Indie-Track-Auslese 2013 (Juli/August/September)

Obwohl wir in den vergangenen 3 Monaten ungewöhnlich viele Größen der Musik besprochen haben, fand doch auch der eine oder andere Indie-Künstler Erwähnung auf dem Blog. Hier eine nochmalige Auflistung manch toller Tracks.

Human PyramidsRelapse (Großbritannien) Album: Planet Shhh! (VÖ: 15.07.2013 auf Oxide Tones)

PINSLost Lost Lost (Großbritannien) Album: Girls Like Us (VÖ: 27.09.2013 auf Bella Union)

 Weiterlesen

Lauschrausch XXXIX: The Deep Dark Woods

Vor über anderthalb Jahren habe ich hier über die kanadische Band The Deep Dark Woods und ihr Album The Place I Left Behind berichtet. Damals habe ich darauf hingewiesen, dass der Name Programm scheint, „bietet die Formation doch eine Mischung aus Folk und Americana, dessen intaktes ländliches Flair so einige Geschichten zu erzählen weiß“. Dieser Tage nun gilt es eine neue Platte namens Jubilee zu erwähnen. Diese wird, wenn man der ersten Hörprobe 18th of December Glauben schenken darf, einmal mehr eine feine Sache. Wieder glänzt die Formation mit einem altmodisch gehaltenen, rural verwurzelten Songwriting, wieder wird hier nicht die Fidel wie wild geschwungen, sondern einer gewissen Getragenheit gefrönt. Und abermals besticht Ryan Boldts erdiger, zarter Gesang. 18th of December lässt somit auf ein tolles Album schließen, zumal die Kanadier ein solches bereits mit The Place I Left Behind vorzuzeigen haben. Liebhaber von Folk und Americana dürfenn bei The Deep Dark Woods ruhigen Gewissens schwach werden und sich in einen ausgiebigen Lauschrausch stürzen. Ich für meinen Teil jedenfalls kann das Album kaum erwarten!

 Weiterlesen

Keine glubschäugigen Landeier – The Deep Dark Woods

Was in hiesigen Breiten völlige Vernachlässigung erfährt, wird andernorts gehegt und gepflegt. In Kanada beispielsweise finden sich immer wieder Bands, die einen ruralen Sound, der nicht auf Urbanität pocht, pflegen. Man muss nämlich nicht den Puls einer hyperaktiven Metropole fühlen, um anspruchsvolle wie zeitlose Musik zu ersinnen. Auch die Flucht in temporäre Einsiedelei samt anrühriger Naturerfahrung bringt doch nur Klänge hervor, die einen Kontrapunkt zum städtischen Sein darstellen wollen. Bei The Deep Dark Woods freilich scheint der Name Programm, bietet die Formation doch eine Mischung aus Folk und Americana, dessen intaktes ländliches Flair so einige Geschichten zu erzählen weiß. Das 2011 veröffentlichte Album The Place I Left Behind lässt vieles zurück, entfremdet sich von Orten wie Menschen, behält Erinnerungen dabei stets im Herzen, breitet diese oft voll wärmender Melancholie vor dem Hörer aus.

Die aus der kanadischen Provinz Saskatchewan stammende Formation bedient mit ihrem jüngsten Werk keine schlichten Fantasien, die ein Zurück zur Natur verklären. Eher schon steht ein Track wie Big City Lights verstört vor den Kulissen der Stadt und spricht gleich einem Mantra von Ruhe und Stille. Um zum Aussteiger zu mutieren, muss man irgendwann zuvor den Trubel zunächst einmal umarmt haben. Doch The Deep Dark Woods sind keine glubschäugigen Landeier, die es voll Euphorie in die weite Welt verschlägt, nur um schon kurz darauf die zivilisatorische Dekadenz der Großstadt zu erkennen. Ihre Reflektionen beschäftigen sich viel grundsätzlicher mit menschlichen Irr- und Abwegen, mit Herzschmerz und unweinerlichem Verlierertum.

The Deep Dark Woods – West Side Street by Sugar Hill Records

Never Prove False etwa propagiert den Fortgang, einen in dramatischen Folk gewandeteten Aufbruch in ein fremdes Land, welches schon mit einem Hauch Exotik lockt und über den Schmerz der notwendigen Trennung überschattet. Wirklich großartig fächert The Ballad of Frank Dupree die Gedanken eines Mörders vor der Hinrichtung auf, das Selbstmitleid eines verpfuschten Existenz, die Konfrontation mit der betrübten Mutter, allzu späte Einsichten. The Banks of the Leopold Canal wiederum handelt vom Einberufungsbefehl eines Soldaten, der ihn in den Krieg gegen die Nazis, genauer gesagt zur Schlacht an der Scheldemündung, schickt. Letztlich thematisieren The Deep Dark Woods gewollte wie ungewollte Abschiede sowie Wege, die in den Abgrund führen. Die Lieder definieren ein wie ein Schatzkästchen gehütetes Gefühl von Heimat ebenso, wie sie natürlich auch in die Ferne vagabundieren, nach Neuem streben. Jene Unrast tritt besonders im in jeglicher Hinsicht formidablen Titelsong The Place I Left Behind zutage. Eine Unruhe des Herzens lässt sich auf bei Virginia konstatieren, wenn eine süßliche Orgel das Liebesleid des in den Fängen der Angebeteten zappelnden Mannes untermalt. Wie Mary’s Gone gekonnt auf die Tränendrüse drückt, sagt viel über das Songwriting der Band aus. The Deep Dark Woods versteigen sich nie zu großen Dramen, schildern Schicksale mit einer Schlichtheit, vermeiden Mal für Mal ein Übermaß an Worten. Solch textliche Prägnanz wird durch die klare, ungeschniegelte, erdige Stimme Ryan Boldts ergänzt, abgerundet von einem wohldosierten, so abwechslungsreichen wie zugleich charakteristischen Sound aus Orgel, Banjo und Pedal-Steel-Gitarre.

Ob bluesige Note oder herrlichste Folkigkeit, ob Ballade oder schunkeliger Country, stets strahlt die Band unverfälschte Klänge aus. Eine ländliche Musik, die im Gestern wie im Heute fußt, sich abseits aller Klischees bewegt und perfekt austariert erschallt. Das absolut stimmige The Place I Left Behind driftet nie in die Angestrengtheit vieler Genre-Genossen ab, klingt umso fokussiert, je rastloser die Protagonisten der Songs durch das Leben stapfen. The Deep Dark Woods haben mit der Platte eines der echten Highlights des Jahres 2011 gesetzt. Eines, das lohnt, die musikalischen Leckerbissen von 2012 noch ein wenig schmoren zu lassen!

The Place I Left Behind ist am 18. 10.2011 auf Sugar Hill Records erschienen.

Link:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

Release Gestöber 16 (The Deep Dark Woods, Tindersticks, BADBADNOTGOOD, Zip Tone)

2011 nähert sich dem musikalischen Ende. Jetzt beginnt jedermann, der in diesem Jahr das eine oder andere Album für sich entdeckt hat, schon mal mit dem Bilanzieren. War es ein guter Jahrgang oder doch nur ein Mehr an Altbekanntem? Ich für meinen Teil bin noch heftig am Entdecken und mehr denn je der Überzeugung, dass das, was von führenden Magazinen als das Beste verkauft wird, höchstens einen kleinen Teil dessen widerspiegelt, was sich in musikalischer Hinsicht so auf Erden tummelt. So möchte ich den verbleibenden Wochen des Jahres noch jede Menge feiner Musik vorstellen. Für Bestenlisten ist es zu früh, es gibt noch sehr viel zu entdecken.

The Deep Dark Woods

Beginnen wir doch gleich einmal mit einem Album, welches zweifelsohne zu den besten Platten des Jahres zählt. Wer Folk oder Alternative Country liebt, muss das Album ohne Wenn, ohne Aber, ohne die klitzekleinste Einschränkung verehren. Die kanadische Band The Deep Dark Woods mag in hiesigen Breiten mit Unbekanntheit geschlagen sein, aber man vertraue mir, ich weiß, was ich tue und rate dringendst zur Entdeckung des Albums The Place I Left Behind. Ich werde in den nächsten Wochen noch öfter von dieser Platte schwärmen. Wer seine eigene Jahresbestenliste für 2011 mit einem wirklich feinen Werk aufpeppen möchte, der sollte noch rasch dem Zauber von The Place I Left Behind erliegen.

The Deep Dark Woods – West Side Street by Sugar Hill Records

Tindersticks

Manch tolles Album hört man Monate nach Erscheinungsdatum und erstarrt sofort vor Ehrfurcht. Anderen Platten wiederum darf man voll Vorfreude harren. Zum Beispiel The Something Rain der Tindersticks. Die Band rund um Edel-Stimme Stuart A. Staples wird ihr neuestes Werk am 17.02.12 auf City Slang veröffentlichen. Einen ersten Vorgeschmack liefert das Video zum Song Medicine.

Auch Konzerttermine gibt es bereits zu vermelden:

07.03.12 Berlin – Volksbühne
12.03.12 Köln – Gloria
15.03.12 Lausanne (CH) – Pully, Theatre de L’Octogone
16.03.12 Zürich (CH) – Kaufleuten

BADBADNOTGOOD

Nun zu einem weiteren Album, über welches ich nicht gerade übermäßige Berichterstattung vernommen habe. Wohl auch, weil man in Zusammenhang mit diesem Album das Wort Jazz erwähnen muss. Und dies verscheucht sogar aufgeschlossene Musikliebhaber. Dabei muss Jazz keineswegs das suspekte Laster des kultivierten Mannes in den mittleren Jahren sein. Wenn etwa Jazz auf (instrumentalen) Hip-Hop trifft, wie im Falle des kanadischen Trios BADBADNOTGOOD, dann entwickelt dieser entspannte Sound eine Anziehungskraft, die jedweder Beschreibung spottet. Das im September veröffentlichte Werk BBNG ist ebenso ein Genuss wie das jüngst erschienene BBNGLIVE. Wie die Band Cover neuinterpretiert und kräftig improvisiert, lässt mein musikbesessenes Herz vor Freude hüpfen. Warum die Formation alles als Gratis-Downloads unters Volk bringt, entzieht sich bei dieser Klasse freilich meinem Verständnis.

Auf bandcamp finden sich die Links zu den kostenlosen Alben-Downloads.

Zip Tone

Wir befinden uns ja in der durchaus privilegierten Lage, Alben lange vor Veröffentlichungstermin einfach so unter dem Türspalt durchgeschoben zu bekommen. Da sind musikalische Verbrechen ebenso darunter, wie schlichtweg wundervolle bekannte und unbekannte Künstler. Und manchmal denke ich mir, dass die Ansätze zwar ansprechend scheinen, die Umsetzung jedoch unspektakulär bis mangelhaft wirkt. Zumindest jedoch falsch akzentuiert. Wie im Falle von Zip Tone. Nun bin ich atmosphärischem Pop durchaus aufgeschlossenen, gerne darf auch sirenesk in abgehoben elektronischen Klängen geplanscht oder sogar softem Trip-Hop zugesprochen werden, aber wenn die Chose ab und an in New-Age-Klimbim abtaucht, wurde doch die eine oder andere Chance vertan. Denn prinzipiell schätze ich das Potential von Zip Tone überdurchschnittlich ein. Würde ich das Projekt von Kerstin Leidner als völlig uninteressant einstufen, kämen mir keine Worte über die Lippen. So jedoch möchte ich ein ein paar Zeilen zu dem Album Sandman verlieren.

Das A und O einer feinen Platte ist eine alles überragende Stimme oder schlichtweg virtuoses Songwriting, zumindest aber ein Kompromiss auf guten Niveau. Zip Tone kann eine feine, ätherische Stimme aufbieten, die nur ab und an ein wenig zu gestelzt wirkt, allzu brav tönt. Auch einige der Kompositionen scheinen, wenn man ihnen die hin und wieder übertriebene Entrücktheit verzeiht, durchaus mit Potential versehen. Alone beispielsweise bleibt stimmlich kräftig, wo viele Sängerinnen in hoffnungsloser Fragilität dahinseufzen würden. Dieser Track besitzt fraglos Charme. Auch Autum’s Atmosphere entwickelt sich stetig und kitschfrei, nimmt einen ansprechenden Beat auf, wenngleich die eine oder andere Synthie-Einsprengselung des Guten zuviel ist. Darin steckt eine keineswegs abgenudelte Exotik. Mitunter jedoch klingt die Sache so pathetisch wie beliebig (Falling), leblos wie gezeichnete Fantasy, ein Traumtänzerprojekt. Der gute Track Another Sandman wiederum bleibt gefühlvoll, ohne gleich gefühlsschwanger zu sein. Das Dilemma dieser Scheibe, zwischen künstlicher Ergriffenheit und schön schwebenden Emotionen zu schwanken, führt einmal mehr vor Augen, dass manch ordentliche Grundvoraussetzungen nicht zwangsläufig zu einem sehr guten Ergebnis führen müssen.


zip tone – alone HD-Quality__(c)2010 von zip_tone_music

Zip Tone vermag mit einzelnen Songs zu betören, die Platte selbst überzeugt jedoch nicht. Ein fokussierter Produzenten, der Sandman mehr Understatement sowie subtile Theatralik eingeimpft hätte, wäre für Sandman eine echte Wohltat gewesen.

Sandman ist am 09.12.11 auf Next Vice erschienen.

 

SomeVapourTrails