Spaßfraktion mit Brechstange – The Big Pink

Oh, wie habe ich mich gleich beim ersten Hören in den Song Dominos verknallt. Was für ein Refrain („These girls fall like dominos„), der das eigene Vorstellungsvermögen in akrobatische Vergnügtheit taumeln ließ. Ebenfalls wunderfein: Velvet, ein sich mächtig auftürmender, wiederum stupender Track. Der Sound von The Big Pink mutete so unbeschwert hymnisch an, jegliche Coolness beiseite lassend, keine zur Pflichtübung verklärte Rotznäsigkeit, die Chose nie auf britische Blasiertheit trimmend. The Big Pink wirkten wie eine tolle Spaßfraktion, welche der Musikszene eine rar gewordene Unschuld zurück gab, aus Synthies eine Beschwingtheit entkitzelten, die man nur noch selten erfuhr. Alles was an dem Album A Brief History of Love von großter Souveränität zeugte, wird im soeben veröffentlichten Nachfolgewerk Future This mit der Brechstange forciert.

Stay Gold von The Big Pink

© The Big Pink-Videos bei Clipfish

Freilich ist Future This kein Griff in die kompositorische Mülltonne. Im Gegenteil, die Platte stellt sicher, dass The Big Pink nicht als Eintagsfliege in die Annalen der Musik eingehen. In Zeiten, in denen gefühlt jeder zweite Erdbewohner schon einmal Mitglied in einer Band war, langt das Talent von Robbie Furze and Milo Cordell locker, um auch noch in Erinnerung zu bleiben, wenn der überwiegende Rest bereits aus dem kollektiven Gedächtnis gepurzelt sein wird. Und dennoch muss ich dem Album den einen oder anderen Makel ankreiden. Beispielsweise den Umstand, dass es sein Pulver gleich zu Beginn verschießt. Mit den beiden ersten Titeln Stay Gold und Hit The Ground (Superman) knüpfen das Duo fast nahtlos an das starke Debüt an. Stay Gold bietet wieder ein Feuerwerk von einem Refrain auf, der sich völlig enthusiastisch überschlägt. Solch Songs entzücken die Massen. Danach plätschert vieles ein wenig zu gepimpt dahin, schwankt das Damoklesschwert kalkulierter Hipness über manchem Lied. Nö, langweilig wird ein Song wie Give It Up nicht wirklich, aber es fehlt die gitarrige Frische gegenüber protzblitzigen Beats. Manchmal verkehren The Big Pink ihre frühere Unverkrampftheit ins Gegenteil, marschieren bei Rubbernecking gleich fröhlich blechernen Duracell-Häschen dahin oder lavieren sich mit einer äußerst routinierten Nullachtfünfzehnhaftigkeit durch ein nichtssagendes Jump Music oder den bis auf den hervorragenden Kehrreim eher mittelmäßigen 80er-Aufguss Lose Your Mind, samt an Herrn Slashs beste Zeiten erinnernde Gedächtnis-Gitarre. Mit dem zurückhaltenderen, letzten Titel 77, der ein wenig an Paradise Circus von Massive Attack erinnert, kriegt das Album jedoch wieder die Kurve.

Einem dem imposanten Erstlingswerk nachstehenden Future This kann und möchte ich dennoch sehr viele positive Eigenschaften abgewinnen. The Big Pink bleiben eine fixe Größe am englischen Musikfirmament. Trotz eines weniger unbekümmertem Zugangs formen sie Momente, in denen das Popcorn nur so knallt. Um die Zukunft des Duos muss man sich trotz kleiner Entwicklungsdelle also keine echten Sorgen machen.

Future This ist am 13.01.12 auf 4AD erschienen.

Link:

Offizielle Homepage

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Eine kleine Albenvorschau für das erste Quartal 2012

Man muss ja Vorsicht walten lassen, wenn man von einer Albenvorschau für das erste Quartal 2012 spricht. Google schnappt diese Worte arglos auf und lotst versehentlich auch Lieschen Müller auf unseren Blog. Und da man sich seine Leser leider nicht aussuchen kann, werde ich auf Verdacht gaaanz laaangsam sprechen. Damit auch der durchschnittliche Internet-Surfer nicht nur Bahnhof versteht. Hier geht es nicht um Vollständigkeit, vielmehr wollen wir unserer Ansicht nach feine Bands und Künstler auflisten, die uns in den nächsten Monaten mit neuen Werken erfreuen. Solche Musiker, auf die man sich seit Jahr und Tag verlassen kann, zumindest aber bereits eine starke Platte im Talon haben. Was wäre Musik ohne die Vorfreude auf kommende Alben geschätzter Künstler. Unter diesem Aspekt verspricht uns das erste Quartal so manche Sternstunden!


The Big PinkFuture This VÖ (Deutschland): 13.01. 2012; Label: 4AD
Vorgeschmack:


The Maccabees  Given To The Wild VÖ (Deutschland): 20.01.2012; Label: Cooperative
Vorgeschmack:


Ani DiFrancoWhich Side Are You On? VÖ (Deutschland) 20.01.2012; Label: Righteous Babe Records


Lana Del ReyBorn To Die VÖ (Deutschland): 27.01.2012; Label: Vertigo Berlin
Vorgeschmack:


Leonard CohenOld Ideas VÖ (Deutschland): 27.01.2012; Label: Columbia
Vorgeschmack:


AIR  – Le Voyage Dans La Lune VÖ (Deutschland): 03.02.2012; Label: Virgin


Sharon Van Etten – Tramp VÖ (Deutschland): 10.02.2012; Label: Jagjaguwar
Vorgeschmack:
Kostenloser Download von Serpents


TindersticksThe Something Rain VÖ (Deutschland): 20.02.2012; Label: City Slang
Vorgeschmack:


Damien JuradoMaraqopa VÖ (Deutschland): 24.02.2012; Label: Secretly Canadian
Vorgeschmack:
„Nothing is the News“ by Damien Jurado by DOJAGSC


The Magnetic FieldsLove at the Bottom of the Sea VÖ (Deutschland): 05.03.2012; Label: Domino Records


Dirty ThreeToward The Low Sun VÖ (Deutschland): März 2012; Label: Bella Union

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Release Gestöber 12 (Chris Isaak, Gary, Grande Roses, The Big Pink)

Wir schauen wieder kurz und bündig auf ein paar gegenwärtige und kommende Veröffentlichungen:

Chris Isaak

Chris Isaak – Beyond the Sun EPK from VanguardVideo on Vimeo.

Wer keine eigenen Ideen hat, covert darauf los, bis die Schwarte kracht. Wenn hingegen Chris Isaak ein Album mit vielen Interpretationen der goldenen Hits aus der Schmiede von Sun veröffentlicht, dann darf man ihm zutrauen, in diese Zeit einzutauchen und eine inspirierte Platte abzuliefern, die mehr als bloß biedere Nostalgie bereit hält. Beyond The Sun ist nicht ausschließlich Hommage an Größen wie Elvis Presley, Johnny Cash oder Jerry Lee Lewis, sondern hält auch im Geiste der 50er-Jahre verfasste Eigenkompositionen bereit (beispielsweise Live It Up). Isaak kennt seine Pappenheimer, neben verdienten Klassikern werden nämlich auch vergessene Titel neu eingespielt, bescheren uns somit keine vorhersehbare Oldie-Revue der abgetakelten Sorte. Derart kommt eine nette Platte zustande, eine Herzensangelegenheit eben, wie man sie von diesem unterschätzten Künstler auch erwarten darf. Dennoch wird Beyond The Sun wohl nur eingefleischte Fans dieser Ära für sich einnehmen. Schade eigentlich.

Beyond The Sun ist am 18.10.11 auf Vanguard Records erschienen und meines Wissens vorerst nur als Import erhältlich.

Grande Roses

Manch Musik hört man – und schließt sie ins Herz. Nicht etwa weil sie extraordinär tönt oder das bisher Dagewesene auf den Kopf stellt, sondern weil sie voll Karacho wummert, von einer Inbrunst beseelt drauflos rockt und sich nur an bestmöglichen Vorbildern orientiert. Weil es die Art Musik ist, bei der man eine imaginäre Gitarre melken oder enthusiastisch die Drumsticks schwingen möchte. Der schwedische Formation Grande Roses gelingt mit der EP Hide eine klassische Scheibe unverwüstlichen Rocks. Wenn die Band den frühen Bruce Springsteen als Referenz nennt, dann will man ihr daraus ausnahmsweise wirklich keinen Strick drehen. Speziell den starken Opener Go Home durchweht dieser Geist. Dancing Away hingegen wirkt doch düsterer gestrickt, eher im New Wave zu verorten, abermals mit Punch umgesetzt. Wie I Hear Drums plärrende Gitarren aufjaulen lässt, von bestem gesanglichem Pathos unterstützt, das ist wirklich nicht neu und doch voll stupender Schmissigkeit.

Go Home by WIFE

Bei Tracks wie der dunklen Hymne Follow The Lights im Gepäck mache ich mir eigentlich keine Sorgen, dass sich Grande Roses nicht eine Hörerschar erobern können. In der komprimierten Länge einer EP entwickeln die Schweden einen absolut überdurchschnittlichen Charme, der meine freudigen Ohren so richtig zum Wackeln bringt. Eine uneingeschränkte Empfehlung!

Hide ist am 28.10.2011 erschienen.

Der Track What’s Left Of Us ist hier als kostenloser Download erhältlich.

The Big Pink

Das Debüt A Brief History of Love hat The Big Pink 2009 mit einem Schlag berühmt gemacht. Völlig zurecht! Nun wirft das für Januar 2012 angekündigte Nachfolgewerk Future This seine Schatten voraus. Zumindest der erste Vorbote Stay Gold erfüllt meine nicht eben geringen Erwartungshaltungen allemal. Gegen Angabe einer E-Mail-Adresse kann man nun den Track sowie einen Remix kostenlos downloaden. Es lohnt sich wirklich.

Gary

Photo Credit: Matthias Frey

Wenn sich Schauspieler einbilden, Musik machen zu müssen, dann sollten die Ohren im Regelfall in Deckung gehen. Lediglich hartgesottenen Groupies und Schwerhörige mögen solch Machwerke goutieren. Im Falle des Schauspielers Robert Stadlober darf man jedoch von einem Ausnahmefall sprechen. Seine Band Gary hat 2010 mit One Last Hurrah For The Lost Beards Of Pompeji auf Stadlobers Label Siluh ein ordentliches Album veröffentlicht. Für den 05.01.2012 ist nun bereits die neue Platte mit dem durchaus originellen Titel Hey Turtle, Stop Running! angekündigt. Wir werden uns mit dem Album zu gegebener Zeit sicher nochmals intensiver beschäftigen, für heute soll der nette Indie-Pop-Track Love Is Love als erster Eindruck genügen.

Das soll es vorerst auch schon gewesen sein. Demnächst mehr…

SomeVapourTrails

Free Ep: The Big Pink – Tonight Remix Ep

Da schrieb ich gerade über den 4AD Summer Sampler und ein paar Klicks weiter sehen ich, dass seit heute The Big Pink eine ganze Ep als Gratisdownload anbieten. Also schnell mal rüber zu ihrer Homepage, dort könnt ihr euch die Ep abholen.

Link: http://musicfromthebigpink.com/

Tracklist:

The Big Pink – Tonight (Coyote Clean Up Dirty Dub)
The Big Pink – Tonight (Ghost Hunter Remix)
The Big Pink – Tonight (o0o0o0o 2NITERMX)
The Big Pink – Tonight (Von Haze Remix)

Viel Spaß damit!
DifferentStars

Free 4AD Summer Sampler

Das feine Label 4AD wirft einen neuen kostenlosen Sampler auf den Markt um den anstehenden Sommer musikalisch einzuleiten. Mit dabei sind u.a. oben abgebildeten The Big Pink.

Tracklist:

Ariel Pink’s Haunted GraffitiRound and Round
The NationalBloodbuzz Ohio
StornowayOn The Rocks
Anni Rossi – Crushing Limbs
The Big Pink
Tonight (Coyote Clean Up Remix)
EfterklangModern Drift

Alles was ihr tun müsst, um in den Geschmack der Mini-Compilation zu kommen: Rüber gehen zu www.4ad.com und euch dort für den E-Mail-Newsletter registrieren.

Oder hier via Widget:

Viel Spaß damit!

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SomeVapourTrails und seine 15 Lieblingslieder 2009

Nun da der Dezember sich demnächst den Feiertagen ergibt, die Welt in quietschbunter Seligkeit in ein neues Jahr schunkelt, ist es höchste Eisenbahn, zuvor noch mittels einer Retrospektive das Jahr in die richtige Perspektive zu setzen. Und so komme ich nicht umhin, die meiner Meinung nach besten mir bekannten Lieder der vergangenen 12 Monate zu benennen. Mein Herz schlägt meist für handwerkende Außenseiter, die nicht auf irgendwelchen Wellen künstlerischer Abgehobenheit schwimmen. Und so begründet sich diese Selektion keinesfalls im mantrahaften Wiederholen der Namen aller Kritikerliebkinder. Grizzly Bear, Animal Collective oder Phoenix werden in Bestenlisten gerne genannt – und sind doch in etwa so fesselnd wie ein zerschlissenes Schuhband. 2009 gab es viel zu entdecken.

1. Too Much Time von John Vanderslice

Begründung: Diese schlichte Ballade alles, was ein großer Song benötigt: Einen markanten Refrain und eine eingängige Melodie. Mehr braucht es nicht. Too Much Time ist als kostenloser Download auf der Homepage des Künstlers verfügbar.

2. Darby Crash And Burn Guitars von Eamon McGrath

Begründung: So sieht eine zeitlos-moderne Mischung aus Folk und Rock aus, keine Warmduscherklänge, vielmehr kräftig und deftig.

3. The Longing von Eels

More Eels music on iLike

Begründung: Das Liebeslied des Jahres. Ohne albernes Gesülze oder Verkitschung wird das Wesen von Sehnsucht seziert, in schlichte Worte gepresst und zu einer schmerzhaft-schönen Wahrheit kondensiert.

4. München von The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble

Begründung: Irrlichtern-wabbernde Reise in einen tosend Strom feinster Electronica mit starken akkustischen Elementen.

5. Zumbi von Major Lazer feat. Andy Milonakis

Begründung: So dreckig kann, darf und soll Dancehall gerne öfter klingen. Hier als kostenloser Download erhältlich.

6. Engel von Mariahilff

Begründung: Während sich deutsche Texte meist in permanenter Mittelmäßgkeit wälzen oder gar bemüht intellektuell daherstelzen, haben Mariahilff eine wundersame Poesie erschaffen.

7. Goodbye Rock von Testsieger

Begründung: Wenn es eines Abgesangs auf den Rock bedurfte, der gut 10 Jahre nach Tocotronics Let There Be Rock den Kreis schloss und einer Dekade den Spiegel vorhielt, dann haben ihn Testsieger mit diesem Song ersonnen.

8. You Will Miss Me When I Burn von Soulsavers

Begründung: Natürlich hätte man ebenso den Titel Sunrise in diese Liste aufnehmen können. Doch während Sunrise durch Erhabenheit besticht, ragt bei You Will Miss Me When I Burn schiere Traurigkeit in ewiger Eleganz hervor.

9. Velvet von The Big Pink

Begründung: Die Briten haben nicht nur Flausen im Hirn, neben Unbands wie Franz Ferdinand tummelt sich mit The Big Pink auch eine Band, die es locker mit den legendären Hymnen von Oasis aufnehmen kann.

10. Tricks Of The Trade von Paolo Nutini

Begründung: Mir ist es schleierhaft, warum Nutini mit Quacksalbern wie James Morrison in einem Atemzug genannt wird. Dies folkige Lied ist ein Glanzstück feinsten Songwritings.

11. Change of Heart von El Perro Del Mar

El Perro Del Mar „Change Of Heart“ from The Control Group on Vimeo.

Begründung: Niveauvoller Pop, es gibt ihn noch! Hier gratis erhältlich.

12. Ain’t Gonna Lose You von Brett Dennen

Begründung: Vielleicht der wichtigste Songwriter der nächsten Dekade, in der Tradition eines Paul Simon oder Bob Dylan. Dieses Lied unterstreicht das Potential.

13. You Turn Me Cold von The Slew

Begründung: Turntablism ist kein Schnee von gestern, wie Kid Koala bezeugt.

14. We Do What We Want To von O+S

Begründung: Eine ätherische Stimme, untermalt von einer bezaubernden Melodie.

15. Still von Great Lake Swimmers

Begründung: Selten klang Folk derart erbaulich. Von hymnischer Qualität.

SomeVapourTrails

Heisser Scheiss von der Insel

Es wird mal wieder Zeit für rockigere Töne, wir sind noch nicht vollkommen eingeschneit, bis Weihnachten ist es auch noch ein bisschen weit.  Das reimt und frisst sich jetzt. Und ja – die Suche nach Weihnachtslieder macht einen ein bisschen duselig im Kopf. Daher hier mal ein paar  frische Töne von der Insel als Gegenmittel. Wobei, so viel sei schon verraten, morgen gibt’s im Adventskalender lautere Klänge, die eindeutig in die Kategorie heisser Scheiss gehören. Auch Weihnachtsfeen mögen eben rocken.

Ich hatte sie ja lange übersehen, die Durchstartertern des Jahres  The Big Pink, den Song A Brief History of Love findet ihr auf Nicorolas kostenloser Mp3-Compilation Mixahulababy #154.

The Big Pink: A Brief History of Love from Ivan Shumaker on Vimeo.

Eine weitere Band, die es im Auge und Ohr zu behalten gilt sind The Courteeners aus Manchester.  Diese veröffentlichen am 22. Februar 2010 ihr zweites Album Falcon (Label: Universal). Nach E-Mail-Registrierung gibt’s auf der Bandseite den Song Cross My Heart & Hope To Fly als Free Mp3.

Viel Spass damit!

DifferentStars


Musikalischer Quartalsbericht 2009 (III)

Alben09III

Löchriger als Schweizer Käse präsentierte sich zunächst das diesjährige musikalische Sommerloch. Der Überfluss des ersten Halbjahres verebbte schlagartig und wich einer kahlen Leere. Nur eine Handvoll Alben vermochten diesen tiefen Fall aus wohlklingender Fülle ein wenig abzufedern. Und genau diesen Rettungsankern, die uns vor den Sturz ins Nichts bewahrten, wollen wir in der Rückschau eine Lobhudelei angedeihen lassen. An prominenter Stelle seien die Soulsavers auf ein funkelndes Podest gestellt. Broken vermochte mit genialer Düsterkeit zu becircen und mit dem Lied You Will Miss Me When I Burn eine balladeske Heldentat zu vollbringen. Und der Balladen nicht genug, zauberte die Göttin des Dream Pop, Hope Sandoval, eine schon beinahe nicht mehr möglich gehaltene Verzückung in Form von Through The Devil Softly in die gut sortierten Plattensammlungen des Landes. Die werte Co-Bloggerin DifferentStars wird, sobald sie aus der Ehrfurchtsstarre erwacht ist, zu diesem Monument noch einige Worte andächtig verlieren. Ein ebenso perfektes sinnebeträufelndes Mirakel kredenzten The Low Anthem mit der Scheibe Oh My God, Charlie Darwin. Doch waren es nicht nur schönen melodischen Mätzchen vom Schlage eines The First Days Of Spring von den so talentreichen Noah and the Whale, die in den vergangenen Monaten zu Schwelgereien einluden.

Auch flockigeres Geträller mengte sich ins Flirren der Großstadthitze. Major Lazer sorgten mit ihrem Klebstoff-Raggamuffin für Ekstase. Guns Don’t Kill People… Lazers Do schob ein Sommerflair der Extraklasse vor sich her. Fast unbeachtet stiefelten Fat Freddy’s Drop im August durch die Lande und bestachen mit Dr Boondigga and the Big BW. Ein Geheimtipp des letzten Quartals. Abgerundet wird die Rhythmus-Sektion von Felix Da Housecat, dessen He Was King sein bisher größter Wurf ist. Dazu demnächst mehr…

Wie sah es in letzter Zeit mit deutschen Musikern und Bands aus? Trist möchte man bemerken. Denn Element Of Crime sind endgültig auf einem Schunkel-Niveau angelangt, das eine Musikantenstadl-Stimmung vor dem geistigen Auge als Schreckensszenario erstehen lässt. Und was an Jochen Distelmeyer heilsbringerisch sein soll, das verstehen wohl nur einen gestriegelten Schnurrbart tragende Hipster. Enttäuschungen, wohin das Ohr auch hört. Da lobe ich mir meine Lieblingsentdeckung des Jahres, die Berliner Band Mein Mio, welche Irgendwo in dieser großen Stadt Inspiration für unverschlumpften und gefühlsechten Deutschpop fanden. Natürlich darf auch Max Herre bei den Lichtblicken nicht fehlen, seine authentisch transportierten Stimmungen machten Ein geschenkter Tag zur idealen Entschädigung für die Geschädigten eines Sven Regener. Und sogar die englische Texte wurden hierzulande mal samten vorgebracht, wie es Timo Breker auf der EP Learn & Wait offerierte, oder tiefsinnig, was I Might Be Wrong auf Circle The Yes extraordinär meisterten.

Kommen wir zu Könnern aus Großbritannien. The Big Pink sind der Beluga unter dem Kaviar, der derzeit von Insel zu uns rüberschwappt. A Brief History of Love ist kein Hype, sondern Fakt. Ebenso durfte man Florence & the Machine dank Lungs als Schattenspender an hitzeverseuchten Tagen empfinden. Doch wurde auch ein Verbrechen in Form von Muse und dem neuen Alben The Resistance in unsere Breiten gebeamt.

Kurz noch will ich die geballte Faust höher wuchten und das Entsetzen ausdrücken, welches mich quält. Marit Larsen als Newcomerin der warmen Jahreszeit wäre nur dann zu verstehen, wenn die Schweinegrippe die glorreiche Gilde skandinavischer Songwriter gleich im Dutzend dahingerafft hätte. Beliebige Langeweile als Erfolgskonzept – unverständlich. Noch übler freilich scheint das Loben über jedweden grünen Klee, welches man diesen Sommer dem armseligen Achtziger-Jahre-Bockmist von Zoot Woman angedeihen ließ. Eine Unplatte.

All die Prunkstücke der letzten 3 Monate freilich werden noch in den Herbst hineinstrahlen und manch düstrem Tag die richtige Bleiche verleihen. Und einige frohe Songs werden die wenigen verbleibenden Sonnenstrahlen in Gold tauchen. Amen.

SomeVapourTrails