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20 Jahre Placebo: A Place For Us To Dream & Life’s What You Make It

Man kann die Welt in zwei fast unversöhnliche Lager schwarzweißen. In jenes das, eine intensive, mit der eigenen Emotion hadernde, von einem charismatischen Frontmann dargebotene Musik mag, und natürlich in jene Fraktion, die von Placebo gar nichts hält. Letzteren ist ohnehin nicht zu helfen, den Fans dagegen sei die frohe Kunde mitgeteilt, dass mit der im Oktober erscheinenden Retrospektive A Place For Us To Dream das 20-jährige Bandjubiläum – genauer gesagt die Veröffentlichung des Debüts – begangen wird. Nun sind so Werkschauen im Plattengeschäft meist ein kultiviertes Wort für ein Best-of und bieten den Eingeweihten fast nichts Neues. Ob dies auch für A Place For Us To Dream gilt, werden wir gleich näher beleuchten. Doch vorab möchte ich darauf hinweisen, dass sich Placebo seit letztem Jahr in einer resümierenden Stimmung befinden. Ihr Ende 2015 veröffentlichter Auftritt bei MTV Unplugged ließ die Karriere bereits Revue passieren. 14 der 17 live gespielten Tracks finden sich in den jeweiligen Studioaufnahmen nun auch auf besagter 36 Titel umfassenden Retrospektive wieder. Das im speziellen Umfeld von MTV Unplugged begonnene Resümee wird somit mit den originalen Tracks bzw. Radio Edits fortgesetzt. Nun kann solch eine Betrachtung des bislang Erreichten entweder als Schwanengesang gewertet werden oder aber auf einen Neubeginn hindeuten. Brian Molko hat sich bereits dahingehend geäußert, dass die Band nach den Feierlichkeiten zu neuen Ufern aufbrechen möchte, vom bisherigen Sound abweichen wird. A Place For Us To Dream kündigt also keine Auflösung an, vielmehr eine Neuausrichtung, auf die man fraglos gespannt sein darf. Doch bis dahin absolvieren Molko und Stefan Olsdal noch eine Tour, bescheren uns dieses umfangreiche Best-of und Life’s What You Make It, eine 6 unveröffentlichte Stücke umfassende EP. Diese EP liefert den Beweis dafür, dass Placebo auch eingefleischten Fans etwas Neues bieten wollen. Sehr gut!

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Songbirds Collective auf Tour

Es entwickelt sich gerade zur schönen Tradition, dass ich auf eine Konzerttournee eines Kollektivs hervorragender Singer-Songwriterinnen verweise. Was 2014 unter dem Namen American Songsbirds firmierte, hat sich mittlerweile zum Songbirds Collective verfestigt. Ursprünglich sah dieses Konzept 2014 noch vor, dass vier im besten Sinne exzentrische Künstlerinnen aus Nordamerika in einzelnen Sets ihr Schaffen vorstellen, dabei eine Bandbreite von Folk-Pop über Kammerpop und Chanson bis hin zu jazzigen Klängen anbieten sollten. Was sich freilich nicht einplanen ließ, war die Chemie zwischen den Sängerinnen. Und diese stimmte, sodass aus den aneinandergereihten Auftritten ein gemeinsamer Auftritt, ein hervorragendes Miteinander wurde. Drei der Musikerinnen der ersten Tour sind auch 2016 wieder dabei. Dieses eingespielte Team besteht aus der in Polen geboren, in den USA aufgewachsen und in Berlin lebenden Ashia Bison Rouge, weiters aus der Frankokanadierin Kyrie Kristmanson, der New Yorkerin Rachelle Garniez sowie der seit 2015 dazugehörigen Britin Daisy Chapman. Die bunten Biografien der Teilnehmerinnen haben dazu geführt, dass die diesjährige Konzertreise unter das Motto Four Voices / Four Worlds fällt.

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Schlaglicht 26: Mark Rogers & Mary Byrne

Das Duo, das ich heute vorstellen möchte, will ich auch zum Anlass nehmen, um dem Genre Folk einmal mehr meine Hochachtung auszusprechen. Weil Folk in seiner knorrigen Schlichtheit große und zugleich gänzlich unaufgeregte Wahrhaftigkeit ausstrahlt, weil unbehagliche Zwischentöne das Genre prägen. Folk ist so verdammt nah an den Gefühlen des einfachen Mannes, huldigt den alltäglichen Gedanken der kleinen Frau. Folk kann im Moment sinnieren – oder aber in historischen Dimension schwelgen. Die reduzierte, von Intimität erfüllte Folkmusik des Duos Mark Rogers & Mary Byrne lässt alle Vorzüge des Genre erstrahlen. Das 2014 veröffentlichte Album I Line My Days Along Your Weight fällt wunderbar aus. Wie es die Nichtigkeit des Lebens und die Tragik des Seins schildert, wie sich das Storytelling kleinen Freuden und Hoffnungen widmet, wie Irritationen durch die Seele geistern, all das verfehlt die Wirkung nicht.

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Schutzlos unter den Sternen – Binoculers

Dream-Folk-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns das Hamburger Projekt Binoculers unter der Federführung von Nadja Rüdebusch. Einen Ausblick auf das Album Adapted To Both Shade And Sun habe ich bereits im April gegeben, nun möchte ich mir dieses mit gelenker Hand und selbstverständlicher Kunstfertigkeit vollbrachte Stück Musik noch ein wenig näher ansehen. Gelungene, auf Englisch gehaltene Singer-Songwriter-Platten aus Deutschland sind zumindest für mich noch immer eine Art Kuriosum. Weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Rüdebusch jedenfalls gelingt mit ihrem Vehikel Binoculers eine souveräne, angenehm international anmutende Platte mit einer ganz eigenständigen, verwirrenden Aura.

Der Moment, in dem aus Musik Magie wird, jener Augenblick kommt im vorliegenden Fall durchaus früh. Schon der zweite Song des Albums verzaubert. Where The Water Is Black besticht durch dunkle Poesie und einen anfänglich schleppenden, ganz allmählich jedoch fülliger werdenden Sound. Und irgendwann zur Hälfte dieses Gangs durch die Nacht fallen die Schritte sicherer aus, tänzeln elegant dahin, befunkelt vom hellen Sternenglanz am Firmament („But the stars are the brightest where the water is black“). Mit diesem Lied entfernt sich die Platte rasch von jeglicher deutschen Pomadigkeit. Und es bleibt bei Weitem nicht die einzige eindringliche Nummer dieser Platte! Schutzlos unter den Sternen – Binoculers weiterlesen

Rädchen und nicht Sand – East Cameron Folkcore

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Gentrifizierung, Fracking, Whistleblowing und der Würgegriff des Neoliberalismus. Es gibt wenige Themen, die im Hier und Jetzt ähnlich unter den Nägeln brennen. Das aus Texas stammende Kollektiv East Cameron Folkcore lässt auf ihrem Album Kingdom of Fear keine einzige Gelegenheit aus, die gegenwärtigen Verhältnisse samt und sonders als Bankrotterklärung einer zutiefst unmenschlichen Zivilisation zu brandmarken. Mit gesunder Wut im Bauch und sehr trotzig geballter Faust spielen sie einen Folk-Rock mit punkigen Elementen, der Außenseiterattitüde eines Tom Waits und orchestralem Südstaatenflair. Kurzum, das East Cameron Folkcore macht deftige Musik für Menschen, denen angesichts der Zustände das Lachen immer öfter vergeht.


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Vom Botschafter zum Erneuerer – Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba

Bereits vor einigen Wochen habe ich damals noch voller Vorfreude auf ein für Ende April angekündigtes Album aus der Kategorie Weltmusik hingewiesen. Dieser Tage nun ist die Platte erschienen und der Künstler tourt samt Band derzeit durch ganz Europa. Grund genug, den Künstler samt Werk ein wenig genauer zu betrachten. Die Rede ist Bassekou Kouyaté. Der Malier Kouyaté hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Ngoni in die Moderne zu überführen. Eine Ngoni bezeichnet eine Laute mit Steg, quasi einen alter Vorläufer der Banjos. Kouyaté denkt das Instrument konsequent neu, belässt es nicht bei den überlieferten drei bis vier Saiten, motzt die Ngoni auf bis zu sieben Saiten auf, elektrifiziert sie noch ganz nebenbei. Zusammen mit seiner Band Ngoni Ba entwickelt er auf seinem jüngsten Album Ba Power einen Afro-Rock, der Tradition und Moderne gleichermaßen gerecht wird. Ba Power geht im Vergleich zum bodenständigen Vorgängerwerk Jama ko einige Schritte weiter in die Welt hinaus, transzendiert zu einem mondial gültigen Stück Musik, ohne dabei dem typisch afrikanischen Groove zu entsagen.

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American Songbirds Festival 2015

Letztes Jahr habe ich auf das American Songbirds Festival hingewiesen. Und auch 2015 möchte ich dem werten Leser die Neuauflage jener Konzerte der American Songbirds, die dieses Mal durch 22 europäische Städte führen, sehr ans Herz legen. Schlicht weil mir der Grundgedanke der Tournee so gefällt: Vier Singer-Songwriterinnen stellen ihr Können auf der Bühne unter Beweis – wagen dabei auch den gemeinsamen Auftritt. Diese Tour ist einem gewissen Publikum auf den Leib geschneidert. Sie richtet sich überwiegend an ein geschmacksicheres Bildungsbürgertum, das keine durch die Lande tingelnde Reunion abgehalfterter Bands vom Schlage der Simply Red besucht, zugleich die geistige Frische besitzt, die eigene Kultiviertheit nicht dadurch hervorzuheben, indem es klassische Konzerte der Wiesbadener Philharmoniker mit Anwesenheit beehrt. Auch die diesjährigen American Songbirds adressieren ein Publikum, welches Musik zwar ernst nimmt, sie aber weder als Nostalgieveranstaltung noch als dröge Ausgeburt an Hochkultur begreift.

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Konzerttipp + Verlosung: Orenda Fink (15.01.2015 im Privatclub/Berlin)

Dieser Tage beehrt Orenda Fink deutschsprachige Gefilde. Der Name der US-Singer-Songwriterin mag vielleicht nicht jedermann ein Begriff sein, als – wörtlich zu nehmen – bessere Hälfte von Azure Ray hat sie in der Vergangenheit jedoch einige starke Platten veröffentlicht – und auch ihr 2014 erschienenes Solowerk Blue Dream bot traumleichten Dream-Pop mit hell schimmerndem Gesang. Es forscht behutsam nach dem Göttlichen, bietet eine sehr ehrliche und aufrichtige Sinnsuche, gleitet nie in Esoterik-Klimbim oder in religiösen Eifer ab. Ich habe bei meiner Besprechung der Platte selbige als „ein Gedanken und Empfindungen nachhängendes, wohltuend erwachsenes Dream-Pop-Album“ gelobt. Wer Fink bislang nur durch ihr Wirken bei Azure Ray kennt, sollte Blue Dream auf alle Fälle eine Chance geben. Und vielleicht auch bei einem ihrer anstehenden Konzerte vorbeischauen.

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Schüchtern, flügge und doch direkt – Mo Kenney

Wenn man sich in diesen schnelllebigen Zeiten auf etwas verlassen kann, dann wohl auf das eherne Gesetz, dass die Uhren der Plattenfirmen noch immer mit beamtischer Ruhe ticken. So erscheint dieser Tage hierzulande das gleichnamige Debüt der kanadischen Singer-Songwriterin Mo Kenney, während in ihrer Heimat bereits der Countdown für ihren Zweitling In My Dreams läuft. Es hat also zwei Jahre gebraucht, bis das erste Album den Weg nach Europa gefunden hat. Dabei muss man sich nicht einmal die Ohren putzen, um das Talent der Kanadierin zu erlauschen. Sie vermag mit fröhlichem bis nachdenklichem Indie-Folk-Pop zu punkten und auch in Folk-Rock-Gefilde vorzustoßen. Die Platte wirkt angenehm schnörkellos instrumentiert, neben der prominenten Akustikgitarre sind gerade einmal Bass, Schlagzeug, E-Gitarre und Piano mit von der Partie. Ein weiterer gar nicht heimlicher Trumpf des Werks ist Kenneys Stimme, der das kanadische Magazin Exclaim! die Qualitäten einer Cat Power zugestanden hat. Darüber hinaus hat Exclaim! eine richtige Feststellung gemacht: „Kenney wears her coming-of-age trials as a badge of honour“. Und exakt diese Attitüde prägt über weite Strecken den Charme dieses Debüts!

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Geerdeter Nonkonformismus – Federal Lights

Heute sei der kanadischen Formation Federal Lights ein Ohr geliehen, die Roots Music mal mit Pop und dann wieder mit Rock verquickt und daraus ein ansehnliches Debüt namens We Were Found In The Fog strickt. Bei Folk und Americana existieren ja unter anderem zwei sehr beliebte Zugänge. Entweder man zieht sich in die Einöde zurück, um im Schoß der Wildnis über das Sein der Dinge zu grübeln. Dann klingt der Folk getragen und der Selbsterkenntnis verpflichtet. Oder aber man fabriziert Wohlfühlklänge, die zum Schunkeln einladen und das Flanell gehörig ins Schwitzen bringen. Die Federal Lights rund um Mastermind Jean-Guy Roy versuchen das Beste aus beiden Temperamenten mit angenehm eingängigen Pop-Rock zu kombinieren. Als Resultat steht eine radiowonnige Platte mit ungewohnter Authentizität zu Buche.

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