rätsel, sind Sirenenklang. Bei Bodies etwa dominiert eine verpeilter Rhythmus, der dem Song verquer, verlangend und verschroben tönen lässt. Hier wird Kammermusik – man höre nur die Bläser! – mit einem Synthie-Gewitter überzogen. Schlaglicht 19: Farao weiterlesen