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Release Gestöber 26 (Sun Kil Moon, Bone & Bell, Sin Fang, The Blue Angel Lounge und mehr)

Einmal mehr ein paar Empfehlung zu gegenwärtigen Neuerscheinungen…

Sin Fang

Sindri Már Sigfússon ist ein umtriebiger Mensch, sowohl im Kollektiv Seabear als auch solo als Sin Fang wirkend. Als Sin Fang hat der Isländer 2011 das mal pittoresk-melancholische, mal angenehm flirrende Album Summer Echoes hervorgebracht. Auf diesen federleicht tänzelnden sommerlichen Tagtraum folgt dieser Tage die EP Half Dreams. Der Nachschlag greift die Magie der Vorgängerplatte auf, speziell der Song Walk With You darf sich eines sehnsuchtsseligen Refrains („Let me walk with you in my dreams/ let me talk with you in my dreams/ Look what you’ve done to me/ I only want to fall asleep/ So I can walk with you in my dreams„) rühmen. Half Dreams besticht als kreatives Pfund, das mehr als nur seichten, folkigen Indie-Pop im Köcher hat. Die in der zweiten Hälfte von Shine For Me auftretende pastorale Entrückheit trägt Elfenglanz im Haar, zeigt einmal mehr, warum es isländischer Musik nie an Großartigkeit mangelt.

Half Dreams ist am 25.05.2012 auf Morr Music erschienen.

Made in Iceland V

Verweilen wir noch kurz in isländischen Gefilden. Island zählt knapp 320.000 Einwohner, bietet zugleich dutzende musikalische Acts mit Format auf. Allein Berlin darf die zehnfache Menge an Menschen innerhalb seiner Stadtgrenzen beherbergen. Doch hat es tatsächlich auch 300 Bands von Belang zu verantworten? Island hat sich zu einem außergewöhnlichen musikalischen Hotspot gemausert. Wer Island bislang nur mit Björk oder Sigur Rós assoziiert, der gehört ohnehin nicht zu den Stammlesern dieses Blogs. Doch selbst Experten mögen die eine oder andere musikalische Erscheinung der letzten 12 Monate verpasst haben. Hier kann die Compilation Made In Iceland V des IMX (Iceland Music Export) Abhilfe schaffen. Mit Helgi Jónsson, FM Belfast, For A Minor Reflection, Lockerbie oder Vigri präsentiert uns diese Zusammenstellung die Schokoladeseite isländischen Musikschaffens. Dieser Stream gewährt einen feinen Einblick. Anhören und die Bands auskundschaften!

Bone & Bell

Zugegeben, ich bin durchaus von Ambition erfüllt, Künstler vorzustellen, die nicht bereits von Hinz und Kunz mit Worten bedacht wurden. Das ist mehr als schiere Eitelkeit des eigenen Geschmacks, eher schon der Versuch ein breites und hoffentlich rundes Bild des Musikschaffens zu zeichnen. Heute möchte ich Bone & Bell nicht unerwähnt lassen. Die am 25.05.2012 erschienene EP Organ Fantasies besticht durch die Stimme von Sängerin Heather Smith. Diese überzeugt nicht durch Oktavenreichtum oder besondere Charakteristik, vielmehr wegen der Fähigkeit sich in Songs zu schmiegen, den Liedern Seele einzuhauchen. Speziell beim Track Serpentside gelingt dies wunderbar. Diese folkige Ballade mit gespenstisch gehaltener Orgel und glockenklarem Gesang ist ein Kleinod erster Güte. Die restlichen Lieder der EP wirken dagegen wie nette Fingerübungen. Bone & Bell würde ich liebend gerne in Albumlänge erlauschen, die Organ Fantasies sind somit definitiv ein Versprechen auf mehr.

Sun Kil Moon

Viele Menschen weigern sich ihr eigenes Altern auch mit Reife zu verbinden. Das ist der Grund, weshalb auch Menschen in den Vierzigern noch Liebestralala lauschen oder sogar Greise in der Geriatrie noch die rockige Unbändigkeit beschwören. Wie wohltuend empfinde ich es daher ein nachdenkliches, humorvolles, erwachsenes, großartig geschriebenes Singer-Songwriter-Album wie Among The Leaves! Mark Kozelek zählt zu den besten Liedermachern seiner Generation. Aus mehrerlei Gründen. Da wäre zunächst eine ungemein sensible Stimme, die leise Töne mit unvergleichlicher Eindringlichkeit befördert. Auch sind Kozeleks Lyrics erzählerische Glanzlichter, die tief in die menschliche Seele scheinen. Wo Songwriting oft das Innere nach außen stülpt, geht Kozelek umgekehrt vor, dringt in Gefühl und Psyche ein, wahrt den intimen Rahmen. Ob zu Beginn seiner Laufbahn mit den Red House Painters, solo oder unter dem Projektnamen Sun Kil Moon, man darf stets über die große Seriosität staunen. Es ist das Erleben eines Werks, das den Hörer fordert und formt. Das sich nicht aufbauscht, weil es wahre Größe besitzt. Nehmen wir etwa den schnoddrigen UK Blues, der den Alltag auf Tour quer durch skandinavische und britische Gefilde erzählt. Neben einer lakonischen Beobachtung des jeweiligen Landes („Finland, Finland, so many trees/ John Denver would be pleased„) fällt der Fokus auf Konzerte bar jeder Groupieromantik. Dafür rückt das Hadern mit dem eigenen Vortrag in den Mittelpunkt. Sunshine in Chicago wiederum zeigt den Reisenden insgesamt zufriedener, dennoch Gedanken an Zeiten nachhängend, als noch süße weibliche Fans  seine Konzerte in dieser Stadt besuchten, während er nun Poster für Typen in Tennisschuhen signiert. Kleine Eindrücke verdichten sich, Kozelek schaut einem nicht mehr tauffrischen Musiker ins Gesicht, fühlt sich älter werden, nimmt es an. Among The Leaves ist ein fabelhaftes wie reifes Album, das man 2012 in jeder gut sortierten Jahresbestenliste völlig zurecht erspähen wird.

Among The Leaves ist am 01.06.2012 auf Caldo Verde erschienen. Drei kostenlose Downloads aus dem Album finden sich auf Stereogum.

The Blue Angel Lounge

Kommen wir nun zu einer EP, die gemischte Gefühle weckt. Weil sie rumpelt, so als würde über einen Acker voll Kraut und Rüben getuckert. Eine EP ohne Kohärenz! Das ändert jedoch nichts daran, dass Ewig keine uninteressante EP ist. The Blue Angel Lounge hatte ich nach ihrem gleichnamigen, sehr guten Debüt aus den Augen verloren. Die am 15.06.2012 auf 8MM Musik erscheinende EP zeigt eine Band auf der Suche nach dem eigenen Sound. Soll man sakralen, düster wavige Atmosphäre mit deutschem Text belegen (Ewig), langsam torkelndes Seemannsgarn strudeln (Inertia) oder doch dem letzten Album der Editors nacheifern (Melloch Halb & Halb)? Ich würde für letzteres plädieren. Fakt scheint mir, dass diese deutsche Formation durchaus das nötige Rüstzeug vorweisen kann, um international groß rauszukommen. Der markant-düstere Gesang in Verbindung mit einem stets bedeutungsschwangerem Sound sind als beste Vorzeichen zu werten. Auf die nächste LP von The Blue Angel Lounge bin ich mehr als nur gespannt. Die Kraut und Rüben dieser EP könnten auf der nächsten Platte bereits reiche Ernte einfahren. (In Distance Far Away From Me gibt es hier als kostenlosen Download.)

SomeVapourTrails

Musikalischer Quartalsbericht 2010 (I)

Das erste Quartal war in jeglicher Hinsicht üppig und eigentlich voll von schlagenden Argumenten, dass es keine Krise der Kreativen gibt. Was Musiker so ersannen und in den letzten 3 Monaten in Deutschland veröffentlichten, wird man nicht schnell vergessen können und mögen.

Beginnen wir zunächst mit Electronica. Wenn Blockhead, Four Tet, Bonobo und Autechre allesamt innerhalb kürzester Zeit gewaltige Alben veröffentlichen, strahlt mein Herz zufrieden. Vier Platten feinster Qualität und großer Diversität, angeführt von Blockheads in jeder Hinsicht hervorragenden The Music Scene.  Doch auch pointiertes Songwriting konnte 2010 in all seinen Facetten genossen werden. Ob nun in Form einer existentiellen Wehklage von Eels, der Rückbesinnung der The Magnetic Fields auf ein durch und durch sophisticated und gleichsam eingängiges Songwriting oder auch im famosen Vexations, mit dem Konstantin Gropper alias Get Well Soon endgültig unter Beweis stellte, dass er zu den sehr wenigen deutschen Musikern mit internationalem Format gehört. Völlig unbeachtet lieferten Clem Snide mit The Meat of Life ein kleines, in den Details zündendes Stück gediegensten Songwritings ab.

2010 bot auch ein letztes Abschiednehmen von Johnny Cash, dessen Ain’t No Grave von der Kritik als Leichenfledderei zerpflückt wurde. Ein Schwachsinn und Frevel, denn diese Lieder in einem Archiv versauern zu lassen, das wäre ein Sakrileg der besonderen Sorte gewesen. Auch die letzten gemeinsamen Aufnahmen von Ali Farka Touré mit Toumani Diabaté sind ein gelungenes Vermächtnis, Ali and Toumani gehört fraglos zu den erlesensten Scheiben der World Music dieses Jahres.

Kommen wir zu poppigen Tönen, Sambassadeur aus Schweden konnte mit European eine frische Mischung aus Twee und Indie-Pop finden, welche Genre-Fans sicher durch den Frühling bringen wird. Auch The Postmarks verzauberten mit erquickenden Sounds, die man in hiesigen Breiten noch zu gering schätzt. Das weit zu fassende Feld des Post-Rocks wurde einerseits von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra in erwartbarer Finesse beackert, andererseits begeisterte The Album Leaf mit schlichte Besinnlichkeit von A Chorus of Storytellers.

Zwei Platten verdienen eine besondere Erwähnung. Jaga Jazzist vermochten mit One-Armed Bandit ein kompositorisch komplexes Werk zu erschaffen, dass dennoch pure Hörfreude atmet. Vor solch Können muss man den Hut ziehen. Und fast noch mehr beeindruckte eine unbekannte deutsche Formation namens The Blue Angel Lounge, deren gleichnamiges Debüt unglaublich starken psychedelischen Rock beschert. So gut, dass man die Band partout nicht in Deutschland verorten mag.

Einige Wortfetzen seien auch Enttäuschungen und vorhersehbaren Zumutungen gewidmet. Tocotronic ergaben sich einem Gaga-Dadaismus, der all die Tugenden dieser Band zu einer Fratze verzerrte. Eine Frustration sondergleichen! Dass Vampire Weekend eine richtig flüssiges, also überflüssiges Contra ablieferten, das hingegen war keinerlei Überraschung. Und Joanna Newsoms neuestes Attentat auf kultivierte Gehörgänge ebenso. Aber es wird wohl auch immer Platten geben, die vom Feuilleton in einem Akt von Gesinnungsterror angepriesen und letztlich doch Zumutungen bleiben.

Das Resümee könnte trotz Querschläger nicht besser ausfallen. Die Hoffnung, dass sich die Fülle an Wundertaten im nächsten Quartal wiederholen wird, scheint überzogen. Für den Moment jedoch sollte Zufriedenheit regieren.

Die 10 besten Tracks:

Johnny Cash – Ain’t No Grave
Broken Bells – Trap Doors
Clem Snide – I Got High
Get Well Soon – We Are Free
Sambassadeur – Stranded
Massive Attack – Paradise Circus
Scanners – A Girl Like You
The Postmarks – Thorn In Your Side
Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself
Blockhead – Tricky Turtle

Die besten 10 Alben:

Jaga Jazzist – One-Armed Bandit
Scanners – Submarine
The Blue Angel Lounge – The Blue Angel Lounge
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Kollaps Tradixionales
Get Well Soon – Vexations
The Postmarks – Memoirs At The End Of The World
THUS:OWLS – Cardiac Malformations
Bonobo – Black Sands
Blockhead – The Music Scene
Sambassadeur – European

Die 5 schlechtesten Alben:

Joanna Newsom – Have One On Me
Tocotronic – Schall & Wahn
Vampire Weekend – Contra
Owl City – Ocean Eyes
Delphic – Acolyte

SomeVapourTrails

Unmüffeliges Dark Horse – The Blue Angel Lounge

Wenn schon retro, dann kann man auch gleich eine wichtige musikalische Epoche neuinterpretieren. Die Einfaltspinsel wählen die 80-er, clevere Musiker fokussieren sich auf die sechziger Jahre. Und genau diesen Ausgangspunkt wählt die deutsche Band The Blue Angel Lounge, deren selbstbetiteltes Debüt im Januar 2010 nun europaweit veröffentlicht wurde. Tatsächlich wirkt das psychedelische Sound-Gerüst der Formation kompakt und trotz der Referenzen an eine gute alte Zeit alles andere als abgedroschen. Dazu gesellt sich ein kleine Prise Shoegaze – womit wir also doch wieder in den Achtzigern wären. Ohne jedweden Kokolores erreichen die Songs eine geradezu hypnotische Wirkung, machen die Band zu einem veritablen Geheimtipp.

Bereits der Opener Looming Solid Massive Steamer fasst die Stärken von The Blue Angel Lounge wunderbar zusammen. Repetitive Elemente werden durch verzerrte Gitarren zum Höhepunkt getrieben, zum genretypischen Flair trägt die Percussion bei. Man addiere einen sich dem Sound unterordnenden, düster anmutenden Gesang – und bekommt ein Ergebnis, welches sich wirklich sehen lassen kann. Das Schwelgen in LSD-Wolken flutet die gesamte CD, sickert in die Ohren des Hörers, zeitigt Wirkung. Highlights eines Albums ohne Füllmaterial sind das faszinierende Desert Shore, ein wie aus den Schwaden einer Hippie-Kommune flirrendes, traumhaftes Orange In Green, das klagende Into Cold Water oder Die Away As One In Time, das leider viel zu kurz geraten scheint. Denn wenn es einen Makel zu erwähnen gilt, dann wohl diesen: Einige Songs wirken wie Miniaturen, denen die Band zu Unrecht nicht zutraut auf 5 Minuten ihre volle Wirkung zu entfalten. Mit Lsd And The Search For God und Rising End wandeln The Blue Angel Lounge in Richtung Shoegaze, bescheren einmal mehr einen Zustand der Entrückung, runden ein beeindruckendes Gesamtbild ab.

Dass ein Dark Horse, das so absolut zufällig in mein CD-Regal getrabt ist, mich derart zu überzeugen vermag, geschieht nicht oft, eigentlich immer seltener.  Und so wenig ich über die Band auch herausfinden konnte, so sehr bin ich gleichzeitig der Auffassung, dass die Jungs mit reichlich Talent gesegnet sind. Das Songwriting überzeugt durch und durch, so sehr, dass ich mehr davon begehre. Denn obwohl man weiß, woher der Wind weht, riecht die Chose nie müffelig. The Blue Angel Lounge liefern ein hervorragendes Erstlingswerk ab, an dem man sich nicht schnell satt hören kann. Ich bin enthusiasmiert und baue mir im Geiste einen Joint, um den mich jeder Berliner Drogen-Dealer beneiden würde.

Live-Auftritt:

25.03.10 Köln – Tsunami Club

Link:

MySpace-Auftritt mit Hörproben

SomeVapourTrails