Mammut Merritt – The Magnetic Fields

Photo Credit: Marcelo_Krasilcic

Große Projekte verdienen eine ausgiebigere Betrachtung als herkömmliche Unterfangen. Darum höre ich seit Wochen schon 50 Song Memoir, das nicht eben läppische 5 CDs umfassende Box-Set von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt wühlt hier in seinen Erinnerungen, lässt die ersten 50 Jahre seines Lebens Revue passieren. Die Idee zu diesem Vorhaben kam vom Boss seines Plattenlabels Nonesuch Records, entwickelte sich aber keineswegs aus einer Bierlaune heraus. 1999 bedeuteten die aus 3 CDs bestehenden 69 Love Songs ja Merritts Durchbruch. Seit damals ist Merritt ein Darling der Musikkritik und mehr noch eine Ikone der großstädtisch-liberalen Musikfans. Es war also durchaus nicht bloß künstlerische Bewunderung, die Robert Hurwitz von Nonesuch zu jener Anregung trieb. Ein Opus magnum vom Schlage der 69 Love Songs können nicht viele Songwriter stemmen, für Merritt dagegen scheint der Umfang eines Box-Sets geradezu prädestiniert, wie auch 50 Song Memoir einmal mehr belegt.

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Schlaglicht 66: The Magnetic Fields

Es gibt wohl selten jene Einhelligkeit der Meinungen, wie man sie von der Musikkritik zu den 69 Love Songs vernommen hat. Dieses drei CDs umfassende Werk aus dem Jahre 1999 ist das Opus magnum von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt zählt fraglos zu markanten Köpfe der amerikanischen Indie-Szene, verkörpert all das, was in den USA dieser Tage unter Beschuss steht, nämlich das großstädtisch-liberale Milieu. Merritts trockener Humor, der den lakonischen Intellektuellen verrät, scheint fast aus der Zeit gefallen. Er will so gar nicht zum reaktionären Eifer der Gegenwart passen, hat auch nichts mit der dauerposenden Ironie der Hipster gemein. Kurzum, Merritt ist eine interessante Erscheinung, selbst wenn nicht jedes seiner Alben an die absolut famosen 69 Love Songs heranreicht. 2017 strebt er mit den The Magnetic Fields allerdings wieder ein Meisterwerk an. 50 Song Memoir ist ein 5 CDs beinhaltendes Boxset, dass auf 50 Liedern Merritts 50 Lebensjahre Revue passieren lässt. Laut Pressetext sind die nicht-fiktionalen Texte eine Mischung aus Autobiographie, festgemacht an 3 B’s (Bedbugs, Buddhism, Buggery), und Dokumentation, repräsentiert durch 3 H’s (Hippies, Hollywood, Hyperacusis). Der werte Merritt begann mit dem Aufnahmen zu diesem Werk am 09.02.2015, seinem fünfzigsten Geburtstag. Die dieser Tage nun veröffentlichten ersten Kostproben zeigen den Künstler in Bestform. All das, was seit über 25 Jahren bereits sein Songwriting auszeichnet, sticht auch hier ins Auge. So beschreibt das verdammt eingängige ’93 Me and Fred and Dave and Ted die wilde Zeit als Endzwanziger in einer nicht eben alltäglichen WG.Read more: Schlaglicht 66: The Magnetic Fields

Songs von gestern und immer: All the Umbrellas in London

Als Musikblogger ist man permanent von aktuellen Veröffentlichungen umgeben, vor lauter jetzigen Tönen vergisst man mitunter das Hören der Lieder und Alben, die die Leidenschaft für Musik erst begründet haben. Daher will ich ab jetzt vermehrt einen Blick auf die Songs von gestern und immer werfen.

Über The Magnetic Fields muss ich dem eingefleischten Musikfan wirklich keine Vorträge halten. Seit 24 Jahren schon fabriziert Mastermind Stephin Merritt feine Indie-Pop-Perlen von ausgesucht textlicher Raffinesse. So etwa beim 1999 veröffentlichten, drei CDs umfassenden Klassiker 69 Love Songs. Merritt vermag die ganze Klaviatur von Beziehungszuständen auszureizen, er wuppt ironische Brechungen, er kennt Larmoyanz ebenso wie bedauerndes Schulterzucken, er reicht Gefühle in pittoresker Schönheit dar. Wer Liebe in all ihren Facetten begreifen möchte, sollte keine Ratgeber oder aufgeplusterte Romane lesen. Merritts Schaffen zu durchforsten, das reicht völlig. Doch sind den Magnetic Fields keinerlei menschliche Regungen fremd. Read more: Songs von gestern und immer: All the Umbrellas in London

Stippvisite 12/05/12 (Ablassausgabe)

Kurz und knapp wieder einmal ein paar Empfehlungen, die mir in den Weiten des Netzes und bei den bloggenden Kollegen so begegnet sind.

Ablasstipp:

Beginnen wir ohne Umschweife mit einer EP wie aus dem Bilderbuch. Besser könnte sich eine Gruppe nicht einführen, möchte ich meinen. Die von der britischen Eiland Isle of Wight stammende Band The Shutes beschert uns mit Echo Of Love fünf großartige Tracks, atemberaubend melodisch, in hinreißend retroeskem Pop badend, zugleich erfrischend lebendig forsch. In dieser geballten Pracht gerät die EP zu einem Sahnebonbon, an dem man sich glücklich lutschen darf.  Neben dem tollen Titeltrack stechen auch das feenhafte gesungene Only und She Said hervor. Letzteres ist unten als kostenloser Download verfügbar. Ein Muss, selbstverständlich. Nochmals zum Mitschreiben: Jeder Banause kann einen musikalischen Ablass erlangen, wenn er denn nur diese EP erwirbt. Ja, Echo Of Love ist wirklich so fein. Anhören, sich für den eigenen guten Geschmack auf die Schulter klopfen, die Band weiterempfehlen! (via Coast Is Clear)

Downloadtipp:

Seit mehreren Wochen kritzle ich mir den Namen einer Band auf meinen Notizzettel, doch irgendwie will es Mal für Mal nicht klappen, meine Feder zur Würdigung der Formation zu schwingen. Anfangs grätschte mir Begeisterung in die Zeilen, später vorwurfsbittere Enttäuschung. Denn The Spring Standards ist mit der Doppel-EP yellow//gold kein großer Wurf gelungen. Man möchte eigentlich schon den Mantel des Schweigens darüber breiten, wäre da nicht der rundum ansprechende Titel Only Skin. Als ich das Lied zum ersten Mal hörte, war ich bass erstaunt, völlig enthusiasmiert. Es zählt für mich fraglos zu den besonders berührenden Stücken des bisherigen Jahres. Es lässt den ohnehin faden Rest von yellow//gold noch stinklangweiliger dastehen. An Only Skin freilich gibt es rein gar nichts zu rütteln, wovon sich jeder durch den Gratis-Download auf dem Magnet Magazine selbst überzeugen kann. (Die deutsche Instanz in Sachen Indie, das klienicum nämlich, scheint die Doppel-EP anders zu bewerten.)

Videotipp:

Kennt ihr das auch? Da sieht man ein Musikvideo, findet es nett, will es sogar ins Herz schließen, doch fühlt man sich gegen Ende plötzlich mit Fragezeichen konfrontiert, vermag weit und breit keine Auflösung zu erkennen. Eine gute Idee schreit förmlich nach einer konsequenten Umsetzung. In dem Clip zum Lied Quick! findet sich die eine oder andere Kuriosität, vor allem aber eine Darstellerin, deren Mimik und Gestik das übersteigt, was man in den meisten Musikvideos geboten bekommt. An Szenerie und schauspielerischem Talent liegt es nicht, dass hier eine Geschichte schlichtweg nicht erzählt wurde. Nur gut, dass Quick! aus dem Köcher der großartigen The Magnetic Fields stammt. Wer diesen Blog schon ab und an besucht hat, wird wohl bereits über mein Faible für das Projekt von Mastermind Stephin Merritt gestolpert sein. Das vor 2 Monaten erschienene Album Love at the Bottom of the Sea hat sich nicht uneingeschränkt in meine Gehörgänge gebohrt, aber wie so oft beweist Merritt sein Händchen für kurze, knackige, unnachahmliche Popsongs. Nicht jeder Song trifft ins Schwarze, aber die Tracks, die dies tun, sind einfach stark, virtuos. So wie eben Quick! und das wiederum macht auch das dazugehörige Video zu einem Genuss. (Mit Dank an nicorola für den Tipp.)

Kanadatipp:

Zuletzt will ich noch die kanadische Indie-Rock-Band Wintersleep empfehlen. Wintersleep sind so unbekannt nicht und die Chancen stehen gut, dass  das anstehende Album Hello Hum der Formation zu weiterer Berühmtheit verhilft. Der Track Nothing Is Anything (Without You) stellt einen triftigen Grund dar, warum man der neuen Platte sein Ohr leihen sollte. Exclaim! versteigt sich zu der Aussage, dass Wintersleep wohl sehr viel R.E.M. gehört haben. Nun kann man sich schlechtere Vorbilder aussuchen, mehr noch ein Abkupfern ins Auge fassen. Das jedoch sehe ich bei Nothing Is Anything (Without You) überhaupt nicht. Auch in diesem Fall gilt: Erlauschen lohnt! (Der ebenso guten Song Resuscitate winkt zudem unten als Gratis-Mp3.)

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Release Gestöber 19 (Jennie Abrahamson, Yppah, Golau Glau, The Magnetic Fields)

Ein bisschen fühlen wir uns ja gleich Partnervermittlern, die aus dem Fundus an Beziehungswilligen den Interessenten exakt jene vorschlagen, die wir persönlich knorke finden. Und so wie wir weder Busenwundern noch Machos frönen, so geraten auch unsere musikalischen Empfehlungen speziell, hoffentlich jedoch frei von übertriebenen Fetischen. Vielleicht erzeugt der eine oder andere Tipp einmal mehr ein Leuchten in den Augen des Lesers. Dann hätten wir unsere kupplerische Mission bravourös erfüllt.

Jennie Abrahamson

Schweden darf sich vieler Singer-Songwriter rühmen. Jennie Abrahamson mag noch nicht zur vordersten Garde gehören, tätsächlich fehlt ihrem Liedermacherhandwerk oft der zündende Funke, eine Emotionen bindende Melodie mit ausgeprägter Halbwertszeit. Dabei liefert Abrahamson lebendigere Popsongs ab als viele ihr Landsfrauen, doch oft ist diese Quirligkeit mit allzu angestrengtem Bemühen und unsäglichen Marotten verbrämt. Diesen Kritikpunkten zum Trotz komme ich am Album The Sound of Your Beating Heart nicht vorbei. Weil eine Ballade wie Running ausgiebig zwischen enervierenden Höhen und ausgetüfteltem Arrangement pendelt, Hard To Come By im Refrain als robuster Ohrwurm funktioniert, A Better allerlei No-Gos und Versatzstücke zu einem schönen Midtempo-Stück bastelt. Prinzipiell nämlich sollte sie ihr Keyboard dringend entsorgen. She Don’t Lie klingt so abgedroschen, dass es selbst in den Achtzigern als hoffnunglos altmodisch angesehen worden wäre. Darum fällt mein Resümee auch zwiespältig aus. Denn entweder trifft Jennie Abrahamson ins Schwarze oder ihre Versuche verfehlen meilenweit das Ziel. Das macht das neue Werk zu einer zwischen Ärgernis und Beifallsbekundung schwankenden Platte. (Den Track Hard To Come By gibt es hier als kostenlosen Download.)

The Sound of Your Beating Heart ist am 27.01.2012 auf How Sweet the Sound erschienen.

Yppah

Kommen wir nun zu einem Anfang April anstehenden Album. Electronica vom Feinsten bescherte uns Yppah bereits mit dem Vorgängerwerk They Know What Ghost Know. Man tut gut daran, Yppah nur mit den besten Genre-Zampanos in einem Atemzug zu nennen, Bonobo beispielsweise. Der neuen Platte Eighty One begegne ich mit hohen Erwartungen, auch weil der Track D. Song (feat. Anomie Belle) einen munter forschen Beat mit abgründigem, nicht einfach nur ätherisch süßem Gesang mengt. Eighty One erscheint am 02.04.2012 auf Rough Trade. D. Song gibt es hier als kostenlosen Download.

Golau Glau

Mehrfach hat sich dieser Blog dem Schaffen des Musikerkollektivs Golau Glau gewidmet. Die anonym werkende Formation gibt ihren Tracks stets ein Unterfutter, gräbt tief in Mythen, forciert Konzepte. Die soeben veröffentlichte, kostenlose EP Revenant Branch beschäftigt sich anlässlich des National Libraries Day 2012 mit den Geistern toter Bibliotheken, die mit der Mahnung, nicht weitere Büchereien zu schließen, aus dem Grab steigen. Und natürlich wurden diese elektronischen Klangfragmente in bereits zugesperrten englischen Bibliotheken aufgenommen. Als Resultat schält sich ein gespenstischer, von verstörender Atmosphäre geprägter Abgesang heraus. Die EP sei speziell fortgeschrittenen Genre-Liebhabern empfohlen.

The Magnetic Fields

In weniger als vier Wochen erscheint hierzulande mit Love at the Bottom of the Sea das neue Werk von The Magnetic Fields. Mastermind und Exzentriker Stephin Merritt hatte bereits 2010 mit der Scheibe Realism an die Magie seiner in den Neunzigern erschaffenen Werke anknüpfen können. The Magnetic Fields stehen für ironiebegabten Pop, der oft aus Understatement seine Würze bezieht, die zuhauf vorhandenen Spleens nicht mit Pomp zelebriert. Im Grunde beschert uns Merritt einen Anti-Pop, welcher die Charakteristika eines Genres völlig negiert, Gefühle nie für bare Münze nimmt, oft bricht oder mit einem Beigeschmack versieht. Das Video zu dem Songs Andrew in Drag bestätigt diese Einschätzung einmal mehr.

Love at the Bottom of the Sea erscheint am 05.03.2012 auf Domino Records.

 

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Eine kleine Albenvorschau für das erste Quartal 2012

Man muss ja Vorsicht walten lassen, wenn man von einer Albenvorschau für das erste Quartal 2012 spricht. Google schnappt diese Worte arglos auf und lotst versehentlich auch Lieschen Müller auf unseren Blog. Und da man sich seine Leser leider nicht aussuchen kann, werde ich auf Verdacht gaaanz laaangsam sprechen. Damit auch der durchschnittliche Internet-Surfer nicht nur Bahnhof versteht. Hier geht es nicht um Vollständigkeit, vielmehr wollen wir unserer Ansicht nach feine Bands und Künstler auflisten, die uns in den nächsten Monaten mit neuen Werken erfreuen. Solche Musiker, auf die man sich seit Jahr und Tag verlassen kann, zumindest aber bereits eine starke Platte im Talon haben. Was wäre Musik ohne die Vorfreude auf kommende Alben geschätzter Künstler. Unter diesem Aspekt verspricht uns das erste Quartal so manche Sternstunden!


The Big PinkFuture This VÖ (Deutschland): 13.01. 2012; Label: 4AD
Vorgeschmack:


The Maccabees  Given To The Wild VÖ (Deutschland): 20.01.2012; Label: Cooperative
Vorgeschmack:


Ani DiFrancoWhich Side Are You On? VÖ (Deutschland) 20.01.2012; Label: Righteous Babe Records


Lana Del ReyBorn To Die VÖ (Deutschland): 27.01.2012; Label: Vertigo Berlin
Vorgeschmack:


Leonard CohenOld Ideas VÖ (Deutschland): 27.01.2012; Label: Columbia
Vorgeschmack:


AIR  – Le Voyage Dans La Lune VÖ (Deutschland): 03.02.2012; Label: Virgin


Sharon Van Etten – Tramp VÖ (Deutschland): 10.02.2012; Label: Jagjaguwar
Vorgeschmack:
Kostenloser Download von Serpents


TindersticksThe Something Rain VÖ (Deutschland): 20.02.2012; Label: City Slang
Vorgeschmack:


Damien JuradoMaraqopa VÖ (Deutschland): 24.02.2012; Label: Secretly Canadian
Vorgeschmack:
„Nothing is the News“ by Damien Jurado by DOJAGSC


The Magnetic FieldsLove at the Bottom of the Sea VÖ (Deutschland): 05.03.2012; Label: Domino Records


Dirty ThreeToward The Low Sun VÖ (Deutschland): März 2012; Label: Bella Union

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Stippvisite 16/12/12

Samplertipp:

Wenn Labels Compilations unter das Volk bringen, dann entlockt mir das oft ein Gähnen. Der Holiday Sampler der kanadischen Plattenfirma Dine Alone Records freilich erweist sich so freigiebig wie freizügig. Speziell die Lieder von The Jezabels und We Barbarians hatte ich ja bereits in den letzten Monaten mit Empfehlungen bedacht. Ebenfalls atmosphärisch dicht tönt Caveman’s Easy Water. Passend zur Jahreszeit drängt sich das winterliche Tracks In The Snow von The Civil Wars ins Ohr.

The Civil Wars – Tracks In The Snow by PurplePR

Es lohnt sich also in diesem Falle zweifelsohne, den Sampler auf Festplatte zu bannen. Zum Stream und Gratis-Download dieser Zusammenstellung geht es hier.

Bockmisttipp:

Neulich in der Redaktion von Visions schien man verzweifelt auf der Suche nach einer möglichst kruden These. Und wurde leider fündig. Alte Musik sei Bockmist, was vor der eigenen Geburt auf Tonträger gepresst, höchstens im Ausnahmefall von Interesse. Denn gestrige Musik habe einen begrenzten Horizont, sei höchstens von nostalgischem Wert. Aus sexistischen Gründen hat Visions diesen Unfug dann von einer weiblichen Redakteurin zu Papier bringen lassen. Denn Frauen sind ja für ihre Gefühle bekannt, der Mann jedoch mit Ratio gesegnet. Doch die irrige Meinung, wonach nur zu begreifen und erspüren ist, was in einer ähnlichen Realität zu der eigenen erschaffen wurde, verkennt den Umstand, dass Musik abseits aller Moden stets die selben Emotionen kultiviert. Unser Gefühlsrepertoire erweitert sich letztlich nicht, Fortschritt hin, Fortschritt her. Die Mittel zur Produktion von Musik mögen sich wandeln, die Inhalte jedoch nie. Liebeslieder sind im Jahre 2011 nicht tiefsinniger als vor 50 Jahren, Verliererballaden von heute nicht gesellschaftskritischer als manch traditierter Folk-Song. Wenn die Autorin des Artikels Früher war mehr oldschool tatsächlich allen Ernstes meint, dass Gegenwartsmusik auch deshalb im Vorteil ist, weil sie „aus allen vorhandenen Wegen wählen und noch neue suchen kann„, dann mag sie verkennen, ja verleugnen, dass alles schon einmal da gewesen scheint. Wo sind die neu tönenden Wege in der letzten Dekade?

Jeder darf seine Meinung vertreten. Aber wenn die Meinung ohne argumentatives Fundament geäußert wird, demaskiert sie sich letztlich selbst. Und zugleich auch die Musikzeitschrift, in welcher sie gedruckt wurde. Visions? Lächerlich.

Vorfreutipp:

Die schönsten Weihnachtsgeschenke sind nicht unbedingt die CDs, die im Dezember erscheinen, vielmehr schon die Pressemeldungen, welche die Highlights des nächsten Jahres verkünden. Als mich vor wenigen Tagen die Nachricht erreicht, dass Anfang März The Magnetic Fields via Merge Records eine neue Platte namens Love at the Bottom of the Sea unter die Leute bringen, kam große Freude auf. The Magnetic Fields stehen für reizend melodischen Pop für geschmackssichere Kenner und solche, die es werden wollen. Bleibt zu hoffen, dass die Veröffentlichung in Deutschland relativ zeitnah erfolgt.

Islandtipp:

So kurz vor knapp will ich natürlich noch eine im Wust meiner Bookmarks bereits angestaubte Empfehlung loswerden. Der wunderbare Polarblog hatte im Oktober mal die isländische Formation Vigri als schwerelosen Traumtänzerpop ans Herz gelegt. Und auch wenn ich mir die dieses Jahr erschienene Platte Pink Boats noch immer nicht gegönnt habe, so kann ich dem Song Sleep nur absolute Betörung abringen.

Und weil wir gerade bei Island sind: Eine der Platten, die 2011 verschönerten, habe ich leider aus Zeitgründen nie gebührend würdigen können. Sóley ist mit ihrem LP-Debüt We Sink ein sehr versonnenes, in pastellfarbener Fantasie gezeichnetes Werk geglückt. Unbedingt entdecken!

Das soll es für heute auch mal wieder gewesen sein. Demnächst mal wieder mehr.

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Release Gestöber 10 (4 Alben, 3 Kontinente, 1 Wermutstropfen)

Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen: Holzauge, sei wachsam! Wer stets auf der Pirsch nach neuen Wohlklängen ist und verwundert die Feldstechergläser putzt, weil stets die üblichen Verdächtigen allerorts ins Sichtfeld hüpfen, der sollte folgende Möglichkeiten in Betracht ziehen. Vielleicht liegt es an dem kräftigen Röhren des Platzhirschen oder dem unwiderstehlichen, koketten Auftreten der Hirschkuh, dass selbige in den Mittelpunkt der Berichterstattung rücken. Oder man schnaubt sich einen penetranten Gestank aus der Nase, den umtriebigen Promo-Firmen hinterlassen, wenn sie jedweden Strauch und Baum fröhlich duftmarkend quer durch die Pampa hampeln. Nicht zuletzt darf man auch den Jäger nicht voreilig der Unschuldvermutung zuführen. Wer mit Scheuklappen auf ausgetretenen Pfaden durch den Wald irrt, liebäugelt nur mit der Vegetation entlang des Weges, hat für die Tiefen des Unterholzes wenig übrig. Einmal mehr versuchen wir, uns durch das Gestrüpp des Musikdschungels zu pfadfindern. Nur gut, dass uns ein paar Förster aus der Ferne bereits zuwinken…

Ruhepulstipp:

Amor de Días – Late Mornings from Merge Records on Vimeo.

Manch Liedchen darf in ruhigen Gewässern vor sich hin schippern. Genau dies tun die Stücke des Albums Street of the Love of Days. Alasdair MacLean, Frontmann der nicht unbekannten The Clientele, and Lupe Núñez-Fernández, Sängerin des Indie-Pop-Duos Pipas, haben sich zu dem Projekt Amor de Días zusammengefunden und führen uns mit schlafliedlicher Zartheit in Verführung. Speziell die von Núñez-Fernández intonierten Lieder sind pastellfarben gesäuselte Schönheiten. Die Platte puzzelt sich aus Folk, kammerlichen Pop und gar Bossa Nova zusammen, bleibt in ihrer Unaufgeregtheit schlicht, nahe am Ruhepuls und oft betörend. Als Highlights stechen beispielsweise Dream (Dead Hands) oder Bunhill Fields hervor. (Interview und kostenlose Mp3 von Bunhill Fields im Magnet Magazine, Album-Stream auf Merge Records.)

Amor de Dí­as – Wild Winter Trees from Merge Records on Vimeo.

Street of the Love of Days ist am 17.05.11 auf Merge Records erschienen.

Raritätentipp:

The Magnetic Fields – der Name lässt den eingefleischten Musikliebhaber vor Begehren erröten. Wieviele Famositäten hat Mastermind Stephin Merritt in den Neunzigern doch auf CD gezaubert, von dem Meisterwerk 69 Love Songs ganz zu schweigen. Danach war sein Schaffen weniger konsistent, wenngleich Realism (2010) alten Magnetfeld-Glanz widerspiegelte. Es macht also im vorliegenden Fall speziell Sinn, Unveröffentlichtes und Raritäten aus den Neunzigern auszugraben und unter dem Titel Obscurities zu veröffentlichen. Ob auf Solopfaden, mit dem Nebenprojekt The 6ths oder unter The Magnetic Fields agierend, Merritts Facettenreichtum sticht ins Auge. Zugleich lässt sich nicht verleugnen, weshalb einige Tracks bislang hinter dem Schleier des Nebulösen ihr Dasein fristeten. Sie taugen nicht einmal als Fußnote in seinem Schaffen. Die andere liedliche Hälfte freilich entschädigt, würde jedoch als Bonus-CD eine Werkschau des Meisters besser abrunden denn als eigenständige Veröffentlichung. Ehe dies nun im Gegenteil einer Empfehlung mündet, will ich mein großes Wohlwollen gegenüber Songs wie Forever and a Day (Gratis-Mp3), The Song from Venus oder auch Take Ecstasy with Me ausdrücken. (Album-Stream auf Paste Magazine)

Obscurities erscheint am 23.08.11 auf Merge Records.

Geografentipp:

Wäre man vor 20 Jahren einfach so über eine Shoegaze-Band aus Indonesien gestolpert? Nein. Da lobe ich mir die Globalisierung, zumindest in musikalischer Hinsicht. Schon der Band My Violainé Morning wegen lohnt es sich, auf dem Atlas die indonesische Stadt Bandung auszukundschaften. Da liegt doch der eine oder andere Kilometer zwischen diesem Land und dem guten alten Europa. Musikalisch freilich klingt die Formation so, als hätte sie ihren Proberaum irgendwo in britischen Gefilden aufgeschlagen. Ein größeres Kompliment könnte ich der Band nun wirklich nicht machen. Das demnächst erscheinende Album The Next Episode of This World (VÖ: 14.09.11 auf Happy Prince Records) hab ich mir nicht ohne Ausrufezeichen auf meinen Merkzettel gekritzelt. Besonders wegen des superben Tracks Light Inside. Einfach kostenlos herunterladen und sich daran erfreuen. (gefunden bei Coast Is Clear)


Newcomertipp:

Gibt es für Musiker einen Himmel auf Erden? Zumindest paradiesische Freuden können erlangt werden, wenn man sich in die Fänge eines hervorragenden Labels verirrt. Dies Glück widerfuhr dem aus Brooklyn stammenden Duo Exitmusic. Aleksa Palladino und Devon Church veröffentlichen demnächst ihre EP From Silence auf Secretly Canadian, einem Hort begnadeter Musiker. Der erste, kostenlose Appetithappen The Sea löst die durch den Namen der Plattenfirma geschürte Erwartungshaltung auch ohne Umschweife ein. Ein verwunschen gesponnenes, atemberaubend intensiv berätseltes Kleinod! Mein Wermutstopfen: Wie konnten mir diese Lichtgestalten entgehen, obwohl ich Secretly Canadian eigentlich mit gnadenlosem Blick observiere? Zum Glück hat Peter von den Schallgrenzen das gemacht, was ich zu selten mache, nämlich den richtigen Blog gelesen, und ist bei Coast Is Clear über diese zukunftsträchtige Formation gestolpert.

„The Sea“ by Exitmusic by DOJAGSC

From Silence erscheint am 04.10.11 auf Secretly Canadian.

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Musikalischer Quartalsbericht 2010 (I)

Das erste Quartal war in jeglicher Hinsicht üppig und eigentlich voll von schlagenden Argumenten, dass es keine Krise der Kreativen gibt. Was Musiker so ersannen und in den letzten 3 Monaten in Deutschland veröffentlichten, wird man nicht schnell vergessen können und mögen.

Beginnen wir zunächst mit Electronica. Wenn Blockhead, Four Tet, Bonobo und Autechre allesamt innerhalb kürzester Zeit gewaltige Alben veröffentlichen, strahlt mein Herz zufrieden. Vier Platten feinster Qualität und großer Diversität, angeführt von Blockheads in jeder Hinsicht hervorragenden The Music Scene.  Doch auch pointiertes Songwriting konnte 2010 in all seinen Facetten genossen werden. Ob nun in Form einer existentiellen Wehklage von Eels, der Rückbesinnung der The Magnetic Fields auf ein durch und durch sophisticated und gleichsam eingängiges Songwriting oder auch im famosen Vexations, mit dem Konstantin Gropper alias Get Well Soon endgültig unter Beweis stellte, dass er zu den sehr wenigen deutschen Musikern mit internationalem Format gehört. Völlig unbeachtet lieferten Clem Snide mit The Meat of Life ein kleines, in den Details zündendes Stück gediegensten Songwritings ab.

2010 bot auch ein letztes Abschiednehmen von Johnny Cash, dessen Ain’t No Grave von der Kritik als Leichenfledderei zerpflückt wurde. Ein Schwachsinn und Frevel, denn diese Lieder in einem Archiv versauern zu lassen, das wäre ein Sakrileg der besonderen Sorte gewesen. Auch die letzten gemeinsamen Aufnahmen von Ali Farka Touré mit Toumani Diabaté sind ein gelungenes Vermächtnis, Ali and Toumani gehört fraglos zu den erlesensten Scheiben der World Music dieses Jahres.

Kommen wir zu poppigen Tönen, Sambassadeur aus Schweden konnte mit European eine frische Mischung aus Twee und Indie-Pop finden, welche Genre-Fans sicher durch den Frühling bringen wird. Auch The Postmarks verzauberten mit erquickenden Sounds, die man in hiesigen Breiten noch zu gering schätzt. Das weit zu fassende Feld des Post-Rocks wurde einerseits von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra in erwartbarer Finesse beackert, andererseits begeisterte The Album Leaf mit schlichte Besinnlichkeit von A Chorus of Storytellers.

Zwei Platten verdienen eine besondere Erwähnung. Jaga Jazzist vermochten mit One-Armed Bandit ein kompositorisch komplexes Werk zu erschaffen, dass dennoch pure Hörfreude atmet. Vor solch Können muss man den Hut ziehen. Und fast noch mehr beeindruckte eine unbekannte deutsche Formation namens The Blue Angel Lounge, deren gleichnamiges Debüt unglaublich starken psychedelischen Rock beschert. So gut, dass man die Band partout nicht in Deutschland verorten mag.

Einige Wortfetzen seien auch Enttäuschungen und vorhersehbaren Zumutungen gewidmet. Tocotronic ergaben sich einem Gaga-Dadaismus, der all die Tugenden dieser Band zu einer Fratze verzerrte. Eine Frustration sondergleichen! Dass Vampire Weekend eine richtig flüssiges, also überflüssiges Contra ablieferten, das hingegen war keinerlei Überraschung. Und Joanna Newsoms neuestes Attentat auf kultivierte Gehörgänge ebenso. Aber es wird wohl auch immer Platten geben, die vom Feuilleton in einem Akt von Gesinnungsterror angepriesen und letztlich doch Zumutungen bleiben.

Das Resümee könnte trotz Querschläger nicht besser ausfallen. Die Hoffnung, dass sich die Fülle an Wundertaten im nächsten Quartal wiederholen wird, scheint überzogen. Für den Moment jedoch sollte Zufriedenheit regieren.

Die 10 besten Tracks:

Johnny Cash – Ain’t No Grave
Broken Bells – Trap Doors
Clem Snide – I Got High
Get Well Soon – We Are Free
Sambassadeur – Stranded
Massive Attack – Paradise Circus
Scanners – A Girl Like You
The Postmarks – Thorn In Your Side
Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself
Blockhead – Tricky Turtle

Die besten 10 Alben:

Jaga Jazzist – One-Armed Bandit
Scanners – Submarine
The Blue Angel Lounge – The Blue Angel Lounge
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Kollaps Tradixionales
Get Well Soon – Vexations
The Postmarks – Memoirs At The End Of The World
THUS:OWLS – Cardiac Malformations
Bonobo – Black Sands
Blockhead – The Music Scene
Sambassadeur – European

Die 5 schlechtesten Alben:

Joanna Newsom – Have One On Me
Tocotronic – Schall & Wahn
Vampire Weekend – Contra
Owl City – Ocean Eyes
Delphic – Acolyte

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Meister der Zeitlosigkeit – The Magnetic Fields

Stephin Merritt ist ein absoluter Meister cleversten Songwritings, dass sich Trends verweigert, stets tüftelt und experimentiert, stets einen doppelten Boden im Köcher hat. Man sollte sich nie von der Gefälligkeit seiner Lieder täuschen lassen, denn so lieblich wie begnadet arrangiert und mit einem Lo-Fi-Mäntelchen behübscht selbige auch zu bestechen wissen, so lauern bei intensiverer Erhörung der Alben doch jede Menge Spitzen, die unaufdringlich und doch sehr sophisticated die musikalischen Miniaturen so richtig aufpolieren.

Vor 10 Jahren vermochte Merritt als Mastermind von The Magnetic Fields sein Opus Magnum, die 69 Love Songs, abzuliefern. Und eben das Wissen um diesen ganz großen Wurf lastete wie schweres Gepäck auf seinen Schultern und machte die musikalische Reise in der letzten Dekade mitunter beschwerlich. Mit dem soeben erschienenen Album Realism setzt Merritt letztlich nicht vollständig überzeugenden Verzerrungsmätzchen ein Ende und knüpft beherzt an frühere Tage an.

Diese Rückbesinnung ist weniger das Eingeständnis eines Scheiterns, vielmehr weht die Erkenntnis der eigenen Stärken durch die gesamte Platte. Wenn Streicher und Banjo das zauberhafte You Must Be Out of Your Mind mit pittoreskem Charme verbrämen, scharren zugleich auf der textlichen Ebene die Hufe. Zeilen wie „I want you crawling back to me, down on your knees, yeah, like an appendectomy, sans anaesthesia“ konterkarieren die liebreizende Melodie. Hier wird eine Stärke Merritts einmal mehr offenbar, wenn er des Hörers Ohr mit schönen Harmonien umgarnt und dabei in unterkühltem Vortrag lyrische Messer wetzt. Auch Walk A Lonely Road umhüllt der Zauber einer herrlich altmodischen Zeitlosigkeit, ein Lied gleich einer verwaschenen, entrückten Erinnerung, in der sich die weibliche Stimme glasklar und sirenenhaft in die Nostalgie der Musik bettet. Das von einer gestelzt-verspielten Aura umgebene The Dolls‘ Tea Party wirkt wie 150 Jahre altes Gesellschaftstänzchen, ehe die Lyrics abermals den Eindruck brechen. Oder nehmen wir I Don’t Know What To Say als Referenz an den sanften Pop der 60er-Jahre, wo man stets erwartet, dass Dusty Springfield ins Mikro trällert. Nahezu jeder der 13 Songs hat seine Eigenheiten, berückt mit spleeniger, gefinkelter Attitüde.

Mit Realism gemahnen The Magnetic Fields an die Wonnen der 69 Love Songs. Merritts  Liederschmiedekunst gerät noch immer ungewöhnlich wie einnehmend, eine Liga für sich eben, deren Finesse sich in der Wahl der Instrumente, nie überladenen Arrangements, dem Händchen für zeitlos eingängige Melodien und feinster Reimkunst äußert. Ein weiteres Höhepunkt des an musikalischen Höhepunkten bereits reichen Jahres 2010.

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