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Schatzkästchen 78: Tinariwen – Ténéré Tàqqàl

Wenn es um afrikanische Traditionspflege geht, zählen Tinariwen seit vielen Jahren schon zu den Besten ihrer Zunft. Nur zur Erinnerung: Tinariwen sind ein Kollektiv aus Mali stammender Tuareg-Musiker, die als Kinder in algerischen Flüchtlingslagern aufwuchsen, da das Volk der Tuareg seit den Sechzigern in Mali verfolgt wurde. Sie gehören somit einer Generation an, die im Exil als Krieger erzogen wurde. Ende der Siebzigerjahre entstand eine lose Formation musikalisch Gleichgesinnter, die die traditionelle Kultur ihres Volkes sacht modernisierten. Die Inhalte der Musik fokussierten sich natürlich stark auf das Thema Revolution und bereiteten somit auch den geistigen Nährboden für die 1990 begonnene Rebellion der Tuareg, welche schließlich in einem Friedensvertrag mit der malischen Regierung mündete. In den letzten fünfzehn Jahren geriet die Band durch zahlreiche Auftritte in Europa zu bejubelten World-Music-Vertretern, deren weise Folklore von einem bewegten Leben erzählt. Dies wird fraglos auch auf dem für Februar 2017 angekündigten Album Elwan deutlich werden. Ein Kulturpessimismus, der der Moderne mit all ihren  Veränderungen voll Ratlosigkeit begegnet, trifft bei Tinariwen auf poetische Schönheit, die auf wunderbare Art und Weise ein Ringen um Heimat zu vermitteln vermag. Die Musiker von Tinariwen erzählen die Geschichte von Entwurzelung, verbunden mit der bitteren Erkenntnis, dass die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln letztlich vielleicht gar nicht gelingen kann. Der Track Ténéré Tàqqàl etwa beklagt die Bitterkeit in den Gesichtern der Unschuldigen, die in schweren und schmerzlichen Zeiten keine Solidarität mehr erfahren. Die Stärksten würden ihren Willen durchsetzen, die Schwächsten zurücklassen. Viele wären gestorben, sämtliche Freude wäre gewichen. Man sei von all der Falschheit erschöpft.

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Der aus der Seele gebürstete Stachel der Folklore – Tinariwen

Drei Arten von Folklore malträtieren oder euphorisieren uns. Zunächst einmal die mit Exotik behaftete, unverbrauchte Weltmusik, deren gängiger Charme auch darin liegt, dass sie oft in einen Kontext gebettet wird, der den gutmenschelnden Teil unseres Wesens anspricht. Dann natürlich der Folk amerikanischer Prägung, welcher schon längst jedweden Songwriter vom Mississippi bis Wladiwostok zu Glanztaten bewegt, als anspruchsvoller Vertreter der Populärkultuer den Erdball umspannt. Und zu guter Letzt die einheimische Folklore, die speziell im ländlichen Bereich jeden Kirchtag beschallt und bereits völlig ihrer musikalischen Redlichkeit beraubt wurde. Heute freilich soll eine Attitüde unter die Lupe genommen werden, die Brauchtum in eine hohe Kunst überführt, eine erzählerische Botschaft vermittelt, die mehr vertraut als fremdartig scheint. Die aus Mali stammende Formation Tinariwen repräsentiert eine in seiner Integrität bestechende World Music. Das jüngste Album Tassili zeugt vom Wert tradierter Lebenserfahrung, entfaltet die Reinheit einer Folklore, welche eine gesamte Kultur in einen faszinierenden wie unverfälschten Sound bettet.

Der Stachel der Folklore liegt nie in einer trachtenbehübschten Verklärung eines Idylls, wie sie in deutschsprachigen Landen kitschbeschürzt praktiziert wird, vielmehr in der oft schmerzlichen Sehnsucht und Rückbesinnung auf die oft verdorrten Wurzeln der eigenen Kultur. So rollt Folklore die eigene Geschichte auf, sendet eine länderübergreifende, allgemein nachvollziehbare Botschaft. Und da Tinariwen dies mit schlichter poetischer Würde und voll Bescheidenheit begreifen und umsetzen, wachsen diesem Werk Flügel. Die Ruhe, mit der die Musiker vom Stamm der Tuareg ihr Sehnen und Leid sowie all das Hadern mit Veränderungen in Musik übertragen, bekräftigt die Erhabenheit ihres Tuns. Wenn Djeredjere vom Stachels des Leidens spricht, der die Tiefen der Seele durchbohrt, und Verrat hinter Tausenden von Gesichtern vermutet, verdeutlicht sich die Bitterkeit einer Existenz, die – von Aufständen und Kämpfen geprägt – qualvoll um Frieden ringt. Die Drangsale der Einsamkeit werden jedoch oft von Hoffnung aufgestemmt (Assuf D Alwa), nie verödet die Platte in vollkommener Gebrochenheit. Das Verlangen nach einer intakten Heimat drückt Tameyawt prägnant aus, wenn andächtig das verlorene Paradies herbeigesehnt wird – verbunden mit der Hoffnung, es durch die Opferung einer Ziege zu erlösen. Die ehemaligen Widerstandskämpfer gegen die Unterdrückung der Tuareg in Mali lassen lange schon die Waffen ruhen, beten Tinariwen nun für die Einheit und Freiheit ihres Volks, um zum Einklang mit dem Leben in der Wüste, die sich gegen die Menschen gewendet hat, zurückzufinden (Tenere Taqhim Tossam). Wie die virtuosen Gitarren, allerlei Percussion und der oft einsetzende Chor die knorrige Stimme von Ibrahim Ag Alhabib umpolstern, derart bildet sich ein distinktiver, fast stoisch-meditativer Sound aus, der die Platte im Vergleich zum guten Vorgängeralbum Imidiwan: Companions abgespeckter und bedrückender erscheinen lässt.

Tinariwen – Imidiwan Ma Tennam by antirecords

Tinariwen – Tenere Taqqim Tossam by V2 Music

Tamiditin Tan Ufrawan als Klage über die allzu undurchschaubare Angebete verdeutlicht, dass Folklore immer auch Liebeswirrungen thematisiert, erst durch Schmerzen des Herzens vollendet wird. Tassili wirkt von Behutsamkeit erfüllt, vermittelt eine Weisheit, deren Mahnungen aus der Seele gebürstet sind. Trotz Verbitterung bleibt das Gemüt mit Sehnsucht bestückt. Tinariwen präsentieren sich als handwerklich überaus versierte Puristen, die ihr Schaffen als Heilung erfahren, ihren Traditionen voller Ehrfurcht huldigen, den Schrammen in ihrer Geschichte ohne sülzige Wehklage begegnen. Solch Haltung bedingt uneingeschränkte Hochachtung, keinesfalls geheuchelte Anteilnahme. Tassili versorgt uns nicht mit Wohlfühl-Ethno-Klängen, die Platte ist zugleich Wunde und Pflaster einer afrikanischen Existenz.

Tassili ist am 02.09.11 auf V2/Cooperative Music erschienen.

Konzerttermine:

06.10.11 Köln – Philharmonie
21.10.11 Berlin – Kesselhaus

Link:

Offizielle Webseite

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Mehr als nur Gutmenschenmusik – Tinariwen

Das Genre der World Music ist mit Irrtümern behaftet. Nicht jedes turkmenische Rohrpfeifenensemble ist eine Bereicherung für Gehörgänge, ebensowenig wie jedweder Afrikaner mit Trommeln gleich einen Rhythmus-Houdini darstellt. Bloß weil die Musik aus exotischen Breiten und malträtierten Ländern stammt, wohnt den Melodien und dem Spiel nicht zwangsläufig mehr Essenz inne als den tumben Märschen einer betrunkenen bayrischen Blaskapelle. Wenn ich also heute einige Worte über das neue Album von Tinariwen verliere, dann keinesfalls aus irgendeiner Rührseligkeit heraus. Freilich vermag die turbulente Bandgeschichte durchaus die Tränendrüsen zum Überquillen bringen, etwaige Meriten lassen sich davon allerdings nicht zwangsläufig ableiten.

Tinariwen sind ein Kollektiv aus Mali stammender Tuareg-Musiker, welche als Kinder in algerischen Flüchtlingslagern aufwuchsen, da das Volk der Tuareg seit den sechziger Jahren in Mali verfolgt wurde. Ende der 70er entstand eine lose Formation Gleichgesinnter, die die traditionelle Kultur ihres Volkes mit modernen westlichen Einflüssen verband. Die Inhalte der Musik fokussierten sich auf revolutionäre Themen und bereiteten damit auch den Nährboden für die 1990 beginnende Rebellion der Tuareg, welche in einem Friedensvertrag mit der malischen Regierung mündete. Die Gründungsväter von Tinariwen entstammen eben dieser im Exil zu Kriegern ausgebildeten Generation, allen voran Ibrahim Ag Alhabib. In den letzten zehn Jahren geriet die Band durch zahlreiche Auftritte in Europa zu gern bejubelten Vertretern afrikanischer Musik. Und so präsentieren sie dieser Tage die vierte CD mit dem Titel Imidiwan : Companions.

Companions

So sehr ich auch gewillt bin, dieses Album wohlwollend aufzunehmen, muss ich jedoch sofort feststellen, dass es keinen Takt lang an die genialen Werke eines ebenfalls die Gitarre in den Fokus des Schaffens rückenden und gleichsam aus Mali stammenden Ali Farka Touré heranreicht. Wo Touré mit simpler Magie aufwartet, punkten Tinariwen mit authentischer Handwerklichkeit. Dass die Aufnahmen in der Wüste unter freiem Himmel stattfanden, mag den sehr bodenständig dargereichten Sound erklären, der nie in Verkitschung abgleitet und in den besten Momenten tatsächlich begeistert. Besonders der Track Tamudjeras Assis funkelt, verbindet eingängigen Rhythmus mit sprechgesanglicher Fragilität und elektrisierenden Gitarren-Passagen. Das fast einlullende, schwermütig klingende Chegret kreiert ebenfalls erfolgreich eine erhabene Stimmung. Die schön unaufgeregt-meditativen Stücke sind in der Mehrzahl keine Meilensteine, aber in der ehrlichen Art der Darbietung durchaus erfrischend.

Tinariwen

World Music birgt auch im Falle von Tinariwen einen hervorstechenden Vorteil und einen gewaltigen Nachteil – je nach Sichtweise. Die lyrische Kraft, welche der Gruppe innewohnen soll, muss mangels Sprachunkenntnis ausgeklammert werden. Dies Unwissen kann einerseits vor der Erkenntnis schützen, dass doch nur Banalitäten geträllert werden, oder freilich die poetische Größe und Macht des Wortes auf Percussion, Gitarre und Art des Gesangs zusammenstauchen. Über weite Strecken scheinen die Intentionen – auch dank des Wissens um den Werdegang – dennoch gut transportiert, atmet das ungestüme Tenhert die Wildheit, welche in den Anfängen das Ensemble wohl in radikaler Sehnsucht einte.

Imidiwan : Companions wird den Mainstream-Apostel wohl nicht in die Fänge fremder Klänge flutschen lassen. Den Anhänger eines Crossovers aus afrikanischer Moderne und Tradition jedoch überzeugt die Platte allemal. Tinariwen fabrizieren keine Musik, der man als Gutmensch mit gerüttelt Maß an Political Correctness artig lauschen darf. Dazu ist die Band zu gut.

Tour-Termine:

02.11.2009 A-Wien // Arena
03.11.2009 D-München // Ampere
04.11.2009 CH-Zürich // Kaufleuten
05.11.2009 D-Karlsruhe // Tollhaus
06.11.2009 D-Berlin // Kesselhaus
17.11.2009 D-Hamburg // Fabrik
18.11.2009 D-Köln // Gloria

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