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Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd

Weltverbesserer sind oft hoffnungslos verkniffen, meist sogar miesepetrig. Verfechter des Friede-Freude-Eierkuchen-Prinzips dagegen kommen mit einem waffenscheinpflichtigen Grinsen daher. Beides nicht auszuhalten! Zum Glück gibt es einen Xavier Rudd, der sich Versonnenheit bewahrt hat, obwohl er harsche Zivilisationskritik übt. Der Australier zählt zu den angenehmen Gestalten unter den Singer-Songwritern mit gesellschaftspolitischem Anspruch. Rudd verbindet Umweltbewusstsein mit universeller Spiritualität, lässt seinen globalen Humanismus nie zur Worthülse verkommen, macht den Kampf für Gerechtigkeit exemplarisch am Eintreten für die Rechte der Aborigines fest. Er wirkt wie der leibhaftige Gegenentwurf zum von steter Gier getriebenem Konsum und unbedingtem Verlangen nach Individualität. Rudd gerät zum modernen Hippie, der so sehr in sich ruht, dass er die eigene Haltung mit größtmöglicher Entspanntheit vorträgt. Alles Engagement wird von einer Art Urvertrauen in die starken Kräfte des Guten getragen. Er propagiert dabei ein Miteinander von Tradition und Moderne, sucht nach Gemeinsamkeiten zwischen Völkern. Der gemeinsame Nenner ist für ihn diese eine Erde, die alle Menschen miteinander teilen. Was auf den ersten Blick naiv klingt, ist natürlich völlig vernünftig. Die einzelnen Bewohner eines großen Wohnkomplexes haben schließlich ja allesamt ein berechtigtes Interesse daran, dass die Aktionen einzelner Mieter nicht zum Einsturz des gesamten Gebäudes führen. Dass der werte Herr Rudd noch immer nicht müde wird, sich für eine bessere Welt einzusetzen, belegt die vor wenigen Wochen erschienen Platte Live in the Netherlands.

Gerade eine Botschaft voll positiver Vibes schreit förmlich danach, im Rahmen eines Konzertes festgehalten zu werden. Die Art, wie Rudd seine Auftritte gestaltet, vermag jedoch zu überraschen. Wer meint, dass er womöglich darauf abzielt, tausenden Kehlen abgedroschene Weltverbesserungsparolen abzutrotzen, wird staunen. Rudd nimmt die Musik viel zu ernst, um einen Gig zum Happening verkommen zu lassen. Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd weiterlesen

Indie-Lieblingslieder 2015 – Ein Zwischenstand (Teil 1)

Ein wenig atemlos hechle ich stets der Musik hinterher. Irgendwann im Jahre 2016 werde ich vielleicht einmal den Jahrgang 2013 endgültig verdaut haben. Ich bin also vielleicht nicht der geeignetste Blogger, um in einer Art Zwischenstand meine ganz persönlichen Indie-Highlights des Musikjahres 2015 aufzulisten. Ich tue es dennoch, denn so einige Highlights habe ich in diesem Jahr bereits entdeckt. Und gute Musik kann man nicht oft genug erwähnen! Hier nun der 1. Teil der Glanzlichter:

Baden BadenÀ tes côtés (Frankreich) [Das Album Mille éclairs ist am 09.02.2015 auf naïve erschienen.] (Review)

My Brightest DiamondCeci Est Ma Main (Groundlift Remix) (USA) [Die EP I Had Grown Wild ist am 15.05.2015 auf Asthmatic Kitty Records erschienen.] (Schatzkästchen) Indie-Lieblingslieder 2015 – Ein Zwischenstand (Teil 1) weiterlesen

Lass Hoffnung sein! – Xavier Rudd & The United Nations

Ein Flugzeug stürzt in den französischen Alpen ab, der Aktienkurs von Lufthansa sackt daraufhin in den Keller. Millionen Tonnen Plastik gelangen Jahr für Jahr in die Ozeane, Müllvermeidung juckt uns dennoch nicht. Die Bill & Melinda Gates Foundation möchte wohltätig sein, erzielt seine Rendite jedoch durch Investments in Firmen, die den Lebensraum von Menschen zerstören. Ob Zynismus, Ignoranz oder Dummheit, all die Attitüden haben uns fest im Griff. Sie werden immer mehr zu Grundpfeilern zivilisierten Denkens. Muss das so sein? Kann man einen radikalen Gegenentwurf überhaupt denken, ohne gleich als naiv oder wirtschaftsfeindlich gebrandmarkt zu werden? Der australische Singer-Songwriter Xavier Rudd versucht nicht erst seit gestern, einen Weg zurück nach vorn aufzuzeigen. Er betont das archaische Element, eine Einheit mit der Natur, die Rückbesinnung auf spirituelle Energie. Für ihn sind Denken und Fühlen des Menschen in solidarischen Stammesgemeinschaften entstanden. Jedwede Verbundenheit mit den Ahnen – sowie ein Bewusstsein für Geschichte – erachtet er als Grundvoraussetzung, um an ein Morgen zu denken, die Kurzsichtigkeit des Hier und Jetzt zu überwinden. Nun könnte man Rudd als esoterischen Öko-Spinner abtun, seine Vision diskreditieren. Aber was haben uns die Verfechter der Marktwirtschaft an ethischen Angeboten zu machen? Was haben sie außer einer geradezu im Dogma des Zynismus gehaltenen rigorosen Evolution anzubieten? Welche Frohbotschaften, welche sinnstiftenden Werte hat der westliche Gesellschaftsentwurf der Gegenwart im Talon? Da bleibt nicht viel, wenn man Materialismus und Konsum nicht als der Weisheit letzter Schluss ansieht. Vielleicht lohnt es also doch Rudds neuem Album Nanna zu lauschen. Selbiges hat er mit einer Reihe großartiger Musiker aus allen Winkeln der Welt aufgenommen. Als Xavier Rudd & The United Nations kreieren sie einen von Reggae befeuerten, exzeptionellen Sound.

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Gutmensch, höchstpersönlich – Xavier Rudd

Xavier Rudd ist Gutmensch. Er engagiert sich für Umweltbelange, Menschenrechte und Multi-Kulti, in hiesigen Breiten wäre er ein eingefleischter grüner Spinner, der rein nichts verstanden hat und genau deshalb jedem aufgeklärten PEGIDA-Anhänger ein Dorn im Auge sein muss. Xavier Rudd glaubt an Menschlichkeit und Nachhaltigkeit, jene Grundsätze also, die die deutsche und österreichische Rechte mit Verachtung straft. Auch weil sie dem Irrglauben verfallen ist, dass es eine selektive Nächstenliebe geben könne. Doch wer Menschen helfen möchte, schert sich nicht um Herkunft oder Hautfarbe. Alles andere sind Ausreden. Rechte wiederholen gebetsmühlenartig, dass man doch den armen Österreichern oder Deutschen zunächst helfen müsse. Ich habe 10 Jahre ehrenamtlich in der kirchlich organisierten Obdachlosenhilfe gearbeitet, komisch nur, dass die dortigen Helfer ein eher linkes Gedankengut pflegen. Die strammen Rechten, die Vorrang für bedürftige Landsleute fordern, habe ich dort nie angetroffen. Doch zurück zu diesem außergewöhnlichen australischen Singer-Songwriter. Rudds musikalische Vision ist eine ungewöhnlich positive. Er gibt bei allem Zorn über vergangenes und gegenwärtiges Unrecht nie den Kassandrarufer, er ist vielmehr vom Glauben an Humanität ganz und gar durchdrungen. Seine Mischung aus Folk, Ethno-Klängen und Reggae vermag zu vereinen, nicht zu spalten. Schon sein letztes Album Spirit Bird von 2012 war der Vision einer besseren Zukunft verpflichtet, ich sprach damals von einem Traumpfad hin zur Natur. Für sein im März anstehendes neues Werk Nanna hat Rudd nun eine bunte Musikerschar zusammengetrommelt und dieses Projekt mutig als Xavier Rudd & The United Nations bezeichnet. Der Australier möchte mit seiner Musik einen weiteren Beitrag im Geist der Völkerverständigung leisten. Der diesmalige Fokus auf Reggae taucht die Platte in einen warmen Sound, speziell zu Beginn entwickelt sich so eine angenehme Entspanntheit, die im Verlauf dann Rudds Handlungsaufforderung hervorbringt. Ein Songtitel wie Come People ist keinesfalls eine abgehalfterte Hippie-Parole. Gutmensch, höchstpersönlich – Xavier Rudd weiterlesen

Unsere 10 Lieblingsalbencover des Jahres 2012

Die Kunst des Plattencovers sollte man wahrlich nicht gering schätzen. Im besten Falle erhebt sie eine sehr feine Platte in die Sphären kultischer Erinnerung, mitunter sogar in ein kollektives Gedächtnis. Sind nicht manch Cover der Rolling Stones besser als der musikalische Inhalt? Hat nicht erst das Cover von Nevermind die Welt weit stärker an Nirvana gebunden, mehr als jedes Lied der Band dies vermochte? Wer an die American Recordings eines Johnny Cash denkt, erinnert sich zugleich an die Abbildungen eines ausgewählten Charakterkopfes. Und spricht nicht auch das Cover von Homogenic tief aus Björks musikalischem Kosmos? Wir stellen bei unserer tagtäglichen Erkundungen oft mit Schaudern fest, dass viele Musiker den Wert eines Plattencovers als künstlerische Visitenkarte nicht begreifen. Schade, sehr schade! 10 schöne bis interessante Cover haben wir in diesem Jahr dennoch entdeckt und wollen diese Fundstücke gerne teilen.

Beste Albencover

thebandcalledoutformore1. Gabby Young & Other AnimalsThe Band Called Out For More

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50 Albumschmankerln 2012

Hier nun also der zweite Teil unserer Jahresbestenliste. 40 Alben und 10 EP haben wir als Empfehlungen ausgewählt. Wie schon für unsere 75 Lieblingstracks 2012 gilt auch in diesem Fall, dass diese Liste von Auslassungen lebt. Natürlich wären Get Well Soon oder auch Leonard Cohen heiße Anwärter auf einen Platz in dieser Aufzählung, wenn wir denn jenen Alben heuer mit der gebührenden Ausführlichkeit gelauscht hätten. Doch wenn uns der wöchentliche Veröffentlichungszirkus etwas anderes weismachen möchte, gute Alben werden nicht schnell ranzig. Können auch erst mit ein paar Jahren Verzögerung gefestschmaust werden. Ob ein Musikjahr also beweihräuchert werden darf, das entscheidet sich oft erst lange nach dessen Verstreichen. Das, was uns jedoch bereits jetzt nachdrücklich in Herz und Hirn haften geblieben ist, haben wir folglich hier zusammengetragen. Wir wünschen viel Vergnügen beim Durchstöbern!

Alben

Born To Die_ Lana Del Rey - CMS Source1. Lana Del ReyBorn To Die

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Unsere 75 Lieblingstracks 2012

Hier ist sie also nun, die Jahresbestenliste unser Lieblingssongs. Eine Momentaufnahme, zugegeben. Wenn wir am Ende des Jahres die persönlichen Favoriten Revue passieren lassen, dann stellen wir oft ganz verdutzt fest, welch zweifelslos prima Musik uns in jedem Jahr wieder durch die Lappen gegangen ist. Doch das Jahr hat eben nur 365 Tage, selbst wenn man jeden zweiten Tag ein neues Album für sich entdeckt, hat man gerade einmal 180 Alben gelauscht. Das ist nichts im Vergleich zur Fülle an Neuerscheinungen. Dazu kommen noch einzelne Tracks, die sich der geschäftige Blogger tagtäglich so anhört. Das ergibt in der Summe mindestens 3000 neue Tracks pro Jahr, gar nicht die gefühlten Millionen Tracks mitgerechnet, welchen man mit leidendem Augenaufschlag begegnet, die man bereits nach wenigen Sekunden auf Nimmerwiederhören verabschiedet. Von daher ist eine jede Bestenliste eines Blogs nur ein klitzekleiner Ausschnitt einer Gesamtwirklichkeit. Zugleich ist solch eine Zusammenstellung auch programmatisch zu verstehen, sie stellt den eigenen Geschmack zur Schau, grenzt sich ab. Wir machen nicht den Diener vor einer cleveren PR-Kampagne von Frank Ocean, finden Tame Impala schauerlich. Diese Liste will weder hip noch obskur und auch in keinster Weise vollständig sein. Sie soll unsere von Herzen kommenden Empfehlungen dieses Jahres nochmals unterstreichen. Mehr nicht.

Songliste2012

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Traumpfad hin zur Natur – Xavier Rudd

Die fortschreitende westliche Zivilisation zementiert ihre vermeintliche Modernität Tag für Tag stärker in unsere Gehirne. Archaische, über Jahrtausende tradierte Lebensweisen werden bei Naturvölkern im besten Fall als putzig empfunden. Doch infiltriert unsere Kultur früher oder später auch die wackersten Widerständler, werden im Lauf weniger Jahrzehnte die Rituale indigener Völker auf einen musealen Charakter zurechtgestutzt. Wenn in unseren Reihen Zivilisationskritik laut wird, manch Zeitgenosse sich ein Zurück zur Natur wünscht, packen wir ganz schnell die Esoterikkeule aus, erklären den Träumer für wirr, ohne alle Tassen im Schrank. Welch Hybris unserer Lebensweise. Der australische Singer-Songwriter Xavier Rudd hat wohl auch aufgrund seiner Attitüde einen schweren Stand. Seine Verbundenheit mit den Aborigines, sein Eintreten für eine intakte Natur, das Verfechten einer neuen Geisteshaltung, all das perlt an der iPod-gestählten, durch virtuelle Welten preschenden Generation ab. Unser Wille zum Konsum, der überbordende Individualismus und die groteskerweise damit einhergehende Konformität, solch Attitüde muss die Werke eines Xavier Rudd zwangsläufig belächeln. Seine neue Platte Spirit Bird ist freilich nicht auf brüchiger Naivität gebaut, sie wirkt als ein der Dekadenz entgegentretendes Album.

Spirit Bird flicht seine Botschaften in die folkigen Passagen, kontrastiert sie mit hypnotisch-rituellen Didgeridoo-Elementen. Die dadurch erzeugte Spannung verhindert, dass das Album unter der Last seiner Aussage ächzt und kracht. Lioness Eye gibt als von Percussion befeuerter, wunderbar beschwörerischer Eröffnungstrack die Richtung vor, ehe Comfortable In My Skin die eigene Befindlichkeit hoffnungsfroh beurteilt, voll Zuversicht vergangenes Leiden abschüttelt. Mit diesem Tatendrang bewaffnet wagt sich Rudd an den Titeltrack Spirit Bird. Es ist diese zarte, sich im Verlauf zur Protesthymne wandelnde Ballade, die zu den kraftvollsten Klängen dieses Jahres zählt. Es tönt pure Rage, welche sich in Zeilen wie „I know it’s been thousands of years and I feel your hurt and I know it’s wrong/ And you feel you’ve been chained and broken and burned/ And those beautiful old people, those wise old souls have been ground down for far too long/ By that spineless men, that greedy men, that heartless men, deceiving men/ That government hand taking blood and land“ äußert. Es ist die Aufarbeitung australischer Geschichte,  Aufschrei gegen Unrecht, gegen die Zivilisation mit ihren angeblichen Errungenschaften. „Your dreaming and your warrior spirit lives on/ And it is so so so strong in the earth, in the trees, in the rocks, in the water, in your blood and in the air we breath“ durchdringt eine mit jeder Faser spürbare Gewissheit, dass die Zivilisation die ewigen Bande des Menschen zur Natur nicht zu kappen vermag. Nach Spirit Bird gibt es eine kurze Verschnaufstrance, ehe mit Follow The Sun ein zweites großes, diesmal meditatives Glanzlicht folgt. Hier skizziert Rudd die Mär vom in sich gefestigten Leben. Von einem Einklang mit den Elementen und einem unverbrüchlichen, tröstlichen Optimismus („Tomorrow is a new day for everyone/ Brand new moon, brand new sun„). Eine Gitarre, ein wenig Unterstützung vom Drumcomputer und die kleine Prise Mundharmonika, mehr braucht der Song nicht. Im Grunde hat das Album nach diesem Song bereits alle Weisheit aufgefächert. Alles nun firmiert als Zugabe. Mit Culture Bleeding wird nochmals Riten rhythmisch nachgespürt. Auch das beim ersten Hördurchlauf trotz seiner 10 Minuten eher unauffällige Full Circle gewinnt mit jedem Mal an Zauber. Vielleicht weil es die ruhige Kraft Rudds ebenso verdeutlicht wie die Dynamik, zu welcher er befähigt scheint. Beim wieder stark in Ethno-Klängen verhafteten 3 Roads wird das Didgeridoo perfekt in Szene gesetzt. Es ist einmal mehr beschwörerisch, zunächst archaisch, ehe sich 3 Roads mit Fortdauer gen Techno bewegt. Eigentlich schließt sich mit diesem Track der Kreis, und doch folgt mit Creating A Dream der eigentliche Schlusspunkt. Der Singer-Songwriter bewegt sich in stimmlich lichte Höhen, bekräftigt seine Utopie einer besseren Welt. Hier und nur hier gehen die Pferde mit Xavier Rudd durch. Wird die rosarote Brille zu sehr bemüht. Doch will man ihm dies in Anbetracht eines überwältigenden Albums gern verzeihen. Vielleicht sogar ebenfalls zu jener Brille greifen.

Xavier Rudds Traumpfad hin zur Natur unterwirft sich kaum Romantizismen. Er ist vielmehr vom Respekt vor der Umwelt und vor allem vor der Zeit geprägt. Denn Spirit Bird sieht im Hier und Jetzt nicht der Weisheit Krönung. Es fußt auf der festen Überzeugung, dass unsere Modernität von Entfremdung geprägt ist. Dieser tritt Xavier Rudd entgegen. Das macht diese Platte unabdingbar, zugleich auch gallige Kost für die hippen Apostel der Gegenwart. Gut so!

Spirit Bird ist am 29.06.2012 auf SideOneDummy Records erschienen.

Konzerttermine:

25.07.2012 Wien (AT) – Arena
28.07.2012 Großefehn – Omas Teich Festival
30.07.2012 München – Circus Krone
31.07.2012 Berlin – Postbahnhof
01.08.2012 Hamburg – Große Freiheit

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Offizielle Homepage

Xavier Rudd auf Facebook

SomeVapourTrails

Release Gestöber 25 (Hannah Cohen, Fang Island, Cold Specks, Xavier Rudd)

Wer sich durch Kochsendungen zappt, frisst sich den Eindruck an, dass ein aufregendes Essen nicht ohne exotische oder kostspielige Zutat fabrizierbar sei. Sogar ein simples Spaghetti-Gericht muss mindestens mit zweierlei Arten Hartkäse veredelt werden. Und ein Chutney sollte wenigstens eine Sorte Gemüse oder Früchte beinhalten, von der schlemmende Laie noch nie zuvor gehört hat. Das gebietet der Ehrenkodex eines jeden Starkochs. Auch in musikalischen Belangen wird uns oft Kreativität vorgegaukelt, hinter der sich letztlich doch nur die altbekannten zuckrig, buttrigen Geschmackträger verbergen. Die heute vorgestellten Künstler kochen auch nur mit Wasser, aber das was sie uns ganz ohne exaltiertes Gehabe kredenzen, das klingt in des Hörers Gaumen mal mehr und mal weniger intensiv nach.

Hannah Cohen

Ich weiß ja nicht, ob Elfen Eier legen, aber dies Werk klingt derart, als wäre es tatsächlich von einer Elfe ausgebrütet worden. Von einem Sagengeist mit sehr irdischem Emotionshaushalt freilich. Was uns Hannah Cohen mit ihren Debüt Child Bride so ins Ohr trällert, schimmert unwirklich, zumindest aber fragil. Diese Stimme kann fast kein Wässerchen trüben, sie erzählt uns keine Märchen, streckt und reckt den Bauchnabel zur Schau entgegen. Und so schlurft unser Blick auf eines dieser ab und an verhuschten, gern intimen Singer-Songwriter-Alben, welches im Abgang überraschend viel Substanz aufweist. Der jazzige Touch dieses Werks sorgt für eine aller Drögheit entgegenstehenden Note. Don’t Say wirkt wie eine der Balladen, die eine unnervenbündelige Fiona Apple zu ihrer besten Zeiten fabriziert hätte. Auch The Simplest schlägt in eine ähnliche Kerbe. Den Liedern tut eine Instrumentierung gut, die trotz dezenten Auftretens mehr zu bieten hat als Gitarre oder Piano. Mit California erfährt die Platte einen charmanten Höhepunkt, es bietet einen mit leichter Hand verstreuten Zauber, einen Sound, wie er in zeitlosem Liebreiz vor allem in New York gedeiht. Nicht minder gelungen: The Crying Game in seiner getragenen Traurigkeit. Cohen lässt Gefühle tröpfeln, sprudelt nie gleich einem Wasserfall los. Das ist löblich, überaus sympathisch und anmutig. Child Bride entzückt als sehr ansprechendes Erstlingswerk!

Child Bride ist am 20.04.2012 auf Bella Union/ Cooperative Music erschienen.

Fang Island

Das gleichnamige Debüt der Volldampfrocker Fang Island hat mir 2010 einfach nur imponiert. Eine intelligent krawallige Musik, zu der man in einem Anfall von Übermut bierdosenschwenkend loshüpfen möchte. Es lebe der Gitarrenlärm, sage ich da nur. Für Juli darf ich mich nun auf das bei Sargent House erscheinende Nachfolgealbum Major freuen. Geht es nach dem ersten Vorgeschmack Asunder, sind die aufgedrehten Herren von der Ostküste fetzigem Gitarrenbombast abermals nicht abgeneigt. Klasse, absolute Klasse! (Asunder ist als Gratis-Mp3 auf Stereogum verfügbar!)

Cold Specks

Schmirgelpapier ist nicht gleich Schmirgelpapier. Im Falle der Singer-Songwriterin Al Spx, die unter dem Namen Cold Specks firmiert, präsentiert sich die soulige Stimme feinkörnig schmirgelnd. Die aus Kanada stammende und nun in London lebende Sängerin legt dieser Tage ihr Debüt I Predict A Graceful Expulsion vor. Und das ist mit Verlaub mehr Talentprobe als ganz großer Wurf. Wie Cold Specks ihre Stimme zügelt, auf die rauen, leisen Töne setzt, dies darf man als den großen Pluspunkt werten. Sie könnte sich die Seele aus dem Leib grölen, das stimmliche Potential steht außer Frage, doch tut sie es nicht. Gut so! Zugleich sind die Lieder aber aus der Art Holz geschnitzt, dass sie mehrheitlich arg kalmierende Wirkung versprühen. Die Chose erinnert an eine schale Akustik-Session, welcher der letzte Pfiff fehlt. Nur selten nimmt die Platte ein wenig Fahrt auf, beispielsweise bei Blank Maps, dann jedoch bleibt die Wirkung nicht aus. Cold Specks hat die Bürde einer vortrefflichen, charaktervollen Stimme, doch sogar diese braucht einen lebendigen Sound. Die Sorte bedächtiger Musik, die nicht einmal auf einem Friedhof als Ruhestörung durchgehen würde, ist im konkreten Fall ein schlechter Begleiter. Manch Gospel-Nummer versprüht den Elan von Krückstöcken (Lay Me Down), andere Tracks wie Elephant Head leiden unter einer arg dünnen Gitarrenbegleitung. Wesentlich intensiver fällt Winter Solstice oder das großartig lamentierende Heavy Hands aus, Schlagzeug und Streicher sei Dank. Insgesamt überwiegt die Freude über diese schöne Stimme, drängt Mängel in den Hintergrund. Von Cold Specks wird man fraglos noch viel hören, Kritiker werden sie lieben. Die eine oder andere Liebeserklärung muss zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch als Vorschußlorbeer gelten. (Den Titel Holland gibt es auf SoundCloud zum kostenlosen Download.)

I Predict A Graceful Expulsion ist am 18.05.2012 auf Mute erschienen.

Xavier Rudd

Seien wir mal ehrlich, Öko-Bewusstsein und spirituelle Pfade der Sinnsuche sind völlig aus der Mode. Man muss sich Träumer schimpfen lassen, wird vielleicht gar als Verweigerer digitaler Wirklichkeiten abgestempelt. Der australische Singer-Songwriter Xavier Rudd hält die Tradition des engagierten Liedermachers hoch, fährt schwerere Geschütze auf, transportiert Anliegen, verstrickt sich nicht nur in Liebeswirrungen. Sein neuestes Werk Spirit Bird pocht Ende Juni an die Pforte des geneigten Musikhörers. Man mag Rudd dafür belächeln, dass er seine Platten mit Ethno-Touch versieht, man mag ihn als gutmenschelnden, keine Hipness versprühenden Musiker bezeichnen, aber man muss schon ein hartes Herz oder Chartssoße in den Ohren haben, um den Zauber in seinem Schaffen nicht zu erahnen. Der Track Follow The Sun entwirft mit Zeilen wie „Tomorrow’s a new day for everyone/ A brand new moon, a brand new sun“ eine Hoffnung, an die man sich klammern möchte.

Spirit Bird erscheint am 29.06.2012 auf SideOneDummy Records.

Das soll es für heute auch wieder gewesen. Wie immer: Viel Vergnügen!

SomeVapourTrails

Release-Gestöber 2

Heute wollen wir mal wieder kurz und bündig auf die aktuellen Sahnehäubchen unter den Veröffentlichung hinweisen und dieses Urteil gleich mit Clips und Streams untermauern.

Das am 16. April erscheinende Doppel-Album Leave Your Sleep verdeutlicht, dass Natalie Merchant trotz allzu langer Pause nichts von ihrer Intensität eingebüßt hat. Auch wenn mir momentan die Zeit fehlt, mich diesem Werk eingehender zu widmen, komme ich um eine saftige Empfehlung doch nicht umhin. Eine Kostprobe sollte eine etwaige Frage nach dem Warum klären:

Merchant kommt im Rahmen ihrer Tour im Mai auch nach Deutschland.

12.05.10 Köln – Kulturkirche
14.05.10 Hamburg – Uebel & Gefährlich
15.05.10 Berlin – Admiralspalast (Studio)
17.05.10 München – Freiheizhalle
18.05.10 Zürich (CH) – X-TRA

Ich habe mich ja bereits sehr positiv über Nice Nice und das am 09. April veröffentlichte Extra Wow geäußert. Ich will nicht müde werden, die Qualitäten dieses Duos, das wirklich haarscharf zwischen Trash und Ernsthaftigkeit wandelt, zu preisen. Auch wenn der Clip dem Schund huldigt und der Song nicht zu den Highlights des Albums gehört, rate ich dazu, der Scheibe eine Chance zu geben, auch bei Nicht-Gefallen des Videos.

White Hinterland veröffentlichen am 16. April auch in hiesigen Breiten ihre durch und durch anregende Platte Kairos. Dazu werden wir in Kürze einige Worte verlieren, doch vorerst fängt das Video zu Amsterdam den Geist des Werks hervorragend ein, da braucht es keine großen Lobreden.

Wem dieser Vorgeschmack nicht genügt, der sei auf kostenlose Downloads der Songs No Logic und Icarus auf der Label-Seite von Dead Oceans verwiesen.

Xavier Rudd bringt ebenfalls diesen Freitag gemeinsam mit Izintaba die Platte Koonyum Sun raus. Vor allem der über seine Homepage nach kostenloser Registrierung erhältliche Song Love Comes And Goes ist eine edle Singer-Songwriter-Ballade. Und Time To Smile mit offensichtlichem World-Music-Touch und Wohlfühl-Attitüde wirkt Wunder.

Eine verdiente Werkschau einer der unterschätztesten britischen Band, die konsequent ihren Weg ging und sich ein Liebhaber-Publikum erspielte, der jedoch meistens die große Bühne verwehrt blieb, findet sich auf The Places Between: The Best of Doves. Die Doves haben zu Ehren dieser Veröffentlichung auch das neue Lied Andalucia samt Video im Gepäck. Seit 02. April im Handel!

Über die neue Scheibe der Dum Dum Girls hat die werte Co-Bloggerin DifferentStars ja schon Klartext fabuliert. Nun wollen wir euch das Video zum Song Jail La La nicht vorenthalten. Der Longplayer I Will Be ist seit 03. April erhältlich.

Wen Jail La La nun zu Begeisterung hinreißt, dem sei ins Ohr geflüstert, dass es den Track auf der Label-Seite von Sub Pop Records gratis als Download gibt.

Wir wünschen viel Vergnügen mit unseren Empfehlungen!

SomeVapourTrails