Schatzkästchen 96: Tocotronic – Hey Du

Gestern ist die neue Single von Tocotronic erschienen. Das bedeutet, dass Menschen mit gehobenem Musikgeschmack den Track Hey Du selbstverständlich längst für sich entdeckt haben. Falls man die gestrige Veröffentlichung doch tatsächlich verpennt hat, sollte eine etwaige Ausrede mindestens das Wort Koma oder besser noch eine Entführung durch Außerirdische beinhalten. Denn Tocotronic sind zurück! Gerade einmal anderthalb Jahre nach Veröffentlichung ihres roten Albums dürfen bereits wieder neue Klänge bestaunt werden. Und Hey Du hat es wirklich in sich. Schon nach dem ersten Hördurchlauf reiht es sich nahtlos in die vorderste Reihe der allerbesten Songs der Band. Über zwei Aspekte des Tracks muss ich kurz ein paar Wörter verlieren. Da wäre zunächst der frische Sound zu nennen. Entgegen der landläufigen Meinung ist Rock alles andere als ein Jungbrunnen. Bands, die in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern erfolgreich sind, tönen einige Jahre später oft furchtbar dröge und schlaff. Aller Elan ist Biederkeit gewichen, jedwede Aufmüpfigkeit wirkt aufgesetzt. Menschen mittleren Alter sind zu oft viel zu uninspiriert.

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Unsere liebsten Songs 2015 (1-25)

Nach dem ersten Teil unserer Lieblingslieder mit den Plätzen 26-50 folgt nun der zweite Teil unserer liebsten Songs des Jahres 2015. Samt Spotify-Playliste, die immer 47 der 50 Titel beinhaltet. Doch genug der Worte, stürzen wir uns ins musikalische Getümmel!

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1.) Radio Elvis – Goliath

Goliath ist nicht weniger als phantastisch, weil es markanten, durchaus an französischen Chansonniers orientierten Gesang mit melodischem und zugleich erstaunlich robustem Indie-Rock verbindet. Die Band ist für mich die Entdeckung des Musikjahres. Und Goliath ist das Lied, dass ich auf immer mit 2015 verbinden werde! (Die EP Juste avant la ruée ist am 09.03.2015 auf PIAS erschienen.)

Wanda Bussi Albumcover ©Vertigo Berlin

2.) Wanda – Bussi Baby

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Unsere liebsten Songs 2015 (26-50)

Heute will ich ohne große Ansprache den ersten Teil unserer 50 Lieblingslieder vorstellen. Natürlich sind wir keine Listenfetischisten, die aus der Reihenfolge eine Wissenschaft machen wollen. Die Nummerierung dient vor allem der Übersichtlichkeit! All die hier aufgeführten Songs wurden von uns 2015 gerne und viel gehört. Es würde mich sehr freuen, wenn zumindest ein paar dieser Tracks auch beim werten Leser Wirkung zeigen.

keepthevillagealive

26.) Stereophonics – C’est la Vie

Die Pub-Rock-Hyme des Jahres! Das Lokal, in dem diese Nummer ohne jedwede Resonanz durch die Boxen dröhnt, muss erst noch eröffnet werden! (Das Album Keep The Village Alive ist am 11.09.2015 auf Stylus Records erschienen.)

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27.) Great Lake Swimmers – The Great Bear

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Unsere liebsten Alben 2015

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur, adipisci velit… Moment, der Platzhaltertext ist natürlich ein Scherz. Sogar zwischen den Feiertagen fällt mir ein Gedanke zum Musikjahr 2015 ein. Ich meine nämlich, dass Musik zwar nach wie vor eine große Rolle spielt, sie zugleich weniger wahrgenommen wird. Wir hören Musik, aber wie viele Lieder könnten wir zumindest im Refrain tatsächlich mitsingen? Wären wir tatsächlich noch in der Lage, die Intention unseres liebsten Albums des Jahres in wenigen Sätzen zusammenzufassen? Ist es nicht fast erschütternd, dass die Texte, die sich den meisten Menschen einprägen, ausgerechnet aus schlimmen Genres stammen oder problematische Weltanschauungen verfechten? Zeilen aus Schlagern gehören zum Allgemeingut, auch die Protagonisten des Deutschrap haben genug Hörer, die an ihren Lippen hängen, selbst die Texte der völlig unsäglichen Frei.Wild finden willige Abnehmer. Wie aber sieht es mit den Heroen des Indie-Genres und den Kritikerdarlingen aus? Wer könnte Thees Uhlmann, Sufjan Stevens oder Julia Holter aus dem Effeff zitieren? Wir erleben eine Wahrnehmungskrise jener Musik, die für sich in Anspruch nimmt, wertvoll zu sein. Woran liegt das? Ich will es kurz machen, die Schuld teilen sich Künstler, Musikkritik und Hörer zu gleichen Teilen. Wenn Bands und Musiker soziale Netzwerke mit jeder Menge Fotos bespaßen oder mit allerlei Veranstaltungshinweise vollpropfen, dabei aber komplett vergessen, ihre Lyrics und/oder Gitarrentabulaturen zu verbreiten, dann dürfen sie sich eigentlich nicht wundern, wenn Hörer vielleicht lustige Schnappschüsse eher in Erinnerung behalten als die Inhalte der letzten Platte. Die Musikkritik wiederum wird sich mit Klickstrecken und der Ausrichtung auf Tablet und Smartphone zu Tode layouten. Dazu kommt noch die Facebook-Hörigkeit, die eine Platte mit wenigen knackigen Worten teasert. Rezensionen geraten oberflächlich, weil der Transport der eigenen Meinung über dem Verständnis einer Platte steht. Und dann wäre da noch der Hörer, dem Musik oftmals so wichtig ist, dass er sie gar nicht mehr käuflich erwerben muss. Nichts spricht gegen Streaming als Ergänzung zur CD-Sammlung. Ein Stream kann jedoch nie den Besitz einer Platte ersetzen, ihm fehlt jedwedes haptische Erlebnis, ihm fehlt der zeitliche Aufwand – ja generell der zielgerichtet Akt des Kaufs. Wir sehen also, die Krise ist umfassend! Und wird bestenfalls dort überwunden, wo die Musik Botschaften und Lebensgefühl mittransportiert. Das tut der Schlager, das tut leider auch Bushido. Wo also bleibt das Indie-Lebensgefühl? 2015 hat es trotz vieler toller Alben gefehlt. Doch genug geredet, hier nun unsere liebsten Platten!

1.) Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba – Ba Power

Bassekou-Kouyate-Ba-Power-Cover

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Geburt des Gefühlvollen, Renaissance des Geistreichen – Tocotronic

Tocotronic 3 ©Michael Petersohn Vertigo Berlin

Photo Credit: Michael Petersohn/Vertigo Berlin

Hippies und Punks haben in den Sechzigern und Siebzigern als Jugendbewegungen  Lebenswirklichkeiten nachhaltig verändert. Und zumindest in Deutschland wären mit Tocotronic in der zweiten Hälfte der Neunziger Protagonisten für eine neuerliche geistige Wende bereitgestanden. Sie hat nicht stattgefunden, das Potential der Hamburger Schule hat nicht in die Masse ausgestrahlt. Und so stehen wir gut 15 Jahre später bedröppelt da. Und verwechseln den Wunsch nach Differenzierung mit windelweichem Herumgedruckse. bringen Überzeugungen mit Schwarzweißmalerei durcheinander. Revolutionen hie und da haben eine reinigende Qualität, sie werfen über Bord, sie holen ins Boot. Und weil jene Jugendrevolte in den Neunzigern fehlt, haben wir heute diese zeitgeistige Soße, die an Biederheit und Anpassung kaum zu überbieten ist. Die Jugend von heute wirkt seltsam eigenschaftslos. Und die Jugendlichen der späten Neunziger sind 2015 bestenfalls Bionade-Spießer. Wen wundert es da also, dass auch Tocotronic an all den Entwicklungen zu knabbern hatten, zwischenzeitlich die Kapitulation ausriefen und für einige Jahre im Nirvana des Gaga-Dada verschwanden. Nun jedoch melden sich Tocotronic mit ihrem sogenannten roten Album eindrucksvoll zurück. Es wird als Geburt des Gefühlvollen und als Renaissance des Geistreichen in ihre Diskografie eingehen. Das rote Album steht für intelligente, nachdenkliche, ja vertrackte Poesie, die sich juvenile Wünsche, Träume, Ängste bewahrt hat. Unverzagt, nachgerade gedankenvoll und souverän, stehen die Herren Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail erhobenen Hauptes da, gefallene Revolutionäre, die auf einmal nahbar werden.

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Schatzkästchen 9: Tocotronic – Prolog

Tocotronic 2 ©Michael Petersohn Vertigo Berlin

Photo Credit: Michael Petersohn / Vertigo Berlin

Tocotronic sind Rattenfänger, die mit poetischen Chiffren zartbesaitete, um Orientierung ringende Intellektuelle um den Finger wickeln. Tocotronic sind die ewig Unverstandenen, die stets gegen die Gesellschaft ankomponieren, sogar in den Momenten, in welchen sie die Kapitulation ausrufen. Die Band verkörpert eine rare künstlerische Integrität, die die deutsche Musikszene ein ordentliches Stück exzellenter macht. Natürlich haben auch Tocotronic ihre Krisen zu bewältigen gehabt, Schall und Wahn (2010) war denn auch eher Gaga-Dadaismus denn Reflexion der Postmoderne.  Dieser Tage nun offerieren die Herren von Lowtzow, Müller, Zank und McPhail mit dem Lied Prolog eine erste Kostprobe aus ihrem neuesten Werk, das vorläufig als „Rotes Album“ firmiert und für den 01.05.2015 angekündigt ist. Ausgehend von diesem einen Titel Prolog möchte ich Tocotronic gerne wieder als von allen guten Geistern beseelt bezeichnen. In diesem Song funkelt er endlich, endlich wieder, der Hang zum zugespitzten Slogan, in der je nachdem prophetische Wahrheit oder philosophische Sehnsucht kulminieren.

(Alternativ-Link: Vimeo)

Liebe wird das Ereignis sein“ verkünden sie dieses Mal, unterstreichen damit, dass sie nicht dem Zynismus oder der Übellaunigkeit der Midlife-Crisis verfallen sind. Liebe wird das Ereignis sein – und am Ende dessen stehen, was man wohl Verlorenheit nennen darf. „Eines Morgens bist du in der Fremde aufgewacht, deine Hände zittern noch, du hörst in dich hinein, doch das wird erst der Anfang sein.“ lauten die geradezu hollywoodreifen ersten Zeilen von Prolog. Sie bilden den Sog, der die Hörerschaft mitreißt. Es folgen Botschaften aus dem Ungewissen, adressiert an die Spießigkeit in der „Wüste der Langeweile„.  Weiterlesen

Mit Musik gegen PEGIDA

Ich habe etwas gegen Kleingeistigkeit. Und gerade die montäglichen PEGIDA-Märsche machen deutlich, wie unter dem Deckmäntelchen der Empörung über Missstände die eigene Borniertheit regelrecht zelebriert wird. Mein Problem mit PEGIDA ist von grundsätzlicher Natur. Sie demaskiert sich als Bewegung, die außer schriller Hysterie (Lügenpresse!) und dem eigenen Anspruch auf einen Platz in den Geschichtsbüchern (Wir sind das Volk!) nichts anzubieten hat. Vor allem keine Argumente. PEGIDA steht für tumbe Unzufriedenheit, die sich brachial und pauschal gegen gewisse Gruppen der Gesellschaft wendet. Die Kaste der Politiker, die Medienclique, das linke Gutmenschentum und natürlich der Islam wurden als Feinde ausgemacht. In der Rhetorik folgt man altbekannten Mustern, ein Einzelfall wird zum Beispiel für die Verlottertheit des Systems umgedeutet. Aufgrund einzelner journalistischer Fehlleistungen, man denke an diese leidige Geschichte mit dem Undercover-Reporter von RTL, wird allen Massenmedien jedwede Objektivität abgesprochen. Nach dieser Logik rücken auch die vereinzelten Fälle sich bereichernder Politiker gleich alle Volksvertreter in ein schiefes Licht. Und eine kleine Gruppe von Islamisten reicht für einen Generalverdacht aus, nämlich dass der Islam das deutsche Wesen unterminieren will.

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Die 10 Alben, die mich am meisten bewegt haben

Der sehr geschätzte Kollege Nico hat mich auf seinem Blog und via Facebook nominiert, jene zehn Alben zu nennen, die mich im Laufe meines Lebens am meisten bewegt haben. Gern komme ich dieser Aufforderung nach und benenne diese. Ich tue mir dabei gar nicht einmal besonders schwer, denn obwohl sich diese 10 Platten vielleicht nicht gänzlich mit meinen ewigen Lieblingsalben decken, so hat es doch immer wieder Platten gegeben, welche mir zu einem gewissen Zeitpunkt richtig ans Herz gewachsen sind und für die ich mich auch heute noch keinesfalls schämen muss. Ich will kurz und chronologisch erläutern, warum ich genau diese Werke gewählt habe.

Bruce SpringsteenNebraska (1982)

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Zusammen mit Japanese Whispers von The Cure war Springsteens Nebraska Ende der Achtziger meine allererste Vinyl-Platte. Dieses reduzierte, folkige Singer-Songwriter-Album hat einerseits meine Liebe zu Underdogs für immer einzementiert und mich weiters auch dahingehend geprägt, dass ich Storytelling so liebe.

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Punk ist auch keine Lösung – Ein Essay über Musik und Gesellschaftskritik

Wohl bereits zu Zeiten des Urmenschen begann bei jeder neuen Höhlenmalerei eine rege in Grunzlauten geführte Diskussion untereinander, ob dies nun Kunst oder kitschvolles Geschmiere sei. Und dieser unversöhnlicher Gegensatz zwischen Unterhaltung und Niveau wurde bis in unsere Tage transportiert – wird nach wie vor im Brustton der Überzeugung grunzend mit Fallbeil anstelle einer feinen Klinge ausgekämpft. Aber spazieren wir einen kurzen Gedankengang lang der Vorstellung nach, dass jedweder Ausdruck in Wort, Bild und Ton ebenso Amüsement bescheren wie Sinne und Hirn anregend stimulieren darf. Wenn also Kunst einen höheren Anspruch an Betrachter, Leser und Hörer stellt, dann kann sie dies nur mit einem Mehrwert begründen. Zum Beispiel durch gesteigerte Komplexität, doppelbödige Chiffren, die eine näheren Untersuchung bedürfen, oder aber durch bis ins Detail ausformulierte Ästhetik. Ein weiteres Kennzeichen wäre auch eine Botschaft, die gesellschaftliche Relevanz generiert.

Nach der etwas trockenen Einführung will ich ohne Umschweife auf den Punkt kommen. Während der moderne Theaterbetrieb den künstlerischen Anspruch allzu gerne mit gesellschaftspolitischen Statements begründet, die Arthouse-Nische dies ebenso konsequent praktiziert, Schreiberlinge davor nie zurückschrecken, suche ich diese Haltung in der Musik meist vergebens. Wo nur sind die Komponisten und Texter, die raffinierte Melodien mit Inhalten versehen, die den Stachel ins Mark sozialer Lebenswirklichkeiten setzen? Sollte Musik wirklich nur auf der biedermeiernen Ebene tiefgründiger Erkundung des eigenen Gefühlskosmos funktionieren? Warum wirkt gegenwärtige Musik über weite Strecken so verdammt unpolitisch? War das nicht noch vor 20 Jahren besser?

Erinnern wir uns doch nur an Rap oder Hip-Hop, an eine Zeit von Public Enemy also, ehe Gangsta-Rap als prollig vorgeführte Attitüde den Mainstream erreichte und ein ganzes Genre mit fragwürdigen Klischees ausfüllte. Da war Anspruch sehr wohl an eine Haltung geknüpft. In hiesigen Breiten haben ein Sido oder Bushido mit dem Bekenntnis zu den Schattenseiten des Prekariats eine sozialromantische Vorstellung gepflanzt, dass der Weg aus der Gosse immer über Egomanie und Rücksichtslosigkeit funktioniert. Klare Feindbilder und der goldkettchenhaft zur Schau getragene Wille gar nicht erst zimperlich zu sein, die Verklärung des Aufstiegs um jeden Preis, prägen die fragwürdige Botschaft. Wo sind die Anliegen geblieben, welche nicht den Weg über Leichen sondern eine Solidarität predigen? Und warum kann von mir als minderwertig empfundene Musik so viel effizienter und eloquenter eine Wertehaltung und Anschauung vermitteln?

Setzen wir keinesfalls ein Statement mit künstlerischem Gehalt gleich. Sonst müssten wir die ungezählten Lieder mit dem Slogan Nazis raus als hohe Kunst postulieren. Doch Anhängern eines unmenschlichen Weltbildes mit puren Beschimpfungen zu begegnen, wie es zum Beispiel Nosliw tut, stellt einen auf die selbe Stufe dumpf artikulierter Intoleranz und behindert jede ernsthafte Auseinandersetzung. Nazis sind eben keine verfickten Wixer, vielmehr Gegner der Demokratie, denen man auf demokratische Weise begegnen muss. Verbindet etwa Samy Deluxe dank seinen Raps Anspruch mit Attitüde? Oder vergeht er sich nicht vielmehr in Vereinfachungen, wenn er die deutsche Befindlichkeit mit all ihren Problemen an den Nachwirkungen des Nationalsozialismus festmacht und den Schlussstrich unter die Vergangenheit fordert? Kann und darf das die gesellschaftspolitische Botschaft sein, die es braucht?

Freilich versagen auch andere, zum Beispiel die linke Liedermacherszene. Was bietet sie uns heute? Welche Texte entflammen einen Denkprozess, tragen zu einem Umdenken bei, stoßen gesellschaftliche Veränderungen an oder begleiten selbige? Es war schon in der Vergangenheit nicht einfach damit erledigt, die so lange instrumentalisierte Internationale zu intonieren – wie es etwa Hannes Wader tat. Wenn sich Kunst nur durch den althergebrachten Jargon einer Ideologie ausdrückt, fehlt die Glaubwürdigkeit und lacht das Phrasenschwein. Trotz aller Widersprüchlichkeiten, einen neuen Wolf Biermann sucht man derzeit vergebens.

Punk ist auch keine Lösung. War sie es denn jemals? Sich gegen Konformismus zu stemmen, strahlt unzweifelhaft einen gewissen Reiz aus. Die Rebellion gegen die Gesellschaft gerät indes zur Farce, wenn es an Konzepten und Visionen mangelt, die nicht nur den Gegenentwurf der Randgruppe mit Freiheit erfüllen. Hatte Punk irgendwann mehr im Köcher als das Postulat der Unangepasstheit? Überzeugt heute eine Botschaft, die irgendwann noch revolutionär als Weckruf agierte, um dann im Sumpf der eigenen Eindimensionalität zu versinken? Treten Die Ärzte mit ihrer humoresken Komponente nicht den schlagende Beweis an, dass Punk nur mit Augenzwinkern – aber ohne Inhaltsschwere – noch zu überleben vermag?

Punk ist auf eine vergessenswerte Attitüde zusammengeschrumpft...

Man konterkariere meine These bezüglich mangelnder musikalischer Botschaften bitte nicht mit irgendwelchen Friedensliedern, die während des Irak-Kriegs weltweit wie Primeln aus dem Boden sprossen. Gegen einen Krieg zu sein, dafür bedarf es keiner großen Worte. Die Lehren der Vergangenheit sind Grund genug. Wie man jedoch die Realitäten dahingehend verschiebt, dass er nicht zum zwingend notwendigen Übel wird, das wäre die eigentlich wertvolle Message, die es künstlerisch aufzubereiten gilt.

Wo also verstecken sich im neuen Jahrtausend sozialkritische Meisterwerke wie Animals von Pink Floyd? Wer verfrachtet Traditionen des britischen Folks mit seinem Fundus an Arbeiter- und Protestliedern in unsere Zeit? Es darf nicht länger Bob Dylan als Prototyp des inhaltsreichen Botschafter den Kopf hinhalten müssen. Warum fehlt es den von wirtschaftlichen Ängsten geprägten Zeiten an Sprachrohren? Wo sind die Künstler, welche den Terrorismus nicht als nebulöse Panik belassen? Und in Hinsicht auf die erbrachten Beispiele regt sich die Frage, wer in der deutschsprachigen Musikszene Haltungen präsentiert, die bei näherer Betrachtung nicht gleich wie ein Kartenhaus zusammenfallen.

Ich will zum Ausgangspunkt der Überlegung zurückschwenken. Wenn sich Kunst nicht nur, aber eben auch über den formvollendeten Ausdruck von Weltanschauungen und Überzeugungen definiert und damit eine Relevanz für die Gemeinschaft an den Tag legt, dann darf man auch darauf pochen, dass Musiker dieser Verpflichtung nachkommen. An Themen mangelt es nie und nimmer. Die Ausbeutung des Menschen erreicht eine neue Qualität deklamierten Tocotronic einst, ehe sie in Kapitulation verharrten. Doch solch ein Hochverrat führt zu L’art pour l’art. Und Weltflucht scheint mir auf Dauer und in der heutigen Fülle dann doch zu wenig.

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Musikalischer Quartalsbericht 2010 (I)

Das erste Quartal war in jeglicher Hinsicht üppig und eigentlich voll von schlagenden Argumenten, dass es keine Krise der Kreativen gibt. Was Musiker so ersannen und in den letzten 3 Monaten in Deutschland veröffentlichten, wird man nicht schnell vergessen können und mögen.

Beginnen wir zunächst mit Electronica. Wenn Blockhead, Four Tet, Bonobo und Autechre allesamt innerhalb kürzester Zeit gewaltige Alben veröffentlichen, strahlt mein Herz zufrieden. Vier Platten feinster Qualität und großer Diversität, angeführt von Blockheads in jeder Hinsicht hervorragenden The Music Scene.  Doch auch pointiertes Songwriting konnte 2010 in all seinen Facetten genossen werden. Ob nun in Form einer existentiellen Wehklage von Eels, der Rückbesinnung der The Magnetic Fields auf ein durch und durch sophisticated und gleichsam eingängiges Songwriting oder auch im famosen Vexations, mit dem Konstantin Gropper alias Get Well Soon endgültig unter Beweis stellte, dass er zu den sehr wenigen deutschen Musikern mit internationalem Format gehört. Völlig unbeachtet lieferten Clem Snide mit The Meat of Life ein kleines, in den Details zündendes Stück gediegensten Songwritings ab.

2010 bot auch ein letztes Abschiednehmen von Johnny Cash, dessen Ain’t No Grave von der Kritik als Leichenfledderei zerpflückt wurde. Ein Schwachsinn und Frevel, denn diese Lieder in einem Archiv versauern zu lassen, das wäre ein Sakrileg der besonderen Sorte gewesen. Auch die letzten gemeinsamen Aufnahmen von Ali Farka Touré mit Toumani Diabaté sind ein gelungenes Vermächtnis, Ali and Toumani gehört fraglos zu den erlesensten Scheiben der World Music dieses Jahres.

Kommen wir zu poppigen Tönen, Sambassadeur aus Schweden konnte mit European eine frische Mischung aus Twee und Indie-Pop finden, welche Genre-Fans sicher durch den Frühling bringen wird. Auch The Postmarks verzauberten mit erquickenden Sounds, die man in hiesigen Breiten noch zu gering schätzt. Das weit zu fassende Feld des Post-Rocks wurde einerseits von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra in erwartbarer Finesse beackert, andererseits begeisterte The Album Leaf mit schlichte Besinnlichkeit von A Chorus of Storytellers.

Zwei Platten verdienen eine besondere Erwähnung. Jaga Jazzist vermochten mit One-Armed Bandit ein kompositorisch komplexes Werk zu erschaffen, dass dennoch pure Hörfreude atmet. Vor solch Können muss man den Hut ziehen. Und fast noch mehr beeindruckte eine unbekannte deutsche Formation namens The Blue Angel Lounge, deren gleichnamiges Debüt unglaublich starken psychedelischen Rock beschert. So gut, dass man die Band partout nicht in Deutschland verorten mag.

Einige Wortfetzen seien auch Enttäuschungen und vorhersehbaren Zumutungen gewidmet. Tocotronic ergaben sich einem Gaga-Dadaismus, der all die Tugenden dieser Band zu einer Fratze verzerrte. Eine Frustration sondergleichen! Dass Vampire Weekend eine richtig flüssiges, also überflüssiges Contra ablieferten, das hingegen war keinerlei Überraschung. Und Joanna Newsoms neuestes Attentat auf kultivierte Gehörgänge ebenso. Aber es wird wohl auch immer Platten geben, die vom Feuilleton in einem Akt von Gesinnungsterror angepriesen und letztlich doch Zumutungen bleiben.

Das Resümee könnte trotz Querschläger nicht besser ausfallen. Die Hoffnung, dass sich die Fülle an Wundertaten im nächsten Quartal wiederholen wird, scheint überzogen. Für den Moment jedoch sollte Zufriedenheit regieren.

Die 10 besten Tracks:

Johnny Cash – Ain’t No Grave
Broken Bells – Trap Doors
Clem Snide – I Got High
Get Well Soon – We Are Free
Sambassadeur – Stranded
Massive Attack – Paradise Circus
Scanners – A Girl Like You
The Postmarks – Thorn In Your Side
Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself
Blockhead – Tricky Turtle

Die besten 10 Alben:

Jaga Jazzist – One-Armed Bandit
Scanners – Submarine
The Blue Angel Lounge – The Blue Angel Lounge
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Kollaps Tradixionales
Get Well Soon – Vexations
The Postmarks – Memoirs At The End Of The World
THUS:OWLS – Cardiac Malformations
Bonobo – Black Sands
Blockhead – The Music Scene
Sambassadeur – European

Die 5 schlechtesten Alben:

Joanna Newsom – Have One On Me
Tocotronic – Schall & Wahn
Vampire Weekend – Contra
Owl City – Ocean Eyes
Delphic – Acolyte

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