Berlin Festival – Viel Lärm um fast nichts

Meine Präferenzen werden wohl immer kleinen, intimen Club-Konzerten gelten, in welchen der Interaktion von Bands/Interpreten mit der leider zu oft überschaubaren Anzahl an Besuchern ein wichtiger Teil des Charmes innewohnt. Und trotz massiver Zweifel am Line-Up habe ich mich mit mindestmöglicher Unbefangenheit in die Sphären einer mittleren Großveranstaltung gewagt. Das Berlin Festival 2009 versuchte den Spagat zwischen angeberischem Pathos eines Events und dem Anspruch an einen imaginären Indie-Spirit. Das Ergebnis kann sich letztlich aus verschiedenen Gründen nicht sehen lassen. Und genau auf diesen Makeln will ich herumtrampeln, gleich den den Tempelhofer Beton malträtierenden Besuchern.

Geschichtsträchtige Atmosphäre, anreisegünstige Lage, dem Unbill des Wetters trotzend – es gäbe genügend handfeste Argumente für eben diesen Austragungsort, die allesamt kein Blabla darstellen. Doch blanke Theorie bastelt noch lange keine Realität. Was in der am Computer generierten 3-D-Animation schick und schlau aufgereiht, erwies sich in der Umsetzung als Blindgänger. Durch die charismatischen Hallen des ehemaligen Flughafens durfte man auf das Gelände schlurfen. Gleich beim Eingang – unter dem riesigen, halbkreisförmigen Vordach – war die Second Stage untergebracht. Links davon verlief die ebenso überdachte Verpflegungsmeile bis hin zu einem Hangar, welcher die Hauptbühne beherbergte. Bereits hier befiel mich eine Verwunderung. Warum zum Teufel wurde das Herzstück des Festival ins Abseits gestellt, in eine Halle gepfercht, welche zwar groß, aber dennoch räumlich begrenzt ist? Im Grunde ist ein Festival eine Freiluftveranstaltung. Und auch ich hänge der These an, dass diese Location genug Grünflachen für die Ausrichtung eines zünftigen Musikfestes vorrätig hätte. Die gen Wettergott ausgestreckte Zunge mag die Herzen der Veranstaltern betört haben, insgesamt freilich erwies sich die Konzeption als Stimmungstöter. Eine mit der Kulisse des Flughafengebäudes im Rücken gepflanzte Mainstage hätte mehr Flair und Platz geboten, der Hangar als Dancefloor für DJ-Kunststückchen besser getaugt.

BerlinFestival2009

Die Auswahl der Akteure mutete ebenso holprig an. Die Headliner Peter Doherty und Deichkind passten mehr schlecht als recht zu dem Electro-Pop-Schwerpunkt (wie durch Telepathe, Saint Etienne und Zoot Woman repräsentiert) und dem gerne mit bis zum Anschlag plärrenden Gitarren vorgebrachten Indie-Rock (zum Beispiel The Rifles oder The Thermals). Dazu holte man sich noch nervtötend experimentelle Acts wie These New Puritans oder die komplett schrecklichen 1000 Robota ins Boot. Was die hervorragenden Dear Reader in diesem für sie wenig geeigneten Umfeld zu schaffen hatten, blieb ein Mysterium. Ich komme nicht umhin, den Macher Inkonsequenz zu attestieren. Entweder engt man die Ausrichtung auf 2-3 Musikstile ein oder aber man agiert vielfältig – dann jedoch dürfte die Mischung ruhig wesentlich bunter ausfallen. Singer-Songwriter – wo waren sie abgesehen von Herrn Doherty? Hip-Hop und Rap (Dendemann, also wirklich!) lediglich aus deutschen Gefilden? Die derzeit zurecht angesagten folkigen Töne fehlten zur Gänze.

Kommen wir zu kleinen Ärgernissen. Warum das Wiederbetreten des Festivalgeländes mit der Begründung, dass die Auflagen der Flughafen-Verwaltung es untersagen, den denkmalgeschützten Platz der Luftbrücke und seine Anwohner durch abhängende Festivalbesucher zu stören, verweigert wird, mutet seltsam an. Bei ein paar Tausend Zusehern hätte ein auf selbigem Platz installierter Wachdienst und humanere Getränkepreise am Festivalgelände die Bedingung sicher erfüllt. Und auch ein vor allem in der Halle offenkundig grottenschlechter Sound kann und darf nicht hingenommen werden. Wer die an sich durchaus gute Band The Thermals gehört hat, wird mir zustimmen.

Das Berlin Festival 2009 bot ein paar gute bis sehr gute Auftritte,  vor allem die Show von Saint Etienne war zum Fingerschlecken. Nichtsdestotrotz bietet das Gesamtergebnis der beiden Abende Anrecht auf Enttäuschung. Uncharmant lässt sich bilanzieren: Viel Lärm um fast nichts.

SomeVapourTrails

Berlin Festival – Bei Rüpel-Pete rüpelten nur die Weiber

So meine lieben Leser, wir starten unsere Berlin-Festival-Berichterstattung mal mit meinem persönlichen Headliner des Abends, der werte SomeVapourTrails leckt derweil noch seine Wunden. Insgeheim hatte der Liebste wohl darauf gehofft, mich trösten zu dürfen, dass Pete doch nicht kam. Irgendwie hat ja kaum jemand damit gerechnet, dass Mr. Doherty wirklich erscheint. Seine Rüpel-Attacken fielen dann auch sehr enttäuschend aus – die BZ versuchte zwar nen Skandalbericht draus zu schustern und nur weil sie Peter gefühlte 100 Mal Rüpel-Pete nennen, die Rüpel-Ausbeute des Abends blieb eher traurig. Gerade mal ein Flugzeug verpasst, nur 50 Minuten zu spät in Berlin und einem lausigen Fotografen gegens Schienbein getreten. Seine Fans können da mehr – aber dazu später.

Nachdem wir beim Saint-Etienne-Konzert zum ersten Mal am Abend wirklich Stimmung und Star-Appeal erlebt hatten, setzte bei uns erstmal das Warten ein. Kurze Versuche anderen Acts ne Chance zu geben, scheiterten und ließen uns lieber auf dem Asphalt platznehmen. Wie man bei einem so tollen Gelände ausgerechnet den Rasen zur Sperrzone erklärt und lieber auf unterkühlte Hallenatmophäre setzen kann, ist uns beiden ein Rätsel. Sommerfestivals erlebte ich bisher anders und ähm… die Grundstimmung des ganzen Events war dann auch unterdurchschnittlich.

Also Warten auf Pete, mit Bier, dessen Farbe, Aussehen und Geschmack  im milchfarbigen Plastikbecher einer Pinkelprobe beim Arzt glich. Warsteiner war das glaub ich, trink ich sonst auch nie freiwillig, jetzt auch bestimmt nie wieder…

Aber ach was, es geht hier ja um Musik und so begaben wir uns zurück in die Halle, die sich erst gemächlich füllte und uns in der 7. Reihe brachte. Pete ließ nur ein wenig auf sich warten… dafür nahmen nach und nach immer mehr Konzertgäste immer öfter immer weniger freundlichen Körperkontakt mit uns auf.

Dann geschah das, was kaum jemand erwartet hatte: Pete stand auf der Bühne. Ohne Tamtam, ohne Band, nur mit Klampfe in der Hand und 2 im aktuell total en vogue-em Elfenlook gekleideten Ballerinas. Surreale Erscheinungen der dritten Art – aber ich mag so was ja. Für Rock ’n‘ Roll sorgen nur die weiblichen Fans, die mittels Ellbogen, Fingernägel und Tritten sich in die vorderen Plätze vorzukämpfen versuchten. Aber ich bin ja auch schon alt, so über 30 und geh trotzdem nicht aus dem Weg.

Zurück zu dem Herrn auf der Bühne. Stimmlich nicht ganz auf der Höhe, sich kunstvoll auf der Gitarre vergreifend, immer wieder so aussehend, als ob er gleich umkippe… lieferte der Gute doch ne gute Show ab. Schwer zu sagen, was hier Attitüde oder echter Wahnsinn. Niemand wischt sich den Schweiß so schön von der Stirn wie Pete mit der eigenen Krawatte 😉

Dank YouTube hier zwei Videos des Auftritts:

Peter Doherty – Lady don’t fall backwards (live at Berlin Festival 2009)

Peter Doherty – Music when the lights go out (live at Berlin Festival 2009)

Fazit: Das Warten hat sich gelohnt, nochmal werd ich mich aber nicht so hauen, um einen Blick auf den Herrn werfen zu können. Wer auf die Idee kam, Peter Doherty in der kleine Halle auftreten zu lassen, die in den hinteren Reihen nur stickige Luft und schlechte Soundqualität bot, gehört mit sofortiger Wirkung seines Jobs enthoben. Generell ist Tempelhof ja ne vielversprechende Location, die von den Organisatoren des Festivals vollkommen fehl- und verplant wurde. Die Durchmischung des Line-Ups unglücklich… aber wir haben einen der raren, nicht abgesagten Auftritte von Peter Doherty erlebt. Werd ich mir nicht unbedingt auf meinen Grabstein meißeln lassen. Ist aber wenigstens was.

Setlist und Fotos vom Konzert gibt’s auf dem taz-Blog.

PS: SomeVapourTrails denkt drüber nach sich, auf Last.fm ne neue Freundin zu suchen, die auf rein zivilisierte Dreampop-Klänge steht und nur Konzerte mit fester Sitzplatz-Verteilung besucht…

PPS: Er ist aber Fan der Babyshambles und selber schuld, dass er sich mich ausgesucht hat 😀

DifferentStars

Tempelhof_48-Sibilla Calzolari

Pressefoto: Sibilla-Calzolari

Sag Niemals Nie – Pete(R), Ich und das Berlin Festival

Irgendwann hab ich mal irgendwo und vielleicht auch hier behauptet, ich würde NIE auf ein Konzert von Pete Doherty oder den Babyshambles gehen. Einfach weil ich’s doof finde zu warten und zu warten und dann vielleicht auch noch umsonst gewartet zu haben. Dass ich die Soloplatte von Peter Doherty sehr mag, hab ich ja schon hier geschrieben. Auch die Babyshambles sind immer wieder gern gesehene Gäste in meinem Mp3-Player. Und jetzt? … steht das Berlin Festival direkt vor der Tür. Also fast. Morgen geht’s los und wenn ich zu Fuß los gehe, bin ich in etwa 20 Minuten dort.

SomeVapourTrails hat sich schon über meine heutige, blödelnde Kalauerei beschwert… ihr müsst jedoch damit leben, er auch. Punkt.  Ich wiederum werde morgen warten und hoffen und vielleicht Pete mit und ohne „r“ sehen und wenn er doch nicht kommt, dann waren auf jeden Fall ne Menge anderer toller Bands da.

BF-Bigsize-Banner

Morgen auf jeden Fall anschauen werden wir uns Dear Reader (19.00 Uhr/Main Stage) und Saint Etienne (21.30 Uhr/ Main Stage)… ansonsten werden wir uns ein bisschen treiben lassen. Das komplette Lineup findet ihr hier.

Über Samstag wird noch diskutiert… meine Favoriten sind Jarvis Cocker (22.30 Uhr/Main Stage) und The Rifles (19.30 Uhr/ Main Stage)… mal schaun.

DifferentStars

Air Traffic – der ultimative Grund Tempelhof nicht zu schließen…oder?

Leider kannte die Bildzeitung zu Zeiten der hitzigen Flugplatz Templenhof Debatte noch nicht die britische Band Air Traffic. Zerrte die Volk-saufklärer Zeitung bei ihrer leicht tendenziösen Kampagne für den Erhalt des Flugbetriebs in Tempelhof – doch sonst jeden noch allzu toten Stoffhund hinterm Ofen hervor. Schön nachzulesen hier beim Bildblog.

Das wichtigste Argument Tempelhof nicht zu schließen schien mir persönlich als entferntere Anwohnerin:

Grund Nr. 10: „Selbst die Anwohner sind für den City-Airport: Die startenden Flugzeuge sorgen für Fernweh aus dem Fenster“ (Original Zitat Bild Zeitung)

Ja – auch ich saß so manches mal auf meinem Balkon – traurig, dass der Wind die motorischen Klänge in andere Stadtteile bließ. Immerhin – das ein oder andere Flugzeug durfte ich sehen – immer wissend, der ein oder andere Promi ist gerade fast zum Greifen nahe. Kurz gewinkt habe ich…hach wird mir fehlen  😉

In der Top Liste der Bildzeitung absolut fehlte allerdings das Wichtigste überhaupt:

So manche hoffnungsvolle Musikerkarriere wurde zerstört – da der spezielle Sound der modernen Luftschiffe als wichtigste Inspirationsquelle dient…oder?

Überhaupt nicht nach Fluglärm klingen zwar Air Traffic … eine noch junge Band aus Bournemouth, Großbritannien…in der Heimat schon recht bekannt – in unseren Landen als einer der Geheimtipps gehandelt. Eben dieses Quartett verdankt ihren Namen dem Umstand, dass ihr Probenraum sich in der Nähe des Flughafens „Hurn Airport“ befand. Einen besonderen Einfluß auf ihren Sound sollen der Legende nach die Signale des „Air Traffic Controls“ – die des Öfteren ihre Proben/Aufnahmen störten – hinterlassen haben. So benannten sie sich danach – „Air Traffic“.

Vielleicht ist alles aber noch einfacher zusammen zu fassen: Mit guter Musik läßt sich so manches Unbill leichter ertragen. Das Debutalbum Fractured Life klingt dann auch sehr erfrischend. Schön melodiöser Britrock. SomeVapourTrails nannte sie an anderer Stelle mal „The new and better Coldplay“.

Air Traffic – No More Running Away

Das sehr empfehlenswerte Lied Come On steht zur Zeit auf der Myspaceseite von Air Traffic kostenlos zum Downloaden bereit:

http://www.myspace.com/airtraffic

DifferentStars

PS: Meine Lieblingsmusik aus dem Bereich Britrock, Britpop und Post-Britpop könnt ihr hier hören:
Last.Fm Lovely2CU