100 Songs – Teil 15 (Do You Realize??)

The Flaming Lips zählen zu der Sorte von Bands, die ich zwar respektiere. Im Grunde ist die Formation rund um Mastermind Wayne Coyne der seltene Glücksfall einer unangepassten, exzentrischen Band, deren Strahlkraft sogar bis in die Mainstream-Charts reicht. Und dennoch laufe ich nicht wirklich Gefahr, einer ihrer Platten mein Herz mit Haut und Haar zu schenken. Doch so sehr mich The Flaming Lips auf Albenlänge irritieren, berühren mich einzelne Tracks ohne Unterlass. So zum Beispiel der schlichtweg famose Song Do You Realize?? von dem bemerkenswerten Werk Yoshimi Battles the Pink Robots. Man lasse sich von der Lieblichkeit der Melodie und der orchestralen Breite nicht täuschen, über die prägnante Tiefgründigkeit der Lyrics kann man einfach nur Bauklötze staunen.

Bereits die ersten drei Zeilen verdichten eine schwärmerisch-grüblerische Stimmung, die in der Zeile „Do you realize that everyone you know someday will die?“ gipfelt. Diese Frage sitzt, man kann sie nicht abschütteln. Sie hebt den Gedanken an Vergänglichkeit auf eine neue Ebene. Diese betörend gesäuselten Worte krempeln alles um. Weil sie nicht nur die eigene Zeitlichkeit thematisieren, sondern den Blick darauf lenken, dass man allerorts von Endlichkeit umgeben scheint. Jede Person, die man ins Herz geschlossen, jeden Menschen, welchen man liebt, jedes Lächeln, das man gesehen, alles verwelkt, stirbt. Das wirkt als neue Qualität des Schmerzes. Derart vervielfacht sich der Kummer, tritt die persönliche Sterblichkeit für einen Moment in den Hintergrund, weicht einer neuen Erkenntnis. Denn wenn – abseits aller Religionen – unser Trost auch darin liegt, dass man nach dem Tode noch in der Erinnerung anderer existiert, so verliert dieser Trost seine Aufmunterung, wenn auch diese Erinnerung früher oder später vom Tode getilgt wird. Wenn man erkennt, dass alle Schönheit erlischt, fällt es schwer, sich überhaupt noch an den Dingen zu erfreuen. „Do you realize that everyone you know someday will die?“ bringt mit schonungsloser Schlichtheit und frei von philophischen Verklausulierungen auf den Punkt, was man sonst nicht gern zu denken wagt. Dass dies Lied keine Traurigkeit beschert, letztlich doch eine aufmunternde Wirkung entfaltet, liegt vor allem den Zeilen „You realize the sun don’t go down/ It’s just an illusion caused by the world spinning ‚round„. Denn so wie unsere Augen uns betrügen und Dunkelheit vorgaukeln, so mag auch die Vergänglichkeit bloss Trugschluss sein. In diesem Gedanken keimt Hoffnung, liegt Linderung im existientiellen K(r)ampf.


The Flaming Lips – Do You Realize?? von TheFlamingLips-Official

The Flaming Lips haben mit Do You Realize?? ein mit großen Augen staunendes, zärtlich in den Arm kosendes Lied fabriziert. Es hebt die Zerbrechlichkeit sämtlicher Existenz hervor, offeriert allerdings zugleich Ermunterung. Das ist doch die wahre Kunst: Eine Wunde zu reißen und sie alsdann zu nähen. Den Stachel ins Fleisch zu bohren, nur um ihn sofort zu entfernen und die Stelle mit Salbe zu benetzen. All dies leistet Do You Realize?? und deshalb gehört das Lied in den Kanon meiner 100 Songs.

Link:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

Video: The Flaming Lips – ‚Watching The Planets‘

EMBRYONIC TRAY

Auf NME könnt ihr euch das neue The Flaming Lips Video Watching The Planets ansehen.
Sobald ich nen funktionierenden Embed-Code gefunden habe, auch hier 😉

http://www.nme.com/video?bcpid=26429438001&bctid=49582897001

Ansonsten:

WOW – mehr bleibt mir da nicht zu sagen! Die Musik, die Bilder,… endlich mal wieder was, was mich weg haut. Im positive Sinne, wohlgemerkt.

Bleibst mal wieder dem Review-Meister überlassen, wohlfeile Worte zu finden.
Hier das Album Embryonic im Stream:

Viel Spaß damit!

DifferentStars

500 essentielle Songs der Dekade – Teil 1

Wer dieser Tage Pitchfork ansteuerte, durfte mit hochgezogener Augenbraue die 500 wichtigsten Tracks dieser Dekade begutachten – oder vielmehr belächeln. Was hier inmitten verdienter Glanztaten an Schrecklichkeiten zu finden ist, deutet durchaus darauf hin, dass Plattenfirmen manch Sänger eine kräftige Fürsprache angedeihen haben lassen. Kelly Clarkson auf Platz 21 kann nur ein wirklich geschmacksverschleimtes Hirn ersinnen. Insgesamt ist diese Liste eine derart dumme, ärgerliche, in die Irre führende Angelegenheit, dass man sie nicht geflissentlich ignorieren kann und darf. Gerade Leute, die sich mit Musik eben kaum bis gar nicht beschäftigen, kommen am Ende durch solch Aufzählung auf den komplett absurden Gedanken, wonach der Mist, den Beyoncé verzapft, tatsächlich die Krone der audiophilen Hochgenusses sei.

Darum wollen wir in den nächsten Wochen und Monaten hier eine in jeder Hinsicht vielfältigere Auswahl präsentieren.  500 Songs dieser Dekade – in feinster subjektiver Manier handverlesen und durchaus mit einem gerüttelt Maß an objektivem Anspruch. Heute beginnen wir mit den ersten 50 Liedern.

500Tracks(Teil1)

kingdomofrustDovesKingdom Of Rust (2009)

bringmetheworkhorseMy Brightest DiamondWe Were Sparkling (2006)

straightfromthefridgeJames HardwaySpeak Softly (2002)

skilligansislandThirstin Howl IIIWatch Deez (feat. Eminem) (2002)

gulagorkestarBeirutPostcards From Italy (2006)

frenchteenidolFrench Teen IdolShouting Can Have Different Meanings (2005)

addinsulttoinjuryAdd N to (X)Plug Me In (2000)

convictpoolCalexicoAlone Again Or (2004)

pleasedtomeetyouJamesGetting Away With It (All Messed Up) (2001)