Musikalischer Quartalsbericht 2010 (I)

Das erste Quartal war in jeglicher Hinsicht üppig und eigentlich voll von schlagenden Argumenten, dass es keine Krise der Kreativen gibt. Was Musiker so ersannen und in den letzten 3 Monaten in Deutschland veröffentlichten, wird man nicht schnell vergessen können und mögen.

Beginnen wir zunächst mit Electronica. Wenn Blockhead, Four Tet, Bonobo und Autechre allesamt innerhalb kürzester Zeit gewaltige Alben veröffentlichen, strahlt mein Herz zufrieden. Vier Platten feinster Qualität und großer Diversität, angeführt von Blockheads in jeder Hinsicht hervorragenden The Music Scene.  Doch auch pointiertes Songwriting konnte 2010 in all seinen Facetten genossen werden. Ob nun in Form einer existentiellen Wehklage von Eels, der Rückbesinnung der The Magnetic Fields auf ein durch und durch sophisticated und gleichsam eingängiges Songwriting oder auch im famosen Vexations, mit dem Konstantin Gropper alias Get Well Soon endgültig unter Beweis stellte, dass er zu den sehr wenigen deutschen Musikern mit internationalem Format gehört. Völlig unbeachtet lieferten Clem Snide mit The Meat of Life ein kleines, in den Details zündendes Stück gediegensten Songwritings ab.

2010 bot auch ein letztes Abschiednehmen von Johnny Cash, dessen Ain’t No Grave von der Kritik als Leichenfledderei zerpflückt wurde. Ein Schwachsinn und Frevel, denn diese Lieder in einem Archiv versauern zu lassen, das wäre ein Sakrileg der besonderen Sorte gewesen. Auch die letzten gemeinsamen Aufnahmen von Ali Farka Touré mit Toumani Diabaté sind ein gelungenes Vermächtnis, Ali and Toumani gehört fraglos zu den erlesensten Scheiben der World Music dieses Jahres.

Kommen wir zu poppigen Tönen, Sambassadeur aus Schweden konnte mit European eine frische Mischung aus Twee und Indie-Pop finden, welche Genre-Fans sicher durch den Frühling bringen wird. Auch The Postmarks verzauberten mit erquickenden Sounds, die man in hiesigen Breiten noch zu gering schätzt. Das weit zu fassende Feld des Post-Rocks wurde einerseits von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra in erwartbarer Finesse beackert, andererseits begeisterte The Album Leaf mit schlichte Besinnlichkeit von A Chorus of Storytellers.

Zwei Platten verdienen eine besondere Erwähnung. Jaga Jazzist vermochten mit One-Armed Bandit ein kompositorisch komplexes Werk zu erschaffen, dass dennoch pure Hörfreude atmet. Vor solch Können muss man den Hut ziehen. Und fast noch mehr beeindruckte eine unbekannte deutsche Formation namens The Blue Angel Lounge, deren gleichnamiges Debüt unglaublich starken psychedelischen Rock beschert. So gut, dass man die Band partout nicht in Deutschland verorten mag.

Einige Wortfetzen seien auch Enttäuschungen und vorhersehbaren Zumutungen gewidmet. Tocotronic ergaben sich einem Gaga-Dadaismus, der all die Tugenden dieser Band zu einer Fratze verzerrte. Eine Frustration sondergleichen! Dass Vampire Weekend eine richtig flüssiges, also überflüssiges Contra ablieferten, das hingegen war keinerlei Überraschung. Und Joanna Newsoms neuestes Attentat auf kultivierte Gehörgänge ebenso. Aber es wird wohl auch immer Platten geben, die vom Feuilleton in einem Akt von Gesinnungsterror angepriesen und letztlich doch Zumutungen bleiben.

Das Resümee könnte trotz Querschläger nicht besser ausfallen. Die Hoffnung, dass sich die Fülle an Wundertaten im nächsten Quartal wiederholen wird, scheint überzogen. Für den Moment jedoch sollte Zufriedenheit regieren.

Die 10 besten Tracks:

Johnny Cash – Ain’t No Grave
Broken Bells – Trap Doors
Clem Snide – I Got High
Get Well Soon – We Are Free
Sambassadeur – Stranded
Massive Attack – Paradise Circus
Scanners – A Girl Like You
The Postmarks – Thorn In Your Side
Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself
Blockhead – Tricky Turtle

Die besten 10 Alben:

Jaga Jazzist – One-Armed Bandit
Scanners – Submarine
The Blue Angel Lounge – The Blue Angel Lounge
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Kollaps Tradixionales
Get Well Soon – Vexations
The Postmarks – Memoirs At The End Of The World
THUS:OWLS – Cardiac Malformations
Bonobo – Black Sands
Blockhead – The Music Scene
Sambassadeur – European

Die 5 schlechtesten Alben:

Joanna Newsom – Have One On Me
Tocotronic – Schall & Wahn
Vampire Weekend – Contra
Owl City – Ocean Eyes
Delphic – Acolyte

SomeVapourTrails

Schall und Wahn und Gaga-Dadaismus – Tocotronic

Freilich könnte ich nun das Fremdwörterlexikon aus meinem Rezensentenköfferchen holen und gleich einem Sanitäter hektisch verarzten, was viele Ampullen Euphemismen benötigt, um nicht im komatösen Dämmer der Belanglosigkeit zu verharren. Doch meine ausgemergelte Begeisterung für Tocotronic verweigert die Erste Hilfe. Irgendwann scheint krankhaft aufgebläht, was in besseren Tagen mehr als nur Wichsvorlage für eine Intelligentsia war. Die wahre Musik spielt nicht nur im Kopf, frönt keinem so nichtssagenden wie gestelzten Pathos, flüchtet sich nicht in einen Dadaismus, der jedem Hörer Interpretationsspielraum andient. Letztlich will ich den Herren von Lowtzow, Müller, Zank und McPhail jedoch aufgrund vergangener Meriten eher Ratlosigkeit denn Beliebigkeit unterstellen.

Das Album Schall und Wahn versumpft im Gaga einer allzu artifiziellen Struktur, die krawallig uninspirierte Musik mit vermeintlich inhaltsprallen Texten kombiniert. Doch die Poesie der Postmoderne, die mit all ihrem Unbehagen frühere Platten in lichte Höhen führte, scheint einer an Marotten reichen, gewollt nebulösen, notorisch bemühten Textlichkeit gewichen, die keinerlei Botschaft erkennen lässt – außer der, dass sich kalkuliert semantisches Harakiri nicht zwangsläufig in hehre Kunst versteigt.

Über die Gründe dieses Offenbarungseides zu mutmaßen, wäre spekulativ und eigentlich sinnlos. Vielmehr gilt es, dies Ärgernis in den richtigen Kontext zu betten. Denn prinzipiell haben sich Tocotronic in der Herangehensweise nicht weit vom bisherigen Schaffen entfernt. Doch wo bis dato vertrackte Botschaften einen Stachel im Fleisch des Hörers hinterließen, perlen nun um Deutungsversuche winselnde Worthülsen einfach ab. Bitte oszillieren Sie ist Quatsch mit Soße, soll Humor antäuschen, wo auf Teufel komm raus kirre Verreimungen Sinn in Sinnlosigkeit vorgaukeln. Keine Meisterwerk mehr versprüht den Trotz einer Destruktivität, die brüsk und ratlos das eigene Schaffen ans Gängelband nimmt. Sinnlosigkeit unters Mäntelchen von L’art pour l’art geschmiegt, Verweigerung und Passivität als Antrieb (Mach es nicht selbst) werden voll unkomischer Ironie zur Farce. Hinter martialischen Wörtern wie Terror oder Folter lauert bestenfalls biedermeierne Resignation. Klang bei Pure Vernunft darf niemals siegen noch robuste Verzweiflung durch, schöngeistert Dirk von Lowtzow auf Die Folter endet nie in gefällig seichtem Pop. Aber musikalische Minderleistung defininiert keinesfalls das Hauptproblem von Schall und Wahn. Vielmehr torkelt die verquaste Ziellosigkeit der Lyrics in das Desaster. Wenn Stürmt das Schloss krudwortig durch die Boxen irrlichtert, erscheint zumindest der Albumtitel als passende Deskription hochgradig gelungen.

So bleibt die bittere Erkenntnis, das ärgerliche Fazit, dass Tocotronic mit diesem Werk einen Tiefpunkt erreicht haben. Alles Wohlwollen dieser Welt kann mich zu keiner anderen Diagnose verleiten. Doch noch besteht für den Patienten die Hoffnung auf Genesung. Tocotronic müssen nur ihre einzigartige, relevante Sprache wiederfinden. Dann darf dies Debakel gerne den Schleier des Vergessens küssen.

Links:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

500 essentielle Songs der Dekade – Teil 2

Auch dieses Mal wollen wir eine bunte Mixtur an bekanntem und unbekanntem, wichtigem und besonders wertvollem Liedgut vorstellen. Und obzwar Listen immer den Geschmack des Erstellers widerspiegeln, haben wir doch versucht über den Tellerrand zu lugen. So mag ob des Haareraufens nun das eine oder andere davon in der Suppe schwimmen. Dennoch wollen wir uns ans  Servieren machen – umso mehr, da wir der bloggenden Nachbarschaft mit dampfender Terrine und gutem Vorbild voranschreiten. Teil 1 offerierte bereits jede Menge Leckerbissen, jetzt folgt der Nachschlag.

500Tracks(Teil2)

wallofarmsThe Maccabees – Love You Better (2009)

someofmybestfriendsaredjsKid Koala – Skanky Panky (2003)

ghostsofthegreathighwaySun Kil Moon – Glenn Tipton (2003)

kidaRadiohead – The National Anthem (2000)

whateveryouloveyouareDirty Three – I Offered It Up To The Stars & The Night Sky (2000)

keystotheworldRichard Ashcroft – Words Just Get In The Way (2006)

siberiaEcho & The Bunnymen – In the Margins (2005)

championsoundJaylib – Champion Sound (2003)

lostchannelsGreat Lake Swimmers – Everything Is Moving So Fast (2009)

zMy Morning Jacket – Dondante (2005)